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Das Jahr, in dem der deutsche Ausstieg vom Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen wurde, der Euro gerettet werden sollte und Nordafrika sich umkrempelte. Aufgefordert dazu, ein Tagebuch zu schreiben, notierte Patricia Görg wöchentlich die hereinflutenden Medialitäten und ergänzte sie um Erlebnisse mit Künsten und Wissenschaften sowie um fast erfundene Fallgeschichten, deren Helden, wie wir alle, letztlich erfolglos bleiben müssen. Entstanden ist nicht nur die Chronik eines bewegten Jahres, sondern auch ein lehrreiches Brevier des Normalen, in dem sich Revolutionen, Rücktritte, Unfälle und Finanzmarktpaniken abwechseln. Also: ein Handbuch. Während Teilchenbeschleuniger versuchen, ins Innerste der Materie vorzustoßen, Hirnforscher Illusionen entlarven, Archäologen alte Götter zusammenkleben und Osama bin Laden erschossen wird, überlegt eine Figur namens Großmann unverdrossen, ob sie die ganze Wirklichkeit nicht einfach für zwei Pfennige kaufen soll.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Patricia Görg
HANDBUCH
DER
ERFOLGLOSEN
Jahrgang zweitausendundelf
BERLIN VERLAG
Libellen treiben flussab!
Ein Antlitz, das in die Sonne sehen könnte,
Gibt es seit jeher nicht.
Gilgamesch-Epos
ZUM GELEIT
Kalenderwochen, Exkursionen, Fallgeschichten – mit ihnen durchquert dieses Buch ein Wissensgebiet, über dem wie über dem Eingang zum Centre-Court in Wimbledon die Gedichtzeilen von Rudyard Kipling stehen könnten: If you can meet with Triumph and Disaster / And treat those two impostors just the same …*
Gleichmut ist aber vor allem vonnöten für jene Erfolglosigkeit, für jene sanfte, lebensimmanente Form des Scheiterns, die jedem widerfährt, und sei er noch so weit gekommen. Sie ist das eigentliche Wissensgebiet, das wir durchqueren.
In den Kalenderwochen des »Jahrgangs zweitausendundelf« finden sich stürzende Männer (Blender, Despoten, Schürzenjäger und Riesen), die über die Teppichfalten des Heute, Gestern oder Morgen stolpern, stürzende Börsenwerte und eine Sammlung von Katastrophen und Kleinigkeiten aus aller Welt.
Meine Exkursionen führen in Vorträge und Lesungen, Ausstellungen und Kinos, in denen die Welt besungen, zerfetzt, geklebt, durchleuchtet – also bearbeitet wird.
Die Fallgeschichten schließlich erzählen vom Webmuster der Ereignisse, von wiederkehrenden Motiven auf dem Teppich, über dessen Falten wir stolpern.
Und von draußen, von außerhalb unseres Himmelskörpersystems, lugen ab und an Exoplaneten herein in dieses Handbuch.
* Wenn du Triumph und Katastrophe begegnen kannst / und diese beiden Hochstapler gleich behandelst …
KW 1
Tausende Rotschulterstärlinge fallen in der Neujahrsnacht in einer US-amerikanischen Kleinstadt tot vom Himmel.
Auf den deutschen Straßen liegen leere Feuerwerksbatterien und die Worthülsen des Vorjahrs im Schnee: Verbraucht und durchnässt gammeln »Bringschuld« und »Holschuld« neben dem »Wutbürger«.
Die Züge fahren nicht
Die Eier sind giftig
In Australien ist eine Fläche überschwemmt, so groß wie Deutschland und Frankreich zusammengenommen. Einwohner sitzen auf den Treppen ihrer Häuser, winken dem Hubschrauberpiloten zu. Sie bewachen ihr Hab und Gut. Krokodile, Kröten und Schlangen schwimmen in der braunen Brühe.
Der ewige Kommunarde Rainer Langhans (70) bestätigt, dass er ins RTL-Dschungelcamp einziehen wird. Er sieht die Entwicklung der ganzen Gesellschaft in Richtung auf eine große Kommune. Er sagt: »Die jungen Menschen sind mehr im Internet als hier. Das Internet ist die große Kommune, es ist genau das, was wir damals gewollt haben.« Am Tag, an dem dieses Interview erscheint, findet morgens eine Sonnensichelfinsternis statt.
China meldet, Atommüll so aufarbeiten zu können, dass die eigenen Uranbestände jetzt noch bis zu dreitausend Jahre ausreichen. Außerdem erschwert das Land dem Westen den Zugang zum Rohstoff »Seltene Erden«. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle drängt den chinesischen Vizepremier Li Kequiang, den Export dieser seltenen Metalle, die für Computer, Monitore und Akkus unverzichtbar sind, nicht wie angekündigt um fünfunddreißig Prozent einzuschränken. Beide treten anschließend vor die Kameras und lächeln, aber nur Li ist munter genug, um auch noch grüßend die Hand zu heben.
Im javanischen Hinterland greifen Islamisten Schattenspieltheateraufführungen an.
VORSTOSSINSINNERSTEDERMATERIE heißt ein Vortrag, den der Direktor am Max-Planck-Institut für Physik, Prof. Dr. Siegfried Bethke, hält. Bethke räuspert sich beinahe ununterbrochen, aber es gelingt ihm trotzdem, den Elementarteilchenzoo an die Leinwand zu werfen und zu beschreiben, dem die Physiker mittels des Teilchenbeschleunigers CERN nachspüren. Er berichtet vom Urknall bis zum Augenblick eine Sekunde danach und vom siebenundzwanzig Kilometer langen Tunnelring, hundert Meter unter der Erde, in dem Situationen wie kurz nach dem Urknall noch einmal nachgestellt werden. »Eine Million Kollisionsereignisse pro Sekunde, und das zwanzig Jahre lang«, freut sich Bethke.
Vielleicht hilft das weltweit größte und komplexeste Unternehmen der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung, folgende schmerzlich offenen Fragen zu klären: Warum gibt es uns eigentlich (denn Antimaterie hätte die Materie gleich zu Anfang vernichten müssen)? Was sind dunkle Materie und dunkle Energie, die immerhin fünfundneunzig Prozent des Universums ausmachen? Existieren verborgene Raumdimensionen? Wie könnte die vereinheitlichende Feldtheorie, also die Weltformel aussehen, nach der schon Einstein verzweifelt suchte?
Um das zu erkunden, wurden Monstren in Kavernen versenkt: Auslesegeräte, schwer wie der Eiffelturm und so kompliziert konstruiert, dass sie die Ultima Ratio heutiger Möglichkeiten darstellen. Der größte von ihnen, ATLAS genannt, verwandelt einen danebenstehenden Menschen in eine Kleinigkeit, soll aber Spuren von Dingen finden, für die der Begriff Kleinigkeit in jeder Hinsicht eine Grobheit wäre. Der Logik zweier grotesk miteinander verbundenen Sphären gehorchend, blähen die Instrumente sich immer extremer auf, je weiter sie ins extrem Kleine vordringen. Der Titan ATLAS stemmt also das gegenwärtige Standardmodell der Physik, soll es halten und untermauern, soll es ergänzen um Erhofftes und Unerhörtes, lässt es womöglich jedoch im Laufe der Forschungen fallen.
Und es wird geforscht: Beschleuniger und Detektoren arbeiten. »Die Daten kommen mit 7,5 Nanosekunden Abstand rein«, so Bethke, »und ein Millionstel von ihnen wird aufgezeichnet.«
Routiniert räumt er ein, bislang sei nichts Neues entdeckt.
Der Erwartungsdruck ist riesig: Solch eine titanische Versuchsanordnung, die Hypothesen durch Filter treibt, sollte wenigstens unser Weltbild erneuern, um sich zu rentieren.
Siegfried Bethke aber, frei von Renditezwängen, gesteht gelassen, am spannendsten wäre die Lage für ihn, falls der große Beschleuniger überhaupt nichts Neues fände, denn Bewegung in die Teilchenphysik käme auch dann – eine andere zwar als die erhoffte, aber vielleicht sogar eine interessantere.
Um in Erinnerung zu rufen, wie wichtig Grundlagenforschung ist, zeigt Bethke einen Cartoon, in dem der Vater seinem Sohn erklärt, die Sonne ginge nur deshalb auf, weil sich morgens die Luft erwärme und sie mit nach oben trüge, und sie sinke abends wieder herab, weil die Luft dann abkühle. »Und warum wandert sie von Ost nach West?«, fragt der Knabe. »Sonnenwind«, lautet die Antwort.
Obwohl dieses Späßchen nicht viel mit jener galaxienweit von jeder Alltagserfahrung entfernten Welt zu tun hat, in welcher die CERN-Physiker nach Erkenntnissen suchen, merke ich, wie ich Bethke um seine gute Laune beneide.
Am meisten beneide ich ihn um die scheinbar unkündbare Geborgenheit in seiner Materie: um die Fraglosigkeit von Fragestellungen, um Aufgaben, die nicht er sich stellen muss, sondern die sich ihm stellen. Um Befunde, die er in allgemein gültige Formeln konvertieren kann, während in der Kunst jeder seine eigene Währung ausgibt. Um seinen Arbeitsplatz in einem solchen festumrissenen mentalen Bezirk. Aber auch um seine Kollision mit den sagenhaften Abgründen der Leptonen, Quarks und vielleicht dereinst Higgs-Bosonen – einem Zusammenprall mit Elementarteilchen, bei dem sein Kopf vermutlich niemals hohl klingt.
So stößt er vor ins Innerste der Materie.
Während der Professor, sympathisch und zuversichtlich, sich immer wieder räuspern muss, hat ein guter Geist hinter seinem Rücken ein Glas Wasser auf das Pult gestellt. Er bemerkt es lange nicht.
SIMON MAGUS
Muskelmann Simon Magus sitzt vor zwei Handvoll Leuten in einer Literaturwerkstatt und klopft die Versfüße Daktylus und Trochäus auf den Tisch.
Er beherrscht die antike Metrik wie die Verstellung, denn sein wahrer Name ist Johnny Barto Smith.
Gestern hat er vor mehr als tausend Leuten Klavier gespielt.
Alle Augen hingen an dem Hünen, während er spinnenbeinzart die Tasten des Instruments anschlug und sich selbst und das Publikum in Sensibilitäten einwob. Hier hängen wieder alle Augen an ihm.
Magus lebt doppelköpfig. Seine Karriere als Pianist hindert ihn nicht daran, täglich viele Stunden an einem eigenen Werk weiterzuschreiben, aus dem er jetzt vor verschwindend wenigen Menschen liest.
Er liest ein Gedicht, das im Rhythmus von Daktylen und Trochäen über die Sterne klagt, sich dann lächelnd aufgegangenen Schnürsenkeln zuwendet.
Die Versfüße arbeiten. Sie folgen dem, was ihnen auf dem Tisch vorgeklopft wurde. Und Simon Magus gerät fast beiläufig, ohne jede Ekstase, ins Levitieren. Während er vorträgt, was er geschrieben hat, löst er sich aus dem Stuhl und beginnt vor dem Fensterausschnitt des Abendhimmels und dessen eiskalten Sternen zu schweben, macht keinerlei Aufhebens darum, fährt fort, zu rezitieren, wobei die Lyrismen eines derart starken Mannes nicht nur die Schwerkraft, sondern auch andere Gesetze der Lüge überführen:
So muss der Geist offenbar weder in Hungerleidern noch in bebrillten Handtüchern wohnen. Er wohnt, wo er will. Und zieht er in grimmer Zärtlichkeit ein in einen, der sich gegen Schwäche wehrt, indem er Kraft trainiert, so ist der Geist dort keineswegs schlechter aufgehoben als in schmächtigeren Körpern. Vielleicht lebt er sogar lieber an einem geräumigen Ort.
Magus liest. Mit antikem Schwung setzt er über zu heutigem Leiden.
Er gestikuliert, schwingt mit dem Gelesenen mit.
Seine Haltung angesichts des beinahe leeren Raums ist mustergültig.
Konzentriert lässt er sein Publikum glauben, was es sieht und hört: den Relativismus echter Dichtung.
Sterne, an Schnürsenkeln aufgehängt, schweben durchs Bild.
Zeit vergeht. Manchmal verlagert der eine oder andere sein Gewicht auf dem Stuhl, um weniger schmerzhaft zu sitzen, denn die Auswahl dessen, was Dichtung sein könnte, wächst sich aus zum Epos, das zu balancieren dem Levitierten nicht mehr ganz so leichtfällt. Hinter Wendungen, die viel miteinander verketten, glauben zwei Handvoll Leute allmählich Muskelkatergrimassen zu entdecken.
Johnny Barto Smith alias Simon Magus ist zu Hause auf einer Ranch in Florida. Dort lässt er sein Werk in Stein meißeln. Zwinkernd will er überdauern, indem er 3367 Granitstelen errichtet, die seine Dichtung tragen, wohl nur langsam verwitternd unter der ewigen Sonne, 3367 Granitstelen, konzeptionell verteilt im Imaginären, das in Florida immer ein trockengelegter Sumpf ist. Smith braucht also keinen Verleger, sondern Steinmetze.
»Warum 3367 Stelen?«, werden sie fragen. »So viele Male ist der Name Gottes im Alten Testament umschrieben«, würde er antworten, falls er seine Spielregel preisgibt. Buchstabe um Buchstabe seines Werks gelangt also in ein vielfaches Monument, das gotteslästerlich haltbar aufragt – und doch nur ein multiplizierter Grabstein ist, wie Johnny Barto Smith ohne Zweifel weiß.
3367-mal wird er gegen dieses Wissen anrennen und es gleichzeitig bewahren.
Ein Hüne trotzt dem Markt, der sein Werk nicht vervielfältigen will, indem er Granit aufstellt, zwischen dem der Wind hindurchfährt und singt.
In der Literaturwerkstatt schaukeln die Füße des Dichters vor den Augen des Publikums. Noch hält er sich in der Luft. Silben, lang oder kurz betont, Daktylen und Trochäen, viele von ihnen mit antiken Anspielungen befrachtet, füllen den Raum.
Doch das Schwingende hat sich unversehens in Kraftmeierei verwandelt.
Wie ein Autodidakt, der sich maßlos an seinem Können berauscht, gerät der Mann, der den Künstlernamen eines Zauberers trägt, zurück in die Schwerkraft.
Petrus bat Gott, den geschwätzigen Schweber Simon Magus hart zu strafen: Dreifach möge er sich den Schenkel brechen.
Simon Magus wurde mit Steinen vom Himmel geholt.
KW 2
Videobotschaft: Auf einer blau ausgeschlagenen Bühne, zwischen schlaffen Fahnen, erscheinen drei Gespenster. Sie sind gründlicher verkleidet, als für das Kinderspiel »Schokolade auspacken« nötig wäre – ein Spiel, bei dem man sich so schnell wie möglich Mütze, Handschuhe, Schal und Mantel anziehen muss, um mit Messer und Gabel eine eingepackte Tafel Schokolade aufzuessen.
Diese Gespenster tragen eine weiße Ku-Klux-Klan-Gesichtsmaske unter ihren schwarzen Baskenmützen, könnten also gar keine Schokolade essen, da ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ausgeschnittene Augenlöcher sind. Aus denen blicken sie in die Kamera.
Mundlos dumpf versprechen sie unter den weißen Tüchern hervor Waffenstillstand. Hinter ihnen, an der Wand, ihr Emblem: Die Schlange der List ringelt sich um die Axt der Gewalt, und doppelzüngig heißt es »Voran auf beiden Wegen« – Dialektik der ETA, die glaubt, auf blauer Bühne eine listige Inszenierung abzuliefern.
Wie Geister der Ahnen, wie gesichtslose Abgesandte der mehr als 850 durch ihren Terror Getöteten sitzen drei schwarz-weiße Kapuzenmänner vermummt an einem Tisch und spielen sich selbst hinter ihrer Maske vor, sie könnten eines schnellen Tages das autonome Baskenland auspacken wie eine Tafel Schokolade.
Die Gespenster recken die Fäuste, treiben Mummenschanz zwischen schlaffen gelb-roten Fahnen.
Ein grell ausgeleuchtetes Bild: mit atavistischer Axt nur in den Grundfarben gemalt, aus denen alles andere erst noch gemischt werden müsste, um in den Blick zu bekommen, was sich außerhalb der Bühne verästelt und ohne Bomben bewegt.
KW 3
»Alternativlos« wird zum Unwort des Jahres 2010 erklärt.
Durch einen unterirdischen Tunnel sind der gestürzte tunesische Präsident Ben Ali und seine Frau nach Karthago und von dort nach Saudi-Arabien geflüchtet. Sie hatten 1,5 Tonnen Gold im Gepäck.
Silvio Berlusconi posiert im Garten der Villa Madama in Rom für Fotos. Mit botoxstarrer Stirn, Messerstrichmund und eng am Körper anliegenden Halbfäusten steht er vor einer Wand aus Efeu. Sein Blick geht schräg nach unten in die kurze Ferne des Wegseins oder Sichwegwünschens, wie der eines ertappten Schülers, der in der Ecke steht – und dabei auf Rache sinnt. Vielleicht fühlt er sich allein, aber er ist es nicht. Nur einen Schritt entfernt von seinem bleichen Gesicht, ebenfalls vor Immergrün, leistet ihm die marmorweiße Büste eines anderen alten, vergessenen Römers Gesellschaft.
GEIST DER PRINZESSIN ROKUJŌ
Über einen Steg gleiten bestrumpfte Füße auf den Schauplatz. Die Prinzessin blinzelt durch fünf Millimeter schmale Augenschlitze, kennt jedoch ihren Weg, bestimmt vom Schicksal und begleitet von Gesang und Musik. Kontrollierte, abgezirkelte Tanzschritte tragen sie voran. Ihre Züge, das Gesicht des Schauspielers nicht ganz verbergend, sind aus Zypressenholz: hoch auf der Stirn der Rußhauch der Augenbrauen, der Mund halb offen vor Leid.
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