Hanami - Mattis Paul Ackner - E-Book

Hanami E-Book

Mattis Paul Ackner

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein tief in der japanischen Kultur verankerter Brauch ist das Hanami, bei dem man im Frühling zusammenkommt, um der Blüte der Sakura beizuwohnen. Wenn aus der Pandemie etwas Gutes entstanden ist, dann die Gelegenheit, dem eigenen Leben ein solches Fest zu widmen: zurückzublicken auf alles, was einen hat aufblühen oder verwelken lassen. Die Erzählungen in diesem Buch handeln von diesen Momenten – erste Begegnungen, Abenteuer und endlos anmutende Sommernächte. Wie die Blüte der Sakura sind sie vergänglich und doch wiederkehrend. Mara Said verliert einen Freund bei einem Anschlag. Trost findet er in Mara, die sich als personifizierte Depression entpuppt. Der Versuch, sich von ihr zu lösen, wird ein kräftezehrender Kampf. Mit weißen Walen schwimmen Francesca verliebt sich in Noemi. Als diese ihre Gefühle nicht erwidert, ringt Francesca mit sich selbst. What to do in Montauk Ellas letzte Tage eines Sommers auf Long Island – über Lieblingsorte, Sonnenaufgänge und warum man sie nicht mitnehmen kann. Macchia Zwei Brüder kehren nach Elba zurück, um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen und über ihre Kindheit zu sprechen. Unruh Der pedantische Jack verfällt einer Frau auf einem Plakat. Als es verschwindet, gerät er aus dem Takt. Grünes Licht Ein Fiebertraum führt einen Mann zurück zu jener winterlichen Nacht, in der er seine Frau traf. Köyliönjarvi Fünf Freunde fahren durch die finnische Nacht. Zigaretten, Fast Food, Nacktbaden – und der Start ins letzte Schuljahr. Ludovico e Tagore Ein Pianist verliert die Fähigkeit, schöne Töne zu spielen. Der Besuch seines Sohnes löst Erinnerungen und einen Bann. Wenn das Meer wieder aufmacht Eloise kehrt an den Strand zurück, an dem sie mit ihrem verstorbenen Ehemann ihre erste Zigarette rauchte. Das Gewicht der Welt Der Zyklus einer Winterdepression: ein einsames Haus, ungebetene Gäste und ein rettendes Gedicht. Die Süße der Aprikosen Ein Feuer wütet in den Hollywood Hills, doch Theodore bleibt liegen und isst Aprikosen. Über Realitätsverleugnung und ihre Risiken. Forever Young Sam vermisst seinen verstorbenen Freund, spricht täglich mit dessen Bild und stößt auf seinen Geburtstag an. Buchstabensuppe In der Einsamkeit Lapplands wird der Hunger auf Geschichten größer als der auf Essen. Efraim kocht sich eine Erzählung. Nur noch Amerika Liam meint, Reisen müsse anstrengend sein, damit Ankommen seinen vollen Geschmack entfaltet. Eine Wanderung von Limerick bis an Irlands westlichen Punkt. Unter Apfelbäumen Eine Parabel über das Sterben, die Wege des Lebens und den Glauben an ein Wiedersehen. Kintsugi Ein Fremder besucht ein trauerndes Dorf und spricht über Lichtblicke im Zerbrechen. Nuits d’été Arlo erklärt, warum er Emilia selbst im Streit liebt und wie selbst ihre Schwächen sein Leben ausgleichen. Perth Ein Rendezvous in einem alten Golf. Danach fühlt Ennis sich einsamer und lässt seine Gedanken kreisen. Die Kugelrobinie Jasper bricht den Stubenarrest, um Clara zu küssen – über Jugendlieben und Trotz. Landungsbrücken Von den Parallelen zwischen einem Therapiezimmer und den Landungsbrücken und dem Mut, sie zu durchschreiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mattis Paul Ackner

Hanami

Erzählungen

© 2023 Mattis Paul Ackner

1. Auflage

Umschlaggestaltung: Mattis Paul Ackner

Lektorat: Peter Wagner und Rainer Wenzel

Layout und Satz: Mattis Paul Ackner

ISBN Hardcover: 978-3-347-94365-0

ISBN E-Book: 978-3-347-94366-7

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

mattispaulackner.com

 

Mattis Paul Ackner           Hanami

Für Alex & Alina

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

EIN KURZES VORWORT

MARA

MIT WEISSEN WALEN SCHWIMMEN

WHAT TO DO IN MONTAUK

MACCHIA

UNRUH

GRÜNES LICHT

KÖYLIÖNJARVI

LUDOVICO E TAGORE

WENN DAS MEER WIEDER AUFMACHT

DAS GEWICHT DER WELT

DIE SÜSSE DER APRIKOSEN

FOREVER YOUNG

BUCHSTABENSUPPE

NUR NOCH AMERIKA

UNTER APFELBÄUMEN

KINTSUGI

NUITS D’ÉTÉ

PERTH

DIE KUGELROBINIE

LANDUNGSBRÜCKEN

Hanami

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

MARA

LANDUNGSBRÜCKEN

Hanami

Cover

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

EIN KURZES VORWORT

 

Ein tief in der japanischen Kultur verankerter Brauch ist das Hanami-Fest, bei dem man jedes Jahr im Frühling mit Freunden und Familie in Parks oder an Flüssen zusammenkommt, um gemeinsam der Blütezeit der japanischen Kirschblüte (Sakura) beizuwohnen.

Wenn aus der Pandemie etwas Gutes entsprungen ist, dann war es die Gelegenheit, dem eigenen Leben ebenfalls ein kleines Hanami-Fest zu widmen. Zurückzublicken auf das, was einem selbst zur Blüte verholfen hat und vielleicht auch, was einen bisweilen hat verwelken lassen.

Die Erzählungen in diesem Buch handeln von eben diesen Zeiten. Erste Begegnungen, große Abenteuer und endlose anmutende Sommernächte. Genau wie die Blüte der Sakura sind sie alle gleichermaßen vergänglich – und doch immer wiederkehrend.

Auf das, was Blüte war, Blüte ist, und Blüte sein wird.

What To Expect / Mara

Ein Anschlag in Kabul, afghanische Beerdigungsrituale, ein zurückgelassener Freund. Mara, das buddhistische Prinzip des Todes und des Unheils als menschgewordene Begegnung.

Zuflucht, Ausbruch und Depressionen.

 

MARA

~

Die Beerdigung hatte noch im Morgengrauen stattgefunden.

In den Sommermonaten waren die Stunden rar, in denen die Stadt nicht unter der altbekannten Hitze ächzte und wer konnte, verlegte das Nötigste in die Stunden von Dämmerung und Dunkelheit.

Auf dem Friedhof am Fuße der alten Zitadelle hatte noch Stille geherrscht, nur hie und da hatte ein Vögelchen sein Lied angestimmt, und wenn ein Windhauch über die Ebene gegangen war, hatten die trockenen Blätter der spärlich gepflanzten Eschen friedlich geraschelt.

Durch die Szenerie hatte sich bald eine Gruppe von schwarz gekleideten Trauernden ihren Weg durch den sanft knirschenden Sand gebahnt. Mit gesenkten Köpfen waren sie einem Imam gefolgt, der die angedeuteten Pfade zwischen den Grabhügeln etwas besser zu finden verstand als die anderen.

Zumindest gab er sich so; wenn diesem Friedhof jemals eine erkennbare Ordnung innegewohnt hatte, dann vor derart langer Zeit, dass ihre letzten Zeugen längst selbst zu seinen Bewohnern geworden waren.

Heute wurde gegraben, wo sich eben noch Platz fand.

Der Tod als Geschäft wuchs bedeutend schneller als die Erde und der im Land regierende Terror als sein Handlanger kannte ohnehin keine Ordnung und wenn doch, dann duldete er sie nicht.

Nachdem der helle Holzsarg von vier Männern bedächtig neben dem frisch ausgehobenen Grab niedergelegt worden war, hatte der Geistliche schließlich seine Predigt begonnen. Kein Vögelchen hatte noch gezwitschert, kein Wind war mehr durch die Bäume gefahren. Alles, was noch klang, war die brummende, rauchige Stimme des Imams gewesen, die über das Gelände dröhnte.

Er sprach über den jungen Menschen, der da im Sarg zu seinen Füßen seine letzte Ruhe finden sollte. Sprach über sein Leben, das viel zu kurz gewesen war und die Zeit, die nun folgen und viel zu lang sein würde. Sprach darüber, wie sie ihn der Erde übergeben würden, die so viel toleranter als die Menschen war, keinen Unterschied machte zwischen dem Opfer und dem Mörder, dem Reichen und dem Armen, dem Fremden und dem Einheimischen.

Die Erde, alles bereitwillig aufnehmend, weil alles auch einst ihr entsprungen.

Murda Shuis1 hießen jene, die die Toten auf ihren letzten Metern begleiteten, die sie wuschen und ihre sterblichen Überreste schließlich in den Stoff wickelten, der sie zumindest für eine Weile noch vom Erdreich trennen würde.

Zwanzig Meter bei jedem Mann, vierundzwanzig bei jeder Frau.

Der junge Mann jedoch, der an diesem Morgen zu Füßen des Imams aufgebahrt dalag, hatte keinen Stoff bekommen, keinen einzigen Meter.

Blutverschmiert und noch in den Klamotten, die er im Moment seines Ablebens am Körper getragen hatte, hatten sie Amar in die Kiste von Holz gelegt, ungewaschen und mit Straßenstaub in den buschigen Augenbrauen. Nicht, weil sie ihn nicht geehrt wissen wollten; im Gegenteil.

Wenn wer, so wie Amar, gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde, dann wurde aus ihm hierzulande kein gewöhnlicher Toter, sondern ein Märtyrer. Und weil nichts reiner war als das Blut eines solchen, ließ man ihre Körper unberührt; damit sie auf dem nächsten Abschnitt ihrer Reise auch in ihrer Besonderheit erkannt werden würden.

An dem Freitag, der Amar vorzeitig das letzte Korn aus seiner Sanduhr geraubt hatte, hatte emsiges Treiben in der Innenstadt von Kabul geherrscht.

Die Luft hatte wie der Verkehr in den Straßen gestanden, stickig und heiß und bloß schwer zu ertragen. Die meisten hatten sich auf dem Nachhauseweg vom wöchentlichen Freitagsgebet befunden, noch vertieft in die Verse des Korans oder in Gedanken bereits bei den letzten Besorgungen für das anstehende Wochenende.

Yaum al-jum’a, der Tag der Zusammenkunft, war in jeder Woche Amars Lieblingstag gewesen.

Nachmittags das gemeinsame Gebet mit Said, seinem besten Freund aus frühester Kindheit, und am Abend der Besuch bei seiner großen Schwester und seinen beiden aufgeweckten Neffen bei gutem Essen und Gesprächen – oft bis tief in die Nacht.

Amar hatte gerade den Obstladen am Eck verlassen und sich mit einem Beutel Früchten in der Hand in Richtung der Wohnung seiner Schwester ein paar Blöcke weiter aufgemacht, als ein Lastwagen auf die ohnehin schon überfüllte Kreuzung hinter ihm eingebogen war. Ein paar Meter war er noch gefahren, hatte dann eine schwarze Rußwolke aus den himmelwärts gerichteten Auspuffrohren gestoßen und war zum Ärger der anderen Verkehrsteilnehmer unvermittelt zum Stehen gekommen.

Die Farbe an seinen Seiten war abgeblättert, die Kotflügel rostig, die Stoßstange nur noch mit einem notdürftig angebrachten Seil an der Karosserie befestigt und manch einer hatte vielleicht geglaubt, dass dem Wagen schlichtweg zum ungünstigsten Zeitpunkt der Motor versagt hatte.

Als der Fahrer jedoch auch nach einigen Augenblicken des Stillstands keine Anstalten gemacht hatte, seinen Führerstand zu verlassen, war bald ein ungehalten gellendes Hupkonzert herangewachsen.

Aus hastig heruntergekurbelten Autofenstern hatten sie in seine Richtung gefuchtelt und wüst geschimpft, doch den Fahrer hatte all das schon nicht mehr gekümmert.

Zu beschäftigt war er damit gewesen, ein letztes Gebet in seine Handflächen vor ihm zu murmeln und schließlich die Augen zu schließen – und alles um ihn herum in pechschwarze Dunkelheit zu hüllen.

Für Sekundenbruchteile war diesem Ort jegliches Licht entzogen worden und vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es nie an ihn zurückgekehrt wäre.

Dort, wo gerade noch eine Kreuzung gewesen war, hatte bloß noch ein Krater geklafft, so tief, dass man gut meinen konnte, an seinem Ende wäre die Hölle zu sehen gewesen.

Dunkler Rauch hatte sich rasch in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet und sich stumm und schwer über das Verderben gelegt. Das Blut hatte in den Straßen gestanden, zwischen zerborstenem Schaufensterglas, Trümmerteilen und lichterloh brennenden Autowracks. Überall hatten die zerfetzten Überreste unzähliger Menschen verstreut gelegen, bis zur Unkenntlichkeit und darüber hinaus entstellt.

Der beißende Gestank von verbranntem Gummi und Fleisch war all jenen in die Nasen gezogen, die noch hatten atmen können und die anfänglich gespenstische Stille war bald von den schmerzerfüllten Schreien derer zerrissen worden, die noch um ihr Leben gekämpft hatten.

Amar hatte da schon nicht mehr zu ihnen gehört.

Zwar hatten zwischen ihm und dem Obstladen schon gut fünfundzwanzig Meter gelegen, als der bis zum Rand mit Sprengstoff beladenen Laster explodiert war. Amar war auch nicht wie so viele andere regelrecht auseinandergerissen worden. Doch die Druckwelle der Explosion hatte jedes noch so kleine Einzelteil der Karosserien in heimtückische Geschosse verwandelt und mit dem Rücken zum Geschehen hatte er nicht kommen sehen, was sein Ende werden sollte.

Beim Eintreffen der ersten Rettungskräfte hatte er schon starr mit dem Gesicht nach unten auf dem Bordstein gelegen, mit einem Beutel Früchten in der Hand und einem verkohlten Stück Stahl, das kerzengerade aus seinem blutüberströmten Unterleib geragt hatte.

Die Sonne war bald hinter den schneebedeckten Gipfeln des Hindukusch emporgestiegen, ohne von der Frische des Morgens etwas übrig zu lassen. Nach der Predigt des Imams hatte sich der kleine Kreis aus Freunden und Familie schnell auf dem riesigen Gelände verlaufen, war anderen Verpflichtungen nachgegangen oder hatte den Heimweg angetreten.

Bloß einer war noch regungslos im Schneidersitz hockend unter dem löchrigen Schatten einer einzelnen Esche zurückgeblieben. Manchmal hatte sich sein Blick dann für einen Moment an einen der Vögel gehaftet, die beneidenswert schwerelos und frei am azurblauen Himmel vorbeizogen. Die meiste Zeit waren seine Augen jedoch bloß starr auf den ihm gegenüberliegenden Grabstein gerichtet.

Said hatte sich gerade wieder mit dem Ärmel seiner schwarzen Kurta die Schweißperlen von der Stirn gewischt, als hinter ihm abermals die Stimme des Predigers erklungen war.

Er musste nicht sehen, wer die anderen Menschen waren, zu denen der Imam nun sprach, musste nicht in die verzweifelten Gesichter blicken, nicht wissen, wen sie verloren hatten. Es wäre einem Blick in den Spiegel gleichgekommen, er trug all das in sich selbst.

Diesen stumpfen Schmerz, diese Ungläubigkeit.

Es war egal, dass der Tod in dieser Stadt ein alteingesessener Nachbar war, den man nahezu täglich zu Gesicht bekam. Es war egal, weil auch das keine zufriedenstellende Erklärung für den durchlöcherten Sandplatz abgab, in dessen Mitte Said saß.

Keine Erklärung, wie man in der einen Stunde noch den besten Freund in Fleisch und Blut an seiner Seite wissen konnte, umgeben sein konnte von seiner Art, seinem Gelächter und all den schönen Worten, die er stets gesprochen hatte.

Nur, um in der nächsten unter sengender Hitze im Dreck zu sitzen, mit nichts als einem schweigsamen Stein als Gegenüber. Ein Stein, der am Vortag von irgendeinem Fremden lieblos in Form geschlagen worden war und nicht einmal der Erde würdig war, auf der er nun gleichermaßen verhöhnend und nichtssagend thronte.

Von dem Menschen, der einige Fuß tief unter ihm lag, ganz zu schweigen.

Said war dabei gewesen, als sie das Grab ausgemessen hatten; einhundertundsiebzehn Zentimeter waren es, die ihn und Amar von nun an trennten. Gräber wurden hier traditionell nicht in einer allgemeingültigen Tiefe gegraben, sondern waren in ihren Maßen von den Körpern der Toten abhängig.

Männer bekamen ein Grab tief wie die Entfernung zwischen ihrer Ferse und dem Bauchnabel, bei Frauen galt die Strecke zwischen Ferse und Brust. Und auch wenn Amar zeitlebens eine beinahe hünenhafte Erscheinung gewesen war, so hatte er doch nie Höhen erreicht, die das Gefühl von Entfernung hätten rechtfertigen können, das seit einigen Tagen schon an Saids Innerstem zerrte.

So tief konnten sie ihn überhaupt nicht vergraben haben.

Die Sonne hatte sich bereits in ihren Zenit gehoben, die Mauern der Zitadelle flach gestreift und war hinter ihnen hinabgesunken, doch Said hatte sich keinen weiteren Zentimeter gerührt.

Für nichts auf der Welt würde er sich rühren, das hatte er sich zu jeder neuen Stunde still geschworen, würde für nichts auf der Welt seinen besten Freund in dieser unwirtlichen Umgebung zurücklassen.

Von nichts umgeben als Erde, Eschen und Leichen.

Und was, wenn er sich rühren und nie wieder den Weg zurück an dieses eine Grab finden würde? So viele Steine konnte er nicht tragen, um sich den Pfad bis zum Ausgang zu markieren.

Eines Märtyrers würdig war Amars Grab zwar mit einem roten Fähnchen geschmückt worden, doch wenn Said umherblickte, dann fand er sich in einem Meer aus roten Fähnchen wieder, soweit das Auge reichte. Alle tänzelten sanft im Wind und keines war von den anderen zu unterscheiden gewesen.

Es musste schon nach Mitternacht gewesen sein, als Said die Kälte, die im Rücken der Dämmerung hereingekrochen war, nicht mehr aushalten konnte. Am Ende würde er selbst noch an Ort und Stelle erfrieren und dann hätten sie ihn auch vergraben müssen, ohne rotes Fähnchen.

Einfacher zu finden wäre das sicherlich gewesen, hatte er in sich hinein gedacht, während er den Sand aus den Sitzfalten seiner Kurta geklopft und seine eingeschlafenen Beine wachgeschüttelt hatte.

Einem letzten, wehmütigen Blick auf Amars Grab folgend hatte er noch die Koranverse gemurmelt, die er bei seinem letzten Freitagsgebet an der Seite seines Freundes gesprochen hatte.

Mit einem tiefen Seufzer war er schließlich aufgebrochen und hatte den Friedhof sich selbst und der Dunkelheit überlassen.

Als er nach einstündigem Fußmarsch in seiner kleinen Wohnung im obersten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes am Rande der Altstadt angekommen war, hatte er sich nicht mehr die Mühe gemacht, sich zu entkleiden oder gar zu waschen.

Mit seinen verschwitzten Klamotten noch am Leib und den Schuhen voller Sand war er an Ort und Stelle in sein Bett gesunken und in einen unruhigen Schlaf gefallen.

In den Folgetagen, der Blindheit seiner immer tiefer wuchernden Trauer geschuldet, entging es Said, dass in seinem Wohnblock ein Neuankömmling in Form einer bildhübschen jungen Frau erschienen war.

Dann und wann liefen sie sich im Hof über den Weg – dann lächelte die Neue und Said starrte gedankenverloren geradezu durch sie hindurch, als hätte er durch das Blau in ihren Augen direkt in den Himmel über ihr blicken können.

An einem Abend dann, Said hatte ihr Lächeln abermals einige Meter unerwidert hinter sich gelassen, sprach sie drei erste Worte in den sonst ruhigen Innenhof.

»Ich bin Mara.«

Es hatte erst ihren Namen gebraucht, um Said in seinem Trott zumindest so weit zu unterbrechen, dass er sich zu ihr umkehrte und nach einigem Zögern ihr den seinen zurückgab.

»Said.«

Dann hatte er sich auf den Fersen umgedreht und war im nächsten Treppenhaus hinauf in seine Wohnung entschwunden.

Doch die Hofbegegnungen ließen nicht ab und aus ersten Worten wurden erste Sätze, wurden erste Unterhaltungen und Verabredungen. Immer öfter gingen beide in den versandeten Parks der Innenstadt spazieren, gingen in Cafés ein und aus, suchten sogar Amars Grab auf und kamen sich an einem seltenen Regentag in einer verlassenen Lagerhalle am Stadtrand allmählich näher.

Aus ersten sanften Berührungen wurde Händchenhalten, aus gegenseitigem in die Augen blicken wuchsen zarte Lippenberührungen heran und aus ihnen hungrige, wilde Küsse, deren Geschmack noch stundenlang im Mund blieb.

Als der Herbst an die Tür klopfte, reichten die Berührungen ihrer Lippen schon lange nicht mehr aus. Stattdessen verbrachten sie die Nächte wach in Saids wackeligem Bett und wälzten sich darin, als würden sie an einer unheilbaren Schlafkrankheit leiden. Sie lernten jede Hebung und Vertiefung ihrer verschwitzten Körper kennen, bis beide nach Atem ringend zwischen den Decken lagen, die Haare zerzaust und die Kleider im ganzen Zimmer verstreut.

Wann immer Mara danach mit ihrem vor Erschöpfung schweren Kopf auf seiner Brust lag, schien es Said, als würde all der Schmerz aus ihm herausgedrückt werden. Als wäre der von Amar hinterlassene Graben nicht mehr derartig klaffend, wie es ihm in den ersten Wochen noch vorgekommen war.