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Vergangenheit ist Gegenwart - Gegenwart ist Zukunft. Das Medizinstudium ist weitaus strenger, als Anna es sich vorgestellt hat. Umso mehr freut sie sich, die Semesterferien in London bei Ed zu verbringen und mit ihm die gemeinsame Zukunft zu planen. Ed hat die Gang und die Straßen Londons hinter sich gelassen und jagt nun seinem neuen Traum nach: Einem Leben mit Anna. Doch als ein ehemaliges Gangmitglied behauptet, der Vater ihres Neugeborenen zu sein, steht ihre gemeinsame Zukunft plötzlich auf wackeligen Beinen. Eine unüberlegte Handlung zieht sie einmal mehr in den Strudel der Zeit. Frankreich 1713: Der Kampf zwischen den Katholiken und den Hugenotten tobt unerbittlich. Als Anna und Ed unweigerlich zwischen die Fronten geraten und auseinandergerissen werden, beginnt ein Lauf gegen die Zeit. Können sie den Weg zurück in die Gegenwart finden, bevor sie die Verfolgung - oder sogar der Tod - einholt? Eine Geschichte über Entscheidungen, deren Folgen und die Kraft der wahren Liebe.
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Seitenzahl: 708
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Tanja Riegel hat schon mancherlei Berufe in ihrem Leben ausgeübt - doch eines ist ihr immer geblieben. Die Liebe zu Geschichten. Ein verlassenes Haus, ein Fundstück aus der Archäologie - das hat ihre Fantasie schon als kleines Kind angeregt. Aufsatzthemen in der Schule hat sie immer in eine Geschichte verwandelt und ein Roman in der Bibliothek wurde nach dessen Dicke ausgewählt. Je dicker, desto besser.
Soli deo Gloria
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Epilog
ED
Ed liess die stickige Luft und den Duft nach Pizza hinter sich und trat auf die dämmerige Strasse. Tief atmete er die Februarluft ein.
Der Feierabendverkehr Londons brauste in seiner ganzen Lautstärke an ihm vorbei. Er hielt sich möglichst nah an den Häusern, um den Dreckspritzern der Autos zu entgehen, die die Schneehaufen am Rande des Gehsteigs in graue Schmutzhaufen verwandelten. Sein Kellner-Outfit mit den schwarzen Hosen durfte für sein Vorhaben nicht besudelt werden.
Irgendwo dröhnte die Sirene eines Polizeiautos. Adrenalin feuerte durch seinen Körper. Ganz ruhig. Er musste sich davor nicht mehr in Acht nehmen. Das war Vergangenheit. Er hatte einen Neuanfang gemacht. Erfolgreich.
Mit dem Blick auf den Boden wich er den eisigen Stellen aus. Diese ollen Lackschuhe waren superglatt. Vielleicht hätte er doch die Turnschuhe anziehen sollen? Nein, sie passten perfekt zu den Hosen.
Er vergrub seine Hände in seiner schwarzen Lederjacke und bog um die nächste Ecke. Da war es. Das unscheinbare Juweliergeschäft mit dem grünen Türrahmen und den halbrunden Bogenfenstern.
Es war keines dieser extrafeinen Geschäfte, in denen sich das Licht in den blitzblanken Vitrinen in tausend Strahlen brach. Aber es hatte Charme und trug den Hauch von Geschichte.
Er legte eine Hand auf die Türklinke. Sein Herz pochte aufgeregt. Ja. Ja, er war bereit, den nächsten Schritt in sein neues Leben zu wagen. Tief atmete er ein und drückte entschlossen die Klinke hinunter.
Die Glocke schepperte als er in den Laden trat. Der Holztresen und die Vitrinen an den Wänden erzählten von einem längst vergangenen London. Ein Mann im Alter seines Grossvaters trat aus dem Hinterzimmer.
"Was darf es sein?"
Der Blick des Mannes glitt an ihm hinunter und wieder zurück zu seinen Augen. Genau darum hatte er das unbequeme Kellner-Outfit noch nicht ausgezogen, auch wenn er sich darin wie ein Pinguin fühlte.
Ein zufriedener Ausdruck breitete sich auf dem Gesicht des Ladenbesitzers aus. Mission accomplished. Oder zumindest ein guter Anfang.
"Ich suche einen Verlobungsring."
"Sind Sie sicher?"
Echt jetzt? "Ja, das bin ich mir, aber ich kann auch in ein anderes Geschäft gehen, wenn Sie mir keinen Ring verkaufen wollen."
Der Mann winkte beruhigend ab und lächelte. "Ich verkaufe Ihnen gerne einen Ring. Nur wollte ich sicher gehen, dass Sie sich bewusst sind, dass es sich dabei um eine lebenslange Verbindung handelt. Die Leute kaufen heute einen Ring, als wäre es ein Ring aus irgendeinem Automaten mit Plastikkugeln. Sie kennen nicht mehr seine Bedeutung. Das ist zwar einträglich für das Geschäft, aber..."
"Richard, hör auf zu predigen!", quäkte eine Frauenstimme aus dem Hinterzimmer.
Das Lächeln des Mannes wurde breiter und er senkte die Stimme. "Zugegeben, meine Henriette kann mir schon mal auf den Keks gehen, aber ich bereue keinen Moment, sie geheiratet zu haben. Wenn Sie mir nun bitte folgen wollen, junger Mann."
Er ging ein wenig hinkend in den hinteren Teil und Ed folgte ihm.
"Eine Liebe, die weiter und tiefer geht als nur gerade ein paar schöne Gefühle - das ist das Wichtigste."
Die Holzdielen knarrten, als eine kleine, schmale Frau aus dem Hinterzimmer trat. Sie hatte ihre grau-weissen Haare zu einem Dutt hochgesteckt und trug ein dunkelblaues Kostüm.
"Bitte lassen Sie sich nicht beirren durch meinen Mann. Hier sind die Verlobungsringe."
Sie holte eine flache Schachtel aus einer der Vitrinen und warf dabei einen tadelnden Blick zu ihrem Mann.
"Ach - ich will doch nicht einfach einen Ring verkaufen, der ein gebrochenes Herz nach sich zieht", antwortete der Ladenbesitzer seiner Frau. "Die jungen Leute heute-"
"-müssen ihre eigenen Wege finden, Henry", unterbrach ihn seine Frau energisch und trug die Ringe zum Tresen.
Henry schüttelte seinen Kopf. "Kommen Sie", wandte er sich an ihn und zwinkerte dabei. Sie folgten seiner Frau zum Tresen.
Ed unterdrückte ein Grinsen. Henry und Henriette? Das passte.
Henriette warf ihrem Mann nochmals einen eindringlichen Blick zu und Henry lächelte. Er nahm ihre Hand und sagte leise: "Ist ja gut, ich lasse es. Mach dir keine Sorgen."
Sie lächelte und die Fältchen um ihre Augen tanzten. Genauso wollte er auch mit Anna alt werden. Die Liebe war das, was am Ende des Tages immer noch stand und triumphierte.
Während Henriette wieder im Hinterzimmer verschwand, fragte der Ladenbesitzer: "Welche Preisvorstellung haben Sie?"
"Noch nichts Konkretes."
Er würde alles Geld der Welt geben, um seiner Anna den schönsten Ring zu kaufen. Aber er hatte nicht alles Geld der Welt.
Seine Augen glitten über die Ringe. Er hatte nicht gewusst, dass es eine solche Vielfalt an Verlobungsringen gab. Klein, gross, runder Stein, eckiger Stein, Gold, Weissgold, Rosé.
Er war dabei eine lebenslange Verbindung einzugehen. Die Liebe seines Lebens zu heiraten. Ein Zuhause und eine Familie zu gründen. Aber diese Ringe... Irgendwie schienen sie alle leblos. Tot.
"Haben Sie auch andere Ringe? Ich suche etwas Einzigartiges."
Wieder fühlte er den Blick des Mannes auf sich. "Gewiss doch. Aber das sind keine klassischen Verlobungsringe."
Er öffnete eine kleine Schublade im unteren Teil des Tresens, entnahm ihr zwei Tablare mit schwarzem Samt, auf denen säuberlich, in Reih und Glied weitere Ringe angeordnet waren.
Er stellte sie auf den Tresen und zündetet eine kleine Lampe an.
Sein Blick glitt über die zwei Auslagen und blieb an einem goldenen Ring hängen. In der Mitte leuchtete ihm ein kleiner, roter Stein entgegen. Zwei kleine Perlen umrahmten den runden Stein.
"Diese Ringe hier sind alles einzigartige, neue Ringe verschiedener Londoner Künstler." Der Verkäufer zeigte auf die erste Auslage. "Ich kann sie auch in der Grösse bestellen, die sie möchten. Diese hier -", er zeigte auf die Auslage, in der der goldene Ring sass, "-sind Secondhand-Ringe, die es nur in der jeweiligen Grösse gibt."
Secondhand Ringe? Nein. Anna hatte etwas Besseres verdient.
Als hätte der Mann seine Gedanken gelesen, ergänzte er: "Zum Teil sind sie sehr alt und wertvoll. Unikate, die eine Geschichte erzählen."
Eine Geschichte? Mhm. Das hingegen würde Anna gefallen.
"Kann ich diesen hier bitte mal genauer sehen?"
"Sehr gerne."
Der Mann nahm den Ring heraus. "Dieser Ring scheint sehr alt zu sein. Die Dame, die ihn mir überlassen hatte, sagte, dass er schon seit fünf Generationen in ihrem Besitz sei. Aber er scheint mir wesentlich älter. Ich schätze ihn auf das 18.Jahrhundert."
Er gab ihm den Ring. Er war schwerer, als er gedacht hatte. Weitere Perlen waren schräg mit Abständen dazwischen angeordnet, so dass es aussah, als schlänge sich ein Band darum. Doch der Stein - es war, als würde er noch mehr leuchten, als er ihn nun von allen Seiten betrachtete. Als wollte er ihm die Geschichten erzählen, die er schon alle erlebt hatte.
"Mit der Lupe sehen sie, dass unter dem Stein in der Innenseite eine Harfe eingraviert ist."
"Eine Harfe?"
Der Mann nickte und hielt ihm eine Lupe entgegen.
"Und zwei Initialen. Zwei C’s."
Tatsächlich. Filigran und für das blosse Auge fast unsichtbar war das Symbol einer Harfe in das Gold eingraviert. Ein C rechts und links rahmten das Instrument ein.
"Wissen Sie, welche Grösse Sie brauchen?"
Ed legte den Ring und die Lupe hin, nahm sein Handy aus seiner schwarzen Lederjacke und scrollte durch die Nachrichten. Er hatte Mel, Annas beste Freundin, dazu bringen können, einen Ring von Anna zu messen und nannte dem Verkäufer nun die Zahl.
Der Mann lächelte. "Da scheinen Sie ein gutes Auge gehabt zu haben. Dieser Ring sollte passen."
Yes! Das war er.
"Der Granat, ein Almandin, ist vielleicht etwas gewagt für einen Verlobungsring", offerierte der Mann seinen Rat. "Viele mögen lieber einen Diamanten oder etwas -", er suchte nach dem richtigen Wort, "-etwas Glänzenderes."
Protziger. Etwas zum Angeben. Aber das war nicht Anna. Sie war nicht eine dieser Frauen, die aus einer Menge herausstachen oder nach der sich jeder umdrehte. Ihre braunen Augen hatten einen verborgenen Glanz und ihre Nase war schon fast majestätisch in ihrem eher schmalen Gesicht, das von ihren halblangen, braunen Haaren umrahmt war.
"Nein, dieser hier passt perfekt. Sie mag Dinge, die eine Geschichte erzählen."
Anna war einzigartig wie dieser Ring. Leidenschaftlich wie das Rot.
Sie liebte ihn trotz seiner Vergangenheit und seinen Fehlern. Und hatte sie sich erst ein Ziel gesetzt, war sie nicht zu stoppen.
Sie war es, die ihn zu diesem Neuanfang inspiriert hatte. Zugegeben, es war nicht leicht, den Nebenjob als Kellner unter einen Hut zu bringen und zugleich für den jahrelang verpassten Schulabschluss zu büffeln, damit er eine richtige Ausbildung absolvieren konnte. Aber das war es wert. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Ziele.
Ein warmes Lächeln umspielte die Mundwinkel des alten Mannes, während er den Ring sorgfältig in eine Samtschachtel legte.
"Es gibt selten junge Menschen, die das Alte zu schätzen wissen."
"Ohne die Generationen vor uns könnten wir heute nicht so leben." Das hatte er in Malta gelernt. "Dieser Ring sieht so aus, als wäre er sehr geliebt und geschätzt worden."
Das Lächeln des Mannes wurde noch breiter. "Dann bin ich sicher, dass er eine würdige Trägerin gefunden hat. Eigentlich kostet er 1300 Euro, aber ich gebe ihn Ihnen für 1000 Euro."
1000 Euro?! Da musste er das Sparkonto anzapfen, das er angelegt hatte aus dem Erlös des Dolches von de Valette, der ihm von einem Museum abgekauft worden war.
Aber sie war es wert. So wert.
Und es blieb noch genug Geld, um die ersten Jahre zu leben, wenn sie beide noch in der Ausbildung waren oder sich sogar ein kleines Häuschen zu kaufen.
Er bezahlte und trat erneut auf die Strasse. Ein kalter Windstoss fuhr ihm in den Nacken und er zog unwillkürlich den Kopf ein. Die Schachtel hatte er in der linken Innentasche seiner Lederjacke verstaut. Direkt über seinem Herzen. Dem sichersten Ort - wenn es das auf Londons Strassen überhaupt gab.
Ein Bus fuhr an ihm vorbei und kam etwas weiter vorne mit quietschenden Bremsen zu stehen. Er begann zu rennen aber die glatten Sohlen seiner Schuhe fanden keinen Halt auf dem nassen Gehsteig. Hart landete er auf seiner linken Seite. Die feinen Kieselsteine ruinierten seine Hose und schürften seinen Oberschenkel auf.
"Mister, haben Sie sich verletzt?"
Eine alte Dame schaute ihn mit ihren grauen Augen besorgt an.
"Nein, es geht schon." Er stand mit zusammengebissenen Zähnen auf und versuchte die nasse Sauce etwas von seiner Hose zu wischen. Mist, jetzt hatte er seine Arbeitshose ruiniert. Er hörte den Bus weiterfahren. Dumme Schuhe.
"Sind Sie sicher?"
Die alte Frau schaute ihn skeptisch an.
"Ja, danke Miss."
Er tastete nach der kleinen Schachtel und atmete erleichtert aus. Sie war unversehrt. Langsam humpelte er zur Haltestelle und setzte sich auf die Holzbank.
Wenn Anna hier wäre, würde sie ihn sofort verarzten wollen. Trotz seinem brennenden Oberschenkel musste er grinsen. Jeder noch so kleine Kratzer musste bei ihr behandelt werden.
Bling!
Er fischte sein Handy aus der rechten Tasche seiner Lederjacke. Echt jetzt? Hatte sie einen siebten Sinn oder sowas?
Er blickte auf die Strasse. Der nächste Bus kam in Sicht.
Noch zwei Wochen und sie hatte die Prüfungen hinter sich und konnte endlich aus dem weit entfernten Toulouse zu ihm kommen. Seine Hand griff wieder nach der Schachtel.
Der Bus kam vor ihm zu stehen und er stieg ein. In der hintersten Reihe erspähte er noch einen Platz und bahnte sich den Weg durch die stehenden Leute, während er ihr geheimes Codewort eintippte.
Er liess sich auf den grauen Sitz fallen und wartete auf ihre Antwort.
ZeitSprungProbleme.
Ein Schwert hatte sie vor einem halben Jahr in die Vergangenheit nach Malta gebracht. Ein ganzes Jahr hatten sie dort verbracht und als sie endlich wieder im Jahr 2018 gelandet waren, hatten sie bemerkt, dass sie nur eine Stunde weg gewesen waren.
Er verzog unwillkürlich den Mund. In Malta hatten sie eine monatelange Belagerung überstanden und es war nicht immer einfach, sich hier wieder zurecht zu finden. Es gab Tage, da fühlte er sich so fehl am Platz, wie nie zuvor. Da schien alles so sinnlos. Irrelevant. Vor allem, wenn sein Unterbewusstsein in der Nacht die schrecklichen Kriegsszenarien in den Träumen zu verarbeiten suchte.
Mit einem Ruck kam der Bus zu stehen.
"Infolge einer Verkehrsstörung verkehrt der Bus nur bis Plaistow. Wir bitten alle Reisenden auszusteigen und die U-Bahn zu benutzen."
Plaistow? Echt jetzt?
Ed reihte sich in die Schlange der Aussteigenden ein. Nur einige Strassen weiter in Newham befand sich noch immer das Quartier seiner ehemaligen Gang, an deren Spitze er bis zu seinem Knastaufenthalt gestanden hatte. Wie ging es den Mitgliedern? Hoffentlich kümmerte sich sein Nachfolger auch darum, dass nun im Winter alle genug warm hatten.
Ein Windstoss erfasste seine nasse Hose, als er hinaustrat. Er biss die Zähne zusammen und beeilte sich, in den Schutz des Einganges zu kommen.
Plaistow Station hatte sich seiner Umgebung angepasst und fügte sich mit seinem heruntergekommenen Erscheinen nahtlos in das Viertel ein. Aber das war alles in der Vergangenheit. Dank dem Zeitsprung, der ihm die Augen geöffnet hatte.
Er suchte die Anzeigetafel, aber sie war defekt. Egal, er würde die U-Bahn nach Stratford auch so finden.
"Ahhh..."
Er hielt inne und blickte um sich, während die Leute an ihm vorbei zu den Geleisen drängten.
Eine Gestalt kauerte am Boden. Rote Strümpfe blitzten zwischen schwarzen Nietenstiefel und einer Lederjacke hervor. Wirre schwarzen Haare verdeckten das Gesicht. Wieder stöhnte sie.
Er runzelte die Stirne.
War das nicht...?
In wenigen Schritten war er bei ihr.
"Kann ich helfen?"
Sie blickte auf. Ihre glasigen Augen waren rot umrandet, der Kajal verschmiert. Der knallrot geschminkte Lippen bildete einen krassen Kontrast zu ihrer blassen Haut.
Laila. Mist. Was machte sie hier? Ihre Augen schienen ihn nicht wahrzunehmen.
"Laila, was ist los?"
Er schüttelte sie sanft an der Schulter. Hatte sie wieder einmal verunreinigten Stoff genommen? Wahrscheinlich spürte sie die Kälte nicht. Wenn er sie nicht an einen warmen Ort brachte, erfror sie bestimmt. Aber zurück ins Gangquartier?
Er nahm ihr Handgelenk. Der Puls war schwach, aber Gott sei Dank regelmässig. Sie war nicht in Lebensgefahr.
Langsam fokussierten sich ihre Augen.
"Ed?", hauchte sie, bevor sie zu zittern und hemmungslos zu schluchzen begann. Er roch den Alkohol. Aber ihr Zustand deutete noch auf härteres Zeug hin.
"Hej, ich bin ja da. Womit hast du dich zugedröhnt?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich- Aaahh!"
Sie krümmte sich wieder, ihre Hand auf ihrem Bauch. Auf einem ungewöhnlich dicken Bauch. Sein Herz setzte einen Moment aus.
"Laila, bist du schwanger?!"
Sie nickte nur, während sie wimmerte. War hier einer, der helfen konnte?
Nur wenige Leute gingen nun vorüber und wandten sich schnell ab, als er aufsah. Offenbar war er wie immer auf sich alleine gestellt.
"Hast du Wehen oder was ist los?"
Sie zuckte nur mit den Schultern, ihr Blick wieder abwesend. Egal, ob sie Wehen hatte oder ob es noch einige Wochen ging, sie brauchte ärztliche Betreuung.
Das nächste Krankenhaus war ein Fussmarsch von zwanzig Minuten. Das schaffte sie nie und nimmer.
Er holte sein Handy hervor und wählte die Notrufnummer.
"NHS, wie kann ich Ihnen helfen?"
In knappen Worten erklärte er die Situation und legte wieder auf. Es würde nur Minuten gehen, bis der Krankenwagen hier war.
Ein trauriges Lächeln umspielte ihren Mund, während sie blinzelte, als traute sie ihren Augen nicht.
"Du kommst grade im richtigen Moment." Ihre Stimme klang verwaschen. Er setzte sich neben sie auf den schmutzigen, aber wenigstens trockenen Boden. Seine aufgeschürfte Seite rebellierte, aber er ignoriert es.
Laila legte ihren Kopf an seine Schultern. Am liebsten hätte er sie weggestossen, aber sie war so schwach, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte.
Er blickte sie von der Seite an. Ihre Augen waren nun halb geschlossen. Schmerzen schien sie keine mehr zu haben.
Kümmerte sich Little Jo nicht um seine Gang?
Wieder überrollten Schmerzen Laila und sie stöhnte. Seine Augen suchten die Strasse ab, während seine Hände sich tiefer in die Lederjacke gruben. Armes Baby. Hoffentlich überlebte es diesen Cocktail. Aber was dann? Nope, das ging ihn nichts mehr an. Wo blieb der Krankenwagen?
Als Laila wieder regelmässig atmete und sich etwas entspannt hatte, fragte er: "Soll ich Little Jo suchen?"
Sie schüttelte den Kopf. "Du bist wieder zurück."
"Hast du nicht mitgekriegt, dass ich nicht mehr zurückkomme?"
Nicht alle Mitglieder waren damals anwesend gewesen, als er das letzte Mal die Gang besucht hatte und sie ebenfalls zu einem Neuanfang hatte überreden wollen.
Sie hob den Kopf und seine Augen trafen ihren verzweifelten Blick. In ihren schwarzen, erweiterten Pupillen gähnte ihm abgrundtiefe Verlorenheit entgegen. Alles in ihm krampfte sich zusammen.
"Little Jo hat was gesagt - aber er ist nicht so ein guter Boss wie du..."
Er ballte die Hände in seiner Tasche. Offensichtlich. Er schien sich weder um sein Girl noch um seinen Nachwuchs zu kümmern.
Mit heulenden Sirenen kam der Krankenwagen vor ihnen zu stehen. Zwei Sanitäter in ihrer typischen, schwarzen Uniform stiegen aus. Der eine war drahtig und lang und der andere gross und breit.
Ed zog Laila auf die Beine. Sie war trotz ihrer Schwangerschaft federleicht. Im Stehen konnte er sehen, dass ihr Babybauch nicht sehr ausgeprägt war. Darum war es ihm wahrscheinlich nicht gleich aufgefallen. Ging es noch einige Monate bis zur Geburt?
"Wie ist ihr Name?" sprach der Drahtige Laila an.
"Laila Sullivan."
"Wann haben Sie Termin?"
Er musste Laila stützen, so schwankte sie.
"Weiss nicht...", nuschelte sie.
Er brachte sie zum Krankenwagen, während ihm der muskulöse Mann half, Laila zu stützen. Gemeinsam halfen sie ihr auf die Bahre.
Sie streckte ihre Hand nach ihm aus. "Bitte - lass mich nicht allein."
Er blickte unschlüssig zur U-Bahn und wieder zurück zum Krankenwagen. Hatte er seine Schuldigkeit nicht getan, indem er Hilfe geholt hatte?
"Bitte-", flehte sie noch einmal.
Na gut. Ob er sie noch bis dorthin begleitete oder gleich in die U-Bahn ging war einerlei.
Er nickte wortlos, während die Männer die Bahre ins Auto schoben.
Der drahtige Mann, auf dessen Namensschild "Tyler" zu lesen war, setzte sich zu ihr, während der andere, Kevin, ihm bedeutete, sich ebenfalls zu setzen, bevor er die Türen schloss.
Er stieg ein und setzte sich dem Sanitäter gegenüber, der Laila nun ein Band um ihre mageren Arme legte, um den Blutdruck zu messen.
Schläuche hingen von der Wand, eine Sauerstoffflasche und ein Schrank mit durchsichtigen Fächern hortete allerlei Spritzen und Verbandszeug.
Anna wüsste nun bestimmt, wozu das alles zu gebrauchen war. Das war ihre Welt.
Mit einem leichten Ruck setzte sich der Wagen in Bewegung.
"Seit wann sind Sie schwanger?", fragte Tyler, während er die Zahlen ablas und auf einem Klemmbrett notierte.
"Seit Juni." Sie drehte den Kopf weg vom Sanitäter. Ihr Blick verklärte sich seltsam, als sie ihn fixierte und hinzufügte: "Ich fand es heraus, kurz nachdem du weg warst."
Tyler kritzelte etwas auf sein Blatt Papier.
"Na, dann denke ich, dass Sie ihr Baby bald kriegen werden."
Eine weitere Welle überrollte Laila und Tyler wartete.
"Wie lautet Ihre Adresse?"
Laila hatte die Augen wieder geschlossen und gab keine Antwort.
"Frau Sullivan, wir können Sie ohne gültige Adresse nicht behandeln."
"Lee Street, Haggerston", sprang er ein, indem er seine Adresse nannte.
Der Sanitäter runzelte die Stirne, schrieb die Adresse jedoch in sein Formular.
"Nehmen Sie Drogen?"
Laila presste die Lippen zusammen und schwieg weiter. Tyler wiederholte seine Frage geduldig und fügte hinzu: "Es ist wichtig für uns, das zu wissen, damit wir Sie und ihr Kind richtig behandeln können."
Laila öffnete die Augen einen Spalt breit und nickte. "Kokain, manchmal Heroin."
Ed schluckte. Hatte sie den Verstand verloren?!
"Alkohol?"
Wieder nickte sie. Der Wagen hielt an einer Ampel.
"Sind Sie der Vater?" Tyler strich sich in einer etwas unsicheren Geste über sein kurzes blondes Haar. Offensichtlich war er sich über die Beziehung, die Ed zu Laila pflegte, nicht ganz sicher.
Ed schüttelte den Kopf. "Nein. Ich kenne Laila von früher."
"Ja, ist er", antwortete Laila zeitgleich. Der Wagen setzte sich mit einem Ruck wieder in Bewegung.
Oh nein. Das war unmöglich. Woher wollte sie wissen -
"Ich schreibe einfach "unklar", dann können Sie das miteinander klären."
Unklar? Das war das richtige Wort. Sie wusste bestimmst selbst nicht einmal, wer der Vater war. Wann war er das letzte Mal mit ihr zusammen gewesen? Das musste im Frühling gewesen sein, bevor er in den Knast gekommen war. Also waren es elf, vielleicht auch zehn Monate her. Er war nicht der Vater.
Ausserdem hatte er immer aufgepasst. Immer. Er war nicht verantwortungslos.
Der Wagen hielt vor dem Krankenhaus.
Die beiden Sanitäter luden die Bahre aus und rollten sie durch die grosse Glastüre in den Notfall. Der strenge Geruch nach Desinfektionsmittel stieg ihm in die Nase, als er ihnen folgte.
Sie brachten sie in einen kahlen Raum mit einem Bett. Anschlüsse für medizinische Geräte umrahmten das metallene Bettgestell.
Die Sanitäter hoben sie von der Bahre ins Bett und verabschiedeten sich. Eine Frau in einem weissen Kittel rollte ein Gerät in den Raum und stellte sich mit Dr. Bennett vor. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Als sie ihre Untersuchung begann, trat er vor das Zimmer, um Laila mehr Privatsphäre zu geben. Er setzte sich auf einen Stuhl, der im Gang stand und wartete. Sein linkes Bein streckte er etwas aus, um seinen Oberschenkel zu entlasten.
Die zwei Sanitäter sprachen mit einem Arzt am Tresen, Krankenschwestern eilten an ihm vorbei, ihre Schuhe quietschten auf dem grauen Linoleumboden. Sie gingen in Lailas Zimmer und verliessen es wieder.
Er kramte sein Handy hervor.
Anna vor einer halben Stunde.
Das konnte er brauchen. Hoffentlich ging das hier nicht zu lange. Er musste nach Hause und lernen.
"Sie haben Frau Sullivan begleitet?"
Ed blickte auf. Vor ihm stand Doktor Bennett mit einem Klemmbrett in der Hand. Ihre grünen Augen blickten nicht unfreundlich, aber dennoch distanziert. Er steckte das Handy in die Tasche und stand auf.
"Ja, das habe ich."
"Darf ich fragen, wie Sie heissen und in welcher Beziehung Sie zu Frau Sullivan stehen?"
Ihr Gesicht behielt den neutralen, ärztlich-geschäftlichen Ausdruck, während ihre Augen das Blatt im Klemmbrett überflogen.
"Mein Name ist Crowe. Laila ist eine alte Kollegin von mir. Ich traf sie zufälligerweise auf der Strasse, als sie Schmerzen hatte. Geht es ihr gut?"
Die Ärztin blickte auf. Täuschte er sich oder war das ein Schatten, der über ihr Gesicht huschte?
"Das Kind ist zwar klein für sein Alter, aber ansonsten haben wir im Ultraschall nichts Ungewöhnliches festgestellt. Was bei solchen Babys natürlich nichts heissen muss."
"Solche Babys? Was meinen Sie damit?"
Sie seufzte. "Auch wenn man in einem Ultraschall keine Fehlbildungen feststellen kann, können Babys, die während der Schwangerschaft Drogen und Alkohol ausgesetzt sind, später grosse Entwicklungsdefizite aufweisen. Die Wehen haben eingesetzt, aber ich denke, dass es noch eine Weile dauern wird, da es die erste Geburt ist. Ist Ihnen der Vater bekannt?"
Ed verneinte.
"Sie behauptet, dass Sie der Vater sind."
Er traf den ernsten Blick der Ärztin.
Das hätte Laila wohl gerne. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind von ihm war, war sehr klein. Extrem klein. Eigentlich ausgeschlossen.
"Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering."
"Ich kann mir vorstellen, dass dies unangenehm für Sie ist, aber ich denke, in diesem Falle ist ein Vaterschaftstest angebracht. Das könnte Sie entlasten."
Ed runzelte die Stirne.
"Warum entlasten?"
"Der Zustand der Frau und des Kindes ist ungewiss. Solche Geburten sind riskant und die Schäden beim Kind nicht abzuschätzen. Sie könnte sie verklagen oder Schadenersatz fordern."
Laila? Wohl kaum. Und doch - wie weit würde sie gehen, um Geld für Stoff zu kriegen?
Ausserdem - wenn er Beweise hatte, konnte er ein für alle Mal mit der Vergangenheit abschliessen.
"Was muss ich tun?"
"Die Schwester wird Ihnen Blut abnehmen. Sobald das Baby geboren ist, können wir die DNA miteinander vergleichen."
"Und wie lange dauert das?"
"Wenn Sie Glück haben, wissen Sie es Ende Woche. Spätestens in zwei Wochen."
Eine Schwester trat zu ihnen, hielt sich aber im Hintergrund.
"Frau Sullivan möchte, dass Sie während der Geburt bei ihr bleiben. Können Sie sich das vorstellen oder sollen wir Angehörige verständigen? Sie sagte uns jedoch, dass sie keine nahen Angehörigen mehr hat."
"Soweit ich weiss, ist ihr Vater abgehauen, als sie noch klein war und ich denke nicht, dass die Mutter verfügbar ist."
Die Ärztin nickte und strich sich mit einer Hand kurz über die Augen, so als wäre sie unendlich müde.
"Es wäre sicher hilfreich für Frau Sullivan, wenn Sie bei ihr bleiben könnten. In solchen Fällen ist eine psychische Unterstützung oft entscheidend für eine komplikationsfreie Geburt."
Er presste die Zähne aufeinander. Er hatte seine Schuldigkeit mehr als getan. Das war nicht mehr seine Sache.
"Ich kenne den möglichen Vater. Moment - ich versuche ihn zu erreichen."
Er wählte Little Jo’s Nummer.
Diese Nummer ist nicht verfügbar...
Echt jetzt?! Hatte er sein Handy gewechselt oder hatte er keines mehr?
Doktor Bennett wartete mit hochgezogenen Augenbrauen.
Er legte seine Hand in den Nacken. Mist, er konnte sie doch nicht einfach so hängen lassen. Und das Baby? Das konnte doch nichts dafür, dass seine Mutter so war, wie sie war.
Er holte tief Luft. "Ich kann es einrichten, bei ihr zu bleiben."
Eine Geburt?! Er schluckte das unangenehme Gefühl herunter. Er hatte eine Schlacht überlebt, also würde er das hier auch überstehen.
Die Ärztin nickte und ihr Blick wanderte zu seinem Bein.
"Mir scheint, Sie brauchen auch eine Behandlung?"
Er schüttelte den Kopf. "Ist nicht so schlimm. Nur ein Kratzer. Bevor ich Laila traf, stürzte ich."
Doktor Bennett schüttelte den Kopf. "Nichts da. Schwester Ruth wird sich das ansehen und Ihnen Blut für den DNA-Test abnehmen. Frau Sullivan verlegen wir in der Zwischenzeit auf die Gebärabteilung."
Die Ärztin verabschiedete sich und die Schwester führte ihn in einen kleinen Raum, nahm ihm Blut, desinfizierte seinen Oberschenkel und verband ihn. Dann erklärte sie ihm den Weg in die Gebärabteilung.
Als er ins Zimmer trat, zitterte Laila und die schwarzen Haare klebten ihr im Gesicht. Das weisse Krankenhausnachthemd liess sie noch bleicher wirken. Sie lag auf der Seite in einem Bett, die Augen halb geschlossen. Über der Wölbung des Bauches war ein Gurt angebracht und mit einem Monitor verbunden, eine Infusion träufelte Flüssigkeit in ihren Arm. Eine Schwester war bei ihr und drehte am orangen Rad am Schlauch, um die Flüssigkeit zu dosieren.
"Wir haben ihr Schmerzmittel gegeben. Es wird schon noch eine Weile gehen. Sollte etwas sein, dann rufen Sie mich bitte. Ansonsten komme ich immer wieder mal vorbei."
Die Frau verabschiedeten sich und Ed stand unschlüssig im Raum. Schliesslich nahm er einen Stuhl und setzte sich ans Kopfende von Laila.
"Wo warst du? Ich hab’ überall nach dir gesucht." Lailas Frage war so leise, dass er sie kaum verstand.
"Hättest mal im Knast nachsehen sollen", meinte er ironisch und setzte sein Machogrinsen auf.
"Hab’ ich. Aber die wussten nichts mehr von dir."
Er stutzte. Hatte sie? Warum?
"Danach war ich im Arbeitseinsatz in Frankreich."
"Mmhh."
Sie schloss wieder die Augen und krallte ihre Hand ins Laken, ihre Knöchel so weiss wie der Stoff.
Nach einer Weile sagte sie: "Egal. Hauptsache du bist jetzt hier und siehst deinen Sohn."
"Hör mal, ich bezweifle stark, dass das mein Kind ist. Schliesslich bin ich schon lange weg vom Fenster."
"Weisst du nicht mehr, kurz vor deiner Verhaftung? Meine Geburtstagsparty?"
Geburtstage wurden in der Gang immer auf die gleiche Art und Weise gefeiert: Das Geburtstagskind las die Getränke aus, die Gang stahl sie. Oftmals trieb man auch einen speziellen Stoff auf, der gerade in war. Jeder Wunsch, irgendwie erfüllbar, wurde bewerkstelligt.
Laila hatte sich um zwei in der Nacht gewünscht, mit ihm an die Themse zu gehen, an das East India Dock Basin. Dort gab es einen kleinen Wald.
Er hatte ihr den Wunsch erfüllt. Auch den Wunsch nach Nähe. Aber hatte er nicht...?
"Und was soll das mit dem Kind zu tun haben?"
Ein zynisches Lächeln umspielte ihren Mund. "Vielleicht hast du was vergessen?"
Unmöglich. Aber er hatte wie die anderen ziemlich viel getrunken. Sein Herz begann unruhig zu hämmern. Nein. Sie versuchte ihn nur einmal mehr zu manipulieren. Darin war sie eine Meisterin. Sie hatte ihn immer zu einer Beziehung überreden wollen. Aber er hatte nie eine der Girls als seine feste Freundin bezeichnet.
Eine weitere Wehe überkam Laila.
"Ich will dir ja nichts unterstellen, aber dieses Kind könnte gerade so gut von einem anderen Kerl stammen."
Manchmal hatten sie angeschafft, die Frauen seiner Gang, obwohl er das verboten hatte. Aber er war schon lange weg vom Fenster - und mit Little Jo als neuen Boss - wer konnte schon sagen, in wie vielen Betten sie gewesen war?
Ihre Hand entspannte sich wieder und sie öffnete die Augen.
"Seit meinem Geburtstag hatte ich keinen Sex mehr."
Er zog die Augenbrauen hoch.
"Du glaubst mir nicht."
"Nope."
"Dann mach einen Vaterschaftstest."
"Glaub mir, mein Blut haben sie schon."
Und dann würde sie sehen, dass das alles nur ihrer Wunschvorstellung entsprach.
Laila schwieg.
"Warum kommst du nicht wieder zurück?"
"Ich habe ein neues Leben angefangen."
Mehr mochte er nicht sagen.
"Kann ich mit dir kommen?"
Nein, konnte sie nicht. Unwillkürlich griff er mit seiner Hand die Schachtel in seiner Lederjacke.
"Jetzt krieg erst mal dein Kind, dann lass uns weitersehen."
Er würde den Vater ausfindig machen und ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Er wusste, wie es war, ohne Vater aufzuwachsen. Und warum sollte er diesen Schmerz nicht einem Kind ersparen, wenn es in seiner Macht lag?
ANNA
"Bitte alle Prüfungsblätter nach vorne!"
Anna atmete tief ein und überflog ein letztes Mal ihre Antworten. Dann schloss sie die Augen, schickte ein Stossgebet zum Himmel, nahm das Bündel, stand auf und ging nach vorne zum Dozenten.
Seine Augen waren freundlich, als er ihre Blätter entgegennahm. Wären es doch auch nur seine Fragen gewesen.
Was, wenn sie nicht bestanden hatte? Was wurde dann aus ihrem Traum, Ärztin zu werden?
Der Unisaal erwachte langsam zum Leben, als die Letzten abgegeben hatten. Sie stopfte ihr Etui in den Rucksack und trat auf den Mittelgang.
"Gut gelaufen?", fragte Darlene, als sie an ihrem Tisch vorbeiging.
Die junge Studentin, die genauso gut ein Model hätte sein können, packte ihre Stifte in die schicke Tasche.
Anna schüttelte resigniert den Kopf. "Nicht wirklich."
"Ach komm schon, du warst doch immer so gut. Du hast es bestimmt geschafft."
Gut? Im Gegensatz zu ihr stammte sie nicht aus einer Ärztefamilie und hatte nicht natürlicherweise intelligente Gene vererbt bekommen. Sie büffelte nächtelang. Und konnte damit gerade so mithalten. Dass es nicht einfach werden würde, hatte sie auch nicht erwartet. Aber es war schwerer als gedacht. Viel schwerer.
"Und dir? Wie ist es dir ergangen?", gab sie die Frage zurück.
Darlene schwang ihre beige Markentasche lässig über ihre Schulter. "Gut, denke ich. Aber man weiss nie."
Sie reihten sich in die Menge der nun aufgeregt schwatzenden Studenten ein, die alle auf einmal den stickigen Saal verlassen wollten.
"Komm lass uns was trinken gehen und feiern", fuhr Darlene fort. Ihre blonden Haare strahlten mit ihrem Lächeln um die Wette. Neben ihr kam sie sich immer wie ein hässliches Entlein vor. Trotzdem mochte sie Darlenes unbeschwerte Art.
"Habe ich da Trinken gehört?"
Eric, seine Statur wie die eines Topathleten, quetschte sich zwischen sie und blickte Darlene mit unschuldigen Augen an. Das Unipaar, das jede Mister und Miss Universe-Wahl gewinnen würde.
Darlehens Augen blitzten und ihre Augenbrauen tanzten. "Das hast du wieder gehört, ja?"
Er grinste. "Klar. Wohin gehen wir?"
"Ins AfterX? Kommst du auch, Anna?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich treffe mich noch mit meiner Freundin und dann muss ich noch packen für morgen."
"Ach ja, hab’ ich ganz vergessen. Du besuchst deinen Freund?"
Anna nickte, packte ihren Rucksack fester und schlenderte neben Darlene und Eric zum Hauptausgang.
Sie mochte zwar nicht das Aussehen einer Darlene haben, dennoch konnte es nicht einmal Eric mit Ed aufnehmen. Seine breiten Wangenknochen, die dunkelblonden Haaren und dieses unwiderstehliche Grinsen, das sich bis in seine Augen hineinzog und sie blitzen liessen, machte ihn zum attraktivsten Mann auf der ganzen weiten Erde. Zumindest für sie. Niemals hätte sie sich träumen lassen, mit so einem Mann zusammenzukommen.
"Ah, der Typ aus England?", hakte Eric nach. "Ist er wieder hier?"
Darlene stiess ihm in die Seite. "Hast du nicht gehört, sie muss packen - also wird sie ihn besuchen gehen in London."
Eric legte einen Arm um Darlenes Schultern und grinste sie über deren Kopf an.
"Konntest du dir keinen Jamaikaner oder so aussuchen? Dann könntest du nun an die Sooooonne." Er zog das letzte Wort in einem Singsang hoch.
Sie erwiderte sein Grinsen. "Ich weiss nicht, wonach du deine Freunde aussuchst, aber bei mir zählen die inneren Werte und nicht die Herkunft."
Zum Beispiel sein Verantwortungsbewusstsein oder dass er sich kompromisslos für das Gute einsetzen konnte. Er war mutig und scheute vor nichts zurück. So ganz anders als sie es war.
"Ach komm schon, aber sein Aussehen ist auch nicht zu verachten", sagte Darlene und blickte sie schmachtend an.
Das stimmte allerdings. Und manchmal hatte sie Angst, dass sie eines Tages aufwachte, und Ed sich entschlossen hatte, mit jemand Attraktiveren zusammen zu sein.
"Hey, und was ist mit mir?!", protestierte Eric.
Darlene lachte und Anna gab sich nicht die Mühe, dem Schäkern, das folgte, zuzuhören. Ach, wäre es doch nur schon morgen Abend.
Kalte, schmutzige Toulouser Luft schlug ihr entgegen, als sie das Unigebäude verliessen. Sie fröstelte und vergrub ihre Hände in ihren Taschen. Nein, sie war als Südfranzösin definitiv nicht geboren für das kalte Wetter.
"Na, dann gute Reise", sagten Darlene und Eric, als sich ihre Wege trennten.
"Danke. Und ihr feiert mal schön. Bis bald!"
Ihr Herz beschleunigte sich, als sie den kurzen Weg zu ihrer Studentenbude unter die Füsse nahm. Ed. In etwa 24 Stunden würde sie endlich wieder seine starken Arme um sich spüren. Seine Hand in ihrer, während sie Seite an Seite London entdeckten.
Ein warmes Gefühl flutete ihren Magen und sie beschleunigte ihre Schritte.
Wenig später klopfte sie die nassen Schuhe ab, zog sie aus und trat in die kleine Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin Melanie bewohnte.
"Da bist du ja! Wie ist es gelaufen?", begrüsste Mel sie, als sie eintrat.
Ihre Jeans und ihr senfgelber Hoodie passten zu den leuchtend roten Haaren, die ihr halblang in Locken auf die Schultern fielen.
"Wir werden sehen. Ich hoffe, ich habe es geschafft."
Sie zwang sich ein Lächeln auf das Gesicht, während sie den Anorak aufhängte.
Mel legte ihre Hände auf ihre Schulter. "Gefühle sind nicht alles. Vielleicht war es gar nicht so schlimm."
"Tja, wenn es nur diese eine Prüfung gewesen wäre, aber alle..."
Ihre Freundin nickte wohlgefällig. "Hab mir schon gedacht, dass Du eine Ablenkung gebrauchen kannst. Hab uns Pizza zu Abend bestellt und dein Lieblingstiramisu."
Tatsächlich. Verführerischer Duft strömte ihr aus der Küche entgegen. Sie umarmte Mel. "Du bist die Beste."
Sie gingen in die kleine Küche, die gerade so gross war, dass ein zusammenklappbares Tischchen und zwei Stühle Platz fanden. Auf ihrem Teller lag eine Serviette mit einem "You-did-it!"-Schriftzug.
Daneben lag eine gerollte Zeitschrift.
Während Mel die Pizza aus dem Ofen nahm, ging sie zur Spüle und füllte die Gläser mit Wasser.
"Was ist das?", sagte Anna und zeigte auf die Rolle neben ihr.
Mels grün-braune Augen blitzten. "Etwas für deine Seele. Etwas für deine Pläne. Und etwas für unsere Träume."
Anna stellte die Gläser auf den Tisch. "Du machst mich neugierig."
Sie setzten sich und Anna nahm einen grossen Bissen. Pizzamagie. Ein Biss und die Welt war nicht mehr ganz so düster. Sie putzte die Finger an der Serviette ab und löste den blauen Bast, der um die Rolle gewickelt war.
Ihre Augen weiteten sich.
Mel grinste von einem Ohr zum anderen und rutschte ihren Stuhl zu ihr hin.
Anna fuhr andächtig über das Titelbild der Hochzeitszeitschrift. Ein Model trug einen Traum aus weisser Spitze. Stickereien ergossen sich in einen tiefen V-Ausschnitt, versteckten sich unter einer Art Gürtel und verloren sich im weiten Tüllrock.
Mel las laut den Untertitel: "Die schönsten Hochzeitskleider 2019."
"Ist wohl noch ein bisschen früh...", murmelte sie, aber träumen war ja erlaubt, nicht wahr?
"Wer weiss, vielleicht bist du schneller verheiratet als ich", erwiderte Mel.
Vielleicht. Aber bestimmt nicht schon dieses Jahr. Oder das nächste. Erst kamen Ausbildung und Arbeit, erst dann Heirat und Kinder. Ausser es geschah ein Wunder und sie und Ed konnten sich durch Teilzeitjobs schon vorher ein Leben finanzieren.
Der Plan war so klar gewesen. Was aber, wenn sie nun die Prüfungen nicht geschafft hatte?
"Oh, das würde mir gefallen!", riss Mel sie aus ihren pessimistischen Gedanken und zeigte auf einen eleganten Hosenanzug. Anna runzelte die Stirne. "Das ist aber kein Kleid."
"Na und? Ich mag Hosen mehr als Kleider."
Anna grinste. "Stimmt. Und zu einer Pilotin passt das wahrscheinlich besser. Aber meinst du nicht, Roger wäre enttäuscht?"
Mel wiegte mit dem Kopf hin und her. "Weiss nicht."
Anna blätterte weiter und zeigte auf ein enganliegendes Kleid, das die Kurven betonte, schlicht war und eine zeitlose Eleganz ausstrahlte. "Ich wette, Roger würde dich lieber darin sehen. Du würdest bestimmt unheimlich sexy darin aussehen."
Mel lachte. "Ausgerechnet du sagst sowas?"
Sie errötete. "Na ja -"
Mel stupste sie an und lachte noch mehr und sie liess sich anstecken. Wie gut tat es, wieder einmal aus vollem Hals zu lachen.
"Endlich sehe ich wieder einmal die Anna, mit der man Pferde stehlen kann!", japste Mel, als sie sich etwas beruhigt hatte.
Sie seufzte. "Na ja, ich denke, ich war etwas zu fokussiert auf das Studium."
Mel zog die Augenbrauen hoch. "Etwas? Ich dachte, du bestehst nur aus Studium."
Sie zuckte die Schultern. Das Jahr in der Vergangenheit hatte sie wohl etwas entschlossener zurückgebracht. Aber darüber konnte sie nicht einmal mit Mel reden. Wer schon sollte so etwas glauben?
Mel legte ihre Hand über Annas Hand. "Bitte versprich mir, dass wir zusammen unsere Hochzeitskleider aussuchen gehen, ja?"
Sie nickte. "Klar, machen wir. Mit wem sollte ich sonst gehen?"
Sie verhakten ihre kleinen Finger, pressten ihre Daumen aufeinander. "Mel-An-Ehrenwort."
Vielleicht, ganz vielleicht hatte Mel recht. Ed war in letzter Zeit etwas seltsam gewesen. So als hätte er ein Geheimnis. Hatte das am Ende mit einem Antrag zu tun?!
Der nächste Tag begrüsste sie wie die Tage zuvor mit Grau in Grau. Sie stand an der Bushaltestelle. Ein feiner Nieselregen bedeckte ihren roten Koffer wie mit kleinen, grauen Perlen.
Wann kam denn endlich der Bus? Sie blickte auf ihre Armbanduhr. 11.30 Uhr. 11.30 Uhr? Sie runzelte die Stirne. Immer noch? Das konnte nicht sein. Sie nahm das Handy aus ihrem dunkelblauen Anorak. 11.55 Uhr. Na also. Musste ihre Uhr gerade jetzt stehen bleiben?
Sie verlagerte das Gewicht von einem Fuss auf den anderen. Wenn sie Toulouse schon kalt empfand, war London bestimmt wie der Nordpol.
Sie atmete tief durch, um ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Ihr erster Flug. Unglaublich. Noch vor einem halben Jahr hätte sie sich das nicht so einfach zugetraut.
Der Bus kam mit quietschenden Bremsen vor ihr zu stehen. Sie stieg ein und setzte sich auf einen leeren Platz neben einem Teenager, dessen Finger wild auf seinem Handy herumfuchtelten und dessen Beine ebenfalls nicht stillsitzen konnten.
Das komische Gefühl in ihrer Magengegend verstärkte sich. Sie schloss die Augen. Nur ruhig. Ein Flug war sicher ein Klacks gegen all das, was sie in Malta erlebt hatte. Ein Flugzeug war nicht lebensbedrohend. Meistens jedenfalls. Gehörte es nicht zum sichersten Verkehrsmittel überhaupt?
Sie blickte aus dem Fenster. Die tiefliegenden Wolken umschmeichelten die grauen Hochhäuser, als gehörten sie für immer und ewig zusammen.
Nur noch einige Stunden, bis sie Ed wieder sah. Wie sah seine Wohnung aus? Würde sie auch die Chance bekommen, seine Eltern kennenzulernen?
Wieder fiel ihr Blick auf ihr Handgelenk. 11.30 Uhr. Hoffentlich gab es im Flughafen einen Laden, in dem sie die Batterie ersetzen konnte.
Mit einem Ruck hielt der Bus vor dem Flughafengebäude. Sie rollte ihren Koffer zum Check In, gab ihn auf, passierte die Sicherheitskontrollen und dann endlich konnte sie einen Laden suchen. Bei der Auswahl an Schmuck und Uhrenläden war es ein Leichtes, die Batterie ersetzt zu bekommen.
"So, nun tickt Ihre Uhr wieder richtig", sagte die Dame im dunklen Kostüm als sie ihr die Armbanduhr überreichte.
"Herzlichen Dank. So ohne Zeit zu reisen, liegt mir nicht."
Auch nicht durch die Zeit. Aber das lag zum Glück hinter ihr. Die Dame lächelte sie professionell an und wandte sich dann an eine andere Kundin.
Anna wandte sich um und suchte in dem Wirrwarr an Schilder und Gängen nach ihrem Gate.
In der Nähe ihres Gates liess sie sich in einen der grünen Plastiksessel fallen, die vor einem Imbiss-Kaffeestand standen. Sie hatte noch eine Dreiviertelstunde, bis der Flug ging.
Sie nahm ihr Handy hervor. Eine Mitteilung von Ed. Ihr Herz beschleunigte sich.
Sie grinste.
Er hatte ihr erzählt, dass ein ehemaliges Gangmitglied ein Kind bekommen hatte und er ihr nun half, eine Lösung für das Baby zu finden, da sie offensichtlich nicht in der Lage war, für das Kind zu sorgen.
Wie sehnte sie sich nach seiner Umarmung. Es war zwar erst sechs Wochen her, seit Ed wieder zurück in London war. Aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.
"Kann ich Ihnen etwas bringen?"
Sie schaute auf. Sie war so vertieft in die Unterhaltung mit Ed gewesen, dass sie die Bedienung gar nicht wahrgenommen hatte.
"Ja gerne. Einen Latte Macchhiato."
"Gerne."
Anna schickte ein Herz zurück. Ed würde sie vom Flughafen abholen und zu Marguerite, der Schwester ihrer Grossmutter bringen. Ein Glück, wohnte sie ganz in Eds Nähe. So konnten sie sich oft und einfach sehen.
Sie drehte das Handy unschlüssig in der Hand hin und her. Das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich. Sie atmete tief ein. Das alles klappte bestimmt ohne Probleme. Sie war nicht mehr so überängstlich wie früher.
Ihre Hand wanderte automatisch zur Kette, die sie immer um den Hals trug. Das Malteserkreuz, das ihr damals Angelika geschenkt hatte. Die vier Arme, die für Ausdauer, Mut, Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit standen. Was hatte sie ihr dazu gesagt? Du bist eine mutige Frau, vergiss das nie.
Die Bedienung kam und brachte ihr in einem Pappbecher den geliebten Kaffee und sie bezahlte. Sie nippte vorsichtig am Getränk und starrte zu den breiten Fenstern hinaus, die das Gate säumten. Ein Flieger der British Airways setzte gerade auf das Rollfeld auf. Ein anderer rollte zum Start.
Sie schaffte das. Sie hatte die Vergangenheit überlebt, ein kleiner Flug war sicherlich nichts dagegen.
Sie blickte auf die Uhr. 14.00 Uhr. Noch eine halbe Stunde. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Vielleicht hätte sie doch besser einen Beruhigungstee genommen. Und ein Sandwich. Oder auch nicht.
Sie klammerte sich an den Pappbecher und beobachtete die Leute. Ein Geschäftsmann kam zum Gate, ein kleiner silbernen Koffer hinter sich herziehend. Eine Mutter mit einem Säugling im Tragetuch, ihre Haare zu einem Zopf geflochten. Dort ein Pärchen, das sich offensichtlich einen Disput lieferte.
"Alle Passagiere des Fluges mit Easy Jet nach London Gatwick werden gebeten, sich zum Ausgang 55 zu begeben."
Sie steckte das Handy in ihren Anorak, stand auf und warf den Pappbecher in den nächsten Eimer, bevor sie sich in die Schlange vor dem Gate einreihte. Zeit, sich auf eine neue Welt einzulassen.
ED
Nur noch ein paar Stunden und er würde Anna endlich wieder sehen. Ed trat durch die Glastüre mit den grossen Buchstaben "Neonatologie". Sein Mundwinkel verzog sich ironisch, als er im Vorraum seine Hände desinfizierte. Was würde sie sagen, wenn sie herausfand, dass er in den letzten zwei Wochen wahrscheinlich mehr Zeit im Krankenhaus verbracht hatte als sie in ihrem ganzen Semester?
Nach dem Kaiserschnitt war er der Erste gewesen, der Lailas Baby in den Armen gehalten hatte, weil der diensthabende Arzt ihn für den Vater gehalten hatte. Und als der kleine Junge ihn mit seinen grossen Augen schutzsuchend angesehen hatte, war es um ihn geschehen gewesen. Solange der Vater noch nicht gefunden war, würde er den Part übernehmen. Dem Baby zuliebe. Jason zuliebe.
Er wollte sich gerade beim Stationszimmer melden, als Rachel heraustrat, einen vollen Infusionsbeutel in den Händen. Sie hatte ihre braunen Haare zu einer lockeren Frisur hochgesteckt und ihre Augen blitzten fröhlich. Ein wohltuender Kontrast zur sorgenbeladenen Atmosphäre der Station.
"Oh, hallo, Edward, du kommst gerade im richtigen Moment."
Er erwiderte ihren Gruss und folgte ihr durch die zweite Glastüre in den grossen Raum, in dem die Kleinsten der Kleinen in ihren Behältnissen lagen, die ihn mehr an Glaskisten erinnerten, als an Betten. Überall standen Monitore. Schläuche führten zu den kleinen Bettchen, hie und da piepste durchdringend ein Alarm. Wimmern und Weinen war zu hören, beruhigendes Gemurmel der Schwestern und der Eltern.
"Wir haben alle Hände voll zu tun und der kleine Mann kann jemanden brauchen, der ihm beisteht", wandte sich Rachel nun wieder an ihn.
Er hörte Jason schon vom Weitem. Sein Schreien war schrill und zornig.
"Hat er immer noch Entzugserscheinungen?"
"Ja. Wir konnten die Medikamente aber weiter reduzieren. Das liegt bestimmt daran, dass du so viel hier bist und ihn herumträgst. Das ist heilsamer als alle Medikamente."
Sie lächelte ihn an.
Er grinste zurück. "Ich wünschte, ich hätte auch sonst mehr kommen können."
Aber mit seinem Job und dem Lernen für den verpassten Schulabschluss hatte er nicht mehr Zeit gefunden als ein paar Stunden am Tag. Doch nun waren die Prüfungen vorbei.
"Ich bin froh für ihn, dass er wenigstens eine Bezugsperson hat. Das ist bei solchen Kindern häufig nicht der Fall."
Er ging an Müttern vorbei, auf deren Gesichtern so viel Liebe und Sorge lagen, dass sich sein Magen zusammenzog. Mutterliebe? Das kannte Jason bisher nicht. Laila war zu schwach und depressiv, als dass sie sich um ihn kümmern konnte.
"Was geschieht mit ihm, wenn er den Entzug durchgemacht hat?"
"Er wird erstmals zu einer Pflegefamilie kommen, bis seine Eltern für ihn sorgen können."
Pflegefamilie. Er schluckte leer. John, sein früherer Gangboss, hatte ihm einmal anvertraut, dass er von einer Pflegefamilie in die Nächste herumgereicht worden war. Der blanke Horror.
"Und wenn ich den Vater finde?"
Rachel sah ihn mitleidig an. "Wenn er nach Einschätzung der Sozialarbeiter die Verantwortung übernehmen kann und will, dann kann er zu seinem Vater. Aber oftmals findet man den Vater nie oder er ist in denselben Kreisen zu suchen wie die Mutter und darum nicht fähig, für ihn zu sorgen."
Wahr. Er hatte Little Jo immer noch nicht erreicht und noch keine Zeit gefunden, ihn aufzuspüren. Das musste er schleunigst nachholen. Aber was dann? Würde Jason dann auf der Strasse aufwachsen? War da eine Pflegefamilie nicht besser?
Da lag Jason. Im Vergleich zu den Winzlingen, die hier waren, war er riesig. Die Decke war abgestrampelt, sein Kopf hochrot und die dünnen Arme und Beinchen ruderten in der Luft, als kämpfte er gegen ein Monster.
"Kleiner Mann, es ist Besuch für dich da", sagte Rachel, während sie den Beutel an den Ständer hängte.
Ed beugte sich über das Bettchen und streichelte sein Händchen. So klein. Tränen glitzerten an seinen langen Augenwimpern, noch immer ruderte er mit seinen Armen. Unglaublich, dass ein so kleines Wesen sich so laut bemerkbar machen konnte.
"Ist ja gut, ich bin jetzt hier", murmelte er beruhigend und strich ihm über das Köpfchen, das mit einem dunklen, lichten Haarflaum bedeckt war.
Rachel nahm ihn heraus und legte ihn in seine Arme, vorsichtig darauf bedacht, das Infusionskabel, das in sein Füsschen führte, nirgends einzuhängen.
Als sie ihm den Schnuller zur Beruhigung geben wollte, spuckte er ihn sofort heraus.
"Deine Flasche kommt gleich, kleiner Mann. Eins nach dem anderen."
Rachel lächelte ihm freundlich zu und liess ihn allein mit dem Baby.
Er wiegte Jason hin und her bis er sich etwas beruhigt hatte und gab ihm den Schnuller erneut. Begierig saugte er daran. Dabei bewegte sich das kleine Grübchen am Kinn hektisch auf und ab.
Er blickte ihn mit seinen grossen, blauen Babyaugen an. Dann atmete er zitternd ein, spuckte den Schnuller wieder heraus. Seine Lippen bebten und er begann wieder zu weinen.
"Ist ja gut", versuchte Ed ihn zu beruhigen. "Ich weiss, wie du dich fühlst."
Zu gut. Unwillkürlich war er wieder zurück am Ort des kalten Entzuges. Im Gefängnis. Es hatte Tage gegeben, da wollte er nur noch die Wände hoch.
Er schüttelte die Gedanken ab und wiegte Jason weiter hin und her und gab ihm erneut den Schnuller.
Wie hatte Laila nur weiter Drogen konsumieren können, als sie die Schwangerschaft bemerkt hatte?! Wenn er da gewesen wäre... Aber er war es nicht gewesen.
Langsam beruhigte sich der Junge wieder.
"Du tust ihm gut. Keine von uns kann ihn so schnell beruhigen, wie du", sagte Rachel, als sie mit der Flasche neben ihn trat.
Ed verzog das Gesicht. Hier hielten ihn alle für einen Heiligen. Und warum sollte er ihre Sicht auch zerstören?
"Wenn ich es nicht anders wüsste, hätte ich auf das Papa-Gen getippt", redete sie weiter und reichte ihm die Flasche.
Er setzte sich in einen Ohrensessel, der neben dem Bettchen stand und gab dem Baby die Flasche. Der Kleine saugte begierig daran.
Papa-Gen? Im weiteren Sinne vielleicht, wenn man die Gang als Familie betrachtete und der Boss der Vater war. Aber das war Vergangenheit. Eine Vergangenheit, mit der er nichts mehr zu tun haben wollte.
Jasons Augen wurden schwer. Er öffnete sie noch ein paar Mal, als wolle er sich vergewissern, dass Ed noch da war. Dann blieben sie geschlossen. Seine Arme entspannten sich und er hörte auf, an der Flasche zu nuckeln.
Vorsichtig nahm Ed den Sauger aus dem kleinen Mund und stellte die Flasche auf das Tischchen.
Dann nahm er sein Handy aus seiner Hosentasche. Keine Nachricht von Anna. Wie auch. Sie war gerade erst abgeflogen und ihr Handy bestimmt ausgeschaltet. Er hatte noch etwa eine halbe Stunde, bevor er sich auf den Weg machen musste, um sie abzuholen. Ein warmes Gefühl flutete seinen Magen. Endlich. Endlich würde er sie wieder sehen.
Er öffnete sein Email-Postfach. Was für ein Timing. Hier war schon das Ergebnis der DNA-Analyse. Spätestens morgen würde er Little Jo den Beweis unter die Nase halten, dass er nicht der Vater war und ihn zur Verantwortung ziehen. Soviel war er Jasons blauen Augen schuldig.
Ed klickte auf das Email und überflog es.
...dass die DNA zu 100 Prozent übereinstimmt.
Was-? Sein Herz setzte einen Schlag aus. Er blinzelte und las noch einmal alles genau durch. Wie bitte?! No way. Er - ER war der Vater?! Wie-
"Na ist er eingeschlafen?"
Rachel stand vor ihm. Er starrte sie an. Schluckte.
Nein.Das.Konnte.Nicht.Niemals.Sein.
"Geht es dir gut? Du siehst etwas blass aus."
Er nickte nur, unfähig zu reden. Sie blickte ihn kritisch an.
Dann fiel ihr Blick aufs Handy und er drehte es schnell um.
"Ach ja, ich soll dir ausrichten, dass die Sozialarbeiterin gerne heute ein Gespräch mit dir und Frau Sullivan hätte. Sie hat aber nur noch einen Termin um 15 Uhr. Geht das?"
Sozialarbeiterin?
"Warum?"
"Es geht darum, wie es mit Jason weitergeht. Und da du die einzige Bezugsperson ist, wäre es wichtig, dass du dabei wärst. Natürlich nur, wenn du es einrichten kannst."
... DNA stimmt zu 100 Prozent überein. ...DNA stimmt zu 100 Prozent überein.... Nicht nur eine Bezugsperson. Er war der Vater. Vater!!!
"Das sollte gehen."
Hoffentlich reichte es ihm noch, pünktlich am Flughafen zu sein, um Anna abzuholen.
Anna... Jason... Vater.... Er zwang sich, sich nichts anmerken zu lassen.
Rachel lächelte. "Gut, dann werde ich das Treffen vereinbaren."
Er blickte in das kleine Babygesicht. Die Augenbrauen zogen sich zusammen, als stünde er vor einem unlösbaren Rätsel. Dann entspannten sie sich plötzlich und sein Mund verzog sich zu etwas wie einem Lächeln. Unwillkürliche Bewegungen - das hatte ihm die Krankenschwester erklärt. Nicht Ausdruck von Emotionen.
Er schluckte gegen seinen trockenen Hals. Er war nicht einfach nur Lailas Wunschvater. Jason war sein Sohn.
Was jetzt?
Vorsichtig legte er Jason in sein Bettchen zurück, doch das schien ihm nicht zu passen. Unruhig bewegte er sich im Schlaf. Er strich ihm beruhigend über seine kleine Hand und Jason hielt sich an seinem Finger fest.
Jason war sein Sohn.
Er hatte seinen Vater immer dafür gehasst, dass er nie da gewesen war. Nicht zu seiner Einschulung. Nicht zu seinem Fussballturnier. Nicht, wenn er seinen Rat gebraucht hätte. Und er war auch nicht für seine Mutter dagewesen.
Für ihn hatten nur die Karriere und sein Team gezählt.
Sein Kiefer schmerzte und er lockerte seine Zähne. Er wollte Jason ein guter Vater sein. Aber was hiess das?
Ein dicker Kloss formte sich in seinem Hals und sein Magen begann zu brennen. Er hatte doch ein neues Leben begonnen. Warum musste ihn die Vergangenheit genau jetzt einholen? Warum jetzt, wo er Anna einen Antrag machen wollte?
Jasons Hand klammerte sich etwas fester um seinen Finger. Er wimmerte. Ed schluckte. Herr, ich weiss nicht, was ich tun soll. Hilf mir.
Wie Anna wohl darauf reagieren würde? Sie liebte ihn, obwohl sie von seiner Vergangenheit wusste. Aber wer - wenn er gesunden Menschenverstandes war - wollte einen Mann, der ein Baby mit einer anderen Frau hatte? Besonders, wenn man so grosse Träume hatte wie Anna?
"Du bist hier?"
Er hatte nicht gehört, dass Laila im Rollstuhl zu ihm hingefahren worden war.
Ihre Haare waren frisch gewaschen. Der abgenützte Pullover schlabberte um ihre Arme, das Gesicht wie das einer alten Frau. Eingefallen. Tiefe Augenringe.
Er löste Jasons Finger vorsichtig von seiner Hand. "Er ist gerade eingeschlafen."
Sie nickte. Ein trauriges Lächeln umspielte ihren Mund. Sie stand langsam auf, ihre Bewegungen fahrig. Dann beugte sie sich über das Bettchen und streichelte über das Köpfchen.
Jason bewegte sich.
"Ich weiss, ich bin eine schlechte Mutter. Aber du hast einen guten Vater."
Er entfernte sich einige Schritte, um Laila ihre Zeit mit ihrem Sohn zu lassen. Guter Vater? Als ob.
Laila setzte sich bald wieder in den Rollstuhl und er trat zu ihr.
"Ich bin der Vater", sagte er und es tönte mehr als fremd aus seinem Mund.
Ein Mundwinkel verzog sich zu einem halben Lächeln. "Du hast mir nicht geglaubt, nicht wahr?"
Er schüttelte den Kopf. "Er hat mir Kraft gegeben, nicht aufzugeben. Ich sagte mir immer wieder, dass du irgendwann auftauchst und dann würde alles wieder gut werden."
Er ballte seine Hände in seinen Jeans. Sie sah ihn an. Der weiche Ausdruck auf ihrem Gesicht war ein grosser Kontrast zu ihrer pergamentähnlichen Haut. "Weisst du, ich habe dich immer geliebt. Nur dich."
Echt jetzt? War ihr der nächste Schuss nicht immer wichtiger gewesen?
"Ich werde einen Entzug machen und wir werden eine kleine glückliche Familie sein, nicht wahr?" Auf ihrem Gesicht lag so viel Hoffnung, dass er nichts erwiderte.
Sie fasste seinen Arm mit beiden Händen. "Ich weiss, dass ich es schaffen kann, wenn du bei mir bist. Bitte verlass mich nicht. Sonst - ich weiss nicht, ob ich es dann schaffe."
Ihre Augen flehten, ihre Stimme zitterte. Nicht fair. Er war ihre einzige Hoffnung? Was, wenn er nicht mitmachte? Gab sie sich dann einfach auf? War er dann schuld, wenn Jason seine Mutter verlor?
Das Brennen in seinem Magen verstärkte sich. Er nickte, unfähig, etwas anderes zu tun.
ANNA
Anna folgte dem Strom von Menschen, die sich zur Gepäckhalle begaben. Ihr Magen war immer noch etwas flau, aber das war nichts gegen die Schönheit gewesen, über den Wolken im stahlblauen Himmel zu sein.
Warum nur hatte sie sich so lange davon abhalten lassen zu fliegen?!
Die Gepäckhalle war gespickt mit Rollbändern. Menschen standen herum, blickten auf ihre Handys oder warteten auf ihre Habseligkeiten.
Sie stellte sich zu ihrem Rollband und schaltete das Handy ein. Noch eine Türe trennte sie von Ed und seinen Armen.
Bling!
Zwischenfall? Schon wieder?
Sie blickte auf die Uhr. Es war 16.30 Uhr.
Das Rollband schaltete sich mit einem Knarren ein. Sie steckte das Handy in ihren Anorak. War etwas mit dem Baby oder war es nur eine Verspätung des Zuges?
Die ersten Koffer plumpsten mit einem schweren Humpf auf das Band.
Seine Vergangenheit, die er in Bruchstücken mit ihr geteilt hatte, war keine leichte Kost gewesen. Frauen, Kriminalität - die ganze Palette. Gehörte Laila auch zu seinen Exfreundinnen?
Sie schüttelte den Kopf. Und wenn schon. Ed liebte sie. Und er hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen.
Während sie nach ihrem roten Koffer Ausschau hielt, kam der silberne mit den vielen Stickern schon zum zigsten Mal an ihr vorbei.
Da! Endlich.
Sie griff danach, aber eine andere Frau war schneller. Was-?
"Ich glaube, das ist mein Koffer", sagte die Frau mit einer rauchigen Stimme und drehte das Schild um.
Ein schwarzer Lederrock und ein elegantes Cape umschmeichelten ihren perfekten Körper und die knallroten Lippen unterstrichen ihren entschlossenen Gesichtsausdruck.
Anna trat einen Schritt zurück. Wie peinlich. Sie hatte nicht einmal ihren Koffer von dem dieser eleganten Dame unterscheiden können.
"Ich habe mich wohl geirrt", sagte die Frau und gab dem Koffer einen Schubs in ihre Richtung.
Sie stoppte ihn und drehte das Schild um. Tatsächlich. Es war ihr Koffer.
Vielleicht sollte sie sich vom Aussehen gewisser Menschen weniger einschüchtern lassen.
Sie zog ihn zum Ausgang, vorbei an den stoischen Beamten, die vor der Glastüre standen und sie fragten, ob sie nichts zu verzollen hatte. Vorbei an der wartenden Menge, deren Gesichter vor Vorfreude glänzten. Vorbei an den Schildern und Luftballonen, die die Langersehnten begrüssten.
Bestimmt war Ed auch gleich hier. Bestimmt konnte er nichts für die Verspätung. Bestimmt-
Ihr Handy klingelte. Sie nahm ab.
"Bist du schon draussen?"
Ed. Na also. Bildete sie sich das nur ein, oder klang er gestresst?
"Ja, ich warte beim Ausgang."
"Komm doch zum Zug. Dann können wir direkt fahren. Bin gleich da."
"Okay. Ich versuche ihn zu finden."
Sie hängte auf, folgte den Schildern und war just in dem Moment auf dem Bahnsteig, als der Zug einfuhr.
Sie blickte auf und ab. Da! Er winkte ihr zu und sie begann schneller zu laufen. In seinen Jeans und der Lederjacke sah er so attraktiv aus wie sie es in Erinnerung hatte.
Sein Grinsen liess ihr Herz höherschlagen und ehe sie sich versah, war sie in seinen Armen.
Tief atmete sie den Lederduft ein, an dem noch ein Rest von Zigarettenrauch hing. Von seinen früheren Tagen mit der Gang? Oder seiner Arbeit als Kellner?
"Ich habe dich so vermisst", flüsterte er an ihrem Ohr und sein warmer Atem kitzelte sie.
"Und ich dich erst", erwiderte sie, löste sich, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Er drückte sie nahe an sich und erwiderte den Kuss.
Schneller als ihr lieb war, löste er die Umarmung. "Lass uns einsteigen, der Zug fährt gleich ab."
Er nahm ihren Koffer und sie suchten sich ein leeres Abteil.
