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Stabil werden für den Alltag Dieses praxisorientierte Standardwerk für die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist auch in der aktualisierten Neuauflage ein Buch für all jene, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dabei helfen wollen, angesichts vielfältiger Alltagsanforderungen stabil zu werden und mit den erlittenen Verletzungen umgehen zu lernen. Im aktualisierten theoretischen Teil werden Erkenntnisse aus Traumatheorie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften leicht verständlich zusammengefasst. Im umfangreichen Übungsteil stehen Selbstfürsorge, Hier-und-jetzt-Bezug und die ressourcenorientierte Einordnung des Erlebten im Mittelpunkt. Die Methoden werden: - in Einzelschritten erklärt, - durch Transkripte veranschaulicht und - für die Arbeit mit unterschiedlichen Altersstufen, interkulturellen Anforderungen und kognitiv-sprachlichen Vereinfachungen erläutert.
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Seitenzahl: 1115
Veröffentlichungsjahr: 2023
Lydia Hantke & Hans-Joachim GörgesHandbuch TraumakompetenzBasiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik
Stabil werden im Hier und Jetzt
Dieses praxisorientierte Standardwerk für die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist auch in der aktualisierten Neuauflage ein Buch für all jene, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dabei helfen wollen, angesichts vielfältiger Alltagsanforderungen stabil zu werden und mit den erlittenen Verletzungen umgehen zu lernen. Im aktualisierten theoretischen Teil werden Erkenntnisse aus Traumatheorie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften leicht verständlich zusammengefasst. Im umfangreichen Übungsteil stehen Selbstfürsorge, Hier-und-jetzt-Bezug und die ressourcenorientierte Einordnung des Erlebten im Mittelpunkt.
Die Methoden werden:
in Einzelschritten erklärt, durch Transkripte veranschaulicht und für die Arbeit mit unterschiedlichen Altersstufen, interkulturellen Anforderungen und kognitiv-sprachlichen Vereinfachungen erläutert.Lydia Hantke, Dipl.-Psych., systemische und Hypnotherapeutin, Traumatherapeutin, Supervisorin. 2002 Gründung von institut berlin. Entwicklung der Curricula Ressourcenorientierte Traumapädagogik / Traumazentrierte Fachberatung und Traumasensible Supervision.
Hans-Joachim Görges, Dipl.-Psych., systemischer und Hypnotherapeut, Traumatherapeut. Seit 2005 freiberuflich im institut berlin. Therapie, Weiterbildung und Supervision.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2012 2., überarbeitete Auflage 2023
Illustrationen: Kai Pannen und Denies Waldeck
Coverfoto: © nonglak – AdobeStock
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2023
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0390-2
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0391-9 (EPUB), 978-3-7495-0392-6 (PDF).
Für Gunther Schmidt, der aus systemischem Denken und Hypnotherapie etwas völlig Neues geschaffen hat. Vielleicht kann dieses Buch ein wenig von dem vermitteln, was Ressourcenorientierung im hypnosystemischen Denken heißt und wie es Basis für die Traumabewältigung sein kann.
Dank dir!
Für die traumatheoretischen Grundlagen und Denkanstöße sei hier einmal den Großvätern gedankt: Ohne Pierre Janet und Morton Prince hätten wir den Gedanken der Dissoziation wohl weiter verdrängen müssen.
Dank auch all denen, die uns bei Entwicklung und Formulierung der Ideen, Techniken und Modelle über die Jahre hinweg mit fragenden Gesichtern und irritierten Kommentaren geholfen haben: Klient*innen, Kolleg*innen in Zusammenarbeit, Weiterbildungen und Supervisionen, Freund*innen und Tochter!
Kennen Sie das? Sie hatten schon lange vor, Ihr Wohnzimmer zu renovieren, und jetzt ist es so weit. Sie nehmen alles, was da steht und liegt, in Ruhe in die Hand, schauen es an, überlegen, ob Sie es behalten wollen und wo der richtige Ort dafür wäre. Wälzen Einrichtungskataloge und die neuesten Farbtabellen. Und ehe Sie sich’s versehen, finden sich in der ganzen Wohnung kleinere und größere Stapel, ist nirgendwo mehr Platz oder Stauraum, der von der Aktion unbeeinflusst bliebe. Am Ende ist das meiste wieder untergebracht, vieles davon an anderen Orten. Einiges haben Sie entsorgt und bei der Gelegenheit auch die ein oder andere Neuanschaffung gewagt.
Ein bisschen ist es uns so ergangen bei dem Unterfangen, dieses Handbuch „zu renovieren“, es auf den neuesten Stand zu bringen und die Veränderungen aus der Praxis einzubauen. Immerhin sind zehn Jahre vergangen, seit wir dieses Buch mithilfe unserer wunderbaren Lektorin Heike Carstensen in die Regale gestellt haben.
Lassen Sie uns mit dem anfangen, was sich nicht verändert hat: die Grundlagen und das Verarbeitungsmodell. Der Versuch, die komplexen Mechanismen von Verarbeitung und Nichtverarbeitung belastender Erfahrungen mit ihren ganz unterschiedlichen Folgen in einer Sprache darzustellen, die zum Mitdenken einlädt. Die Konsequenzen für die Praxis daraus zu ziehen und zu beschreiben. Schließlich die von uns genutzten Übungen so anschaulich darzustellen, dass Sie sie direkt in Ihrer eigenen Arbeit einsetzen können.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber viele Bedingungen und Erkenntnisse sind ähnlich geblieben. Vor zehn Jahren lagen die Kriege im ehemaligen Jugoslawien hinter uns, Flucht und Kriegshintergründe gewannen langsam an Bedeutung. Diskriminierung nicht mehrheitsfähiger Identitäten und Überzeugungen ebenso wie die Abwertung von alten, behinderten, kranken und sozial weniger mobilen Menschen waren und sind an der Tagesordnung. Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus und Sexismus, sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern, Frauen und zunehmend auch Männern, häusliche Gewalt in allen Bevölkerungsgruppen, Ausgrenzung von Menschen mit emotionalen und kognitiven oder sprachlichen Schwierigkeiten waren und sind Anlass unserer Arbeit und dieses Buches. Die Liste der Menschen und Gruppen, die Vernachlässigung, Anfeindungen und Übergriffen ausgesetzt waren und sind, ließe sich leider sehr lange fortsetzen. Sie wurde durch die Kriege in Syrien, im Irak und immer wieder in Afghanistan, durch die neokolonialistischen Strategien gegenüber Ländern auf dem afrikanischen Kontinent und durch die repressive Einwanderungspolitik der europäischen Staaten im letzten Jahrzehnt um eine sehr große Gruppe erweitert: Menschen, die ihr Hab und Gut, ihre Liebsten und ihren vertrauten Lebensraum ebenso verloren haben wie Vertrauen, Glauben und Hoffnung. Anfang 2016 gestalteten wir eine Webseite mit Informationen rund um die Verarbeitung belastender Erfahrungen und Selbstfürsorge (nicht nur) für die Ehrenamtlichen in der Begleitung von schwer belasteten geflohenen Menschen: https://be-here-now.eu. Bei Erscheinen dieses Buches werden Hunderttausende, hauptsächlich Kinder und Frauen aus der Ukraine und woher noch (?), in diesem Land hoffentlich ein gutes Zuhause gefunden haben. Ihnen allen ist dieses Buch gewidmet.
So bedauernswert die fortdauernde Notwendigkeit unserer Arbeit ist, so tröstlich ist es für uns als Autor*innen, dass die grundlegenden inhaltlichen Aussagen dieses Buches weiterhin Bestand haben. Die Traumatheorie hat sich bewährt; sie wurde und wird im Detail hier und da modifiziert, aber es sind – für die alltagspraktischen Modelle – keine wesentlichen Veränderungen notwendig. Im Alltag gibt es Wichtigeres als die Rolle des periaquäduktalen Grau oder die Diskussion um Spiegelneuronen.
Worum also geht es in diesem Buch? Was ist geblieben, was hinzugekommen? Es geht – wie schon vor zehn Jahren – darum, die Grundlagen der Verarbeitung darzustellen, die durch die Konfrontation mit zu hohen Belastungen unterbrochen wird. Es geht darum aufzuzeigen, dass diese Unterbrechung und die nicht erfolgte Verarbeitung Konsequenzen hat: ungewollte Erinnerungsfragmente, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, Verunsicherung in Beziehungen, Panikattacken, Herzrasen, wandernde Schmerzen etc. Zu beschreiben, dass sie allesamt die Folge davon sind, dass unsere Reaktion im Notfall der eines Säugetiers entspricht, die bewusst handelnde Denker*in zu langsam ist und deshalb nicht einbezogen werden kann. Was sich daraus ergibt, erscheint uns – und hoffentlich auch Ihnen nach der Lektüre – logisch. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen geschaffen und aufrechterhalten werden, die dem ganzen Menschen helfen zu verarbeiten. Ob es nun um die neuen Anforderungen des Alltags oder die nicht verarbeiteten vehementen Emotionen (Janet) aus dem traumatisierenden Erleben geht.
Schon in der ersten Auflage waren uns der Hier-und-jetzt-Bezug, die immer neue Reorientierung, das Verankern in der geteilten Gegenwart wesentlicher Grundsatz für die Ermöglichung einer angstreduzierten Neuorientierung der Menschen, mit denen wir arbeiten. Die zentrale Stellung der eigenen Präsenz ist uns in den letzten Jahren – auch in der Arbeit an den Büchern Ausgangspunkt Selbstfürsorge und Traumasensible Supervision – immer deutlicher geworden.
Stärker noch als in der ersten Auflage stellen wir Ihnen deshalb das Hier und Jetzt als Grundlage der Zusammenarbeit vor, als gemeinsam überprüfbaren und beschreibbaren Raum, der eine Abgrenzung zum nicht verarbeiteten Grauen ermöglicht. Zu allererst betrifft dies uns Profis oder ehrenamtlich Helfenden selbst: die eigene Verankerung im Hier und Jetzt, die Regulierung der eigenen Spannung. In der immer wieder neuen Reorientierung werden wir zum präsenten, transparent arbeitenden und damit berechenbaren Gegenüber, das unsere Klient*innen brauchen, um sich stabilisieren zu können.
Auch für uns ist das ein kleiner Paradigmenwandel, den wir vor zehn Jahren noch nicht zu setzen wagten. Es ist von zentraler Bedeutung, wie wir uns als Profis in den Kontakt begeben. Was in der therapeutischen Arbeit eine lange Geschichte hat, ist vor dem Hintergrund der Dissoziationstheorie nun auch für die Pädagogik und Beratung beschreibbar. Wir können unsere Präsenz im Hier und Jetzt von alten Spannungen und Emotionen bereinigen und bilden dann – ganz im Sinne eines Sicherheit vermittelnden erwachsenen Säugetiers – den Anker für einen neuen Ausgangspunkt im Hier und Jetzt.
Wir beschreiben deshalb – als Erweiterung der traumapädagogischen Standards – in diesem Buch trauma- und krisensensible Standards, die dem dissoziationstheoretischen Denken der neueren Traumatheorie Rechnung tragen. Es geht darum, als Grundlage für traumasensibles Handeln den Ausgangspunkt im Hier und Jetzt zu gewährleisten, auf die (eigene) Spannungsregulierung zu achten, Dissoziation durch Distanzierung zu ersetzen und vor jeder Inanspruchnahme der Denker*in – etwa im Einfordern von Regeln oder partizipatorischem Handeln – dafür Sorge zu tragen, dass der Säugetierkörper den Alarmzustand verlassen kann und Häschen und Denker*in gemeinsam an Bord sind.
Wir haben also, um das Bild vom Anfang wieder aufzunehmen, eine Wand des Wohnzimmers neu grundiert, und im Regal stehen frisch gebundene Bücher und überarbeitete Handwerkszeuge. Völlig neu sind, neben den Standards und dem Kapitel zum Hier-und-jetzt-Bezug, drei Übungen, die inzwischen aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken sind: Abstandhalter, Gefühle gut versorgen und die Ressourcendusche bzw. der Ressourcenrahmen. Der Wohlfühlzustand ist zum Zielzustand geworden, die empathische Zeugin heißt verständlicher jetzt einfach Profi-Position. Alles andere ist geblieben, wenn auch entstaubt und neu sortiert, vieles umformuliert und in anderen Fächern als zuvor.
Nun sind wir gespannt, was Sie zu diesem Buch sagen, das Sie wieder oder zum ersten Mal in der Hand halten. Über Rückmeldungen freuen wir uns sehr und wünschen Ihnen Spaß und Erkenntnisgewinn bei der Lektüre und hoffentlich auch Lust zum Ausprobieren.
Berlin im Mai 2022
Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges
Geben wir es ruhig offen zu: Wir können uns normalerweise so kompetent fühlen, dass wir glauben, wir hätten schon alles gesehen, könnten alles bewältigen, kämen mit allem klar, privat wie beruflich. Aber wenn uns jemand begegnet, der oder die am Ende mit den Nerven ist, reglos vor sich hinstarrt, zusammengekrümmt daliegt oder gar ausrastet, haltlos weint oder schreit und dabei sich oder andere verletzt – dann sind wir hilflos. Was sollen wir dann bloß machen? Privat werden sich viele wegducken oder hilflos irgendetwas versuchen, in der Hoffnung, es möge helfen. Doch wer als Profi täglich mit solchen emotional instabilen Personen umgehen muss, der oder die muss sich etwas einfallen lassen und das möglichst klar, ruhig und bestimmt auch tun. Dabei sind Profis ebenfalls oft hilflos – und nicht selten täuschen sie Sicherheit nur vor. Tatsächlich gehen sie innerlich entweder ganz weit weg und / oder werden zynisch, beschuldigen (zumindest innerlich) den außer Kontrolle geratenen Menschen, selbst schuld zu sein an seinem Zustand. Oder sie werden selbst sehr aufgeregt und als Konsequenz überengagiert, „stülpen“ sich über die Betroffenen, drängen ihnen alle möglichen guten Ratschläge auf, hantieren irgendwie herum – und klagen nach einer Weile über die Undankbarkeit der Menschen bzw. über eigene Burnout-Symptome.
Nicht, dass wir das nicht alle auch schon einmal (oder mehrmals) so getan hätten; niemand – auch kein Profi – ist gefeit vor solchen Reaktionen. Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Erstarrung, das Bedürfnis zu flüchten, das Gegen-an-Kämpfen gegen das drohende Unheil bzw. das Sich-Ergeben in die anscheinend aussichtslose Situation, das alles kennen wir deshalb, weil es Bestandteile von Hochstress-Situationen sind, und wir haben so gut wie alle solche Situationen tatsächlich am eigenen Leibe schon erlebt. Wenn wir nun Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen begegnen, die selbst ihre schlimmen Erfahrungen nicht im Griff zu haben scheinen und daher „außer sich“ sind, werden wir versucht sein, entweder dasselbe zu fühlen wie sie oder uns innerlich möglichst weit weg davon zu bewegen, aus Selbstschutz. Privat mag Vermeidung ja möglich sein. Beruflich können alle, die im Sozial- und Gesundheitswesen sowie im pädagogischen oder Justizbereich arbeiten, sich jedoch nicht vor Herausforderungen ans eigene sichere und beruhigende Handeln schützen. Und wer fachlich mit traumatisierten – also mit unaushaltbarem Hochstress in Kontakt gewesenen – Menschen arbeiten will oder muss, kommt gar nicht darum herum, sich mehr Kompetenz im Umgang mit diesen KlientInnen bzw. PatientInnen anzueignen.
Das vorliegende Buch ist dazu eine wunderbare Gelegenheit. Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges haben ein enorm praktisches, sehr gut geschriebenes Handbuch verfasst, das theoretische Zusammenhänge anschaulich erklärt und zahlreiche, direkt umsetzbare und verständlich erläuterte Übungen enthält. Beim Lesen des Theorieteils kam mir das Ausdruckspaar „Denker*in“ (für das beobachtende und bewertende Großhirn) und „Häschen“ (für die Reaktionen von Angst und Flüchten bis Schockstarre) etwas seltsam vor; aber mit der Zeit und weiterer Lektüre konnte ich mir gut vorstellen, dass besonders Kinder und Jugendliche mit diesem „Paar“, das möglichst oft zusammengebracht werden sollte, damit der eine das andere beschützen und abschirmen kann, etwas anfangen können. Denn das ist ja das Dilemma derjenigen, die so oft „außer sich“ sind: Dass sie in ihrem Alltags-Ich (Denker) sagen würden: „So etwas würde ich nie (wieder) tun.“ Um es dann in einem Zustand von Not bzw. äußerstem Stress („Häschen“) doch wieder zu tun – weil die „Denker*in“ dann keinen Einfluss auf das „Häschen“ hat, wenn der Stress zu groß ist oder eine Situation eintritt, in der der „Denker*in“ alles egal ist, etwa weil sie sich zu erschöpft fühlt. Mit anderen Worten: Wer Erfahrungen von extremem Stress noch nicht gut verarbeitet hat, neigt dazu, in Zuständen von Übererregung oder Untererregung das eigene Alltags-Ich auszuschalten; und wenn dann das Säugetier- oder gar das Reptilienhirn regiert (archaische Reaktionen wie Kampf, Flucht, Starre, Aufgeben), hat das Großhirn nichts mehr zu melden. Wenn dieses sich dann wieder einschaltet, ist es meist zu spät. Die Dummheit ist gemacht, der Ausraster hat stattgefunden, der Kummer ist groß, das Selbstwertgefühl hat den nächsten Dämpfer bekommen. Nur wer kein Gewissen hat, also keine Fähigkeit zum Mitgefühl, dem wird das egal sein; oder er wird es sogar gut finden, gelegentlich „Dampf abzulassen“ – etwa wenn er Täterschaft vor sich selbst als „Notwehr“ rechtfertigt. Chronisch traumatisierte Menschen kennen die Dualität zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Klugheit und Ausrasten, Nachdenken und Nichts-mehr-denken-Können, Mitgefühl und Hass nur allzu gut, sie ist Bestandteil ihres täglichen Lebens. Grund dafür sind die noch nicht integrierten, nicht verarbeiteten, oft zahlreichen und vielleicht schon früh gemachten Erfahrungen von unaushaltbarer Not und Verzweiflung, die zum inneren Um- und Abschalten zwangen – mit anderen Worten: Grund ist der unverarbeitete traumatische Stress.
Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges sind beruflich in ihrem institut berlin damit beschäftigt, KlientInnen zu begleiten, sich selbst zu helfen. Und sie haben viel Erfahrung darin, KollegInnen fortzubilden, nicht nur PsychologInnen oder ÄrztInnen; sondern auch LehrerInnen, SozialarbeiterInnen, Pflegekräfte, SeelsorgerInnen oder Polizisten – also Berufsgruppen, die gar nicht therapeutisch arbeiten, sondern möglichst pragmatische Hilfen an die Hand brauchen, um kurz- oder mittelfristig ihren Schutzbefohlenen Anleitungen zur Selbsthilfe geben zu können.
Das vorliegende Handbuch bietet ein breites Spektrum solcher Interventionen, von kurzen Reorientierungsanleitungen über die Möglichkeiten der Distanzierung von Schrecken bis zur Arbeit an inneren Konflikten. Hantkes und Görges Einfallsreichtum und Pragmatismus sind bewundernswert; oft genügen einfache Materialien und klare Anleitungen, um Interventionen zu beschreiben, die sich als ausgesprochen hilfreich erwiesen haben. Sehr gut gefallen haben mir zum Beispiel das „Ressourcenbarometer“ und die „Bonbonaufstellung“. Ersteres bietet nach dem kurzen Einüben den Betroffenen jederzeit – auch zu Hause – die Möglichkeit, sich in Zuständen von geistiger und körperlicher Not „neutrale bis positive“ Alternativzustände innerlich herbeizuholen; Letztere stellt eine, vielleicht sogar vergnügliche, Möglichkeit dar, sich das sogenannte „soziale Atom“ (Wer ist mir wie nahe, und wie nah oder fern will ich die Menschen um mich herum eigentlich haben?) mithilfe unterschiedlichster Bonbons klarzumachen – wobei man das hergestellte „Bild“, also die Bonbons, hinterher aufessen kann.
Der freundlich-nüchterne Ton, die vielen guten Ideen und die klar verständlichen Erläuterungen machen dieses Handbuch zu einem sicher für alle im Sozial- und Gesundheitswesen Arbeitenden äußerst praktischen Nachschlagewerk – und auch Betroffene sowie Angehörige und Berufsgruppen, die nur am Rande mit traumatisierten Menschen Kontakt haben oder selten eingreifen müssen, können von den vielen guten Ideen und Erklärungen profitieren. Ich gratuliere den beiden Autoren und wünsche dem Buch zahlreiche interessierte LeserInnen.
Michaela Huber
Dezember 2011
Kennen Sie das? Der Junge in der Notaufnahme rastet permanent aus, und Sie wissen nicht mehr, wie Sie die anderen Kinder vor ihm schützen sollen. Natürlich ist er traumatisiert, sein Vater hat ihn regelmäßiger geschlagen, als es Essen gab. Aber was hilft Ihnen das? Soll er doch in die Therapie! Aber Sie finden ja noch nicht mal einen Heimplatz für ihn. Was tun?
Die junge Frau ist noch nicht lange in Deutschland, sie hat zwei Kinder, alles andere ist im Krieg geblieben. Es gibt viel Geschrei in der Unterkunft, und vermutlich schlägt sie auch manchmal zu. Was sollen Sie tun? Es ist sicher nur der Stress des Erlebten, der unsicheren Zukunft, aber die Kinder leiden sichtlich an dem Hin und Her der Emotionen. Eigentlich ist das Kindeswohlgefährdung, aber wo sollen sie denn alle hin?
Die junge Frau sitzt Woche für Woche mit frischen Schnittwunden in der Beratung. Sie war schon in der Psychiatrie, aber die Gruppenarbeit dort hat alles noch viel schlimmer gemacht. Sie kommt regelmäßig, das ist schon viel. Aber die Hilflosigkeit aufseiten der jungen Frau und bald auch schon bei Ihnen ist kaum auszuhalten.
Mera ist im Heim groß geworden, dort war es nicht nur gut. Nun begleiten Sie sie im Einzelwohnen. Aber es gibt immer wieder Situationen, die sie überfordern: mit den Kolleg*innen klarzukommen, einen Antrag zu stellen, die Amtspost zu öffnen. Sie reagiert dann ängstlich und zieht sich zurück. Manchmal kann sie sich kaum mehr bewegen, sitzt wie erstarrt in der Ecke. Wenn Sie sie nach draußen holen wollen, wird alles nur schlimmer.
Dies ist ein Buch für die Praxis der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Es ist ein Buch für all jene, die Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen dabei helfen wollen, sich in der Vielfalt der Alltagsanforderungen zurechtzufinden und stabil zu werden für einen Umgang mit den erlittenen Verletzungen. Ein Buch für die Menschen, die herausfinden wollen, was die Betroffenen gelernt haben aus all dem, was hinter ihnen liegt – die neugierig sind auf die Stärken, die im Überleben entstehen, und auf die unterschiedlichsten Arten von Kraft, die sich in den ganz eigenen Formen von Weiterleben zeigen. Es ist ein Buch für jene, die wissen wollen, wie sich Erfahrungen, die ein Mensch zwar überleben, aber nicht so einfach verarbeiten kann, auf das Verhalten und die Beziehungen auswirken. Und vor allem für jene, die versuchen wollen, auch dort, wo es scheinbar sehr schwierig ist, weiterzumachen und mit den Betroffenen zusammen nach Auswegen zu suchen.
Wir wollen Berater*innen ansprechen und Pädagog*innen, Erzieher*innen und Lehrer*innen, Pflegekräfte, Einzelfallhelfer*innen, Therapeut*innen, Vollzugshelfer*innen und Polizeibeamt*innen, Notfallseelsorger*innen. Menschen, die mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen arbeiten, die ganz unterschiedlich intelligent oder begabt sein dürfen. Das können allein reisende Flüchtlingskinder sein, eine ältere Frau in der Beratungsstelle, ein Jugendlicher, den Sie in der Psychosomatik kennenlernen und der noch nicht so recht weiß, wer er ist, ein Mann, der vergewaltigt wurde oder eine Frau, die aus dem Krieg kommt, ein Mädchen in einem Kinderheim, ein junger Mann in der Behindertenwerkstatt – für alle werden Sie hier etwas finden. – Wie das?
Dies ist ein Buch über die grundlegenden Prozesse, die in der Traumatisierung passieren und für eine Stabilisierung wichtig sind. Über all jene Aspekte, die damit zu tun haben, dass sich jemand wieder im Alltag orientieren kann. Dass er teilnehmen, Beziehungen aufnehmen kann und nutzen lernt, was er hinter sich gelassen hat. Dass sie überprüfen kann, wo sie hinwill oder erst einmal ein erstes Ziel findet. Dass sie herauszufinden lernt, wie ein gutes Gefühl sich anfühlt und immer wieder herzustellen ist. Sie können hier lesen, wie mensch sich Erinnerungen vom Leib hält und wieder schlafen kann. Wie frau sich abgrenzt und mit anderen in Kontakt geht. Wie frau überprüft, ob einem gut tut, was frau tut. Wie man Interessen, Fähigkeiten, Vorlieben, Wünsche, Visionen, Vorbilder und Hoffnung – Ressourcen – finden, sammeln und nutzen kann.
All das braucht eine Basis, einen Ausgangs- und Bezugspunkt. Wir haben für Sie zusammengefasst, was Traumatheorie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften für die Arbeit mit traumatisierten Menschen zu sagen haben. Dafür haben wir seit vielen Jahren alles uns verfügbare Wissen immer wieder gesiebt und geschüttelt – um herauszufinden, was hängen bleibt: Was man sich noch merken kann, wenn man vor einem Kind steht, das nicht mehr anwesend zu sein scheint, fast ohnmächtig wirkt. Wenn die Anruferin fordert, schreit, Drohungen ausstößt. Wenn der Mann drängt, dass er keinen Ausweg mehr weiß. Wenn der Achtjährige droht, das Zimmer zu zerlegen. Wenn Sie nur noch ganz wenig Zeit mit der Jugendlichen haben, bevor der Amtsarzt kommt und sie zwangsweise in eine Klinik einweist.
Herausgekommen ist ein ziemlich einfaches Modell, das Sie als Schablone über Ihre Fragen, Ihr Wissen und die Anforderungen der Situation legen können. Was Sie damit schneidern, könnten passgenaue Techniken für jede einzelne Klientin und jeden einzelnen Klienten sein – in Traumaberatung, -pädagogik und -therapie.
Zum Inhalt
Das zentrale Anliegen dieses Buches ist, Ihnen einen Leitfaden zu geben, der eine Orientierung in Stabilisierung und Begleitung sein kann. Dafür braucht es eine einfache Möglichkeit, darzustellen, was in der Traumaverarbeitung passiert, und eine Handhabe dafür zu entscheiden, mit wem Sie welche Übungen wann und wie anwenden können.
Teil I: Zunächst stellen wir Ihnen im ersten Kapitel unsere eigenen Hintergründe vor, die unsere Auswahl bestimmen. Im zweiten Kapitel folgt ein Überblick, wie unser Gehirn und unser Körper sich entwickeln, wenn alles gut läuft. Nur dann, das beschreiben wir im dritten Kapitel, lässt sich auf der Grundlage von förderlicher Bindung und Vertrauen lernen, wie mensch sich selbst trösten und beruhigen kann – und wahrnehmen lernen, was in anderen vorgeht. Nun können wir im vierten Kapitel einordnen, wie mensch sich Traumatisierung und ihre Folgen aus der Notfallreaktion erklärt, was das mit unserer Körperspannung zu tun hat und welche Folgen es für Gedächtnis und Selbstwahrnehmung hat. Im fünften Kapitel schlagen wir Ihnen als Konsequenz für die Praxis und grundsätzliche Haltung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen eine durchgehende Ressourcenorientierung im Hier und Jetzt vor – anders kann mensch eigentlich gar nicht arbeiten, wenn mensch die traumatheoretischen Grundlagen beherzigt. Dazu gehören zunächst ein etwas anderes Verständnis von Stabilität und eine Beschreibung des Anwendungsbereichs der Erklärung der Notfallreaktion und ihrer Folgen. Grundlegend finden wir zudem die Ansätze von Bruce Perry und Kolleg*innen, die wir in Vorschläge der Arbeit mit frühen Traumatisierungen umgesetzt haben. Zu den Grundsätzen im Umgang mit traumatisierten Menschen gehören natürlich auch Auftragsorientierung und die Berücksichtigung des Systems, in dem sich die Beteiligten bewegen. In diesem Zusammenhang stellen wir Ihnen unser Trauma-Viereck und dessen Auflösung vor. So können Sie überprüfen, in welche misslichen Positionen Sie und Ihre Klient*innen oft rutschen. Und weil Sie die allererste Person sind, auf die Sie in der Arbeit mit Menschen achten sollten, folgt als Abschluss ein Abschnitt über Selbstfürsorge. Da können Sie die gelernten Prinzipien schon einmal auf sich selbst anwenden und einige grundlegende Übungen ausprobieren, bevor Sie sich an Klient*innen versuchen.
Als letzte Konsequenz für die Praxis haben wir trauma- und krisensensible Standards formuliert, mit deren Hilfe wir die grundlegenden Prinzipien unserer Arbeit auf der Basis des bis dahin Beschriebenen zusammenfassen.
In Teil II, unserem Hauptteil, wollen wir Ihnen die Übungen vorstellen. Wir beginnen mit einigen allgemeinen Ausführungen zur Durchführung: Da kommt in Kapitel 6 zur Sprache, wie wichtig Ihre eigene Präsenz, die Transparenz im Vorgehen und die gemeinsame Abstimmung mit den Klient*innen sind und wir geben Ihnen erste Anhaltspunkte dafür, wie Sie passende Übungen finden. Wir geben Ihnen Anregungen für die Durchführung, erörtern Fragen wie Körperkontakt, Bewegung, Anfang und Ende oder den zeitlichen Umfang der Übungen. Wir stellen einige generelle Empfehlungen für die Arbeit mit Gruppen traumatisierter Menschen vor und widmen uns danach ausführlich einer wichtigen Vermittlungsebene zwischen Klient*innen und Behandler*innen: In der Thematisierung von Sprache greifen wir auf die Erkenntnisse aus Hypnotherapie und NLP zurück.
Im Anschluss folgen die Übungen (Kapitel 7 bis 13), die wir in sieben Bereiche einteilen: Da sind zunächst die Techniken, mit denen Sie sich und Ihre Klient*innen im Hier und Jetzt orientieren und dafür sorgen, dass Sie während des gesamten Kontaktes überprüfbar geerdet sind (Kapitel 7). Danach geht es darum, auch der Denker*in Möglichkeiten der Einordnung zu geben (Kapitel 8). Kapitel 9 bietet wichtige Hilfen zur Unterscheidung von damals und heute, zur Orientierung in der Zeit. Dies ist die Grundlage für die Kontrolle von Flashbacks und die Ausbildung eines bewusst zugreifenden Gedächtnisses. Im Anschluss erläutern wir, wie Sie traumaassoziierte Gefühle, Gedanken und Symptome auf Abstand halten. Distanzierung statt Dissoziation heißt das dann (Kapitel 10). Danach folgen einige klassische Imaginationsübungen im neuen Gewand (Kapitel 11); sie dienen zur Ausweitung des Ressourcenbereichs. Erst mit beiden Beinen im Hier und Jetzt kann das Vergangene im Abstand betrachtet werden (Kapitel 12). Die Techniken in Kapitel 13 basieren auf der vorherigen Stabilisierung und erlauben das gezielte Sammeln von Ressourcen aus der Herkunfts-„Familie“ oder die Betrachtung der individuelle Bedeutung kultureller Hintergründe. Zum Abschluss kann überprüft werden, ob die zu treffenden Entscheidungen auch die gewünschten Auswirkungen haben könnten.
Jede Übung ist nach einem übersichtlichen und durchgängigen Schema unterteilt, damit Sie einfach finden, was Sie brauchen – aber auch weglassen können, was Sie gerade gar nicht interessiert.
Ein kommentiertes Literaturverzeichnis soll Ihnen Anregungen zum Weiterlesen geben. Im Text werden wir dort, wo wir uns an anderen Autor*innen orientieren oder von ihnen Übungen ausgeliehen haben, natürlich darauf hinweisen.
Zu unserer Sprachverwendung noch zwei allgemeine Hinweise: Wir ersetzen den Wechsel zwischen weiblichen und männlichen Formen nun meist durch ein Gendersternchen – im gesellschaftlichen Diskurs wird die eindeutige (binäre) Geschlechtszuordnung als einzige Möglichkeit der Darstellung zunehmend infrage gestellt, und viele Menschen fühlen sich in der offenen *-Form besser aufgehoben. Außerdem nutzen wir statt des üblichen man in diesem Buch oft ein mensch, denn um die geht es ja. Entlassen wir die Männer aus dem Standard! Auch Kinder und Jugendliche finden sich zwischen den Erwachsenen immer wieder ein, sodass Sie sich bitte nicht wundern, wenn da auf einmal ein Du steht – das bezieht sich immer auf ein Kind.
Zum anderen verwenden wir analog zum Begriff Trauma immer häufiger die allgemeinere Umschreibung nicht verarbeitete Belastungen. Die stehen dabei immer im Hintergrund, und zudem ist der Begriff des Traumas nicht objektiv definierbar, dazu weiter unten mehr. Bei den sogenannten Traumafolgestörungen geht es um bestimmte Symptome, die zu definierten Zeiten auftreten. Der Auslöser hierfür sind nicht verarbeitete Belastungen, die nur ganz individuell betrachtet werden können.
Was uns die Arbeit am Verstehen der Folgen dieser nicht verarbeiteten Belastungen ermöglicht hat, ist die Beschreibung eines uns allen innewohnenden Körpermechanismus: Notfallreaktion und Dissoziation. Die gute Botschaft, die daraus folgt: Wir können Traumafolgestörungen verhindern, wenn wir die Verarbeitungsmöglichkeit fördern!
Viel Spaß beim Lesen und Ausprobieren!
Immer haben wir irgendeinen Standpunkt, von dem aus wir die Welt betrachten. Und unsere Klient*innen kommen zu uns, weil sie selbst das Gefühl haben, dass ihnen ihre momentane Perspektive nicht mehr weiterhilft, dass sie eine andere finden müssen. Sie kommen, weil sie neue Ideen brauchen, ihre Geschichte neu schreiben wollen, weil sie mit ihrem Latein am Ende sind. Oder weil andere meinen, dass sie etwas tun sollten, sich verändern, die Dinge anders sehen müssten. Welches Wagnis!
Auch wir selbst suchen immer wieder nach neuen Ideen, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Ob wir uns mit einer Freundin darüber unterhalten, wie die Lage des Ökosystems einzuschätzen ist oder mit unserer Großmutter über ihre Erfahrungen in der Studentenbewegung sprechen – immerzu suchen und bilden wir neue Theorien über das, was uns widerfährt, um uns einordnen zu können, um neue Wege zu finden.
So lesen auch Sie dieses Buch auf der Suche nach neuen Arten der Darstellung, der Vermittlung, neuen Zusammenhängen, nach neuen Möglichkeiten zu verstehen. Und wir bieten Ihnen neue Begründungen, Aufbereitungen und Einordnungen an, in der Hoffnung, dass sie Ihnen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen behilflich sein können.
Aber jede Theorie hat ihre Beschränkungen innerhalb des Zusammenhangs, in dem sie entstanden ist. Was wir denken und glauben, was wir für richtig halten und woraus wir Überzeugungen ableiten, ist immer abhängig davon, was um uns herum gedacht, getan und für wichtig erachtet wird. Innerhalb weniger Jahre werden viele der Aussagen, die wir heute über die Traumatheorie und die Entwicklungspsychologie machen, neu bewertet worden sein. Auch in den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. So waren zum Beispiel kleine Kinder vor nicht allzu langer Zeit vor allem Objekt der Disziplinierung, sie mussten in bestimmte Bahnen gelenkt werden, damit etwas „Anständiges“ aus ihnen würde. Mittlerweile haben wir einen etwas anderen Blick auf das, was für Kinder förderlich ist. Wir haben gelernt, schon Säuglinge als eigenständige Wesen wahrzunehmen, die von klein auf an der eigenen Entwicklung arbeiten und gute Bedingungen für ihr Aufwachsen brauchen. Die Traumatheorie war noch vor 40 Jahren eine psychoanalytisch geprägte Sicht auf die orale, anale und ödipale Phase. Konflikte waren im Ödipuskomplex, später in dem der Elektra angesiedelt. Inzwischen mutet es ziemlich skurril an, dass Theorien über die Entstehung von psychischen Problemen aus der griechischen Mythologie abgeleitet wurden. Noch vor einigen Jahrzehnten aber war diese Überlegung interessant und überzeugend.
Der heutige Kenntnisstand der Traumatheorie und -praxis basiert auf vielen Entwicklungen in den Neurowissenschaften, der Entwicklungspsychologie und -pädagogik, die sich in den Austausch mit Systemtheorie, Genetik und medizinisch-philosophischen Theoriebildungen begeben. Es treffen sich hier unzählige Ansätze der Sicht auf die Welt und ihrer Wahrnehmung. Im Austausch mit Kolleg*innen, Weiterbildungsteilnehmer*innen und Klient*innen lassen sich blinde Flecken einzelner Theorien ausloten, kann die wohl notwendige Generalisierung, die mit der Entwicklung eines Forschungsgebiets einhergeht, durch den Abgleich mit der Lebensrealität der Betroffenen relativiert und differenziert werden. Im Zentrum bleibt für uns weiterhin die Frage, wie Verarbeitung funktioniert und wieder aufgenommen werden kann, wenn überwältigende Emotionen (Pierre Janet) zu einer Überlastung des Systems geführt haben.
Es scheint mitunter fraglich, ob in der inzwischen etablierten Traumaversorgungslandschaft die Offenheit für nicht quantifizierbare Daten erhalten bleibt. Wissenschaft hat immer weniger Spielraum für qualitative Forschung, die menschliche Lebensrealität in ihrer Unterschiedlichkeit abbilden könnte. Aber es bleibt das Feld der Begegnung zwischen Einzelbefunden aus der Forschung an verkabelten und nach dem Tod aufgeschnittenen und untersuchten Ratten oder Affen und der vielfältigen Praxis, die wir im traumasensiblen Arbeiten in den letzten 40 Jahren geschaffen haben. Es ist das Feld der wissenschaftlich fundierten Praxistheorien, die einbeziehen, was Sinn macht, was sich als hilfreich erwiesen hat und im praktischen Handeln als nützlich beschrieben wird. Diese Rückmeldung haben wir hundertfach erhalten: „Endlich habe ich es verstanden“ (von Klient*innen und Weiterbildungsteilnehmer*innen). „Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass jemand weiß, was mit mir los ist“ (von einer therapieerfahrenen Klientin).
Welche Theorien haben wir nun ausgewählt, welche praktischen Ansätze werden wir Ihnen vermitteln und weshalb? Gerade weil das meiste „auf unserem Mist gewachsen ist“ und wir die volle Verantwortung übernehmen, sollten Sie wissen, woraus sich der Nährboden unserer Gedanken zusammensetzt.
Wir beide, Autorin und Autor, sind im mittelständischen Milieu aufgewachsen, in kleinen Orten im damaligen „Westdeutschland“ – mit Berliner, ostwestfälischen und schlesischen Hintergründen. In beiden Herkunftsfamilien spielten Flucht und Vertreibung und die Vernichtung „menschenunwerten Lebens“ im Nationalsozialismus eine Rolle. LH ist mit 120 psychisch kranken Männern aufgewachsen, ihre Eltern leiteten ein Wohnheim für „geistig behinderte Männer“ (so hieß das damals!). Krisen waren für sie an der Tagesordnung und ver-rücktes Sein Normalität. HG ist ausgebildeter Pantomime und hat lange eine indonesische Bewegungsarbeit (alive movement) praktiziert und unterrichtet. Für die Pantomime war er auch als Ausbilder tätig. LH hat Theaterwissenschaft, lateinamerikanische Literatur und Soziologie studiert und einige Jahre als Übersetzerin aus dem lateinamerikanischen Spanisch gearbeitet. Wir haben beide Psychologie studiert und in der Psychiatrie und Psychosomatik sowie in unterschiedlichen Beratungsstellen und Kriseneinrichtungen gearbeitet.
Beide haben wir in unserem Leben viele Bereiche der Gesellschaft kennengelernt – in all den Jahren, in denen wir uns mit den verschiedensten Jobs finanzierten, um Zeit und Raum für gesellschaftliches, politisches und künstlerisches Engagement zu haben: Taxifahren, Putzen oder Kellnern, um zu tanzen, Bauzäune zu belagern, Revolutionen zu unterstützen und feministische Freiräume zu schaffen. LH hat geschrieben und im pädagogischen Bereich gewerkelt, mit (Vorschul-)Kindern, Müttern und Jugendlichen, in Anknüpfung an das Leben mit der inzwischen längst erwachsenen Tochter und in unterschiedlichen pädagogischen Einrichtungen. HG hat sich Gedanken über die Verbindung von Körperarbeit und Psychologie gemacht.
Nach vielen Diskussionen um die richtige Art, Psychologie zu betreiben und den Menschen zu betrachten, sind wir beim systemischen Denken gelandet. Das heißt für uns: Wir alle konstruieren uns die Welt immer wieder neu aus dem, was wir gelernt und zur Verfügung haben. Jede*r tut das für sich und zusammen mit anderen, aber es ist nie ganz klar, was dabei herauskommt. „Die Bedeutung der Botschaft bestimmt der Empfänger“ – das ist eines der Schlagworte dieser Herangehensweise. Es soll heißen: Wir versuchen hier zum Beispiel, so klar wie möglich zu schreiben, aber Sie lesen ohnehin das heraus oder hinein, was für Sie richtig und wichtig ist. Oder kennen Sie auch nur eine einzige Person, die genau dasselbe meint und versteht wie Sie?
Zu dieser Sicht auf die Welt kam die Forschung zu Dissoziation und die Annäherung an Hypnose und Hypnotherapie – weil die Traumatheorie ja letztlich aus der Hypnoseforschung entstanden ist. Wir haben beide neben der systemischen Therapieausbildung eine Weiterbildung in Hypnotherapie nach Milton Erickson absolviert. Das ist eine Form der Arbeit mit Trancezuständen, die sehr genau hinsieht und forscht: Was ist da schon, was macht die Klientin, wie baut sie ihre Wahrnehmung der Welt auf? Das ist gar nicht so weit entfernt von der Art, wie mensch im systemischen Ansatz die Klient*innen betrachtet. Aber es gibt einen zusätzlichen wichtigen Schwerpunkt: das Wissen darum, welche Rolle unterschiedliche Bewusstseinszustände spielen.
Lassen Sie uns das veranschaulichen. Sie suchen an einem verschlafenen Sonntagmorgen nach der Kaffeetasse, die Kinder sind bei Freunden, und Sie wissen irgendwo weit hinten in Ihrem Bewusstsein, dass die Sonntagsausgabe Ihrer Lieblingszeitung im Briefkasten auf Sie wartet – aber es wird noch ein Weilchen dauern, ehe Sie dafür wach genug sein wollen. In diesem Zustand ist Ihre Aufmerksamkeit noch ein wenig torkelig, mal bei irgendwelchen Traumfetzen, mal beim Sonnenlicht, das die Kaffeekanne streift, mal bei dem netten Abend gestern. An zielgerichtetes Überlegen oder Lesen ist noch nicht zu denken, Sie haben eine weite weiche Wahrnehmung des Raumes und das Gefühl von unendlich viel Zeit, Ihr Körper fühlt sich wohlig an. Wenn es jetzt unerwartet Sturm klingelt an der Tür, dann passiert sehr viel auf einmal: Ihr Körper spannt sich an, Ihre Aufmerksamkeit wird scharf wie ein Messer. Wenn Sie nicht Alkoholreste im Körper haben, werden Sie ziemlich schnell reagieren: die Kaffeetasse hinstellen, den Bademantel zurechtziehen, und schon stehen Sie hinter der Tür und fragen laut, wer da ist. Würden wir Sie in diesem Moment nach Ihrem Körpergefühl fragen, wären Sie irritiert. Sie nehmen Ihren Körper gerade gar nicht wahr. Ihr Zeitgefühl ist nicht mehr so ozeanisch wie ein paar Augenblicke vorher, Sie sind ganz im Moment. Und Ihre gesamte Aufmerksamkeit ist darauf ausgerichtet, die Situation zu klären.
Wozu es gut sein soll, das zu unterscheiden? Es wird uns in der Einschätzung der Zustände, in denen wir traumatisierte Klient*innen erleben, sehr hilfreich sein. Wenn wir Kriterien haben, nach denen wir Ausschau halten können, dann können wir sie nutzen und den Klient*innen helfen, aus unangenehmen Zuständen herauszufinden, sich zu reorientieren. In der Hypnotherapie heißt es: Menschen mit unverarbeiteten belastenden Erfahrungen braucht man nicht zu hypnotisieren, sie müssen im Gegenteil aus der Trance, in der sie sich befinden, herausgeholt werden.
Das Wissen um Bewusstseinsphänomene, um die Wirkung verschiedener Sprechweisen und der Ausrichtung von Aufmerksamkeit – das sind einige Punkte aus der Hypnotherapie, die wir nutzen. Wesentlich für unsere Herangehensweise war die Begegnung mit Gunther Schmidt, Arzt aus Heidelberg und Vater der Konzeption einer Klinik, in der wir gearbeitet haben. Er hat aus systemischer und Hypnotherapie etwas Neues entwickelt: die hypnosystemische Herangehensweise. Das hypnosystemische Denken geht vom Einzelnen aus, von dem, was unsere Klient*innen, Schüler*innen, Bewohner*innen und Patient*innen über ihre Welt denken und aus ihr machen. Unsere eigenen Theorien, die der Begleiter*innen oder Therapeut*innen sind nachrangig – wir sollten sie uns bewusst machen und unserem Gegenüber erklären, wovon wir ausgehen, damit wir überprüfen können, wo unser gemeinsamer Ausgangspunkt ist und wie wir das Ziel der Klientin angehen können. Im Mittelpunkt steht die Wertschätzung der Klientin und ihre Versuche, mit Problemen zurechtzukommen. Denn auf diesen Lösungsversuchen können wir aufbauen und die Ressourcen der Klientin nutzen.
Wie passen solche Ansätze zu den Aussagen der Hirnphysiologie und der Traumatheorie, die doch sehr eindeutige und allgemeingültige Aussagen über den Menschen machen wollen? Eine ganze Weile war uns das selbst ein Rätsel: Wie passt die Suche nach individuellen Bedeutungen in das Reiz-Reaktions-Modell der Traumatheorie? Ganz gut, denken wir inzwischen. Das Systemische sagt uns immer wieder, dass Wahrheiten nur für jeden Einzelnen, jede Einzelne gelten, Bedeutungen aber im Miteinander entstehen. Es erinnert daran, dass Menschen keine Einzelwesen sind, sondern zusammen mit anderen leben und nicht für sich alleine betrachtet werden können. So ist Ihre Klientin ein Mensch mit Beziehungen zu anderen, die vielleicht gerade gar nicht präsent sind. Aber in ihrem Kopf, in dem, was Menschsein und Vergangenheit für sie ausmachen, werden sie immer eine Rolle spielen.
Die Hypnotherapie fließt ganz grundlegend in unsere Vorgehensweise ein. Als Grundhaltung lässt sich das so ausdrücken: Jeder macht etwas aus seinem Leben, und es ist wichtig zu betrachten, was er tut, damit wir herausfinden können, was er schon alles kann und wie er sich am besten hilft. Und mit den Erkenntnissen der Hypnose über die Trancephänomene fließen neue Parameter, neue Unterscheidungskriterien in die Arbeit mit Menschen mit unverarbeiteten Belastungen, in die Auswahl von Methoden ein. Was das genau heißt, werden wir Ihnen weiter unten vorstellen.
Die Traumatheorie, mit all ihren Theoriebildungen um Hormone, Teile des Nervensystems, um die Notfallreaktion und die tiefer gelegenen Schichten unseres Gehirns hat uns zunächst sehr verwirrt; wir hatten uns doch von einem mechanistischen Verständnis des Menschen weit entfernt, hatten uns damit konfrontiert, dass Aussagen nicht allgemeingültig sein können, generalisierte Erkenntnisse über Menschen Leid und Freude der Einzelnen in ihren Beziehungen und Wertesystemen nicht erfassen können. Und nun sollte die Beschreibung eines Reiz-Reaktions-Mechanismus zur Befreiung von Menschen beitragen? Wie das? Wir werden weiter unten darauf eingehen, wie eine Beschreibung von Körperreaktionen (und nichts anderes sind die meisten Symptome, die sich nach nicht verarbeiteten Erfahrungen bilden) Geist und Verstand gleichzeitig befreien und in die Verantwortung holen kann. Das Verarbeitungsmodell sagt Ihnen, warum die bisherigen Versuche oft nicht geholfen haben – weil Kontrolle und der Wille zur Veränderung nur schwer zum Zuge kommen, wo die Körperreaktionen nicht beachtet werden. Das Gute: Die dissoziationstheoretischen Verarbeitungsmodelle – um schon einmal einen Fachbegriff einzuführen – geben ganz konkrete Hinweise darauf, wie es stattdessen gehen kann.
Die Entwicklungspsychologie und das, was hinter dem neuen Wortungetüm der Entwicklungspsychotraumatologie steckt, ist ein weiterer Bestandteil dessen, was wir Ihnen vorstellen. Hier nehmen wir vor allem die Arbeiten von Bruce Perry auf, da sie ergänzen, was an Publikationen (etwa von Karl Heinz Brisch und Silke Gahleitner) im deutschsprachigen Raum vorhanden ist. Die Arbeit des Kinder- / Jugendpsychiatrischen Zentrums in Texas, an dem er arbeitet, hält einige Ansätze für die Arbeit mit frühen Störungen bereit, die wir in dieser Klarheit im deutschsprachigen Raum bislang vermissen. Sicher ist es ein Erfolg der Beschäftigung mit Dissoziation und Traumatisierung, dass Teilergebnisse nicht mehr vor allem als konkurrierend, sondern als ergänzend begriffen werden. Die Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen und Praxishintergründe verknüpfen sich, um die vielfältigen Auswirkungen nicht verarbeiteter Erfahrungen verstehen zu helfen. So entstehen Modelle, die erlauben, all den unterschiedlichen Aspekten des Lebens von Menschen Raum zu geben. Es macht dann auch Sinn, verschiedene Bücher zu lesen, weil nicht in allen dasselbe steht und gerade so die gemeinsamen Grundlagen, Strukturen im Hintergrund immer deutlicher werden. Notfallreaktion und Dissoziation gehören dazu.
Wieder zurück in Berlin, nach einigen Jahren Arbeit in verschiedenen Kliniken im Westen, gründete LH das institut berlin, begann als Dozentin am Institut für Traumatherapie, verknüpfte die Konzepte der hypnosystemischen Arbeit mit dem, was sie über Traumatisierung wusste, las, verwarf und beschrieb Dissoziations- und andere Theorien und konzipierte Traumaweiterbildungen für all jene, die in den therapeutisch orientierten Instituten nicht zugelassen waren. Ziel war und ist – auch mit diesem Buch –, das Wissen um die Traumaverarbeitung an jene Menschen weiterzugeben, die den Löwenanteil der Arbeit mit Betroffenen vor allem alltagsnah leisten. HG brachte eine körperbezogene Sichtweise aus Pantomime und der indonesischen Bewegungsarbeit in die Arbeit ein, dadurch wurde die Theorie geerdet. Da er eigentlich einmal Lehrer werden wollte, passt es, dass er zudem Lehrtherapeut für systemische Therapie und Beratung ist. Unser Traumacurriculum feiert seine 20 Jahre, es fing klein an und ist nun ausgewachsen. Viele Kolleg*innen haben uns begleitet und begleiten uns weiter in Lehre, Organisation und Austausch. Das Curriculum „Ressourcenorientierte Traumapädagogik / Traumazentrierte Fachberatung“ ist zertifiziert durch die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), den Fachverband Traumapädagogik und die Gesellschaft für Psychotraumatologie, Traumatherapie und Gewaltforschung (GPTG). Vor demselben Hintergrund haben wir ein Curriculum für traumasensible Supervision (GPTG) und eine Train-the-Trainer-Ausbildung entwickelt, auf deren Grundlage auch andere Kolleg*innen unter kontinuierlicher Supervision die Modelle weitergeben.
Nun kennen Sie einige der Hintergründe, die uns bis zur Arbeit an diesem Buch geführt haben. Und Sie können so unsere theoretischen Überlegungen besser einordnen. Was davon Sie übernehmen wollen, sollten Sie selbst entscheiden – vielleicht probieren Sie es einfach aus!
Los geht es also mit der Theorie. Doch bevor wir uns den traumatheoretischen Ideen widmen, möchten wir Sie in den Bereich menschlicher Entwicklung einführen, ohne den Traumatisierung und ihre Folgen nicht verständlich werden. Im Grunde sprechen wir von Verarbeitungstheorien, einer Verarbeitung, die dann gut funktioniert, wenn artgerechte Entwicklungsbedingungen vorliegen, soziale Unterstützung vorhanden ist und wir pfleglich miteinander umgehen. Und von einer Verarbeitung, die nicht gelingt und andere Ergebnisse zeitigt, wenn die Belastung zu hoch ist, die Unterstützung zu mager ausfällt und der Körper in Angst, Wut oder Hilflosigkeit verharrt. Zunächst wollen wir also betrachten, was geschehen müsste, um die Strukturen unserer Verarbeitungsfähigkeit gut zu entwickeln.
Man kann die Entwicklung des Menschen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten: wie Beziehungen hergestellt werden, wie sich die Organe entwickeln oder der Hormonhaushalt, die Struktur der Haut oder die Wahrnehmung der Welt um uns; welche Art von Sprache in den unterschiedlichen Stadien eine Rolle spielt. An all diesen Prozessen ist unser Gehirn beteiligt. Wenn wir Menschen verstehen und im Umgang mit ihren Belastungen und Traumafolgesymptomen helfen wollen, sollten wir wissen, wie sich ein Mensch formt, was er braucht, um gut zu verarbeiten, und was man tun kann, um ihn dabei zu unterstützen. Damit wir wissen, warum wir tun, was wir tun. Und um mit jedem Gegenüber neue, passende Ideen über das zu entwickeln, was hilfreich sein kann.
Die Neurophysiologie hat in den letzten Jahrzehnten durch immer weiter verfeinerte Forschungsmethoden eine rasante Entwicklung erfahren. Sie ist inzwischen aus unserer Wahrnehmung des Menschen nicht mehr wegzudenken. Das ist auch gut so, denn sie hält eine Menge spannender Ergebnisse bereit. Bei allem, was Sie auf den nächsten Seiten lesen, möchten wir Sie aber bitten, im Auge zu behalten, dass die Forschung weitergeht und die zukünftigen Erkenntnisse wohl noch spannender sein werden. „Wissenschaft ist der aktuelle Stand des Irrtums“ – so betitelte die Berliner Morgenpost ein Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen1.Vieles von dem, was heute noch aktuell ist, wird morgen überholt sein. Was Bestand hat, sind oft Metaphern, Bilder, Vergleiche, die so spezifisch sind, dass sie Wesentliches vermitteln, und so allgemein, dass neue Erkenntnisse einsortiert werden können. Häschen und Denker*in winken schon einmal, vorstellen werden sie sich später.
Damit ist auch ein wesentlicher Vorgang beschrieben, der in jedem einzelnen Gehirn zeitlebens stattfindet: Wir bilden Theorien auf der Grundlage dessen, was wir momentan wissen. Und egal, ob etwas für uns als Theorie erkennbar ist oder wir es als selbstverständlich empfinden, wir basteln aus allem, was wir erfahren und gelernt haben, immer wieder einen neuen Blick auf die Welt. Was wir für richtig und falsch halten, welche Meinungen wir vertreten und wogegen wir ankämpfen ist entscheidend davon abhängig, was uns widerfahren ist, was wir erlebt und gelernt haben. Manches verlernen wir wieder, manches scheint uns eingebrannt und unveränderbar. Und im Rückblick sehen wir deutlicher, wo eine Veränderung doch noch stattgefunden hat, weil die Umstände es erzwangen oder weil wir es so wollten. Was uns über die Jahre trägt, sind aber oft Bilder, Gerüche, Eindrücke, die für das stehen, was uns wichtig war.
In den letzten Jahrzehnten haben wir gelernt, das Gehirn als wesentliches Organ dieser Anpassung der Umwelt an uns und unserer Person an die Umwelt zu betrachten. Seine unterschiedlichen Bereiche und vielfältigen Funktionen des Speicherns und Neustrukturierens sind dafür verantwortlich, wie gut dieser Abgleich vonstattengeht. Lassen Sie uns also betrachten, was hier alles passiert, denn Traumatisierung – genauer gehen wir auf diesen Begriff erst in Kapitel 4 ein – verändert diesen Strukturierungsprozess. Nichtverarbeitung belastender Erfahrungen verhindert manche Entwicklungen und begünstigt andere; sie verändert das Gehirn und die Art, wie es arbeitet.
Wenn Sie versuchen, sich in der einschlägigen (populär)wissenschaftlichen Literatur oder im Internet einen Überblick über die Teile und Funktionen des Gehirns zu verschaffen, so werden Sie mit unterschiedlichen Bezeichnungen und Definitionen konfrontiert. Das liegt daran, dass mensch natürlich auch die Teile des Gehirns unterschiedlich betrachten, es unterschiedlich aufteilen kann. Über die Jahrhunderte hinweg haben sich die Forschungsmethoden und -Interessen verändert. Stammhirn oder Hirnstamm z. B. sind keineswegs dasselbe, und manche Bezeichnungen für Gehirnteile definieren keine sichtbare anatomische Struktur, sondern Funktionen, die aktuell für wichtig gehalten und als zusammenhängend beschrieben werden. Mensch unterscheidet als große Strukturen des Zentralen Nervensystems (ZNS – es umfasst alle neuronalen Strukturen in Kopf und Rückgrat), das Rückenmark, den Hirnstamm und das Großhirn, wobei das Großhirn für die Traumatheorie sinnvollerweise in Großhirnrinde und limbisches System untergliedert wird.
Abbildung 2.1: Aufbau des Gehirns
Nun lassen Sie uns die Funktionen dieser Bereiche ihrer Lage nach von unten nach oben betrachten. Die weiter außen (bzw. oben) liegenden Schichten sind sehr viel jünger, die innen liegenden (tieferen) Bereiche sind in der Geschichte der Arten früher entstanden. Denn unser Gehirn ist kein exklusiv menschliches, wir bauen auf den Errungenschaften der Säugetierwelt auf.
Das Rückenmark ist für die Weiterleitung der Informationen aus dem Körper in die Schaltstellen der Gehirnregionen (und des Bauchs, den vernachlässigen wir hier aber) verantwortlich. Wird es in seiner Arbeit behindert, so kommt es zu Übertragungsfehlern oder auch Unterbrechungen, wie im Fall von Rückenmarksverletzungen. Aber auch bei einseitigen Belastungen und einer schlechten Muskelausprägung um die Rückenmarksnerven herum sind die Folgen schnell spürbar und äußern sich vor allem durch Schmerzen, die dann wiederum Konzentrations- oder Schlafstörungen zur Folge haben.
Der Hirnstamm reguliert die grundlegenden Funktionen unseres Körpers, ohne die kein Leben möglich ist: das Pumpen des Bluts durch unsere Adern, das Wachstum der Körperzellen, Atmung, Herzschlag, Körpertemperatur, Stoffwechsel, Verdauung. Der Hirnstamm ist der älteste Teil unseres Gehirns und wird oft auch, zusammen mit dem Kleinhirn, als Reptiliengehirn bezeichnet. Seine Funktionen dienen dem Überleben, und so sind auch das spontane Mobilisieren aller Funktionen für Kampf oder Flucht oder die Immobilisierung des Körpers für Umschaltprozesse, Totstellen oder völliges Erschlaffen hier verschaltet.
Es gibt einen Rahmen, in dem sich die Rhythmen des Hirnstamms bewegen müssen, die Feinabstimmung erfolgt aber nach den Erfordernissen der Umgebung. Und hier gilt: Je differenzierter das Gehirn, desto angepasster die Abstimmung. Unser Herz z. B. darf nicht für längere Zeit aussetzen und sollte nicht schneller als 180-mal in der Minute schlagen – der Mittelwert eines gesunden Erwachsenen liegt bei 70, der eines Säuglings bei 120 Schlägen pro Minute. Innerhalb der vorgegebenen Bandbreite der Körperrhythmen stellt sich der Organismus auf die jeweiligen Gegebenheiten ein. Die individuelle Ausgestaltung wird in der frühen Entwicklung des Körpers ausgeprägt.
Wenn die Mutter in der Schwangerschaft Angst hat, geschlagen wird oder nicht weiß, wie das Leben weitergehen soll, dann wird der Körper des Säuglings darauf reagieren und schon spannungsbereiter sein, wenn er auf die Welt kommt. Wenn die Mutter hingegen geschützt war und sich mit Ruhe, Freude und Gelassenheit auf das Kind vorbereiten konnte, wird es mit größerer Wahrscheinlichkeit ein ausgeglicheneres Baby sein. Auch die erste Phase nach der Geburt ist grundlegend wichtig: Wird ein Mensch in einer tropischen Umwelt geboren, muss sein Hirnstamm anders regulieren als der einer Inuit im nördlichen Polargebiet; wechselnde Temperaturen trainieren anders als gleichbleibende.
Das Kleinhirn ist eine sehr raumgreifende Struktur in unserem Hinterkopf: Hier wird unsere Bewegung koordiniert – vom großen Zeh, den wir als Säugling noch so leicht in den Mund stecken können, bis zum Schuheschnüren oder Klavierspielen. Der Gleichgewichtssinn ist mit dem Kleinhirn eng verknüpft; Haltung, Bewegung und zielgerichtete Steuerung im Raum werden hier zusammengeführt.
Das Großhirn unterteilen wir in limbisches System und Großhirnrinde. Das limbische System ist ein Zusammenhang von Nervenleitbahnen, Drüsen und Einzelstrukturen, den man auch als Schaltzentrale für den Gefühlshaushalt bezeichnet. Angst, Wut, Ekel und Lust haben hier ihren Ursprung, all jene Gefühle, die auch als Affekte bezeichnet werden und eins gemeinsam haben: Sie sind für die Arterhaltung von entscheidender Bedeutung. Kein Wunder, dass dieser Bereich in der Psychotraumatologie eine wichtige Rolle spielt.
Im Einzelnen: Im Thalamus treffen die Informationen ein, und er leitet sie an die Amygdala zur Bewertung weiter. Schlägt sie Alarm, wird über verschiedene zwischengeschaltete Strukturen der Hirnstamm in die Notfallreaktion umgeschaltet. Schlägt sie keinen Alarm, gelangt die Information über den Hippocampus an die Großhirnrinde (wo wieder sehr unterschiedliche Strukturen involviert sind).
Die Amygdala (Mandelkern) ist auf verschiedenen Bahnen mit den Regulationsmechanismen für Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel, Reflexe, Angstausdruck im Gesicht, Magen- / Darmreaktion und mit den Produktionszentren für jene Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) verbunden, die unsere Wachsamkeit erhöhen und uns flinker machen. Besonders schnell reagiert sie übrigens, wenn ein Geruch eintrifft, die Eindrücke aus dem Geruchssinn sind direkt mit ihr verknüpft. Sie ist die Schaltzentrale für unsere Gefühle, vor allem auch derjenigen, die dafür sorgen, dass wir uns am Leben erhalten können: Wut, Angst, Ekel und Lust. Damit gilt sie auch als die Alarmanlage (oder als Rauchmelder, van der Kolk 2015) unseres Gehirns, denn jeder von außen oder innen eintreffende Reiz wird von ihr auf seine Gefährlichkeit für das Überleben des Organismus hin überprüft. Informationen werden nur dann an die höher gelegenen (komplizierter und langsamer arbeitenden) Hirnregionen weitergeleitet, wenn das System (der Mensch) nicht bedroht erscheint. Das wird im Folgenden sehr wesentlich.
Ein weiterer wichtiger Bereich im limbischen System ist der Hippocampus (Seepferdchen). Er ist so etwas wie der Angestellte am Schalter einer Bibliothek, der Informationen annimmt, sie in eine Zwischenablage packt und nach Annahmeschluss (im Schlaf und in Ruhezeiten) dafür zuständig ist, alle angenommenen Informationen und Suchanfragen zu bündeln und ans Archiv weiterzuleiten. Dafür versieht er sie mit einem Zeit-und-Raum-Stempel (Wann war das, und wo war das?). Der Hippocampus ist sehr formbar und sehr störanfällig, er ist ein hochsensibles Instrument, das großen Anforderungen ausgesetzt ist: Er muss all das aufnehmen, was auf uns einwirkt. Dann soll er dafür sorgen, dass eine Weiterverarbeitung stattfindet. Das kann er nur unter entspannten Bedingungen. Wenn starke negative Emotionen mit den eintreffenden Informationen verknüpft sind, ist diese Arbeit nicht zu gewährleisten; auch dazu später mehr. Amygdala und Hippocampus kommen übrigens, wie fast alle Hirnstrukturen, in der linken und rechten Hirnhälfte, also doppelt vor.
Die Großhirnrinde findet sich ganz obenauf unter der Schädeldecke und umschließt das limbische System. Mit ihm und dem Verbindungsstück zwischen beiden Gehirnhälften (dem Balken oder Corpus callosum) bildet sie das Großhirn. Sie ist der größte Teil unseres Gehirns und der entwicklungsgeschichtlich neueste. Um zu funktionieren, ist sie auf die Versorgung durch die anderen, darunterliegenden Bereiche angewiesen. Im hinteren und mittleren Teil der Großhirnrinde sind riesige Zentren für unterschiedliche Bereiche der Wahrnehmung und Steuerung von Gefühlen, Körper und Sprache angesiedelt. Mithilfe des vorderen Teils (dem Frontalhirn) nehmen wir andere Menschen und uns selbst wahr. Mithilfe der Frontallappen orientieren wir uns in Beziehungen, ahmen unser Gegenüber nach und treffen Entscheidungen2. Hier findet statt, was uns so einzigartig macht: Uns selbst wahrzunehmen, zu reflektieren, zu denken, Ideen und Lösungen zu produzieren, die noch nie da waren. Die Großhirnrinde ist also für bewusstes Denken, Selbstreflexion, Sinneswahrnehmung, Bewegungsentscheidungen, Sprache und Handlungsalternativen zuständig. Sie arbeitet eher langsam, während die unwillkürlichen Strukturen schneller sind.
Die Großhirnrinde ist in der Geschichte der Arten erst spät entstanden, ist also ein relativ neuer und spezialisierter Teil des Gehirns, der sich auch immer weiter verändert und zeitlebens formbar bleibt. Das zeigt sich auch in der Entwicklung jedes einzelnen Menschen: Sie wird als Letztes ausdifferenziert. Sie ist für das Überleben des Einzelnen nicht entscheidend – denken Sie nur an Patienten im Koma. Aber dennoch ist die Großhirnrinde kein Luxus, sondern wesentlich für das Überleben unserer Art. Durch sprachliche Kommunikation, zu der wir dank ihrer fähig sind, durch die Ausbildung gemeinsamer Werte, die Einhaltung und Befolgung von gemeinschaftlich festgelegten Regeln ebenso wie durch Veränderung und Anpassung können wir uns immer wieder neu auf veränderte Umweltbedingungen einstellen. Die wesentliche Aufgabe der Großhirnrinde ist es, das soziale Miteinander, aufbauend auf unseren Säugetierstrukturen, durch die Entwicklung von Sprache, Kommunikation und Kultur in unterschiedlichsten Formen zu gestalten. Sie ist dafür verantwortlich, die Erfüllung der elementaren Bedürfnisse des Säugetierkörpers nach Versorgung und Sicherheit zu gewährleisten. Der Einsatz unserer Großhirnrinde mit der Vermittlung von Werten, der Einführung und Beachtung von Regeln und Übereinkünften ermöglicht uns, mit den komplexen Anforderungen an uns als soziale Wesen umzugehen. Dazu muss sie vor allem lernen, Spannung wahrzunehmen und zu verändern. Das nennen wir Spannungsregulation.
All diese Strukturen sind nicht unabhängig voneinander: Je differenzierter die Tätigkeit des Gehirns, desto mehr Bereiche werden gleichzeitig aktiviert. So weiß man inzwischen, dass die Produktion und das Verständnis von Sprache nicht, wie früher gedacht, an einzelne Regionen gebunden sind, sondern von einem komplexen Netzwerk an Verbindungen abhängen. Zudem sind alle höher gelegenen und komplexeren Funktionen von einem guten Funktionieren und einer Durchlässigkeit der unteren Hirnregionen abhängig: Unter Stress ist es schwer, den Wohnungsschlüssel zu finden. Entspannt sich der Körper, ist die Suche meist erfolgreich.
Im Gegensatz dazu kann etwa der Hirnstamm Funktionen wie Atmung und Herzschlag auch ohne die Hilfe höherer Hirnstrukturen regulieren. Auch das wird uns noch beschäftigen.
Eine sehr wichtige Ebene der Zusammenarbeit sei schon hier hervorgehoben: Der Hippocampus hat – wie wir oben gesehen haben – vornehmlich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass eintreffende und ausgehende Reize verbucht werden. Bei dieser Einordnung geht es darum, die Kategorien Raum (Wo war das?) und Zeit (Wann war das?) zu erarbeiten und zu differenzieren. Raum und Zeit werden in jedem Leben und jeder Kultur anders wahrgenommen und strukturiert. Diese Einordnung erfolgt durch die Zusammenarbeit zwischen Hippocampus und Großhirnrinde. Der Hippocampus selbst hat nur eine begrenzte Speicherfläche, und auch sein Ordnungssystem ist sehr einfach. Für den bewussten Abruf von Informationen ist er gar nicht zuständig: Die Anforderungen unserer jeweiligen Kultur, der Mitmenschen, der Zeit, in der wir leben und der Kommunikationstechniken, derer wir uns bedienen, verlangen eine sehr viel differenziertere Ablagestruktur. In der Großhirnrinde ist dafür nicht nur Platz, sondern es sind auch alle Fähigkeiten vorhanden, ihn zu nutzen. Eintreffende Informationen können mit schon vorhandenen verknüpft werden, und alles Neue wird mit dem abgeglichen, was wir schon erlebt haben. Unendlich viele Verknüpfungen müssen erstellt, die Schlagworte für eine spätere Suche immer neu geordnet werden. Das ist ein aufwendiges und langwieriges Unterfangen.
Wenn sie gerade überlastet sind, weisen die Archivfunktionen in der Großhirnrinde deshalb immer wieder Material zurück und bitten sich Zeit aus. Der Hippocampus legt geduldig immer wieder vor, was auf seinem Tisch liegen geblieben ist. Im Schlaf, in Ruhephasen – der Hippocampus sucht sich kleine Fenster von Aufnahmefähigkeit der Großhirnrinde, um seinen Tisch zu räumen. Diese Zusammenarbeit zwischen Hippocampus und Großhirnrinde ist für die Integration von Information wesentlich. Wenn sie nicht funktioniert, können wir Neues nicht mehr verarbeiten und auf Gespeichertes nicht zurückgreifen. Dafür müssen die alten Bereiche unseres Gehirns, die alle Säugetiere (und auch schon die Reptilien) besitzen, mit ihren einfachen, lebenserhaltenden Funktionen koordiniert werden mit den komplexeren Aufgaben der speziell menschlichen Hirnstrukturen (die ähnlich differenziert nur bei wenigen Säugetieren wie Delfinen und Schweinen zu finden sind). Das ist wichtig, aber aufgrund der sehr unterschiedlichen Aufgabenfelder und Entwicklungszeiten auch sehr störanfällig.
In diesem Zusammenhang möchten wir Ihnen zwei Mitarbeiter*innen vorstellen, auf die wir in Therapie, Supervision und Weiterbildung nicht mehr verzichten möchten, die Denker*in und das Häschen.
Das Häschen war zuerst da, es ist das Säugetier in uns. Auf ihm und seinen Funktionen baut alles auf. Wie schon bei Reptilien und Vögeln sorgt hier ein sehr einfaches und sehr funktionstüchtiges System für den Erhalt der Art. Auch für den jedes einzelnen Individuums, soweit das für die Art sinnvoll ist. Darüber hinaus hat das Häschen aber schon gelernt, wie wichtig und gewinnbringend es ist, sich in sozialen Gruppen zu bewegen. Die Verletzlichkeit des Säugetiers wird aufgefangen durch eine Zusammenarbeit zwischen Hirnstamm und limbischem System und den Schutz durch andere Tiere aus der eigenen Gruppe. Das Häschen steht für die lebenswichtigen Funktionen unseres Körpers, die auch bei uns vollautomatisch gewährleistet werden. Denn wie das Häschen sind wir Säugetiere.
Die Denker*in ist nicht von ungefähr eine Figur, die nur aus einem Kopf besteht – ohne den Säugetierkörper jedoch existiert sie nicht.
Abbildung 2.2: Denker*in und Häschen
Im Lauf des gemeinsamen Lebens lernt sie am Beispiel und durch die Sorge anderer, das Gefühlschaos der momentanen Häschen-Impulse zu regulieren, in Ruhe und mit Überblick Entscheidungen zu treffen. Wahrnehmung, Reflexionsfähigkeit und Sprache sind die bestechendsten Eigenschaften der Denker*in. Sie steht für die hochentwickelte und verschaltete Großhirnrinde mit ihren unglaublichen Reflexions- und Steuerungsmöglichkeiten.
Wichtig ist uns folgender Hinweis: Wir bilden in der Alltagssprache immer einen sehr alten Irrtum ab, den wir hier mit neuem Wissen auflösen möchten: Wir sprechen oft von Kopf und Körper, um den Unterschied zu betonen zwischen der kognitiven, willentlichen Wahrnehmung bzw. Steuerung und „animalischen, nicht bewussten“ Vorgängen. Mit dem aktuellen Wissensstand hat diese Unterscheidung nichts zu tun. Alle Vorgänge unseres Körpers, zu denen auch das Denken und Entscheiden gehören, werden vor allem im Kopf gesteuert. Hinzu kommen die Aktivitäten unseres peripheren und vegetativen Nervensystems, des Rückenmarks und unseres Bauchgehirns, die alle im nicht zum Kopf gehörenden „Rest“ des Körpers angesiedelt sind. Ohne deren Regulation ist auch kein Denken möglich.
Was wir mit dem körperlichen Häschen und der körperlosen Denker*in betonen wollen, ist: Wir alle sind Säugetiere und unser bewusstes Eingreifen ist auf diesen Körper angewiesen. Wir unterscheiden Funktionen unseres Gesamtsystems, nicht Regionen.
Abbildung 2.3: Zusammenarbeit der Hirnteile
Alle Teile unseres Gehirns sind bereits vorhanden, wenn wir geboren werden. Wir haben in diesem Moment sogar mehr Nervenzellen als in den Jahren danach. Schätzungsweise besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden bis zu einer Billion Nervenzellen, die darauf warten, miteinander verknüpft und zu Netzwerken verbunden zu werden. Man schätzt, dass ein Erwachsener über ca. 300 Billionen Synapsen verfügt, mit denen das vonstattengeht. Manche Nervenzellen können bis zu 10 000 Verknüpfungen herstellen, aber wir nutzen immer nur einen kleinen Teil dessen, was möglich wäre. Denn ob bewusst oder unbewusst, der Körper wählt laufend zwischen mehreren Möglichkeiten. Unsere ganz spezifische Umwelt will ganz an uns und wir wollen an sie angepasst sein. Auch Sie haben das hervorragend geschafft. In einer anderen Umwelt und Kultur aufgewachsen, würden Sie dieses Buch vielleicht nicht lesen können, wären Ihnen etliche der Argumente fremd, weil unsere Hintergründe zu unterschiedlich wären.
Wie kommt es zu dieser Anpassungsleistung, wie geht sie vonstatten? Wie entwickelt sich unser Gehirn? Wir wollen uns im Folgenden auf die Funktionen konzentrieren, die mit der Verarbeitung belastender Erfahrungen zu tun haben. Denn hier können wir auch ansetzen, wenn wir zu einer verbesserten Verarbeitung beitragen wollen.
Schon im Mutterleib werden schwerwiegende Vorentscheidungen getroffen: Bei Säugetieren (und damit auch bei Menschen) vollzieht sich ein großer Teil der Entwicklung im Körper der weiblichen Mitglieder der Art, weil die Nachkommen so vor den Außeneinflüssen besser geschützt sind. Frau kann das Ungeborene mit sich herumtragen, fliehen, eine bessere Umgebung und angenehmere Mitmenschen aufsuchen. Sie kann die Umweltbedingungen des Fötus aber auch dadurch beeinflussen, dass sie sich gut ernährt, für sich sorgt, nett zu sich und anderen ist, sich auf das Kind freut. Das alles wirkt sich auf ihren eigenen Stoffwechsel aus, auf ihre eigenen Regelkreise und damit indirekt auch auf die des Kindes. Denn auch wenn der Fötus bald eigene Regelkreise ausbildet, so tut er das doch „nach dem Vorbild“ des ihn umgebenden Körpers. Er ist abhängig von der Versorgung, den Rhythmen und Reaktionen der ihn schützenden Mutter. Nicht nur Alkohol oder andere Drogen und Medikamente, Strahlung etc. beeinflussen die Ausbildung des Fötus, sondern auch der Stress oder die Ausgeglichenheit, mit der die Mutter in der Welt sein kann. Im Mutterleib bereitet der kleine Körper sich darauf vor, der Welt zu begegnen. Herzschlag, Lungenfunktion, Blutdruck, Temperaturregelung werden hier geübt und voreingestellt. Das muss alles sofort funktionieren, wenn der Geburtsstress vorbei ist. Und es funktioniert! Ganz individuell ist dieses kleine Wesen schon ausgerichtet: auf viel oder wenig Stress, eine hohe oder niedrige Aktivität, eine bestimmte Versorgungslage mit Nahrung, auf Stimmen, Musik, Umweltgeräusche, angenehme oder eher aggressive Begegnungen, einen Schlaf- / Wachrhythmus, der sich an dem der Mutter orientiert. Das sind Erwartungshaltungen des Körpers nach der Geburt.
Kaum im offenen Raum
