9,99 €
Das Schicksal einer jüdischen Wissenschaftlerin im 2.Weltkrieg Berlin, 1938: Die Ausnahme-Physikerin Dr. Hannah Weiss steht kurz vor der bahnbrechendsten Entdeckung des 20. Jahrhunderts: der Atomspaltung. Weil Hannah Jüdin ist, geraten ihre Arbeit und ihr Leben unter dem Nazi-Regime in Gefahr. New Mexico, 1945: CIA-Agent Jack Delaney muss einen Spion enttarnen. Jemand aus dem hoch geheimen Atomlabor verrät Informationen an die Wissenschaftler in Nazi-Deutschland. Hannah, inzwischen in die USA geflohen, wird zu seiner Hauptverdächtigen. 72 Stunden bleiben Jack, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Zum historischen Hintergrund des Romans: Hannah, die Hauptfigur des Romans, ist von Lise Meitner inspiriert, einer brillanten jüdischen Physikerin. Meitner war Professorin und leitete am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut eine eigene Abteilung, bis die Nazis ihr 1933 das Unterrichten verboten. Sie und Otto Hahn entdeckten als erste die Kernspaltung. Durch die Nürnberger Gesetze verlor sie nicht nur die offizielle Anerkennung ihrer Forschung, sondern beinahe auch ihr Leben. 1938 musste sie nach Schweden fliehen. Der Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung wurde 1944 an Otto Hahn verliehen. Ihr Name wurde nicht erwähnt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Kriminalroman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Hannahs Geheimnis« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Elvira Willems
© Jan Eliasberg 2020
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Hannah’s War«, Back Bay Books, New York 2020
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH 2021
Covergestaltung: U1berlin / Patrizia Di Stefano
Covermotiv: Lee Avison / Trevillion Images; dial-a-view / Getty Images
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
Widmung
1
2
3
4
5
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Ross, der mir beigebracht hat, wie man liebt
Sie kommen in der Morgendämmerung, um mich abzuholen. Ich habe damit gerechnet und in den Kleidern geschlafen. Ich frage, ob ich die Schuhe anziehen darf. Das erlauben sie mir, aber sonst nichts. Er sagt, ich soll hinausgehen, also gehe ich hinaus. Auf dem Sandweg zwischen meiner Baracke und dem Labor steht ein Fahrzeug, das die Amerikaner seltsamerweise Paddy Waggon nennen, eine absurd euphemistische Bezeichnung für das dumpfig-feuchte Transportfahrzeug, das mich von Los Alamos in das Gefängnis in Fort Leavenworth bringen wird, wo ich weiter (aber nicht für lange, fürchte ich) auf meinen Scheinprozess und meine unausweichliche Exekution warten werde.
Mein eigenes zwiegespaltenes Herz hat die Kettenreaktion, die zu meinem Tod führen wird, beschleunigt. Das sehe ich jetzt mit einer Klarheit, mit der ich es nicht sehen konnte, als alles nur Theorie war, weiße Kreide auf schwarzer Tafel, Gleichungen wie blasse Knochen, verstreut über verbrannte Erde. Der Mann, dem ich nicht hätte vertrauen dürfen, lässt die Handschelle um mein Handgelenk einrasten und verbindet sie mit einem Ring, der an der Bank festgeschweißt ist.
»Ich beschütze Sie«, sagt er mit solcher Ernsthaftigkeit, dass ich lächeln muss.
»Sie lügen schon wieder.«
Er wirft einen Blick über die Schulter. Nachdem er sich davon überzeugt hat, dass uns niemand sieht, umfasst er mein Gesicht mit beiden Händen. »Ich werde Sie beschützen, Hannah. Wenn ich kann.«
Ich denke, gleich küsst er mich, doch das wäre gefährlich – für uns beide. Er ist ein von Natur aus pedantischer und vorsichtiger Mann, erfahren im Hüten von Geheimnissen. Das sind die meisten Liebhaber. Ich könnte diese Hypothese mit wenigen empirischen Beweisen stützen. Zwar habe ich nur zwei Männer geliebt, doch beide haben die Wahrheit auf sichere Distanz gehalten. Sicher für sie, nicht für mich. Sein Versprechen, mich zu beschützen, ist gut gemeint, doch es tröstet mich nicht. Also tröste ich mich mit Gleichungen.
Die Entfernung zwischen dem Labor in Los Alamos, New Mexico, und dem Gefängnisareal in Fort Leavenworth, Kansas, beträgt 1407 Kilometer. Wir sind losgefahren, als die Dämmerung noch ein sehnsüchtiges Glühen hinter dunklen Bergen war. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt schätzungsweise 68 Stundenkilometer, und ich rechne Pausen mit ein …
O Gott! Werden sie anhalten? Werden sie mir diesen kleinen Komfort gewähren?
Nein, darüber denke ich nicht nach. Die Gleichungen. Bleib bei den Gleichungen! Ich trommle mit den Fingern der freien Hand, spiele auf einer unsichtbaren Tastatur auf dem Metall neben meinen Beinen. Eine dumme Angewohnheit … wenn ich rechne, trommle ich mit den Fingern auf harte Oberflächen, Schreibtische und Tische. Eine Entfernung von 1407 Kilometern bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 68 Stundenkilometern ergibt eine reine Fahrtzeit von 20,6912 Stunden plus die etwa 27 Minuten, die die Militärpolizisten brauchen würden, um den Gefängniswagen an den Straßenrand zu lenken, mir einen Sack über den Kopf zu stülpen und …
Bleib bei den Gleichungen!
»Ich werde Sie beschützen, Hannah«, sagte er. »Wenn ich kann.«
Eine Entfernung von 1407 Kilometern, Abreise in der Morgendämmerung, unter Berücksichtigung der Variablen Wenn ich kann.
Die Sonne brannte ein Loch in den Dunst. Glühender Sand stob in einem Knistern aus reinstem Weiß zischend vor dem Himmel auf. Das maschinengewehrartige Knattern der Rotorblätter dröhnte über den Köpfen, und als der Hubschrauber eindrehte, um zu landen, sah Major Jack Delaney seine Maschine auf dem flachen Sand am Boden. Von einem solchen Blick konnte einem leicht schwindelig werden, doch Jack suchte das Gelände mit dem unerschütterlichen Blick eines Raubtiers ab.
Als sie zwischen Bergen, die in schartigen roten Kerben aus der Erde herausgemeißelt waren, nach unten gingen, zog ein Staubsturm langsam weiter und verdunkelte den Horizont. Sie näherten sich einem primitiven Landestreifen, zwei sich überkreuzenden, in die vertrocknete Erde geritzten Linien, und der Pilot tanzte auf den Pedalen, um den Seitenwinden gegenzusteuern. Bevor er landete, stand er eine ganze Weile in der Luft. Als der Rotor auslief, schaute er auf seine Uhr und sagte: »Sie können jetzt aussteigen, Sir.« Er reichte Jack seinen Armee-Seesack und einen schwarzen Schirm. »Für Schatten, Sir.«
Der Pilot schenkte ihm ein kesses Grinsen, keine Minute später war der R-4 unter gewaltigem Knattern verschwunden, und Jack blieb in einer wirbelnden Staubwolke zurück. Ein Rinnsal aus Schweiß und Ungeduld sickerte ihm den Nacken hinunter. Die ganze Mission mochte ja von enormer Bedeutung sein und einer extrem hohen Sicherheitsstufe unterliegen, doch es stieß Jack auf, dass sie es mit der mysteriösen Geheimhaltung dieses Ortes doch ein wenig übertrieben. Er hob eine Hand, um das Gesicht vor der Sonne zu schützen, und spähte mit zusammengekniffenen Augen auf etwas, das aussah wie eine flirrende lange Klapperschlange am fernen Horizont. Eine Reihe von Armeelastwagen, die die Wüste durchquerten und auf die fernen Berge zuhielten. Der Kopf der Klapperschlange – ein langer schwarzer Buick, flankiert von zwei leichten Nutzfahrzeugen – löste sich vom Körper und rollte den Berg herunter auf den Behelfslandeplatz zu, auf dem Jack mit seinem Seesack stand und den Mary-Poppins-Schirm öffnete, ein angesichts der unbarmherzigen Trockenheit des Ortes seltsames Accessoire. Der Buick raste durch die flirrende Hitze auf ihn zu, ein winziger schwarzer Kern in der extremen Hitze mitten im Nirgendwo. Als die Wagen sich seinem Standort näherten, warteten die Begleitfahrzeuge in respektvoller Entfernung, während der Fahrer des Buick das Fenster herunterkurbelte.
»Major Delaney?«
Jack nickte. Der Fahrer stieg aus und reichte ihm die Hand.
»Collier. First Sergeant. Ich werde mit Ihnen zusammenarbeiten. Befehl von General Groves. Er erwartet uns auf dem Stützpunkt.«
Collier warf Jacks Seesack und den Schirm in den Kofferraum. Bis der Sergeant wieder hinter dem Steuer saß, hatte Jack ihn schon sorgfältig abgeschätzt – einen hochenergetischen Stiefellecker aus dem Mittleren Westen, der eifrig nach der Pfeife seines Herrn tanzte.
»Ich habe meinen Assistenten erwartet«, sagte Jack.
»Den Juden?«
»Lieutenant Epstein.«
»Ist gestern Abend mit dem Zug gekommen«, erklärte Collier. »Sagte, er wolle die Hitze meiden.«
»Kluger Mann, Epstein.«
»Sind sie das nicht alle?« Collier schnaubte. »Jüdische Zahlenfresser. Krautfresser. Ich komme mir vor, als wäre ich gestorben und in New York City wieder aufgewacht.«
Jack lachte, vordergründig amüsiert. Nachdem er wegen des beißenden Dieselgestanks das Fenster wieder hochgekurbelt hatte, lehnte er sich auf der Rückbank nach hinten und überflog die detailliert verfasste Order, die ihm vorschrieb, sich an diesem Ort einzufinden, wann und wo, während der Grund nicht erwähnt wurde. Was auch immer das Militär in New Mexico vorhatte, es war zu strengster Geheimhaltung entschlossen. Doch es war nicht nötig, Jacks Aufgabe schriftlich festzuhalten. Er war hier, um einen Spion zu fassen.
Der Krieg hatte offengelegt, dass das FBI bei internationaler Spionage schnell an seine Grenzen kam. Das Office of Strategic Services unterlag der Zuständigkeit von William Donovan, und Donovan hatte eine handverlesene, scharfe Sammlung von Schlägern, Berechnerinnen, Millionären, Professoren, Militärangehörigen und Anwälten für Gesellschaftsrecht um sich versammelt, die alle unter extremer Hochspannung und größter Geheimhaltung arbeiteten.
Als Donovan seinen scharfsichtigen Blick über die Führungsetagen schweifen ließ, stellte er fest, dass Männer wie Jack Delaney ein mehr als gutes Auskommen hatten, indem sie sich abwechselnd gegenseitig in Gerichtssälen, Sitzungssälen und Hinterzimmern über den Tisch zogen.
»Vielleicht sollten Sie Ihr Talent einer besseren Verwendung zuführen«, hatte Donovan Jack vorgeschlagen, als sie nach einer Partie Squash verschnauft hatten.
»Welcher?«, fragte Jack.
»Das, was Sie jetzt auch tun. Nur mit höheren Einsätzen.«
»Und was tue ich Ihrer Meinung nach?«
»Ich glaube, Sie stellen die richtigen Fragen«, erwiderte Donovan. »Und Sie wissen, wann Sie nicht die richtigen Antworten bekommen. Das ist in Kriegszeiten eine gut zu vermarktende Fähigkeit.«
Er hatte recht. Es stellte sich heraus, dass Jack das ungewöhnliche Talent besaß, aus den Leuten Geschichten herauszukitzeln, die sie nicht erzählen wollten. Selbst die glatteste Lüge schnarrte in seinem Ohr wie eine leicht missgestimmte Klaviersaite. Keine zwei Jahre, und er hatte sich als ausgebuffter Vernehmer und aufsteigender Stern in der Geheimdienstwelt bewährt. Nachdem Jack verwundet worden war, hatte Donovan ihn von den europäischen Schlachtfeldern abgezogen und ihn damit getröstet, dass ihn eine noch strahlendere Zukunft erwartete, wenn ihm diese besonders sensible Mission glückte. War das Zuckerbrot oder Peitsche? Jack war sich immer noch nicht sicher, und diese Unsicherheit lag wie ein beharrliches niederfrequentes Dröhnen unter jedem Gespräch und jedem Schweigen.
»Sie vergeuden Ihre Zeit, Major«, meinte Collier vom Fahrersitz aus mit so viel verschlagener Höflichkeit, dass das Ausmaß seiner Geringschätzung ein wenig abgemildert wurde. »Groves und ich … wir haben den Laden fest im Griff.«
Angesichts der ehrgeizigen verbalen Allianz von »Groves und ich« zuckte Jacks Mundwinkel. »So fest kann’s ja wohl nicht sein«, bemerkte Jack. »Zweiundsiebzig besorgte Wissenschaftler haben eine Petition unterzeichnet und fordern die ethische Kontrolle …«
Collier warf Jack im Rückspiegel einen abschätzigen Blick zu und brachte ihn damit zum Schweigen. »Ein paar von den Langhaarigen machen sich in die Hosen und wollen unbedingt ihre Meinung zur künftigen Nutzung der Früchte ihrer Arbeit äußern. Sie haben es sich von der Seele geredet, und jetzt sind sie wieder dran. Das ist alles, was für General Groves zählt.«
Der Buick holperte und schlitterte die Bergstraße hinauf, Collier zerrte bei jeder Haarnadelkurve und in jeder Serpentine am Lenkrad wie bei einem verzweifelten Tauziehen. Die Straße befand sich im Bau, so weit das Auge reichte. Die Luft war erfüllt vom Dröhnen der Presslufthämmer. Auf der halb fertigen Fahrbahn standen Bagger und Planierraupen gefährlich dicht an der Kante des steilen Abhangs. Für eine streng geheime Mission wirkte das Ganze lächerlich planlos und behelfsmäßig. Als der Buick mit seinem starken Motor die letzte Steigung erklomm, durchströmte Jack eine plötzliche Wachheit, eine Kombination aus dünner Höhenluft und dem stechenden Blau des wolkenlosen Himmels. Umfasst von mehreren Maschendrahtzäunen, erstreckte sich ein bizarres Lager aus Baracken und zusammengeschusterten Hütten über die flache Hochebene wie eine wahllos hingeworfene Handvoll Buden. Am gut bewachten Tor zeigte Collier die ordnungsgemäßen Dokumente vor und steuerte auf das Gelände.
»Dort drüben ist Ihr Büro.« Collier wies auf eine Quonsetbaracke an der Ecke einer ungepflasterten Kreuzung. Im Aufgang stand Lieutenant Aaron Epstein. Auf seiner hohen Stirn über der dicken Acetatbrille aus Armeebeständen glänzte der Schweiß. Collier fuhr an den Rand der ausgefahrenen Straße, stieg aus und öffnete den Kofferraum. »Ihre Unterkunft liegt ein Stück die Straße rauf auf der rechten Seite.«
»Ich denke, ich statte vorher dem Labor einen Besuch ab«, sagte Jack und stieg aus dem Wagen.
»Eigentlich, Sir, wünscht General Groves, Sie zu sehen, sobald Sie …«
»Sicher. Sobald ich im Labor war.«
»Sir, ja, Sir. Der Wagen steht Ihnen während Ihres Aufenthalts zur Verfügung.« Er warf Jack die Schlüssel zu. Der fing sie auf und warf sie seinerseits Epstein zu.
»Schön, Sie zu sehen, Lieutenant. Gibt’s was Neues?«
Sie machten sich auf den Weg zu dem behelfsmäßigen Büro und fielen in einen entspannten Schritt.
»Allerdings«, sagte Epstein. »Die Zensur hat das hier aufgeschnappt.«
Er hielt Jack ein Western-Union-Telegramm hin. Jack nahm es besorgt. Der Name des zugedachten Empfängers war ihm von einer Liste Schweizer Wissenschaftler bekannt, die recht häufig über neutrale Grenzen hin- und herreisten. An: Gregor Stern. Sag mir Bescheid, ob es Sabine gut geht. Stopp.
Uneingeladen schob sich Collier mit ihnen zusammen ins Büro, die Tür prallte von der Wand ab und fiel hinter ihm ins Schloss.
»Ich habe die Telefonistin von Western Union befragt, die es gemeldet hat«, erklärte Epstein. »Sie behauptet beharrlich, ein zwölfjähriger Junge habe es aufgegeben.«
»Klingt logisch«, meinte Collier. »Wenn es hier einen Spion gibt, ist er kein Dummkopf.« Er lachte über seine Bemerkung und musterte Jack wie ein Welpe, der auf eine Belohnung wartet. Als er Jacks Miene sah, schwieg er.
»Sergeant Collier«, sagte Jack, »dieses Telegramm legt nahe, dass einer von Ihren Leuten womöglich in geheimer Kommunikation mit unseren ausländischen Gegnern steht.«
»Einer von meinen Leuten? Ich versichere Ihnen, Sir, dass dem nicht so ist.« Colliers Tonfall entsprach gerade noch dem Maß an Respekt, das er Jacks höherem Rang schuldig war.
»Wir fangen mit der Befragung bei den europäischen Wissenschaftlern an, die die Petition zur ethischen Kontrolle der Operation unterzeichnet haben.«
»Es sind viertausend Wissenschaftler auf dem Hill, Sir. Zwei Drittel davon sind Europäer.«
»Dann fangen wir mit den deutschsprachigen an, die die Petition unterzeichnet haben und unmittelbar an der Bombe arbeiten.«
»Das Gadget«, sagte Collier. »Der Befehl lautet, dass wir es das Gadget nennen, Sir.«
Epstein schob seine Brille über den Nasenrücken nach oben. »Oishe geveine lech.«
»Ja, Sie werden sich mit den Eierköpfen gut verstehen.« Collier stieß einen Laut aus, der wie eine Mischung aus Schnauben und Kichern klang.
»Allergien, Sergeant?«, fragte Jack, doch Epstein ließ die spitze Bemerkung über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Jack vermutete, dass er solche Kommentare gewohnt war.
Epstein deutete auf einen beachtlichen Aktenstapel auf Jacks Tisch. »Ich habe die Personalakten sämtlicher Wissenschaftler zusammengesucht, die die Petition unterzeichnet haben. Da ist Reichl, der sie angestoßen hat …«
»Der verdammte Unruhestifter, der glaubt, ein Haufen Eierköpfe wisse mehr als die Oberen«, fiel Collier ihm ins Wort.
»Und Weiss …«
»So deutsch wie Knackwurst und Sauerkraut.«
»Österreicherin, um genau zu sein«, korrigierte Epstein ihn.
»Waren an dem Tag, an dem Atomphysik unterrichtet wurde, keine Amerikaner zugegen?«, fragte Jack.
»Nur Oppenheimer«, sagte Epstein.
»Rot wie eine gestochene Sau«, warf Collier ein. »General Groves will Sie sehen, sobald Sie sich eingerichtet haben.«
»Sicher«, sagte Jack. »Ich suche ihn auf, sobald ich im Labor war.«
»Sir, ja, Sir.«
»Keine Sorge, Sergeant, ich bin nicht hier, um jemandem auf den Schlips zu treten«, beteuerte Jack. »Wegtreten.«
»Ich bin weggetreten«, konterte Collier und zuckte zusammen. »Sie werden mich vermissen, wenn ich weg bin.«
»Das Risiko gehe ich ein.«
Jack nahm sich die erste Akte vor und stieß auf ein Foto von J. Robert Oppenheimer, das mit einer Büroklammer an einen Standard-Personalfragebogen geheftet war. Seine Augen strahlten vor außergewöhnlicher Konzentration, eine Kobra kurz vor dem Zustoßen. In seinem Blick sah Jack die Arroganz eines verwöhnten Kindes, dessen mürrische Schwermut ins Launische umschlagen konnte, wenn es seinen Willen nicht bekam.
Er überflog Oppenheimers Lebenslauf. Geboren 1904 in New York, verwöhnter, frühreifer Sohn wohlhabender jüdischer Eltern. Ein Phi-Beta-Kappa-Wunderkind, das Harvard in drei Jahren abschloss, dann nach Cambridge ging, wo es gestand, seinem Tutor einen vergifteten Apfel auf den Schreibtisch gelegt zu haben. Während er gleichzeitig in Berkeley und am California Institute of Technology lehrte, verdiente er sich den Respekt der angesehensten Physiker sowie eines Zirkels bewundernder Studenten, die seine eleganten Gesten nachahmten, die immer eine Zigarette salopp im Mundwinkel baumeln hatten und deren Kreissägen dunkle Schatten auf ihre Stirnen warfen.
Anekdotische Berichte beschrieben ihn als »genial, aber unnahbar«, »in Abstraktionen verloren«, während er zwischen seinen Gleichungen anmaßend Zitate aus Hindu-Schriften und der Bhagavad Gita einstreute. Eines schien gewiss – er war ein komischer Kauz. Kaum der Mann, dem man zugetraut hätte, für eine abenteuerliche Mission mit starken Persönlichkeiten und voller unvorhersehbarer Umstände die größten Wissenschaftler der Welt auf dieses einsame Hochplateau locken zu können.
Jack steckte die Unterlagen in seine Schultertasche, bevor er und Epstein ein paar Hundert Meter die Straße in die Technical Area hinaufgingen. Die Örtlichkeit erinnerte eher an ein Gefängnis als an ein Labor. Umgeben von bewaffneten Wächtern und Stacheldrahtrollen, standen kunstlose Bauten im harschen Kontrast zu den Felsen aus rotem Schiefer und rosafarbenem Sandstein, die dahinter aufragten.
Jacks Blick wanderte an der Hauswand hinauf, schweifte über jedes einzelne Fenster, angezogen von einem Schatten im ersten Stock. Eine Frau stand hinter der Fensterscheibe wie eine moderne Rapunzel, die die Welt von ihrem uneinnehmbaren Turm aus betrachtete. Die eleganten Linien ihres Kopfes und ihres Halses standen im Kontrast zu der Zurückhaltung ihres hohen Kragens und dem strengen Schnitt ihres Laborkittels. In dem kurzen Augenblick, bevor sie Jack entdeckte und sich entfernte, schien sie genau dort zu sein, wo sie hingehörte, vom Fenster gerahmt wie ein Porträt.
Dr. Hannah Weiss schob sich eine dunkle Locke aus der Stirn und blickte durch die Stacheldrahtschlingen auf die wüstenhafte Landschaft. Hinter dem Durcheinander aus rohen Hütten, Quonsetbaracken und Wachtürmen wimmelte es in der Wüste von unbemerktem Leben und uralten Geheimnissen. In Europa gab es keinen solchen Ort, vielleicht gab es auf der ganzen Welt keinen solchen Ort. Seine staubtrockene Einzigartigkeit bot ihr die Hoffnung, dass auch das, was sie hier zu erreichen suchten, einzigartig war und niemals wiederholt würde, gleichgültig, wie die Geschichte durch ihre Arbeit umgeschrieben wurde. Sie und ihre Kollegen klammerten sich an den Glauben, dass der Krieg endete, dass diese ad hoc einberufene Gemeinschaft sich wieder auflöste und Roosevelts Versprechungen eine Ära des Friedens und fortschrittlichen Denkens einleitete – sein Glaube an göttliche Gerechtigkeit und grundlegende menschliche Freiheiten, seine Zusage, Anstand und menschliche Güte zu wahren, alles, was eine gute Rede zur Lage der Nation ausmachte.
Das Gelände, das Site Y genannt wurde, war ehemals eine Ranch School für Jungen gewesen. Jetzt waren die alten Klassenzimmer voll mit Laborgeräten statt mit Schulbänken. Statt Fakultätsessen und Kennenlernpartys mit Absolventen fanden in der imposanten, aus dicken Baumstämmen zusammengefügten Fuller Lodge wilde Partys statt, die bis in den frühen Morgen dauerten. Los Alamos hatte den Rest der Welt hinter sich gelassen und sämtliche Verhaltensmaßregeln für militärische Kräfte gleich mit. Wenige hatten gewusst, worauf sie sich einließen, als sie hergekommen waren, doch niemand sprach davon, der vor ihnen liegenden schwierigen Aufgabe den Rücken zu kehren. Alle arbeiteten an der Entwicklung der Waffe, die alle Kriege beenden würde, um einem Verrückten, der die Welt zu zerstören trachtete, mit einer Meisterleistung von unbeschreiblicher Genialität Einhalt zu gebieten. Spannungen mussten freigesetzt, Dampf abgelassen werden. Was war schon ein Fehltritt hier und da im Vergleich zu der bevorstehenden Möglichkeit des Weltfriedens einerseits und des Massensterbens andererseits?
Der Ernst der Aufgabe war Hannah stets präsent. Er sorgte dafür, dass sie sich keine Sorgen um den fehlenden Komfort machte. Wenn ihr die Waden schmerzten vom vielen Hinauf und Hinunter auf der Leiter an der hohen Tafel, stellte sie sich ihren Onkel Josua beim Appell vor, der bei jedem Wetter stundenlang Zwangsarbeit leisten musste. Sie war dankbar für seinen unbeschwerten Humor und seinen tiefen Glauben, der ihm angesichts der Schrecken, die er erdulden musste, sicher zugutekam. Wenn ihre Hände von dem trockenen Wind rissig und rau wurden, dachte sie an Sabine, wo auch immer sie sein mochte. Vielleicht beendete sie gerade ihr Studium in New York und spazierte den Broadway hinunter, während ihr die Augen vom Wind tränten. In dem Wissen, dass ein Spaziergang in bitterer Kälte das am wenigsten furchterregende Szenarium war, dem Sabine sich stellen musste, konzentrierte sich Hannah ganz auf ihre Aufgabe und kümmerte sich nicht um den Klatsch und die heimlichen Stelldicheins im Lager.
Ihr Leben in Los Alamos war einfach, und sie lebte abgeschottet. Sie war eine Frau, die unter Männern arbeitete. Die Männer erlaubten sich Freiheiten, die ihr verwehrt waren. In der Schwarzmarkthütte feilschte sie um Lippenstifte – das war unerlässlich –, doch Strümpfe waren ein Luxus der Vergangenheit. Sie standen auf der Liste wichtiger Dinge ganz weit unten. Ihre Zucker- und Mehl-Coupons hortete sie, um sie gegen Notizpapier und Bleistifte No. 2 einzutauschen.
Die Frauen der anderen Wissenschaftler ließen sich von zu Hause Pakete schicken, und einige nähten Kleider und verkauften sie. Hannah hingegen flickte sorgsam die Sachen, die sie mitgebracht hatte, drei gerade geschnittene Röcke (schwarz, grau und dunkelrot), zwei Blusen (eine weiß, eine blassrosa), ein schlichtes Kostüm mit Schößchenjacke (marineblau mit feiner, schwarzer Biese), ein Paar ochsenblutrote Pumps, die sie zu allem tragen konnte, und ein kleiner Schatz an Unterwäsche, den sie bei ihrem letzten Besuch in Wien erstanden hatte. Sie schlief in einem Leibchen, denn ihr Nachthemd hatte sie gegen eine zerlesene Kopie von Einsteins Science and Religion eingetauscht. Hannah kämmte ihr dickes, dunkles Haar streng aus dem Gesicht und schlang es zu einer festen Rolle, gehalten von einem edel gearbeiteten, diamantenbesetzten Haarkamm, ihr einziges Zugeständnis an Weiblichkeit, das einzige Artefakt eines Lebens, in dem man ihr – wenn auch nur für einen Augenblick – das Gefühl von Wertschätzung gegeben hatte. Mit den Fingerspitzen strich sie über die harten Kanten des Kamms, während sie die Welt draußen vor dem vertrauten Fenster betrachtete.
Auf der Straße unten sah sie zwei Männer mit der Scharfsinnigkeit von Haien, die gerade Blut riechen, auf den Laborbereich zusteuern. Sergeant Collier hatte sie abgesetzt. Sie kannte Collier, jeder kannte ihn. Er war General Groves’ Lakai. Der Mann mit der Brille war Hannah schon am Abend zuvor in der Kantine aufgefallen. Er hatte eine Kakihose getragen, allein in einer Ecke gegessen und kurzsichtig den Inhalt eines braunen Schnellhefters durchgesehen, den er sich dicht vor das Gesicht gehalten hatte. Der andere Mann, dessen gut geschnittener Anzug mit Weste und fallendem breitem Revers zu elegant war für Kriegszeiten, war ein Fremder, doch Hannah war früher schon Männern wie ihm begegnet und wusste sofort, wer er war. Sie erkannte den entschlossenen Kiefer, den hageren, hungrigen Blick, die zusammengekniffenen Augen, während sein Blick wie ein Schnellkäfer die Wand hinaufkroch. Menschen wie er betraten das Gelände üblicherweise erst im Schleier des späten Abends. Am nächsten Morgen waren sie im Morgengrauen schon wieder fort, und dann überraschte es Hannah nicht, wenn auch einer ihrer Kollegen verschwunden war.
»Und was ist diesmal das Problem?« Mit einem knochigen Knöchel klopfte Oppenheimer auf die Tafel hinter ihr. »Wir können jetzt nicht unsere Zelte abbrechen. Hitler weiß, dass die Alliierten vor der Tür stehen. Wenn die Deutschen die Bombe haben … also, das muss ich nicht laut aussprechen.«
Als Hannah sich vom Fenster abwandte und gegen die grelle Sonne die Augen zusammenkniff, wurde sie wieder an den Kontrast zwischen ihrer großen Mission und ihrer unmöglichen Umgebung erinnert. Das kleine Kritikalitätsteam, dem sie angehörte, war in die Technical Area 18 eingepfercht worden, eine wackelige Holzkonstruktion, die gefährlich auf der Felszunge oberhalb des Omega Canyon errichtet worden war. Ihre Kollegen benahmen sich, als befänden sie sich in den aufgekratzten ersten Wochen eines Abenteuercamps. Wenn es abends geschneit hatte, klopften sie vor Sonnenaufgang an die Tür und riefen: »Wach auf! Lass uns Ski fahren!« Sie verpassten das Frühstück, und wenn sie zur Arbeit kamen, schlugen sie ihre Wanderstiefel zusammen, bis Schnee und Eis in kleinen Klumpen zu Boden rieselten.
Peter Reichl, dessen üppiger Bauch sich unter einer handgestrickten Wollweste wölbte, ergriff das Wort. »Wir sind so weit gegangen, wie wir gehen können, ohne tatsächlich eine atomare Explosion auszulösen. Wie wollen wir unsere Theorien beweisen, ohne … ohne …« Er machte eine weit ausholende Geste mit den Händen, unfähig, die Ausmaße des Problems in Worte zu fassen.
»Ohne die Erdatmosphäre zu entzünden?«, warf Hannah ein.
»Roosevelt hieße das wahrscheinlich nicht gut«, erklärte Oppenheimer. Mit geschmeidiger, katzenhafter Eleganz hob er seine Zigarette an die Lippen, nahm einen tiefen, theatralischen Zug und schenkte Hannah sein seltsames Lächeln, das ihn bei den Damen so beliebt machte. »Was schlägt unsere reizende Kassandra vor, wie wir das Untestbare testen sollen?«
Hannah blieb ungerührt. »Halten Sie sich an die Laborassistentinnen, Oppie! Es ist lange her, seit mich ein Mann so um den Finger gewickelt hat, dass ich getan habe, was er von mir verlangte.«
Das entlockte Alice Rivers, der einzigen anderen Frau im Raum, ein sprudelndes Kichern. Während Hannah verschlossen war, schien Alice stets an sich herumzupfen zu müssen. Ihre geflickten Strümpfe bekamen dauernd neue Laufmaschen, die Strickjacke war nicht zugeknöpft und zeigte ein wenig zu viel Dekolleté, widerspenstige Locken lösten sich aus ihrem Kopftuch. Alice verbrachte ihre Tage damit, geduldig darauf zu warten, dass die Wissenschaftler etwas Großartiges sagten, während sie pflichtbewusst alle Äußerungen – ob großartig oder nicht – in ein Notizbuch schrieb, jedes Zitat mit den Initialen des Sprechenden versehen. Ihr Kichern hatte etwas Ansteckendes, und deswegen behielt sie ihre Stelle, auch wenn andere Stenografinnen, mit mürrischen Gesichtern und schweren Halbschuhen, womöglich bessere Arbeit geleistet hätten. Oppenheimer fiel in Alice’ Lachen ein, doch Hannah entging nicht, dass seine Augen noch dunkler und tiefer eingesunken waren als gewöhnlich, argwöhnischer, weniger streitlustig.
Weil Hannah immer still war, es sei denn, sie hatte etwas Substanzielles beizutragen, schenkten ihre Kollegen ihr die volle Aufmerksamkeit, als sie an die Tafel trat, die Leiter an das eine Ende schob und einige Sprossen hinaufstieg. Während sie die ersten Ziffern einer langen Gleichung hinschrieb, sprach sie die Frage aus, die sie alle quälte: »Warum genau würde eine Atomexplosion uns in Stücke reißen?«
Peter Reichl wiederholte müde, was sie bereits wussten: »Uran 235 reagiert so schnell, dass es unmöglich zu kontrollieren ist. Die Stahlhülle wird augenblicklich in einen Feuerball verwandelt.«
»Müssen wir Stahl verwenden?«, fragte Hannah.
»Sollen wir etwa eine Bombe aus Bauklötzchen herstellen?«
Hannah blickte über die Schulter und lächelte. »Ich dachte eher an Lebkuchen.«
Reichl war beschämt. Er hatte nicht so schnippisch sein wollen.
»Aber hier … oh, warten Sie …« Wie es seiner Gewohnheit entsprach, war Otto Frisch in einer Wolke aus Zigarettenqualm, die ihm durch den Raum folgte, auf und ab gegangen. Sein Westernhemd war eine Nummer zu klein, sodass Hals, Handgelenke und Hände herausragten wie bei einer Vogelscheuche. Er drückte die Hände zusammen, als wollte er seine Idee festhalten. »Was wäre, wenn wir Uran mit Schwerem Wasser mischen? Das würde die Reaktionszeit verlangsamen.«
»Nur um einige Zehnerpotenzen«, widersprach Hannah. »Immer noch zu schnell, um es zu kontrollieren.«
»Aber was ist, wenn wir die Reaktion nur für einen Sekundenbruchteil ablaufen lassen?«
»Wie?« Oppenheimer beugte sich vor, als könnte er die Gedanken mit schierer Willenskraft hervorlocken. Die anderen beugten sich ebenfalls vor. Oppenheimer war der Choreograf, und sie waren seine Tänzer.
»Indem wir den Kern durch ein Loch in Schweres Wasser fallen lassen.« Frisch wies auf Alice, die nickte, die Initialen notierte und hastig mitschrieb.
Hannah sann einen Augenblick lang darüber nach und setzte dann zu einer neuen Gleichung an. »Und das führt uns zu der unerbittlichen Frage: Wie lösen wir es aus?«
»Um das herauszufinden, sind Sie hier«, sagte Oppenheimer, erhob sich lässig von seinem Stuhl und schritt mit langen, entschlossenen Schritten zur Tür. »Wie wir den Drachen kitzeln, ohne ihn aufzuwecken. Und wie wir es schaffen, bevor die Deutschen England in Schutt und Asche legen.«
Feldnotiz
Vertraulich
Hauptquartier
US-Armee und Östlicher Militärbezirk
303 Militärischer Abschirmdienst
APO 403
3. April 1945
Betreff: Sicherheitsbelange Site Y
An: Donovan
Von: Delaney
Zusammenfassung: (1) Am 13. März 1945 ist uns zur Kenntnis gelangt, dass unter den Wissenschaftlern eine Petition für die ethische Kontrolle der Gadget-Realisierung kursierte. (2) Am 3. April 1945 fanden die Vertreter dieser Einheit Site Y wie erwartet vor – Sicherheitsvorkehrungen tipptopp, das Klima trockener als Hundekuchen, Kleinigkeitenkrämer, die unbehindert umherliefen – und erfuhren, dass die Zensur ein Telegramm abgefangen hatte, das adressiert war an Stern und Gregor, einen Schweizer von besonderem Interesse.
Empfehlung: Die Mitarbeiter, welche die Petition unterzeichnet haben, wurden für erweiterte Hintergrundüberprüfungen ausgewählt. Dazu gehören REICHL, Mitglied des Kritikalitätsteams, der die Petition lanciert hat, sowie Frisch, Weiss und Szillard.
Jack schob den Tischtennisschläger von einer Hand in die andere, während er Peter Reichl über die breite, grüne Platte hinweg beiläufig musterte. Reichl schien von streitlustiger, wetteifernder Art zu sein, also ließ Jack ihn die ersten Punkte einstreichen, nicht ohne dafür zu sorgen, dass ihm ordentlich der Schweiß ausbrach. Zu Zeiten, als in der Fuller Lodge eine Jungenschule untergebracht gewesen war, hatte die Tischtennisplatte reichlich Anklang gefunden, doch sie war immer noch gut in Schuss. Was man von Peter Reichl nicht behaupten konnte. Zahllose durchzechte Nächte, eine Vorliebe für üppige österreichische Schnitzel und Sachertorte und Unmengen von Alkohol manifestierten sich in Rettungsringen und einem Doppelkinn. Der Schweiß rann ihm in die Augenbrauen und hinter die Ohren, hinterließ feuchte Flecken auf dem Kragen. Spärliche silbergraue Haarbüschel sprossen an seinen Schläfen, und mit seinen wilden Bewegungen hatte er etwas von einem Kastenteufel. Jack spielte den gutmütigen Verlierer, zog die Jacke aus, löste den Krawattenknoten, krempelte die Hemdsärmel hoch und ließ Reichl noch ein paar weitere Punkte machen. Für Reichl musste es so aussehen, als gewänne er ein Freundschaftsspiel, bei dem die beiden Gentlemen ein freundliches Gespräch führten. Sie standen schließlich auf derselben Seite. Oder?
Als Jack den Ball hart konterte, um Reichls verirrten hohen Ball zu parieren, spürte er tief im Gewirr der Nerven und Adern seines Arms ein vertrautes Pochen und wechselte den Schläger rasch in die linke Hand. Er pfefferte seinen nächsten Return, um jegliche erkennbare Schwäche zu kompensieren. Seine Fragen waren kaum mehr als leutselige Erkundigungen, wer wer war in der Welt der Atomphysik. Aber er hörte aufmerksam zu, als Reichl abschweifte und sich über eine besonders illustre Konferenz im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin ausließ. Auch ohne über die Schulter zu blicken, wusste Jack, dass Epstein sich Notizen machte für den Fall, dass das unablässige Klack-Klack, Klack-Klack des Tischtennisballs das Mikrofon unter der Platte störte.
»Wer nimmt an so etwas teil?«, fragte Jack.
»Alle.«
»Definieren Sie alle! Nur zum Spaß.«
»Die Fakultät, Studierende, Ehemalige, Wissenschaftler.«
»Was ist mit Kurt Diebner?«
»Selbstverständlich. Er war damals Berater des Reichswehrministeriums.«
»Dem Verteidigungsministerium«, erklärte Jack für diejenigen, die die versteckten Aufnahmegeräte abhörten.
»Diebner.« Bei der Erinnerung an ihn stieß Reichl ein verächtliches Schnauben aus. »O ja. Er war dort. Trug seinen Nobelpreis praktisch um den Hals. Er und Stefan Frei hielten Hof vor den ganzen Berühmtheiten und überschlugen sich förmlich, als sie Albert Speer drängten, ihre Forschung zu finanzieren.«
»Stefan Frei?«
»Ein richtiger Goldjunge.« Keuchend stand Reichl da und ließ den Ball vorbeifliegen. Inzwischen tränkten die Schweißflecken sein weißes Hemd auch unter den Achseln. »Der bezaubernde Adonis mit blondem Haar, einem Profil wie eine Eisskulptur und geboren mit … ach, wie sagt man noch?«
»Mit einem silbernen Löffel?«
»Im Pferdemaul, ja. Privileg der Privilegierten.« Reichl nickte und schlug verdrießlich einen Volley. »Exzellenter theoretischer Physiker, das muss man ihm lassen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass er, wäre sein Vater nicht Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts, vielleicht ein bisschen härter hätte arbeiten müssen, um seine Stellung zu halten … und seinen Erfolg bei den Frauen.«
»Verstehe.« Jack fing den Ball mit der Hand auf und steckte ihn in die Tasche. Er keuchte ein wenig, wischte sich zur Schau die Stirn und deutete auf zwei Lehnsessel mit rissigem Leder, die etwas dichter an einem Mikrofon standen, das, wie er wusste, unter dem Rand des Couchtischs klebte. Für den Fall, dass es jetzt interessant wurde.
»Doktor Reichl, Sie haben Deutschland erst wann verlassen?«
»Einundvierzig.«
Die Männer setzten sich. Jack schlug eine Akte auf und legte Formeln, Laborberichte und Fotografien auf dem Couchtisch aus. Auf einem Foto war eine Gruppe von Wissenschaftlern zu sehen, die in schwarzen Mänteln und Brillen auf den Stufen vor dem Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin standen. Darunter befanden sich vier Nobelpreisträger, und Jack wusste, dass Reichl nicht dazugehörte.
»Ich fürchte, meine jüdischen Kollegen haben vor mir gewusst, was die Stunde geschlagen hatte.« Reichl seufzte. »Die meisten waren sechsunddreißig schon emigriert. Sie waren klüger als ich, und das nicht nur in Bezug auf die Wissenschaft.«
Jack zog das Telegramm an Gregor Stern aus der Brusttasche und strich es auf dem Tisch glatt. Reichl wirkte leicht überrascht.
»Das Telegramm? Darum geht es hier?«, fragte er. »Ich hatte angenommen, es ginge um meine Petition.«
Jack blickte ihn unverwandt an und lauschte der Stille und Reichls immer noch keuchenden Atemzügen. Jack hatte begriffen, dass die Menschen die Stille verabscheuten wie die Natur das Vakuum und sich beeilten, es mit demselben unsicheren Eifer zu füllen. Seiner Erfahrung nach hatte die Macht der Stille manches ängstliche Geständnis hervorgelockt.
»Man könnte denken, ich würde agitieren, um die Regierung zu übernehmen, und nicht aus Sorge um die potenzielle Verwendung der Bombe«, sprudelte es aus Reichl heraus. »Meine Petition ist nichts anderes als eine notwendige Warnung. Jede Nation, die diese neu freigesetzten Kräfte der Natur zum Zweck der Zerstörung einsetzt, muss die Verantwortung dafür übernehmen, die Tür zu einer Ära der Zerstörung von unvorstellbaren Ausmaßen aufgestoßen zu haben.«
»Ja«, sagte Jack mit einer wohlkalkulierten Schärfe im Ton. »Aber wir reden hier über das Telegramm.«
Reichl zuckte die Achseln. »Es ist ein Telegramm.«
»Sie geben zu, dass Sie es an Gregor Stern schicken wollten?«
»Ich gebe zu, dass ich einem mexikanischen Jungen einen Vierteldollar gegeben habe, damit er es zu Western Union bringt.«
»Warum haben Sie es nicht selbst hingebracht?«
»Mit der Petition habe ich mich nicht gerade beliebt gemacht.« Reichl verschränkte die Arme über dem üppigen Bauch. Defensiv, bemerkte Jack, doch nicht bereit, viel anzubieten.
»Das sowjetisch-schweizerische Handelsabkommen hat weiter Bestand, wie Sie sicher wissen. Ein in der Schweiz lebender Wissenschaftler könnte für die Russen eine kostbare Kontaktperson sein.«
Reichl stieß ein schnelles, nervöses Husten aus. »Die G2-Typen vermuten in jeder Ecke einen Bolschewisten. Sie interpretieren da zu viel hinein. Gregor Stern ist ein guter Freund. Ich mache mir Sorgen um seine Frau Sabine. Sie ist bei schlechter Gesundheit.«
Jack ließ zu, dass sich Reichl einen Augenblick lang darin suhlte, bevor er wieder das Wort ergriff. »Es muss hart sein für einen Physiker in der Schweiz. Sie sind hier und arbeiten mit den Geistesgrößen der modernen Wissenschaft zusammen. Stern muss sich ausgeschlossen fühlen.«
»Gregor hat sehr viel zu tun«, fuhr Reichl scharf auf. »Physik ist mehr als nur das Bauen von Waffen.«
Jack nahm den Einwand kommentarlos zur Kenntnis und wartete exakt fünf Sekunden, bevor er fortfuhr: »Und er muss sich natürlich um Sabine kümmern.«
»Natürlich.« Reichl nickte nachdrücklich.
Jack faltete das Telegramm und steckte es wieder in seine Brusttasche. Dann schob er die Unterlagen auf dem Tisch zusammen und steckte jedes einzelne Dokument behutsam zurück in den Schnellhefter.
»Das war’s?«, fragte Reichl.
»Fürs Erste.«
Verdattert mühte sich Reichl aus dem Lehnstuhl hoch und entfernte sich mit einem knappen »Guten Tag, Major«.
Jack warf einen langen Blick auf das Foto mit den Wissenschaftlern auf den Stufen des Kaiser-Wilhelm-Instituts, während er den Tischtennisball gedankenverloren gegen die Wand schlug. Es war leicht gewesen, die einzige Frau auf dem Foto zu übersehen. Sie stand ganz am Rand der Gruppe, zierlich und ernst, aus der Hierarchie hinausgedrängt. An der wissenschaftlichen Hackordnung des Reichs verstand er vieles nicht, doch es war klar, dass Diebner und Frei – mitten im Bild und gewohnt, Raum zu beanspruchen – ganz an der Spitze standen.
»Der Nächste!«, rief Jack, denn er vermutete, dass Collier an der Tür lauschte.
Sergeant Collier schoss herein, bevor Epstein sich überhaupt von seinem Platz erheben konnte. Jacks Miene blieb ungerührt, doch das Schlagen des kleinen Balls steigerte sich zu einem nervösen Kla-Klack, Kla-Klack, Kla-Klack.
»Reichl hat zugegeben, dass er das Telegramm geschickt hat«, sagte Collier. »Das wollten wir wissen.«
Wieder dieses ambitionierte wir, bemerkte Jack. Er versetzte dem Ball einen resoluten Schlag, und der prallte von der Wand ab und landete in einem Papierkorb.
Epstein räusperte sich leise. »Sergeant, wussten Sie, dass Gregor Stern Maschinenbauingenieur ist und kein Physiker?«
Collier sah ihn verständnislos an.
»Sein guter Freund Peter Reichl auch nicht. Und wer zum Teufel ist Sabine?«, fragte Jack. »Wer ist der Nächste?«
»Weiss.«
»Holen Sie ihn rein!«
Jack entging die Selbstgefälligkeit in Colliers Miene nicht. Collier war der Typ, der in der Kneipe die Rechnung bis auf den letzten Penny genau teilte, der nie mehr bezahlen wollte als das, was er konsumiert hatte. Ein kleiner Mann, der den Augenblick zwischen der Erkenntnis, dass er etwas wusste, was man selbst nicht wusste, und den Moment, in dem er es einem unter die Nase rieb, weidlich auskostete.
Collier öffnete die Tür und sagte: »Frau Doktor Weiss.« Und dann genoss er Jacks Reaktion, als Hannah das Zimmer betrat.
Jack erhob sich von seinem Stuhl, schob die Hemdsärmel zurück und fingerte kurz an den Manschettenknöpfen, bevor er ihr die Hand reichte.
»Ich bin Major Delaney«, sagte er. »Dies ist Lieutenant Epstein. Und Sergeant Collier kennen Sie ja bereits.«
»Wir sind uns schon begegnet. Öfter, als mir lieb ist«, erwiderte Hannah.
»Nehmen Sie bitte Platz!« Jack wies auf den Stuhl neben dem verwanzten Couchtisch, doch Hannah blieb stehen. Ihre Augen waren von einem verblüffenden Hellblau, durchdringend, von fast überweltlichem Glühen, ein starker Kontrast zu ihrem glänzenden braunen Haar, das im Nacken zu einer Banane gedreht war.
»Darf ich fragen, worum es hier geht?«
»Einfache Hintergrundüberprüfungen. Wir möchten Sie kennenlernen und hören, ob Sie irgendwelche Sorgen haben.«
Hannah lächelte schief. »Haben Sie das auch Peter Reichl erzählt?«
»Ist er ein Freund von Ihnen?«
»Wir stammen beide aus Wien. Wir arbeiten zusammen«, erklärte sie. »Der arme Mann wird unablässig von Geheimdienstlern wie Ihnen gejagt.«
»Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass ich …«
»Sie haben nicht mal Ihre Baracke aufgesucht, bevor Sie mit den Befragungen angefangen haben.« Sie warf einen Blick auf Jacks Seesack in der Ecke. »So etwas fällt mir auf.«
»Gut.« Ihr konnte er nichts vormachen, und so beschloss Jack, gleich auf den Punkt zu kommen, statt sich freundlich zu geben. Es war offensichtlich, dass Dr. Hannah Weiss – eine schöne Frau, die in einer Welt inmitten einsamer Männer arbeitete – eine Menge Anmache, Avancen und vordergründig freundliches, unterschwellig aber sexuell aufgeladenes Geplauder erlebt hatte.
»Bitte.« Er deutete noch einmal auf den Sessel, und diesmal setzte sie sich, Rücken gerade, Hände im Schoß gefaltet. Jack legte das Foto der Wissenschaftler vor sie auf den Couchtisch. »Sie haben von 1931 bis 1938 am Kaiser-Wilhelm-Institut gearbeitet?«
»Das ist richtig.«
»Erzählen Sie mir von Ihren Kollegen dort!«
»Sie haben sich nicht als meine Kollegen betrachtet.«
»Aber Ihnen ist doch gewiss das eine oder andere aufgefallen«, half Jack nach.
»Mir ist aufgefallen, dass ich, je bedeutsamer unsere Arbeit wurde, umso mehr Militäruniformen gesehen habe.« Ihr Blick schweifte ostentativ von Jacks gestärktem Kragen zu Epsteins Kakihose.
Epstein sträubte sich. »Sie wollen uns doch sicher nicht mit der Gestapo vergleichen.«
»Keineswegs«, antwortete Hannah. »Ich sage nur, achten Sie darauf, mit wem Sie arbeiten.«
»Und mit wem haben Sie gearbeitet, Frau Doktor?«, fragte Jack.
»An dem Institut gab es Hunderte von Wissenschaftlern.«
»Fangen wir doch mit Gregor Stern an!«
»Warum um alles in der Welt interessieren Sie sich für ihn?«
Ihr Blick war herausfordernd. Jack erwiderte ihn kommentarlos.
»Verstehe«, sagte sie. »Sie sind nicht bereit, Fragen zu beantworten, Sie stellen hier die Fragen.«
Hannah rückte den diamantenbesetzten Kamm in ihrem Haar zurecht, eine Geste, die Jack ein wenig zu elegant erschien, zu einstudiert. Er tippte auf das Foto, auf dem Gregor Stern neben Hannah stand. »Es scheint, als würden Stern und Sie sich ziemlich gut kennen.«
»Gregor ist ein wunderbarer Mensch.«
»Eine interessante Art, einen Kollegen zu beschreiben.«
»Ja?«, erwiderte sie. »Wie würden Ihre Kollegen Sie beschreiben, Major Delaney?«
»Stur.«
»Ah. Gut. Nehmen Sie es nicht persönlich!«
Sie schien es zu genießen, und das passte Jack gar nicht, doch dann hob sie noch einmal in einer anmutigen Bewegung die Hand, um den diamantenbesetzten Kamm in ihrem Haar festzustecken, und er wusste Bescheid. Damit verriet sie sich. Jetzt musste er nur noch aufdecken, welche Lügen sie mit dieser Geste zu verbergen trachtete. Er wusste, dass er behutsam vorgehen musste. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, offene Körperhaltung, die Hände entspannt im Schoß.
»Frau Doktor Weiss, erzählen Sie mir doch, was eine nette junge Frau wie Sie an einen Ort wie diesen führt!«, forderte er sie auf.
»Major?« Collier trat an die Tür. »General Groves.«
»Zeit, den Ring zu küssen?«, fragte Jack trocken.
»Ein einfacher Salut tut es auch.« In einer tosenden Wolke aus Zigarrenqualm und stattlicher Autorität schob sich Brigadegeneral Leslie Groves an Collier vorbei. Trotz seiner Leibesfülle bewegte er sich mit überraschender Anmut und genoss es sichtlich, der größte Mann im Raum zu sein. Jack löste das Zellophan von einem Päckchen Camel und legte die Zigaretten auf den Tisch, bevor er salutierte.
Hannah blieb sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, bis Groves mit dem Kinn zur Tür wies und in schroffem Ton sagte: »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Doktor Weiss.«
Collier wollte Hannah hinausscheuchen, doch Jack trat dazwischen, bevor sie an der Tür war.
»Eine Frage noch, Frau Doktor Weiss.«
»Ja, Major?« Ihre Miene war weder verhalten noch übertrieben unschuldig.
»Wie lautet der Vorname von Gregor Sterns Frau?«
»Sein Privatleben ging mich nichts an«, sagte Hannah. »Und wir wissen beide, dass Sie ihn schon in Ihren Akten haben.«
»Tun Sie mir den Gefallen!«
»Anneliese.«
Jack tauschte einen kurzen Blick mit Epstein, dann reichte er ihr die Hand. »Guten Abend, Frau Doktor Weiss.«
Hannah ging, ohne die höfliche Floskel zu erwidern. Es entging Groves nicht, dass Jacks Blick ihr folgte, als sie den Flur hinunterging, und er stieß ein kehliges Lachen aus.
»Jeder Schlauch im Lager wollte ihre Petunien gießen. Erfolglos. Ihnen wird es nicht besser ergehen, Major.«
Jack zuckte die Achseln, womit er die Anspielung weder bestätigte noch ihr widersprach.
Groves richtete sich vor Epstein auf. »Lieutenant, waren Sie seit Ihrer Ankunft schon in Ashley Pond?«
»Nein, Sir«, antwortete Epstein verdattert.
»Das wollen Sie unbedingt sehen.«
»Absolut, Sir.«
»Jetzt, Lieutenant.«
»O ja. Ja, Sir.« Epstein salutierte kurz und verzog sich eilig, um der brenzligen Situation zu entkommen. In dem Augenblick, als sich die Tür schloss, stürzte sich Groves auf Jack.
»Major Delaney, ich habe Ihren Vorgesetzten doch klargemacht, dass Sie nicht herkommen und meine Wissenschaftler bei der Arbeit stören sollen.«
»Ich habe es eher als Vorschlag aufgefasst, Sir.«
»Dies ist die Armee«, knurrte Groves. »Wir tragen keine kurzen Hosen, wir spielen nicht Flohhüpfen, und wir machen keine Vorschläge.«
»Ja, Sir.«
»Wo zum Teufel haben Sie Ihre Ausbildung gemacht?«
»Harvard Law, Sir.«
Groves zuckte eine massige Schulter. »Soll ich jetzt beeindruckt sein?«
»So etwas würde ich mir niemals anmaßen, General.«
»Oppenheimer hält das Schicksal der ganzen Welt in Händen, Major Delaney. Ich habe schon Probleme genug, den Deckel auf seine kommunistischen Tendenzen zu halten, ohne dass Sie ihm auch noch zusetzen und die Loyalität seiner Kollegen infrage stellen.«
»Wenn er nicht an ihrer Loyalität zweifelt, muss es jemand anders tun.« Jack reichte Groves das Telegramm.
Groves las es skeptisch Silbe für Silbe laut vor. »Sag mir Bescheid, ob es Sabine gut geht.Stopp. Oh, klar, ich verstehe, dass das Anlass zu großer Sorge gibt.«
»Gregor Stern ist eine Person von besonderem Interesse.«
»Sir«, warf Collier ein, »wir haben bereits eruiert, dass Peter Reichl das Telegramm verschicken wollte.«
»Und dass Reichl gelogen hat«, fügte Jack hinzu.
»Sobald er anfing, Treffen zu organisieren und die Petition herumzureichen, haben wir seine Baracke verwanzt«, sagte Collier. »Er ist kein Spion. Er besitzt kaum genug Mumm, um die Straße zu überqueren.«
»Er deckt jemanden, General. Und ich würde gern herausfinden, wer das ist. Und warum.«
Ende der Leseprobe
