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Das Deutsche Reich 1942: Kurz nach ihrem Examen wird Hanna in die Krankenpflege der Wehrmacht eingegliedert. Obwohl sie lieber bei ihrer Familie in der Eifel wäre, beugt sie sich dem Befehl und kämpft fortan als Frontschwester um das Leben der Verwundeten – ebenso wie um das eigene. Nur mit knapper Not gelangt sie zurück nach Deutschland, wo sie in München den Luftkrieg in all seinen grausamen Facetten durchlebt und schließlich die harte Hand des Regimes am eigenen Leib erfahren muss. Basierend auf den Erinnerungen ihrer Großmutter, Jahrgang 1922, die den Zweiten Weltkrieg als Krankenschwester erlebte, schildert Sandra Jungen die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Zweifel an der NS-Ideologie viel zu lange verdrängt. Wie so viele in dieser Zeit.
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Seitenzahl: 475
Veröffentlichungsjahr: 2018
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© 2018 – e-book-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-860-9 Lektorat: Gabriele Korn-Steinmetz Ausstattung: Stefanie Thur Korrektorat: Melanie Oster-Daum Titelfoto: Grisha Bruev/Shutterstock.com
Hanna
Kriegsjahre einer Krankenschwester
Roman
Rhein-Mosel-Verlag
Für Oma, die beste olde Tucke der Welt.
Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist. Christian Morgenstern
Heeresbekleidungsamt, Infanteriestraße Hauptstadt der Bewegung München
Juni 1942
Schon über eine Stunde stand sich Hanna die Beine in den Bauch, ohne einen nennenswerten Schritt weiter zu kommen. Und nun rückte die Warteschlange endlich ein Stück vor. Hanna sah dem jungen Soldaten nach, der mit euphorischer Miene und einem Kleiderstapel unter dem Arm an ihr vorbeiging und sie fast umgeschubst hätte. Der war ja noch ein halbes Kind! Auch der nächste Soldat wirkte viel zu jung für einen Frontkämpfer, doch sein Gesichtsausdruck war weniger zuversichtlich. Offensichtlich waren nicht alle so erpicht darauf, in die Schlacht zu ziehen, wie es immer hieß.
Hanna konnte es ihm nicht verdenken, auch sie würde lieber im beschaulichen München bleiben, statt an die Front geschickt zu werden. Zwar hatte es im letzten Jahr zwei feindliche Luftangriffe auf die bayrische Hauptstadt gegeben, aber in diesem Jahr noch keinen einzigen. Hanna hatte munkeln hören, dass München im Gegensatz zu anderen Städten mit geringem Schaden davon gekommen sei, doch Genaueres schien niemand zu wissen.
In der Warteschlange stand nun schon wieder alles still. Deutlich hörbar stieß Hanna den Atem aus und tippte mit der Fußspitze auf den Boden. Die Dielen knarzten rhythmisch unter ihren Füßen.
»Wann geht es denn endlich weiter?«, rief ihre Kollegin Hedwig, die hinter Hanna stand. »Wir haben schließlich nicht ewig Zeit.«
»Immer der Reihe nach!«, tönte eine herrische Stimme von vorn. »Hier herrscht Ordnung!«
Bertha kicherte. »Da hörst du es wieder, besonders in der Hauptstadt der Bewegung wird Wert auf Zucht und Ordnung gelegt. Da kommt jeder dran, wenn es soweit ist.«
»Zucht und Ordnung lasse ich mir ja noch gefallen«, raunte Hanna den beiden leise zu. »Aber was haben wir mit Hitlers Bewegung zu tun? Wir sind schließlich Krankenschwestern und keine Nazis.«
Der Soldat hinter Bertha zog eine Augenbraue hoch und warf Hanna einen verächtlichen Blick zu.
Schnell sah sie weg und strich über die Schürze ihrer Schwesterntracht.
Ihr war beklommen zumute, wie sie da in der Warteschlange vor der Kleiderausgabe der Wehrmacht stand. Das Ziehen in ihrem Bauch verdichtete sich allmählich zu einem dicken Klumpen aus Zweifel und Furcht.
Bereits auf dem Weg durch das düstere Treppenhaus hatte sie eine leise Ahnung beschlichen, dass ihr bislang sorgloses Leben bald Geschichte sein könnte. Das Reich befand sich nun schon im dritten Kriegsjahr. Immer öfter wurden blutjunge Männer eingezogen, und nun geschah dasselbe mit Krankenschwestern.
Gerade erhaschte Hanna einen Blick auf den Ausgabetisch und die dahinter angebrachten Regale, da versperrte ihr der Soldat vor ihr wieder den Blick. Sein Schweißgeruch überdeckte den Duft der frischen Wäsche, den sie soeben noch wahrgenommen hatte. Sie rümpfte die Nase und ärgerte sich wieder einmal über ihre geringe Körpergröße. Unwillkürlich fasste sie an die Brosche mit dem roten Kreuz, die ihren Kragen zusammenhielt und sie als examinierte Krankenschwester auswies.
Sie war ein wenig stolz darauf, dass sie, genau wie Bertha und Hedwig, vor kurzem das Examen bestanden hatte. Obwohl sie vor zwei Jahren aus freien Stücken nach München gegangen war, um sich den Traum einer Krankenschwesternausbildung zu erfüllen, wäre sie in diesem Moment jedoch viel lieber wieder zu Hause bei ihrer Familie in der Eifel. Weit weg von München und dem angeordneten Kriegseinsatz.
Im Mai, kurz nach ihrem Examen, war Hanna in die sogenannte Freiwillige Krankenpflege eingegliedert worden, in der sie überhaupt nicht freiwillig war. Aber der Mangel an Pflegepersonal war allgegenwärtig. Sie konnte sich nicht aussuchen, ob sie in den Krieg ziehen wollte oder nicht. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. »Warum dauert das denn bloß so lange?«
Der Soldat in der Schlange neben ihr musterte sie mit belustigter Miene. »Geduld, Fräulein. Sie kommen schon noch an die Reihe. Sie können es wohl kaum erwarten, zur Front zu gelangen, was?«
Hanna presste die Lippen aufeinander. Die Front! Was das wohl bedeutete? »Wissen Sie«, antwortete sie zögerlich, »die Bilder der Wochenschau zeigen immer nur fröhliche Soldaten, und man könnte fast meinen, der Krieg wäre ein spannendes Abenteuer. Aber wenn ich daran denke, was meine Großmutter früher von den schlimmen Zeiten während des Großen Kriegs erzählt hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es an der Front allzu lustig sein wird.«
»Ach, hat Ihre Frau Großmutter etwa gedient?«, fragte er mit spöttischem Lächeln.
»Natürlich nicht. Von den verwundeten Kriegsheimkehrern hat sie gesprochen.«
Er setzte eine ernste Miene auf und straffte die Schultern. »Für den Soldaten steht an erster Stelle die Ehre, dem Führer zu dienen!«
»Hm, meine Großmutter hat immer gesagt ›Im Krieg werden die Menschen zu Bestien, da geht es nur noch ums Überleben‹.«
Sofort sandte er ihr einen scharfen Blick, geradeso als sei sie ein unmündiges Kind.
Hanna senkte den Kopf. Vielleicht sollte sie sich einen Ruck geben und wenigstens versuchen, sich auf den kommenden Einsatz zu freuen.
Endlich ging es weiter. Sie konnte das Geschehen an den Tischen jetzt überblicken und beobachten, was an der Kleiderausgabe vor sich ging. Die Regale hinter den Ausgabetischen waren zum Bersten gefüllt mit unterschiedlichen Uniformen, Helmen und sonstigen Gegenständen, deren Zweck sich ihr nicht erschloss.
Sie drehte sich zu Bertha und Hedwig um, die unentwegt tuschelten, und fragte: »Wisst ihr, warum die Männer verschiedenfarbige Uniformen bekommen? Der da vorne links hat einen Stapel beiger Kleidung, und der hier vor uns bekommt alles in grau.«
Bertha hob die Schultern. »Vielleicht verschiedene Dienstgrade?«
»Die Farben haben mit dem Dienstgrad nichts zu tun«, klärte Hedwig sie auf. »Es ist der Einsatzort, der den Unterschied macht.«
Als die Reihe endlich an Hanna war, legte sie ihren Bezugsschein für Spinnstoffwaren auf den Tisch. Der übellaunig dreinblickende Mann dahinter warf einen kurzen Blick darauf und ging zielstrebig zu einem Regal, gleich danach kam er mit einem Stapel ockerfarbener Kleidung sowie einem beigen Helm zurück und legte alles vor sie hin.
Hanna besah sich ihr Bündel genauer und bemerkte, dass eines der Kleidungsstücke notdürftig ausgebessert war.
»Warum ist denn da ein Flicken drauf?«, fragte sie den Mann. »Ist das gebraucht?«
»Freilich«, knurrte er. »Wir müssen die Kleider schließlich verwerten. Ist es schlecht gemacht? Dann wird es reklamiert und geht sofort nach Theresienstadt zurück.«
»Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Theresienstadt, sagten Sie?« Hanna meinte, schon mal von diesem Ort gehört zu haben. »Wo liegt das denn?«
Er zuckte die Schultern, aber sie glaubte, in seinem Blick zu sehen, dass er keine Lust hatte, ihr zu antworten.
»Können Sie mir wenigstens sagen, wohin es jetzt geht?«, wollte sie noch von ihm wissen.
Er wandte sich Hedwig zu, die als nächste an der Reihe war, bedachte deren rotblonde Locken mit abfälligem Blick und meinte beiläufig: »Wohin schon? Afrika.«
»Afrika?«
»Afrika!«, kreischten Bertha und Hedwig gleichzeitig, wobei Bertha jedoch mehr erschrocken als erfreut wirkte.
Der Mann händigte ihnen nacheinander ihre Bündel aus.
»Stellt euch vor: Afrika! So weit weg, das wird bestimmt aufregend!«, rief Hedwig.
»Ich weiß nicht«, wandte Bertha ein, während sie ihre dichten Augenbrauen zusammenzog. »Die sehen alle so schwarz aus da. Außerdem gibt es dort Löwen und Schlangen.«
Hanna fächelte sich Luft zu. »In Afrika muss es doch fürchterlich heiß und trocken sein. Mir ist es hier eigentlich schon warm genug.«
Sie lachten, und Hanna war froh, ihre Bedenken überspielen zu können. Doch auch jetzt, da sie Gewissheit über den von oben anberaumten Einsatzort hatte, wollte dieses bange Gefühl nicht weichen.
Wie ihre anderen Kolleginnen, erhielt Hanna zwei Tage darauf die Nachricht, dass sie alles wieder zurückgeben müsse. Stattdessen erhielten sie Kleidung, die ein ganz anderes Ziel vermuten ließ: Eine Jacke mit Kaninchenfell, pelzgefütterte Stiefel und sogar eine lange Hose. Keine der Münchner Behörden hatte auch nur einer von ihnen mitgeteilt, wohin der Befehl sie nun führte.
Hauptbahnhof München
19. Juni 1942
Immerhin waren sie in dem Abteil des überfüllten Zugs für sich. Neben Bertha und Hedwig gehörten von nun an auch Leni, mit der sie zusammen in der Ausbildung gewesen war, sowie die Hilfsschwestern Resi und Gerda zu ihrer Gruppe. Die beiden hatte Hanna ab und an im Mutterhaus gesehen, kannte sie aber nicht näher.
Die jungen Frauen verstauten ihre Koffer in den Ablagen über den Sitzreihen, doch selbst wenn Hanna sich auf die Zehenspitzen stellte und ein wenig hüpfte, wollte es ihr nicht gelingen, den Koffer hoch genug zu hieven, damit er oben blieb. Zwei kräftige Hände packten auf einmal mit an und schoben den Koffer in die Ablage.
»So sollte es doch besser gehen«, hörte sie von rechts Gerda sagen. Sie bedankte sich bei der stämmigen Hilfsschwester, die sie anlächelte und sich die verrutschte Haube wieder an den hochgedrehten Zöpfen feststeckte.
Bevor Hanna sich in ihren Sitz fallen ließ, strich sie mit der Hand über den grob wirkenden Stoff der Rückenlehne, der sich überraschend weich anfühlte. »Ich glaube, hier kann ich es aushalten.«
»Richtig nobel hier.« Bertha saß ihr gegenüber und befühlte den dicken Vorhang. »Ich bin schon schlechter gereist, muss ich sagen.«
Hanna war erleichtert, dass Bertha, mit der sie sich im Laufe der Ausbildung angefreundet hatte, auch mit von der Partie war. Mit einer guten Freundin an der Seite war die Angst vor dem Ungewissen nur halb so schlimm.
Ein schriller Pfiff schallte über den Bahnsteig, der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung.
Resi, die Hanna schräg gegenüber saß, beäugte eine nach der anderen. Sie wirkte sehr zierlich in ihrer blau-weiß gestreiften Hilfsschwesterntracht und war die einzige unter ihnen, die eine moderne Kurzhaarfrisur trug. Interessiert nahm sie die Brosche einer jeden ins Visier.
Schließlich grinste sie und knuffte Gerda in die Seite. »Die haben alle das Examen. Dafür hatʼs bei uns nicht mehr gereicht, was?«
Gerda winkte ab. »Was bringt mir schon ein Examen? Zupacken kann ich auch ohne solch ein Papier.«
Hanna glaubte, eine Spur von Neid aus Gerdas Stimme herauszuhören. Resis Art hingegen fand sie sehr amüsant und sah der Fahrt in die Fremde mit einem tröstlichen Gefühl entgegen.
Leni setzte zu reden an, hielt dann aber inne und zog die Abteiltür zu. Draußen im Gang in unmittelbarer Hörweite standen zu viele Männer. Selbst jetzt, als sie sich an die Kolleginnen wandte, spielte sie verlegen an ihrem Haar, das in gold schimmernden Zöpfen über ihre Schultern hing. »Also, ich bin einfach nur froh, die Ausbildung hinter mir zu haben. Wenn ich nur daran denke, wie die Weller uns immer gedrillt hat, wird mir ganz schwindelig.«
Hanna grinste zynisch. Die Erinnerung an die Frau Oberin im Mutterhaus am Rotkreuzplatz war nicht gerade ihre angenehmste. »Die hat in der Tat ein hartes Regiment geführt«, stimmte sie zu. Jeden Morgen um halb sechs waren sie aus den Betten gescheucht worden. Als Erstes stand Leibesertüchtigung auf dem Programm. In ihren dünnen Hemdchen mussten sie bei Wind und Wetter vom Rotkreuzplatz bis zum Hindenburgplatz laufen und dann auch noch ein gutes Stück die Hindenburgstraße rauf und runter. Für manch eine der untrainierten jungen Frauen war das der blanke Horror gewesen.
Anschließend mussten die Lernschwestern vor dem Mutterhaus, das gleichzeitig ihre Wohnstätte war, zur Fahnenweihe antreten. In Reih und Glied hatten sie dort gestanden, um der Hakenkreuzfahne auf ihrem Weg zur Spitze des Mastes zuzuschauen. Natürlich mit emporgerecktem rechten Arm und laut und kräftig das Horst-Wessel-Lied singend.
»Ich hätte meine Zeit viel lieber damit verbracht, auszuschlafen«, warf Hanna ein, doch ein jeder musste Opfer für Führer und Vaterland bringen, hieß es.
»Eigentlich wollte ich gar keine Krankenschwester werden«, gestand Leni leise. »Ich hätte gern eine Schneiderlehre gemacht, aber mein Vater meinte, Wäsche flicken könne ich zu Hause, ich solle lieber was Anständiges lernen.«
»Recht hat er«, gab Gerda von sich. »Als Krankenschwester bist du dem Reich wenigstens zu etwas von Nutzen.«
Hanna zog die Stirn kraus. »Muss man denn immer nur dem Reich von Nutzen sein?«
»Schließlich hast du einen Eid auf den Führer geschworen.« Gerda bedachte sie mit einem Blick, der sie ihre Frage sofort bereuen ließ. Doch warum sollte sie sich von einer Hilfsschwester einschüchtern lassen? »Mein Vater hat mich selbst entscheiden lassen, was und wo ich lernen will«, sagte sie zu den anderen. »Darüber bin ich auch sehr froh. Wer weiß, welchen Beruf der sonst für mich ausgesucht hätte.«
»Und wieso hast du dich ausgerechnet für München entschieden?«, wollte Resi wissen. »Wie eine Hiesige klingst du ja nicht gerade.«
Hanna lachte auf. »Gebürtig komme ich aus Mussum bei Bocholt. Aber vor einigen Jahren sind wir dann … in die Eifel gezogen. Nach München wollte ich unbedingt, weil ich gehört habe, was für eine tolle Stadt das sein soll. Außerdem wollte ich von zu Hause weg und nicht immer nur auf dem Dorf leben. Und ich muss zugeben, München ist großartig!«
Mit einem Ruck wurde die Abteiltür aufgeschoben. Der Schaffner trat einen kleinen Schritt herein und kontrollierte die Fahrkarten. Bevor er weiterging, mahnte er die jungen Frauen, bei Einbruch der Dämmerung die Vorhänge zu schließen. »Sie wissen ja: die Verdunklungspflicht.«
Leni wollte die Tür wieder zuschieben, doch Resi bat darum, sie geöffnet zu lassen. »Es muss ja nicht für die ganze Nacht sein, aber mir ist so furchtbar heiß.« Sie nahm ihre Schwesternhaube ab und wedelte sich damit Luft zu.
Auch Hanna zog ihre Haube vom Kopf und löste ihr schulterlanges Haar aus dem Zopf. »Hier im Zug wird es wohl kaum jemand interessieren, ob wir die Hauben tragen oder nicht.«
Stunde um Stunde fuhr der Zug im Schneckentempo durch Orte, deren Namen Hanna noch nie gehört hatte. Die Sonne versank als glühender Feuerball hinter dem Horizont, und schließlich brach die Nacht herein. Hanna fragte sich immer wieder, wohin diese Reise sie führen mochte, deren Ziel auch ihre Kolleginnen nicht kannten. Sie ärgerte sich, dass sie vor lauter Aufregung vergessen hatte, den Schaffner zu fragen. Jedes Mal, wenn der Zug langsamer wurde, spähte sie zwischen den Vorhängen aus dem Fenster. Aber alle Bahnhöfe, alle Ortschaften, durch die sie fuhren, waren stockfinster, damit keinem feindlichen Flieger ein sichtbares Angriffsziel geboten wurde.
Gerda räusperte sich. »Hanna, lass die Vorhänge zu! Oder willst du, dass uns wegen deiner Neugierde noch Bomben auf den Kopf fallen?«
Hanna schüttelte schuldbewusst den Kopf, entgegnete dann aber: »Ich glaube nicht, dass man von da oben das Licht dieser Funzel hier erkennen kann.«
»Willst es wohl drauf ankommen lassen, was?«
»Natürlich nicht.«
»Nicht, dass ich noch Meldung machen muss.« Gerda schickte ihrer Bemerkung ein süffisantes Grinsen hinterher, was Hanna sofort aufatmen ließ. Die Drohung war wohl nicht ganz ernst gemeint. Nun schmiegte Hanna ihren Kopf gegen das Polster und schloss die Augen.
»Warst du letzte Woche auch am Königsplatz?«, hörte sie Gerda fragen. Doch sie entschied, nicht darauf zu reagieren und die Augen geschlossen zu halten. Sie war auf keinem Platz gewesen. Zwar hatte sie gehört, dass Hitler dort eine Rede gehalten haben sollte, aber was kümmerte sie die Politik? Die letzten Jahre hatte sie sich auf ihre berufliche Zukunft konzentriert. Seit Beginn ihrer Ausbildung war sie damit beschäftigt gewesen, sich all das einzuprägen, was man ihr beizubringen versuchte. Das allein zählte für Hanna.
Jeden Morgen war sie mit den anderen Lernschwestern zu den Kliniken in die Nussbaumstraße gefahren, um dort zu arbeiten, und am Nachmittag ging es mit der Tram zu den Vorlesungen in die Ludwig-Maximilians-Universität. Die meisten Abende waren mit Unterricht bei der Oberin im Mutterhaus angefüllt. Manchmal waren sie dazu angehalten worden, an Kundgebungen teilzunehmen, doch das hatte Hanna stets widerstrebt, sodass sie nie hingegangen war.
Reden und Massenkundgebungen gab es in München zuhauf, über angebliche Aktionen der SS wurde gemunkelt und allerhand Gerüchte und Spekulationen machten die Runde, aber das alles kümmerte Hanna nicht. In gewisser Weise war sie ein Teil des Ganzen und gehörte zum aufstrebenden deutschen Volk dazu, aber von diesem nationalsozialistischen Geist, der über allem wehte, verstand sie viel zu wenig. Und je weniger sie wusste, umso besser. Das hatte auch ihr Vater empfohlen.
»Ich bin ja schon gespannt auf das, was uns erwartet«, sagte Hedwig und riss Hanna aus ihren Gedanken. »Aber ich hätte genauso gern im städtischen Krankenhaus weitergearbeitet.«
Hanna schlug die Augen wieder auf. Resi nickte eifrig und fuhr sich durch das kurze Haar. »Ich habe mich auch nicht sieben Wochen lang zur Hilfsschwester ausbilden lassen, weil ich unbedingt an die Front will.«
Hanna fiel Gerdas erstaunter Blick auf, doch sie kümmerte sich nicht weiter darum. Stattdessen sagte sie: »Ich wollte gern entweder Säuglingsschwester oder OP-Schwester werden, die Chirurgie ist doch ein sehr interessantes Fach. Aber jetzt sind wir alle auf dem Weg in diesen … Krieg.«
Die anderen nickten, nur Gerda machte ein empörtes Gesicht. Sie setzte gerade an zu reden, da wurde sie von einem Tumult im Gang unterbrochen. Ein Soldat hielt sich krampfhaft an der Türöffnung des Abteils fest. Dabei starrte er Hanna unverwandt an. Die anderen Uniformierten johlten und pfiffen, und im nächsten Moment grinste er frech.
»Wenn du irgendwann deinen Dienst im Lazarett beendet hast«, begann er mit schwerer Zunge, »wirst du die weltbeste OP-Schwester sein. Oder hast du etwa gedacht, du wirst uns tapferen Landsern den lieben langen Tag nur das Fieberthermometer in den Hintern schieben?«
Lautes Gelächter drang aus dem Gang ins Abteil. Hanna riss ungläubig die Augen auf und spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. In den Augen ihrer Kolleginnen sah sie Bestürzung, aber alle schienen mit einem Mal sprachlos geworden zu sein.
»An der Front geht es zu wie auf einem Schlachtfeld, Schätzchen. Du wirst dich vor Operationen kaum noch retten können«, fuhr der Soldat fort, während er schwankend das Abteil betrat. Angefeuert von seinen Kameraden, kletterte er über die Füße der jungen Frauen und stolperte auf Hanna zu.
»He da, was soll denn das?«, beschwerte sich Hedwig. Doch er ließ sich nicht aufhalten und beugte sich zu Hanna hinunter. So nah, dass sie auszuweichen versuchte und sich gegen die Rückenlehne presste. In seinen Augen stand der Wahnsinn. Zudem roch er streng nach Alkohol.
Er näherte sich ihrem Ohr und raunte ihr zu: »Und wenn ich der Glückliche bin und du blauäugige Schönheit mich eines Tages pflegen darfst, dann stecke ich mein … Fieberthermometer … in deinen süßen Hintern, verstanden?!« Mit breitem Grinsen zwinkerte er Hanna zu und torkelte unter dem Applaus seiner Kameraden wieder zurück in den Gang.
»Hanna, was hat der zu dir gesagt?«, fragte Resi mit Bestürzung in der Stimme. »Du leuchtest ja so rot wie Großmutters Himbeermarmelade!«
»Und das willst du bei dem funzeligen Licht erkennen können?«, entgegnete Hanna, aber die zierliche Hilfsschwester gab ihr keine Antwort. »Der war doch betrunken«, fügte sie hinzu. Um weiteren Nachfragen vorzubeugen, schnitt sie ein anderes Thema an: »Mich wollten sie als Krankenschwester in einer Heil- und Pflegeanstalt einstellen. Die Weller meinte noch, dass ich da nicht hin müsse, schließlich wäre ich noch nicht volljährig. Aber ich habe dann doch mal für einen Tag in Eglfing-Haar zur Probe gearbeitet.« Sie schüttelte den Kopf. »Nie wieder, sage ich euch. Das war schrecklich! Immerzu alle Türen aufschließen, wieder abschließen, aufschließen, wieder abschließen – da wird man ja selbst ganz wirr im Kopf! Und am Tag zuvor hat einer von den Irren eine Krankenschwester umgebracht. Stellt euch das mal vor!«
Betroffen schüttelten die Kolleginnen ihre Köpfe.
»Eine der Schwestern dort hat gesagt, ich soll mir gut überlegen, ob ich wirklich da arbeiten will. Sie hat mich regelrecht beschworen, noch sei es nicht zu spät. Aber da war meine Entscheidung sowieso schon längst gefallen. Als ich während der Ausbildung die sechs Monate im Garmischer Lazarett zum Lernen war, wollte ich nur noch Säuglingsschwester werden. Dort gab es nämlich eine Entbindungsabteilung für Soldatenfrauen. Das hat mir solche Freude bereitet!«
Resi kniff die Augen zusammen und hakte nach. »Eglfing-Haar?«
Hanna nickte, worauf Resi sich an Leni wandte und sagte: »Leni, sei so gut und schieb die Tür wieder zu.« Sie wartete, bis die Tür geschlossen war und beugte sich dann weit zu ihren Kolleginnen vor. In verschwörerischem Ton flüsterte sie: »Von da hört man die wildesten Geschichten. Hast du was mitbekommen, Hanna?«
Hanna sah sie verständnislos an. »Was sollte ich mitbekommen haben? Ein Tag unter Geistesgestörten. Die können einem zwar leid tun, wie sie vor sich hinsiechen, aber sie sind halt krank. So viele habe ich da auch gar nicht gesehen, die sind ja fast alle weggesperrt. Einer kam aber auf mich zu, das hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Er hat mir nämlich zugeraunt, er wäre überhaupt nicht geisteskrank, er wäre vollkommen normal, und ich solle ihm helfen, da wieder rauszukommen. Als ich das der Schwester erzählte, meinte sie, der wäre der Schlimmste von allen dort.«
»Es heißt, dass sie in Eglfing Patienten verhungern lassen«, verkündete Resi im Flüsterton und sah von einer zur anderen.
Hanna war bestürzt. »Wer erzählt denn so was?«
»Eine Bekannte meiner Großtante Erna hat eine Nachbarin, deren Bekannte eine Nichte hat, die als Krankenschwester in Eglfing-Haar arbeitet.« Resi machte eine bedeutungsschwangere Pause. Dann wandte sie sich wieder an Hanna: »Stimmt es, dass es dort auch eine Kinderfachabteilung gibt? Die Kinder sollen sie angeblich auch dem Hungertod preisgeben. Kleine, dürre Kreaturen, die nur noch Haut und Knochen sind.«
Hanna schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Kinderabteilung gesehen. Aber ich war auch nur einen Tag dort. Die Anstalt ist riesengroß und besteht aus mehreren Gebäuden. Ich war den ganzen Tag nur im Haupthaus, und da war nichts Auffälliges zu erkennen. Da sah keiner unterernährt aus. Wer weiß, ob an all diesen Gerüchten etwas dran ist.«
Gerda winkte ab. »Das ist doch alles nur Geratsche und Getratsche! Ich glaube kein Wort von diesen Gruselmärchen, die du da erzählst, Resi. Das ist ausländische Lügenpropaganda. Verhungern lassen, pah!« Doch dann zog sie die Stirn kraus und wiegte den Kopf. »Obwohl, wenn man bedenkt, dass die Lebensmittel immer knapper werden, wäre es doch nicht mehr als recht, das Wenige, das da ist, den Soldaten zu lassen und denen, die arbeiten können – die müssen ja schließlich bei Kräften bleiben!«
Hanna stieß deutlich hörbar Luft aus. »Gerda, wie kannst du nur so was sagen! Man kann doch keinen verhungern lassen, nur weil er krank ist!«
»Die sind aber geisteskrank!«, erwiderte Gerda unwirsch. »Mit anderen Worten: Lebensunwert.«
Obwohl Gerdas Ansichten mit dem übereinstimmten, was ihnen während der Ausbildung in der Erb- und Rassenlehre vermittelt worden war, tat sich Hanna schwer mit dem Gedanken, kranke Menschen einfach umzubringen. War nicht jedes Leben auf seine ganz eigene Weise lebenswert?
Gerda verdrehte die Augen und lenkte das Gespräch auf ihre Zukunftspläne. »Jedenfalls will ich heiraten und dem Führer einen ganzen Stall voll Kinder schenken. Wenn mein Gustl von der Front zurück ist, fangen wir gleich damit an.«
Die anderen sahen sich verdutzt an und verfielen in lautes Gelächter.
»Erst die Heirat, dann die Geschenke!«, rief Hanna, und wieder prusteten sie und gackerten wie die Hühner.
In die ausgelassene Stimmung hinein sagte Resi: »Der Führer macht eh nur Kanonenfutter daraus.«
»Ach, halt doch deinen Mund«, zischte Gerda, worauf betretenes Schweigen einsetzte.
Inzwischen mussten mehrere Stunden vergangen sein, Hanna rieb sich die Augen und sah verschlafen um sich. Gerdas Platz war leer, Bertha unterhielt sich im Gang angeregt mit einem Soldaten, die anderen schliefen.
Vorsichtig hob sie den Vorhang an und schaute neugierig aus dem Fenster. Langsam wich die Nacht der Morgendämmerung, und in einiger Entfernung erkannte sie einen Bahnhof. Gespannt wartete sie darauf, die Schrift auf dem Schild mit der Ortsauskunft entziffern zu können.
Langsam, aber beständig rollte der Zug voran. Da entdeckte Hanna das Schild. »Zwickau!«, rief sie. »Wir sind in Zwickau!«
Mit einem Mal waren alle hellwach.
Hanna schlug die Hand an die Stirn. »Leute, das geht bestimmt nach Russland!« Sie schauderte bei der Vorstellung. Über die Russen waren Gerüchte im Umlauf, die sie lieber nie gehört hätte.
»Dann haben die von der Kleiderausgabe uns ja wenigstens die richtige Kleidung gegeben«, meinte Hedwig und verschränkte die Arme. »Da soll es im Winter mächtig kalt sein.«
Gerda, die zurück in das Abteil gekommen war, schien sehr zuversichtlich. »Wenn es wirklich nach Russland geht, werden wir nicht viel zu tun bekommen. Der deutsche Soldat ist dem Iwan doch haushoch überlegen! Wir hätten Polen nie so schnell einnehmen können, wenn unsere Soldaten nicht die siegreichsten der Welt wären. Sie haben alles im Sturm erobert! Und mit dem Russen wird es nicht anders gehen, spätestens in diesem Sommer haben wir den Sieg in der Tasche.«
»Wenn nicht wieder ein Winter dazwischen kommt«, hielt Bertha dagegen und ließ sich auf ihren Sitz plumpsen, was Gerda mit zusammengekniffenen Augen quittierte.
»Der Russe soll sehr dreckig sein, heißt es«, gab Leni zu bedenken. »Wer weiß, was der uns alles an Krankheiten einschleppt.«
»Dreckig ist er, dumm und feige«, sprach Gerda voll Abscheu. »Das hat der Göring gesagt, und wenn der das sagt, dann stimmt das auch.«
Hanna hob die Schultern. »Der Russe mag zwar anders sein als wir, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass alle dreckig und voller Krankheiten sein sollen.« Nicht zum ersten Mal fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen der allgemein gängigen Überzeugung, dem wertvolleren Volk anzugehören und der Frage, ob andere Völker nicht ebenso wertvoll sein sollten. »Ich glaube zwar auch, dass wir den Krieg über kurz oder lang gewinnen werden, aber dieses ständige Gerede vom Untermenschen – ich weiß nicht. Wir werden es ja sehen, wenn wir da sind.«
Mit großen Augen starrte Gerda sie an. »Hanna, was redest du denn da? Der Russe ist genau so ein Untermensch wie der Jude. Alles unwürdige Parasiten, die im Deutschen Reich nichts zu suchen haben. Willst du etwa, dass die gefährlichen Bolschewiken bei uns einfallen und das ganze Land verpesten? Der Führer hat in seinem Buch von Schmarotzern geschrieben, die sich wie schädliche Bazillen immer mehr ausbreiten.« Jetzt hob sie drohend den Zeigefinger. »Pass lieber auf, was du sagst! Man könnte ja denken, du wärst ein Volksfeind. Unser Führer hat schon Recht damit, dass der Arier die Herrenrasse ist.«
»Als ob du jemals ein Buch in der Hand gehabt hättest«, entgegnete Resi bissig.
»Friedrich der Große hat einst gesagt ›Ein jeder lebe nach seiner Fasson‹«, warf Bertha besänftigend ein. »Die Idee ist doch gar nicht so schlecht, oder?«
Gerda schnaubte. »Der Alte Fritz? Könige haben, Führer sei Dank, nichts mehr zu kamellen im Reich! Das dürftest du doch wohl mitgekriegt haben, Bertha.«
Hedwig ließ von ihren wirren Haaren ab, die sie versucht hatte, zu richten. »Die Abschaffung der Monarchie haben wir nicht dem Führer zu verdanken, Gerda, sondern der Weimarer Verfassung. Du kannst nicht alles dem Führer zuschreiben.«
Hanna gab auf. Sie hatte früh gelernt, dass es gefährlich sein konnte, sich nicht anzupassen. Als sie noch mit ihrer Familie im westfälischen Mussum lebte, hatten SA-Männer bei Leuten aus der Nachbarschaft den ganzen Hausrat zertrümmert, während die Bewohner draußen auf der Treppe angstvoll verharrten. Es hieß, sie seien Kommunisten. Hannas Vater hatte getobt vor Wut über so viel Unrecht und Unmenschlichkeit. Ihr war nicht entgangen, dass er des Öfteren seine Meinung über die Machenschaften der Nazis öffentlich kund getan und dafür von Umstehenden bitterböse Blicke sowie manch garstiges Wort geerntet hatte.
Hedwig verdrehte die Augen, sie schien es leid zu sein, sich Gerdas Reden weiter anzuhören, und richtete einen verträumten Blick an die Abteildecke. »Zwickau – wusstet ihr eigentlich, dass diese Stadt einst ›Perle der sächsischen Lande‹ genannt wurde? Professor Braun stammte von hier.«
Die anderen bedachten sie mit fragenden Blicken.
»Der hat doch die Chirurgische Operationslehre verfasst. Wir haben zum Lernen schon des Öfteren darin geblättert«, klärte sie ihre Kolleginnen auf.
»Hedwig, ich habʼs ja schon immer gesagt: So gescheit wie du bist, hättest du studieren sollen«, sagte Hanna.
»Du weißt, dass mein Vater das nie zugelassen hätte. Ich kann froh sein, dass ich überhaupt einen Beruf lernen durfte.«
Resi trumpfte auf: »Nicht nur Hedwig ist gescheit. Ich weiß zum Beispiel, dass Clara Schumann aus Zwickau stammte.«
Gerda blickte von einer zur anderen. »Clara Schumann?«
»Die Pianistin«, warf Leni ein. »Soweit ich weiß, stammte sie aber aus Leipzig, und ihr Mann, Robert Schumann, aus Zwickau.«
»Der hat doch die Oper Genoveva geschrieben, stimmtʼs?«, fragte Hanna begeistert. »Die habe ich in München gesehen.«
Erstaunt sah Gerda sie an. »Was in aller Welt hast du in der Oper verloren?«
»Wir Lernschwestern durften manchmal mit Soldaten aus dem Lazarett in die Oper gehen. Durftet ihr das nicht?«
Die Hilfsschwester deutete ein Kopfschütteln an.
»Meine erste Oper war Tiefland«, berichtete Hanna weiter. »Und ich kann euch sagen: Da bin ich genau so dumm heraus gekommen, wie ich reingegangen bin. Nichts habe ich verstanden, weder vom Gesang noch von der Handlung. Aber ein wirklich sehr netter Herr, der auch dort war und meine Beklommenheit bemerkt haben musste, gab mir den Tipp, mir einen Opernführer zuzulegen. Das habe ich dann auch getan. Von da an wurde es besser, und ich habe die Opernbesuche sehr genossen. Im Gegensatz zu den Soldaten. Die haben sich immer nur darüber gefreut, dass sie frei hatten.
Bertha lachte. »Die wären allesamt lieber ins Hofbräuhaus gegangen, um sich dort volllaufen zu lassen. Aber hübsch waren sie«, geriet sie ins Schwärmen. »Zumindest die, mit denen ich ausgegangen bin. Einer war dabei – ich glaube er hieß Armin – mein Gott, war der süß!«
Gerda begleitete die Unterhaltung mit einem stetigen Kopfschütteln. »Sodom und Gomorrha«, murmelte sie.
»Apropos Verstand«, meinte Hanna schmunzelnd und warf einen schelmischen Blick in Gerdas Richtung. »In Garmisch wollten ein paar Soldaten mit mir spazieren gehen. Sie mussten natürlich die Oberin um Erlaubnis bitten, was die jedoch abgelehnt hat. Zum Dank dafür haben sie ihr in der Nacht einen mit Wasser gefüllten … ähm … Pariser an die Türklinke gehängt.«
Die anderen kicherten verschämt. Wieder schüttelte Gerda den Kopf und murmelte: »Wie bei den Hottentotten.«
Während Bertha und Hedwig weiter über das Verhalten und mögliche Vorzüge der Soldaten debattierten, zog Hanna sich immer mehr in sich zurück. Sie dachte über Gerdas Worte nach und über deren offensichtlich prüde Einstellung. Kein bisschen Spaß schien die zu verstehen. Auch mit ihrer politischen Haltung übertrieb sie ordentlich. Richtig nachvollziehen konnte Hanna das nicht, auch, weil sie viel zu wenig davon verstand.
In der Schule hatte sie gelernt, dass Deutschland im Versailler Vertrag zu hohen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Großen Kriegs gezwungen worden war. Ebenso zu dem Eingeständnis, alleinige Schuld am Ausbruch des Krieges zu tragen. Ein Friedensvertrag, der die Deutschen bis auf die Knochen gedemütigt und an den Bettelstab gebracht hatte.
Seit Hitler an der Macht war, gab es kaum noch Arbeitslose. Im Grunde genommen ging es ihnen gut unter der Naziregierung. Das Volk gegen den Bolschewismus zu verteidigen, fand Hanna ebenfalls richtig. Jedoch, was genau der Bolschewismus war, wusste sie eigentlich nicht. In jedem Fall eine gefährliche Sache, wie man immer wieder hörte. Aber sie brauchte es auch nicht so genau zu wissen, dafür waren ja die Politiker da, die würden das schon regeln. Warum Gerda sie so abfällig behandelte, war ihr schleierhaft. Aber es hieß doch immer ›Hunde, die bellen, beißen nicht‹. Die Hilfsschwester war vermutlich harmloser als sie sich gab. Und dass alle Nazis so gefährlich sein sollten, wie Vater immer tat, konnte sich Hanna auch nicht recht vorstellen.
Vielleicht sollte sie mit Gerda mal ein Wörtchen im Vertrauen reden. Doch sie überlegte es sich anders, stand auf und verließ das Abteil. Außerdem würde Gerda schon noch mitbekommen, dass Hanna dem Volk wohlgesinnt war.
Sie zog die Schiebetür hinter sich zu und kletterte über die am Boden verstreuten Gepäckstücke den Gang entlang. Am Fenster blieb sie stehen und sah hinaus, während sich neben ihr zwei Soldaten miteinander unterhielten.
»Schon gehört? Der Tod der Ziege ist gerächt.«
Ziege? Wovon redeten die? Hanna spitzte die Ohren.
»Ja, davon habe ich gehört, aber ich weiß nichts Genaueres. Kennst du Einzelheiten?«
Aus dem Augenwinkel sah Hanna, wie der Befragte sich umschaute. Sie tat so, als konzentriere sie sich auf die Landschaft. Dann sprach er leiser: »Sechs Tage nach Heydrichs Tod haben sie das Dorf dem Erdboden gleichgemacht.«
»Die Attentäter gefasst?«
»Glaube nicht. Vielleicht waren sie unter den Dorfbewohnern. Die sind jedenfalls erledigt.«
»Ich hörte KZ?«
»Ja, das auch.«
Hanna war verwirrt. Den Namen Heydrich hatte sie noch nie gehört, aber es schien jemand Wichtiges gewesen zu sein, wenn sein Tod damit gerächt wurde, dass man ein ganzes Dorf auslöschte. Ob er mit der Ziege gemeint war? Allerdings klang das alles so ungeheuerlich, dass Hanna nicht sicher war, ob sie es glauben sollte. Vielleicht hatten sich die beiden auch nur einen Spaß gemacht, um sie aufs Korn zu nehmen.
Sie tat das Gespräch als Spinnerei ab. Das Beste war, es schnell wieder zu vergessen. Nie im Leben waren Menschen zu so etwas Schlimmem fähig. Auch nicht die Nazis. Wobei Vater sicherlich anderer Meinung wäre. Bei dem Gedanken an ihn huschte ein Lächeln über Hannas Gesicht. Sie waren öfter unterschiedlicher Meinung gewesen, und Hanna erinnerte sich noch gut an den Streit, den sie damals in Mussum als Vierzehnjährige mit ihm hatte, nur weil sie unbedingt zum BDM wollte.
»Vati, bitte!« Zum wiederholten Mal hatte Hanna ihren bezauberndsten Blick aufgesetzt. Anfängliches Bitten hatte sich im Laufe der Zeit zu verzweifeltem Betteln entwickelt. »Lass mich doch endlich bitte, bitte dem BDM beitreten. Alle Mädchen sind dort, da passiert gar nichts Schlimmes! Sie basteln nur und machen Handarbeiten, singen Lieder und gehen wandern. Was ist denn daran verkehrt?«
»Kind, ich habe es dir schon so oft gesagt und sage es jetzt zum allerletzten Mal: Nein!« Vaters strenge Miene erlaubte keinen Widerspruch. Dennoch nahm Hanna all ihren Mut zusammen und setzte nach, wild entschlossen, diesen Disput zu gewinnen. »Vater, ich helfe dir immer bei der Aufzucht und Ausbildung der Hunde. Die Rechnungen trage ich aus und treibe das Geld für dich ein. Sogar bei Neuens habe ich Geld bekommen, obwohl sie sagten, sie könnten die geforderten dreihundert Mark nicht zahlen. Ganze drei Stunden habe ich dort gesessen – du hast mir schließlich aufgetragen, ich soll nicht eher heimkommen, bis sie bezahlt haben.«
»Gerade mal zwei Mark haben sie dir gegeben«, warf Vater ein, doch Hanna glaubte, Stolz in seiner Stimme zu hören, dass sie so beharrlich gewesen war.
»Immerhin, besser als gar nichts«, erwiderte sie trotzig. »Bei Bekelsens war ich dafür umso erfolgreicher. Bis spät abends habe ich dort gewartet, weil der alte Bekelsen noch auf dem Feld war. Und dann bin ich auf dem Fahrrad mit mehr als tausend Mark in der Tasche im Dunkeln durch den Wald und die große Straße entlang nach Hause gefahren. Du glaubst gar nicht, was ich für eine Angst hatte. Was hätte da alles passieren können! Und dann soll der BDM eine gefährliche Sache für mich sein?« Hanna funkelte ihren Vater an und fuhr fort, ihren innigsten Wunsch zu verteidigen. »Für Onkel Duus muss ich immer die Schmuggelware an die Leute verteilen. Ist das etwa keine gefährliche Aktion?«
»Janno Porre!«, mahnte Vater mit erhobenem Zeigefinger. »Du machst deinem Namen wieder alle Ehre, was? Stocherst so lange, bis du hast, was du willst. Lass es sein!«
Hanna wusste genau, dass es besser war, den Mund zu halten, sobald Vater sie bei dem Schimpfnamen nannte, den er ihr einst gegeben hatte. Doch so schnell wollte sie sich nicht geschlagen geben und setzte nach: »Erlaubt wird das Schmuggeln über die Grenze wohl nicht sein, sonst hätten die Männer vom Zoll Onkel Duus keine Ladung Schrot in den Hintern geschossen.«
»Es reicht, Janno Porre!«, donnerte er und ließ die Faust auf die Tischplatte krachen.
Diesmal zuckte Hanna zurück und nahm seine Warnung ernst.
Schließlich atmete er schwer. »Nicht alle«, brachte er schwach hervor.
»Was heißt: nicht alle?«, fragte Hanna zögerlich.
»Nicht alle Mussumer Mädchen sind beim BDM. Die Süß-Mädchen zum Beispiel sind nicht dabei.«
Hanna verdrehte die Augen. »Die Süß-Mädchen sind viel zu jung und außerdem jüdisch. Und Juden dürfen nicht zum BDM, das weißt du doch. Außerdem wohnen die Süßʼ gar nicht mehr hier. Lehrer Preuke hat heute Morgen gesagt, dass sie weggezogen sind.«
»Weggezogen?« Vater zog die Stirn in Falten und wirkte mit einem Mal nachdenklich, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. »Mein letztes Wort ist ›Nein‹! Und jetzt mach dich an die Arbeit!«
Hanna ärgerte sich einmal mehr über Vaters Halsstarrigkeit. Mutter brauchte sie erst gar nicht um Unterstützung zu bitten, die machte ohnehin nur das, was Vater sagte.
Zwei Tage darauf hatte sich Hannas Miene schlagartig erhellt, wohingegen die ihres Vaters sich noch mehr verfinsterte. Er saß am Küchentisch, als sie von der Schule nach Hause kam, und wirkte sehr niedergeschlagen. Er hielt ihr einen Brief entgegen. »Heute kam ein Schreiben vom Ortsgruppenleiter. Sie erzwingen deine BDM-Mitgliedschaft.«
Ein breites Grinsen kam ihr ins Gesicht. Endlich durfte sie an den Treffen teilnehmen, an den Schnitzeljagden, den schönen gemeinsamen Stunden, von denen die Freundinnen ihr so oft vorgeschwärmt hatten. Endlich gehörte sie dazu!
Ihre Freude wurde jedoch ein wenig getrübt, denn Vater tat ihr schon ein bisschen leid. Er mochte diese Nationalsozialisten nicht. Das hatte er oft genug betont. Über seine Gründe verlor er aber nie ein Wort. Auch von den Treffen beim Stahlhelm, zu denen er bis vor ein paar Jahren regelmäßig gegangen war, hatte er zu Hause nichts erzählt. Hanna vermutete, dass diese Stahlhelmsache irgendwas mit Vaters Ablehnung den Nazis gegenüber zu tun haben musste. Doch nachfragen wäre sinnlos gewesen. Er hatte ihr und ihren Schwestern lediglich gesagt, es sei besser, je weniger sie davon wüssten. Außerdem musste sie die Nationalsozialisten ja nicht mögen, nur weil sie ab jetzt im BDM war. Sie wollte doch nur keine Außenseiterin mehr sein. Einfach dazugehören und eine schöne Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Das konnte doch so falsch nicht sein.
Und tatsächlich war bei den Treffen nie etwas Ungehöriges geschehen. Die Vorträge, die dort manchmal über Hitler gehalten wurden, hatten sie zwar immer furchtbar gelangweilt, aber die restliche Zeit behielt Hanna in schöner Erinnerung.
Nun quetschte sie sich an den Soldaten vorbei und kletterte über die Gepäckstücke zurück zu ihrem Abteil. Durch die Glasscheibe der Abteiltür erkannte sie, dass ihre Kolleginnen sich lebhaft unterhielten. Ihren angespannten Mienen nach zu urteilen führten sie eine hitzige Debatte.
Im selben Moment, da Hanna die Tür aufzog, verstummten alle und sahen sie aus großen Augen an. Bertha rieb sich den Nacken und sah schnell zum Fenster hinaus. Auch Leni wandte ihren Blick sofort ab und begann, ihren Zopf zwischen den Fingern zu drehen. Nur Gerda lächelte ihr entgegen.
Schnell wandte sich Resi Hedwig zu. »Du brauchst nur genug Zucker beizumischen, dann hält die Marmelade auch länger.«
Hedwig antwortete mit einem verlegenen Grinsen.
Was hatte das zu bedeuten?
Hanna setzte sich auf ihren Platz und wurde das ungute Gefühl nicht los, dass die Kolleginnen über sie gesprochen hatten.
Anhalter Bahnhof Reichshauptstadt Berlin
20. Juni 1942
Das Kreischen der bremsenden Räder nahm Hanna bis in die Fingerspitzen als dumpfes Vibrieren wahr. Selbst als der Zug hielt und sie ausstieg, wollte sich dieses Kribbeln nicht legen. Doch das lag gewiss nur an der ungewohnten Umgebung. Der Kopfbahnhof war riesengroß, viel größer und heller als der in München. Auf den Bahnsteigen wimmelte es von Soldaten. Manche verabschiedeten sich von ihren Frauen, die ihnen mit nassgeweinten Taschentüchern hinterher winkten. Andere kehrten offensichtlich von der Front zurück und wurden in einem wahren Freudentaumel von ihren Liebsten begrüßt. Viel Gepäck lag herum, und Hanna musste aufpassen, dass sie nicht darüber fiel. Das Ganze glich eher einem Ameisenhaufen, nichts schien geordnet.
In der großen Wartehalle stellten sich Hanna und ihre Kolleginnen an einer Labestation für Suppe an. Während sie warteten, fiel Hanna ein Plakat auf. Eine Gruppe Reisender war darauf abgebildet, schwer bepackte und bewaffnete Soldaten marschierten an ihnen vorbei. ›Erst siegen, dann reisen!‹ stand in roten Lettern darüber.
Schon seit einem halben Jahr galten erhebliche Einschränkungen für den zivilen Reiseverkehr. Soldaten, Ärzte und Pflegepersonal sowie andere kriegswichtige Transporte wie Nachschub für die Front in Form von Kartoffeln, Zuckerrüben und Kohle hatten absoluten Vorrang.
Die Schwesterntracht klebte an Hannas Rücken, selbst hinter den dicken Mauern des Bahnhofsgebäudes war die schwüle Luft nur schwer zu ertragen. Allein der Gedanke an die Suppe trieb Hanna noch mehr Schweißperlen auf die Stirn, aber ihr Magen knurrte unüberhörbar, als sie der Frau an der Gulaschkanone ihren Blechnapf hinhielt.
Gerda, die sich nach dem weiteren Verlauf der Fahrt erkundigen wollte, gesellte sich nach einer Weile wieder zu ihnen. »Wir fahren mit demselben Zug, aber der steht jetzt auf einem anderen Gleis, weil sie noch weitere Waggons anhängen.«
Resi sah von ihrem Blechnapf auf. »Weitere Waggons? Dann wird der Zug ja noch langsamer!«
Hanna blickte zur Labestation und grinste. »Ich glaube, ich hole mir noch etwas Nachschlag, damit ich genug Kräfte habe, wenn wir unterwegs den Zug anschieben müssen.«
Bertha kicherte mit vollem Mund. »Au ja, ich komme mit!«
»Das würde uns gerade noch fehlen!«, rief Hedwig lachend aus. »Im Zug sind genug Soldaten, die das übernehmen könnten.«
Auch Leni kicherte leise. »Wir bleiben schön im Zug sitzen und lassen uns schieben.«
Gerda grinste zwischen zwei Löffeln Suppe und nickte.
In keinem der Gesichter las Hanna auch nur einen Hauch von Falschheit. Während der letzten Fahrtstunden hatte sie die jungen Frauen genau beobachtet, doch sie hatten sich nicht anders verhalten als zuvor. Dass die Kolleginnen über sie gesprochen haben könnten, hatte sie sich wahrscheinlich nur eingebildet.
»Wir gehen jetzt«, bestimmte Gerda und marschierte los. Da außer ihr keiner wusste, wo es lang ging, stapften alle hinterher. An Gleis 1 angekommen, stellten sie fest, dass der Zug tatsächlich wesentlich länger war als vorher. In München waren bereits zwei alte und sehr schäbig aussehende Waggons dritter Klasse angehängt worden, doch jetzt waren es noch mehr. Zudem hingen auch noch Güterwaggons hinten dran. Einige Soldaten standen davor und blickten grimmig drein, gerade so, als wollten sie niemanden in die Nähe lassen. Manche unterhielten sich leise, und im Vorbeigehen bekam Hanna vereinzelte Gesprächsfetzen mit.
Plötzlich lachte einer der Soldaten auf, doch es wirkte aufgesetzt. »Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt. Dass ich nicht lache!«
»Sei still«, raunte ein anderer ihm zu.
Hanna horchte auf. Theresienstadt? Ob es sich dabei um die Näherei handelte, die die Wehrmachtskleidung geflickt hatte? Aber was war daran so lustig?
Im Weitergehen blickte sie noch einmal zurück. Sie konnte es nicht recht erkennen, glaubte aber zu sehen, dass die Dritte-Klasse-Waggons übervoll besetzt waren. Da stand ein Mann am Fenster und blickte freudlos in ihre Richtung. Trug er einen gelben Stern an seiner Jacke?
»Hanna, komm, lass uns schneller gehen, vielleicht finden wir unser altes Abteil wieder!«, rief Bertha ihr zu. »Wir steigen ganz vorne ein und durchforsten dann den Zug.«
Sie fielen in Laufschritt und hielten erst an, als sie hinter der Lokomotive ankamen.
Berlin hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Der Zug zockelte durch den Spreewald, wie Hanna aus Gesprächen entnehmen konnte, und passierte viele große und kleinere Seen, deren Oberflächen glitzerten, als tanzten tausende Diamanten darauf. In diesem Moment wünschte Hanna, in einen dieser Seen hineinspringen zu können.
Obwohl das Fenster schon seit längerer Zeit geöffnet war, hatte das keinerlei Abkühlung im Abteil gebracht. Irgendwann hielt Hanna es nicht mehr aus. Sie stand auf und reckte den Kopf in die Höhe, doch sie war viel zu klein, um etwas Wind abzubekommen. Kurzerhand stellte sie sich auf ihren Sitz, kreuzte die Arme auf der heruntergezogenen Fensterscheibe und hielt den Kopf in den Fahrtwind. Ah, das tat gut! Obwohl der Luftzug sehr warm war, bewirkte er in ihrem verschwitzten Gesicht ein angenehmes Gefühl. Wenn der Zug in eine Kurve fuhr, konnte Hanna ihn in seiner ganzen Länge betrachten. Aus beinahe jedem Fenster lugten einige Köpfe hervor, offensichtlich in der gleichen Hoffnung auf Abkühlung wie sie. Nur aus den hinteren Waggons sah sie keine Menschenseele herausschauen.
Sie wandte sich ihren Kolleginnen zu: »Sagt mal, habt ihr vorhin auch den Mann am Fenster von einem der Dritte-Klasse-Waggons gesehen?«
Gelangweilt sahen die anderen auf, hoben die Schultern und schüttelten die Köpfe.
»Was war mit dem?«, fragte Hedwig hingegen interessiert.
»Ich bin mir nicht sicher«, meinte Hanna, »aber ich glaube, er hatte einen Davidstern an der Jacke.«
»Blödsinn!«, stieß Gerda mit erhobenen Augenbrauen hervor. »Juden dürfen doch gar nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Wusstest du das nicht?«
»Doch. Deswegen war ich ja auch so verwundert.«
Hedwig wiegte den Kopf. »Du hast dich bestimmt geirrt, Hanna.«
»Ja, bestimmt«, sagte Hanna geistesabwesend und hielt ihr Gesicht wieder dem Fahrtwind entgegen.
Auf einer Wiese unweit der Gleise rannten ein paar Jungs einem Ball nach. Sofort dachte Hanna an Onkel August, der früher oft mit ihr und ihren Schwestern Fußball gespielt hatte. Auch Vater und Mutter hatten sich sonntags, wenn sie keine Waren ausfahren mussten, Zeit für ihre Kinder genommen und mit ihnen Fangen oder Verstecken gespielt.
Mit den Gedanken an ihre Familie ließ Hanna Seen, Bäume und Wiesen an sich vorbeiziehen. Indes hüllte die untergehende Sonne die Landschaft wie zum Abschied in einen blassrosa Schleier. Das gleichmäßige Bild machte Hanna müde, und als ihr immer wieder die Augen zufielen, kuschelte sie sich in ihren Sitz, um ein wenig zu schlafen.
Inzwischen war es stockdunkel. Nur das schwache Dämmerlicht an der Abteildecke brannte. Erstaunt sah sich Hanna um. Alle waren weg. Einzig auf Berthas Platz saß ein alter Mann. Er hatte eine Stirnglatze, die Schläfen waren mit schlohweißem, lockigem Haar bedeckt. Sein mageres und von Falten zerfurchtes Gesicht wirkte wie verschlissenes Leder. Er trug eine kleine runde Brille, aus der seine fast schwarzen Augen durch Hanna hindurch zu sehen schienen. Vielleicht träumte er, ohne zu schlafen. Vielleicht hatte er aber auch nicht bemerkt, dass sie aufgewacht war. Hanna versuchte es mit einem freundlichen Lächeln, doch er reagierte nicht.
Na ja, dann eben nicht. Wo waren bloß Leni, Bertha und die anderen? Selbst auf dem Gang vor ihrem Abteil waren weder die Kolleginnen noch irgendwelche Soldaten zu sehen. Zu hören war auch niemand. Hanna spürte nur das gleichmäßige Rattern und Schaukeln des Zuges. Etliche Gepäckstücke lagen vor dem Abteil. Sie fragte sich, wie es dieser alte Mann geschafft hatte, darüber zu klettern. Er machte nicht den Eindruck, als sei er besonders gut zu Fuß, zumal er mit seinen knorrigen Händen einen Gehstock festhielt. Und der Mantel, den er trug, war eigentlich viel zu warm für diese Jahreszeit.
Nervös blickte Hanna sich um. Es war nicht normal, dass man weder Resi noch Bertha plappern hörte. Als sie wieder zu dem Alten schaute, sah sie etwas auf seiner Schulter krabbeln. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Was war das? Ein großer Käfer? Eine fette Spinne? Hanna strengte ihre Augen an und blinzelte. So ein komisches Tier hatte sie noch nie gesehen. Wie ein kleines Männchen stellte es sich plötzlich auf und winkte zu ihr herüber. Dabei sah sie, dass es eine gelbe Armbinde mit einem Stern darauf trug.
So ein Blödsinn, so was gibt es doch gar nicht, dachte Hanna und rieb sich die Augen. Gespannt blickte sie wieder zur Schulter des alten Mannes. Nichts! Dieses Tier, oder was das auch immer war, musste sie sich eingebildet haben. Auch der Mann wirkte auf einmal ganz anders. Er hatte sich zum Fenster gedreht. Seine Haare waren nicht mehr weiß, sondern dunkel. Hanna zog die Augenbrauen zusammen und war mehr als verdutzt ob dieser merkwürdigen Veränderung. Als er seinen Kopf wieder in ihre Richtung drehte – und das tat er sehr, sehr langsam – kam es ihr vor, als wäre er ein ganz anderer. Die Locken mussten sich in Luft aufgelöst haben, von einer beginnenden Glatze keine Spur. Dunkles, strähniges Haar fiel ihm in die Stirn, das Deckhaar etwas länger und zur Seite gekämmt. Auch das Gesicht wirkte viel voller, gar nicht mehr ledrig. Falten waren nur noch zwischen den Augenbrauen zu erkennen, die er grimmig zusammengezogen hatte. Kalt und entschlossen blickten dunkle Augen in ihre. Hanna lief es eiskalt den Rücken hinunter. Der Mund in diesem verbissenen Gesicht war nur ein Strich, der sich auf beiden Seiten stark nach unten bog. Zwischen Mund und Nase saß ein dichter, kurzer Schnurrbart.
Um Gottes willen!
Hanna fiel es wie Schuppen von den Augen.
Vor ihr saß der Führer!
Wie konnte das möglich sein?
»Sind wir uns zu fein zum Grüßen?«, kam es laut und herrisch aus seinem Mund. Dabei rollte er das ›R‹ mehr als es der bayrischste Bayer je vermocht hätte.
»Was? Äh, nein, nein, ähm, natürlich nicht«, stammelte Hanna verängstigt. »Guten Tag, Herr Hit – ähm, ich meine natürlich äh …, Heil, … mein … Führer.«
Sein böses Gesicht verzog sich zu einer wahren Fratze. Er wurde nicht nur noch lauter, sondern brüllte regelrecht und voller Hass: »Und sowas soll meine verwundeten Soldaten von der Front gesund pflegen?« Sein Kopf schnellte bei jedem Wort hin und her, so sehr war er in Rage. Das Doppelkinn, das aus seinem Hemdkragen hervorquoll, wackelte im entgegengesetzten Rhythmus mit. Ein bisschen sah er dabei aus wie ein Hund, der sich gerade schüttelte. »Frrrechheit!«
Spätestens nach diesem Geschrei hätte doch irgendjemand auf sie aufmerksam werden und nachschauen müssen. Waren denn plötzlich alle taub geworden?
Der Führer erhob sich von seinem Platz und baute sich vor Hanna auf. Ihr war nie bewusst gewesen, wie groß und bedrohlich er eigentlich war. Sie kam sich klein und hilflos vor. Am liebsten hätte sie um Hilfe geschrien, aber solch eine Blöße konnte sie sich doch nicht vor dem Führer höchstpersönlich geben. Nicht, dass er ihr das noch als Schwäche anlasten würde, um sie dann zusammen mit sämtlichen Volksfeinden und Verbrechern in so ein berüchtigtes KZ zu stecken. Er streckte die rechte Hand nach ihr aus, sein Daumen und der Zeigefinger schnellten hervor.
»Zerrrquetschen sollte man Sie, junges Fräulein. Wie ein lästiges Insekt!« Spucketröpfchen flogen umher und trafen Hanna mitten ins Gesicht.
Seine kurzen Finger kamen immer näher. Er beugte sich über sie.
Sie wollte schreien, konnte aber nicht. Ihre Hände waren schweißnass. Ihr ganzer Körper zitterte. In ihrem Gesicht kribbelte es von kaltem Schweiß. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Was sollte sie nur tun? Sich gegen diese Übermacht auflehnen? Das schien ihr unmöglich. Wegsehen? Das wäre vielleicht eine Alternative, das Ganze schadlos zu überstehen.
Sie sah ihm nochmals in die Augen und musste erkennen, dass er nicht von seiner Absicht ablassen würde, sie zerquetschen zu wollen. Kalt und entschlossen blickte er auf sie herab, voll von unbändigem Hass.
Plötzlich gab es einen furchtbar lauten Knall, der Hanna durch Mark und Bein ging, gefolgt von hellen Blitzen. Sie zuckte zusammen und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Verstört riss sie die Augen auf.
Hitler war weg.
Draußen tobte ein heftiges Gewitter. Der Regen peitschte durch das offene Fenster in ihr Gesicht.
»Na, schlecht geträumt?«, fragte Hedwig. Alle Kolleginnen saßen an ihrem Platz und schauten Hanna fragend an.
Alles war gut. Kein Insekt mit gelber Armbinde, kein Hitler. Alles nur ein böser Traum.
Lublin Generalgouvernement Großdeutsches Reich
Juni 1942
Einige Tage waren vergangen, bis sie in Lublin, einer großen Stadt des besetzten Ostgebiets, ankamen. Beim Durchfahren der Stadt fielen Hanna unzählige Ruinen auf. Die Eroberung war offensichtlich nicht so kampflos verlaufen, wie man sie in der Heimat glauben machen wollte. Die Menschen, die geduckt durch die Straßen schlichen, bildeten in ihrer schäbigen Kleidung eine trostlose Einheit mit der zerstörten Umgebung.
Die Front lag in weiter Ferne.
Vor einem zweistöckigen, auf den ersten Blick unversehrten Gebäude, hielt der Wagen an. Davor stand ein Arzt, der die Schwestern zu erwarten schien. Er war von großer, hagerer Gestalt, hatte graues Haar, trug eine runde Brille und ein Stethoskop um den Hals. Hanna überlegte beim Aussteigen, ob das ihr Vorgesetzter sein mochte, da kam er schon auf die kleine Gruppe zu. Knicksend reichte sie ihm die Hand.
»Stabsarzt Dr. Gimbor«, stellte er sich mit freundlichem Lächeln vor. Dabei hüpfte sein Adamsapfel auf und ab. »Und das hier ist Dr. Möller.« Er wies auf den jungen Herrn, der zu ihnen stieß und militärisch grüßte. Auf Hanna wirkte er trotz der untersetzten Statur bedeutend jünger als der Stabsarzt, aber sein grimmiger Blick verunsicherte sie ein wenig.
»Dr. Möller ist ebenso Teil unserer Truppe. Also: auf gute Zusammenarbeit.« Genauso schnell, wie er sie begrüßt hatte, war Dr. Gimbor auch schon wieder im Gebäude verschwunden.
Das Haus war nicht sonderlich groß, aber für die Lazarettmannschaft reichte es aus, ohne dass man sich gegenseitig auf die Füße trat. Im Erdgeschoss befanden sich neben der Küche, den Duschen und dem Untersuchungsraum ein Operationsraum sowie die Schlafräume der Ärzte. Über die knarzende Holztreppe gelangte man zu den zwei Krankensälen und den getrennten Schlafräumen für die Schwestern und die Sanitäter. Alles wirkte sauber und hinterließ einen angenehmeren ersten Eindruck als die zerschossenen Häuser der Umgebung.
Im Schwesternschlafraum fiel Hanna neben einem der Betten ein Koffer auf. Ob er der angekündigten Oberin gehörte? Für gewöhnlich schlief eine Oberin separat, und Hanna konnte sich nicht vorstellen, dass es vergnüglich werden würde, sich den Schlafraum mit der Vorgesetzten zu teilen.
Einige Betten weiter stellte sie ihren Koffer ab und ging wieder nach unten, um beim Ausräumen der Fahrzeuge zu helfen.
»Nachdem nun auch die Instrumente eingetroffen sind, können wir uns frisch ans Werk machen«, rief Stabsarzt Dr. Gimbor voll Eifer. Er sah Hanna ins Gesicht. »Schwester …?«
»Hanna Temeling, Herr Stabsarzt. Bei der Arbeit«, sagte sie fröhlich, während sie mit Leni eine große Kiste von der Ladefläche hievte.
»Sie können es wohl kaum erwarten, bis die ersten Verwundeten kommen, so schnell wie Sie schon beim Einräumen sind.« Er rückte seine Brille zurecht und musterte sie eingehend.
»Ich bin nur froh, dass ich endlich was tun kann, Herr Doktor. Im Zug war man ja zum Nichtstun verdammt. Da kann einem die Zeit ganz schön lang werden.«
Er nickte und warf einen kurzen Blick auf seinen Kollegen, der an der Hauswand lehnte und sich eine Zigarette anzündete. »Es ist immer erträglicher, wenn der Tag mit sinnvoller Beschäftigung gefüllt ist statt mit Müßiggang.«
Nachdem alles an seinem Platz war, versammelten sich Hanna und ihre Kolleginnen zur Besprechung mit den Ärzten. Nun lernten sie auch die Oberin kennen, eine resolute Mittfünfzigerin, die die Schwestern begleiten und leiten würde. Ihr strenger Blick, mit dem sie die jungen Frauen musterte, und die Falte, die sich tief in ihre Stirn grub, ließen Hannas Schultern sinken. Ob sie unter deren Knute was zu lachen haben würden?
Kurze Zeit nach der Besprechung trat der Koch mit fleckiger Schürze und verschwitztem Gesicht aus der Küche und bot seine Suppe an. Mit den gefüllten Näpfen gingen sie nach draußen in den Hof, setzten sich auf die Stufen am Eingang und lehnten an den Fahrzeugen.
»Oh, ist die lecker«, schwärmte Resi, während sie eifrig löffelte.
»Hast du etwas anderes erwartet?«, fragte Bertha leise und wies mit ihrem Löffel in Karls Richtung. »Wer so einen runden Bauch hat, dem muss das, was er kocht, wohl auch schmecken, meinst du nicht?«
Hanna lachte und wischte mit ihrem Brot die letzten Reste aus dem Blechnapf.
Plötzlich waren in einiger Entfernung Schüsse zu hören. Die Krankenschwestern sprangen erschrocken auf und suchten mit angstvollen Blicken die Umgebung ab.
»Ist das schon die Front?« Gerda schien leicht hysterisch, beruhigte sich aber schnell, nachdem die Sanitäter und wachhabenden Soldaten sich vor Lachen auf die Schenkel schlugen.
»So schnell ist der Russe nicht, dass er uns an einem Tag über tausend Kilometer zurückdrängen könnte. Das würde keiner schaffen!«
»Das waren sicher Partisanen. Die lauern mitunter an jeder Ecke. Ihr müsst auf alle Fälle vorsichtig sein, wenn ihr euch da draußen bewegt.« Der Soldat deutete in eine vage Richtung. »Vertraue nie dem Feind, und mag er dir auch noch so freundlich ins Gesicht tun.«
Die Schießerei war schnell beendet, nun kehrte in dem Stadtviertel wieder Stille ein. Die Meisen, die bis eben noch ihr Abendlied gesungen hatten, waren verstummt, und auch für die Lazarettmannschaft wurde es Zeit, zu Bett zu gehen. Wie sie in der Besprechung erfahren hatten, würde morgen viel Arbeit auf die Schwestern zukommen, unangenehme noch dazu.
»Das sind ja wirklich alles Geschlechtskranke«, raunte Leni Hanna ins Ohr, während sie die Unterlagen zu den eben eingetroffenen Patienten durchblätterte. Dabei klang ihre Stimme voller Abscheu. »Ich wollte es gestern nicht glauben.«
Die Oberin zitierte Leni zu sich. Hanna wurde indes zum Stabsarzt geschickt, mit der Anordnung, ihm zu assistieren. Sie machte sich nicht halb so viel aus der Tatsache, mit dem Anblick verschiedenster Geschlechtsteile konfrontiert zu werden wie Leni, die jetzt bei dem mürrisch dreinblickenden Dr. Möller stand und einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern drehte.
In ihrer Ausbildungszeit in Garmisch hatte Hanna bereits erste Erfahrungen damit machen müssen, männliche Geschlechtsteile nicht nur zu sehen, sondern auch anzufassen, um den Patienten beispielsweise einen Katheder zu legen. Das war ihr zwar unangenehm gewesen, aber es gehörte nun einmal zu ihrem Beruf dazu.
Sie registrierte, dass die arme Leni einen roten Kopf hatte, noch bevor der erste erkrankte Soldat vor ihr stand.
»So, Schwester Hanna, dann wollen wir die zweihundert Unsäglichen, die da draußen warten, mal das Fürchten lehren.« Der Stabsarzt schien sich über die Soldaten lustig zu machen. Er setzte sich auf den Hocker, der neben Hanna stand, und besah sich die Instrumente auf dem Tisch. »Legen Sie alles für die Injektionen bereit. Salvarsan, Prontosil … Schreibmaterial brauchen Sie auch, wir müssen für das OKH alles schriftlich festhalten.«
Im selben Augenblick kam ein junger Sanitäter dazu, kaum älter als Hanna und den Kopf voll kurzer brauner Locken. Er nahm Schreibbrett und Stift an sich, dann reichte er Hanna die Hand und stellte sich vor.
