Hans Staden - Detlef Günter Thiel - E-Book

Hans Staden E-Book

Detlef Günter Thiel

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Beschreibung

Die vorliegende Erzählung beginnt im Jahr 1556, in der Stadt Wolfhagen, als Hans Staden den letzten Satz in sein Manuskript „Wahrhaftige Historia…“ schreibt. Danach macht er sich auf den Weg nach Marburg, um den Dekan der Universität – den engsten Freund seines Vaters – zu bitten, ihm beim Verfassen des Vorworts zu helfen. Der Dekan Dr. Dryander hatte gute Verbindungen zum hessischen Landesfürsten Landgraf Philipp I., der das Buch im Jahr 1557 zur Veröffentlichung freigab. Es wurde während der Karnevalszeit in Frankfurt auf der Buchmesse vorgestellt. Auf der Reise von Wolfhagen nach Marburg trifft Hans Staden einen altgedienten Kameraden aus dem Schmalkaldischen Unionskrieg gegen Kaiser Karl V. Die Freunde begeben sich auf den gemeinsamen Weg während Hans Staden die Geschichte seiner beiden Reisen nach Brasilien erzählt. Der Leser erhält authentisch - direkt aus dem Mund des Protagonisten - alle Informationen aus erster Hand. Es entwickelt sich ein interessanter Dialog, der den Leser einlädt - gefühlt Seite an Seite mit den beiden Freunden - ein Teil der spannenden Ereignisse zu werden. Auf dem Weg durch die hessische Heimat besuchen die Freunde traditionsreiche Städte mit ihren wichtigen Persönlichkeiten, die zu diesem Zeitpunkt gelebt haben. Gespräche - wie sie im Zeitalter der Renaissance unter den Zeitgenossen üblich waren - regen die Aufmerksamkeit des Lesers an, sich als Komplize zu fühlen und somit ein Teil der Geschichte zu sein. Bis zur Ankunft im Haus des Dekans in Marburg durchlebt der Leser spannende Abenteuer, die den Bezug zur Zeit der Entdecker und Reformer herstellen. Mit Dr. Dryander, einem reifen und erfahrenen Mann, ein Wissenschaftler in Medizin und Astronomie, ein gelehrter und fortschrittlicher Professor seiner Zeit, ein profunder Kenner der Natur und der verschiedenen mystischen Philosophien, führt Hans Staden ein wichtiges Gespräch, das seinen geistigen Horizont für metaphysisches Wissen öffnet, besonders als er erfährt, dass der Jahreskalender sich auf den Tag alle 400 Jahre wiederholt. Während der intensiven Recherchen stellt der Autor erstaunt fest, dass er weltweit auch an den verschiedensten Orten war - die schon von Hans Staden bereist wurden - ohne von seiner Existenz Kenntnis gehabt zu haben. Er untersucht seine gemeinsamen Berührungspunkte mit dem hessischen Abenteurer und erkennt überraschend viele zufällige Übereinstimmungen - Zufälle der besonderen Art?

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2022

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HANSSTADEN

SEINE SEELE - MEINE SEELE ?

Von Landsknechten und

anderen Abenteurern

Detlef Günter Thiel

Mittelstr. 4, 34466 Wolfhagen, Tel: 05692/9960682 Fax: 9960683

internet: www.litho-verlag.de

e-mail: [email protected]

© 2022 Alle Rechte vorbehalten! 1. Auflage 2022

ISBN: 978-3-946128-65-6 (print)

ISBN: 978-3-946128-66-3 (ebook pdf)

ISBN: 978-3-946128-67-0 (ebook epub)

Vorwort von Wolfgang Schiffner

Es war das kleine Städtchen Wolfhagen in Nordhessen, wo 1556 Hans Staden seinen Freunden von den zwei Reisen nach Brasilien erzählte. Viele hatten ihn damals aufgefordert, mehr zu berichten. Er solle alles drucken lassen, was er versucht und gesehen hatte. Das forderten sie von ihm, so steht es in der Schlussrede seiner Warhaftigen Historia. Doch Staden erklärte, dann müsse er eyn groß Buch machen. Natürlich könnte noch vil mehr schreiben, aber das wolle er nicht.

Leider, so muss man heute bedauernd feststellen. Deshalb wissen wir heute sehr wenig über sein Leben vor und nach den Reisen. Er bleibt der beobachtende Erzähler, der wenig von sich selbst preisgibt. Wir hätten auch gern noch mehr Einzelheiten über seinen Aufenthalt in Brasilien erfahren. All das hätte für uns diesen großartigen und wichtigen Reisebericht über die Anfänge dieses Landes noch interessanter und informativer gemacht.

Da es aber nicht so ist, wir müssen uns selber, um Stadens Warhaftige Historia und seinen Autor besser zu verstehen, in das Leben und Denken der Menschen im 16. Jahrhundert einfühlen. Wir müssen die Motive ihres Handelns und ihre Absichten verstehen. Wir müssen die komplexe Wirklichkeit der Zeit erkennen, die sie prägte.

Der Autor Detlef Günter Thiel kann uns dabei helfen. Er hat gründlich überall dort recherchiert, wo Staden war: in Nordhessen, in Portugal und in Brasilien. Er kennt die Zeit der Entdeckungen und nutzt die geschichtlich wichtigen Ereignisse als Hintergrund für seine minuziös genaue Beschreibung aller Vorgänge. Als guter Kenner der Warhaftigen Historia versucht er sich vorzustellen, wie Staden in seiner Umwelt gelebt hat. Er hat Personen erfunden, die mit ihm leben und agieren, die das Geschehen bereichern und genauer verstehen lassen. So können wir als Leser dieses historischen Romans über Staden und seine Zeit erkennen, wie das Leben damals von den Menschen erfahren und erlitten wurde.

Was seinen Roman auszeichnet, ist das anschaulich geschilderte Leben der Menschen in packenden Dialogen, sind einprägsame Beschreibungen und die Darstellung spannender Entwicklungen. Es gelingt dem Autor die Zeit und die Warhaftige Historia, die ja den zentralen Schwerpunk des Romans bildet, anschaulich und oft mitreißend lebendig werden zu lassen.

Dieser Roman trägt natürlich die spezielle Handschrift des Verfassers, der uns sein Verständnis des Werkes und der Zeit vermitteln will. Das war auch bei den vielen früheren Versuchen zu erkennen, die sich mit der Warhaftige Historia beschäftigten. Sie alle zeigen, dass ein bedeutendes Werk immer wieder erneut verstanden und erklärt werden kann.

Ich wünsche dem gelungenen und anregenden Werk viele begeisterte Leser.

Wolfgang Schiffner

Ehrenamtlicher Museumsleiter

Regionalmuseum Wolfhager Land

Ritterstr. 1

34466 Wolfhagen

Tel. 05692-2757

Hauptamtliche Leiterin: Beate Bickel, M.A.

Tel: 05692-992431

Fax: 05692-992434

E-Mail: [email protected]

Internet: www.regionalmuseum-wolfhager-land.de

Vorwort von Eckhard E. Kupfer

Hans Staden, ein Soldat aus dem Schmalkaldener Krieg, ist als authentischer Autor in die Geschichte eingegangen, der das erste Buch über Brasilien schrieb. Dieser Bericht eines reisenden Schützen, aus der nordhessischen Stadt Homberg/Efze, ist das Ergebnis des Abenteuerdrangs eines jungen Hessen, der die Welt kennenlernen wollte. Über Holland kam er nach Portugal und wollte eigentlich nach Indien reisen, doch die Schiffe waren bereits abgefahren. So heuerte er auf einem Segler an, der aus Pernambuco in Brasilien Holz abholen sollte. Bereits bei dieser Reise kam es zu Gefechten, sowohl mit den Eingeborenen als auch mit einem französischen Schiff.

Nach der Rückkehr hatte das Interesse an dem neuen Kontinent – Amerika – genannt, unseren Homberger Abenteurer bereits gepackt; er wollte mehr davon kennenlernen, und segelte mit einem spanischen Schiff Richtung der La Plata-Staaten, wo er allerdings nie ankam. Durch zwei erlittene Schiffbrüche auf der Reise entwickelte er sich zum Brasilienexperten, und nahm schließlich das Angebot der Portugiesen von São Vicente an, als Kommandant eines Forts vor Bertioga gelegen, zu fungieren.

Bei einer Jagd wurde er von den mit den Portugiesen verfeindeten Tupinambá-Indianern festgenommen und verschleppt. Während seiner neunmonatigen Haftzeit im Kreise dieses Stammes, war er nicht nur Zeuge der Verurteilung, Hinrichtung und Verspeisung von Gefangenen, sondern war auch der ständigen Drohung ausgesetzt, selbst hingerichtet und verspeist zu werden.

Dass er dennoch wieder frei kam, verdankt er seinem unerschütterlichen Gottesglauben ebenso wie den französischen Händlern, die ihn freikauften.

Sein 1557 in Marburg erschienenes Buch Warhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden/Nacketen/Grimmigen Menschenfresser Leuthen/in der Newenwelt America gelegen/ ist der erste in Buchform veröffentlichte Bericht über Brasilien. Das Besondere daran sind die Aussagen des selbst Erlittenen und selbst Erlebten.

Zur Zeit der Veröffentlichung war dies bereits eine Sensation und beschied dem Buch einen Erfolg, so dass es auch rasch in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Bis heute erweckt dieser Bericht aus der Neuen Welt großes Interesse sowohl bei Wissenschaftlern, als auch allgemein Interessierten, an dem großen Land, Brasilien genannt.

Detlef Günter Thiel, der Autor dieses Buchs hat hier auf eine interessante und spannende Art das Leben Hans Stadens, das nach seiner Rückkehr in Deutschland nie mehr ganz verfolgt werden konnte, zu einem fantasievollen Roman verwandelt. Dieser basiert zwar auf der Basis des realen Berichts, geht aber in seiner belletristischen Erzählform weit darüber hinaus. Die Geschehnisse jener Zeit sowohl im Hessischen als auch auf der Iberischen Halbinsel und schließlich in den Amerikas, sind die Basis einer spannenden und unterhaltenden Erzählung geworden.

Eckhard E. Kupfer

Direktor des Martius-Staden Instituts, São Paulo, Brasilien

Instituto Martius-Staden

Rua Itapaiúna, 1355 • 05707-000

Panamby • São Paulo, Brasil

Tel +55 11 3747-9222 • Fax +55 11 3501-9488

www.martiusstaden.org.br

Einleitung

Was war das für eine Welt, in der Hans Staden gelebt hat? Unter welchen Bedingungen konnte er in dieser Zeit des XVI. Jahrhunderts überleben? Ja, Überleben ist das richtige Wort für einen Büchsenschützen und Landsknecht, dessen Reiseberichte zu den ersten Beschreibungen der Entdeckung Brasiliens und der einheimischen Bewohnern gehören. Während wir in diese Zeitepoche eintauchen, um seinen Schritten zu folgen, erahnen wir die Faszination eines Abenteuers, das in einer realen Welt voller Herausforderungen für diese historisch bedeutsame Persönlichkeit, vergebens seines gleichen sucht.

Begeben wir uns zusammen auf den Pfad eines Abenteurers, der mit seinem Buch Wahrhaftig Historia dazu beigetragen hat, die Landschaft der Welt so zu beschreiben, wie wir sie heute kennen. Reisen wir in eine Zeit, in der Entscheidungen fallen, welche die geografischen, politischen, religiösen und humanistischen Entwicklungen der Weltgeschichte in einer Form prägen, die bis heute unser Leben beeinflussen. In den verschiedensten Bereichen wirken bedeutende Zeitgenossen an der Änderung des menschlichen Schicksals zu Lebzeiten von Hans Staden, wie Martin Luther, Johannes Calvin, Ulrich Zwingli, Albrecht Dürer, Helius Eobanus Hessus, Erasmus Schetz, Hans Sachs, Peter Henlein, Anton Fugger von der Lilie, Bartholomäus Welser V, Tiziano Vecellio, Michelangelo Buonarroti, Nicolo Machiavelli, Michel de Nostredame – bekannt als Nostradamus, Adam Riese, Luiz Vaz de Camões, Nikolaus Kopernikus, Heinrich VIII, Katarina von Aragon, Ana Bolena, Ignazius da Loyola, Erasmus Desiderius von Rotterdam, Kaiser Karl V, Johann III von Portugal, Isabella de Portugal und Tomé de Sousa, erster General-Gouverneur Brasiliens.

Die besondere Bedeutung von Geschichtskenntnissen heben zwei legendäre Persönlichkeiten der Menschheit hervor. Es war ein Zeitgenosse des hessischen Abenteurers, Philipp Melanchthon, Humanist und Sohn eines Waffenschmiedes, der wie folgt schrieb:

Vor allen Dingen aber lernt die Geschichte kennen. Sie lehrt euch, was schön ist und was schimpflich, was Nutzen bringt und was nicht.

(Philipp Melanchthon)

Im Rom der Antike hat kein geringerer als Marcus Tullius Cicero, Anwalt, Außenseiter, Philosoph, brillanter Redner, Senator und der erste Politiker modernen Stils gesagt:

Wer nicht weiß, was vor seiner Geburt geschehen ist, wird auf immer ein Kind bleiben. Was ist das menschliche Leben wert, wenn es nicht durch die Zeugnisse der Geschichte mit dem unserer Ahnen verwoben wird?

(Marcus Tullius Cicero)

In einer Zeit voller Entdeckungen schreiben wir das Jahr 1525. Charismatische Persönlichkeiten beeinflussen nachhaltig die Entwicklung der Menschheit für Europa und die neuen Kontinente. Das alte S Wer nicht weiß, was vor seiner Geburt geschehen piel um Macht und Reichtum bekommt neue Nahrung und wird durch abenteuerliche Reiseberichte, die sich wie züngelnde Flammen im Reisig-Haufen verbreiten, zum Großflächenbrand angeheizt.

In einer Zeit, in der Menschen gefoltert und als Ware gehandelt werden, der Tod durch Krieg und Seuchen immer allgegenwärtig ist, wird Hans Staden als Sohn von Gernand Staden in der hessischen Stadt Homberg an der Efze geboren. Eine Zeit, in der die Grenzaufteilung der Länder in Europa und in anderen Kontinenten komplett anders war, als wir sie heute kennen. Deutschland und andere Nationen, wie Portugal, Spanien, Burgund und Österreich bildeten das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das von Kaiser Karl V. in einem Jahrhundert regiert wurde, in dem Deutschland noch ein Zusammenschluss verschiedener Fürstentümer mit eigenen Gesetzen war. Sie regierten große Ländereien, in denen es den fürstlichen Herrschaften gefiel, das tägliche Leben der Untertanen zu bestimmen, die nicht in königlichen Wiegen geboren wurden.

Die feudalen Edelleute erhalten vom König Ländereien zugeteilt. Die Bauern werden von den adligen Herren als Leibeigene behandelt, die nicht nur hohe Pachtzahlungen für das Ackerland entrichten, sondern auch unbezahlte Tage als Frondienst für die Herrschaft leisten müssen. Das Holz und die Tiere der Wälder, sowie die Fische der Seen und Flüsse gehören den Herren des Landes, das sie zusätzlich um die Waldflächen der Gemeinden unrechtlich vermehrt haben. Die Willkür der Obrigkeit von der Erbschaftssteuer bis zur Rechtsprechung gehört zum Tagesgeschäft. Aus dieser Zeit muss der Reim stammen:

Rechter Richter richte recht, Gott ist Richter, DU bist Knecht.

Auch wenn sich keine Geburtsurkunde mehr auffinden lässt, so können wir doch annehmen, dass Hans Staden in einem Kriegsjahr das Licht der Welt erblickt, als in den Fürstentümern der bewaffnete Bauernaufstand gegen die adlige Herrschaft tobt, die dem Bauernmanifest in der Form von 12 Artikeln die Anerkennung verweigert. Nicht zu Unrecht wird diese Niederschrift als die erste Aufstellung von Menschenrechten in Europa erwähnt, Zitat des Artikels 3:

Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Leibeigene gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

Folgerichtig berichtet ein Chronist:

Die Bauern laufen zusammen, als ob es schneite, von allen Dörfern, keins ausgenommen.

Die zwölf Artikel als Einforderung von Menschenrechten berührt auch die ethische Ausrichtung einiger Rittersleute und so verwundert es nicht, dass zur Verteidigung der Schwachen, Wehrlosen und Unterdrückten der Ritter Florian Geyer aus Giebelstadt mit zweihundert seiner eigenen Landsknechte in dunkelfarbigen Uniformen, auch als Schwarzer Haufen bekannt, das Bauernheer verstärkt und die Stadt Heilbronn einnimmt. Der Reichsritter Götz von Berlichingen führt die Bauerntruppe bis zur Einnahme der Stadt Würzburg, wo sich der Bürgermeister und Bildhauer Tilman Riemenschneider dem Aufstand anschließt. Vom freien Willen des Bauernmanifestes bis zur blutigen Niederschlagung der Rebellion beklagen die Bauern über 100.000 gefallene Männer.

Die Bibel war denjenigen vorbehalten, die ihre lateinische Schrift lesen konnte, womit das gemeine Volk folglich ausgeschlossen war. Der religiöse Inhalt im Bauernmanifest erklärt sich mit der Tatsache, dass die Bibelübersetzung von Martin Luther im Geburtsjahr von Hans Staden bereits mit 22 Auflagen und 110 Nachdrucken verteilt ist. Die Übersetzung in eine deutsche Sprachweise, wie sie von den einfachen Leuten verstanden wird, macht die Bibelinhalte auch dem Volk zugänglich. Im Jahr 1525 hält Martin Luther nicht nur die erste Messe in deutscher Sprache, seine Reformationsbewegung verliert auch ihren Charakter als Volksbewegung und wird zur Angelegenheit der Landesfürsten, die aus der Niederlage der Bauern gestärkt hervorgehen. Es waren aber nicht nur religiöse Motive, die den Adel dazu bewegte, die neue geistliche Bewegung zu unterstützen. Die Verteidigung der Reformbewegung brachten auch ihnen Güter der katholischen Kirche ein. Dazu gehören die Grafen von Mansfeld, eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. Sie waren stets die Landesherren von Martin Luther und führen im Jahr 1525 in ihren Besitzungen die evangelische Lehre ein.

Ein Jahr später veranstaltet der hessische Landgraf Philipp I. in der Geburtsstadt von Hans Staden, die Homberger Synode in der Marienkirche, womit Hessen von nun an protestantisch wird. Folgerichtig bekommt das Schulhaus bei der Marienkirche drei theologisch ausgebildete Lehrer, die mit hoher Wahrscheinlichkeit den jungen Homberger menschlich formen und soweit unterrichten, dass er sich auch während seiner Reisen in der Fremde gut behaupten kann.

Zu gleichen Zeit ereigneten sich verschiedene, sehr wichtige, Ereignisse. Angesichts der großen Pest-Pandemien rücken Ärzte immer mehr in den gesellschaftlichen Mittelpunkt. Der Schwarze Tod, wie diese hoch ansteckende Krankheit auch genannt wird, forderte in den vergangenen Jahrhunderten in Europa bis zu 25 Millionen Todesopfer - ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Dem Arzt Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, gelingen in der Stadt Salzburg legendäre Heilungserfolge, indem er die Krankheitsursache und nicht nur die Symptome behandelt. In seiner Diagnose berücksichtigt er Umwelt und Psyche des Erkrankten. Indem er annimmt, dass alle Stoffe giftig sind und es keine Materie gibt, die nicht giftig ist, lautet seine These:

Die Menge macht das Gift.

(Paracelso)

Handelsimperien erweitern sich und stimulieren Eroberungen in anderen Erdteilen. Als ein Mann der reichsten Familie der Welt übernimmt Anton Fugger das Handelsimperium von seinem Onkel Jakob, der in der süddeutschen Stadt Augsburg seinen letzten Atemzug vollzieht. Die reichen Augsburger Oberhäupter der Patrizierfamilien Anton Fugger und Bartholomäus V. Welser, Bankier des Kaisers Karl V., mit einem der größten Handels-, Bank-, Reederei- und Minenunternehmen, beteiligen sich durch eigene Auslandsniederlassungen an den Erfolgen der Eroberer. Im Mittelpunkt steht unter anderem der ertragreiche Gewürzhandel. Im portugiesischen Lissabon, der mit 350.000 bis 400.000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadt in Europa, haben diese Familien ständige Handelsvertretungen eingerichtet. Bis 1560 herrscht in Europa Silberknappheit. Nur so können wir die Bedeutung der Entdeckung von der Inka-Siedlung Potosí mit den weltweit reichsten Silberminen im Jahr 1545 verstehen.

Während der Bauernaufstand im Jahr 1526 sein blutiges Ende findet, wird auch in Europa weiterhin viel Blut vergossen. Georg von Frundsberg, der Vater der Landsknechte, feiert seinen spektakulärsten Erfolg für den Habsburger Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Paiva, wo sich in der italienischen Lombardei 25.000 Schweizer und Franzosen unter König Franz I., dem Verbündeten des Papstes in Rom, verschanzt haben.

Im gleichen Jahr heiratet der König von Portugal, Johann III. Katharina von Spanien, eine Schwester von Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen, Herr über Spanien, Burgund und Österreich - ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht. Die Königsfamilien der führenden Seefahrernationen Spanien und Portugal haben sich die Eroberungen der neu entdeckten Länder, wie Indien und Amerika, durch den Vertragsabschluss in der spanischen Stadt Tordesillas geografisch aufgeteilt. Die familiären Bande verstärken sich ein Jahr später durch die Heirat von Karl V. mit der Schwester von König Johann III., Isabella von Portugal.

Händler und Kriegsherren sind die Auftraggeber mit dem dicken Geldbeutel. So ist es eine natürliche Entwicklung, dass bereits im 15. Jahrhundert in deutschen Ländern Das Feuerwerkbuch alle Erfahrungen der Alchemisten und Büchsenmeister in einer Spitzenleistung zusammenfasst und sich somit eine europaweit gesuchte Elite in diesem Kriegshandwerk herausbildet, zu der sich auch der junge Mann Hans Staden aus Homberg an der Efze zählen darf. Die einzige Waffe, die wirkliche Kunstfertigkeit erfordert, die Schusswaffe, wird von solchen Landsknechten geführt, die sich auf eigene Hand darin üben und selber Besitzer solcher Waffen sind - ob einfache Lunten-Schloss oder Arkebusen-Büchse, ist freigestellt.

Mit dem Buch Von den probierten Künsten, vom obersten fürstlichen bayerischen Büchsenmeister Frantz Helm aus Köln am Rhein, wird seit dem Jahr 1527 die verfeinerte technische Entwicklung der Artillerie basierend auf dem Feuerwerkbuch in deutscher Sprache fortgeschrieben. Bei den Seefahrernationen sind die erprobten Kenner dieses Buches gesuchte Männer, um mit ihren spezialisierten Kenntnissen im Explosivstoffbereich die jeweiligen Machtansprüche auf hoher See und in den eroberten Kolonien zu verteidigen. Im portugiesischen Lissabon sind sie, in der Bartholomäus-Brüderschaft vereinigt, mit Privilegien des Königs ausgestattet. Der Wunsch nach Reichtum und Abenteuern locken die deutschen Büchsenschützen und Kanoniere an Bord der portugiesischen Karavellen und spanischen Galeonen, die zu ihren Eroberungen aufbrechen. Der deutsche Landsknecht und Büchsenschütze Hans Staden ist dabei.

Als Landgraf Philipp I. für den Schmalkaldischen Krieg im Jahre 1546 die wehrfähigen Männer zu den Waffen ruft, um die Lehren Martin Luthers gegen den katholischen Kaiser Karl V. zu verteidigen, kann sich Hans Staden gemäß seiner ethischen Vorbildung der Aufforderung seines Landesherren nicht verschließen und es liegt nahe, dass er als Büchsenschütze im Alter von etwa zwanzig Jahren an diesem Krieg teilnimmt. Es ist auch nicht nachweisbar, wie er nach Bremen gekommen ist, um von dort aus zu seinen zwei Reisen nach Brasilien aufzubrechen. Sollte der hessische Landsknecht an diesem Krieg teilgenommen haben, ist es gut möglich, dass er sich der letzten versprengten Truppe des Schmalkaldischen Heeres unter der Führung des Grafen Albrecht VII. von Mansfeld anschließt. Auf dem Weg von Süden nach Norden kommt es südlich der Hansestadt Bremen, bei Drakenburg, zur einzigen gewonnenen Schlacht gegen eine Truppe des kaiserlichen Heeres. Die Sieger haben kaum Verluste zu beklagen. Sie bleiben zusammen, um im Erz-Stift die Burgen Ottersberg, Rotenburg, Neuhaus/Oste, Bremervörde zu erstürmen und erreichen noch im Sommer 1547 die Nordseeküste, wo Hans Staden überwintern kann. Mit Lissabon als Nah- und Indien als Fernziel beginnt er seine Reise im Frühjahr 1548 auf einem Schiff, das den Hafen von Bremen verlässt. Nach dem Sieg über das Schmalkaldische Heer befiehlt Kaiser Karl V. die Schleifung von Burgen und Befestigungen in Hessen. Warum kehrt der junge Landsknecht nicht nach Homberg an der Efze zurück? Nach den vorangegangenen Ausführungen liegt es auf der Hand, dass für einen jungen Büchsenschützen der Lebensunterhalt nach dem verlorenen Krieg und einem ausgeplünderten Land nicht mehr zu verdienen ist. Dazu kommt der Kontakt mit den weit gereisten Landsknechten und ihren verlockenden Berichten über die Reichtümer aus den spanischen und portugiesischen Kolonien, die einen jungen Mann im Alter von zwanzig Jahren leicht begeistern können. Der große Traum von Freiheit, Abenteuer und Reichtum, verbunden mit dem Selbstbewusstsein zahlreiche Kämpfe unversehrt überstanden zu haben, ermutigen ihn zu seinen Schiffsreisen.

Während ich an diesem Buch schreibe, wird meine Verknüpfung zur Geschichte in den Zeilen, Absätzen und Kapiteln immer spürbarer. Ich bemerke während des Schreibens, wie ich zum Teil dieser Geschichte werde. Ich erfahre ein starkes Gefühl, verbunden mit dem unbeugsamen Willen, längst Vergessenes wieder lebendig werden zu lassen. Warum ich dieses Buch geschrieben habe und was mich mit Hans Staden verbindet? Sind es im Abstand von rund 400 Jahren ähnliche Entwicklungen und schicksalhafte Einflüsse auf unsere Lebenswege, gleiche Charaktere oder zufällige Begebenheiten? - Zufälle? Lesen Sie es selbst und begeben Sie sich mit mir zurück bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Jost Richter

Im matten Schein der Kerzenlichter, die das kastanienfarbige Schreibpult mit dem hellgelben Ledereinsatz nur schwach ausleuchten, beendet der Abenteurer Hans Staden aus Homberg an der Efze seinen letzten Satz, den er mit einem weißen Gänsefederkiel auf Büttenpapier verewigt hat. Mit der ihm anerzogenen Sorgfalt legt er die Feder auf einen Streifen Löschpapier neben dem schwarzen Tintenfass. Erschöpft fällt sein Oberkörper in die kopfhohe Lehne des weich gepolsterten Lederstuhls, um den schmerzenden Rücken zu entspannen. Eine, bis in die Tiefe seines Herzens dringende, innere Leere beginnt von ihm Besitz zu ergreifen, weil er all sein Wissen, seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen in diesen Bericht über seine Gefangenschaft bei den Indios niedergeschrieben hat. Ja, sie haben als Kopie seiner Seele den Körper verlassen und befinden sich nun Zeile um Zeile in Abschnitten und Kapiteln sorgfältig gebündelt in diesem Papierstapel. Die lang ersehnte Befriedigung über die Einhaltung seines Versprechens, Gottes Gnade bei seiner Rettung möglichst vielen Menschen zu verkünden, erfüllt ihn mit einem Gefühl von himmlischer Seligkeit.

Das Dachgauben-Fenster seines Fachwerkhauses ist an diesem lauen Juniabend weit geöffnet, so dass ein kaum wahrnehmbarer Windzug die Kerzenflammen mit ihren dünnen Ruß-Schweifen in leichten Intervallen aufflackern lässt. Das dabei entstehende Schattenspiel im hageren Gesicht des einunddreißigjährigen Mannes mit der hohen Stirn lässt ihn um einige Jahre älter aussehen. Drei Narben über dem markanten Nasenwurzel und die leichten Ansätze von Tränensäcken unter dem wachsamen Blick seiner kreisrunden Augen zeugen von prägenden Lebensabschnitten.

Die Tinte der letzten Zeilen ist noch feucht. Der länglich geformte Kopfumriss, eingerahmt von der Halskrause aus dem in Rüschen gezogenen Wams-Kragen, taucht erneut ins Kerzenlicht ein, als er sich langsam wieder über das Pult beugt. Dabei streicht er sich nachdenklich mit der rechten Hand über das kurze wellige Haupthaar und den langen, spitz zulaufenden, hellroten Kinnbart, der knapp über dem Magenbereich endet. Mit dem gestreckten Zeigefinger, der unter den Zeilen seinen Text anzeigt, liest er sich den Schluss seines Abenteuerbuches laut vor:

„Wenn sich nun irgend ein junger Mann finden sollte, dem meine Schilderung und diese Zeugen nicht genügen, so mache er sich mit Gottes Hilfe selbst auf die Reise, dann wird ihm der Zweifel vergehen. Ich habe ihm in diesem Buch genug Angaben gemacht. Der Spur folge er nach. Wem Gott hilft, dem ist die Welt nicht verschlossen. Dem allmächtigen Gott, der alles in allem ist, sei Lob, Ehr und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Gegeben zu Wolfhagen, den 20.Juni im Jahre des Herrn 1556.“

Ermüdet aber glücklich öffnet er die schwere Holzschublade seines Schreibtisches und legt behutsam das fertige Manuskript hinein. Das folgende Schließgeräusch entsteht durch die Reibung von Metall auf Metall und zeugt von einer sicheren Verwahrung seines Schatzes. Als der schlanke Mann sich vom Sitz erhebt befindet sich der kunstvoll geschmiedete Schlüssel bereits in der rechten Seitentasche des dunkelgrünen Wams' aus feinem Barchent-Stoff.

„Das Ladenschloss gehört eingefettet bevor ich morgen die Reise zu Professor Dryander nach Marburg antrete“, murmelt er in seinen Bart als er sich in die Schlafkammer begibt.

„Seine langjährige Freundschaft zu meinem Vater Gernand besteht seit ihren Kindheitstagen in der Ortschaft Wetter. Ich werde den Universitätsdekan um eine schriftliche Vorrede zu meinem Werk bitten, welches unserem hochwohlgeborenen Fürsten und Landesherrn, Herrn Philipp, Landgraf von Hessen wohl gefallen soll“, war sein letzter Gedanke, bevor ihm in seinem weichen Daunenfederkissen die Augenlider schwer werden.

Als sein Atem ruhig und gleichmäßig wird, sieht er sich, eingehüllt vom dichten Frühjahrsnebel, am befestigten Tagus-Flussufer vor dem kantigen Umriss einer viereckigen Wehrturmanlage, den die Portugiesen Torre de Belém nennen.

Hierhin führte ihn nun seine Schiffsfahrt von Bremen, über Kampen in Holland bis zum Hafen von Setúbal. Sein Reiseziel ist die Kolonie Goa in Indien, zu der ihn eine der zahlreichen Karavellen der portugiesischen Eroberer hinführen soll.

„Wie finde ich, in der größten Stadt Portugals, die mit gut 65.000 Einwohnern schon mehr als überfüllt scheint, eine Unterkunft?“ Seine Knie sind vom starken Seegang her noch wachsweich und er muss sich erst wieder daran gewöhnen, festen Boden unter den Füßen zu haben. Mit dem klebrigen Salzgeschmack auf seinen schmalen Lippen und den rhythmischen Bewegungen des Wellenganges im Körper, sucht er mit schwankenden Schritten nach dem Weg zu einer Bleibe, um die Nacht nicht in einer der schmalen - teilweise nach Fäkalien stinkenden - Gassen verbringen zu müssen. Die hohe Luftfeuchtigkeit setzt sich in seiner Kleidung fest, verklebt sich in den langen roten Barthaaren und lässt ihn mit dem plötzlich auffrischenden Abendwind die klammen Hände verspüren. Bevor er im Dunstschleier die Orientierung verliert, dringen vertraute Männerstimmen durch die sich langsam lichtende Nebelwand.

„Fiel da nicht gerade eben das Wort Herberge? Es müssen deutsche Landsleute in der Nähe sein.

„Versteht ihr mich?" ruft er fragend in die sich langsam auflösenden Dunstwolken, aus der sich die Körperumrisse von zwei deutschen Landsknechten heraus schälen.

Es ist Heinrich Brant aus Bremen, ein dunkelblond gelockter, körperlich hoch gewachsener, neunzehnjähriger Bursche mit norddeutschem Dialekt und der dreißigjährige Hans aus Bruchhausen, ein hellblonder Kerl mit athletischem Körperbau und einem stechenden Adlerblick über der großen Hakennase- zwei Kampfgefährten aus dem Schmalkaldischen Krieg unter dem Kommando von Graf Albrecht VII. von Mansfeld und unzertrennliche Reisebegleiter, die mit ihm auf dem Bremer Schiff waren.

"Wohin des Wegs, Kameraden? Kennt sich einer von euch hier aus und was schreiben wir für ein Datum?"

„Unser Orientierungspunkt ist der Wehrturm dort hinten, den die Portugiesen Torre de Belém nennen. Achtundzwanzig Jahre hat das Respekt einfordernde Bollwerk gegen die Feinde Portugals überstanden“, erklärt Hans aus Bruchhausen, „und heute haben wie den 29.April des Jahres 1548.“

„Habet Dank Kameraden, aber woher bekommen wir ein Nachtquartier?“

"Ich kenne die portugiesische Hafenstadt Lissabon, die einst von der maurischen Besatzungsmacht Lischbuna genannt wurde, recht gut. Im Stadtviertel Alfama gibt es eine Herberge, die der junge Leuhr führt. Der deutsche Wirt ist unter den Seeleuten, die nach einer Heuer suchen, immer eine gute Adresse, weil er stets weiß, ob gerade ein Schiff eingetroffen ist, wann und wohin es später segelt", schlägt Hans aus Bruchhausen vor.

"Wir gehen in die Richtung zur Burg des Heiligen Georgs dort auf dem Hügel", weist Heinrich den Weg in die Abenddämmerung hinein. Durch kleine Gassen führt er die Freunde am Hieronymus-Kloster vorbei, über das blanke und feuchte Kopfsteinpflaster, in dem sich bereits die matten Fensterlichter der eng aneinander gepressten Häuser spiegeln.

„Die Gassen sind hier so schmal, dass sich die roten Ziegeldächer der gegenüberliegenden Häuser fast berühren“, bemerkt Hans aus Bruchhausen.

Vor den Hauswänden mit dem flächenweise abgebröckelten Wand-Putz sind in den Obergeschossen Wäscheleinen gespannt, auf denen weiße Bettlaken wie kleine Segel im Wind flattern. Ein intensiver Geruch von Seifenflocken macht sich aus den geöffneten Balkontüren bemerkbar, die umrahmt von blauen Kacheln großflächig eingefliest sind. Die Frauen hängen hier ihre frisch gewaschenen Kleidungsstücke auf. Die Hauseingänge, markant eingerahmt von hervorstehenden schlanken Granitblöcken, haben stets zwei hohe Eingangsstufen, die dem abfließenden Regenwasser von der Gasse aus den Zutritt ins Haus verwehren.

Die Fassadenzeile mit den angerosteten Balkonbrüstungsgittern und schiefen Fensterverschlägen wird plötzlich durch einen großen Torbogen unterbrochen, der auch Ross und Reiter die Passage erlaubt. Auf der anderen Seite wartet ein Gassenlabyrinth mit unzähligen steilen Treppenstufen, die sich an den Fels schmiegen und den Wanderern die Schritte immer langsamer werden lassen.

Ein durchdringender Geruch von gebratenem Fisch - zumeist sind es Sardinen auf Holzkohlenfeuer - dringt in die Nasen und erzeugt ein leeres Gefühl in der Magengegend.

„Boa tarde cavalheiros, gostariam de um carinho - vai fazer bem!” ruft ihnen eine hübsche Portugiesin in einem weit ausgeschnittenen gelben Kleid aus einem dunklen Hauseingang zu. Ein langer Rockschlitz offenbart wohlgeformte Beine und die Vorzüge ihrer großzügigen Oberweite versprechen sinnliches Vergnügen für die Seemänner. Ihre großen braunen Augen unter den kecken schwarzen Stirnlocken blitzen verführerisch und verraten ein feuriges Temperament, das in ihrem Körper glüht.

„Agora não, querida - jetzt nicht“, antwortet Hans aus Bruchhausen, der einige portugiesische Wörter kennt, während er ihr mit seiner linken Hand durch das lange, leicht gelockte Haar, das bis auf ihre nackten Schultern fällt, streicht.

„Das brauche ich euch wohl nicht zu übersetzen“, grinst er zu seinen Kameraden hinüber. Ein breites Lächeln seiner Freunde, begleitet durch verständnisvolles Kopfnicken, deutet an, dass die gestenreiche Sprache gut verstanden wird.

Der schmale Weg führt sie vorbei an den dickleibigen Fischverkäuferinnen und Verkaufsläden mit gesalzenem Stockfisch, der in den geöffneten Holzkisten angeboten, so einen strengen Geruch verbreitet, dass die Landsknechte sich verstohlen mit der hohlen Hand die Nasen zuhalten. Nach der Kupferschmiede, dem Gemüseladen mit Melonen, Gewürzen, Kräutern, Zwiebelzöpfen, Datteln und Feigen, kommen sie vom Schneidergeschäft am Schusterladen vorbei, aus dem dumpfes Klopfen an den Schuhabsätzen zu hören ist.

„Wenn wir gleich zur Hafenspelunke kommen, haltet eure Katzbalger zu einem Scharmützel bereit", warnt Heinrich und legt die rechte Hand an den Griff seines Kurzschwertes, "bei den zwielichtigen Gestalten sind immer wieder Schlepperbanden zu den Seelenverkäufern dabei, die im Hafen vor sich hindümpeln. Das portugiesische Königreich braucht dringend Siedler für seine Kolonien. Das geht soweit, dass hier das Gefängnis Limoeiro, mit seinen Sträflingen für diesen Zweck geleert wird. Seine unterirdischen Kerker und Verliese füllen sich immer dann, wenn die Flut in den Tejo-Fluss drückt, so dass die Wasserlinie den abgemagerten Häftlingen bis zur Gürtellinie geht. Gnadenlose Richter haben die königliche Anweisung bei den kleinsten Vergehen die Gefängnisse wieder zu füllen. In Brasilien werden diese Unglücklichen Ohrlose genannt, weil die Scharfrichter Ihnen vor der Abreise die Ohren abschneiden lassen. Sie sollen sich äußerlich von den normalen Auswanderern abheben und für alle Siedler sofort als Gesetzlose erkennbar sein. Mit zwei Ellen langen Fußketten, geblendet von der Helligkeit des Tageslichtes, tauchen sie bleich und verhärmt aus den unterirdischen Höhlen auf und schleppen sich die abschüssigen Gassen von Alfama entlang bis zu dem drei Meilen entfernten Hafen. Mit abgeschabten Haupt- und Barthaaren und nur bekleidet mit ihrer grauen Tunika aus grobem Wollstoff, marschieren sie mit schweren Eisengürteln, die durch jeweils zwei Ellen lange Ketten auseinander gehalten werden - aufgereiht in einer Linie - in ihr ungewisses Schicksal.“

Als sie in der nächsten Gasse auf drei finstere Gestalten treffen, die gelangweilt an der Hauswand lehnen, legen sie die Hände an die Griffe ihrer Katzbalger. Ein hagerer stoppelbärtiger Kerl mit einem durchdringenden Geierblick und fettigen Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht hängen, hat seinen dünnen Arm lässig um den kleinen dicken Kahlkopf mit Doppelkinn gelegt, der einen Dolch mit einer Hand in die Luft wirbelt und am Knauf wieder auffängt. Der Einäugige mit der schwarzen Augenklappe und dichtem struppigen Haar, welches ihm bis zu den Schultern reicht, hat eine Hand an seinem maurischen Krummsäbel und versperrt den Freunden den Weg.

„Sucht ihr eine Heuer oder Streit, Fremde?“ krächzt der Kopfprämienjäger herausfordernd mit seinem harten spanischen Dialekt, während der Kehlkopf vor seinem dünnen Hals vertikale Hüpfbewegungen vollzieht. Unablässig flackert dabei seine Augen-Iris, während der rechte Mundwinkel unkontrollierten Zuckungen unterliegt. Seine unruhigen Augäpfel wollen dabei gleichzeitig in alle Richtungen blicken.

„Wenn du nicht den Rest deines Lebens als Blindfisch durch die Gassen irren willst, gibst du sofort den Weg frei“, herrscht ihn der junge Heinrich an, der mit einem Sprung bereits blank gezogen hat und die s-förmig gebogene Parier-Stange seines Katzbalgers dem Einäugigen unter den Stoppelbart schiebt. Sein starrer gefühlskalter Blick und die leidenschaftliche Reaktion verfehlen ihre Wirkung nicht.

„Bloß weg von hier“, zerrt der kleine dicke Kahlkopf seinen Kumpanen mit der Augenklappe zur Seite, „das sind deutsche Landsknechte vom Sankt Bartholomäus-Orden, die zur Kaserne der Elitesöldner gehören“, fleht er mit seiner hohen Fistelstimme. Durch einen kräftigen Rempler seines kräftigen Körpers rammt Heinrich den Weg für die Freunde frei.

„Tapferkeit setzt sich gegen das feige Dreckspack immer durch“, merkt Heinrich trocken an und betritt eine Nebengasse zu den Weinstuben, denen ein Gasthaus für Übernachtungen angeschlossen ist. Zwei angetrunkene Seemänner in weiten knielangen Hosen haben blaue Kopftücher, deren Enden im Nacken mit je einem Knoten abschließen. Sie stützen sich gegenseitig ab und müssen die Hilfe der nächsten Hauswand in Anspruch nehmen, um nicht mit dem glatten, holperigen Kopfsteinpflaster nähere Bekanntschaft zu machen.

Trotz der Dunkelheit finden sie endlich die deutsche Herberge, von der Heinrich sprach. Ein traniger Geruch kommt ihnen von den rußenden Öllampen entgegen, die den Gastraum in einen nur schwachen, manchmal unruhig flackernden, Lichtschein tauchen.

„Ich heiße euch willkommen unter meinem bescheidenen Dach!“ ruft ein junger schlanker Mann mit einer speckig glänzenden Lederschürze, schmalem Kinnbart und ohrenlangem braunen Haar, während seine freundlichen grünen Augen mit den Lachfalten Vertrauen bei den Ankömmlingen erwecken.

„Jawohl, der junge Leuhr!“ ruft Heinrich erfreut, „ich bringe euch Kundschaft mit. Wir sind hungrig, durstig, brauchen Auskünfte über die Schiffe im Hafen und benötigen für heute Nacht noch drei Schlafstätten.“

„Setzt euch an den Ecktisch während ich Speis und Trank vorbereiten lasse“, deutet der Wirt mit einer einladenden Handbewegung zu den kleinen Büttenglasfenstern hin, die nur eine trübe Aussicht auf die Gasse gewähren.

Als die Freunde es sich am rauen Holzbohlentisch bequem gemacht haben, tischt der junge Leuhr mit hochgekrempelten Ärmeln seines weißen Leinenhemdes auch schon ein Brett voller frisch gebratener Sardinen, einen runden Brotlaib und einen dickbauchigen braunen Tonkrug mit Rotwein auf. Hungrig greifen die Gäste nach der Mahlzeit und bemerken zunächst nicht, wie eine Portugiesin, gefolgt von zwei grauhaarigen Musikern mit ihren Lauten, den Gastraum betreten. Im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren erscheint sie wie ein Juwel unter den rauen Seemännern. Ihre langen schwarzen Haare vermischen sich optisch mit dem gleichfarbigen Schultertuch, das als Netz bis über die Armbeugen reicht. Das lange dunkelblaue Faltenkleid weit ausschwingend, stellt sie sich in die Gangmitte zwischen den Gasttischen hin und beginnt mit Stolz erhobenem Kopf nach den rhythmischen Klängen der Lautenspieler ihren melancholischen Gesang anzustimmen.

„Was ist das für ein klagender Gesang?“ möchte Hans aus Homberg vom jungen Leuhr wissen.

„Das sind Leute aus dem angrenzenden Stadtviertel Mouraria“, antwortet der Wirt, "ihre Wehmutsmelodie, die von Sehnsucht, Schicksal, Liebe und Trennungsschmerz erzählt, hat ihre Herkunft von den Mauren, die einst das Land besetzt hatten.“

„Es lebe die Liebe und der Wein!“ prostet Hans aus Homberg den Freunden mit einem Becher Rotwein zu, wobei seine Freunde die stark ansteigende Körpertemperatur dafür verantwortlich machen, dass sich die Gesichtsfarbe des Trunksprechers wie zufällig an die hellroten Haare anpasst.

„Auf die Sehnsucht und das Schicksal“, ruft Heinrich zurück und leert sein Trinkgefäß mit einem Zug aus.

„Der Schmerz im Lied ist ein Versprechen, etwas das nicht stirbt. Mit dieser Musik kann ein hohes Maß an Spiritualität erreicht werden. Das unsterbliche Gefühl steht dem vergänglichen Glück gegenüber. Das Schicksal wird wehrlos als gegeben hingenommen. Das zärtliche Lied von Wehmut und Tod durchdringt jedes Ohr“, erklärt der junge Leuhr und tauscht den leeren Wein-Krug gegen ein volles Gefäß aus.

Als die elegante Sängerin mit den braunen Mandelaugen ein neues Lied anstimmt, beginnt ihre liebliche Melodie Hans aus Homberg von Beginn an in ihren Bann zu ziehen.

Deborah é uma mulher,

só a abraça quem souber

e aprenda-se a dizer:

saudade de doer....”

“Was singt sie da?” fragt er ungeduldig den jungen Wirt, der sogleich die Übersetzung folgen lässt:

„Deborah ist eine Frau,

die nur umarmt, wer es versteht

und auszusprechen lernt:

Sehnsucht, die so schmerzt…“

„…do eterno amor paixão,

dentro do coração,

procure-a onde estiver,

até noutra mulher….”

“….von der ewigen Liebe im Herzen,

suche sie, wo immer sie sein mag,

sogar in einer anderen Frau….“

„…sua alma à espera está,

e a reconhecerá,

nos doçes tentações,

de vossas corações…”

“…ihre Seele wird auf dich warten,

du kannst sie immer wieder erkennen,

durch die süßen Verführungen,

eurer Herzen…“

„…cantando em voz tão linda,

de Lisboa até Olinda,

teu amor canta a musica “Obrigada”.

“…mit lieblicher Stimme erklingen,

von Lissabon bis Olinda,

deine Liebe wird ein Lied mit dem Titel „Danke“ singen…“

“….Deborah é uma visão de alma e ficção,

a mente é uma opção e o lume fascinação,

tua amada é uma mulher só a abraça se souber

e aprende a dizer: saudade de doer!”

“…Deborah ist eine Vision, aus Seele und Fiktion,

im Geiste eine Option und Licht die Faszination,

deine Liebe ist eine Frau,

die nur umarmt, wer es versteht

und auszusprechen lernt:

Sehnsucht, die so schmerzt!“

Nach den letzten Worten und Tönen der Musik fallen ohrenbetäubende Kanonenschüsse. Donnernde Geschütze einer portugiesischen Karavelle speien Feuerbälle und sättigen die Luft mit tief in den Augen beißendem Pulverschmauch. Sie gewähren dem allgegenwärtigen Gevatter Tod die Einladung, auf die er nur gewartet hat. Kanonenkugeln in allen gängigen Kalibern fliegen heran und zerbersten dumpf krachend die massiven Schiffsplanken. Erschütternde Schmerzensschreie der Verletzten bohren sich über die inneren Ohr-Gänge - aufgeputscht zur wahnsinnigen Ohnmacht - bis tief ins Gehirnzentrum hinein. Unzählige, spitze Holzsplitter wirbeln über das Schiffsdeck durch die Luft und werden zu tödlichen Wurfstücken. Der Geruch vom schwefelhaltigen Pulvergestank lässt Hans in Schweiß gebadet erwachen.

Einen beißenden Geruch trägt der Wind aus der nahen Gerberei durch das geöffnete Dachgiebelfenster. Der Gestank steigt in seine Nase und lässt ihn langsam die Augen öffnen. Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich zögerlich zur Schlafkammer herein.

Er reibt sich mit beiden Fäusten den Schlaf aus den Augen, reckt und streckt sich, um anschließend zum Wasserkrug mit der Tonschüssel zu gehen, die sich auf einem Holztisch neben dem Fenster befinden.

Laut plätschernd ergießt sich ein Wasserschwall ins Waschgefäß bis es zur Hälfte gefüllt ist. Die Körperhygiene ist dem hessischen Büchsenschützen besonders wichtig geworden, seit er als Gefangener der wilden Menschenfresser in Brasilien neun und einen halben Monat lang nicht mehr Herr über sich selbst sein durfte. Sorgfältig trocknet er sein Gesicht mit einem Leinentuch ab. Anschließend nimmt er aus seinem Zinnbecher einen Schluck Wasser, mit dem er sich laut gurgelnd den Mund ausspült. Seine Finger halten ein poröses Leinensäckchen, das er sich über die Zähne reibt, um den Zahnstein zu entfernen. Es enthält eine Mischung aus verschiedenen Pulvern, deren Hauptbestandteile gebranntes Hirschhorn, gestoßener Marmorstein und einige Wurzelmehlsorten sind. Nach einer abschließenden Mundspülung beginnt er die Beinlinge, seine Kniebundhose aus weißem Leinenstoff und die halbhohen Lederstiefel überzustreifen. Das hellbraune Leinenhemd mit den weiten Ärmeln und der dunkelbraune Lederwams bilden den Abschluss des morgendlichen Ankleidens. In der Küche angekommen, langt er mit der rechten Hand hinter die verrußte Kaminhaube der Kochstelle, holt einen schwarz geräucherten Schinken hervor und beginnt sich einige Scheiben davon abzuschneiden. Ein Stück von dem kreisrunden Brotlaib, das er mit einem Schluck Milch die durstige Kehle hinunter spült, beendet das kurze Frühstück.

Den Rest seiner Mahlzeit verstaut er als Reisevorrat in einem Leinensack. Bevor er aber seinen Reisebeutel verschließt, setzt er sich auf die Holzbank am geöffneten Fenster, nimmt seine Radschlossbüchse zur Hand, um sie gründlich zu reinigen, zu ölen und die Funktionsfähigkeit des Rades und der Schlagfeder einer genauen Prüfung zu unterziehen. Er ist den Nürnberger Büchsenmachern für die Erfindung der Büchse mit dem Radschloss dankbar, weil sie die rasche, geruchlose und zuverlässige Entzündung der Pulverladung ermöglicht. Sorgfältig untersucht er den eingezwängten Schwefelkiesstein zwischen den Hahnlippen, der für die Zündung des Zündkrauts zusammen mit dem spannfederbetriebenen Rad und seinen Rillen zuständig ist. Diese Technik aus Nürnberg ist viel besser und zuverlässiger wie die der Büchsen mit den alten Lunten-Schlössern, deren glimmende Lunte bei ungünstigem Wind vor den feindlichen Angriffen warnt. Es sind Kalisalpeter und Bleizucker im Lunten-Seil, die beim Abbrand den penetranten Geruch der Zündschnur über weite Strecken verbreiten. Bevor die Büchse auf 200 Schritte Entfernung ihre tödliche Wirkung zeigen kann, ist der Feind bereits gewarnt. Seine Gedanken schweifen zu diesem verlorenen Krieg ab, in dem er bis zum 24. April 1547 für seinen Fürsten, Landgraf Philipp I. von Hessen als Landsknecht gegen das kaiserliche Heer kämpfte. Von seiner Rotte, die aus 10 Mann bestand, überlebte nur noch sein Kamerad Jost Richter. Die Niederlage war absehbar, als ihre Verbündeten, die Sachsen, vernichtend in der Lochauer Heide von den Kaisertruppen geschlagen wurden. Auf der Flucht verabredete er mit Jost, dass jeder sein Glück zur Freiheit auf eigene Faust versuchen sollte.

„Die damals verwendeten Büchsen der hessischen Landsknechte hatten alle Lunten-Schlösser mit Zündpfanne und Deckel. Bei Regen verlosch die brennende Lunte ohne die Ladung zu zünden und die kaiserlichen Armbrust- und Bogenschützen waren in einem tödlichen Vorteil. Nur die fürstlichen Leibwachen hatten den Vorzug, die teuren Radschlossbüchsen im Kampf einzusetzen“, murmelt er in seinen Bart nachdem er sich seinen Leibriemen mit dem Katzbalger, dem Ledersäcklein mit den Bleikugeln und den Lappendichtungen, um die Hüfte geschnallt hat. Gedankenverloren zieht er sich sein schwarzes Barett aus dickem Wollfilz über den Kopf. Ein prüfender Griff nach dem Katzbalger und schon blitzt das ellenlange Schwert mit der abgerundeten Spitze in der Morgensonne. Die scharfe Klinge gleitet in die mit Ornamenten verzierte Metallscheide zurück. Mit einer Hand streift er sich seinen Ledergürtel - das Bandalier - mit 10 hölzernen Pulverflaschen, das Pulverin, für die Treibladung seiner Büchse quer über die Schulter. Die trapezförmige Zündkrautflasche aus Eichenholz, an der - verbunden mit einer kleinen Kette - ein Radspannschlüssel und eine Räumnadel zur Reinigung des Zündlochs hängt, befindet sich ebenfalls am Bandalier. Seine Hand streicht über den Büchsen-Schaft aus edlem Buchsbaumholz, der seinen Schriftzug trägt, bevor er sich die Waffe mit einem Schwung über den Rücken hängt.

Nachdem er die schwere Haustür hinter sich abgeschlossen und einen prüfenden Blick auf die geschlossenen Fensterläden geworfen hat, begibt er sich zum Pferdestall.

„Bis Korbach dauert die Reise einen Tag“ rechnet er nach. Dort will ich bei meinem Bruder Joseph übernachten, um mich danach mit einem weiteren Tagesritt in Richtung Frankenberg zu begeben, weil es an der Zeit ist, auf dem reichen Jahrmarkt meine Vorräte zu erneuern. Nach dem Einkauf brauche ich dann nur noch einen Tagesritt bis Marburg, wo Professor Dryander wohnt“, plant er tief in Gedanken versunken seine weiteren Reiseschritte ein.

Schnell ist sein Rappe gezäumt und gesattelt. Der Reisebeutel ist bereits am Ledersattel eingehängt, als er, den linken Stiefel im Steigbügel, sich mit einem Satz in den Sattel schwingt.

„Ho“, ruft er seinem Friesenhengst zu, als er ihm mit der Hand durch die Mähne fährt und mit einem leichten Klaps auf die kräftige Schulter zu verstehen gibt, dass die Reise beginnen soll. Ein letzter bittender Blick hinauf zur Sankt Annenkirche soll ihm göttlichen Beistand für seine Reise gewähren, bevor er durch das Tor der dicken Stadtmauer mit ihren hohen Wehrtürmen die Straße nach Ippinghausen erreicht.

Den Ofenberg vor Augen, biegt er rechts in Richtung der Salweiden ab, die entlang des Bächleins mit dem Mühlenwasser, wachsen. Dieser Baum erinnert ihn an seine Kindheit in Homberg an der Efze, als er in der Osterwoche immer die Hühnereier ausgeblasen hat. Am Gründonnerstag und am Palmsonntag schnitt er Palmkätzchen-Zweige von der Salweide. Seine Mutter stellte sie zu Hause in eine Vase, die am Karsamstag mit ausgeblasenen und bunt bemalten Eiern geschmückt wurde.

Der Gerber brauchte die Rinde und die Zimmerleute das Holz für ihre Pfähle. Dieser Baum gedeiht nur auf frischen, nährstoffreichen Böden und so ist es leicht erklärlich, dass sein Weg nun quer durch weite gelbe Weizenfelder führt, die sich rhythmisch wie Meereswogen den Böen des leichten Südwestwinds beugen.

Der Weg gegen die Windrichtung führt ihn über eine Wegkreuzung mit einer uralten Linde, deren weit ausladendes Astwerk dem Wanderer angenehmen Schatten spenden. Dem Bachverlauf folgend, den hoch gewachsene Birken und Pappelreihen schon von weit her kennzeichnen, sieht er auf seiner linken Seite den grünen Buckel des Isthaberges mit dem hohen Mischwald aus Erlen-, Ahorn- und Sandkiefern. Rechts davon befindet sich die Ortschaft Leckringhausen und das Kloster Aroldessen. Am Schlippen-Teich vorbei reitet er zu seiner ersten Zwischenstation, zum Dorf Ippinghausen, das auf dem Grenzland von Franken und Sachsen liegt. Zwei alte Heerstraßen kreuzen sich im Dorf. Östlich von der Stadt Kassel zum Herzogtum Westfalen und südöstlich von dem Ort Fritzlar zum Herzogtum Westfalen.

„Ippinghausen und Wolfhagen sind Zollstädte und der rege Warenverkehr zieht allerlei diebisches Gesindel an“, denkt sich der Abenteurer aus Homberg, „es gilt ein wachsames Auge auf die wilden herumstreunenden Horden aus den Nachbarländern zu haben, die aus herrenlosen marodierenden Landsknecht-Rotten - den verlorenen Haufen - bestehen. Die wenigsten von ihnen haben einen richtigen Beruf erlernt, in den sie nach einer verlorenen Schlacht zurückkehren konnten“, will er den Gedanken gerade abschließen, als ihm von der linken Seite - aus dem Kiefernwald des Graner Bergs - der Geruch eines Lagerfeuers in die Nase steigt. Je näher er dem Waldrand kommt, desto besser kann er die grölenden Männerstimmen hören:

„Über die Heide wehen die Fahnen,

wehen und wehen von Ort zu Ort.

Über die Heide schallet es weithin,

schallet und hallet es fort und fort:

Die Landsknecht‘ kommen an,

hab' Acht du Bauersmann.“

„Hm, eine Rotte Landsknechte, es ist besser den Weg zu verlassen und einen Umweg durch die Weizenfelder zu wählen. Bis Ippinghausen ist es nur noch halbe Meile“, überlegt er noch als der Liedtext immer besser zu hören ist:

„Landsknechte bringen Tod und Verderben,

sengen und brennen die ganze Heid’.

Wo sie gehaust ist Klagen und Trauer,

allerorten Kummer und Leid.

Darum wahrt auch Hab und Gut

vor Landsknechts Übermut.“

„Vielleicht kann ich die Männer im Waldstück ausspähen und wer weiß, wozu das nützlich sein kann“, geht es ihm durch den Kopf, als er behutsam neben einer Föhre absteigt, um anschließend seine Büchse schussbereit zu machen. Der Büchsenhahn ist in der Ruhrast. Vorsichtig nimmt er ein Pulverin von seinem Bandalier und füllt daraus die genau abgemessene Menge Treibladungspulver von oben in den Lauf seiner Büchse, legt das einseitig gefettete Stoffläppchen als Kugelpflaster - mit der Fettseite zum Loch hin - auf die Laufmündung und schiebt es, zusammen mit der Bleikugel und dem Ende des Ladestocks, tief in den Lauf hinein, so dass das Geschoss die Ladung gut abdichtet und verdämmt.

Danach gibt er etwas Zündkraut auf die Pulverpfanne und spannt die Radschlossfeder mit dem Spannschlüssel. Nachdem sein Pferd am Baumstamm angebunden ist, pirscht er sich tief gebückt durch die Wacholderbüsche, die auf einer Waldlichtung den Weg vorgeben.

Vorsichtig schiebt er die Zweige des Unterholzes mit den Händen beiseite, immer versucht, nicht auf trockenes Astwerk am Boden zu treten.

„Fliehet all wenn die Landsknechte kommen,

Landsknechte schonen nicht Weib und Kind.

Viele schon haben ihr Leben gelassen.

Über die Heide klagt es der Wind,

im Land ist große Not,

im Land herrscht König Tod.“

Nun kann er die kleine Waldlichtung erkennen und eine rasche Bestandsaufnahme des Landknecht-Lagers machen. Drei Männer sitzen um das Lagerfeuer und rechts von ihnen befindet sich ein Gefangener, der an einen Baum gefesselt ist.

Zunächst kommt ihm keiner der Anwesenden bekannt vor, als er aber noch einmal zum Gefangenen hinschaut läuft ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken.

„Mein Gott, das ist doch Jost, Jost Richter mein Kampfgefährte aus unserer Rotte. Schön, dass ihm auch die Flucht gelungen ist, aber jetzt befindet er sich in einer verzweifelten Lage während die anderen drei Landsknechte es sich gut ergehen lassen und schon kräftig dem Wein zugesprochen haben“, ärgert er sich. Den Büchsenhahn in Spannrast, mit der Feuersteinspitze aus Schwefelkies auf dem Zahnrad, tritt er kurz entschlossen mit der Waffe im Anschlag in die Waldlichtung ein.

„Hände hoch und die Körper lang ausgestreckt auf den Boden gelegt oder ihr seid alle fette Beute von Gevatter Tod!“ befiehlt er mit fester Stimme.

Der Rottenführer springt erschrocken mit einer Drehbewegung auf und blitzschnell befindet sich ein spitzer Dolch auf der tödlichen Flugbahn. Durch einen gedankenschnellen Körperreflex löst Hans mit dem Abzug die Radschlossfeder. Das rotierende Zahnrad reibt am Schwefelkies und erzeugt die sprühenden Funken, durch die das Zündkraut auf der Pfanne in den gleißend hellen Pulvernebel verwandelt wird, der mit seiner Flamme durch das enge Zündloch bis in den Büchsenlauf eindringt. Mit einem dumpfen Knall setzt sich die Pulverladung um und gibt die Bleikugel aus dem Lauf frei. Während die Blankwaffe knapp über den Büchsenschützen hinweg zischt, wird der Messerwerfer wuchtig in die Reste des Lagerfeuers geschleudert, aus dem die Aschepartikel und unverbrannte Holzreste nach allen Seiten wegschleudern. Das Geschoß hat den Brustkorb durchschlagen. Ein verrußtes Leinenwams durchfeuchtet sich blutrot.

Die anderen Landsknechte schnellen hoch und greifen zu ihren Dolchen, sehen aber, dass ihr Gegner die Büchse schon wieder über der Schulter und den gefürchteten Katzbalger blank gezückt hat. Mit einem kurzen Blick auf ihren toten Anführer scheuen sie ein Scharmützel und bevorzugen die eilige Flucht quer durch den Wald.

„Jost Richter“, ruft er dem Gefangenen zu, „erkennst Du mich noch, alter Kampfgefährte?“

„Hans, Hans Staden aus Homberg?“ fragt eine zaghafte Stimme ungläubig.

„Richtig Jost, alter Kamerad, lass’ mich deine Fesseln zerschneiden.“

Schnell ist der Gefangene befreit, der seinen Retter herzlich umarmt und kräftig auf den Rücken klopft.

„Hab’ Dank Hans, ich bin tief in deiner Schuld, aber schnell weg von hier, bevor das Mörderpack mit Verstärkung zurückkommt“, klopft er ihm auf die Schultern.

„Nein, halt' kurz ein, nimm’ dir dein gestohlenes Hab und Gut zurück und schau nach, was das Räuberpack sonst noch so zurück gelassen hat", rät ihm sein Freund.

Jost sammelt die Waffen ein. Drei Luntenschlossbüchsen, ein Dolch, ein Ledersack mit Bleikugeln, ein Bandalier und einen Geldbeutel vom toten Anführer, den er gleich gründlich untersucht.

„43 Gulden, 18 Groschen, 16 Kreuzer, 15 Heller, 12 Pfennige und die Waffen sind eine ausreichende Entschädigung für all das Leid, das ich während meiner Gefangenschaft erleiden musste“, rechnet Jost auf, nachdem er sich mit einem kräftigen Schluck aus der Weinflasche versorgt und sich den Mund mit dem dichten blonden Krausbart an seinem Hemdsärmel abgewischt hat, „und jetzt nichts wie weg von hier!“

„Ich nehme noch rasch die Proviantsäcke mit!“ ruft ihm Hans zu als er sich die gut gefüllten Leinenbeutel über den Rücken wirft, „meinen Rappen habe ich an der Waldgrenze angebunden.“

Schnellen Schrittes entfernen sich die Freunde vom Lagerplatz der Diebesbande.

„Was für ein starker Friesenhengst“, meint sein Freund anerkennend, als sie am Waldrand stehen.

„Stark genug für zwei Mann“, erwidert Hans, der schon im Sattel sitzt und seinem Freund einen Arm zum Aufsitzen ausstreckt. Mit einem Schwung zieht sich Jost auf das Pferd und findet sofort hinter dem Reiter einen Halt am Sattelrand.

„Also los, in der Richtung des roten Klatschmohnfeldes liegt Ippinghausen“, ruft Hans und gibt dem Tier zu verstehen, dass die Reise weiter geht, „noch zwei Meilen und wir sind vor der Abenddämmerung in der Ortschaft.“

Der Kampf bis Bremen

„Jost, woher kommt dieses Diebesgesindel und wie bist Du in Gefangenschaft geraten?“, will Hans von seinem Freund wissen.

„Ich wollte nach Korbach, als mir dieses elendige Pack am Waldrand auflauerte und mich überwältigte. Aus ihren Gesprächen konnte ich entnehmen, dass sie Überlebende des geschlagenen kaiserlichen Heeres unter dem Kommando von Herzog Erich des Jüngeren von Calenberg sind.“

„Herzog Erich von Calenberg? Den haben wir bei Drakenburg vernichtend geschlagen. Der Herzog rettete sich schwimmend durch die Weser. Von seinen Männern hatte kein Landsknecht auch nur einen Heller gesehen, weil er den Sold nicht auszahlen konnte.

„Wieso wir? Wie kommst Du denn nach Drakenburg? fragt Jost erstaunt, um gleich nachzulegen, „berichte bitte alles ganz genau, der Weg nach Korbach ist ja noch weit.“

„Erinnerst du dich daran, als wir uns beim letzten Scharmützel des Schmalkaldischen Krieges um Ostern anno 1547 aus den Augen verloren haben? Damals nahm Ritter Thilo von Trotha im Namen seines Feldherrn Herzog Moritz von Sachsen den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen gefangen und entschied damit den Krieg für Kaiser Karl V. Auf der Flucht begegnete mir das letzte versprengte Heer des Schmalkaldischen Bundes unter dem Kommando des Grafen Albrecht VII. von Mansfeld, der mich als Büchsenschütze in seinem Heer namentlich registrierte“, begann Hans seinen Bericht, „der Graf erfüllte den letzten Auftrag des Kürfürsten Johann Friedrich von Sachsen und marschierte nach Norden, um den Bremern zu helfen, die sich in höchster Bedrängnis dem Angriff der Kaisertruppen ausgesetzt sahen. Auf dem Weg von Süden her, durchquerten wir das Calenberger Land. Herzog Erich der Jüngere war nicht gerade sehr erfreut darüber, dass wir unsere Vorräte in seinem Lande auffrischten“, schmunzelte Hans und drückte dabei verschmitzt ein Auge zu.

„Am 18. Mai im Jahre des Herrn 1547 trafen wir bei dem Dorf Gronau auf Verstärkung aus der Stadt Oldenburg mit dem Grafen Christoph von Oldenburg und Kursachsen unter der Führung des Obersten Wilhelm Thumbshirn. Von dort marschierten wir dann bis zum 22.Mai weiter bis nach Rodewald, von wo wir am 23.Mai rechter Hand an Nienburg vorbei zur Drakenburg aufbrachen.“

„Woher wusstet ihr den Standort vom Calenberger Herzog?“ unterbrach ihn Jost aufgeregt.

„Noch am Vormittag des gleichen Tages wurden wir von unseren Kundschaftern über die Truppenbewegung des Feindes informiert. Gegen Mittag trafen wir, vom Hesseweg und den anschließenden Folkweg kommend, beim Dorf Anderten auf einen zahlenmäßig unterlegenen Aufklärungstrupp unseres Gegners. Die herzoglichen Reiter ergaben sich schnell und verrieten uns den Aufenthaltsort und die Marschrichtung der feindlichen Truppen, die wir links der Weser - stromaufwärts vom Dorf Hassel kommend - auch folgerichtig antrafen. Ohne auf den zweiten kaiserlichen Truppenteil - unter der Führung des Obristen Christoph Wrisberg - zu warten, griff der ehrgeizige Herzog uns an. Als er erkannte, dass wir ihm überlegen waren, verließ er fluchtartig sein Heer. Nachdem dieser Feigling sich - im Angesicht der sicheren Niederlage - schwimmend durch die Weser gerettet hatte, verfolgten und stellten wir den Rest seiner Truppe nördlich von Drakenburg zwischen den Orten Eystrup und Hassel. Nach der Schlacht hatte Erich der Jüngere 3500 Männer verloren - 2500 Landsknechte konnten wir gefangen nehmen“, beendet Hans seinen Bericht.

„Ich habe von diesem Kampf gehört. Es war die die einzige Niederlage des Kaisers gegen den Schmalkaldischen Bund“, antwortet Jost.

Hans nimmt sein Lederhalsband ab „schau, hier habe ich die geprägte Münze dazu.“

Jost nimmt die goldene Münze, die in einem kleinen Rahmen gefasst ist und liest die Inschrift: „Durch die Kraft des Lammes Gottes sind die Feinde bei Drakenburg geschlagen, Montags nach Exaudi 1547. Gott allein die Ehre! Als Wilhelm Thumbshirn dieselbe Zeit Obrister war.“

„Das ist ein stolzes Andenken, meinen Respekt“, flüstert Jost ehrfürchtig als er die Münze wieder an seinen Vordermann zurückreicht und weiter nachfragt: „Was hast Du nach dem Schlachtsieg gemacht?“

„Gleich danach wurde Graf Albrecht VII. vom Kaiser Karl V. aller Lehen, Regalien und Güter sowie seines gesamten Habes enthoben.“

„Das mag wohl dem Mansfelder gar nicht gut gefallen haben?“ argwöhnte Jost.

„Richtig, deswegen ordnete der Abgestrafte zunächst einmal die Versorgung von 378 verwundeten Männern und die Bestattung der Toten bei Eystrup an. Nach einer Erholungsphase und dem Ersatz unserer Marschvorräte brachen wir im Juni zur Eroberung der Burg Ottersberg auf.

Der Weg führte uns nach Norden über Verden und rechter Hand an der Stadt Bremen vorbei. Nach der schwierigen Einnahme der Burg Ottersberg im Sumpfland der Wümme-Niederungen mit den zahlreichen Flussarmen befahl der Graf den Sturm der Rotenburg, die sich nur 15 Meilen östlich entfernt, ebenfalls im morastigen Gelände befand. Das Bollwerk aus roten Ziegelsteinen konnte dem Feuer von unseren Geschützen - 20 Feldschlangen und 21 Basilisken - nur wenig Widerstand bieten.

Durch die Siege ermutigt, lautete unser nächster Befehl die Burg Bremervörde, die 30 Meilen nördlich von der Rotenburg liegt, einzunehmen.

„Der Graf schien wegen seiner Strafe ja schier unersättlich zu sein?“

„Das war auch mein Eindruck von unserem Feldherrn, als er das letzte Ziel, den Angriff auf die Burg Neuhaus am Flussbett der Oste - 35 Meilen nördlich von Bremervörde - befahl. Um für den eisigen Winter an der Küste vorbereitet zu sein, war die erfolgreiche Einnahme der Burg für uns überlebenswichtig.“

„Sag’ mal Hans, woher hast Du denn die teure Radschlossbüchse? Hatte Graf Albrecht dir so großherzig den Sold ausgezahlt? unterbrach Jost mit einem verschmitzten Lächeln die Berichterstattung seines Freundes.

„Der Graf hatte sich nach den siegreichen Eroberungen bei der späteren Verteilung der Kriegsbeute tatsächlich großzügig gezeigt. Er bedachte seine Landsknechte, die sich stets an vorderster Front schlugen, allergnädigst mit ganz besonderen Auszeichnungen. Mein Lohn ist diese Radschlossbüchse von der Leibgarde des kleinen Calenberger Herzogs, der seine große Dummheit unter Beweis stellte, als er die Erstürmung von Bremen durch das trockene Flussbett der Weser geplant hatte.“

„Wieso war der Plan dumm?“ fragt Jost ungläubig.

„Als sein Kanonenbeschuss vom linken Ufer aus nur geringen Schaden in der Stadt anrichtete, versuchte Erich die Weser in das Flussbett der Ochtum abzuleiten, um danach mit seinem Fußvolk durch das trockene Weserflussbett die Stadt angreifen zu können. Nach den Grabarbeiten zeigte es sich aber, dass der Fluss der Ochtum höher als das der Weser lag. Beim kleinen Erich hätte das Wasser den Berg hinauf laufen müssen. Wie du feststellen kannst, hatte er mit Wasser so seine Schwierigkeiten. Ich hoffe wenigstens, dass seine Kleidung schnell abtrocknete und er sich keine Erkältung holte, nachdem er seine erfolgreiche Flucht durch die Weser als Schwimmer abschloss“, prustete Hans heraus und die Freunde schüttelten sich vor Lachen, dass sie sich gerade noch so auf dem Pferd halten konnten.

„Dann hat es dir bei dem Mansfelder wohl gut gefallen oder bekamst du wieder Sehnsucht nach deinen Eltern?“ fragte Jost und wischte sich mit dem Handrücken eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

„Ich wäre gerne wieder nach Hause zurückgekehrt, aber die allgemeine Lage war im Fürstentum Hessen sehr schlecht und ich wollte meiner Familie nicht zur Last fallen. Unser Landgraf Philipp I. musste nach der Niederlage gegen den Kaiser eine Kriegsentschädigung von 600 000 Gulden leisten, alle seine Geschütze abliefern sowie die Festungen Kassel, Gießen mit der Gleiberger Burg und Rüsselsheim schleifen lassen“, erwiderte er mit trauriger Stimme, „bis zu 3000 Leibeigene arbeiteten täglich an der Zerstörung der Burgen. Darunter war auch die Burg Mellnau, die in der Nähe bei Wetter, dem Geburtsort von meinem Vater Gernand, liegt.“

„Und was hast du dann gemacht?“ will Jost wissen.

„Als wir auf der Burg Neuhaus an der Nordseeküste überwinterten, wurde von weit gereisten Landsknechten viel von den Eroberungen und Schätzen des portugiesischen und spanischen Königreichs in Amerika erzählt. Die Nächte waren lang, die Tage kurz und grau. Am warmen Kaminfeuer wurden gar packende Erlebnisse geschildert. Die Weine aus dem alten Kellergewölbe der Burg lockerten die Zungen der weit gereisten Abenteurer. So hörte ich Berichte über den deutschen Landsknecht Ulrich Schmiedel aus dem niederbayerischen Dorf Straubing, der im Jahre des Herrn 1534 über Antwerpen nach Spanien und von dort bis nach Amerika zum Fluss La Plata reiste. Er wusste nach seiner Rückkehr über den sehr ertragreichen Silberbergbau im Inka-Dorf Potosí zu berichten - Inkas nennen sich die Wilden in den spanischen Kolonien. Der Feldherr Francisco Pizarro eroberte dort die Inka-Länder Chile und Peru - das Vizekönigreich Neu-Kastilien, wie es die Spanier nach seinem Tod benannten. Seit dem letzten Jahr herrscht dort der 3. Vizekönig von Peru, Andrés Hurtado de Mendoza. Die Landsknechte erzählen, dass er im nächsten Jahr seinem Sohn García Hurtado de Mendoza das Vize-Königreich Chile mit der Hafenstadt Arica, die von den reinsten Goldminen des Landes beliefert wird, übergeben will. Bis heute treffen unzählige spanische Galeonen bis zum Deck gefüllt mit Inka-Gold und Silberbarren in der Hafenstadt Sevilla ein.“

„Gibt es noch Inkas, die der spanischen Herrschaft entfliehen konnten?“ unterbricht Jost die spannende Erzählung.

„Ja, es wird berichtet, dass ihr König Sayri Túpac in einer verborgenen Siedlung mit dem Namen Vilcabamba herrscht, was in ihrer Sprache Heiliges Gebiet heißt. Andere Inka-Flüchtlinge sollen weiter nach Westen ins hohe Dickicht eines riesigen Waldgebiets geflohen sein und die Siedlung Manoa, als Hauptstadt des Landes gegründet haben, das die Spanier El Dorado nennen.

„Diesen Namen habe ich auch schon gehört. Haben die Spanier eine Spur zum Gold gefunden?“

„Bereits im Jahre 1541 stellte Francisco de Orellana mit Gonzalo Pizarro, ein Bruder von Francisco Pizarro, vom Vize-Königreich Peru aus, eine Suchmannschaft nach El Dorado auf. Ihn begleiteten 350 Spanier - 200 Reiter und 150 Fußsoldaten - und 4.000 Einheimische, sowie ca. 3.000 Begleittiere mit Bluthunden, Esel und Schweinen. Ein Jahr später wurde die Reise an einem breiten Fluss durch die weiblichen Amazonen-Heerscharen mit ihren Bogenschützinnen, aufgehalten. Daraufhin tauften die Spanier den Fluss Amazonenstrom, den sie bis zur Mündung ins Meer bei der westindischen Insel Trinidad bereisten. El Dorado haben sie aber nie gefunden.“

„Seitdem sind bereits 14 Jahre ins Land gegangen - gab es noch weitere Suchscharen nach El Dorado?“ bohrt Jost weiter.

„Die gab es schon 17 Jahre vor der Entdeckung des Amazonenstroms. Der spanische Feldherr Hernán Cortés, Eroberer von Mexico im Vize-Königreich Neu-Spanien, schickte seinen Kampfgefährten Diego de Ordás über die westindische Insel Trinidad den Orinoco-Fluss stromaufwärts, um El Dorado zu finden.“

„Das war wohl auch ein glückloses Unterfangen?“ vermutet Jost.

„Für Ordás schon. Für seinen Waffenmeister Juan Martinez nicht. Er war bisher der einzige Christ, der in Manoa war und seine Erlebnisse nach seiner Rückkehr aufgeschrieben hat. Das Dokument befindet sich von den Spaniern wohl verwahrt auf der westindischen Insel Puerto Rico.“

„Wieso kam nur der Waffenmeister ans Ziel? wundert sich Jost.

„Weil Ordás ihn als Strafe am Ufer des Orinoco aussetzte. Ordás machte Martinez dafür verantwortlich, dass eine vergessenen Kerze in seiner Waffenkammer das Pulver entzündet und das Schiff in die Luft gesprengt hat. Einheimische fanden den unglücklichen Waffenmeister, retteten sein Leben und nahmen ihn nach Manoa mit.“

„Dann musste Martinez den Weg nach El Dorado kennen“, stellt Jost fest.

„Nein, sie haben ihm auf dieser Reise die Augen verbunden. Er wurde als Gast behandelt obwohl er ein Gefangener war. Als Gast nahm er auch an den Feierlichkeiten teil, zu denen Ausgewählte des Inka-Königs alle Kleidungsstücke ablegen mussten, um anschließend mit weißem Balsamikum eingerieben zu werden. Danach trugen Diener Gefäße, die bis zum Rand mit Goldstaub gefüllt waren. Mit einem Holzröhrchen pusteten die Bediensteten das Gold als Schmuck auf die nackten Körper. Die Vergoldeten saßen in Gruppen von zwanzig bis hundert Leuten und betranken sich über sechs oder sieben Tage hinweg mit Fruchtwein. Dieser Kult, die unzähligen Gegenstände in ihren Tempeln, häuslichen Ausstattungen und Gebrauchsgegenständen, Schilder und Waffen aus Gold waren der Anlass zur spanischen Umbenennung von Manoa in El Dorado.“

„Das hat bei euch Landsknechten in der Burg Neuhaus die Reiselust geweckt?“ dämmert es Jost allmählich.

„Vom deutschen Statthalter in Venezuela, Georg Hohermuth von Speyer, seinem Generalkapitän Nicolaus Federmann und dem Hauptmann Philipp von Hutten, als Gesandte der Augsburger Handelsfamilie Welser, wurde die Reiselust nach El Dorado bereits im Jahre 1535 durch ihre Expedition in den Urwald geweckt. Drei Jahre später folgte Federmann mit seiner Mannschaft dem Salzhandelsweg am Ostrand einer gewaltigen Gebirgskette, überquerte das hohe Gebirge der Anden und erreichte die Siedlung eines reichen Inkadorfes. Die Bewohner nennen sich Chibchas, sind gute Goldschmiede, zahlen mit Smaragden und ihre Priester baden sich, den nackten Körper mit Goldstaub bedeckt, im Guatavita-See.“

„Dann hat Federmann also endlich El Dorado entdeckt?“

„Nein, er traf im Jahre 1538 lediglich auf spanische Truppen, die nur einige Monate zuvor dort eintrafen und das Land der Muisca-Indios plünderten. Allein bei der Zerstörung des Häuptling-Ortes Tunja machte der Spanier Gonzalo Jiménez de Quesada eine Beute von 230 Smaragden und 1.200 Pfund Gold. Federmann gründete mit Quesada die Siedlung Santa Fe de Bogotá.“