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Supervision als traumasensibles Lernfeld Krisen gehören zum Alltag und stellen besondere Anforderungen an die Gestaltung von Beratungsprozessen. Traumasensibles Handeln fängt in der Krise an: Blockierungen auflösen, Verarbeitung ermöglichen und (unbekannte) Ressourcen mobilisieren heißt, Traumafolgen zu verhindern. Der Supervision kommt die Rolle zu, eine Draufsicht zu ermöglichen. Dafür braucht es Hintergrundwissen zur Traumaverarbeitung, Spannungsregulierung und zum Ausstieg aus Krisendynamiken sowie Handwerkszeug und neue Ideen. All das bietet dieses Buch. Die Autorin und der Autor beschreiben Standards, die in allen Bereichen der traumasensiblen Arbeit Anwendung finden. Sie arbeiten die Spezifika für die Metaebene der Supervision heraus und zeigen anhand vieler Beispiele und Übungen auf, wie Supervision zum traumasensiblen Lernfeld werden kann. Inhalte: - Verarbeitungsblockaden erkennen und auflösen - mit Ängsten, Wut und Hilflosigkeit umgehen - gemeinsam ein sicheres Hier und Jetzt herstellen - ungewöhnliche Ressourcen aus unbekannten Kontexten sammeln - Dynamiken im Team in die Erklärung einbinden - vertraute Techniken traumasensibel überprüfen
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2021
Lydia Hantke & Hans-Joachim GörgesTraumasensible SupervisionBegleitung in der Krise
Supervision als traumasensibles Lernfeld
Krisen gehören zum Alltag und stellen besondere Anforderungen an die Gestaltung von Beratungsprozessen. Traumasensibles Handeln fängt in der Krise an: Blockierungen auflösen, Verarbeitung ermöglichen und (unbekannte) Ressourcen mobilisieren heißt, Traumafolgen zu verhindern. Der Supervision kommt die Rolle zu, eine Draufsicht zu ermöglichen.
Dafür braucht es Hintergrundwissen zur Traumaverarbeitung, Spannungsregulierung und zum Ausstieg aus Krisendynamiken sowie Handwerkszeug und neue Ideen. All das bietet dieses Buch. Die Autorin und der Autor beschreiben Standards, die in allen Bereichen der traumasensiblen Arbeit Anwendung finden. Sie arbeiten die Spezifika für die Metaebene der Supervision heraus und zeigen anhand vieler Beispiele und Übungen auf, wie Supervision zum traumasensiblen Lernfeld werden kann.
Lydia Hantke, Dipl.-Psych., systemische und Hypnotherapeutin, Traumatherapeutin, Supervisorin. 2002 Gründung von institut berlin. Entwicklung der Curricula Traumazentrierte Fachberatung / Traumapädagogik und Strukturierte Traumaintegration stib.
Hans-Joachim Görges, Dipl.-Psych., systemischer und Hypno- therapeut, Traumatherapeut, Lehrtherapeut (SG) für systemische Therapie und Beratung. Seit 2005 freiberuflich im institut berlin. Therapie, Weiterbildung und Supervision.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2021
Coverfoto: © Simone Andress – AdobeStock
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2021
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0194-6
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0217-2 (EPUB), 978-3-7495-0219-6 (PDF), 978-3-7495-0218-9 (EPUB für Kindle).
Dieses Buch erscheint parallel als E-Book. ISBN
Im vorliegenden Buch möchten wir Ihnen einen Ansatzpunkt, viele Ideen und einige Tools dafür vorstellen, wie Sie Ihre gewohnte Supervisionspraxis ergänzen können – um Elemente, die sie zu einer Praxis machen, die traumasensibel genannt werden kann. Traumasensibilität, so unsere Überzeugung, die sich in zwei Jahrzehnten Lehrtätigkeit und Supervision gefestigt hat, ist in allen supervisorischen Ansätzen, in allen Feldern unserer Arbeit von unschätzbarem Wert. Sie fördert die Verarbeitung von belastenden Erfahrungen und erleichtert den Umgang mit Krisen.
Dies ist kein Lehrbuch für eine traumaspezifische Supervisionsausbildung, sondern ein Buch für alle, die schon Erfahrung im supervisorischen Handwerk gewonnen haben, dies aber um einige neue Pfeiler erweitern wollen, um dem allfälligen Thema Traumatisierung gerecht zu werden, ohne Expert*innen in Traumadiagnostik und -behandlung zu sein oder werden zu müssen.
Dass dies bedeuten kann, liebgewordene Gewohnheiten, Methoden oder Sichtweisen zu hinterfragen oder gar zu verändern, sei hier warnend vorangestellt.
Seit der ersten Idee hat sich das Thema des Buches und damit das Buch selbst verändert und entwickelt. Das geschah entlang der uns umgebenden Realitäten. Ursprünglich wollten wir die traumasensible Arbeit, wie wir sie in dem neuen Curriculum für ausgebildete Supervisor*innen vermitteln, darstellen und zusammenfassen. Das Buch sollte zum einen ein kleines Nachschlagewerk für die Kolleg*innen aus den Weiterbildungen sein, um das Gelernte noch einmal aufrufen zu können. Zum anderen hätte es für gestandene Supervisior*innen eine Möglichkeit bieten können, sich den Tools und der Grundhaltung, die wir vermitteln wollen, anzunähern und sich eingehender mit den Fragestellungen und Herausforderungen traumasensibler Arbeit auseinanderzusetzen. Viele Menschen nutzen ja auch unser weiterbildungsbegleitendes Handbuch Traumakompetenz erfolgreich als Nachschlagewerk für „Neulinge“ und „alte Hasen“ (Hantke & Görges 2012).
Doch schnell war klar: Dieser Ansatz reicht nicht mehr, wir müssen weiter und anders denken. Da ist zum einen das, was unter dem Schlagwort „Klimawandel“ zusammengefasst werden kann. Auswirkungen menschlichen Handelns, die sich in anderen Ländern und Gegenden bereits sehr viel deutlicher zeigen als bei uns: Überschwemmungen, Stürme, Trockenheit, Brände, Heuschreckenplagen etc. In die Planungen zu diesem Buch fielen zum anderen ein weiterer langer und sehr heißer Sommer und die Aktivitäten von Fridays for Future und Extinction Rebellion. Wir hatten den zwingenden Eindruck, unsere Arbeit in einen neuen Rahmen stellen zu müssen.
Welche Rolle wollen wir einnehmen? Es kann ja nicht angehen, dass wir den Umgang mit unserer Zukunft auf private Entscheidungen wie Flugverzicht und eine Umstellung auf vegane Ernährung reduzieren. Wo kommt unsere Profession, der traumasensible, hypno-systemisch geleitete Diskurs ins Spiel? Wie lässt sich die Klimawende in unserer Arbeit abbilden? Wie lässt sich die Permanenz von Krisen und Umwandlungsprozessen, in denen kein Status quo mehr fixiert werden kann, traumasensibel wahrnehmen, darstellen und supervisorisch begleiten? Wie kann man einen Über-Blick gewinnen, wenn nach und nach unsere gewohnten Lebensgrundlagen wegbrechen?
Diese Veränderungen treffen uns – wieder einmal – nicht alle gleich. Ständiger Wandel und existenzielle Bedrohung sind nur für einen kleineren Teil der Menschheit neue Herausforderungen. Der weit größere Teil ist bereits permanent mit unabsehbaren Veränderungen und lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert – und oft genug hängen diese von Entscheidungen und dem Lebensstil des kleineren Menschheitsteils ab. Ob als Geflohene aus allen Kontexten vertrieben oder als Reisbäuerin hinweggeschwemmt: Welche Copingstrategien haben diese Menschen entwickelt? Was können wir lernen, wenn wir den Kontakt aufnehmen – zu unseren eigenen Privilegien und Positionen und zu denen, die oft genug davon abhängig sind bzw. darunter leiden? Können wir noch gemeinsam lernen, wenn wir uns der Unterschiede bewusster sind? Können wir lernen, sie zu nutzen?
Wir müssten uns zunächst der Notwendigkeit stellen, unsere eigene limitierte und limitierende Position wahrzunehmen: als mittelständische weiße Bio-Deutsche mit Hochschulzugang – „Mehrheitsgesellschaft“ und immer noch diskursbestimmend. Wir müssten uns der Limitiertheit unserer Ansätze und Möglichkeiten klar werden und mit der Angst umgehen, die das verursacht; uns Offenheit erarbeiten und einen Umgang mit Infragestellung, Schuldgefühlen, Privilegien. Nachfragen, ob wir fragen dürfen, welche Bewältigungsmechanismen uns helfen könnten, ob wir uns etwas abschauen dürfen …
Angesichts dieser Themen und Fragen scheint das Thema Supervision weit hinten zu stehen. Wie soll in einem Szenario, das sich jeder Einschätzung und Einordnung in Gewohntes verweigert, Übersicht entstehen und eine Draufschau möglich sein?
Wir zweifelten also generell am Sujet und zogen die ersten neuen Samen auf der Fensterbank, als das Coronavirus sich selbstständig machte. Wir kauften Solarpaneele. Gummistiefel für die Enkel. Gute Fahrräder. Stellten die Weiterbildungen auf online um und richteten uns ein. Eine neue Normalität wurde etabliert und wir gehörten zu denen, deren Ressourcen und Privilegien Anpassung ermöglichten. Das meiste ging weiter. Auch die Supervision.
Gerade noch hatten wir versucht uns vorzustellen, wie die ganz große Krise supervisorisch konzeptualisiert werden könnte, und schon waren wir mittendrin: In einer bis dato noch sehr leichten Form, einer scheinbar homöopathischen Dosis der zu erwartenden Krise(n), in der wir unsere eigene Reaktion wahrnehmen und die unseres Klientels beobachten und begleiten konnten. Traumasensible Supervision in der Krise war jetzt in allen unseren Arbeitskontexten präsent, denn plötzlich war alles unsicher: das Setting, die Art des Kontakts, die benötigten Ressourcen und die Frage, wo das alles hinführen soll.
Im Tun selbst, in der Suche wurde deutlich: Längst hatten wir die Spur aufgenommen, den Zusammenhang im Handeln hergestellt. Supervison in der Krise muss traumasensibel sein. Denn in unserem Verständnis heißt traumasensibel vor allem, präventiv zu handeln, Traumafolgestörungen zu verhindern. Die dissoziationsbasierte Traumatheorie, die wir Ihnen hier vorstellen möchten, ist vor allem eine Theorie der Verarbeitung. Krisen fordern unsere Verarbeitungskapazitäten heraus. Hier entscheidet sich, ob eine Neuorientierung gelingt. Hier entscheidet sich aber auch, wie wir mit den Symptomen aus der Überforderung umgehen.
Wenn die Krise alle umfasst, ein Ende nicht in Sicht ist, muss Supervision neu gedacht und auf neue Weise durchgeführt werden. Der analytische Blick muss neu definiert werden, wenn ein Überblick nicht möglich ist. Wir müssen den Bestand überprüfen, die Lagerware aussortieren und zielgerichtet neue Ressourcen hereinnehmen und ausprobieren.
Damit wollen wir hier anfangen. Wir wissen nicht, wie das alles aufzulösen ist. Wenn diese Zeilen geschrieben sind, werden sie kein endgültiges Konzept abgeben. Es ist ja gerade das Wesen der Krise, dass wir uns immer wieder neu bestimmen. Was Sie hier lesen ist also – Stand heute – unser Beitrag in einem neuen Diskurs, und unser Augenmerk wird darauf liegen, wie wir eine Krise, deren Ende nicht absehbar ist, traumasensibel fassen können, wie trauma- und krisensensible Standards formuliert werden können, die offen bleiben für Veränderung. Ausgangspunkt dieser Annäherung sind wir selbst, mit unseren jeweiligen Standpunkten. Wir können keine Antworten erwarten, wenn wir nicht bereit sind, uns infrage zu stellen bzw. stellen zu lassen. Und mit der traumasensiblen Brille betrachtet: Wir können nicht integrieren, wenn wir uns nicht klar werden, was unsere alten Muster sind – soziopolitisch wie traumaassoziiert.
Was Sie in diesem Buch finden
Es geht uns darum, den Supervisionsprozess um grundlegende Variablen eines ressourcenorientierten Verständnisses dessen zu bereichern, was die neuere Traumatheorie und -praxis an Erkenntnissen bereithält. Diese Erkenntnisse beziehen sich nicht nur auf Menschen, die eine traumaassoziierte Diagnose bekommen haben. Denn: Die dissoziationsfundierte Traumatheorie, die die Diskurse seit etwa 30 Jahren zunehmend bestimmt, ist keine Störungs-, sondern eine Verarbeitungstheorie. Und egal, was in unserem Leben passiert: Wir verarbeiten – wir alle.
Mit diesem Buch wenden wir uns an diejenigen, die in der Beratungs-, Coaching- und Supervisionsarbeit vor allem indirekt mit Menschen arbeiten, die hohen Belastungen ausgesetzt waren und / oder es noch sind. Doch in vielen Fällen gehören auch Ihre Supervisand*innen zu diesen Belasteten, aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen oder eigener Hintergründe und Zusammenhänge. Auch Sie selbst sind nicht gefeit gegen Überlastung, haben Ihre eigenen Motive für diese Arbeit. Und je tiefer sich die Krisen auch in unsere Gesellschaften fressen, desto deutlicher wird es zu einer Querschnittsaufgabe, Verarbeitung fördern und Traumatisierung vorbeugen zu können.
Wir selbst sind seit vielen Jahren als Supervisor*innen und ebenso lange als Weiterbildner*innen in traumasensibler Arbeit tätig. Unsere Supervisionsprozesse definieren wir schon lange als traumazentrierte Supervision, weil ein Bezug zur Theorie der Verarbeitung von Belastungen für uns eine notwendige Basis fast aller Prozesse ist. Denn schließlich soll Supervision genau dies gewährleisten: ein leichteres, flüssigeres, integrierteres Handeln. Ein Handeln ohne dissoziative Prozesse, traumatheoretisch benannt. Doch dazu später.
Für uns selbst war der Einstieg in die traumazentrierte Supervision zunächst noch themenzentriert und unsere Praxis war am jeweiligen Auftrag aus dem spezifischen Setting orientiert. Irgendwann merkten wir: Keins unserer Angebote können wir uns mehr ohne den neuen Blick auf Verarbeitung vorstellen, ohne den Blick, den die Dissoziationstheorie bereitstellt. Immer weniger ging es dabei um Fallverstehen oder theoretisches Wissen zu bestimmten Störungsbildern, immer zentraler wurde die Erkenntnis, dass wir mit der Anwendung der neueren Traumatheorie ein grundlegenderes Verständnis für menschliche Verarbeitungsprozesse in der Hand haben. Und genau darum geht es in diesem Buch.
Wir werden uns zunächst mit der Supervision beschäftigen, mit dem Fokus, herauszufinden, wie unser Vorverständnis der Draufschau und des Überblicks sich öffnen kann, um neue Wege der Verarbeitung zu finden. Wie könnten Differenzen einbezogen werden? Wie könnte die Idee, ergebnisoffen in die Supervision zu gehen, vereinbart werden mit den Prämissen aus einer traumasensiblen Theorie? Was eine traumazentrierte von der von uns hier vorgeschlagenen traumasensiblen Arbeit unterscheidet, ist der Fokus auf die Verarbeitung und nicht so sehr der Fokus auf die Störung.
Warum wir das so wichtig finden und was die Unterscheidung zwischen der alten störungsspezifischen Herangehensweise und der weiter gefassten Traumasensibilität sein kann, erläutern wir Kapitel 2.3 (Trauma – Krise – Belastung). Sie finden hier ein Grundverständnis der Dynamiken, die aus unverarbeiteter Belastung entstehen und die wir ganz allgemein Traumafolgestörungen nennen wollen. Und hier wird es spannend. Traumafolgestörungen basieren auf dem Einsetzen eines Mechanismus, der in der beraterischen und supervisorischen Praxis noch viel zu wenig Beachtung findet: Dissoziation. Letztere zu verstehen kann uns vor allem helfen zu erkennen, wie sich Verarbeitung fördern lässt.
Die komplexen neurologischen Zusammenhänge haben wir stark komprimiert. Wir stellen Ihnen Modelle vor, deren Alltagstauglichkeit sich in den letzten zwanzig Jahren oft erwiesen hat. Sie geben Ihnen Anhaltspunkte für die Einordnung symptomatischer Prozesse und dissoziativer Phänomene, ohne dass Sie zu Expert*innen für Traumadiagnostik werden müssen. Wir werden Ihnen dazu das Zusammenspiel zwischen evolutionär sehr alten Strukturen unseres Körpers und sehr wichtigen neueren Beteiligten wie der Großhirnrinde erläutern. Letztere steht für Verständnis, Wille, Einsicht und Regulierung und – das haben Sie selbst schmerzlich erfahren – sie ist nicht alles, was uns ausmacht.
Diese sensible Zusammenarbeit zieht sich durch alles Weitere. Wir sind als Menschen deshalb so fragil und störanfällig, weil wir sehr anpassungsfähig sind. Wir adaptieren unsere Umwelt und sind doch abhängig von ihr. Wir übernehmen Muster, auch und gerade aus Strukturen unserer Kindheit. Wir formen uns aus dem, was wir verdauen, in Sprache, Werten, Privilegien und Belastungen. All das bestimmt den eigenen Standpunkt. Wenn wir gemeinsam nach neuen Wegen suchen, könnten wir Möglichkeiten finden, uns und anderen klarzumachen, was wir selbst im Gepäck haben, an hinderlichen, traumaassoziierten Mustern ebenso wie an Fähigkeiten und Copingstrategien, Privilegien oder Unterdrückungserfahrungen, in denen wir gelernt haben.
Wir stellen Ihnen dann trauma- und krisensensible Standards für die Arbeit vor. Sie sind schon lange die Basis unserer Arbeit, aber erst in diesem Buch formulieren wir sie aus. Es zeigt sich, was die Dissoziationstheorie für den Alltag zu bieten hat. Doch wenn man davon profitieren will, geht es nicht ohne Veränderung.
Und wieder sind Sie der Ausgangspunkt. Durch Ihre Präsenz entsteht Raum. Es geht darum, …
ein traumasensibles System zu bilden,den Bezugspunkt des Hier und Jetzt zu etablieren und immer wieder herzustellen,durch Selbstfürsorge aufseiten der Profis Orientierung zu bieten,den Körper in der Regulierung seiner Spannung zu berücksichtigen,die in der Dissoziation unterbrochene Verarbeitung wieder möglich zu machen und zu lernen, mithilfe der Zeitlinie erneut Überblick zu ermöglichen.In vielen Übungen und Beiträgen zu einzelnen Aspekten Ihrer Arbeit setzen wir in übersichtlichen Portionen die Standards für die supervisorische Tätigkeit um. Hier finden Sie
Anleitungen zur Reorientierung undzur traumasensiblen Gestaltung des Settings,Selbstfürsorgetools,Distanzierungstechniken,Hinweise zum Umgang mit andauernder Belastung,Schutz- und Distanzierungsübungen undeinen neuen Blick auf Klient*innen mit dissoziativer Strukturierung.Für die Anleitungen haben wir eine gleichbleibende Struktur gewählt: eine kurze Übersicht, die Nutzungsmöglichkeiten für Supervisor*innen, Supervisand*innen und deren Klient*innen und dann – meist für den Teamkontext – ausgeführt.
Ein Fazit schließlich schafft den Ausblick. „Um Optimist zu sein, muss man auch Aktivist sein heutzutage.“1 Fangen wir einfach als Supervisor*innen an.
Den eigenen Standpunkt und die eigenen Privilegien zu hinterfragen, ist schwierig. Manche Standpunkte sind so selbstverständlich, dass wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Verfremdung, Übertreibung, Regelbruch oder Verlassen der ausgetretenen Pfade können einen Perspektivwechsel ermöglichen und einen Anlass für die Diskussion mit anderen bieten. Dazu sollen die zufällig in den Text geworfenen Kugeln mit Fragen, Anregungen und Zumutungen dienen. Vielleicht mögen Sie ja einiges ausprobieren.
1 Der Regisseur Falk Richter am 26.8.2020 in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur (Studio 9) zu seinem Stück „Five Deleted Messages – die Pandemie als kafkaesker Albtrauma“ vor der Eröffnung des Kunstfests Weimar am 27.8.2020.
Super-Vision (lat.: Überblick) ist, sehr allgemein formuliert, „eine Form der Beratung für Mitarbeiter, die zur Reflexion eigenen Handelns anregen sowie Qualität professioneller Arbeit sichern und verbessern soll“2.
Diese Beratungsform wird in unterschiedlichen Settings (z. B. mit Einzelnen, Teams, Gruppen, mit der Leitung) und Kontexten (psychosoziale Arbeit, freie Wirtschaft, Behörden und Organisationen) genutzt. Supervisionskonzepte entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst in den USA, zumeist angelehnt an psychotherapeutische Schulen. Im Lauf der Zeit weitete sich die Supervisionslandschaft erheblich; die Grenzen zur Psychotherapie einerseits, aber auch zu Coaching oder Organisationsberatung andererseits sind fließend. Unterschiedliche Aspekte in der Auslegung betreffen den Stil der Beratung, die Haltung der Berater*innen, die dahinterliegende Theorie und natürlich die praktische Ausrichtung und die Tools der alltäglichen Supervisionsarbeit.
„Die Ausrichtung auf die Arbeit, das Arbeitsumfeld und das berufliche Handeln von Supervisanden und Supervisandinnen ist das grundsätzliche Merkmal von Supervision“ heißt es bei Schibli & Supersaxo (2009, S. 21). Und laut Buchinger (1998, S. 23, zit. nach Buchele 2017, S. 6) erfolgt die Unterscheidung nicht durch die zur Anwendung gelangenden Methoden, sondern der Gegenstand ist vielmehr durch die berufliche Tätigkeit definiert.
Wir beziehen uns in unserer Praxis und Theoriebildung auf die systemischen und hypnotherapeutischen Konzepte, die vor allem dank des Heidelberger Systemikers Gunther Schmidt (2005) inzwischen als hypno-systemischer Ansatz bekannt geworden sind. Wesentliche Aspekte sind dabei das Auffinden immer wieder neuer Ressourcen im Supervisionssystem, die Orientierung an den formulierten Anliegen der Supervisand*innen sowie eine Transparenz im Arbeiten, die die Supervisand*innen als Expert*innen ernst nimmt. Folgerichtig bestimmen die Kund*innen die jeweiligen Supervisionsziele und stellen schließlich fest, ob diese erreicht wurden.
Die neugierige und wertschätzende Grundhaltung der Supervisor*in zeigt sich unter anderem darin, dass jeder Beitrag zur Supervision als nützlich angesehen wird, egal in welcher Form er erfolgt. Wie wir sehen werden, erleichtert diese Haltung die Einarbeitung traumasensibler Grundsätze erheblich.
In der systemischen Sichtweise der Supervision gehören zum Supervisionssystem nicht nur Supervisand*in und Supervisor*in, sondern auch die Klient*innen der Supervisand*innen und die Einrichtungen und Organisationen, für die sie arbeiten. Es genügt daher nicht, aus den Anliegen der Supervisand*innen Lösungen und Handlungsschritte zu erarbeiten. Die Frage, ob diese Schritte gangbar sind, ob sie überhaupt von den Supervisand*innen in den Arbeitsalltag übertragen werden können bzw. welche Voraussetzungen dafür wichtig sind, ist wesentlicher Bestandteil der Arbeit.
Welche Begegnung mit einem Supervisanden / einer Supervisandin fanden Sie am schwierigsten? Wie erklären Sie sich das und wie haben Sie diese Begegnung gemeistert?
In diesem Zusammenhang können wir zwischen Problemen und Restriktionen unterscheiden. Während Probleme zumindest in Teilen lösbar sind, werden Restriktionen als innerhalb des jeweiligen Settings nicht veränderbare Beschränkungen definiert. Ein Beispiel wäre etwa der Umgang mit Klagen zur Arbeitsüberlastung. Hier gilt es zu unterscheiden, welcher Anteil der gefühlten Überlastung innerhalb des Teams, der Station, der Rückmeldeschleifen der Institution bearbeitet werden kann. Dies würde als Problem definiert. Gesetzt den Fall, die Krankenhausleitung hätte sich schon wiederholt geweigert, den Personalschlüssel zu erhöhen, würde dieser Teil der Schwierigkeiten als Restriktion innerhalb des Systems behandelt. Ziel der Supervision wäre dann das Erarbeiten eines kompetenzorientierten Umgangs mit der Restriktion, etwa mit der Frage nach Selbstfürsorge angesichts der in diesem Moment nicht veränderbaren Umstände.
Wenn es darum geht, die traumasensible Sichtweise in einen systemischen Ansatz der Weltbetrachtung einzubeziehen, stehen wir immer wieder vor demselben grundsätzlichen Problem. Aus systemischer Sicht sind wir gehalten, Neutralität bzw. Allparteilichkeit zu gewährleisten und möglichst ohne Eigeninteresse an den Supervisionsprozess heranzugehen. Wir sind Lotsen im Wirrwarr der Ressourcen unserer Klient*innen, nicht Wegweiser für vorgefertigte Ziele. Das kollidiert mit einer traumatheoretischen Sichtweise, die den eigenen Blickwinkel als neue Möglichkeit für die Betrachtung von Verarbeitung und Kontaktgestaltung, für die Anwendung von Interventionen bereitstellen will. Das ist eine Herangehensweise, die ein klares, definiertes und in der Arbeit unhintergehbares Ziel vermittelt, nämlich Integration und Verarbeitung im Hier und Jetzt. Wir werden diesen Aspekt weiter unten in diesem Kapitel aufgreifen.
Doch lassen Sie uns zunächst betrachten, welche Implikationen für die eigene Positionierung die klassische Definition der Supervision als Draufsicht impliziert, gerade wenn wir sie aus einem systemischen Verständnis heraus betrachten. Worauf also lassen wir uns mit dem Anliegen einer Veränderung ein?
Wie wird die Rolle des Supervisors / der Supervisorin definiert?
Grundlegende Konzepte im systemischen Handeln sind die der Allparteilichkeit (Boszormenyi-Nagy et al. 1981) und Neutralität (Selvini Palazzoli et al. 1981). Supervisor*innen sollen für alle Mitglieder eines Systems Partei ergreifen, sich auf keine Seite schlagen. Neutralität soll insbesondere gegenüber Personen bestehen, gegenüber Problemen oder Symptomen sowie gegenüber Ideen (siehe von Schlippe & Schweitzer 2012, S. 206). Sie soll den Kund*innen eine neue Perspektive auf das Geschehen ermöglichen und mittels „respektvoller Neugier“ (a.a.O., S. 207) verlorengegangene Ressourcen wieder sichtbar machen. Die Haltung der „Unwissenheit des Therapeuten“ (Anderson & Goolishian 1992) und die „Respektlosigkeit gegenüber jeglichen Gewissheiten“ (von Schlippe & Schweitzer 2012, S. 217) sollte die Klient*innen vor meinungsstarken oder deutenden Berater*innen schützen. Wenn wir uns klarmachen, dass die erste Generation der Vorreiter*innen systemischer Theorie und Praxis fast ausschließlich aus Psychoanalytiker*innen bestand, wird dieses Bestreben verständlicher. Deutungen gelten jetzt nicht mehr als Stand der Kunst.
In der Weiterentwicklung der systemischen Theorie wurde klar: Auch aus systemischer Sicht kann kein Mitglied des interagierenden Systems neutral sein, weil alle Teile einer Interaktion einander und somit auch den Prozess, mithin auch die Wahrnehmung beeinflussen. „Es empfiehlt sich vielmehr, sich jeweils bewusst zu sein, in welchem Kontext es als sinnvoll anzusehen ist, Neutralität zu verwirklichen, und in welchem nicht“ (von Schlippe & Schweitzer 2012, S. 206). Die Biologen Maturana und Varela arbeiteten heraus, dass wir „Verantwortung für unser tägliches Tun übernehmen“ müssen, denn „unser Tun – alle unsere alltäglichen Handlungen ohne Ausnahme – hilft, eine Welt hervorzubringen und zu etablieren, in der wir werden, was wir im Austausch mit anderen werden in jenem Prozess des Hervorbringens einer Welt“ (Maturana & Varela 2009, S. 268). Hier taucht der Begriff der Verantwortung auf, den wir in systemischen Lehrbüchern vergeblich suchen.
Eine klare Akzentuierung der Supervisor*innenposition im Sinne einer politischen Stellungnahme und Unterstützung einer Klient*innengruppe innerhalb eines gesellschaftlichen Gesamtsystems beschrieb die feministische Supervision in der Tradition der feministischen Therapie. So sieht Britta Woltereck die Supervisorin im Kontext sexualisierter Gewalt „einer zweifachen Parteilichkeit verpflichtet (…). Sie ist sowohl ihrer jeweiligen Supervisandin solidarisch und kollegial verbunden und für sie tätig, als auch in einem noch stärkeren Maße in ihrer Parteilichkeit für die Betroffenen gefordert“ (Woltereck 1994, S. 183). Der Arzt und Psychoanalytiker David Becker sieht die supervisorische Arbeit im Kontext von Traumatisierung als „Ermächtigungsprozess“ und betont, dass die Opfer „ihren Heilungsprozess selbst bestimmen müssen“ (Becker 2020, S. 13).
Der weitestgehende Einbezug des Supervidierenden ist also der seiner rationalen Schlüsse, seines Handwerkszeugs sowie der Hypothesen, die sich aus der Anwendung seiner Theorien ergeben. Diese Hypothesen werden dann in unterschiedlicher Weise (verdeckt, offen, unterstützend, fragend …) in den Prozess einbezogen.
Wo aber bleibt die Person des Supervidierenden im Prozess? Wo bleibt seine Persönlichkeit? Wo die Selbstdefinition, die Identität, der Hintergrund, der Kontext, die Verunsicherung?
Wird die Rolle der Supervisor*innen als beliebig positionierbar definiert, mal außerhalb des Prozesses stehend, mal in die Perspektive der Supervisand*innen versetzt, mal parteiisch, so funktioniert das nur auf der Grundlage einer vorausgesetzten bzw. zu erreichenden Wahrnehmungsnorm: Neutralität oder Objektivität z. B. muss definiert werden als nicht-personale, nicht-subjektive Perspektive. Auch wenn wir Allparteilichkeit, Solidarität oder Professionalität fordern: Wir brauchen eine Übereinkunft des Bezugspunktes, auf dessen Grundlage wir einen Prozess bewerten, überdenken, verändern. Oft ist die implizite Matrix des Supervisors (sic) die Konstruktion des weißen mittelständischen westlich sozialisierten Mannes im Gebrauch einer der europäischen Standardsprachen. In dieser Peergroup ist die Idee der Supervision entstanden, Beratung und neudeutsch Coaching haben hier Ihren Ursprung. Es ist die einzige Position, die sich nicht selbst hinterfragen muss, weil sie bereits über alle Privilegien verfügt. Wenn wir also weiter die eigene Position als Nullposition definieren, als Ausgangspunkt, so reproduzieren wir Machtstrukturen.
Wie also definieren wir Supervision, wenn wir uns selbst als Handelnde innerhalb eines Bezugssystems, bestimmt durch den eigenen Standort begreifen? Wie, wenn wir auf dieser Grundlage die eigene Position als eine Machtposition wahrnehmen und diese Macht im Sinne der Supervisand*innen nutzen oder mit ihnen teilen wollen? Wie gehen wir mit einer Position um, die wir zunächst ja einnehmen müssen, bevor wir sie zur Disposition stellen können? Wie ermächtige ich andere, wenn ich es aus meiner Macht heraus tue?
Wir kommen auf diese Fragen zurück. Zunächst aber beschäftigen wir uns mit dem Paradoxon der traumasensiblen Supervision. Unter traumasensiblem Arbeiten ist zu verstehen, dass wir gewisse alltagspraktische, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Vorannahmen als Ausgangspunkt, Ziel und Rahmenbedingung unserer Arbeit definieren. Wir definieren unsererseits Standards, gewissermaßen Regeln für eine Zusammenarbeit, die sich auch auf den Umgang mit den Anliegen der Supervisand*innen beziehen. Wir gehen mit einer unhintergehbaren Vorannahme in den Prozess. Mit einem theoretischen und praktischen Arbeitsansatz, der zum Maßstab all unserer Interventionen wird. Wir überprüfen natürlich gemeinsam mit den Klient*innen immer wieder die Wirksamkeit und Gültigkeit dieser Grundannahmen. Aber wir nehmen eine Setzung vor. Wir legen fest und sind nicht mehr ergebnisoffen.
Lassen Sie uns im nächsten Abschnitt problematisieren, ob oder wie unter diesen Umständen noch von Supervision gesprochen werden kann.
Auch in anderen Supervisionsansätzen verwenden Supervisor*innen einen Maßstab. Sie interpretieren vor einem bestimmten theoretischen Hintergrund. Sie ermutigen zu aktivem Zuhören, ermitteln Anliegen, nehmen Teamdynamiken in den Fokus, erstellen Kommunikationsregeln, nutzen Empathie oder Metaebenen – je nach Hintergrund und Situation. Ob Sie die Theorien hinter Ihrem Handeln erklären oder nicht, hängt ebenfalls von der jeweiligen Theorie ab. Nur selten beinhaltet die von uns genutzte Theorie eine Überprüfung durch die Klient*innen oder bildet die Grundlage unserer gemeinsamen Zielsetzung.
Wählen Sie für die nächste Supervision eine Sitzgelegenheit, die Sie größer oder kleiner macht. Thematisieren Sie den Unterschied.
Mit der traumasensiblen Supervision arbeiten wir zusätzlich auf der Grundlage einer Verarbeitungstheorie, die ganz konkret Auswirkungen auf all unsere Handlungen, die Umsetzung der Lösungsvorschläge, unsere eigene Positionierung und die Art und Weise des Miteinanders in der Supervision hat. In etwa so, wie Sie nach einem Rückentraining nicht mehr mit gutem Gewissen in derselben Weise vor dem Computer sitzen werden wie vor dem Bandscheibenvorfall. Der Unterschied in Bezug auf die Supervisionsarbeit ist, dass Sie auch Ihre Klient*innen während der gesamten Zusammenarbeit dazu anhalten werden, zu lernen, die eigene Haltung zu beobachten und zu verändern. In unserem Fall hin zum Erwerb einer traumasensiblen Grundhaltung, die auch körperlich wahrnehmbar sein wird.
Wenn Sie aber nun als Computerexpert*in gleichzeitig Rückentrainer*in werden, weil Sie für sich erfahren haben, dass die Berücksichtigung Ihrer Nackenmuskulatur auch die Arbeit an der Programmierung angenehmer gestaltet, so müssen Sie Ihre Arbeit neu definieren – und anders vertreten. Während sich die Teilnehmenden im Gros vielleicht über die körperliche Entspannung freuen, werden andere unwillig Erklärungen einfordern, weshalb der zusätzliche Aspekt wichtig sei oder sich schlicht weigern, die eigene Haltung zu verändern oder für diesen Unsinn zu bezahlen. Es macht also Sinn, sich auf die neue Doppelrolle einzustellen und die Idee von Anfang an mit einzuführen. Im Anwendungkapitel machen wir Ihnen Vorschläge, wie das gehen kann (vgl. Abschnitt „Transparenz“).
Traumaorientiert, traumazentriert, traumasensibel – es kursieren inzwischen ganz verschiedene Begrifflichkeiten, und daraus ergeben sich Unsicherheiten. Wie immer macht es Sinn, im jeweiligen Kontext zu definieren, wie wir die Begriffe verwenden.
Unter traumazentrierter oder auch traumaorientierter Supervision verstehen wir die explizite Beschäftigung mit nicht verarbeiteten Belastungen, die oft diagnostisch als Traumafolgestörungen den Alltag der Supervisand*innen bestimmen. Es handelt sich dabei meist um die fachliche Supervision der Arbeit mit Menschen, die Symptome oder Syndrome, Verdachtsdiagnosen und diagnostizierte Störungen aus dem Spektrum der dissoziativen oder psychosomatischen Störungen bzw. des emotional-instabilen Verhaltens oder der expliziten Traumafolgestörungen bekommen haben. Der Auftrags-Fokus liegt dann vielfach auf dem klinischen Umgang mit Genese, Dynamik und Behandlung der traumaassoziierten Verhaltens- und Beziehungsveränderungen. Meist geht es dabei um diagnose- und therapieorientierte Supervision im therapeutischen oder medizinischen Bereich. Für supervisorische Prozesse dieser Art macht es Sinn, selbst auf dem Gebiet tätig (gewesen) zu sein und eine solide therapeutische Ausbildung zusätzlich zur supervisorischen im Gepäck zu haben. Diese Kompetenzen wollen und können wir mit diesem Buch nicht vermitteln.3
Traumasensible Supervision geht hier einen Schritt weiter und bleibt gleichzeitig einen anderen zurück. Wie das? Traumasensible Supervision ist Supervision auf einer erweiterten theoretischen Grundlage für das gesamte supervisorische Handeln. Zur Orientierung dient uns die der Dissoziationstheorie zugrunde liegende Verarbeitungstheorie. Insofern wird der Blick deutlich erweitert und gleichzeitig verändert. Er fokussiert nicht ausschließlich auf Traumafolgestörungen, sondern auf Prozesse, die jeder menschlichen Verarbeitung und Integration zugrunde liegen. Wir wählen den zentralen Baustein der neueren Traumatheorie und betrachten seine Tauglichkeit in Hinblick auf die Anwendung im „Normalfall“. Störungsspezifische Erklärungen finden hier ihren Ansatzpunkt, sind aber nicht Teil des Konzepts.
Lassen Sie uns dafür eine Analogie finden.
Tun Sie in jeder zweiten Sitzung so, als hätten Sie ein Privileg weniger. Geben Sie es am Anfang der Sitzung an eine*n der Supervisand*innen ab und reflektieren Sie den Rollenwechsel am Ende. Lassen Sie bei zunehmender Übung Ihre Supervisand*innen aussuchen, welches Privileg Sie probeweise abgeben sollen.
Noch in den 1990er-Jahren wurde in der Traumatherapie die Arbeit mit imaginierten Ablageorten (dem Tresor) zur Minimierung der Auswirkungen von unwillkürlichen Traumaerinnerungen oder die Einrichtung fantasierter „sicherer Orte“ als Alternative zu unsicheren Lebenserfahrungen von nicht eingeweihten Kolleg*innen sehr belächelt. Hypnotherapeutische Verfahren waren noch mit dem Verdikt der Scharlatanerie versehen und Fantasiereisen wurden als „esoterisch“ abgetan.
Mittlerweile gilt die Arbeit mit Imaginationsübungen nicht nur in der Krebstherapie, sondern auch im Coaching oder der Unternehmensberatung als gewohnter und geschätzter Bestandteil der Verfahren. Im Leistungssport wird konsequent mit mentalem Training zur Steigerung der individuellen wie der kollektiven Leistung gearbeitet. Keine WM-Vorbereitung im Fußball ist denkbar ohne Imaginationstraining, keine Planung hochkomplizierter und gefährlicher Sprünge, etwa im Eiskunstlauf, verzichtet auf die kontinuierliche begleitende Arbeit mit Bildern, vorweggenommenen Prozessen, Imaginationen bis hin zum Klarträumen.
Es ist nicht ein Verfahren, sondern die Kraft imaginativer Prozesse, die Möglichkeit, mit bewusst eingeleiteten Vorstellungen neue Assoziationen zu schaffen und Entwicklungsprozesse einzuleiten, zu planen, zu begleiten und zu modellieren, die in verschiedensten Bereichen neu etabliert wurde. Nicht eine Technik, sondern eine Eigenschaft des menschlichen Geistes wurde wiederentdeckt: die Fähigkeit, den eigenen Körper und dessen Befindlichkeit kraft seiner Vorstellung zu verändern.
Ebenso verhält es sich mit der Einführung dissoziationstheoretischer Grundlagen in unsere Betrachtung der Verarbeitung. Im Allgemeinen haben wir uns mit dem Denkstil der Kybernetik und / oder der Psychoanalyse eingerichtet und erklären uns die Welt entweder mit physikalischen (noch meist Newtonschen) Gesetzen oder dem, was wir als psychische Mechanismen unter Verdrängung, Widerstand oder Übertragung abgespeichert haben. Wir tun das meist ohne genauere Kenntnis der jeweiligen theoretischen Hintergründe, gerne auch in bunter Mischung verschiedener Konzepte. Die Begrifflichkeiten sind Teil unseres Denkstils geworden.
Die neuere Traumatheorie hingegen lädt dazu ein, diesen Denkstil zu „überarbeiten“. Wir werden eine Theoriebildung vorstellen, die eine sehr alte, unserem Denkstil aber unvertraute Perspektive wieder aufgenommen hat, um das Erleben traumatisierter und schwer belasteter Menschen zu beschreiben. Hier ist die Rede von Verbindungen, die nicht geknüpft werden, Verarbeitung, die nicht stattfindet, weil der Organismus überlastet ist; dass all das aber nachzuholen ist, wenn wir Bedingungen schaffen, die eine Verarbeitung erlauben. Wenn die Dissoziation das Negativ ist, aus dem Traumafolgestörungen entstehen, dann ist die Verarbeitungstheorie, die wir vorstellen, das Positiv, das wir daraus entwickeln können.
Traumasensible Supervision verändert die Grundlagen Ihrer Supervision, weil sie die Grundlagen Ihres Verständnisses von Verarbeitung verändert. Das Wissen um die Nichtverarbeitung bei akuter Überlastung ebenso wie beim Wiederaufflammen alter Überlastungen fließt in Ihre Arbeitsprozesse ein, und gleichzeitig fordert es Sie selbst in Ihrer Arbeit auf neue Weise. Ihr eigener Standpunkt wird wichtig. Das betrifft ganz konkret Ihre Verbindung zum Hier und Jetzt. Und irgendwie scheint es dann ganz logisch, dass daraus eine Änderung Ihres Standpunkts als Supervisor*in erwächst.
Traumasensible Supervision soll aber auch und gerade in der Krise stattfinden. Und Krisen, das betrachten wir in Kapitel 2.3 genauer, machen uns alle wacher, aber auch unsicherer, anfälliger für Einflüsse von außen. Unsere Verantwortung als Supervisor*innen wächst, sobald wir uns als Handelnde im System verstehen.
Wir können Krise als einen Zustand beschreiben, in dem gewohnte Regeln nicht mehr gelten und wir nicht automatisch auf andere Regeln zugreifen können. Die traumasensible Herangehensweise, die wir im folgenden Kapitel erläutern und danach in Standards aufschlüsseln werden, macht uns erprobtes Handwerkszeug für einen neuen Rahmen zugänglich. Teil dieses Handwerkszeug ist eine Stabilisierung der eigenen Position als Ausgangspunkt. Diese Position haben wir gerade dann nötig, wenn wir – wenn auch unterschiedlich – gemeinsam mit Krisen umgehen müssen.
Die Chance einer Krise besteht zudem darin, dass auch andere Menschen auf der Suche nach hilfreichen Ansätzen sind und ihre eigenen Ressourcen einer Bestandsaufnahme unterziehen und auf Tauglichkeit überprüfen. Wenn wir uns dann offen in den Kontakt mit anderen begeben, müssen wir nach neuen Ideen und Möglichkeiten des Umgangs kaum mehr suchen.
Fragen wir also Menschen mit Erfahrungen, die wir noch nicht gemacht haben und finden wir heraus, welche Kompetenzen für ein Überleben wichtig sind, welche Kompetenzen daraus im Sinne der Salutogenese (Anotonovsky 1997) oder Resilienz erwachsen sind. Nutzen wir den Umstand, dass wir alle an unterschiedlichen Stellen wachsen und in ähnlichen Krisen sehr unterschiedlich reagieren. Im Moment der Krise sind viele unterwegs, um sich neu zu orientieren.
Wie nutzen wir unsere Differenzen im Supervisionsprozess? Wie können wir sie adressieren? Wie können wir den Blick öffnen für Copingstrategien aus Erlebensbereichen, die wir im Allgemeinen tabuisieren: Flucht, familiäre und sexualisierte Gewalt, Ausgrenzung, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit … Die Liste ließe sich fortsetzen. Wir alle wissen, wie hoch die Prozentsätze für Gewalterfahrung in unserer Gesellschaft sind, und auch, wie hoch sie insbesondere in spezifischen Einrichtungen sind. Viele von uns sind Überlebende, Tag für Tag. Welche unendlichen Ressourcen sind das, die wir nur implizit nutzen, aber nicht greifbar machen, nicht explizit ansprechen, nicht wirklich zur Verfügung haben!
Wir sind sicher, dass hier ein wichtiger Weg beginnt. Er hat damit zu tun, die Unterschiede wahrzunehmen und Lernprozesse aus dem Privaten ins Berufliche zu überführen. Das stellt viele aus gutem Grund entstandene Grenzen infrage. Wir haben noch keine Antwort auf unsere eigene Frage: Wie kann man das nutzen? Wie kann das erfragt werden, ohne dass es erneut zur Ausbeutung kommt? Wir haben uns entschieden, Fragen in den Text zu streuen, Suchbewegungen auszulösen. Und sind gespannt, was sich daraus ergibt.
2https://de.wikipedia.org/wiki/Supervision, Zugriff 7.8.2020
3 Zur Ergänzung der Definitionen sei hier angemerkt: Der Begriff traumazentrierte Beratung und Begleitung findet sich oft in den niedrigschwelligeren psychosozialen Angeboten für dieses Klientel. Die Kolleg*innen sind in der Regel fundiert ausgebildete Fachkräfte mit einem ressourcenorientierten Blick auf die Verarbeitung von belastenden Ereignissen und vor allem auch von den Folgen früher und kumulativer Traumatisierungen. Sie arbeiten mit Menschen, die oft Diagnosen aus dem Traumafolgespektrum erhalten haben, haben in der Regel keinen therapeutischen Auftrag, aber einen umfangreichen Methodenkoffer für die Analyse von Bindungs- und Entwicklungsstörungen und die Möglichkeiten der Intervention in dissoziativen Zuständen etc.
“Traumas produce their disintegrating effects in proportion to their intensity, duration and repetition.” (Pierre Janet)4
Zu Beginn der modernen Diagnostik posttraumatischer Störungen war Dissoziation im deutschsprachigen Raum ein nur im Klinikalltag bekannter Begriff. Hier beschrieb er das Auseinanderfallen von Bewusstseinsprozessen im klinischen Bild der multiplen Persönlichkeit (heute Dissoziative Identitätsstörung), ein damals noch sehr umstrittenes Phänomen. In den Jahren um die Jahrtausendwende erlangte der Terminus Dissoziation mehr und mehr Bedeutung in der Beschreibung einer Vielzahl von posttraumatisch auftretenden Symptomen. Inzwischen können wir mit einem deutlicher auch neurophysiologisch geprägten Denkstil Dissoziation als einen psychisch-physischen Mechanismus beschreiben, mit dem der Organismus sich vor Überlastung schützt: das Auseinanderfallen von optimalerweise integrierten Verarbeitungsprozessen im Fall von suboptimalen Bedingungen.
Stellen Sie sich vor, jemand käme und nähme Ihr Kind mit und sagte, es sei zu Ihrem Besten.
Dissoziation ist ein Begriff, den wir aus der Philosophiegeschichte des vorvergangenen Jahrhunderts beziehen. Er stammt aus einer Denkbewegung, einer Art der Wahrnehmung, die eng mit den Konzepten der französischen und angelsächsischen Medizin und Philosophie im 19. Jahrhundert verknüpft war. Er beschreibt ein Phänomen, das im deutschsprachigen Raum so nicht hätten wahrgenommen werden können, weil die deutsche Sprache sich in einem anderen Denkstil entwickelt hat.
Aber lassen Sie uns das ein wenig genauer betrachten.
Philosophie und Medizin waren im 19. Jahrhundert noch sehr eng nebeneinander liegende und miteinander verknüpfte Forschungs- und Wissensgebiete. Die Psychologie als eigenständige Disziplin war noch nicht geboren. Jeder Mediziner (Frauen waren zum Studium nicht zugelassen) musste Philosophie studieren, die einen großen Teil der Theorie zur Verfügung stellte. Der Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Körper war im französisch-angelsächsischen Diskurs eins der spannendsten Untersuchungsfelder, den man mithilfe von Hypnose sowohl als Untersuchungsinstrument als auch als Heilmittel verstehen wollte. Die Hypnose offerierte die Möglichkeit, andere Bewusstseinszustände zu erzeugen, was Einblicke in deren Funktionen geben sollte. Das Wachbewusstsein wurde ebenso wie Schlaf, unterschiedliche Formen der Trance oder Schlafwandeln untersucht und die Übergänge bzw. Brüche zwischen den Bewusstseinszuständen wurden erforscht. Warum verhielten sich Menschen in manchen Zuständen so komplett anders als in anderen? Warum veränderten sich Fähigkeiten mit den Bewusstseinszuständen?
Pierre Janet (1859–1947) war einer der angehenden Mediziner, die sich für die Forschungen mit Hypnose interessierten. Ihm war vor allem daran gelegen zu verstehen, welche innerpsychischen Kräfte dafür zuständig waren, die Unterbrechung zwischen Bewusstseinszuständen herzustellen. Es ging ihm darum zu erkennen, was diese Trennung überwinden könnte.
Eine zentrale Erkenntnis war für ihn: Vehemente Gefühle führten dazu, dass Erleben nicht integriert werden konnte und Folgesymptomatiken wie die hysterischen Symptome entstanden. Körper und Geist bildeten Amnesien aus, Bewegungsabläufe ebenso wie Schmerzen oder Ängste waren dem Wachbewusstsein oft nicht zugänglich, in anderen Zuständen aber abrufbar.
Mit heutigen Worten: Wenn die Verarbeitungskapazität des Organismus überfordert ist – was immer verbunden ist mit einem starken, im Moment des Erlebens nicht aushaltbaren Gefühl –, fallen in unserem Verarbeitungssystem wichtige Funktionen auseinander. Was Janet noch als pathologischen Mechanismus begriff, kann inzwischen als Kontinuum beschrieben werden, das vom Tagtraum bis zur Dissoziativen Identitätsstörung demselben Grundmechanismus, der Dissoziation, geschuldet ist. Intensität, Dauer und Wiederholung, aber vor allem auch Zustand und Alter des betroffenen Menschen führen zu sehr unterschiedlichen Ausprägungen des Symptomgeschehens.
Peter Levine (2011) beschrieb später das Auseinanderfallen von Säugetierverhalten und kognitiven Funktionen und die Neuropsychologie und -physiologie etablierte die Notfallreaktion als Grundlage der Nicht-Verarbeitung. Bruce Perry war einer der ersten, der die Dissoziation neurophysiologisch nachwiesen und beschrieben hat (Perry et al. 1995).
Verarbeitung ist also während eines Ereignisses, welches die Dissoziation auslöst, nicht möglich. Sie wird danach unterschiedlich schnell und störungsfrei wieder aufgenommen. Für die Entwicklung von Traumafolgestörungen ist also die Möglichkeit der Verarbeitung im Nachhinein, nach der unmittelbaren Erfahrung, entscheidend.
Es scheint inzwischen fast unbegreiflich, wie wir menschliches Funktionieren ohne diesen Mechanismus, ohne diesen Schutz vor Überlastung denken konnten. Es ist faszinierend, wie Denkschulen die Wahrnehmung beeinflussen und wie lange es gedauert hat, bis wir unser durch Freud geprägtes Verständnis infrage stellen konnten. Es ist noch fest verankert, wenn auch im Wanken, und unser Buch soll ein Beitrag zu seiner Erweiterung sein.
Der tiefenpsychologische, auf Freuds Analyse fußende Denkstil ist ein gutes Beispiel für den Kultur- und Sprachzentrismus von Denken und Wahrnehmen. Freud hatte während seiner Studien in Frankreich das Modell der Dissoziation zunächst in seine Theoriebildung einbezogen und als Erregungssummenkonzept bezeichnet – was unserer nachfolgenden Beschreibung sehr nahekommt. Er verwarf das Dissoziationsmodell aber schnell wieder, weil die Koppelung an die Theorie der Multipen Persönlichkeiten zu eng war und das Vorliegen zweier Bewusstseine in einem Körper für ihn nicht denkbar war5. Nein, im idealistischen Denkstil des deutschsprachigen Freud war die Dissoziationstheorie nicht abbildbar (siehe dazu Hantke 1999).6
Ziehen Sie alte Kleidung an und versuchen Sie, in einer Ihnen fremden Sprache herauszufinden, wie Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln an Ihr Ziel kommen.
Heute, nach über einem Jahrhundert freud‘schem Einfluss, hat uns die Neurophysiologie ein verändertes Verständnis von Prozessen beschert, die uns noch vor 30 Jahren sehr fremd vorgekommen wären. Die „Echtheit“ der Reaktion eines blinkenden Leuchtstoffes im Magnetresonanztomografen (MRT) schlägt jede philosophische Spekulation. Das Auseinanderfallen von Funktionen, die Isolierung von traumaassoziierten Netzwerken und die Herstellung von Verbindungen nach erfolgter Traumaintegration ist inzwischen bildhaft darstellbar, bestätigt und untermauert die Theorie der Dissoziation.
