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Jetzt, wo Newski tot ist, weiß niemand mehr, wie Kathrin in Wirklichkeit heißt. Aber das ist ziemlich nachrangig, wenn man ihre gegenwärtige Situation betrachtet: sie kann vor Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten und das erschwert ungemein ihre Flucht vor den Eigentümern des extrem heißen Zeugs, das sie gestohlen hat. Leider kennt sie in diesem endlosen, verschneiten Wald kein Schwein, das sie wecken würde, wenn die schweren Jungs kommen, um ihr den Schädel einzuschlagen. Sie braucht dringend einen Partner… Jim, auf der anderen Seite, braucht ganz bestimmt keinen Partner. Aber dann taucht dieses nervige Mädel auf und will ihm fürs Autofahren und Leuteverprügeln eine Unmenge Geld bezahlen…Er muss nur aufpassen, dass er selbst sie nicht kalt macht.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2014
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I. Explosionen
II. Die Abmachung
III. Das Hotel
IV. Fragen
V. Der Flughafen
VI. Deutschland
VII. Aurora
VIII. In Kathrins letzter Wohnung
IX. Das Warten
X. Die Kampfhunde
XI. Feierlichkeiten
XII. Major Stonebreaker
Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen ist wahrscheinlich zufällig. In jedem Falle ist sie ohne tiefere Bedeutung.
Ähnlichkeit zu großen und kleinen Werken der Pop-(und Nerd)Kultur ist dagegen völlig beabsichtigt. Jeder ist herzlich eingeladen, Zitate zu raten.
Ort: Nordamerika, Wald, Schnee.
Zeit: ein paar Jahrzehnte in der Zukunft.
Universum: von unserem ca. 15 Grad nach links.
Kathrin konnte nur mit äußerster Anstrengung aufrecht stehen.
Von gehen ganz zu schweigen.
Übelkeit. Schwindel.
Der Geschmack von saurer Milch auf der Zunge.
Kathrin übergab sich.
Ihre Hände und Füße froren trotz dicker Handschuhe und Schneestiefel. Trotzdem schwitzte sie wie ein Schwein. Sie war nur einen Herzschlag von Schüttelfrost entfernt.
Leises, beständiges Summen in den Ohren, auch das noch. Abgesehen davon hörte sie nichts. Sie hätte genauso gut Schaumstoffstöpsel in den Ohren haben können. Sie war ganz allein eingepackt in einen Kokon aus Watte.
Sie war ganz allein.
Sie musste weiter. Sie hörte keine Schritte hinter sich, aber sie konnte ihre Verfolger spüren. Sie wusste, dass sie ganz schnell weiter musste.
Der Schnee war knietief. Sie stolperte im Dunkeln und fiel. Im Liegen war es schön. Schön friedlich. Der Magen gab Ruhe, der Kreislauf erholte sich. Der Schwindel ließ nach.
Aber nicht die Angst.
Zuerst auf alle Viere. Dann aufstehen. Kathrin fühlte die Übelkeit, die aus dem Bauch in den Kopf stieg. Sie öffnete ihre Jacke und suchte hektisch unter dem Schal und dem Rollkragen nach dem Band, an dem die Autoschlüssel hingen.
Noch da. Das scharfe Panikgefühl verebbte.
Sie schleppte sich vorwärts.
Einfach geradeaus. In Bewegung bleiben.
Es war nicht mehr weit. Hoffentlich war es nicht mehr weit.
Kathrin kam zu sich. Es war nun Tag. Sie saß an einen Baumstamm gelehnt. Sie war bewusstlos geworden.
Sie rappelte sich auf und ging weiter, so schnell ihre wackligen Beine sie trugen. Kohlenstofffaserrüstung und schwere Stiefel waren dabei nicht unbedingt förderlich.
Die Geräusche kamen langsam zurück: irgendwo krähte ein Vogel. Neben ihr fiel Schnee unter der eigenen Last aus der Baumkrone hinunter. In der Ferne hallten Schüsse.
Es ist eine allgemein bekannte Weisheit, dass die Überlebenschancen für einen Einzelnen umso schlechter stehen, je schlimmer es sein Team bei einem schief gelaufenen Gig erwischt hat. Und da Kathrin nach ihrem Wissen die einzige war, die es aus der Basis herausgeschafft hatte, hatte sie keine Illusionen darüber, was vor und was hinter ihr lag.
Endlich erreichte sie die beiden Jeeps, mit denen sie und ihr Team gestern Abend hierhergekommen waren. Sie nahm ein Auto und fuhr damit weg.
Sie war nun schon den ganzen Tag ohne Pause unterwegs. Seit mittlerweile über dreißig Stunden wach – von ihrem Blackout in der Nacht mal abgesehen. Die Kleidung war dreckig und stank. Sie hörte immer noch schlecht. Der Gleichgewichtssinn hatte sich ebenfalls noch nicht erholt.
Sie war mitten in der Taiga, mit einem Auto voller Sprengstoff und Waffen – Gott sei Dank mit genug Munition – und Zeug, das sie nicht haben sollte. Und ohne Zuflucht oder Aussicht auf Hilfe.
Sie wusste nicht mit letzter Sicherheit, dass die Jungs abgeschrieben waren. Wenn sie noch lebten, fanden sie sich am Treffpunkt ein. Sie waren gut, sie konnten rechtzeitig hinkommen. Diese Hoffnung wollte Kathrin nicht aufgeben.
Nach einer kleinen Pause fuhr sie weiter.
Jim wachte in der Kälte des Wintermorgens auf. Die Fensterscheiben des Wohnmobils, das gegenwärtig sein Zuhause war, waren mit Eisblumen bedeckt. Wahrscheinlich war das Gas im Herd schon wieder gefroren.
Einige Zeit blieb Jim unter seinen zwei Decken liegen und schaute seiner kondensierten Atemluft zu. Dann stand er auf.
Heute sollte er auf jeden Fall ein paar Hundert Dollar verdienen. Dann konnte er Benzin und Lebensmittel kaufen, damit er endlich von hier verschwinden konnte.
Die Stimmung in dem Ort hatte längst von abwartender Verteidigungshaltung zu mehr oder weniger offener Feindseligkeit übergeschwenkt. Das an sich war ihm egal. Das Problem bestand darin, dass in so einem Klima früher oder später irgendwelche Idioten auf die Idee kamen, mit ihm eine Schlägerei anzufangen.
Jim wollte in Ruhe gelassen werden.
Hundert Dollar brauchte er unbedingt noch, um bei diesen Spritpreisen bis Petersberg zu kommen.
Nach einem kargen Frühstück widmete sich Jim dem Motor des Wohnmobils. Das alte Ding streikte in den letzten Tagen immer häufiger. Jim fügte seinem geistigen Einkaufszettel Munition für die Schrottflinte hinzu.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Arbeit zu suchen und zu hoffen, dass er dabei möglichst wenigen Menschen begegnete.
Der Treffpunkt war eine Kneipe, in der Holzfäller dieser Gegend ihre Freizeit vertrieben.
Kathrin war pünktlich. Sie hatte vorsichtshalber eine gepanzerte Jacke an und steckte – nur für den Fall – eine Automatik und die Allzweck-Beretta in die Innenfächer.
Sie ging hinein und setzte sich an die Bar. Sie hatten verabredet, Wasser zu trinken, wenn sie verfolgt wurden, und Cola, wenn alles klar war. Kathrin dachte kurz nach und bestellte Orangenlimonade.
Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie einen Bärenhunger hatte.
Noch war niemand von den Jungs da. Sie bemerkte, dass sie laut mit den Fingern trommelte, erst als ein anderer Gast ihr einen unfreundlichen Seitenblick zuwarf. Sie lauschte angestrengt. Zwei- oder dreimal in der ersten halben Stunde hörte sie draußen ein viel versprechendes Motorgeräusch, aus dem jedoch nichts wurde. Kathrin gab ihnen eine Viertelstunde mehr.
Und dann noch mal eine Viertelstunde.
Und dann noch eine.
Zwei Stunden später musste sie einsehen, dass das Rendezvous nicht stattfinden würde. Sirius‘ Regeln waren eindeutig: alle, die zwei Stunden nach der vereinbarten Zeit am Treffpunkt sind, hauen ab. Ob die Jungs nun in der Explosion umgekommen oder in Gefangenschaft geraten waren, machte keinen Unterschied mehr. Sie konnte ihnen nicht helfen. Sie konnte und durfte hier nicht länger bleiben.
Nun, Kathrin musste es allein versuchen. Sie war nicht gänzlich unerfahren und sie hatte schon die eine oder andere hässliche Sache überlebt.
Sie war ein Mädchen mit zwei großen Knarren. Und noch mehr davon im Kofferraum.
Leider musste sie davon ausgehen, dass die Sicherheitskräfte aus der Basis ihr dicht auf den Fersen waren. Der Explosion nach zu urteilen, waren auch sie nicht gänzlich unerfahren.
Sie dachte darüber nach, was ihre Optionen waren.
Eigentlich sollte sie in so einer miesen Situation als Erstes ihren Schieber anrufen. Aber es würde zu lange dauern, bis Neunmalklug irgendjemanden in dieser Gegend auftreiben konnte. Bis dahin war sie tot und kalt.
Im Radius von ungefähr zweitausend Kilometern hatte sie selbst genau einen Kontakt: Chet, den Wissenshändler aus Black Town, der sich mit Verkauf von Gerüchten und falschen Dokumenten übers Wasser hielt. Sie hatte weder für das eine, noch für das andere Verwendung. Chet nützte ihr nichts.
Sie hatte seit bald zwei Tagen nicht geschlafen. Die Augenlider klappten regelmäßig zu, ohne dass sie es verhindern konnte. Die Augen rollten nach oben und sie fiel im Sitzen in einen Sekundenschlaf, der ihr Ruhe, Erholung und Frieden versprach und nichts davon gab.
Ruckartig wachte sie wieder auf.
Was sie wirklich dringend brauchte, war Schlaf. Und einen Partner, der Wache schob, während sie schlief. Wenn sie es zurück in die Zivilisation schaffen konnte, hatte sie vielleicht eine Chance, nach Deutschland zu kommen. Sie brauchte einen internationalen Flughafen und, um zu einem solchen zu kommen, brauchte sie Muskeln.
Nach Möglichkeit Muskeln mit einem Gehirn dran.
Kathrin schaute sich um: widerlich dreckige, stinkende, behaarte Männer waren in unterschiedlichen Stadien des Alkoholrausches. Manche spielten Karten, manche drückten Arme, die meisten unterhielten sich mehr oder weniger angeregt. Einige waren den Weg des Konsums so weit gegangen, dass sie sich mehr unter denn am Tisch befanden. Die Holzfäller waren stämmig, an harte Arbeit und fettige Nahrung gewohnt. Trotz der Bauweise, die eines Sumo-Ringers würdig war, bezweifelte Kathrin, dass sie eine ähnliche Beweglichkeit und Reaktion hatten.
Ein wenig wunderte sich Kathrin, dass sie hier in Ruhe gelassen wurde.
Sie nahm ihr Essen: Bratkartoffel mit Spiegelei und einen durchwachsenen Steak. Gott weiß, wann sie wieder was Warmes in den Magen bekommen konnte. Sie verkroch sich in eine dunkle Sitzecke und stürzte sich auf ihre Mahlzeit. Die Wärme und Fülle im Bauch machten sie einerseits noch müder, aber andererseits rückten sie irgendwas in ihrem Kopf zurecht. Amüsiert stellte Kathrin fest, dass ihre Gedanken zwar träge, aber trotzdem klar waren.
Jetzt konnte man also wieder konstruktiv an Problemlösungen arbeiten. Wie um das Stichwort zu unterstreichen, ereignete sich etwas, das Kathrin nicht auf Anhieb als Problem oder Lösung identifizieren konnte.
Ein Mann betrat das Lokal. Er unterschied sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von dem üblichen Publikum: er hatte ebenso wie die anderen alte Sicherheitsstiefel, alte Jeans, alte Jacke, alte Mütze, alte Handschuhe und eine Redneck-Ausstrahlung. Aber er war irgendwie frischer, wacher, recht klein für einen Mann, kleiner als sie selbst, vielleicht eins siebzig. Was aber Kathrin ihre sechs Jahre in den Schatten gelehrt hatten, war zu erkennen, wenn einer aus der Branche die Spielfläche betrat.
Entweder war er hier als so eine Art Untergrund-Freiberufler, der für die Jungs aus der Militärbasis arbeitete. Oder er war hier zufällig, in diesem Fall konnte er ihr viel- leicht nützlich werden.
In ihrer Situation wollte Kathrin keine Risiken eingehen. Sie griff in das große Innenfach ihrer Jacke, holte daraus ihre kleine halbautomatische Waffe, manövrierte sie unter die Tischplatte und entsicherte sie behutsam. Nur für den Fall.
Der Kleine schien hier nicht unbekannt zu sein und man konnte nicht behaupten, dass er unter den Anwesenden positive Reaktionen ausgelöst hätte. Leute, die vorher entspannt mit dem Rücken zur Tür gesessen waren, sahen jetzt zum Eingang und legten die typischen Zeichen der Revierverteidigung an den Tag: Schultern ausbreiten, Kopf heben, Brust herausstrecken, nach der Waffe greifen. Ein Rudel gegen einen.
Selbstverständlich war Kathrin für den Underdog. Noch warf niemand den ersten Stein und sie behielt ihre Beobachterposition mit der entsicherten Knarre in der Hand. Sicher ist sicher.
Der Kleine bewegte sich vorsichtig zur Theke und bestellte etwas. Er überflog erst das ganze Publikum flüchtig und dann sonderte er Kathrin aus der Herde heraus und schaute sie nicht sonderlich interessiert nochmal an.
Das beruhigte sie: sie hatte zwar unförmige bequeme Arbeitskleidung an, aber sie war unmissverständlich als Frau zu erkennen und fiel in dieser maskulinen Meute auf. Es war normal, nochmal hinzuschauen, wenn man etwas bemerkte, dass einen wunderte. Was nicht normal gewesen wäre, wäre, wenn Kathrins Anwesenheit den Mann nicht wenigsten ein bisschen überrascht hätte.
Der Kleine bewegte sich langsam, als wollte er die Pferde nicht scheu machen. Ohne Angst zu zeigen, machte er es klar, dass er nicht auf Krawall aus war. Ohne aggressiv zu sein, zeigte er deutlich, dass, falls es zu Krawall kommen sollte, er sich teuer verkaufen würde.
Er gefiel Kathrin. Muskel mit Gehirn dran – einmal wie bestellt.
Kathrin erlaubte sich ein wenig Hoffnung.
Es sah nicht gut aus für Jim. Er hatte tagsüber Lastwagen entladen und ein wenig im Sägewerk ausgeholfen und das hatte ihm insgesamt vierzig Dollar eingebracht. Das war viel zu wenig, um sich bei diesem Wetter mit seinem halb-toten Wagen auf den Weg zu machen.
In der Kneipe war es wenigstens warm. Er konnte hier langsam essen und vielleicht ein-zwei Bier trinken und, je nachdem wie langsam er sie trank, einige Stunden im Warmen verbringen. Wenn nicht irgendein Idiot beschließen sollte, ihn eine Lektion lehren zu wollen, oder so ein Scheiß. War nicht unwahrscheinlich.
In diesem Fall, das musste er ehrlich sagen, war es fraglich, ob er es schaffen würde, der Sache ruhig aus dem Weg zu gehen. So mies drauf, wie er zurzeit war, hatte er nicht schlecht Lust, irgendjemandem einen ordentlich auf die Fresse zu geben.
Er hasste Menschen.
Sein Essen kam und es regte noch nicht mal seinen Appetit an. Er nahm seinen Teller und setzte sich an einen Tisch in der hintersten Ecke.
Der Kleine setzte sich an dem Tisch, der dem ihren am nächsten war und Kathrin konnte ihn im Profil studieren.
Wenn er überhaupt ein Schattenkrieger war, so war er schon lange Zeit auf dem absteigenden Ast. Vielleicht war er einfach nur ein Kriegsveteran. Davon gab es auch in Nordamerika genug. Vielleicht war er nicht gut, vielleicht war er verletzt, aber Kathrin war sich sicher, dass er was von Gewalt verstand.
Kathrin bestellte einen Kaffee und gab zu viel Trinkgeld, um die missgünstigen Blicke des Wirtes zu besänftigen.
Wenigstens Kohle hatte sie genug. Das war doch schon mal was.
Der Kaffee hatte nicht wirklich viel geholfen. Kathrin machte noch einige Zeit weiter mit ihrer Routine aus subtilen Sekundenschläfchen – sie hatte mindestens ein Bier Zeit und sie hatte noch nie gesehen, dass ein Pint-Bier so lange in einer offener Flasche überlebt hatte.
Bald war Mitternacht. Zeit zu handeln.
Das Fleisch, das Jim sich leisten konnte, war zu klein, um ihn zu sättigen und ihn mit der Welt zu versöhnen.
Er war so in seine trüben Gedanken vertieft, dass ihm das Mädel gar nicht aufgefallen war, bis sie schon an seinem Tisch saß.
„Guten Appetit“, sagte Kathrin. Jim antwortete nicht. „Mein Name ist Elizabeth.“
„Schön für dich“, sagte Jim unfreundlich zwischen zwei Bissen. „Was willst du?“
„Einen Begleiter, so eine Art Bodyguard, auf dem Weg nach Black Town. Gegen Bezahlung.“
„Bin nicht interessiert.“
„Du weißt doch gar nicht, wie viel ich dir dafür biete.“
„Wie viel denn?“
„Fünf Riesen.“ Jim blinzelte.
„Immer noch nicht interessiert.“
„Gut. Sieben?“
Es war ein verdammt gutes Angebot und das wusste Jim. Er war ein sturer Idiot, dass er es nicht annahm. Das wusste er auch.
„Scher dich zum Teufel“, sagte er.
„Ach komm, bitte. Ich brauche dringend einen Partner.“
„Dann such dir anderswo einen und lass mich in Ruhe.“ Er stand auf, ging zur Theke, ohne sich umzudrehen, und bezahlte. Kathrin fluchte und rannte ihm hinterher.
„Warte mal!“, rief sie.
„Nein.“
„Gut, zehntausend.“ Kathrin folgte ihm ins Freie.
„Lass mich in Ruhe.“
„Wie lange brauchst du, um zehn Riesen zu verdienen?“
„Hau ab“, kläffte Jim.
Kathrin machte eine unfreundliche Geste und ging zurück in die Kneipe. Dort lümmelte sie sich hin und erlaubte sich ein Stündchen Schlaf. Sie vertraute darauf, dass hier viel zu viele Leute waren und daher ein bösartiger Angriff genug Lärm verursachen würde, um sie rechtzeitig zu wecken.
Danach zwang sie sich wieder hinaus in die Dunkelheit und Kälte. Mit klammen Fingern setzte sie ihr Navigationsgerät in die dafür vorgesehene Halterung und verließ den Ort in westliche Richtung.
Jim stand schon seit einer halben Stunde vor der offenen Motorhaube mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen und fingerte am Motor herum.
Er verstand von Motoren genug um zu wissen, dass dieser Wagen seine letzte Meile gefahren war. Er fluchte, trat die Stoßstange des Fahrzeuges, die daraufhin brach und abfiel.
Jim packte seine Habseligkeiten in einen großen Wanderrucksack. Die nächste Siedlung war dreißig Meilen weg.
Verdammte Scheiße!
Die Schrottflinte in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken machte sich auf den Weg.
Die Straße war eintönig und dunkel. Kathrin gähnte kräftig und ihre brennenden Augen füllten sich mit Tränen. Sie war wirklich froh, dass sie ein Navi dabei hatte. Zum einen leuchtete es schön, zum anderen konnte sie damit in der Dunkelheit die Kurven besser erkennen. Auf die graue eckige Masse am Wegrand machte es sie aber nicht aufmerksam. Kathrin bremste und fuhr langsam an dem alten Wohnmobil vorbei.
Ein paar Meilen weiter sah sie einen Mann mit einem Berg von Rucksack auf dem Rücken. Er machte ein paar Schritte weg von der eingefahren Spur und blieb stehen. Er blickte ihr entgegen und Kathrin hatte das Gefühl, dass er direkt durch die Windschutzscheibe ihr in die Augen sah. Dann drehte er sich wieder weg und setzte seinen Weg durch den tiefen Schnee fort, als hätte er sie erkannt.
Sie wusste natürlich, wer das war. Sie konnte sich ein böses Lächeln nicht verkneifen – seine Verhandlungsposition war plötzlich ein wenig schlechter geworden.
Kathrin fuhr im Schritttempo auf seine Höhe und kurbelte das Fenster hinunter.
„Hey“, sagte sie. „Hat deine Karre den Geist aufgegeben? Hab sie vorhin gesehen. Na? Zehntausend Dollar. Klingt das nicht sympathisch?“
„Verschwinde.“
„Dreck…“, raunte Kathrin. „Bitte-bitte und noch mal dreimal Bitte!“
„Nein.“
„Wenn ich in Black Town am Flughafen angekommen bin, kriegst du das Auto hier noch dazu.“
„Habe ich mich unklar ausgedrückt?“
„Du hast kein Geld, kein Auto und es ist arschkalt draußen. Ich hab beides und seit zwei Tagen nicht mehr ernsthaft geschlafen. Siehst du meinen Punkt?“
„Hau ab.“
„Fein! Dann lauf schön weiter! Bleib hier in der Pampa ohne Geld und Räder unterm Arsch! Sicher beruhigend zu wissen, dass du daran selbst schuld bist! Glückwunsch!"
"Ja, danke und fahr endlich weiter." Dass Kathrin Recht hatte, machte Jims Stimmung auch nicht besser.
"Du wirst erfrieren, Mann! Hast du gar keinen Selbsterhaltungstrieb? Ich hab welchen und ich finde es richtig beschissen, dass man mich im Laufe der Nacht umbringen wird. Und du bist schuld daran! Du könntest mir helfen und dabei gut Geld verdienen. Für nichts! Du müsstest nur meine Dreckskarre für mich fahren! Und dafür hättest du zehn Riesen bekommen!" So unklug es auch war, hier gepflegt auszurasten, konnte Kathrin sich frustbedingt einfach nicht beherrschen. "Du hast mich so gut wie eigenhändig umgebracht! Du hast mich auf dem Gewissen, Keule!"
„Werde ich fertig mit“, sagte Jim und spuckte in den Schnee.
„Sicher! Viel Erfolg!“
„Verzieh dich!“
„Vollidiot!“
Kathrin hätte heulen können. Sie krallte sich am Lenkrad fest und drückte aufs Gas, der Jeep röhrte auf und trug sie davon. Sie hämmerte aufs Armaturenbrett und schrie irre. Sie offenbarte eine Auswahl an Gossenvokabular in Deutsch und anderen Sprachen, mit denen sie vertraut war. Sie beschimpfte den Mistkerl und fluchte über ihr verdammtes schlechtes Karma. Sie vermutete, dass wenn sie jemandem eins auf die Fresse gegeben hätte, sie sich sofort besser gefühlt hätte.
Sie hielt an, stieg aus dem Wagen und verprügelte in Ermangelung eines besseren Objekts das Ersatzrad ihres Jeeps. Die Muskeln wärmten sich auf, die Durchblutung verbesserte sich, irgendwo purzelten ein paar vergessene Endorphine. Kathrin schnaufte schwer und warf sich eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
Kalt lief es ihr den Rücken herunter, als sie langsam wieder herunterkam.
Die Quoten auf ihr Überleben fielen dramatisch. Aber noch war sie nicht abgeschrieben, noch war sie unverletzt. Sie hatte auch allein eine Chance – eine kleine, aber besser als nichts.
In der Ferne sah sie das Licht einer Tankstelle. Der Tank war zwar noch ein Drittel voll, aber die Kanister im Kofferraum waren leer. Kathrins Situation war eine, in der sie es sich nicht leisten konnte, einen Umweg zu fahren, nur weil ihr der Sprit auszugehen drohte.
An dem kleinen schäbigen Blockhaus, das neben den zwei Zapfsäulen stand, hielt sie an und füllte ihre Vorräte mit minutiöser Entschlossenheit auf. Sie dachte sogar an Frostschutzmittel und maß den Luftdruck in den Reifen.
Ab jetzt wurde nichts mehr dem Zufall überlassen!
Kathrin, die aus einer Stadt kam, die recht erfolgreich versuchte Recht und Ordnung zu betreiben, wunderte sich, wie schwer bewaffnet die Einheimischen in diesem Landstrich ihren täglichen Aktivitäten nachgingen. Gerade hier, wo die Transportrouten für allerhand Illegales verliefen, gingen Leute nicht ohne ihre Pistole oder wenigstens eine Axt vor die Tür. Daher nahm sie es nicht persönlich, als bei ihrem Betreten des Ladens, den es in dieser Form praktisch an jeder Tankstelle gab, alle Anwesenden nach ihren Knarren griffen und sie alarmiert musterten. Als sie sahen, dass sie allein war und lediglich bezahlen wollte, entspannten sie sich wieder.
Nachdem Kathrin bezahlt hatte, suchte sie noch die Damentoilette auf, die sich in einem eigenen kleinen Häuschen einen Steinwurf von dem Tankstellengebäude befand. Sie war, weil sie vermutlich in dieser fast nur von Männern besiedelten Gegend so gut wie nie benutzt wurde, fast sauber und hatte einen Hauch Wärme…
Jim kam leidlich gut voran. Die Straße war nicht viel befahren und er musste die ganze Zeit entweder durch wadenhohen Schnee oder in der schmalen Spur des Jeeps gehen, was ihn nach einigen Meilen zu nerven begann.
Er hatte die Tankstelle gerochen noch lange, bevor er sie gesehen hat. Er freute sich auf einen heißen Kaffee. Vielleicht hatten sie sogar ein Zimmer, in dem sie ihn ein paar Tage bleiben ließen. Die Zehntausend begannen plötzlich, einen gewissen Reiz zu haben. Für zwei-drei Tausend hätte er sich eine Hütte bauen und für ein weiteres einen neuen, richtig guten Wagen kaufen können. Von dem Rest hätte er ohne sich Sorgen zu machen eine ganze Weile leben können. Noch länger, wenn er sein Fleisch selbst jagte.
Hinter ihm kündigte sich ein schweres Motorgeräusch an. Jim trat ein Schritt zur Seite und sah dem Wagen zu, der an ihm vorbeifuhr.
Es war ein großer, schwarzer glänzender Geländewagen. Er war zu gut in Schuss und zu sauber, um einer der Schmugglerbanden zu gehören, und auch zu neu und zu hochwertig, um Eigentum eines der Bewohner dieser Gegend zu sein. Darin saßen vier gleich aussehende Männer. Etwas an diesem Fahrzeug und den Leuten darin war absolut falsch.
Es waren Krieger, die entschlossen gegen den Feind ausrückten.
Sie waren hinter der Frau her. Hundertprozentig.
Jim hatte gelogen. Das wurde ihm bewusst, als er diesen falschen Geländewagen sah. Er hatte gelogen, dass es ihm egal war, dass jemand starb, dem er hätte helfen können.
Jim musste eine Entscheidung treffen.
Er ließ seinen Rucksack und die alberne alte Schrottflinte fallen und rannte los.
Kathrin wachte mit Schreck auf. Verdammt noch mal, wie kann denn das…
Der Schreck wischte die Schläfrigkeit weg. Die ersten torkligen Schritte, die sie machte, erinnerten sie daran, dass sie ihre Grenze erreicht und vermutlich auch schon längst überschritten hatte. Sie hielt sich an der Wand fest und spähte aus dem winzigen Fenster hinaus.
Tatsächlich – ein gepanzerter Geländewagen. Vier Männer in Vollrüstung stiegen aus. Sie bezogen ihre Positionen mit einer solchen durchgedrillten Präzision, dass Kathrin schlecht wurde. Sie sah sich schon im Aluminiumsarg. Oder, in Anbetracht ihrer Feinde, eher in einer Grube mit medizinischem Abfall.
Die Beretta und die MP waren noch in den Innentasche ihrer Jacke. Noch hatten die schweren Jungs ihr Auto nicht gesehen. Das eigentliche Gebäude der Tankstelle, war in einer überbrückbaren Entfernung und auf dem halben Weg zu der Karre. Das war ein Plan.
Kathrin machte die Tür auf und rannte. Sie schoss nicht mal zurück, als die anderen das Feuer eröffneten. Sie steckte alle ihre Ressourcen in den Sprint. Sie war fürchterlich erschöpft. Sie brach mehr oder weniger kontrolliert hinter einem Müllcontainer zusammen. Am Oberarm hatte sie einen Streifschuss abbekommen, den sie als ungefährlich einstufte.
Sie zog die Beretta und schoss auf Ziel, in der Hoffnung, dass sie vielleicht auf diese Entfernung alle vier Bösewichte – trotz ihres glorreichen Zustandes – früher oder später erwischen konnte.
Jim hörte Schüsse, als die Lichter der Tankstelle noch ein Dämmern in der Ferne waren. Er legte einen Zahn zu.
Als er ankam, war der Schusswechsel im vollen Gange.
Jim wählte einen strategisch günstigen Baum, hinter dem er Deckung suchen und die Lage überblicken konnte. Das Mädel war in keiner unmittelbaren Gefahr. Sie kniete auf dem festgetrampelten dreckigen Schnee hinter einem Müllcontainer, prüfte kurz das Magazin ihrer Waffe und schoss aus der Deckung heraus weiter. Sie saß mit Sicherheit nicht zum ersten Mal hinter einem Berg von Irgendwas, während auf der anderen Seite auf sie geschossen wurde.
Sie traf besser, als er mit einer Maschinenpistole treffen würde.
Ach zum Teufel.
Abgesehen davon sind zehntausend Dollar zehntausend Dollar.
Kathrin atmete tief durch. Sie musste dringend laufen, damit sie hier nicht am Ende mit dem Rücken zur Wand und ohne Munition sitzen blieb. Das Magazin der Beretta war längst leer und das der MP würde auch nicht lange halten. Das Ende war nur eine Frage der Sekunden.
Wie aus heiterem Himmel kam etwas angerollt. Der Mann, der sich vor noch nicht mal zwei Stunden hartnäckig nicht anheuern ließ, war plötzlich neben ihr. Er sah wütend und entschlossen aus.
Kathrin verschwendete keine Zeit auf Fragen. Er musste wohl seine Meinung geändert haben. Vollkommen in Ordnung.
Er kam zur rechten Zeit. Ein gutes Zeichen.
„Ich habe nur die eine Waffe“, sagte Kathrin und zeigte auf die MP.
„Bist du OK?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Schaffst du es zu dem Geschäft, wenn ich dir Deckung gebe?“, fragte Jim. Kathrin nickte und gab ihm die Waffe.
Die Frau rannte los. Jim schoss mehr auf gut Glück als mit Verstand. Die Verfolger haben offensichtlich nicht mit einem zweiten Mann gerechnet. Er verschaffte ihr damit die Zeit, die sie brauchte.
Er sah, wie das Mädel zum Eingang des Tankstellengeschäftes hineinstolperte und eine Gestalt sie helfend hineinzog, während ein paar andere bewaffnet an der Tür standen.
Kathrin merkte auf den letzten Schritten einen Aufprall und einen Stich irgendwo unterhalb der Schulterblätter. War wahrscheinlich ein Betäubungspfeil; sie erinnerte sich gut daran, wie es sich anfühlte. Sie vermutete, dass der Pfeil nicht tief genug eingedrungen war, denn noch war sie bei vollem Bewusstsein. Allerdings bohrte sich die Nadel mit jeder Bewegung, die sie machte, immer weiter in das Muskelgewebe. Sie versuchte, maximal voranzukommen und sich dabei minimal zu bewegen.
Sie erreichte die Tür und hilfsbereite Hände zogen sie hinein.
„Ich habe einen Giftpfeil im Rücken. Ziehen Sie ihn raus!“
„Was?“, fragte ein Mann, der am nächsten zu ihr stand. Kathrin realisierte, dass sie auf Deutsch gesprochen hatte.
„Verstehen Sie unsere Sprache? Sind Sie allein, Miss?“ fragte ein anderer.
„Mein Partner kommt gleich. Sie müssen mir den Giftpfeil aus dem Rücken rausziehen“, sagte Kathrin diesmal auf Englisch.
„Was?“ Alle drei umringten sie in hilfsbereiter Haltung.
„Ein Betäubungsgiftpfeil. In meinem Rücken. Ziehen Sie ihn raus, bitte.“
Auf einmal, völlig unvermittelt war sie nicht länger der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Tür flog auf und jemand stürzte hinein. Musste ihr unerwarteter Helfer sein. Sie wollte sich nicht umdrehen, um die Spitze mit dem Gift nicht weiter in ihren Rücken zu treiben.
Etwas passierte, an dem Kathrin nicht Teil nahm.
Ereignisse nahmen eine unerwartete Wendung.
Sie fühlte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Und wie das Gift aus dem Pfeil zu wirken begann.
Etwas war im Begriff zu explodieren.
Oder jemand.
Der Mann, der mit ihr als erstes gesprochen hatte, rollte wütend mit den Augen und lief im Gesicht versoffen-purpur an. Schnaufend hob er seine Schrottflinte. Die anderen zwei Kerle entsicherten ihre Knarren und zielten auf denselben Punkt irgendwo hinter ihr. Dorthin, wo sich die Brust des Helfers befinden musste. Er war offensichtlich höchst unwillkommen. Das machte die Lage nur unwesentlich komplizierter.
Zwei Sekunden lang hatte sie Hoffnung und nun lief wieder alles schief!
Der Mann, der ihr am nächsten Stand, griff sie am Oberarm – zweifellos, in besten Absichten – und zog sie von ihrem Helfer weg. Das Leder der Jacke hob das Giftpfeil an und die Nadel steckte nur noch mit der Spitze in ihrem Rücken.
Drei gegen zwei. Na gut: drei gegen anderthalb. Immer noch machbar. Und danach mussten sie sich um die schweren Jungs draußen auf dem Parkplatz kümmern.
Oh Mann.
„Bist du verletzt?“, fragte Jim angespannt.
„Bin gut. Nur ein Betäubungspfeil“, keuchte Kathrin.
„Verzieh dich, Freundchen! Habe ich mich beim letzten Mal nicht klar genug ausgedrückt?“, knurrte der Älteste der Tankwarte. „Verzieh dich, bevor wir dich mit Schrott voll pumpen.“
„Keine Sorge, Miss“, sagte einer der jüngeren Männer und streichelte seine Mossberg. „Der Freak, der tut Ihnen nichts.“
Was zum Henker? Kathrin versuchte, ihren Arm zu befreien.
So war das überhaupt nicht geplant! Sie waren zusammen hier hineingekommen und sie würden auch zusammen hinausgehen. Punkt. Kein inneres Zwiegespräch nötig.
Kathrin erwog es kurz, mit den Tankwarten zu verhandeln und ihnen die Sache zu erklären, aber die Zeit hatte sie nicht.
Dinge passierten schnell. Für Kathrins übermüdetes Gehirn passierten sie völlig gleichzeitig.
Die drei Männer hoben ihre Waffen.
Etwas schepperte.
Kathrin rammte demjenigen Mann, der sie am Arm festhielt, den Ellenbogen in den Magen.
Durch die Bewegung drang der Giftpfeil wieder in ihr Muskelgewebe ein. Augenblicklich gelang das Betäubungsmittel wieder in Kathrins System. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit.
Oh Dreck.
Der Mann, den sie angegriffen hatte, krümmte sich auf dem Boden und Kathrin schnappte sich seine Schrottflinte. Ihre Beine hatten zunehmend Schwierigkeiten, sie zu halten. Sie fiel auf die Knie.
Die Schrottflinte war schon entsichert und Kathrin versuchte die Waffe auf einen der anderen Typen zu richten. Ihre Arme versagten.
Kathrin gab ihren Körper resigniert auf und sank auf den vom schmelzenden Schnee kalten und feuchten Boden. Da sie nur noch ihr Gehirn und die Augen und vielleicht noch die Ohren – da war sie sich nicht so sicher – im Betrieb hatte, haben die drei den Rest ihrer Rechenleistung unter sich aufgeteilt. Erst jetzt kam sie auf die Idee, nach dem Helfer zu schauen.
Sie fand ihn und die anderen zwei Männer.
Die letzteren sahen aus, als hätten sie den Leibhaftigen gesehen.
Kathrin fragte sich, wann er Zeit gehabt hatte, den Männern ihre Waffen abzunehmen und unbrauchbar zu machen. Die Läufe beider Schrottflinten waren verbogen wie Trinkhalme, die man in der Hand zusammenknüllt. Außerdem lagen sie auf dem Boden und hatten keine funktionierende Verbindung mehr zu dem eigentlich schießenden Teilen, welche wiederum nur noch zur Hälfte in den Händen ihrer Vorbesitzer waren.
Der Helfer stand da leicht vorgebeugt, mit einem fremdartigen Glanz in den gelben Augen und knurrte.
Sie staunte nicht schlecht, nahm es nicht ernst, beschloss, dass sie fantasierte, lächelte und wurde ohnmächtig.
Jim trat erschrocken einen Schritt zurück, als er bemerkte, dass sie ihn ansah. Er riss sich zusammen und versuchte sich zu beruhigen. Er musste daran denken, wie er das Mädel hier hinausbringen konnte.
Zwei sorgfältig platzierte Schläge später waren alle außer ihm auf dem Boden.
Mit einem Satz war er bei ihr und zog den Pfeil heraus. Er drehte sie auf den Rücken und durchsuchte ihre Taschen nach dem Autoschlüssel, fand ihn schließlich an einem Band um ihren Hals. Er schwang das bewusstlose Mädel über die Schulter, schnappte mit der anderen nach der letzten funktionierenden Waffe und sah sich um nach einem alternativen Weg hinaus. Er nahm Anlauf und verließ den Raum durch das Fenster. Glas splitterte und die Verfolger hatten gerade genug Zeit ihre Waffen umzuschwenken, aber Jim verschoss seine zwei Ladungen Schrott genau im richtigen Augenblick, um die anderen am Zielen zu hindern, und erreichte sicher den Wagen.
Am Tor des Geländes fuhr er einen der Angreifer an und stellte mit ungutem Gefühl fest, dass dieser maskiert war und gute schwere Panzerung trug.
Manche Entscheidungen sind richtig und falsch gleichzeitig.
Kathrin wachte in einem kleinen Bett unter Wollplaids auf. Das Bett stand in einer dunklen Holzhütte, die nur einen Raum hatte. Der Mann, ihr Helfer von gestern Abend, stand in einer Ecke davon, die als Küche fungierte, und rührte etwas in einem Topf. In einer Art offenem Kamin brannte Feuer.
Kathrin untersuchte sich. Der Streifschuss am Oberarm war behandelt worden. Er war kaum der Rede wert und als Verband reichte ein mittelgroßes Pflaster, das offensichtlich aus Newskis Erste-Hilfe-Kiste stammte.
Sie setze sich aufrecht und seufzte. Alles tat ihr weh:
Rücken, Brustkorb, Arme, Hals, Beine – alles. Es füllte sich an, als sei sie ein einziger blauer Fleck. Sie hatte keine Idee, was das verursacht haben könnte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend war unvollständig.
Sie hatte einen ekligen Geschmack im Mund.
Ach ja, Betäubungsmittel.
Sie schaute auf die Uhr. Es war halb sechs in der Früh.
Der Mann hörte auf zu rühren, was auch immer er da rührte, und drehte sich zu ihr um.
„Ist es deine Wohnung?“, fragte Kathrin.
„Nein, ich hab das Schloss aufgebrochen. Wir haben was für die Nacht gebraucht.“ Er zeigte mit dem Kochlöffel auf sie.
„Du heißt Elizabeth und wie weiter?“, fragte Jim.
„Kreutz. Wie soll ich dich nennen?“
„Mein Name ist Taylor.“
„Das ist nicht das, was ich gefragt habe“, sagte sie leise und atmete tief und stöhnend durch. „Wie sieht es denn mit einem Vornamen aus?“
„James.“ Sie rümpfte die Nase.
„Nur um sicherzustellen, dass wir uns richtig verstanden haben: du kommst mit mir?“
„Für zehntausend Dollar.“
„Hervorprächtig.“
„Möchtest du mir erklären, was dein Problem ist?“ Jim kam zu ihr und gab ihr eine Schüssel voll Kartoffeleintopf mit Dosenfleisch. Er setzte sich auf einen Hocker und trank Kaffee. Kathrin setzte sich bequemer hin und verzog das Gesicht.
„Sie haben dir irgendwelche KO-Tropfen verpasst. Jede Menge davon.“
„Ach, das ist nur, weil sie mich vermutlich lebend wollen“, sagte Kathrin zwischen zwei Bissen. „Sie wollen immer alle lebend.“
„Wer sind sie?“
„Die Typen, die hinter einem her sind.“
„Ach ja, die Typen… Was wollen sie von dir?“
Kathrin lehnte sich zurück. Erstaunlich, was ein paar Stunden Schlaf bewirken konnten. Selbst wenn es ein narkotischer Betäubungsschlaf war. Der Mann sah sie an, als ob er kein Nein für eine Antwort nehmen würde. Sie musste ihm etwas erzählen.
Immerhin war er jetzt ihr Angestellter. Gibt es auch für Muskel eine Verschwiegenheitserklärung?
„Also gut. Wir – meine Kollegen und ich – haben ihnen etwas entwendet.“
„Wo sind denn deine Kollegen?“
„Draufgegangen.“
„Wie?“
„Weiß nicht. Sind getrennt worden. Dinge sind extrem schief gelaufen. Keiner außer mir ist zum Treffpunkt erschienen.“ Kathrin fühlte sich wie in einer mündlichen Prüfung: Frage und Antwort, Frage und Antwort.
„Kann es sein, dass sie vor dir oder nach dir da gewesen waren?“
„Die Angaben bezüglich der Zeit waren eindeutig. Auch darüber, wie lange man auf Nachzügler warten sollte. Wenn sie nicht gekommen sind, sind sie tot oder verhindert. Wenn ich länger gewartet hätte, hätte mir dasselbe geblüht.“ Kathrin reckte sich. „Wie uns gestern anschaulich bestätigt wurde.“
„Konnten sie es auf die Entfernung geschafft haben, hatten sie ein Fahrzeug?“
„Der Treffpunkt ist ja mit Verstand ausgesucht worden. Es ist hier schließlich kein Pfadfinder-Lager.“
„Und du willst wirklich nicht länger auf sie warten? Nur für den Fall, dass sie sich doch verspäten?“
„Nein“, sagte Kathrin schwer. „Nein. Bei uns ist es wie bei Piraten: wer zurückbleibt, wird zurückgelassen.“
Jim lag der Kommentar auf der Zunge, dass Piraten weder für hohe Intelligenz, noch für hohe Lebenserwartung berühmt waren. Aber alle möglichen Dinge konnten schief gehen und das Mädel machte auf ihn weder einen dummen, noch einen besonders lebensmüden Eindruck.
„So, und ich soll dich nach Black Town bringen?“
„Gestern ging die Diskussion deiner Aufgaben ein bisschen unter.“ Kathrin wickelte sich fester in die Plaids ein.
„Ich muss jetzt zu irgendeinem internationalen Flughafen kommen.“
„Und dann?“
„Kann ich bitte auch so einen Kaffee haben?“
„Klar.“ Jim holte ihr einen Becher mit der braunen Brühe.
„Dann fliege ich zurück.“ Er sah sie desinteressiert an. „Das wäre der Zeitpunkt, an dem du deine Zehntausend kriegst.“
„Und den Wagen“, ergänzte Jim.
„Und den Wagen, ich vergaß.“
„Was habt ihr denn geholt?“, fragte Jim nach einer Weile.
„Ich glaub nicht, dass das relevant ist.“ Kathrin zuckte mit den Schultern und es tat weh. „Was machst du denn hier?“
„Ich glaub nicht, dass das relevant ist“, äffte er sie nach. Kathrin verzog unzufrieden das Gesicht.
„Aah, so einfach ist das nicht“, sagte sie. „Ich glaube gestern gesehen zu haben, dass du recht interessante Tricks drauf hast?“
„Was?“
„Du weißt schon: gruseliges Knurren und Mossberg-Potpourri.“
Jim wurde ein Tick blasser, aber es entging Kathrin.
„Ich bin ziemlich stark“, versuchte Jim es herunterzuspielen.
„Und ziemlich schnell?“, schlug Kathrin vor.
„Möglich.“
„Ich gehe nicht davon aus, dass du mir sagen wirst, wo du das Kriegshandwerk gelernt hast.“
„Richtig. Du solltest jetzt schlafen.“ Kathrin gähnte.
„Ja, ich hatte bis zur Schießerei gestern fast zwei Tage nicht geschlafen.“
„Hattest du erwähnt“, sagte Jim unbarmherzig, stand auf und ging wieder zu der Kochstelle. „Schlaf jetzt.“
Kathrin konnte gut Hunger unterdrücken. Sie wurde unleidlich und cholerisch, aber sie blieb einsatzfähig. Sie konnte mit fürchterlichen Kopfschmerzen ein mittel- schweres Sicherheitssystem lahmlegen und sich völlig betrunken an Grenzposten des Frankfurter Bankenlandes vorbei hochstapeln. Aber wenn sie weniger als vier Stunden zwei Nächte hintereinander schlief, konnte sie keine zwanzig Minuten konzentriert arbeiten.
Gestern Abend hatte sie eine ganz traurige Vorstellung gegeben. Beinahe hatte sie sie nicht überlebt.
Sie schloss die Augen und sank in die Dunkelheit.
Jim holte sich noch einen Becher Kaffee und setzte sich in einen ausgeleierten Sessel. In was für eine Geschichte war er jetzt geraten?
Sein Wohnmobil hatte endlich den Geist aufgegeben, er besaß nichts außer dem, was er an sich trug, und er war als Babysitter mit einem europäischen Mädel unterwegs.
Man musste schon zugeben, dass sie nicht ganz ohne war: eine junge Frau von vielleicht fünf- bis siebenundzwanzig Jahren mit einem Wagen voll Sprengstoff und Feuerwaffen, anspruchsvoller Ausrüstung und einer Spezialeinheit auf den Fersen. Mindestens einer Spezialeinheit.
Er schaute sie an, wie sie da schlief. Neben ihrem Bett lag ein kleiner schwarzer Rucksack.
Ein wenig Schlaf wäre vielleicht auch für ihn nicht schlecht. Jim ging vor die Tür in die Stille des Waldes. Es begann zu dämmern und die Sterne verblassten.
Jim erinnerte sich an den Wetterbericht, den er gestern Abend aufgeschnappt hatte: es sollte heute kälter werden. Es sah aus, als hätten sich die Wetterfrösche nicht geirrt.
Jim setzte sich mit einem Kaffee wieder in seinen Sessel.
Das war in der Tat eine interessante Frage, wo er das Kriegshandwerk, um es mit ihren Worten auszudrücken, gelernt hatte. Die Zeitspanne seines Lebens, an die er sich erinnerte, hatte er im Wald verbracht. Er lebte von einem Tag in den Nächsten, arbeitete als Tagelöhner in Sägewerken, prügelte sich für Geld und, wenn die Stimmung zu unfreundlich wurde, zog er weiter. Er hätte besseres Geld als Schläger bei einer der illegalen Minen oder bei den Schmugglern verdienen können, aber das hieße, länger an einem Ort und bei denselben Menschen zu bleiben.
Das wäre bestimmt nur im Blutbad geendet.
Zwei Stunden später wachte Elizabeth Kreutz wieder auf und sagte, dass er jetzt schlafen sollte. Er ließ sich nicht zweimal bitten und ging in das Bett, das noch warm war und nach Krankheit und Schwäche roch.
Kathrin aß noch was von dem Eintopf und trank einen Kaffee. Sie machte sich ein paar Liter Wasser warm, zog sich aus und wusch sich den Dreck ihrer Flucht von der Haut.
Vor dem Gig hatte sie ihre Haare kürzen lassen. Auch wenn sie ihre Mähne vermisste und das winzige Pferdeschwänzchen, das sie noch zu Stande brachte, ihr wie ein Grabstein vorkam, hatte die neue Länge doch einen Vorteil: brauchte weniger Wasser.
Als Jim aufwachte, sah sie nicht mehr so krank aus. Die Ringe unter den Augen waren nur noch gelblich lila und nicht mehr schwarz. Die Haut war blass, aber nicht mehr grau. Man merkte, dass ihr der Brustkorb noch bei jedem Atemzug wehtat.
Sie sollten jetzt verschwinden…
„Wir sollten jetzt verschwinden“, verkündete Kathrin.
„Ja.“
„Wie gut kennst du dich hier in der Gegend aus?“
„Leidlich.“
„Macht nichts. Bin gut mit Karten und Ähnlichem ausgerüstet. Hast du darauf geachtet, wie viel Benzin wir noch haben?“
„Viertel Tank voll. Das sollte bis zur nächsten Siedlung reichen.“
„Sehr gut. Hast du noch die zwei Kanister im Kofferraum gesehen?“
„Ja. Sind leer.“
„Wie leer? Wie weit bist du denn gefahren?“
„Wieso fragst du nicht deine Karten?“, Kathrin machte eine unfreundliche Geste, als er sich weg drehte.
Jim sah, wie sie ein Gerät, das so groß wie zwei Zigarettenschachteln war, in Form einer Acht vor sich schwenkte und dann sich nordwärts ausrichtete. Er hatte so ein Ding noch nie gesehen. Jim kam näher und schaute mit auf einen Bildschirm, auf dem ihre unmittelbare Umgebung schematisch dargestellt war. Das Mädel tippte mit dem Zeige- und Mittelfinger ihrer Rechten auf die Ränder der Anzeige und schob das Bild zusammen. Die Karte zeigte nun das ganze County und ungefähr dort, wo sie waren, leuchtete ein hellgrüner Punkt.
„Gut. Das sind grob geschätzt 2000 Kilometer, die wir bis Black Town zurücklegen müssen“, sagte Kathrin.
„Wie viel ist es in Meilen?“
„1300 oder so. Wie schnell ist man denn auf diesen verschneiten Straßen unterwegs?“
„Maximal 35-40 Meilen pro Stunde.“
„Sagen wir fünfzehn Stunden Fahrt am Tag. Das wären keine zweieinhalb Tage“, überschlug Kathrin erfreut.
„Damit deine Freunde bessere Chancen haben, dich im Dunklen zu finden? Hier fährt kaum einer in der Nacht.“
„Ah“, Kathrin ließ sich das durch den Kopf gehen. Den Herren von der Spezialeinheit aus dem Weg zu gehen, hatte die allerhöchste Priorität, aber möglichst schnell aus dem Land zu kommen, war auch ganz weit oben. „Gut, dann lass uns sagen, wir fahren maximal zehn Stunden. Dann sind es immer noch drei Tage.“
„Bestenfalls.“
„Plus ein-zwei Tage für Zwischenfälle, um die wir wahrscheinlich nicht drum rumkommen können“, sagte Kathrin und rieb sich unbewusst den Arm, wo sie den kleinen Streifschuss hatte. „Iss was und lass uns abhauen. Ich packe schon mal das Auto.“
Jim aß. Wenn sie unbedingt darauf bestand, das Auto eigenhändig zu packen, war sie selbst schuld.
Er ließ das dreckige Geschirr dort stehen, wo er gegessen hatte, und sah sich um, ob irgendwas Aufschluss darüber geben konnte, wer hier gewesen war.
Der Wagen war gepackt. Jim ging hinaus und schloss die Tür.
„Wer soll zuerst fahren?“, fragte Kathrin.
„Fahr du, solange es hell ist.“
„Gut“, sagte Kathrin.
Die Straßenverhältnisse waren für Kathrin unabhängig von Lichtverhältnissen gleich ungewohnt. Sie konnte ebenso gut jetzt fahren. Sie setzte sich hinter das Steuer und verstellte den Sitz, solange der Motor warm wurde. Die Spiegel korrigierte sie beim Fahren.
Sie fuhren nun seit zwei Stunden ohne Zwischenfälle. Der Mann schlief die erste Stunde. Jetzt starrte er bewegungslos aus dem Fenster, in eigene Gedanken versunken.
Kathrin versuchte bewusst zu fahren und auf Unregelmäßigkeiten zu achten. Die Straße war eintönig, so dass sie doch in ihre Gedanken abdriftete. Sie dachte über den schief gelaufenen Einbruch nach und darüber, dass ihr Team ein gutes war. Und darüber, dass die Jungs ihr alles beigebracht hatten, was sie über die Schatten wusste. Und dass sie sie alle wirklich mochte.
