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Eine Abrechnung mit dem Gückswahn Viele erwarten das Glück, ohne etwas dafür zu tun. Glück als Menschenrecht, vom Arzt verordnet oder vom Staat. Andere streben danach und strampeln sich ab, optimieren sich und erreichen es trotzdem nicht. Florian Schroeder macht sich auf die Suche: Was macht Menschen glücklich und wo bilden sie sich das nur ein? Er besucht ein Life Coaching, einen Kuschelkurs, probiert Drogen und Happiness Apps aus und guckt sich das Glück derer an, für die der Schmerz das große Glück ist. Er nimmt LSD, tauscht Freundschaftsbändchen mit Swifties, tanzt mit einem 80-Jährigen im Berghain und geht mit einem Auswanderer im glücklichsten Land der Welt, in Finnland, in die Sauna. »Entertainer der Extraklasse mit schwarzem Humor.« Der SPIEGEL Schroeder ist direkt, ironisch, sarkastisch, aber in erster Linie neugierig auf das, was Glück sein könnte, aber oftmals auch sein muss. Für Florian Schroeder ist dieses scheinbar private Thema ein hoch politisches. Genau in dieser unvorhersehbaren Weltlage gilt es, sich die Räume des Glücks, des Eskapismus und der Weltflucht, genauer anzuschauen. Vielleicht ist Glück ja auch das, was wir erleben, wenn wir gar nicht dran denken. Gleichzeitig zur neuen Tour 2025/26 ›Endlich glücklich‹
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Ich bin nicht glücklich und ich möchte es auch nicht sein. Ich bin kein Glücksbringer und kein Glücksritter, ich esse keine Glückskekse und ich bin auch kein Glückspilz. Vor allem bin ich alles andere als ein positiver Mensch. Positive Menschen gehen mir tierisch auf den Zeiger.
Was qualifiziert mich, ein Buch über das Glück zu schreiben? Um es offen zu sagen: gar nichts. Ich war weder ein glückliches Kind, noch bin ich ein glücklicher Erwachsener. Bin ich darum unglücklich? Nein, keinesfalls.«
FLORIAN SCHROEDER
Florian Schroeder
Warum du ohne Glück glücklicher bist
»Glück ist für Idioten.« Slavoj Žižek[1]
Ich bin nicht glücklich und ich möchte es auch nicht sein. Ich bin kein Glücksbringer und kein Glücksritter, ich esse keine Glückskekse und ich bin auch kein Glückspilz. Vor allem bin ich alles andere als ein positiver Mensch. Positive Menschen gehen mir tierisch auf den Zeiger. Ich halte es für einen Grundfehler unserer Zeit, dass positives Denken eine Art Bedingung des Glücks sein soll. Es ist, im Gegenteil, eine Bedingung des Unglücks.
Was qualifiziert mich also, ein Buch über Glück zu schreiben? Um es offen zu sagen: gar nichts. Ich war weder ein glückliches Kind noch bin ich ein glücklicher Erwachsener. Bin ich darum unglücklich? Nein, keinesfalls. Ich kenne Glücksmomente, die ich erst, als sie vorbei waren, als solche erkannt habe. Ich kenne Vorfreude und Reue, ich kenne intensive Lust und flirrendes Im-Flow-Sein. Ich habe ein schönes Leben, denn es ist ein Leben, das ich mir ausgesucht habe. Dieses Leben hat Höhen und Tiefen, Zweifel und Größenwahn, Liebe und Hass, Verachtung mal für mich und Verachtung für die anderen – ein Glück ist, wenn sich beides die Waage hält. Nur eines sollte mein Leben bitte nie werden: ein glückliches Leben. Das wäre meine Hölle. Mein Leben darf niemals enden in einem Café am Rande der Welt.
Die schlimmsten Bücher, die ich in meinem Leben lesen musste, waren Bücher und Ratgeber über Glück. Ich habe das freiwillig getan – na ja, halb freiwillig –, ich musste sie gelesen haben, um das hier schreiben zu können. Ich habe also gelitten – für dich! Außerdem möchte ich die schlimmsten Stellen hier gerne mit dir teilen, damit du das Geld sparen kannst. Glücksbücher sind zu 99,9 Prozent zwischen Buchdeckel gepresste schallende Ohrfeigen an die Intelligenz. Glücksbücher klingen so, als wenn diese glucksenden und gackernden Radiomorningshow-Moderatoren, die das Aufstehen unerträglicher machen als jeder Terrorweckton des Smartphones, anfangen würden, Bücher zu schreiben. Dabei ist das Verrückte ja, dass Morningshow-Moderatoren wahrscheinlich die unglücklichsten Menschen der Welt sind. Jeden Morgen um zwei Uhr aufstehen, um in irgendein verstaubtes kleines Studio zu fahren, in dem es nur lauwarmen Filterkaffee und Marmorkuchen aus der Plastiktüte gibt. Außerdem muss man jeden Tag Summer of 69 von Bryan Adams hören. Und alles von Bon Jovi. Wer will das schon?
Daher direkt rein in den Irrsinn: in eines der stumpfsten Bücher, die in den vergangenen Jahren zum Thema Glück entstanden sind. Es trägt den Titel Das Happiness-Projekt – Oder: Wie ich ein Jahr damit verbrachte, mich um meine Freunde zu kümmern, den Kleiderschrank auszumisten, Philosophen zu lesen und überhaupt mehr Freude am Leben zu haben. Es ist von Gretchen Rubin und stand 99 Wochen ganz oben auf der US-Bestsellerliste. Warum nur? Allein der Untertitel ist eine halbe Inhaltsangabe und klingt wie die schlimmste To-do-Liste aller Zeiten.
Alles, was in diesem Untertitel steht, ist das absolute Gegenteil von dem, was ich mit Glück verbinde. Kleiderschrank ausmisten zum Beispiel. Wir alle müssen unseren Kleiderschrank ausmisten. Und sobald ich von irgendeinem Buch-Untertitel daran erinnert werde, bin ich nicht happy, sondern sehe mich mit unzähligen Plastiktüten bewaffnet Mottenkugeln und irgendwelche ungetragenen T-Shirts aus den 2000er-Jahren aus den untersten Stapeln fischen.
In einem Gespräch mit ihrem Mann Jamie lässt uns Gretchen schon auf den ersten Seiten Folgendes wissen: »Ich bin glücklich – aber ich bin nicht so glücklich, wie ich es sein sollte.« (Zwischenfrage: Wer bestimmt das und was ist das für ein seltsamer Imperativ – sein sollte?) Gretchen weiter: »Ich habe ein so gutes Leben; ich möchte es mehr schätzen und ihm gerechter werden.« (Es klingt auf jeden Fall nach einem ziemlich glücklichen Leben, das noch die Muße hat, sich solche feisten First-World-Probleme leisten zu können.)
»Ich glaube, wenn ich glücklicher wäre, würde ich mich besser benehmen.« (Mega! Das merke ich mir. Wenn ich das nächste Mal jemanden von der Rolltreppe schubse, weil mir seine Visage nicht gefällt, sage ich: »Tut mir leid, aber wenn ich glücklicher gewesen wäre, hätte ich mich besser benommen!«) Und nun Gretchens Conclusio: »Ich wusste, dass es zweifellos leichter für mich wäre, gut zu sein, wenn ich glücklich wäre.«[2]
Du kannst erst dann Gutes tun, wenn du vorher glücklich bist? Seltsam. All die NGOs, Amnesty-Mitarbeiter, Ärzte ohne Grenzen, Pflegekräfte, Feuerwehrleute etc. wirken auf mich eher wütend, konzentriert, manchmal schockiert, punktuell auch erleichtert – und tun gerade darum sehr viel Gutes. Nur glücklich wirken sie meistens nicht. Ganz im Gegenteil, eine Pflegekraft ist vermutlich erst dann glücklich, wenn sie nicht mehr in der Pflege arbeiten muss.
Im Gretchen-Universum zeigt sich der Glücksterror heute in seiner unheilvollsten Form: Das Glück ist nicht mehr das Endziel, sondern der Anfang von allem; es ist kein Zustand des Beisichseins, des Zulassens und Empfangens. Nein, es beginnt ein Prozess, der fast nur Verzweiflung mit sich bringt: Jetzt muss Gretchen daran »arbeiten, um glücklicher zu sein«, »sich gegen das Unglück wappnen« und »Selbstdisziplin und mentale Einstellung trainieren«. Der innere drill instructor hat die Peitsche rausgeholt. Wenn schon der Weg zum eigenen Glück derart mühsam ist, stellt sich die Frage, wie freudlos dieses Glück wohl aussehen wird, das am Ende dieses Wegs stehen soll. Wahrscheinlich ist es lediglich der Blick auf den Kontostand, nachdem man als Gretchen sein Glücksbuch beim Verlag abgegeben hat. Davon abgesehen muss es wohl die Hölle sein.
Auffällig ist, dass die Sprache des Glücks erstaunlich autoritär daherkommt. Selbst beim Tee, gemeinhin ein Getränk, das mit Ruhe und Behaglichkeit assoziiert wird, heißen die entsprechenden Produkte gerne »Träum süß!« oder »Schlaf schön!«-Tee.[3] Welches Kind schläft ein, wenn man es anbrüllt und dann die Tür zuknallt? Das Glücksversprechen hat militärische Züge angenommen. Die Aufrüstung ist auch hier in vollem Gange und Millionen Menschen weltweit bemühen sich inständig, kriegstüchtig zu werden für den Glückskrieg, bewaffnet mit entsprechenden Tees, Cremes und Badezusätzen.
Da wir beim Militärischen sind: Soll, ja, darf Glück in der aktuellen Weltlage ernsthaft das Thema eines Buches sein? Und dann auch noch von einem politischen Komiker? Nachdem mein Kollege Eckart von Hirschhausen vor fünfzehn Jahren den Bestseller Glück kommt selten allein geschrieben hat, müsste der Titel heute eher »Krieg kommt selten allein« lauten. Dafür hätte ich Carlo Masala als Co-Autor gewinnen müssen. Oder frei nach Richard David Precht: »Was ist Krieg und wenn ja, wie viele?«
Hat sich die Welt nicht im Jahr 25 nach der Jahrtausendwende so dramatisch verändert, dass ein Fokus aufs Glück einer unverschämten Provokation gleichkommt? Erleben wir nicht heute am eigenen Leib, was der große Georg Wilhelm Friedrich Hegel schon im 18. Jahrhundert feststellte, nämlich dass die Geschichte eine »Schlachtbank« ist, »auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht werden«?[4]
Glück und Politik gehören für mich zusammen. Ich werde in diesem Buch zu zeigen versuchen, dass der Terror des Positiven, der uns auf Schritt und Tritt verfolgt, nur eine jahrelange Vorbereitung auf das war, was wir heute politisch erleben: das Erstarken extremistischer Kräfte, die Rückkehr des Totalitären. Beides hängt eng zusammen. Der Pursuit of happiness, das Streben nach Glück, verkehrt sich in sein Gegenteil. Genau in dieser politisch aufgeladenen und von allen Seiten unter Strom gesetzten, mehr denn je unvorhersehbaren Weltlage gilt es, sich die Räume des Glücks genauer anzuschauen. Was finde ich in diesen Räumen? Mein eigenes Glück? Lerne ich dort etwas über diese gesellschaftliche Sehnsucht nach dem Glück?
Diese Fragen haben mich für dieses Buch an sehr unterschiedliche Orte gebracht – ans Set eines Amateur-Pornos genauso wie in einen Kuschelkurs. Ich habe mich mit anderen Glücksjüngern in einer Mehrzweckhalle in Braunschweig bei einem Lifecoaching brainwashen lassen. Ich war mit einem 80-jährigen Influencer im Berghain. Ich stand zwischen Tausenden Taylor Swift-Fans in Hamburg und zwischen Hunderten Hutträgern auf einer Pferderennbahn. Ich habe mein eigenes Glück gesucht und dafür LSD genommen und mir auf einer Esoterik-Messe Chakren lesen lassen. Ich habe Kevin Kühnert und Dorothee Bär über Monate begleitet und war im statistisch glücklichsten Land der Welt in der Sauna – in Finnland.
Je dramatischer und endzeitlicher das zu werden scheint, was uns umgibt, umso größer wird zweifellos die Suche nach den Momenten des Entkommens, der Weltflucht, des Eskapismus. Insofern stellt sich die Frage nach dem Glück heute umso dringlicher.
Im Angesicht all der »politischen Turbulenzen« haben »die Leute die Hoffnung aufgegeben, ihr Leben in entscheidenden objektiven Kriterien verbessern zu können, haben sie sich klargemacht, es komme lediglich auf eine psychische Selbstverbesserung an: Sie wollen in Übereinstimmung mit ihren Gefühlen leben, naturreine Nahrungsmittel essen, Ballettunterricht nehmen und Bauchtanz lernen.« So hat der Historiker Christopher Lasch schon früh das narzisstische Zeitalter beschrieben, in dem wir heute leben.[5] Der Narzissmus ist ein Kaugummibegriff, unter dem jeder das verstehen kann, was er möchte. Meist ist es ein Kampfbegriff im alltäglichen Beziehungskulturkampf, um all die Marotten des Lebenspartners oder Chefs zu beschreiben, die einem sauer aufstoßen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur (nicht Persönlichkeitsstörung!) zu haben, bedeutet zunächst, in einer oft qualvollen Spannung aus Schein und Sein zu leben – aus Grandiosität und Selbstzweifeln. Die grandiose Seite ist oft schillernd und anziehend, aber auch entwertend gegenüber anderen, manchmal verletzend. Eigentlich sucht der Narzisst nach Anerkennung und Liebe, die er aber nicht findet, weil er durch seine Grandiosität Menschen abstößt. Im Inneren ist er oft schwach und zerbrechlich, darum muss er die Fassade des Grandiosen oder auch grandios Aufopfernden aufrechterhalten. Auch das Gebrauchtwerden kann eine narzisstische Komponente haben. Eine Ursache kann der Narzissmus in zwei Extremen haben: Vernachlässigung oder Überbehütung in der Kindheit.
Was bedeutet das nun für unser Glück? Gesellschaftlich betrachtet leben wir in einer narzisstischen Kultur, die genau diese Dynamik auf die große Bühne zerrt. Wir sollen uns verwirklichen, grandios und besonders sein, scheitern aber ständig daran, weil alle anderen es besser können oder wenigstens so scheinen. Durchs Internet ist unser Vergleichsmaßstab die gesamte Welt geworden. Um besonders glücklich werden zu können, brauchen wir allenthalben Hilfe. Hier kommt nun der Glücksmarkt ins Spiel – von Coachings über Naturheilverfahren und Meditationen bis zu Wellness-Retreats. Die Glückstyrannen, die sich geschickt als Glücksbringer tarnen, lassen uns dann wissen, dass wir leider noch immer ungenügend sind – sie holen uns also genau dort ab, wo wir am verletzlichsten sind: an unserem wackeligen, krisengeschüttelten, von Verlust- und Abstiegsängsten geplagten Selbstbewusstsein. Wir stehen zusätzlich unter Strom, da wir in den vergangenen Jahren eine weitere narzisstische Lektion gelernt haben: Wir sind verletzlich – das stimmt objektiv, wie die zahlreichen simultanen Krisen der Gegenwart zeigen: Kriege, Klimakatstrophe, politische Instabilität. Zugleich haben wir gelernt, dass wir verletzlich sein müssen. Die aktuelle Pseudo-Sensibilisierung hat aus uns eine Gesellschaft von Schwerverletzten gemacht, die Empfindlichkeit für sich und Empörung gegen andere beansprucht. Unsere Empfindlichkeit hat uns für Empfindsamkeit taub gemacht Die Hypersensibilisierten sind die perfekten Opfer der Glückstyrannei, da sie sich in ihrer grandiosen Schein-Sensibilität andauernd verletzt fühlen müssen. All den Klangschalen- und Pendelbeschwörern sind Tür und Tor geöffnet.
Glück hat zwei Dimensionen. Auf der einen Seite ist das Moment des Schicksalhaften, des Zufälligen und des für uns nicht Beeinflussbaren. Das ist gemeint, wenn wir davon sprechen, dass wir Glück hatten oder Glück haben. Hier sind wir abhängig von den Umständen unserer Umgebung, von Einflussfaktoren, die sich uns entziehen. Die zweite Bedeutung des Glücks ist das »Glücklichsein«, hier geht es um ein Wohlergehen, auch um ein Ziel, das zu erreichen ist. Während wir beim zufälligen Glück scheinbar vollständig abhängig sind, sind wir beim zweiten Glück scheinbar bedingungslos unabhängig. Ich werde mich in erster Linie mit der zweiten Bedeutung des Glücks beschäftigen. Mit dem Teil, von dem wir uns einreden, ihn erreichen zu können, wenn wir uns anstrengen. Für diese beiden sehr unterschiedlichen Formen des Glücks gibt es in anderen Sprachen auch verschiedene Wörter. Im Französischen etwa chance und bonheur, im Englischen luck und happiness. Im Deutschen haben wir für alles nur ein Wort, nämlich Glück. Wir werfen also alles in einen Topf und lassen es dort vergammeln, bis wir uns nur noch daran vergiften können. Bei Vapiano hat das ja auch viele Jahre sehr gut funktioniert.
Wer kann in dieser schwierigen Situation helfen? Vielleicht die alten griechischen Denker. Schon sie verbanden das Glück stärker mit einem Akt der Selbstbestimmung als mit dem Zufall. Aristoteles nannte den Zustand vollendeten Glücks eudaimonia, was mit Glückseligkeit übersetzt wird. Im Unterschied zu unserem heutigen Verständnis geht es hier gerade nicht um einzelne Glücksmomente, »denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich und selig«, schreibt er.[6] Das ist richtig. Zumal es dank des Klimawandels wahrscheinlich bald sehr viel Sommer, aber darum kaum noch Schwalben geben wird. Vielmehr geht es darum, »ein volles Leben hindurch« ein tugendhaftes Leben zu führen – ein Leben also, das Maß und Mitte zwischen den Extremen hält. Das Endziel dieses guten Lebens ist dann die Glückseligkeit als höchstes Gut. Das Besondere ist nun: Beides ist zwar eine rationale Angelegenheit, zugleich gehört das Sinnliche explizit dazu: Das Leben bedarf »der Lust nicht wie einer äußeren Zugabe, sondern es hat dieselbe schon in sich«.[7] Kurz: Der Mensch muss zwar viel hirnen und hadern, aber »ein bisschen Spaß muss sein«, wie es der große Philosoph Roberto Blanco einst griffig auf den Punkt brachte. In der Glückseligkeit erlebt der Mensch nun das, was Aristoteles Selbstgenügsamkeit nennt. Ein Wort, das uns zwanghaft narzisstischen Gegenwartshektikern in etwa so fremd vorkommen muss wie eine Antwort von ChatGPT, die mehr als drei Sekunden auf sich warten lässt.
Die Pointe bei Aristoteles ist: Er denkt Ethik und Glück zusammen. Nur das gute Leben ist immer auch ein glückliches Leben. Hat Aristoteles da vielleicht abgeschrieben bei Gretchen Rubin? Es wird Zeit, dass da mal ein Plagiatsjäger sein Köpfchen drüberbeugt und dafür sorgt, dass dieser Aristoteles in Zukunft keinen wichtigen Posten mehr bekommt!
Gretchen hatte ja das glückliche Leben zur Voraussetzung des guten gemacht. Damit stellt sie eigentlich Aristoteles’ Ansatz auf den Kopf. Mit gravierenden Folgen, die vor allem eines bringen, nämlich Unglück.
Indem wir das glückliche Leben zum Selbstzweck und zur Voraussetzung überhaupt des Lebens ernannt haben, machen wir aus dem sowieso schon problematischen Recht, glücklich zu sein ein Gebot, glücklich zu sein. Gebot klingt harmloser, als es ist, denn es sagt: Du bist der Schöpfer deines Glücks.Du allein musst dafür sorgen, dass du es findest. Wenn dir das nicht gelingt, bist du gescheitert.
Glück wird somit zur Norm und im nächsten Schritt zum Zwang, an dem sich der Mensch – der einzige Störfaktor in dem ganzen Unterfangen – messen lassen muss. Damit sind wir mitten in der Glücksdiktatur des 21. Jahrhunderts. Die binäre Formel Glück oder Unglück wird fortgesetzt von den Formeln »gesund-ungesund«, »positiv-negativ«, »normal-abnormal« und »gut-böse«.[8] Das sind brutale, totalitäre Zuspitzungen, die perfekt korrelieren mit dem autokratischen Zeitalter, in dem wir gerade zu leben beginnen. Oder anders: Ich werde versuchen zu beschreiben, dass ein Gutteil dessen, was wir heute als Glück bezeichnen, Wegbereiter eines neuen illiberalen Zeitalters war und ist. Kurz: Wir alle sind Elon Musk. Mehr dazu später.
Die Frage dieses Buches ist also: Was soll Glück heute sein und was kann es ein? Die erste Frage – Was soll Glück? – führt zu den Manipulationen der Glückstyrannei, die zweite – Was kann Glück? – zu der Frage, was sich Menschen unter Glück vorstellen. Die dritte Frage – und das ist die vielleicht entscheidende – lautet: Was passiert, wenn wir das Glück gar nicht mehr anstreben, wenn wir das Wort aus unserem Wortschatz streichen und als Zielort aus unserem inneren Navi löschen? Was können wir dann an seine Stelle setzen? Zufriedenheit? Na ja, das mag auch in Ordnung sein, ist aber auch nichts wirklich Neues. Die Frage ist also: Wie können gutes und glückliches Leben so viele Jahre nach ihrer Trennung vielleicht wieder zusammenfinden?
Der Psychologe Viktor E. Frankl formulierte in Bezug auf gelingende Sexualität einen Gedanken, der sich als Folie über sämtliche Glückserfahrungen legen lässt: »Je mehr es dem Menschen um die Lust geht, umso mehr vergeht sie ihm auch schon. Je mehr er nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.«[9] Das Glück ist ein scheues Reh. Wird es, wie heute üblich, grell ausgeleuchtet und damit überbelichtet, entzieht es sich, schlägt sich in die Büsche, tarnt sich geschickt und der Suchende verliert seine Spur im Unterholz. Oder es fällt wie das Reh auf der Autobahn vor den Scheinwerfern eines Wagens in eine Starre. Was folgt, ist ein Aufprall, aus dem das Reh tot und der Mensch hinter dem Steuer mit einem Totalschaden zurückbleibt. Beides klingt für alle Beteiligten weniger nach dem, was Glück sein könnte. Es sei denn, du machst es wie ich und hast keinen Führerschein.
Der Jakobsweg des modernen Glückssuchers führt direkt in die Messehallen, mit Hunderten anderen Glücksgeilen, die alle viel zu viel Geld bezahlt haben, um begeistert irgendeinem Guru zu lauschen. Dort auf der Bühne präsentiert sich ihnen der Inbegriff von Erfolg: leicht zu erkennen am Bügelmikro im Gesicht und bewaffnet mit einem Flipchart, das ein Klassenzimmer in Bergisch Gladbach gerne seit 1985 zurückhätte. Alle diese Lifecoaches haben durch sie selbst patentierte Glücksrezepte und Leitfäden für ein perfektes Leben. Sie coachen dich aus einem Elend hinaus und ins nächste hinein. Dieser Markt boomt mehr als je zuvor. Zwischen 2017 und 2021 hat sich die Zahl der gebuchten externen Coachings in Unternehmen verdoppelt.[10] Das kann ich aus meinen subjektiven Eindrücken bestätigen: Fast alle Leute, die mir begegnen, machen ein Coaching oder geben eines – oft gleichzeitig. Wer im 21. Jahrhundert das wahre Glück sucht, der muss in die Hölle der Löwen.
Mein wirklich wahrer Weg zu meinem wirklich glücklichen Selbst beginnt mit einem Anruf bei Damian Richter aus Gifhorn, einem der Zampanos der Szene, bekannt auch für psychotherapeutische Spontanheilungen. Das will ich, denke ich, während ich gar nicht so genau weiß, wovon ich eigentlich geheilt werden muss. Vielleicht von mir selbst. Über die Website buche ich ein »kostenloses Erstgespräch«. Obwohl ich dort darauf hingewiesen werde, dass Damian derzeit »unzählige Anfragen« erhält, bekomme ich komischerweise bereits eine halbe Stunde später einen Telefontermin. Jessy, eine Mitarbeiterin, ruft an. Auch sie betont, dass sie derzeit außerstande sei, mir zu sagen, ob es vor dem Hintergrund der riesigen Nachfrage noch einen Platz für mich gebe. Ein klassisches Muster: künstliche Verknappung. Weckt Begehrlichkeiten beim Kunden und macht den Coach noch anbetungswürdiger.
Ob das mit mir und Damian passt, könne erst ein zweiter Coach in einem zweiten Gespräch klären, erläutert Jessy, dafür werde mich dieser zweite Coach nochmals anrufen. Jessy vermittelt mir das Gefühl, dass ich beweisen muss, es wert zu sein, vom Meister gecoacht zu werden. Eine spannende Umkehrung der Beweislast: Sollte nicht eher der Coach beweisen, dass er der Richtige für mich ist? Schließlich will er ja mein Geld. Der Kunde ist hier nicht König, sondern Knecht. Ich komme mir ungenügend vor – und das war ich ja vorher schon, sonst wäre ich nicht so furchtbar beratungsbedürftig.
Drei Stunden später lerne ich in einem eilig anberaumten Zoom-Call Coach Olli kennen. Er hat sich eine ganze Stunde Zeit genommen, für mich und meine Probleme. Olli ist ein junger Typ, vielleicht Anfang 30, kurze dunkle Haare, etwas zu aufgedreht. Ich erzähle Olli, dass ich Mitte 40 und in einer Lebenskrise bin, aber ich sage natürlich: Midlife Crisis. Dass ich einige Blockaden habe, die in meiner Lebensgeschichte begründet liegen. »Du bist schon auch ein bisschen reflektiert«, sagt Olli. Nun habe ich Angst, ich könnte überqualifiziert sein. Die Beweislastumkehr greift bei mir. »Was ist denn das, was dich aufhält?«, will Olli wissen. Ich habe das Gefühl, immer kämpfen zu müssen, antworte ich. Ich habe keine Freunde, alle sind gegen mich, ich bin sicher, das hängt mit meiner Vater-Beziehung zusammen. »Du willst wohl nach den Sternen greifen, merkst aber, dass du in den Wolken hängen bleibst.« Ich überlege kurz, Olli zu fragen, ob er auch die Songtexte für Helene Fischer schreibt. Aber ich möchte kein Risiko eingehen, die Plätze sind ja knapp.
Doch davon ist plötzlich nicht mehr die Rede, ich werde geradezu angeworben. »Du hast eine coole Persönlichkeit«, sagt Olli. Von Jessy habe er gehört, dass ich Autor sei und Satire mache. (Ich hatte mich mit einer Mailadresse angemeldet, die zu meiner Website führt, aber offenbar hat Olli mich nicht gegoogelt. Gut so. Ich nutze seine Naivität und mache sie zu meiner eigenen:) »Ja, ab und zu trete ich auf Bühnen auf.« Ob ich Instagram nutze? Ja, ein bisschen. Nach etwa 20 Minuten will Olli wissen, ob ich mich nur coachen lassen oder auch Coachings beruflich nutzen wolle. Die meisten Lifecoaches haben eine vermeintlich spezielle Expertise, mit der sie ihre Teilnehmer schulen. Beim einen kann man dann Top-Speaker werden, beim anderen eben Coach, wie bei Damian. Er coacht Leute, um sie zu Coaches zu machen. Das ist exponentielles Wachstum. Eine Coachingpandemie. Getreu dem Beratermotto: Was du selbst nicht auf die Kette kriegst, das bringst du anderen bei. Ich antworte, zunächst möchte ich etwas über mich erfahren und dann sehen wir weiter.
Es kommt zügig zum Verkaufsgespräch. Er habe gute Nachrichten, meint Olli, die Academy – also fünf Masterclasses, namentlich Marketing, Finanzen, Giant, Goal und Destiny – könne er zum Sonderpreis von 4997 Euro anbieten. Eigentlich sei das Angebot abgelaufen, aber er sei sicher, er kriege mich da noch rein. Anschließend könnte ich noch die große VAK-Coaching-Ausbildung machen, für weitere 2400 Euro. Das lehne ich ab. Der Rest geht schnell: Geld am besten sofort jetzt zahlen, alles voll seriös, keine Sorge, TÜV-zertifiziert, und dann kann es direkt online losgehen, Freischaltung quasi jetzt, also nach Zahlung, Widerrufsfrist erlischt quasi gestern. Ich denke: Lifecoaching ist auch nur just another Drückerkolonne.
Lektion eins auf meinem Weg zum Glück: Hänge nicht zu sehr an deinem Geld, wenn es einen extrem niedrigen Sonderpreis gibt.
Knappe zwei Monate später gehöre ich zu den rund 900 Auserwählten, die trotz strengster Limitierung Casting und Recall erfolgreich absolviert haben, um nun happy zu werden bei der Destiny Masterclass – Meistere dein Schicksal. Nur das Schicksal ist dazu in der Lage, einen Menschen freiwillig nach Braunschweig zu führen – genauer in das Millennium Event Center, eine gesichts- und charakterlose Mehrzweckhalle außerhalb der Stadt. Ein Name, der in Sachen Trostlosigkeit nur übertroffen wird von »Tank & Rast Raststätte Bruchsal West«. Die Plakate vor dem Eingang verraten, dass auch Ikke Hüftgold hier bald auftreten wird. Ich habe Panik, dass mich das Coaching so umprogrammieren wird, dass ich dort auch noch hinwill.
Auf der Bühne sehe ich Olli, der mit ein paar anderen hauptberuflich jung-dynamischen Menschen zu Ibiza-Partymusik den Vortänzer gibt. Die Sitzreihen sind abgesperrt, die vom Leben gebeutelte Crowd soll sich erst einmal warmtanzen. Über der Bühne hängt eine gigantisch große Leinwand, hinten im Saal stehen vier professionelle Fernsehkameras. In schnellen Schnitten übertragen sie alles, was im Saal passiert, oben auf die LED-Wand. Wann immer ich etwas orientierungslos umherirre, spricht mich irgendein Coach an und fragt, was er für mich tun könne. Er erinnert mich an das schöne Rilke-Zitat »denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht«.[11] Nach dem Eingangstanz suche ich mir einen Platz. Ich bin schüchtern und in einer Lebenskrise, daran muss ich mich immer wieder erinnern. Also besser recht weit hinten. Neben mir ein Mann Mitte 30, er fragt mich, ob ich das erste Mal hier sei. Er war offenbar schon im vergangenen Jahr mit dabei. Ich frage, was ihm die Tage gebracht hätten. Danach habe er seine Freundin »auf den Pott gesetzt«, sagt er. »Das war sehr notwendig.« Klare Grenzen hat er gezogen. Der Fakt, dass er zum zweiten Mal da ist, gibt mir zu denken. Heißt das, dass die Masterclass gar nicht hilft? Dass die Freundin ihm schon längst wieder sagt, wo es langgeht?
Damian steht oben auf der Bühne im Fokus der Kameras. Wie ein Rockstar. Er trägt weißes Hemd, blaue Jeans und Pilotenbrille, die grau melierten Haare nach hinten gegelt. Wie ein Frank-Thelen-Doppelgänger, den man für Sparkassen-Weihnachtsfeste buchen kann. Ich bekomme Angst, dass er mir gleich einen Bausparvertrag, eine Lebensversicherung und einen Staubsauger im Paket verkaufen will.
Über 300000 Menschen will er in den vergangenen zehn Jahren schon gecoacht haben. Seine Geschichte ist die klassische Aufsteigergeschichte: als Kind gemobbt, weil er auf dem rechten Auge schielt, als Erwachsener hintergangen von einem Geschäftspartner, bleibt er auf mehr als acht Millionen Euro Schulden sitzen und versucht, sich in der Badewanne umzubringen. Zum Glück überlebt er und es gibt das große Happy End: Dank eines Coachings (wie sonst?) wird er nicht nur glücklich, sondern auch reich. Es ist eine Geschichte so einfach wie bei einem Disneyfilm, für den ChatGPT das Drehbuch schreibt.
Lektion zwei auf dem Weg zum Glück: Du brauchst einen harten Lebenslauf und viel Haargel.
Obwohl es hier um unser Schicksal geht und darum, wie wir es zu meistern lernen, ist Geld ein erstaunlich großes Thema. Warum wir nicht reich seien, will Damian einmal wissen und hat auch gleich die Antwort: weil wir es uns nicht trauten. Weil Reiche seit unserer Kindheit böse Menschen seien. »Es ist so viel Geld im Umlauf wie nie zuvor – hast du dich schon mal gefragt, warum es nicht bei dir ist?«, fragt er. Ab und zu protzt er, wie viel Geld er schon gemacht habe, nämlich mehr als doppelt so viel wie das, worauf er damals als Schuldner sitzen geblieben war. Das alles erzählt er schamlos in einem Saal, in dem auf die Frage, wer finanzielle Probleme hat, über zwei Drittel die Hand heben.
Damian duzt sein Publikum. Wenn er etwas sagt, was er für besonders richtig und wichtig hält, fragt er: »Wahr oder wahr?« Die Menge brüllt dann: »Wahr!« Ich zucke angesichts dieser schafsherdenhaften Zustimmung zusammen. »Ihr werdet mich geliebt und gehasst haben. Das ist normal, ich kann das aushalten. Ihr werdet emotionalen Muskelkater erleiden. Ich werde euch mitnehmen ins emotionale Fitnessstudio.« Was soll das sein? Ein McFit, in dem alle auf dem Stepper heulen?
Am ersten Tag geht es um den Ist-Zustand, darum zu verstehen, was ich bin: ein Opfer-Ich. Ein Loser, der bis jetzt nichts bis gar nichts hingekriegt hat, der in Ketten liegt, gefangen in Mustern, die mich daran hindern, dort zu sein, wo ich gern wäre, auch wenn ich selbst noch gar nicht weiß, wo das ist. In diesen fünf Tagen wird sich das alles ändern. Danach werde ich ein neuer Mensch sein.
Vor rund 25 Jahren gab es diese Leute auch schon. Damals hießen sie Managementtrainer, der berühmteste von ihnen war Jürgen Höller. Es waren Leute, die laut »tschakka tschakka« riefen. Ihre Zielgruppe war eine gesellschaftliche Elite. Hier in der Halle sitzen Leute, die in der Mehrheit zwischen 30 und 60 Jahre alt sind, viele sehen aus wie ehemalige Waldorfschüler aus Neckargemünd. Manche sind sogar sympathisch. Damian ist auch mehr als ein billiger Aufguss von Jürgen Höller. Er ist vielschichtiger, emotionaler. Vielleicht gerade darum auch manipulativer. Er macht jetzt eine Atemübung. Wir sollen unsere Zweifel ausatmen, »all das, was du nicht kannst, was du nicht bist« soll raus, um dem wahren Ich Platz zu machen. Dieses wahre Ich ist dann »GAIL – Ganz angekommen im Leben«.
Lektion drei: Wer das Glück sucht, muss ständig in irgendwelchen Abkürzungen sprechen.
Am Abend im tristen Braunschweiger Hotel denke ich: Der psychologische Kniff ist eigentlich einfach. Jetzt ist klar, dass wir alle in einem Zustand des Mangels leben, und weil der zu einer Art Gewohnheit geworden ist, bietet er Sicherheit. Was her muss, ist eine Rekonditionierung, eine Art menschliche Umprogrammierung, ein Update. Das soll in den kommenden Tagen stattfinden. Um aus dieser Malaise herauszukommen, muss ich arbeiten, sehr hart arbeiten – und zwar an mir und nur an mir. Weit über diese Tage hinaus. Denn diesen Mangel, in dem ich bin, habe ich mir ausgesucht – und zugleich kann ich nichts dafür. Es sind paradoxe Sätze, die bleiben und doch davonschweben. Ich wünschte mir diese Gedanken in größerer Klarheit, aber irgendwie bleibe ich in den Wolken hängen, um mit dem großen Gifhorner Philosophen Olli zu sprechen. Klar ist nur eines: Es muss sehr schlecht um mich stehen. Nach diesem stundenlangen Bullshit-Bingo in der Messehalle brauche ich jetzt dringend eine Spontanheilung – und zwar von diesem ersten Workshoptag.
Was ist Lifecoaching eigentlich? Bei Lichte betrachtet, eine Schrumpfform der Beratung. Seit es Menschen gibt, gibt es jene, die Beratung brauchen, und jene, die sie anbieten. Genau genommen war Jesus Christus auch nur ein Berater und die zwölf Dudes, die mit ihm rumgehangen haben, waren Teil seiner Coaching-Masterclass »Meistere dein Kruzifix«. Wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe, war das Coaching nur sehr bedingt erfolgreich. Philosophen wie Platon und Aristoteles waren auch Lifecoaches, nur eben ein wenig leiser, weniger aufdringlich und plump als viele der heutigen. Und LED-Wände hatten sie auch nicht. Aristoteles ist so etwas wie ein feiner, zurückhaltender Beratergeist. Er gibt keine Tipps, wie der Mensch glücklich werden kann, er gibt nur Hinweise zum guten Handeln, »das wiederum die Voraussetzung für das höchste Gut, also die eudaimonia, also Glückseligkeit, darstellt«.[12] Aristoteles sprach darum auch von der Wohlberatenheit. Welch ein schönes Wort! »Als wohlberaten gilt ihm nur derjenige, der sich im Hinblick auf das Gute und hinsichtlich des guten Erreichens dieses Ziels gut berät.«[13] Wenn ich also Schwimmen lernen will, um Rettungsschwimmer zu werden, sollte ich mir nicht einen Nichtschwimmer zum Lehrer nehmen.
Lange waren auch Kirchen und ihre Vertreter eine Art Fixpunkt der eigenen Erleuchtung oder einfach nur zur Befreiung von Sünden. Heute, da die Kraft religiöser Verführer schwindet und das Gefühl der Krise auf Dauer gestellt ist, scheint beides den Beratern in die Karten zu spielen. Denn das, was uns interessiert, wenn die Welt um uns herum zusammenzubrechen scheint, sind am Ende wir selbst und unser ganz individuelles Glück, auf das wir doch verdammt noch mal ein Anrecht haben! Damit schlug die Stunde der Lifecoaches.
Jeden Schritt soll der Mensch heute nur wagen, wenn er einen Berater an der Seite hat. Das geht schon vor der Geburt los, mit Schwangerenkonfliktberatung, Pränataldiagnostik etc. Das Interessante ist, dass Berater nie Verantwortung übernehmen. Mindestens nicht für ihre Ergebnisse. Sie haben eine Prozessverantwortung, aber was ihre Schäfchen aus dem machen, was sie da verzapfen, das fällt allein den Schäfchen auf die Klauen. So konnte eine besonders geniale Gruppe ein neues Businessmodell entwickeln: die Unternehmensberater. Das Prinzip ist simpel. Ein Unternehmer engagiert einen Berater, um ein Problem zu lösen, das er selbst geschaffen hat. Aber der Berater fasst es nochmals mit schönen Grafiken auf einem PDF zusammen. So muss der Chef die Verantwortung für eine große Entscheidung, etwa die Kürzung Hunderter Stellen, nicht selbst tragen, sondern kann sie auf den Berater abwälzen. Sogar für die Kündigung gibt es heute Kündigungsberater, auch Freisetzungscoaches genannt.
Das unterscheidet Berater von Betreuern. Eine Pflegerin in einem Altenheim hat immer auch Verantwortung für die Folgen dessen, was sie tut. Fällt die Oma aus dem Bett oder nimmt die falschen Pillen, hat die Pflegerin ein Problem und wird sich schwerlich so rausreden können: »Aber ich habe die Pillen ja nur auf den Nachttisch gelegt – was Oma mit denen macht, ist ihr Ding!«
Coaches funktionieren wie soziale Medien. Sie verstehen sich auch als Kanäle und Leitungen, letztlich als Spielplatz unterschiedlicher Inhalte, für deren Prügeleien sie aber nicht verantwortlich sind. Ein Verlag oder ein Sender haftet stets für das, was er publiziert oder ausstrahlt. Diese Verantwortungslosigkeit der Coaches ist ein mieser Psychotrick: Übt der Klient Kritik, ist er unzufrieden – oder geht es ihm anschließend schlechter als vor der Beratung –, ist es allein seine Schuld. Dann ist er eben beratungsresistent, ein hohler Betonkopf. Noch schlimmer wäre nur das Label beziehungsunfähig. Da hilft dann nicht mal der Beziehungscoach.
In Deutschland gibt es nach Schätzungen etwa 30000 Coaches, davon 10000 Businesscoaches. Weltweit ist der Markt in den vergangenen sechs Jahren um 50 Prozent gewachsen.[14] Experten gehen davon aus, dass nur rund jeder fünfte Coach seriös ist, weil er qualifiziert ausgebildet ist.[15] Das ist immerhin eine bessere Erfolgsquote als beim Lotto. Der Titel ist nicht geschützt, jeder Depp kann sich Coach nennen und loslegen. Zweifellos gibt es sehr gute Berater und sehr gute Coaches. Beides habe ich immer wieder erlebt. Auch ich habe Menschen um mich herum, die mir Rat geben. Es gibt Berater und Coaches, die ihre Sache verstehen, die verantwortungsvoll arbeiten und wissen, was sie können – aber auch wissen, was sie nicht können. Vielleicht ist das der Maßstab für einen guten Coach: Ist er selbst messbar an dem, was er sagt? Oder sind es Mythen, mit denen er um sich wirft, die mit Absolutheitsanspruch daherkommen und denen bedingungslos Folge zu leisten ist?
In der Zeit, als ich jung beim Radio gearbeitet habe, lachten wir immer über einen Berater, von dem alle wussten, dass er jedem Sender in Deutschland dasselbe erzählt. Und alle Programmchefs waren ähnlich begeistert von seinen Vorschlägen. Das ist übrigens bis heute so: Es soll Coaches geben, die durchs Land fahren und hessischen Regionalsendern empfehlen, die schönsten Berge Hessens zu zeigen, den bayerischen empfehlen sie die schönsten Berge Bayerns und einige haben sogar den norddeutschen Regionalsendern die schönsten Nordseestrände Baden-Württembergs vorgeschlagen. Schon zu meiner Radiomoderatorenzeit war das Ziel der Medienberater Risikominimierung, nicht etwa Originalität oder Lust an neuen Ideen. Wenn am Schluss die Hörerzahlen stiegen, war es das Verdienst des Chefs. Waren die Zahlen mies, war der Berater schuld. Man nennt das die Cover my Ass-Strategie. Dahinter steckt Angst vor der falschen Entscheidung.
Auch die Medien selbst sind seit den 1950er-Jahren Organe der Beratung geworden. Unvergessen das Dr. Sommer-Team – Margit und Michael – in der Bravo, das meine Generation aufklärte. Und natürlich die Seiten Liebe, Sex und Zärtlichkeit mit zwei nackten Jugendlichen am Seitenrand, die immer zufälligerweise so aneinander rumspielten, dass man mehr von der Frau sah als vom Mann. Bis heute verstehe ich nicht, warum das so gewesen sein könnte (Zwinker-Smiley). Liebe, Sex und Zärtlichkeit war wie Baywatch: Man schaute es nur wegen der Dialoge. Mit Hochspannung erwartete man Antworten auf Fragen wie: »Habe ich Krampfadern am Hoden?« Oder knallharte Forderungen wie: »Ich will endlich meine Tage!«
Vorläufer war die Constanze, eine der ersten Frauenzeitschriften Westdeutschlands. Unter der Überschrift »Ist Ihre Frau richtig angezogen?« fragte Constanze für meinen Geschmack doch eher so, als habe sie die Zielgruppe Mann beraten wollen. Dazu gab es Pros und Contras zu Fragen wie: »Heiraten vor 26?« Selige unpolitische Zeiten. Heute findet man selbst in Frauenzeitschriften nur noch Pros und Contras zu: »Bikiniwetter im Februar – gibt es den Klimawandel?«
Hier war der Partnerschaftsberater Walther von Hollander tätig – ehe er in der Fernsehzeitschrift Hörzu anschließend unter weiblichem Pseudonym in der Rubrik »Fragen Sie Frau Irene« mit Rat und Tat zur Seite stand. Das wäre heute wohl sexuelle Aneignung – oder einfach KI. Aber damals in den 1950ern konnte der Mann einfach alles, sogar als Frau beraten. Jeden Tag soll Hollander gerufen haben: »Ich will auch endlich meine Tage!« Später wechselte er zum Radio – als Mann! Dort moderierte er die erste Radiotalkshow mit Hörern, sie hieß »Was wollen Sie wissen?« und lief im NDR.
Hollander war der Jürgen Domian der Trümmerjahre. Domian trat rund vierzig Jahre später in Erscheinung: Ab 1995 war er jede Nacht im Radio auf Eins Live und im WDR-Fernsehen auf Sendung. Der Charme des Formats: Er saß in einem Radiostudio mit Mikrofon und Kamera, die er selbst jeden Abend kurz vor Sendebeginn um ein Uhr nachts aus dem Schrank holte. Heute wäre das ein ganz normales YouTube-Format, das jeder, der keinen ganzen Satz fehlerfrei in eine Kamera sprechen kann, täglich zu Hause produziert. Nur eben ohne Anrufer, stattdessen im Selbstgespräch mit einem Kumpel, der auch nur sich zuhört. Das heißt dann Videopodcast.
Domian begleitete mich von seiner ersten Sendung an durch meine Jugendjahre. Ich nahm die Sendungen noch auf VHS auf und schaute sie mir später an. Er war wie ein großer Bruder für mich. Er gab mir in einer schwierigen Zeit Sicherheit und Orientierung und ergänzte meine Vorbilder aus der Unterhaltung um die Faktoren Tiefe und Nachdenklichkeit. Er war für mich als ständig unglücklich verliebter Teenager ein Halt und zeigte mir: Wenn es Leute gibt, die mit Hackfleisch schlafen, dann ist es möglicherweise doch nicht der Untergang des Abendlandes, mit 17 Jahren immer noch keinen Sex gehabt zu haben – und zwar weder mit Hack noch mit einer Frau. Beratung und Unterhaltung begegneten sich in diesem Format: Domian war kein Psychotherapeut, sondern firmierte als guter Freund von nebenan, der seine Meinung sagte. Vorbild waren die Talkradios in den USA, wo die Gastgeber aber kantiger, oft härter waren und auch stärker polarisierten. In Deutschland war das alles eine Stufe harmloser und netter. Und damit genug der Nostalgie.
In der Welt von heute sind Berater und Coaches in erster Linie Parasiten. Sie setzen sich in eine Lücke. Es ist die Lücke zwischen Ist und Soll, zwischen Problem und Lösung, zwischen Überlegung und Handlung.[16] Sie sind »nicht auf der Sache, sondern auf der Beziehung«.[17] Sie tauchen auf, um einen Organismus, ein System, zu (zer)stören. Sie werden als Störung eingekauft. So sind sie meist Instrumente in der Hand der Mächtigen, also der Entscheider. Diejenigen, die das Geld haben oder glauben, noch viel mehr davon zu brauchen. Für ihre Auftraggeber sind sie ein Moment der Entschleunigung. Sie drücken die Pausetaste der Entscheidung. Der Mensch heute dreht sich so sehr um sich selbst, dass ihm irgendwann ganz schwindelig wird, sodass er sich dann übergeben muss. Auch das schafft er nicht mehr allein, dafür braucht er zwei weitere Coaches: einen, der ihm den Eimer besorgt, und einen, der ihm den Kopf hält. Bei denen, die beraten werden sollen, beim Radio wir Moderatoren, passiert das Gegenteil: Sie fühlen sich unter Stress gesetzt. Berater wie Coaches locken mit dem Versprechen auf die ungeheure Intimität eines fast schon geheimen Wissens. Gute Coaches sind darum auch gute Showleute, sie sind Verführer und Emotionsmanager, beherrschen das Leise genau wie das Laute, letztlich sind sie Geschichtenerzähler. Sie beherrschen das Storytelling. Wer all das originell zusammenbringt, kann in die Nähe des Gurus aufsteigen. Schlaue Berater leben von einem Dreiklang aus Erregung, Not und Heilserwartungen. Sie müssen Erregung (»Es muss sich etwas ändern und zwar schnell!«) mit der Not verbinden (»Alles, was ist, ist noch nicht gut genug und müsste noch viel besser sein!«). Ja, sie müssen die Not erst hervorrufen. Sie müssen die Ratlosigkeit erzeugen, die Beratung nötig macht. Sie müssen das Problem schaffen, das sie anschließend zu lösen vorgeben können. Und vor allem: Sie müssen ein Heilsversprechen aus dem Hut zaubern. Das ist das Wichtigste. Ob die magische Medizin hilft oder nicht, ist nebensächlich.
Der nächste Tag beginnt morgens um 9 Uhr. Wir sind acht Leute, die zu einem Team zusammengewürfelt wurden. Auf den beiden Stühlen vor uns stehen zwei Junior Coaches, die beide vollkommen übermotiviert mit einem Pappschild fuchteln, auf dem steht, was und wer wir sind: »Wir Power Phoenix scheinen hell und klar! Wir sind grenzenlos und unschlagbar!« Power Phoenix, so heißt unsere Gruppe, unsere Farbe ist Orange, wir bekommen ein Halstuch, das wir nun tragen müssen. Ich fühle mich wie einer der verkleideten Pudel der Jacob Sisters. In den anderen Ecken des Vorraums stehen die Sunshine Beats, sie tragen gelbe Warnwesten, und wenn ich zu ihnen rüberschaue, denke ich, es ist ein Unfall passiert. Wieder eine andere Gruppe heißt Pink Angels. Sie klingt verdächtig queer, aber der Eindruck täuscht. Sie brüllt: »Pinke Energie gewinnt!« Die Gruppe, die am lautesten ist oder sich am wildesten verkleidet, hat die Chance, am nächsten Tag in den ersten Reihen zu sitzen. So muss es in der Pfadfindergruppe gewesen sein, in der ich nie war. Jeden Tag werden wir jetzt die zwei Kapitäne der Power Phoenix wählen. Wie die Klassensprecherwahl, bei der keiner antreten will, gucken alle auf den Boden und hoffen, dass es jemand anderen trifft. Seltsam, dabei hatten gestern noch fast alle beteuert, dass sie, wenn sie groß sind, auch Coach werden wollen. Zwei Frauen, die sich schließlich ihrem Schicksal ergeben, weil sie den Blick zu spät gesenkt haben, werden gewählt und der Rest der Gruppe soll sie nun unter Anleitung der Junior Coaches grundlos frenetisch bejubeln. Sie müssen sich auf die zwei Stühle stellen, um sich dort weiter grundlos bejubeln zu lassen. Meine Sitznachbarin, eine Heilpraktikerin aus dem Schwäbischen, fragt mich, ob ich hier nicht antreten wolle. Ich sage: Nein, ich bin zu schüchtern für die Bühne.
Lektion vier: Glück ist auch eine Frage des albernen Outfits.
Um 10 Uhr entert Damian die Bühne. Er läuft von hinten durch den Saal, lässt sich beklatschen und abklatschen, die Ibiza-Partykracher Vol. 4 donnern aus den Boxen. An diesem Vormittag gibt es Momente, in denen er mich wirklich erreicht. »Du hast nicht das Recht, von jemandem zu erwarten, dass er sich für dich ändert.« Eigentlich eine triviale Erkenntnis, aber in einer Zeit, in der sich der Einzelne zum einzigen Maßstab erklärt hat und sich die Welt als Erfüllungsgehilfe des eigenen Glücks erweisen soll, vielleicht doch ein applauswürdiger Gedanke. Einmal macht er eine fast einstündige Timeline-Session. Das ist eine gut erprobte Methode aus der Hypnose- und der systemischen Beratung. Die Teilnehmer schließen die Augen, versetzen sich zurück in ihr fünfjähriges Ich, ihr zehnjähriges und sechszehnjähriges und schließlich in ihr 21-jähriges Ich. Wer warst du damals, welche Stärken hattest du, wie hast du damals in die Welt geguckt? Es ist ein sogenanntes ressourcenorientiertes Tool, das Kraft, die einmal da gewesen sein mag, wieder freilegt und fürs Leben heute nutzbar macht. Viele im Saal sind tatsächlich berührt, einige haben Tränen in den Augen, wieder andere scheinen ganz ruhig und bei sich. Danach ist Pause. Die Worte hallen nach, sie könnten etwas bewegen. Das Einzige, was mich ablenkt, ist die Tatsache, dass die tränenerstickten Gesichter der anderen dauernd in Nahaufnahme auf der Leinwand zu sehen sind. Die Kameras schwenken die Tränen langsam ab. So beobachte ich mich selbst, wie ich andere dabei beobachte, wie sie so emotional sind, wie ich es vielleicht gern wäre. Ich fühle mich, als sei ich Teil einer absurden Live-Reality-Show. Bei der Sonja Zietlow gleich durch den Hintereingang kommt und mir sagt, dass ich jetzt jemanden nominieren muss für die Dschungelprüfung. Im Zweifel die Heilpraktikerin mit dem orangen Halstuch neben mir. Oder einfach mich selbst.
Lektion fünf: Wer das Glück finden will, muss manchmal auch vor Hunderten Menschen auf einer Leinwand weinen.
Damian ist immer dann überzeugend, wenn er einen Ausgleich findet zwischen dem, wofür der Mensch verantwortlich ist, und dem, was ihm mitgegeben wurde auf seinem Weg. Während ich da sitze in meiner Stuhlreihe und ihm zuhöre, denke ich an die Soziologin Eva Illouz, die eine spannende These über unsere Zeit entwickelt hat. Im Grunde steht der Mensch heute zwei sehr unterschiedlichen Herausforderungen gegenüber. Auf der einen Seite dem Du bist schuld!-Dogma, das sagt: »Du kannst alles erreichen. Du allein bist der Herr deiner Entscheidungen. Und wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch. Wenn du es nicht schaffst, bist du ein Loser.«[18] Dieses Dogma endet in einer brutalen, unnachsichtigen Welt, in der es nur Überflieger und Idioten, Opfer und Macher, Gesunde und Kranke gibt. Auf der anderen Seite steht das Die Umstände sind schuld!-Dogma und es geht so: Die Gesellschaft ist schlecht und ungerecht. Der Einzelne kann nichts dafür, er ist das Opfer der Bedingungen, unter denen er lebt. Während das erste Dogma die Freiheit überbewertet, schließt das zweite sie fast aus. Das erste stammt aus der Positiven Psychologie, das zweite aus der – meist linken – Soziologie. Heute prallen diese vollkommen unterschiedlichen Ansätze ständig mit voller Wucht aufeinander und stiften Angst und Verwirrung. Für unser Thema hier ist zunächst die Positive Psychologie entscheidend – sie ist so etwas wie die Mutter aller Coachings.
Die Positive Psychologie ist eine recht junge Schule des Fachs Psychologie. Im Lauf der vergangenen Jahre ist sie eine Wegbereiterin des heutigen Glücksterrors geworden. Für sie ist das Glas nicht nur halb voll, nein, es ist ganz voll, auch wenn es sichtbar leer ist. Der Vater dieser Denkschule ist der US-Psychologe Martin Seligman, der 1997 zum Präsidenten der Amerikanischen Psychologenvereinigung gewählt wurde. Wie kam er zur Positiven Psychologie? Durch eine »Erleuchtung«, wie er schreibt. Bescheidenheit ist weder seine Stärke noch die der Positiven Psychologie. Seligman jätet also Unkraut in einem Garten, zusammen mit seiner damals fünfjährigen Tochter, die ihn auffordert, endlich nicht mehr »so ein Meckerfritze zu sein«. Schlagartig wird ihm klar, dass er genau das ein Leben lang war. »Eine wandelnde dunkle Regenwolke in einem Haus voller Sonnenschein.«[19] Und das will er nun ändern – bei sich, in der Erziehung seiner Tochter und vor allem: auf der ganzen Welt. Schon der Name ist eigentlich Quatsch: Wenn es Positive Psychologie gäbe, was wäre denn die Negative? Eine, die Menschen nicht hilft, sondern sie erst recht vor den Bus schubst? »Positive Psychologie« ist ein Widerspruch in sich, so wie: »supergut gelaunter Mitarbeiter im Bürgeramt«.
Gemeint ist ein den älteren therapeutischen Schulen unterstellter Fokus aufs Problem. Laut Seligman geht es der traditionellen Psychologie zu sehr um die Krankheit und zu wenig um die Gesundheit des Menschen. Darum stellt er alles einmal von den Füßen auf den Kopf. Positive Psychologen sind die Zauberlehrlinge unter den Psychologen – das Problem ist nur: Ihre Tricks funktionieren nicht.
Hier drei anschauliche Beispiele: Seit vielen Jahren gibt es ein gut eingeführtes Handbuch, das Psychiatern und Therapeuten dabei hilft, psychische Probleme und Störungen zu beschreiben. Es heißt Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen (DSM). Die positiven Psychologen nun führen im Handumdrehen ein sogenanntes Handbook of Positive Psychology ein, wie es Martin Seligman und ein weiterer Kollege nennen.[20] Es hat zwar wissenschaftlich keine Bedeutung, aber Einfluss, etwa in der Bildung und der Organisationsberatung. Mir rollen sich schon die Zehennägel auf, wenn ich von geistiger Gesundheit höre. Wenn es geistige Gesundheit gibt, muss es ja auch geistige Krankheit geben. Was soll das sein? Über den Begriff der Geisteskrankheit für alles, was nicht den Körper betraf, sind wir ja glücklicherweise hinausgekommen. Auch diese sprachliche Unschärfe beweist nur eines: Positive Psychologie macht die Gesunden krank und die Kranken noch kränker.
Restlos absurd wird der Hokuspokus, wenn man sich die vollkommen haltlosen, scheinmathematischen Glücksformeln anschaut, die dem ganzen Geschnatter vom Glück zugrunde liegen. Sie lautet: G = V + L + W.[21] G steht für das Glück, das ein Mensch auf Dauer erreichen kann, V für die Vererbung, L steht für Lebensumstände und W ist der Wille. Also das, was wir durch Willensentscheidungen erreichen können. Seligman definiert nun ohne jede wissenschaftliche Grundlage – mehr oder weniger aus dem Bauch heraus: Die Genetik ist zu 50 Prozent für das menschliche Glück verantwortlich, der Wille bis zu 40 Prozent und die Lebensumstände, also Faktoren wie Einkommen, Bildung und sozialer Status zu zehn Prozent. Das ist gewürfelt und gehofft statt erdacht und erforscht.
Dass die eigenen Lebensumstände, die ja sehr viel bestimmen, kaum entscheidend für das Glücksgefühl sein sollen, ist wohl schwer haltbar. Zudem sagt Seligman, es gehe ohnehin weniger um die Umstände selbst als um unsere Wahrnehmung der Umstände. Wenn du also arm bist oder aus prekären Verhältnissen kommst, dann sorgt nicht das dafür, dass du mit anderen Voraussetzungen ins Leben startest als ein Akademikerkind, nein, es geht nur darum, ob du es auch so wahrnimmst – oder dir stattdessen jeden Abend einredest, du seist Millionär. Seligman sagt, dass »eine Veränderung der Lebensumstände, die Einfluss auf das Glück haben, meist kaum praktikabel und teuer« sei.[22] Neuere Studien zeigen, dass das Unsinn ist und dass langfristiges Glück, soweit Glück überhaupt messbar ist, allenfalls zu fünf Prozent von sogenannten Willensentscheidungen abhängt.[23]
Das zeigt die konservative Seite der Positiven Psychologie. Alles, was die Umstände der Welt, ihre Lebensbedingungen, verändern soll, ist letztlich sinnlos und vor allem teuer. Wir haben alles so zu akzeptieren, wie es ist. Alle Ungleichheit, aller Machtmissbrauch, alles soll am besten so bleiben, wie es ist. Wie rechtskonservativ die positive Psychologie ist, zeigt sich auch an denen, die sie finanzieren. Zusammen mit dem amerikanischen Zentrum für Alternativmedizin hatte die ultrakonservative religiöse John Templeton Foundation Seligman mit 2,2 Millionen Dollar Startgeld ausgestattet. Später gab es weitere rund 5,8 Millionen Dollar, damit er die sogenannte Positive Neurowissenschaft und die Rolle des Glücks und der Spiritualität in einem erfolgreichen Leben erforschte.[24] Positive Psychologie ist quasi Gaslighting als Wissenschaft.
Wie es vonstattengeht, wenn Damian auf eine traumatisierte Person trifft, konnte ich im Rahmen der Destiny Masterclass erleben: Auf einem seiner Streifzüge durch die Reihen seiner Jünger landet sein Mikrofon bei einer Frau, sie ist 53 Jahre alt. Er fragt, was ihr fehle zum Glück. Ihr Gesicht ist überlebensgroß auf der Leinwand. Es entspinnt sich ein Dialog, aus dem die ganze Abgründigkeit deutlich wird, wenn ein sogenannter Coach auf menschliche Abgründe trifft. Sie sagt: »Nie habe ich Glück mit Männern.« Damian macht sich über sie lustig: »Nie! Das ist aber ganz großes Drama!« Er fragt, woher das nie komme. »Weil ich als Kind sexuell missbraucht wurde.« Damian: »Das ist aber auch ein Miststück! Oft oder einmal?« Die Frau: »Sehr oft!« Die Kamera verharrt auf ihrem Gesicht. Sie wirkt angefasst. Damian schlüpft in die Rolle des Motivators. »Jetzt können wir da reinspringen und sagen: Das ist aber schrecklich, das ist aber schlimm, mindestens 120 Stunden Therapie! Aber du bist heute 53. Das ist 41 Jahre her. So gut wie keine deiner Körperzellen war damals dabei, als das passiert ist. Dein Körper kennt den Vorfall nicht, dein Körper hat sich schon ein paarmal erneuert, du holst etwas aus der tiefen Vergangenheit ins Hier und Jetzt, nimmst die Luftpumpe und pumpst das auf.«
Die Frau sagt: »Ich habe ihm nie verziehen. Ich habe eine Mauer um mich gebaut.« Was sie sich wünsche, sei ein Mann, der sie so liebt, wie sie ist, und dazu noch nett sei. Damian: »Bei deiner Vorstellung von einem Mann wundert es mich nicht, welche Erfahrungen du bislang gemacht hast. Vielleicht überlegst du dir mal, was du eigentlich willst.« Dann lässt er alle Männer im Saal aufstehen, die sich für einen tollen und netten Partner halten. So gut wie alle stehen auf. Er ruft: »Du hast einen Sechser im Lotto! So viele tolle Männer sind hier! Alles keine Neandertaler!« Applaus. »Das Problem ist, dass die meisten Menschen nicht wissen, was sie wollen. Darum bekommen sie eins auf den Deckel.« Dann fragt er sie, wie es sich anfühlen würde, wenn ein Mann wirklich hinter ihr stünde. Sie spricht von Sicherheit, Damian macht Geborgenheit daraus. »Schaut euch mal ihre Gesichtszüge an«, sagt er zum Publikum, das die Frau noch immer auf der Leinwand sehen kann. »Die sind jetzt ganz weich geworden.« Und dann: »Ellbogen raus, eine starke Frau sein, das brauchst du nicht, um geborgen zu sein, denn kein Mann hat Bock, mit einem anderen Mann ins Bett zu gehen.« Tosender Applaus. Damians Mikrofon ist schon unter der nächsten Nase.
In dieser Szene zeigt sich die gesamte Manipulationsstrategie des Lifecoachings: Das Schicksal der Frau – Missbrauch – wird kleingeredet, der Täter zum »Miststück« verharmlost, aus einem erlebten Trauma soll sogleich Wachstum werden. Dass die Taten die Frau noch immer beeinflussen, liegt an ihr. Einem Missbrauchsopfer zu sagen, ihr Körper habe das nicht mitbekommen, ist an Empathielosigkeit kaum zu übertreffen. Die Moral von der Geschichte: als Frau bloß nicht wie ein Mann wirken. Was Damian hier macht, ist auch eine Art des Missbrauchs, mit anderen Mitteln – nur dieses Mal vor Publikum. Missbrauch ist für Damian offenbar am Ende nur emotionaler Muskelkater.
Das sind die Auswüchse der Positiven Psychologie live auf der Bühne. Dort nennen sie so was das Reframing der posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist ein gravierendes psychisches Problem, das unter anderem Opfer von Missbrauch und Krieg lange mit sich herumschleppen. Die Positive Psychologie nimmt das zum Anlass, aus der Belastung im Handumdrehen das zu machen, was sie »posttraumatisches Wachstum« nennt.[25] Das traumatische Erleben wird quasi weggezaubert. Die Krebskranken, die Kriegsopfer und die Missbrauchten dieser Welt sollen sich also mal nicht so anstellen, sondern aus dem, was sie erlebt haben, positive Vorhaben, Erzählungen und Erfahrungen »aufblühen lassen«, wie es im Rosamunde-Pilcher-Jargon der Tyrannen des Positiven heißt.
Im Laufe des zweiten Nachmittags ändert sich die Stimmung: Jetzt ist Schluss mit Mangel, Schmerz und Opfer-Ich, von nun an geht es darum, ein anderer Mensch zu werden. Dazu liegen nach der Mittagspause Karten auf unseren Stühlen. »Meine neue Identität«, steht auf ihnen, ist ein »Macher-Ich«. So schnell geht das also mit der neuen Identität. Und ich Idiot dachte immer: Identität, das ist ein verdammt komplexes Konstrukt, bei dem ich unsicher war, ob es Gefängnis oder Heimat ist – oder beides? Mindestens scheint Identität nur sehr langsam änderbar oder erweiterbar. In Wahrheit ist es ganz einfach. Ein Macher-Ich muss her und fertig ist der Lack. Ein neuer Name reicht schon für eine neue Identität. Ein genialer Trick, den Damian vielleicht mal den Beamten beim Zeugenschutzprogramm beibringen sollte. Ich zögere lange, wie ich mich nennen soll. Meine Sitznachbarin glotzt auf meine Karte, als ich mir den Namen HERO gebe. Der Name ist mir furchtbar peinlich und ich merke, wie schlecht ich darin bin, mir ernsthaft positive, starke Namen zu geben. Ich kann das nur ironisch, wahrscheinlich eine déformation professionnelle als Komiker. Aber vielleicht gehört das einfach nur zur Taktik. Nur wenn ich im eigenen Cringe, der eigenen Scham, komplett ertrinke, kann ich danach als Power Phoenix aus der Asche steigen.
Ich halte meine Hand über die Karte wie ein Schüler, der die Hausaufgaben für sich behalten will. Es ist eine Art Outing nach innen. Im Lauf des Nachmittags merke ich: Es genügt doch nicht, hastig einen neuen Namen auf ein Namensschild zu kritzeln. Der neue Mensch muss sich hier erst selbst gebären und das geschieht an diesem Abend. Auf einer Karte, in etwa so groß wie eine EC-Karte, die auf meinem Platz lag, steht eine Art Mantra dieses Wochenendes:
Jetzt bin ich die Stimme
Ich werde führen, nicht folgen.
Ich werde vertrauen, nicht zweifeln.
Ich werde erschaffen, nicht zerstören.
Ich bin eine Kraft für das Gute.
Ich bin unerschütterlich und fest entschlossen gehe ich meinen Weg.
Ich ziehe es einfach durch. Ich mach’s! Ja, ich mach’s!
Liest sich auf den ersten Blick wie die Lyrics eines mittelmäßigen Andreas-Gabalier-Songs. In der echten Welt da draußen würde ich mit der Visitenkarte kaum einen LinkedIn-Kontakt einsammeln. Textmäßig verschwimmen die Grenzen zwischen Lifecoaching in Braunschweig und Reformer-Pilates-Kurs in Prenzlauer Berg. In den Nachtstunden dieses zweiten Tages, gegen 21:30 Uhr, in der kühlen Dunkelheit des spätsommerlichen niedersächsischen Abends laufen wir eine Stunde lang mehrfach rund um das Millennium Event Center und sagen eine Stunde lang immer wieder diese Sätze. Hintereinander herlaufend, wie im Chor, manchmal eher im Kanon. Wir setzen einen Fuß vor den anderen und sagen immer wieder diese Sätze. Am Anfang finde ich es lustig, später befremdlich und am Schluss beklemmend. Ich komme mir vor wie in einer Sekte – irgendwo zwischen Ku-Klux-Klan und Scientology. Spätestens jetzt wäre ich lieber auf einem Konzert von Ikke Hüftgold.
Der dritte Tag beginnt zunächst wie der zweite: Der Junior Coach und seine Kollegin haben ihre Stühle in der dunklen Ecke vor der Halle erklommen. Aber dieses Mal ist es schon morgens um 9 Uhr lauter, wilder. Noch bevor die Session mit dem Chef-Guru beginnt, tanzen die unterschiedlichen Gruppen miteinander, durcheinander, übereinander. Sie tanzen sich in den Saal hinein, mit Flaggen und Tröten und Konfetti, und haben offensichtlich die Pausen am Tag zuvor genutzt, um sich weiter zu verkleiden. Sie sehen aus wie ein Karnevalsverein aus Riesa. So langsam verkommt die Masterclass des Schicksals endgültig zur albernen Klassenfahrt. Und das alles live übertragen auf der Leinwand über der Bühne, mit mehreren Kameras in harten, schnellen Schnitten, wie früher in aufwendig produzierten Musikvideos in den goldenen Zeiten von MTV. Als Damian danach die Bühne betritt, hat er eine andere Rolle. Erst mal muss er die Meute zur Ruhe bringen. Er wirkt jetzt streckenweise wie ein zu strenger Oberlehrer, der das Pensum durchpeitschen muss, obwohl alle wissen, dass es auch für ihn die sechste Stunde ist. Oder wie ein Dompteur in der Hölle der Löwen früher im Zirkus. Zu Beginn dachte ich, die allzu ausgelassene Stimmung vermiest ihm die Performance. Aber es ist eher umgekehrt: Je durchgeknallter die Menge wirkt, je mehr das Wochenende endgültig zur Feier zu verkommen scheint, desto stärker kann auch Damian mit seinen Emotionen spielen. Insofern ist der Überschwang eher eine Art Voraussetzung für das, was er zu präsentieren – und vor allem: zu verkaufen – hat. Die Party schafft eine Situation, in der Menschen bereit sind, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden.
