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Das Handbuch Sinn des Lebens ist ein umfassender Begleiter für Menschen, die ihrem Leben bewusst eine neue Richtung geben wollen und sich fragen "Wofür will ich mich in meinem Leben einsetzen?". Es richtet sich an alle, die an einem Wendepunkt stehen - sei es nach beruflichen Veränderungen, Trennungen, dem Auszug der Kinder, gesundheitlichen Einschnitten oder mit Blick auf den Ruhestand. Die Autorin, Dr. Martina Nohl, schöpft aus über zwanzig Jahren Erfahrung im Sinn- und Purpose-Coaching. Ihr Ansatz verbindet psychologische Erkenntnisse, Selbstcoachingmethoden, philosophische Perspektiven sowie Ergebnisse aus der aktuellen Sinnforschung. Das Buch ist nicht als theoretischer Ratgeber, sondern als praxisnahes Arbeitsbuch konzipiert: Leserinnen und Leser finden darin klare Strukturen, inspirierende Reflexionen, zahlreiche Übungen und Anleitungen, um den eigenen Purpose Schritt für Schritt zu entwickeln. Zentrales Modell ist der Dreiklang des Sinns mit den Ebenen Sein - Geben - Erschaffen. - Auf der Seinsebene geht es darum, die eigene Essenz, innere Ruhe und das Gefühl der Stimmigkeit zu entdecken. - Die Geben-Ebene führt zu den persönlichen Gaben, Stärken und zur Frage, welchen Beitrag man der Welt schenken will. - Auf der Erschaffen-Ebene werden Vision, Mission und konkrete Lebensziele entwickelt und in eine wirksame Gestaltung des Alltags übersetzt. Das Werk behandelt unter anderem die Bedeutung von Sinn für Glück, Resilienz und Beziehungen, kulturelle und philosophische Definitionen von Sinn, Wege zur Integration von Körper, Geist und Seele, die Rolle von Intuition und innerer Stimme, den Umgang mit Widerständen und Selbstzweifeln, die sieben Phasen des Purpose-Prozesses, die Formulierung eines persönlichen Purpose-Satzes sowie die Umsetzung von Lebensvision und Mission im privaten und beruflichen Kontext. Zielgruppe sind Menschen in Übergangs- und Umbruchsituationen, Sinnsuchende, Berufstätige und Führungskräfte, die mehr Wirkung entfalten möchten, ebenso wie Coaches, Therapeutinnen und Therapeuten oder Beraterinnen und Berater, die mit Purpose-Prozessen arbeiten. Das Handbuch Sinn des Lebens bietet klare Orientierung, fundiertes Wissen und praxisnahe Methoden. Es unterstützt dabei, innere Klarheit zu gewinnen, Selbstvertrauen in die eigene Gestaltungsfähigkeit zu entwickeln und den persönlichen Fußabdruck im Leben zu hinterlassen.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dr. Martina Nohl
Sinn- und Purpose-Coach, Weiterbildnerin und Supervisorin (DGSv) ist Autorin mehrerer Bücher und Arbeitshefte im Bereich Veränderungsbegleitung, Sinnfindung und Intuition.
Martina Nohl ist Inhaberin der Akademie „Genial leben“. Dort unterstützt sie Menschen bei ihrer Sinnfindung und in fortgeschrittener Persönlichkeitsentwicklung. Auf der Plattform „Kompetenz für Coachs“ begleitet sie Coachs in ihren Professio nalisierungsprozessen.
Für alle Menschen, die mutig und beherzt ihren Weg gehen und für meine Eltern, die mir beigebracht haben, auch gegen den Strom schwimmen zu können.
Vorwort
1. Deine Reise zu mehr Sinn und Erfüllung
1.1 So gehen wir vor
Sinn-Canvas mit deinem Dreiklang des Sinns
1.2 Sinn verleiht Sicherheit
Sinn finden, bevor dich dein Leben dazu zwingt
Werde Agent:in deines eigenen Lebens
Sinn macht glücklicher von innen heraus
Sinn macht stabiler und krisenfester
Sinn, das Universal-Medikament
Sinn macht beziehungsfähiger und schöner
Sinn macht erfolgreicher und wohlhabender
Sinnsuche ist gerade kein Luxusproblem
1.3 Erforsche dein Sinn-Bedürfnis
Du bist in guter Gesellschaft mit deiner Sinnfrage
Wir sehnen uns nach Resonanz
Bist du unglücklich über dein Unglücklichsein?
1.4 Verschaffe dir einen sinnvollen Überblick
Sinnfindung in verschiedenen Kulturen
Der innere Genius als Aufgabe der Seele
Zeitgenössische Sinndefinitionen
Finde dein Glück im Sinn
Das kleine und das große Glück
Eudaimonia – Sinnvolles Leben
Zwischen großem und kleinem Glück entscheiden?
2. Sinn ohne Purpose-Stress
2.1 Tauche ein in deine Sinnsuche
Bin ich krank, wenn ich nach Sinn suche?
Willen zum Sinn
Was hast du davon, wenn du dir die Sinnfrage stellst?
Was haben wir alle von deinem Sinn?
Finde heraus, ob du sinnvital bist
Der große Sinn, der existenzielle und der kleine Sinn
2.2 Lebe sinnorientiert mit den drei Wegen zum Sinn
Welche Sinn-Mix ist deiner?
2.3 Werde zum Lebenskünstler mit der Huna-Lehre
Die sieben Huna-Prinzipien
2.4 Integriere deine drei „Selbste“
Das untere Selbst (Körper)
Das mittlere Selbst (Geist)
Das hohe Selbst (Seele)
2.5 Nutze deine Intuition als Lehrmeister:in
Definition von Intuition
Intuition ist unser zweiter Betriebsmodus
Wie du dich von deiner Intuition abschneiden kannst
Sieben Ideen, deine Intuition zu entwickeln
Woran merkst du, dass du intuitiver lebst?
3. Finde deinen Grundakkord und deine Lebensmelodie
3.1 Dreiklang des Sinns – Das Modell
Die Entwicklungsrichtung des Sinn-Dreiklangs
3.2 Der Klangraum: Die Seinsebene
Essenz
Hier findest du Ruhe in dir
Du bist geschützt und aufgehoben
Du bist ein schöpferisches Wesen
Eintauchen in den Fluss des Lebens
Finde zurück zum mühelosen Sein
3.3 Dein Grundton: Die Geben-Ebene
Purpose (Bestimmung)
Deine heilige Wunde und dein Purpose
3.4 Deine Lebensmelodie: Die Erschaffen Ebene
Lebensvision und Lebensregeln
Mission und Lebensziele.
Ego versus Purpose: Worum geht’s hier wirklich?
3.5 Tanze mit deinem inneren Widerstand
Weit verbreitete Widerstands-Stimmen
Mindset-Veränderung mit der HEAL-Formel
4. Entdecke Schritt für Schritt deinen Purpose
4.1 Gestalte deinen Purpose-Prozess
Die 7 Phasen des Purpose-Prozesses
4.2 Wo kommst du her?
4.3 Wer bist du?
Wie lautet die Poesie deiner Essenz?
Schau dich an – Wer willst du sein?
Wie bist du, wenn du glücklich bist?
Was sind deine Charakterstärken?
4.4 Was ist dir wichtig?
Werte und Purpose
Lass dich von der Welt berühren
4.5 Welche Rolle ist deine?
4.6 Womit willst du es zu tun haben?
Die Sprache der Intuition verstehen
Intuition im Frage-Antwort-Spiel aktiv nutzen
Glaubst du an die Stimme deiner Intuition?
4.7 Was willst du?
Wann ist dein Leben eigentlich erfolgreich?
Hast du keine Liste angelegt?
4.8 Formuliere deinen Purpose-Satz
Formuliere deine Purpose-Statements
Aha-Moment, Heureka, er sitzt!
5. Gestalte deine Vision und Mission
5.1 Schreibe die Regeln deines Lebens neu
Erkennungsmerkmale einer stimmigen Vision
Deine einzigartige Art und Weise
Formuliere dein Manifest mit deinen Lebensregeln
5.2 Finde deine Lebensvision
Lebensvision formulieren
Überprüfe deine Vision mit deinen Lebensregeln
5.3 Definiere deine Mission und Handlungsziele
Fühlt es sich leicht an?
Deine großen Ziele festlegen und strukturieren
Ziele umsetzen: Wünschen oder Wollen?
Dein Wollen stärken
Vom SEIN zum TUN und HABEN
5.4 Setze deine Lebensziele um
Raum für Magie lassen
Dein Ziel visualisieren – aber richtig
5.5 Bring deine Geschichte zum Fliegen
Der Purpose-Prozess als Heldenreise
6. Gestalte dein Leben genial und intuitiv
6.1 Pflege deinen Purpose
Lass dein Licht leuchten
Genieße dein neues Lebensgefühl
Umgib dich mit s-innspirierenden Menschen
6.2 Bereite deinen Langstreckenlauf vor
Erhöhe deine Energie
Erhöhe deine Willenskraft
Lass los, was nicht dein Job in der Welt ist
Richte dich immer wieder neu aus
Mach dir deine Mitarbeit am großen Ganzen bewusst
6.3 Bringe deinen Sinn Tag für Tag ins Leben
Deinen Purpose kommunizieren
Wie geht es jetzt für dich weiter?
Was du ab sofort ganz praktisch tun kannst
Wachse immer mehr in deine Größe hinein
6.4 Verbinde dich regelmäßig mit deiner inneren Stimme
Auf deine innere Stimme hören
Intuitionskompetenz entwickeln
Deiner Intuition Fragen stellen
6.5 Nutze die Zufälle
Synchronizitäten
Serendipität
Plannend Happenstance
Kompassgefühle zur Zufallsnavigation nutzen
6.6 Arbeite sinnvoll
Purpose versus Berufung
Werde wieder leidenschaftlich
Purpose mit Jobcrafting
Selbstständigkeit und Patchwork-Job
Purpose-Orientierung in Unternehmen
Purpose, Generationen und Generativität
Zum Schluss
Literatur und Quellen
„Ich habe den Sinn meines Lebens darin gesehen, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen.“
Viktor Frankl
Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich: Warum habe ich eigentlich so lange mit diesem Buch gewartet? Obwohl ich einige komplexe Fachbücher veröffentlicht habe, habe ich wohl doch großen Respekt vor dem Thema. Und das ist gut so. Denn es ist schon ein großes Ding, sich mit Menschen gemeinsam auf die Reise zu ihrem persönlichen Sinn zu begeben. Das ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Ein bisschen Purpose gibt es nicht. Hat man seine ureigene Lebensaufgabe erkannt, wirbelt das einiges durcheinander. Wenn der Dschinn aus Aladins Wunderlampe herausgekommen ist, fragst du dich vielleicht ein wenig besorgt: „Und – was wird er dann mit mir tun?“
Ich kann dich beruhigen. Dein Genius, dein Dschinn, hat nur Gutes für dich und mit dir im Sinn. Ich gebe dir hier Einblicke in meine tägliche Arbeit, damit du ein Gefühl dafür bekommst, was auch mit dir im Laufe deiner Reise geschehen könnte, wenn du sie mit meiner Unterstützung in diesem Buch antreten willst.
Es berührt mich jedes Mal zutiefst, wenn ich mit meinen Klientinnen und Klienten auf Spurensuche unterwegs bin zu ihrem Wesenskern – oder wie ich es gerne nenne, ihrem inneren Genius. Auf diesen inneren Entdeckungen finden wir dann gemeinsam eine klare Formulierung ihres persönlichen Sinns. Viele nennen ihn auch das „Warum“, den Purpose, die Lebens aufgabe oder den Lebenszweck.
Wer will das eigentlich wissen? Wer begibt sich wirklich so bewusst auf Sinnsuche? Zu mir kommen Menschen, die sich in Übergangssituationen und Umbrüchen befinden. Du kennst das: Das sind mögliche Zäsuren im Leben, an dem wir an einem Scheideweg oder manchmal auch Wendepunkt stehen. Dann fragen wir uns etwa nach einem Burnout, nach einem Jobverlust oder nach einer Scheidung: „Ist das schon alles gewesen?“ oder „Wie geht das eigentlich mit dem erfüllten Leben?“, „Worin besteht denn nun mein Beitrag in diesem Leben?“ oder auch „Wie kann es gehen, nicht nur auf Autopilot zu leben, sondern ein sinnvolles Leben nach den eigenen Maßstäben zu gestalten?“ Der Purpose wird dann als innerer Leitstern gesucht, um die eigene Orientierung und innere Klarheit zur Ausrichtung des weiteren Lebens zu finden.
In letzter Zeit kommen auch jüngere Menschen mit Anfang 30, die erste Enttäuschungen in der Arbeitswelt oder im Privaten hinter sich haben und das Leben nun nochmal anders und „besser“ angehen wollen. Die jüngeren Generationen halten den Älteren gerade einen Purpose-Spiegel vor, das freut mich sehr!
Etwa die Hälfte meiner Klient:innen sind darüber hinaus sogenannte Scannertypen, Multipotentials bzw. Vielbegabte. Diese sind sehr vielseitig, oft auch sehr leistungsfähig. Doch sie werden in unserer Gesellschaft immer wieder belächelt, weil sie ständig etwas Neues lernen und der nächsten spannenden Idee hinterherjagen. Sie sind selbst oft unglücklich, trotz ihres großen Potenzials. Ihnen fehlt der goldene Faden in ihrem Leben, in dem ihre Vielseitigkeit und all ihre Talente zusammenfließen. Wenn sie den hätten, dann könnten sie ihn auch kommunizieren und hätten endlich Ruhe vor abwertenden Bemerkungen wie „Wann wirst du dich endlich mal festlegen, du kannst doch nicht ewig nach deinem Ding suchen?!“ Wenn sie dann im Coaching das verbindende Dach ihrer Themen und ihre ureigene Lebensspur finden, dann ist das eine enorme Erleichterung. Plötzlich fühlen sie sich auch dazugehörig und angenommen im großen Ganzen.
Übrigens: Du musst nicht spirituell sein, um die Reise zu deinem persönlichen Sinn anzutreten. Frage dich einfach, ob du die folgende innere Haltung mitbringst:
Du glaubst, dass der Mensch aus mehr besteht als aus einem Haufen Knochen und einem Sack voll bakterienhaltigen Wassers.
Du hältst es zumindest für möglich, dass dieses Leben auch für dich einen Sinn bereit halten könnte, auch wenn du nicht klar siehst, worin der besteht.
Du bist neugierig und willst dich noch einmal so offen wie möglich auf die Suche begeben.
Eine normale Reise ist eine lineare Reise, die manchmal auch Zwischenstopps umfasst. Aber wie ist das mit der Reise zu deinem persönlichen Sinn? Das ist keine Reise in eine Richtung. Sie ist eine dreidimensionale Reise. Sie ist einerseits eine Schatzsuche in der Tiefe und Vergangenheit deiner biografischen Prägungen, in dem, was dich in deinem Geworden- Sein ausmacht. Hier ist der Prozess rückwärts gerichtet, im Sinne des Religionsphilosophen Sören Kierkegaards, der ja gesagt hat, dass wir das Leben rückwärts verstehen müssen, um es vorwärts leben zu können.
Dann ist der Prozess aber auch vorwärtsgerichtet, als Suche nach deiner zukünftigen Lebensaufgabe und den damit verbundenen Ideen und Zukunftsvisionen. Mit dieser Suche bist du nicht alleine. In allen Zeiten haben sich Menschen immer wieder damit auseinandergesetzt, wie sie ihre Gestaltungskraft hier in diesem Leben einbringen können und was sie in der Welt bewegen wollen.
Dann geht die Reise aber auch noch in die dritte Dimension. Dabei denke ich an den Flug eines Adlers, der in großer Präsenz immer wieder in verschiedene Höhen seine Kreise zieht. Auch wir können uns unseren Kern aus verschiedenen Ebenen anschauen und in immer enger werdenden Ringen einkreisen und manchmal pfeilschnell zupacken, wenn er sich in voller Schönheit zeigt.
Diese gemeinsame Suche ist eines der intensivsten Coachingerlebnisse, das ich kenne. Manchmal fühlt sich der gemeinsame Prozess an wie eine innere Massage, in der alle inneren Sinnorgane an ihren Platz gebracht werden. Viele Klient:innen müssen tatsächlich sehr häufig auf die Toilette, weil anscheinend auch physisch so viel in Bewegung kommt.
Wir erleben ihn oft auch wie einen intensiven Geburtsprozess. Es ist eine große gedankliche und intuitive Leistung, die wir da gemeinsam erbringen, die Sinnsuchenden als Gebärende, ich als Geburtshelferin. Auch körperlich beobachte ich wie bei einer Geburt immer wieder Lagewechsel. Ich habe da einen Teppich in meiner Praxis. Klient:innen beginnen (ohne dass ich dazu einen Ton sage) die Schuhe auszuziehen, um sich zu erden. Sie knien sich hin, sie hüpfen, um sich locker zu machen, sie tigern durch die Gegend, um besser denken zu können. Wir machen bei Bedarf Atemoder Öffnungsübungen. Und ständig öffnen wir das Fenster, um frischen Wind hineinzulassen. Oder es braucht ein Stück Schokolade oder Obstsalat gegen den sinkenden Blutzuckerspiegel, da ja das ganze System auf Hochtouren läuft.
Das gemeinsame Erlebnis ist auch emotional: Es wird um Worte gerungen und immer wieder nach innen gelauscht, ob sich eine Wendung, ein Satz, bereits stimmig anfühlt. Manchmal fließen Tränen, wenn etwas Wesentliches berührt wird. Manche Klient:innen erleben auch ein Erschrecken oder die kleine Schwester der Angst, in Form von Lampenfieber, wenn sie von der eigenen Größe berührt werden, die sich urplötzlich zeigt.
Und wenn er dann gefunden ist, dieser zentrale Satz, in dem das eigene Warum und Wozu formuliert ist? Dann herrscht erst einmal ein Art heilige Stille. Viele nicken versonnen. Dann sagen sie, sie hätten es schon immer gewusst, aber nicht so klar und schön auf den Punkt bringen können. Den meisten wird bewusst, dass sie schon ihr ganzes Leben in diese Richtung wirken. Manchen wird aber auch mit Erschrecken deutlich, wie weit sie sich in ihrem Leben von dem entfernt haben, was sie eigentlich wollen und was ihnen eigentlich entspricht. Kein Wunder also, dass sie so unzufrieden geworden sind und ihr Leben als wenig erfüllend erleben.
Du siehst schon, für mich ist das die schönste Arbeit der Welt. Ich habe tiefen Respekt vor dem Vertrauen, das die Menschen mir hier entgegenbringen, indem sie sich so tief öffnen, wie das bei uns in der Gesellschaft üblicherweise nur in längeren Therapieprozessen üblich ist. Was, wenn der Mensch aber gar nicht krank ist, sondern einfach seinen Willen zum Sinn erfüllen und leben will? Ich bin der Meinung, dass Tiefe nicht nur therapeutischen Prozessen vorbehalten ist, sondern einfach eine Voraussetzung für die ganz normale menschliche Sinnsuche ist.
Nicht jede und jeder wird sich in ein Purpose-Coaching begeben können oder wollen. Da ich diese Art der Sinnsuche aber für so wesentlich halte, um die Herausforderungen unserer komplexen Welt gemeinsam zu meistern, schreibe ich dieses Buch. In ihm möchte ich dich an dem teilhaben lassen, was ich in vielen Jahren in meiner Beratungstätigkeit ausprobiert und peu à peu verstanden habe – über Sinn, doch teilweise auch über den Unsinn der persönlichen Sinnsuche.
Ich freue mich, wenn du neugierig mitgehst und noch mehr, wenn hoffentlich der ein oder andere Sinn-Funke bei dir überspringt
Herzlich
Martina Nohl
PS: Mein Purpose ist es, Menschen auf dem Weg zu ihrem königlichen Kern zu begleiten, damit sie ein erfülltes Leben gestalten, das uns allen dient.
„Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum!“ Mark Twain
V iele Menschen lesen ein Buch nicht mehr von vorne nach hinten. Natürlich kannst du auch in dieses Buch selektiv einsteigen und mit Kapitel 4 beginnen, um direkt deinen Purpose zu erarbeiten. Wenn du das Thema aber mit Genuss angehen und gut verdauen willst, empfehle ich dir doch die altbewährte Lesereise von vorne nach hinten. Denn es geht darum, alle Ebenen deines Bewusstseins mit auf die Reise zu nehmen, dein Unterbewusstsein, deinen Verstand, dein Überbewusstsein, sprich deine Intuition. Nur dann werden deine Ergebnisse auch nachhaltig sein. Und warum du gar nicht anders kannst, als dich auf diesen Weg zu deinem persönlichen Sinn zu machen, das erkläre ich dir auch in Kürze.
1.1 So gehen wir vor
In
Kapitel 1
kannst du dich aufwärmen. Du erfährst, dass du nicht allein bist mit deiner Sehnsucht nach mehr Sinn und Resonanz in der Welt. Vielleicht bist du nach dem Lesen noch deutlich motivierter, deinen persönlichen Sinn in dir zu finden und aktiv zu gestalten, weil du siehst, wie fundamental er dein erfülltes und gesundes Leben begründet. Ich möchte dir das Themenfeld Sinn näher bringen, indem du dir Sinn-Exponate verschiedener Kulturen und Zeiten anschaust und erste Gedanken über verschiedene Sinn-Begriffe und Sinn- Ebenen machst. Daran schärfst du deine eigene Idee von Sinn und weißt noch besser, wonach du eigentlich suchst.
Du wirst dann in
Kapitel 2
erst einmal ein paar Ideen bekommen, wie du generell ein sinnvolles Leben auf dieser Erde führen kannst, ohne dass du schon genau weißt, was dein einzigartiger Platz hier ist. Damit nehme ich dir die Ausrede, dass du ja nicht weißt, was du hier individuell tun kannst, um dein Leben sinnvoll zu führen. Folglich tust du gar nichts, sondern lebst so vor dich hin – von Geburtstag zu Geburtstag – und lässt deine wertvollen Jahre ins Land gehen. Ich hoffe, dieses Kapitel nimmt dir gründlich den Purpose- und Sinnstress. Ein Mensch kann eben auch dann schon erfüllt und sinnvoll leben, wenn er kein Mission-Statement aus dem Hut zaubern kann. Sonst hätten ja alle Menschen vergangener Generationen ihr Leben verwirkt, denn da gab es sowas ja nur in sehr wenigen Kulturen und manche Menschen sind trotzdem glücklich gestorben … Du siehst, du kannst auch erst mal einer bewährten Hauptreise-Route folgen, während du noch genauer nach deinem individuellen Sinn-Weg und Sinn-Landeplatz suchst.
In
Kapitel 3
durchwandern wir gemeinsam verschiedene Ebenen des Dreiklang-Sinn-Modells. Ich stelle dir die Puzzlestücke deiner Sinnsuche vor, damit du mit dem Thema vertraut wirst. Wir werden uns näher anschauen, wie wir hier als Mensch bestmöglich in der Welt sein können und wie wir herausfinden, was wir geben und gestalten können. Und zwar so, dass es zutiefst zu uns, unserem Wesen und dem passt, was wir uns vom Leben wünschen. Erstaunlicherweise lässt sich das einfach und gut in Deckung bringen, mit dem, was die Welt von uns braucht. Du erkundest hier also schon etwas tiefer gehend deine Sinn-Landschaft, um ein Gefühl für das Leben voller Sinn im Einklang mit dir und der Welt zu bekommen.
Dann steigen wir in
Kapitel 4
gleichsam eine Etage tiefer: Wir kümmern uns darum, dass du möglichst viel darüber verstehst, wer du bist, was dein Purpose ist und deine damit verbundene Lebensaufgabe. Dazu wirst du mit einigen kleinen Übungen immer tiefer in deine Selbsterkenntnis eintauchen. Du stellst dir mit meiner Begleitung die großen Fragen „Wer bin ich?“, „Was ist mir wichtig?“ und „Was will ich?“. Besonders intensiv befassen wir uns mit deiner Rolle und deinem Verantwortungsbereich in der Welt. Du fragst dich aber auch, womit du es zu tun haben willst und wann du dein Leben eigentlich als erfolgreich definierst. Zum Schluss des Kapitels wirst du deinen Purpose-Satz formuliert haben. Damit bist du dann schon einen großen Schritt weiter.
Darauf aufbauend schauen wir in
Kapitel 5
, worauf ein Mensch wie du, mit seiner einzigartigen Rolle und Wirksamkeit, sich im Leben ausrichten könnte. Du bekommst Ideen, wie deine Lebensvision oder gar dein geniales Leben als ein Leben aus deinem inneren Genius heraus aussehen könnte. Deine einzigartige Art und Weise in der Welt zu sein und deiner Lebensaufgabe nachzugehen, formulierst du prägnant in deinen Lebensregeln. Dann leitest du daraus deine ureigene Mission ab. Diese beinhaltet immer wieder neu die Umsetzung deiner Bestimmung und dein ganz konkret ausgerichtetes Handeln in der Welt, da du ja deinen inneren Sinn- und Wertekompass gefunden hast. Du formulierst erste mächtige Shinkansen-Ziele und setzt dein neues Leben verbunden mit deiner Intuition Schritt für Schritt um. Nun kannst du auch alles in der Sinn-Canvas zusammenfassen, was du über dich in diesem Buch gelernt hast.
In
Kapitel 6
erhältst du einen bunten Strauß an Ideen, wie du weiterleben kannst, wenn du deinen Sinn-Dreiklang gefunden hast. Deine Intuition und vermeintliche Zufälle werden deine neuen Tools einer sinnorientierten Lebensgestaltung, mit der du auch dein Berufsleben langsam umgestalten kannst.
Sinn-Canvas mit deinem Dreiklang des Sinns
Lesen ist schön, Verarbeiten und Mitmachen ist besser. Nutze dieses Buch, um wirklich an deinem Purpose zu arbeiten. Ich empfehle dir ein schönes Notizbuch oder Journal bereit zu legen, in das du deine Gedanken auf dieser gemeinsamen Reise einträgst. Du findest zusätzlich dein Dreiklang-Sinn-Canvas zum Download. Hier kannst du deine verdichteten Ergebnisse stichwortartig zu den einzelnen Übungen eintragen. Das hilft dir, deine Erkenntnisse immer mehr auf den Punkt zu bringen, bis du deine vier zentralen Sätze gefunden hast.
Abb. 1: Sinn-Canvas klein, Bonusmaterialien zum Download
Nun lass uns gemeinsam losgehen auf deinen Weg: zunächst nach innen und dann mit dem, was du dort findest, wieder nach außen in die Welt. Denn es wird Zeit, dass sich immer mehr Menschen wieder daran erinnern, dass unsere Welt eine sinnvolle ist. Ich glaube daran, dass dieses Bewusstsein die komplette Art und Weise unseres Zusammenlebens und die Zukunft der Welt grandios verändern wird.
1.2 Sinn verleiht Sicherheit
Fühlst du dich auch immer wieder als Spielball der Umstände oder deines Schicksals? Glaubst du vielleicht immer weniger daran, dass du ein Leben gestalten kannst, das zu dir passt, das dich erfüllt und das gleichzeitig noch gute Spuren in der Welt hinterlässt?
Vielleicht hast du schon einiges versucht und erhofft. Die meisten von uns sind schon seit geraumer Zeit „overwhelmed“ von und in unserer komplexen Welt. Wir sehen unseren Lebenspfad vor lauter Optionen nicht mehr. Und weil wir so überwältigt sind, fangen wir entweder gar nichts mehr an, denn es könnte ja das falsche sein. Oder wir verzetteln uns, weil wir zu viel gleichzeitig wollen. Dann scheitern wir regelmäßig, weil uns der Fokus fehlt. Dieses Gefühl von Scheitern bei unseren Zielen vermindert dann unser Selbstbewusstsein bzw. unser Gefühl von Selbstwirksamkeit, wie es die Psycholog:innen nennen.
Gleichzeitig geht es dir von außen betrachtet vielleicht sogar richtig gut: Dein Job passt, du hast möglicherweise sogar eine:n Partner:in oder eine nette Familie oder eine fast abbezahlte Eigentumswohnung. Du kannst reisen und gönnst dir immer wieder kleine Highlights in deinem Leben.
Dennoch bleibt das Gefühl, dass etwas grundlegend mit dir und in deinem Leben nicht stimmt. Manchmal machst du dir sogar Vorwürfe, dass du nicht zufriedener bist, obwohl es dir doch gut gehen sollte.
Was ist da los? In unserer westlichen Zivilisation haben wir eine Art Dienst leistungsmentalität entwickelt gegenüber der Gesellschaft und letztlich auch unserer Welt. Wir schauen immer nur darauf, was das Leben uns noch geben sollte und was wir uns da eigentlich verdient hätten, weil wir ja so kämpfen und vielleicht auch so hart arbeiten. Ob uns diese Blickrichtung gut tut, sei dahingestellt. Erich Fromm formuliert es in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ schon vor vielen Jahrzehnten provokativ: „Die Welt ist nur noch da zur Befriedigung unseres Appetits, sie ist ein riesiger Apfel, eine riesige Flasche, eine riesige Brust, und wir sind die Säuglinge, die ewig auf etwas warten, ewig auf etwas hoffen und ewig enttäuscht werden.“[12]
Darin steckt auch Fromms frühe Kapitalismuskritik. Es sei ja gewünscht, dass wir genau so konsumieren sollen, damit wir uns vermeintlich frei fühlen, befreit von Autoritäten, gesellschaftlichen Regeln und unserem Gewissen. Wobei wir letztlich nur brav mitlaufen wie die grauen Herren bei Momo und uns in der Gesellschaftsmaschinerie immer gehetzt, unzulänglich und unzufrieden fühlen.
Die österreichische Sinnforscherin Tatjana Schnell schreibt, dass nur 50 Prozent der Deutschen einen Sinn in ihrem Leben sehen. Diesen Zustand nennt Schnell Sinnerfüllung. Von der anderen Hälfte leben rund 40 Prozent in einem Zustand, den sie existenzielle Indifferenz nennt. Sinn ist für ihr Leben keine relevante Kategorie. Sie vertrauen zum Beispiel Wissenschaft und Technik und glauben nicht, dass ausgerechnet sie etwas bewirken oder verändern können. Weitere rund 10 Prozent leben aktuell in einer Sinnkrise, weil zum Beispiel im Arbeitsleben der Sinn in ihren Tätigkeiten abhandengekommen ist, beispielsweise durch stures Abarbeiten oder durch ein Zuviel an Verantwortung. [54]
Sinn finden, bevor dich dein Leben dazu zwingt
Im letzten Jahr habe ich wahrgenommen, wie immer mehr Menschen um mich herum ab 50 schwer krank geworden sind. Viele von ihnen hatten ihre Träume auf die Rentenzeit verschoben. Manche von ihnen werden diese Zeit niemals erleben. Die meisten geben sich nun durch die Krankheit die Erlaubnis, ein neues Leben nach ihren Maßstäben zu beginnen und sich nur noch um das Wesentliche zu kümmern. Das mag auf den ersten Blick egoistisch erscheinen. In der Begegnung mit diesen Menschen habe ich aber verstanden, wie sie dadurch auch anderen erlauben, sich mit den tieferen Fragen des Lebens zu befassen.
Wie wäre es, wenn wir es nicht so weit kommen lassen, dass uns ein Schicksalsschlag oder eine Krankheit dazu zwingt, ein erfülltes und wesentliches Leben zu leben? Also, lass uns die Ärmel hochkrempeln und hier und heute anfangen. Denn mit jedem Tag, den du aus deiner Essenz und deinem Purpose heraus lebst, verschenkst du dich an die Welt und erinnerst andere daran, dasselbe zu tun.
Da gibt es nicht mehr die oben beschriebene Anspruchshaltung, dass das Leben dir noch x Dinge frei Haus liefern muss, bevor du glücklich und zufrieden sein wirst. Nein, du bist erst glücklich und zufrieden, weil du in deiner Mitte ruhst und setzt dann deine Gaben zum Wohle aller ein. So wird jeder Tag zum Geschenk! – Wenn das Leben dann auch für dich plötzlich sehr überraschend vorbei sein sollte, dann war es wenigstens dein Leben und es war gut. Es gibt kein größeres Vermächtnis, das du der Welt hinterlassen kannst, als dein Leben unter Ausschöpfung deines vollen Potenzials zu leben.
Wie wäre es, wenn du ab sofort Entscheidungen treffen könntest, die zu dir, deiner Persönlichkeit und deinem Wesenskern passen? Die das Beste in dir zum Vorschein bringen? Wie wäre es, wenn du in „Alignment“ lebst, also in Ausrichtung mit dem, was dir wirklich wichtig ist? Und wenn du damit eine leuchtende Spur auf der Welt hinterlässt, die andere Menschen inspiriert, das gleiche zu tun?
Was bräuchtest du dazu? Du müsstest dich wohl etwas tiefer auf dich selbst einlassen, um in Verbindung mit dem zu treten, was dich zutiefst ausmacht. Viele nennen es Seele, ich nenne es hier aus verschiedenen Gründen Essenz. Die Essenz liegt noch unter oder über dem Dreiklang des Sinns, den wir gemeinsam in diesem Buch erarbeiten. Die Essenz gibt einem Parfum seinen einzigartigen Geruch. Deine Essenz prägt deine Einzigartigkeit und mit ihr verbreitest du deinen ganz besonderen Duft in der Welt.
Ich lade dich hier ein, dich auf die Suche nach dieser Essenz, dieser individuellen Zusammensetzung der Schönheit deiner Seele zu machen. Und diese Essenz ist dann die Basis eines Lebens, in dem deine Träume wahr werden. Denn dann sind es nicht irgendwelche Träume, sondern genau deine Träume, die durch dich in der Welt Gestalt annehmen dürfen.
Bist du bereit, den Fragen auf den Grund zu gehen, warum du hier bist und was dein ganz individueller Sinn in der Welt ist? Damit ergreifst du nach meinem Verständnis deine wahre Rolle als Mensch und deine Verantwortung in der Welt. Wir dürfen die Welt mitgestalten und müssen nicht eine Rolle auf der Bühne in der Inszenierung anderer Menschen übernehmen. Keine Partei, kein Unternehmen, keine Glaubensgemeinschaft und keine Familie hat dir zu sagen, wie du träumen und leben sollst.
Du darfst dich selbst auf die Suche nach deinem Eigenen begeben. Die Antworten wird auch niemand anderes als du selbst für dich finden können. Und vermeintlich einfache Antworten, wie sie jetzt wieder populär werden, sind gleichmachende Antworten, die dich zur Marionette degradieren und deine Lebensgestaltungskraft negieren.
Das Wissen um deine Essenz bringt dir Klarheit, Orientierung und ein Gefühl von Zufriedenheit und Erfüllung. Diese großen Vier, wie ich sie gerne nenne, sind genau das, was vielen Menschen heute abhandengekommen ist.
Disclaimer:Wenn du deinen Kern kennst, geht das auch mit Verantwortung einher. Vielleicht gefällt es dir nicht immer, wie dich dein neues Wissen, dein innerer Kompass aus deiner Komfortzone und damit aus deinem immer wieder schlafwandlerischen Leben lockt. Dieser Prozess ist auch nicht umkehrbar, denn dann würdest du dich selbst verleugnen. Du kannst dann nicht mehr zurück in diesen oft kindlich-naiven Zustand, in dem du in den Tag hineinlebst und dich mal hierhin, mal dorthin treiben lässt. Denn damit würdest du dich selbst und deine Lebensaufgabe verraten.
Das Fröhlich-Kindliche kommt übrigens auf eine andere Weise, keine Sorge. Das Leben wird nicht spaßbefreit, wenn du deinen Purpose gefunden hast. Dann wird Spaß zu dauerhafter Freude! – Also, bist du bereit, diesen Schleier zu zerreißen, der zwischen dir und der vollen Wahrnehmung deiner Selbst liegt?
Werde Agent:in deines eigenen Lebens
In der Verhaltenspsychologie sind Agent:innen in der Lage sich selbst und ihr Umfeld wahrzunehmen, um effiziente Mittel-Zweck-Handlungen auszuwählen und durchzuführen. Sie schauen darauf, was dabei in einer gegebenen Situation verfügbar ist, um ein beabsichtigtes Ziel zu erreichen, das in unserem Falle zusätzlich ein sinnorientiertes Ziel wäre. Diese sinnorientierte Handlungsfähigkeit ist die Voraussetzung, sich selbst und Dinge in seinem Umfeld zu verändern. Nun, das hört sich erst mal ganz schön abstrakt an.
Eigentlich heißt das nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass du wieder zum Gestalter, zur Gestalterin deines eigenen Lebens wirst. Wenn du deinen Purpose klar verstanden hast, begibst du dich damit aus der Erdulder- oder Opferrolle, in der sich meiner Beobachtung nach mehr als 60 Prozent der Menschen in unserem Kulturkreis bewegen. Du kennst das deutsche „Muss ja…“. Als Agent:in deines Lebens hast du hingegen die Chance, das meiste aus deinem Leben zu machen.
Die gute Botschaft ist, dass du gar nicht so ein Newbie bist, wie du vielleicht gerade denkst: Dein Purpose hat schon immer die Art und Weise beeinflusst, wie du lebst und handelst. Du warst dir dessen nur nicht bewusst.
In meinen Coachings erfahre ich immer wieder, wie viel Menschen auch schon über sich und ihren inneren Leitstern wissen. Oft ist dieses Wissen aber noch ein wenig diffus und vorsprachlich. So liegt ein Hauptteil meiner Arbeit darin, die richtigen Worte zu finden und eben diesen inneren Stern in voller Klarheit und Schönheit ins Bewusstsein zu holen.
Sprich, es ist sowieso alles schon in dir. Nun geht es nur darum, so mit deiner Intuition zu kommunizieren, dass sie dir die Antworten gibt, nach denen du suchst. Das allerdings ist eine Kunst, deswegen nenne ich den Prozess auch „the Art of Essence“. Wie dieser Diamant dann in einzelnen Facetten funkeln kann, stelle ich dir im Folgenden vor.
Um dich vielleicht noch ein wenig mehr zu überzeugen, dass sich dein Einsatz lohnt, findest du hier die immensen Vorzüge, die ein Wissen um den Sinn deines Lebens mit sich bringt.
Sinn macht glücklicher von innen heraus
Eine britische Studie mit rund 7.300 Testpersonen legt nahe, dass Purpose mit einer höheren Lebenszufriedenheit einhergeht. Eine kleinere Untersuchung mit 77 Teilnehmenden zeigte zudem, dass Menschen, die einen Lebenssinn für sich gefunden haben, seltener Symptome von Depressionen oder Angststörungen aufweisen. [57]
Diese höhere Lebenszufriedenheit lässt sie stärker werden. Und wenn sie wissen, wer sie sind und was sie wollen, können sie ihr einzigartiges Potenzial immer mehr entfalten. Wer seine Talente und Kompetenzen leben darf, fühlt sich nützlich und damit auch glücklicher. Eben mehr im Leben zuhause. Dadurch wirken diese Menschen souveräner und leben mehr aus ihrer Mitte.
Menschen, die ihren Sinn gefunden haben, sind auch dankbarer. Dankbarkeit ist ein wesentlicher Glücksmotor. Über einen gewissen Zeitraum gelebte Dankbarkeit steigert das Urvertrauen. Es fühlt sich gut an, dass das Leben es gut mit einem meint. Wenn das Leben im Fluss ist und vieles gelingt, ohne dass man dafür viel kämpfen muss. Dieses Erleben führt wiederum zu einer stillen Freude. Und die Freude ist dann gar nicht mehr geknüpft daran, dass man im Außen besonders tolle Lebensbedingungen hat. Selbst Menschen, die krank sind, können aus der Kraft des Sinns von innen heraus noch ein zufriedenes Leben führen.
Sinn macht stabiler und krisenfester
Sinnerfüllung geht laut der bereits zitierten Sinnforscherin Tatjana Schnell mit einer höheren Selbstannahme und dem Gefühl einher, etwas in der Welt bewirken zu können. Die psychologischen Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung werden befriedigt.
Sinnerfüllung weist damit einen starken psychologischen Puffer-Effekt auf: Sie hilft dir dabei, dich von schwierigen Ereignissen nicht so leicht umwerfen zu lassen. Wer das Leben als sinnvoll erfährt, fühlt sich geerdet, kennt die Richtung, in die sie oder er gehen will und hat einen Platz auf dieser Welt für sich gefunden. Dies sind gute Voraussetzungen dafür, mit Schwierigkeiten umzugehen. So zeigen sinnerfüllte Menschen eine erhöhte Standfestigkeit. Diese hilft ihnen auch, besser durch Lebenskrisen zu kommen und eine Perspektive zu entwickeln, in der ihre momentanen Schwierigkeiten als nur vorübergehend wahrgenommen werden.
Menschen, die harte, ja traumatische Erfahrungen gemacht haben und die diese als Wachstumsprozess bewerten, der sie ihrem persönlichen Lebenssinn näherbringt, entwickeln Resilienz, also eine Art Lebens-Widerstandsfähigkeit.
Der existentialistische Philosoph Jean-Paul Sartre weist darauf hin, dass die Interpretation unserer Vergangenheit aus dem resultiert, was er unser „grundlegendes Projekt“ nannte – das ist vergleichbar mit unserem Purpose. Menschen mit Purpose bewerten also auch schwierige Erfahrungen ihrer Biografie als „lebensdienlich“ und integrieren sie damit besser und oft auch schneller in ihr Leben als Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern und ihren persönlichen Sinn noch nicht für sich entdeckt haben.
Sinn, das Universal-Medikament
Probanden mit einem starken Lebenssinn schneiden in umfassenden und spezifischen Gesundheitsstudien im Durchschnitt psychologisch und physiologisch besser ab als jene ohne klare innere Orientierung. Die Ergebnislage ist hier sogar richtig verblüffend.
Physiologisch betrachtet ist der Lebenssinn mit einer Zunahme natürlicher Killerzellen verbunden, die Viren und krebsartige Zellen angreifen. Der Lebenssinn steht auch in Verbindung mit einer Verringerung der Produktion von entzündlichen Zellen.
Wer sein Leben lohnenswert findet, ist auch motiviert, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen: sich fit zu halten, sich gesund zu ernähren oder den Suchtmittelgebrauch einzuschränken. Eine Studie aus Großbritannien ergab außerdem, dass sich sinnorientierte Menschen in gesundem Maße bewegten, weniger fern schauten und sich mehr mitKultur befassten. [54]
In einer Langzeitstudie waren Senior:innen mit einem niedrigen Lebenssinn, der nach einem wissenschaftlichen Purpose-Index gemessen wurde, 2,4-mal häufiger von der Entwicklung von Alzheimer betroffen als diejenigen mit einem ausgeprägten Lebenssinn. In einer separaten Studie fand das gleiche Forschungsteam eine langsamere Progression der Krankheit bei denen, die Alzheimer entwickelten und einen hohen Lebenssinn hatten.
Der amerikanische Professor und Pionier für Gesundheitserziehung und Wohlbefinden Victor Strecher lädt uns in seinem Buch „Life on Purpose“ zu folgendem Gedankenspiel ein:
Stell dir vor, es gäbe ein Medikament, das:
einige Jahre lebensverlängernd wirkt
das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls reduziert
dein Alzheimer-Risiko um mehr als die Hälfte senkt
dir hilft, dich tagsüber zu entspannen und nachts besser zu schlafen
deine natürlichen Killerzellen aktiviert
Entzündungen oder degeneriertes Zellwachstum vermindert
dein gutes Cholesterin erhöhen und deine DNA reparieren kann
und als Bonus noch zu besserem Sex beiträgt
… und das alles ohne Nebenwirkungen, bzw. mit dem Nebeneffekt, dass du damit noch einen guten Beitrag für eine bessere Welt leistest!
Stell dir vor, dass dieses Medikament sogar Krankenhausaufenthalte so sehr reduzieren würde, dass es einen Beitrag zur nationalen Gesundheitskrise leisten könnte? [57]
Wir alle würden für ein solches Medikament oder Präventionsmittel viel Geld bezahlen. Gott sei Dank ist es kostenlos. Doch es hat seinen Preis, denn es erfordert ein wenig mehr von dir als nur das regelmäßige Schlucken einer Pille.
Sinn macht beziehungsfähiger und schöner
Zudem ließ sich aus den Ergebnissen der eben erwähnten Studie eine Korrelation zwischen Purpose und einem intakten Sozialleben erkennen: Während Testpersonen mit hohem Sinnempfinden gesunde Beziehungen führten und guten Kontakt zu Freund:innen und Familie pflegten, hatten diejenigen mit einem niedrigen öfter Probleme in der Partnerschaft oder waren einsam. Menschen mit Purpose gewinnen an Ausstrahlung. Sie ziehen Menschen an, die an sie glauben und sie in ihren Zielen unterstützen. Menschen, die ihren Sinn gefunden haben und merken, wie erfüllend dieses Gefühl ist, wünschen sich das auch für andere. Sie wirken oft als Vorbild, auch ohne dass sie zu verbalen „Sinn-Missionaren“ werden müssen.
Jeder Mensch, der ein authentisches, sinnvolles Leben als seinen natürlichen Zustand ansieht, sorgt dafür, dass die Menschen in seiner Umgebung auch so sein dürfen, wie sie sind. Dadurch können sie sich in ihrem höchsten Potenzial wahrnehmen. Sinnerfüllte Menschen spielen keine Ego- und Machtspiele. Sie können einfach sein und fördern andere Menschen, damit diese auch in ihre Größe kommen.
Sinn macht erfolgreicher und wohlhabender
Auch der materielle Wohlstand war bei den Studienteilnehmenden mit stärkerer Sinn-Orientierung tendenziell größer als bei denjenigen ohne Purpose. Meist hatten sie ein höheres Einkommen, mehr Eigentum und finanzielle Rücklagen. Das kommt vermutlich daher, dass sie besser wissen, was sie wirklich wollen. Sie nehmen mehr Einfluss auf ihr Umfeld, können es verbessern, verändern und damit ihre Rahmenbedingungen leichter gestalten. Und sie kennen ihren eigenen Wert. So werden sie effektiver darin, ihr Leben tatsächlich so zu verwirklichen, wie sie es führen wollen. Und oft sind sie damit erfolgreicher als Menschen, die aus anderen Gründen ihre Ziele erfolgen.
Der kalifornische Managementprofessor Morten T. Hansen hat in seinen Studien herausgefunden, dass Angestellte und Manager, die ihre Interessen und Leidenschaften mit ihrem Purpose verknüpften, 18 Prozent bessere Leistungen erbringen und das in deutlich kürzer Zeit. [47]
Sinnsuche ist gerade kein Luxusproblem
Wenn du diese grandiosen Auswirkungen eines sinnerfüllten Lebens liest, könnte der Eindruck entstehen, dass Sinn die Sahnehaube für gut situierte Menschen in einer Wohlstandskultur ist. Vielleicht kennst du die Bedürfnispyramide nach Maslow aus den 70er Jahren? Sie suggeriert, dass erst die Grundbedürfnisse wie Essen und ein Dach über dem Kopf erfüllt sein müssen, bevor sich ein Mensch auf die Suche nach Sinn machen kann. In späteren Arbeiten hat Maslow dann die Ebene von Sinn und Selbstverwirklichung hinzugefügt. In seinen neueren Interpretationen geht es nicht darum, dass erst die unteren Ebenen bedient und erfüllt sein müssen, damit die höheren Ebenen wie ästhetische Bedürfnisse oder Selbstverwirklichung überhaupt hervortreten können. Hier geht es eher darum, wieviel Zeit Menschen mit den Bedürfnissen auf den einzelnen Ebenen verbringen.
Diese neue Interpretation passt dann zu den Erfahrungen Viktor Frankls, des österreichischer Begründers der Logotherapie. Dieser hat seine Erfahrungen in verschiedenen Konzentrationslagern in seinem Lebenswerk geteilt. Gerade für diejenigen, die ihr Leben in existenzieller Bedrohung und am Rande des Existenzminimums führen müssen, ist Hoffnung ein wesentlicher Faktor, der sie weiterleben und schwierige Umstände aushalten lässt. Frankl beobachtete, dass Familien, die keinen Zweck oder keine Vision für das Überleben ihrer Familie hatten, viel schneller auseinandergebrochen sind. Ein Gefühl für den Sinn des eigenen Lebens geht Hand in Hand mit Hoffnung und Überlebenswillen.
Ich denke, es wird höchste Zeit für einen praktikablen Zugang zur Sinnfrage. Wir leben in transformativen Zeiten, das ist schon eine Binsenweisheit. Äußere Sicherheiten lösen sich auf. Die gesellschaftliche Komplexität nimmt zu, es wird immer schwieriger, sich an etwas zu orientieren. Du bist herausgefordert, deine vielschichtige Identität zu managen und sollst dabei auch noch möglichst gut drauf sein. Die sozialen Medien befördern den glücklichen Schein. Sie spielen oft auf Scheinsicherheit innerhalb einer bestimmten Wahrnehmungsblase, in der wir uns ganz gemütlich in unserer Komfortzone tummeln, weil vermeintlich alle in die gleiche Richtung schauen und laufen.
Doch was passiert in besonderen Momenten, wenn wir kurz auf den vorgebahnten Straßen unserer Alltagspflichten, der Freizeitbeschäftigungen oder des Konsums innehalten? Oder wenn wir uns gar bewusst Auszeiten vom Normalleben nehmen? Dann fühlen wir uns, als wären nur wir „neben der Spur“ oder „ewig Zweifelnde“, die auf hohem Niveau jammern. Und dann bekommen wir noch ein schlechtes Gewissen, weil wir doch fast alles haben, was den modernen Menschen angeblich zufrieden machen sollte.
Aber genau das macht die Sinnfrage ja so heikel, dass wir sie als Makel empfinden und uns selbst damit als defizitär. Dabei sind genau das die wertvollen Momente, in denen der „Schleier der Maya“, der unser Alltagsbewusstsein von der Welt dahinter trennt, aufreißt und uns eine Ahnung davon gewährt, dass da noch mehr ist. Dass wir vielleicht auch anders, zufriedener und erfüllter leben könnten. Genau dann, wenn wir die innere Leere nicht überdecken. Wenn wir zulassen, dass wir nicht so genau wissen, wer wir sind und wozu wir eigentlich hier sind. Und genau dann, wenn wir diese Suche nicht gleich mit zu viel Essen, zu viel Film- und Serien-Streaming, zu viel Party, zu viel Sex, zu viel Reisen, zu viel Persönlichkeitsentwicklung, zu viel Esoterik etc. zudecken – dann wird es spannend. Und dann kann die Reise nach innen, zum persönlichen Sinn, beginnen.
Du bist in guter Gesellschaft mit deiner Sinnfrage
Die meisten Menschen auf der Suche nach ihrem Sinn fragen sich:
„Wer bin ich?“
„Warum bin ich hier?“
„Was gibt meinem Leben Sinn?“
„Was will ich hier auf der Welt noch tun“?
Herzlichen Glückwunsch! Das sind doch genau die großen Fragen der Menschheit. Und ja, damit sind auch die größten Ängste vieler Menschen verbunden. Hast du vielleicht auch Angst davor:
… zu sterben, ohne deinen Platz auf der Welt bzw. deine individuelle Bestimmung gefunden zu haben?
… zu sterben, ohne dich als zutiefst sinnvollen Teil unserer Gemeinschaft empfunden zu haben? Also ohne dieses Gefühl von selbstverständlicher Zugehörigkeit zum großen Ganzen gefunden zu haben?
Du siehst, die Dinge, die die meisten Menschen wirklich wollen, sind Zugehörigkeit, Verbundenheit und einen Zweck der Existenz, einen Purpose, eine Lebensaufgabe. Unsere tiefsten Sehnsüchte sind also ziemlich universell.
Wir sehnen uns nach Resonanz
Der Soziologieprofessor Hartmut Rosa hat in seiner Resonanztheorie dieses Phänomen als Krise des modernen Menschen beschrieben:
Einerseits sehnen sich Menschen zutiefst nach dieser Resonanz mit der Welt, indem gelingende Beziehungen entstehen und sie die eben beschriebene Sinnerfahrung für sich machen können. Andererseits erleben wir alle heute eine gewaltige Beschleunigungserfahrung durch das permanente „höher, weiter, schneller“ unseres Wirtschafts- und Gesellschafts systems.
Vielleicht fühlst du dich auch immer wieder von einer der drei Krisen der Moderne belastet, ohne es bisher genau formulieren zu können:
Zur ökologischen Krise kam es, weil wir nahezu alle unendliche Konsum- und damit Produktions-Steigerungen erwarten, trotz der Endlichkeit natürlicher Ressourcen.
In der politischen Krise können die eher langsamen demokratischen Prozesse schon viele Jahre nicht mehr Schritt halten mit den rasanten technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. In dieser Unsicherheit machen sich dann radikale Stimmen breit, die vermeintliche Sicherheit versprechen oder das Rad in die „guten alten Zeiten“ zurückdrehen wollen.
Hinzu kommt die durch die beiden anderen Krisen unterstützte psychische Krise des westlich orientierten Menschen, der von der Komplexität der Welt und ihren Veränderungsprozessen überfordert ist und sich erschöpft ins Private zurückzieht.
Rosa bezeichnet das, was wir derzeit erleben, als „pathologische Weltbeziehung der Subjekte und der Gesellschaft als ganzer“. Das ist gerade das Gegenteil vom oben beschriebenen Zugehörigkeitsgefühl, durch das wir uns in der Welt zuhause fühlen.
Verrückt ist nur, dass wir ja heute so viele materielle und auch geistige Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten haben wie nie zuvor. Aber auch eine gute Ressourcenausstattung garantiert laut Rosa kein gelingendes Leben. Das sehen wir daran, dass sich die Sinnfrage durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Menschen stellen sich die Sinnfrage unabhängig von Bildungsgrad und Füllung des Bankkontos. [50]
Nach Rosa sind wir also ständig damit beschäftigt, unsere Ressourcenlage zu optimieren; viele von uns wollen einen nächstmöglichen, noch besseren Karriereschritt austüfteln oder gesünder, fitter und attraktiver werden, um damit Anerkennung zu generieren, mit der wir hoffen, unser Beziehungsnetz zu erweitern. Leider führen diese Bestrebungen nicht zum eigentlichen Ziel, uns gut in der Welt zu fühlen und gerne zu leben.
Nun, was machen wir verkehrt? Rosas These ist, „(…) dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung.“
Übersetzen wir das mal. Was bedeutet das im Alltag? Weltaneignung geschieht dann, wenn wir uns ganz einer Sache hingeben: wenn wir ein Brot backen, mit unserem Kind spielen ohne aufs Smartphone zu schauen oder zu telefonieren oder wenn wir einen Waldspaziergang mit allen Sinnen erfahren.
Alles, was wir dann tun, hat schon einen Zweck an sich. Wir machen das nicht als Mittel zum Zweck, also nicht, damit unsere Freunde uns toll finden, weil das Sauerteigbrot uns so gut gelungen ist, damit unser Kind die Mama toller findet als den Papa oder weil wir gelesen haben, dass Waldbaden cool ist und unseren Spaziergang auf Insta posten wollen.
Wenn wir also hautnah mit der Welt und dem, was wir tun, leben – ohne Ganzkörperkondom, wie es der Coach und Lehrer Veit Lindau einmal gesagt hat – dann entsteht ein „vibrierender Draht“ zwischen uns und der Welt. Rosa nennt das auch ein „anschmiegsames Weltverhältnis“. So erleben wir die Welt als „saftig“, als erregend und spannend. Dieses Grundgefühl geht dann meist mit der Erfahrung einher, dass das Leben es gut mit uns meint. Dass wir in ihr geborgen sind und dass die Welt uns trägt.
Leider erleben sich die meisten Menschen heute gestresst im Hamsterrad des Alltags. Statt der oben beschriebenen „Weltaneignung“ erfährst auch du vielleicht Folgendes:
Allein durch den ganz normalen Alltagssstress bist du die meiste Zeit deines Tages im „Fight-, Flight- oder Freeze-Modus“, bei dem archaische Gehirnstrukturen aktiviert sind. In diesem Modus kannst du leider nicht auf deine kreativen Gehirnpotenziale zugreifen. Dabei würden diese es dir ermöglichen, mal etwas anders zu machen als du es immer tust.
Und in diesem Modus erlebst du die dazugehörigen Gefühle: Du fühlst dich aggressiv oder ängstlich; reaktiv und distanziert oder emotional aufgewühlt; leer, erstarrt oder ganz und gar durch den Wind.
Du schaffst es nicht, deinem Leben den von dir gewünschten Dreh zu geben. Das siehst du an deinen Silvestervorsätzen, in denen du vielleicht schon seit Jahren dasselbe aufschreibst. Oder du schaffst ganz viel, du optimierst dich systematisch, doch das erwartete Glücksgefühl bleibt immer noch aus.
