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Nach seinem Abschluss von der Highschool führt Kevin Baker nur noch ein bescheidenes Leben. Damals beendete eine Knieverletzung seine Footballkarriere, seine große Liebe Stacey verließ ihn und heiratete einen anderen Mann. Auf sich allein gestellt lebt Kevin in der Bronx und versucht, sich mit einem Job als Nachtwächter im städtischen Krankenhaus über Wasser zu halten. Eines Nachts vergeht er sich in der Leichenhalle an einer toten Frau. Dadurch beschwört er einen Albtraum herauf, der nicht nur ihn selbst, sondern auch seine große Liebe in tödliche Gefahr bringt. Denn niemand anderes als der Teufel persönlich hat es auf Kevin abgesehen und spielt sein perfides Spiel mit ihm.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
Teil 1: Kaltes Fleisch
Teil 2: Kalte Erde
Teil 3: Kaltes Leben
Teil 4: Kalter Tod
Anhang: New Yorks Toteninsel - Die Geschichte von Hart Island
Impressum
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Uwe Siebert
Hart Island Horror
„Hey, Ace“, rief Jimmy Mitchell über den Hof der Stuyvesant Highschool.
Ein kräftig gebauter junger Mann drehte sich zu seinem Mitschüler um. Kevin Baker runzelte die Stirn. Er hatte nie viel für Jimmy übrig gehabt, der Kerl war einer jener abgemagerten Streber, die es in jedem Jahrgang gab und die bei keinem Mädchen landen konnten. Außerdem redete er zu viel, wann immer man ihm begegnete. Doch besonders berüchtigt waren seine zahlreichen Späße auf Kosten anderer Mitschüler. Das Vertauschen der Beschriftung auf den Zucker- und Salzstreuern in der Kantine gehörte noch zu seinen harmlosesten Streichen. Seit einiger Zeit hatte er es auf Kevin abgesehen.
„Was willst du, Mitchell?“
„Nur ein kurzes Gespräch führen, sonst nichts. Stell dir einfach vor, ich wäre von der Times. Bist du noch der Quarterback, bist du noch unser Superstar?“
„Für Spinner wie dich habe ich keine Zeit. Also verpiss dich.“
„Na dann habe ich ja Glück, dass du mir nicht davonlaufen kannst. Wie geht’s deinem Knie?“
Kevin fühlte Wut in sich aufsteigen. Erst vor drei Tagen war er aus dem Krankenhaus entlassen worden und jede Bewegung seines linken Beins sandte einen stechenden Schmerz durch sein Kniegelenk.
„Football hat seinen Preis, nicht wahr?“ Grinsend zeigte Jimmy auf die Krücken, mit denen Kevin sich stützen musste. „Aber ich habe gehört, die Behindertenliga sucht immer noch Spieler. Vielleicht kauft dir Coach Higgins ja einen Rollstuhl.“
Einige Mitschüler kicherten, das große Tuscheln begann. Längst hatte sich ein Kreis von Schaulustigen um Kevin und Jimmy zusammengefunden. Jetzt war es wichtig die Beherrschung zu bewahren. Kevin holte tief Luft, bemühte sich, seinen verletzten Stolz zu ignorieren. Er wollte nur so schnell wie möglich den heutigen Tag hinter sich bringen und sich zu Hause auf der Couch ausruhen. Niemals hatte er sich vorstellen können, wie anstrengend und schmerzhaft jede Bewegung sein würde. Doch er befürchtete, Jimmy würde ihn nicht so schnell in Ruhe lassen.
„Suchst du echt Ärger, Mitchell?“
„Ob ich Ärger suche, Baker? Kommt ganz drauf an. Immerhin hast du unsere Schule um die Meisterschaft gebracht. Die Tigers haben dich und deine Warriors mit 32 zu 20 geschlagen. Und einige von uns haben ein paar Mäuse dabei verloren.“
Jimmys Augen leuchteten, als er in die Runde seiner Mitschüler sah. Der Clown der Jahrgangsstufe war ganz in seinem Element und hatte noch mehr Lacher auf seiner Seite. Was man ihm jedenfalls nicht vorwerfen konnte, war ein Mangel an Selbstbewusstsein. In diesem Moment war er zum größten Comedian im ganzen Bundesstaat mutiert. Und Kevin kochte innerlich vor Wut.
„Verpiss dich endlich, du kleiner Scheißkerl!“ brüllte er. Seine Stimme klang weit weniger bedrohlich als angestrebt. „Hörst du, Mitchell, du kannst nichts und du bist nichts.“
„Ich bin ein Mathematikgenie und ich weiß auch, was du bist. Du bist ein Versager.“
Augenblicklich ließ Kevin beide Krücken fallen, seine rechte Hand ballte sich zur Faust und traf Jimmys Gesicht. Noch nie zuvor hatte er erlebt, dass sich ein hämisches Grinsen derart schnell in eine Grimasse der Furcht verwandelte. Kevin rammte Jimmy mit dem ganzen Gewicht seines Körpers, beide gingen zu Boden. Der Schmerz in seinem Knie trieb ihm Tränen in die Augen, dennoch ließ er nicht von seinem Gegner ab. Es gab viele Mitschüler, die ihn plötzlich anfeuerten, fast glaubte er sich zurück auf dem Footballfeld. Andere versuchten ihn von Jimmy wegzuzerren, aber er war stärker als sie. Nach dem dritten Faustschlag drang nur noch die Stimme von Stacey Summers wie durch einen Schleier an seine Ohren: „Nein, Ace, hör auf … du bringst ihn ja um!“
Immer wieder hallten ihre Rufe in seiner Erinnerung nach, bis sie schließlich abrupt verstummten und die Gegenwart von Kevin Besitz ergriff.
„Vergangenheit“, seufzte er.
Wie lange war das alles her? Zwei, drei, vier Jahre? Schon seit Minuten blickte er auf die alte Narbe an seinem Handknöchel. Beim ersten Schlag in Jimmys Gesicht hatte er sich an den Schneidezähnen des Mitschülers die Haut aufgerissen. In all den Jahren, die folgten, hatte er gelernt, was für ein hinterlistiges Flittchen das Leben sein konnte. Mal gaukelte es ihm vor, für Großes bestimmt zu sein, nur um ihm im nächsten Moment ein Bein zu stellen und in den Armen eines anderen Kerls lachend davonzuziehen.
Für Kevin gab es als Nachtpförtner des Bellevue Hospitals nur wenig Arbeit zu verrichten, für gewöhnlich erfüllte sein Beruf ihn mit einer Langeweile, die er von früher nicht gewohnt war.
Obdachlose und Drogensüchtige klopften zuweilen an die Pforte in der Hoffnung auf eine Mahlzeit und ein warmes Bett. Und während sich das Fachpersonal auf die Notaufnahme konzentrierte, döste Kevin in seinem kleinen Büro vor sich hin oder sah sich die Wiederholungen von T.J. Hooker und Wheel of Fortune im Fernsehen an. Manchmal spazierte er auch durch die Korridore, so wie heute Nacht. Die Sohlen seiner Schuhe klackten auf dem Linoleumboden. Die weiß verputzten Wände reflektierten das Licht der Deckenbeleuchtung. Kevins Berufswelt war karg, und die Luft, die er darin atmete, war eine penetrante Mischung aus verschiedensten Desinfektionsmitteln, die von den Reinigungskräften beim Aufputzen der Korridore benutzt wurden.
Kevin war nicht überrascht, dass er der einzige Bewerber für diesen Job gewesen war. Die Bezahlung war nicht sonderlich gut und die nächtliche Tätigkeit wurde zunehmend zur Qual.
Nachdem er die Highschool verlassen hatte, war sein Leben nicht besonders gut verlaufen. Noch vor fünf Jahren hatte ihm sein Sportlehrer Mr. Higgins eine Zukunft in der Profiliga prophezeit. Ace of Spades, so hatten sie ihn genannt; er war das Pik-Ass seines Teams gewesen, der große Gewinner, den nichts und niemand stoppen konnte. Doch eine Knieverletzung hatte die aufstrebende Footballkarriere beendet. Kevins kleine heile Welt war wie seine Kniescheibe in Scherben zersprungen, und Ace of Spades verschwand in der Versenkung.
Die meisten seiner Mitschüler hatten nach dem Abschluss von der Stuyvesant Highschool einen mehr oder minder gut bezahlten Job gefunden, andere profitierten sogar von Stipendien für berühmte Universitäten. Aber Kevin war es weder gelungen einen anständigen Job zu finden, noch eine Familie zu gründen. Wenn große Träume zerplatzen, fühlt es sich zuweilen so an, als drohe die ganze Welt zu zerbrechen; und der Antrieb eines Mannes, der ihn normalerweise davon abhält, sich selbst und alle seine Hoffnungen aufzugeben, beginnt zu streiken.
Seine große Liebe, Stacey Summers, verließ ihn, während er verzweifelt versuchte, einen Job in der Werkstatt einer kleinen Tankstelle in der Nähe von Queens zu bekommen. Sie hatte den Immobilienmakler Anton Baxter geheiratet und lebte mit ihm irgendwo in New Jersey. Sie besaßen ein eigenes Haus, und vor einem Jahr hatte Stacey eine Tochter zur Welt gebracht.
In den letzten dreizehn Monaten hatte er nur noch eine Beziehung zu seiner rechten Hand gehabt. Es schien, als könnten die Frauen sein Versagen wittern, als wüssten sie, dass er ihnen nichts mehr bieten konnte.
Zu viel Alkohol und billiges Junkfood hatten ihn seine drahtige Statur gekostet, das straffe Sixpack war einem üppigen Bauchansatz gewichen und seine kantigen Gesichtszüge lagen unter Pausbacken und einem Doppelkinn begraben.
An vielen Tagen ging er seinem Spiegelbild aus dem Weg – solche Tage häuften sich, und es war an der Zeit, sich einzugestehen, dass Ace of Spades gestorben war. Aus dem ehemaligen Quarterback und Frauenschwarm war tatsächlich ein Versager geworden.
~
Kevins Schicht verlief spannender, seitdem er wusste, wie einfach es war, sich Zutritt zu allen Abteilungen des Hospitals zu verschaffen. Als Teil des Personals hatte er Zugriff auf den Schlüsselschrank.
Nach Mitternacht war er die einzige Person, die das Untergeschoss des Gebäudes betrat. Sein Blick war stets auf die blanke Metalltür der Leichenhalle gerichtet. Die angrenzenden Abteilungen der Gerichtsmedizin und der Pathologie waren seit Stunden verlassen. Das Personal hatte die letzte Schicht um neun Uhr beendet.
Die Stille, die in diesem Teil des Gebäudes herrschte, hätte Kevin unter anderen Umständen beunruhigt. Es war zu still.
Die meisten Menschen beschäftigten sich nur flüchtig damit, dass irgendwann ganz unweigerlich jedes Herz aufhörte zu schlagen, doch zumeist verdrängten sie den Gedanken daran wieder. Der Tod war ein ungebetener Gast in ihrem Leben, sie versuchten ihn auszusperren, solange es möglich war.
Die Tür zur Leichenhalle war verschlossen. Kevin zog den großen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche. Es dauerte nicht lange, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte.
Er öffnete die Tür. Schon häufig hatte er die Halle betreten. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Die Kälte hier unten konnte den Verfall der Körper zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten. Sieben Leichname lagen nebeneinander auf Metalltischen, die Körper waren mit Laken abgedeckt. Sie waren erst am späten Nachmittag gebracht worden, und da die Mehrheit der Angestellten auf einen mehr oder minder pünktlichen Feierabend Wert legte, verzögerten sich die Arbeiten erheblich.
Er betrachtete die Zettel an den großen Zehen der Toten – an einem Ort wie diesem waren sie die einzige Erinnerung daran, dass diese Menschen einmal einen Namen gehabt hatten. Sechs von ihnen waren Männer, nur unter dem letzten Laken zeichnete sich deutlich die Wölbung weiblicher Brüste ab. Natürlich war er sich darüber im Klaren, dass seine Neugierde längst mit einem sexuellen Motiv einherging. Schon letztes Mal hatte allein die Vorstellung, den Leichnam einer zwanzigjährigen Drogensüchtigen anzusehen, bei ihm eine Erektion verursacht. Er war vor sich selbst erschrocken, davor wie sehr er sich gewünscht hatte, die Haut der Toten zu berühren. Damals hatte er die Leichenhalle fluchtartig verlassen, ehe er sein Verlangen in die Tat umsetzen konnte. Doch heute Nacht würde er die Berührung wagen.
Seine Hände zitterten, als er das Laken anhob. Die Frau darunter war Anfang dreißig, das braune Haar hüftlang und strähnig. Ihre spröde Gesichtshaut verriet, dass sie weder Make-up noch Lippenstift oder Peeling-Cremes benutzt hatte. Wahrscheinlich war sie eine Obdachlose gewesen. Mit ein bisschen Pflege, kürzeren Haaren und gesunder Ernährung hätte sie Stacey verblüffend ähnlich gesehen. Ihre Augenlider waren geschlossen, als würde sie schlafen. Der Oberkörper der Toten wies mehrere starke Blutergüsse auf. Kevin sah an ihr hinab. Es war der Blick eines Voyeurs, der schon bald vom Betrachter zum Täter werden würde. Heute Nacht würde es soweit sein, dessen war er sich sicher. Er sprach den Namen der Toten laut aus: „Mary Sampson.“ Es glich einem Ritual, dessen Reihenfolge genau eingehalten werden musste, um zu einem krönenden Abschluss zu führen. Dabei grenzte es an Ironie, dass sie die einzige Frau war, die er in den letzten Monaten unbekleidet gesehen hatte. Kevin genoss jeden Zentimeter ihrer Nacktheit, ergötzte sich an den Rundungen ihres Körpers, während er sich darüber wunderte, dass er nicht den geringsten Ekel vor ihrem Leichnam verspürte.
Langsam und mit einer für ihn untypischen Zaghaftigkeit legte er seine Hand auf ihren Körper. Die Kälte ihrer Haut ließ ihn zusammenzucken, doch als er sich daran gewöhnt hatte, genoss er die Berührung. Er streichelte ihre Brüste. Früher hatten die Frauen in seinen Armen bei einer solchen Liebkosung ihrer Brustwarzen geseufzt, nur Mary schwieg. Seine Hand wanderte tiefer, mit jedem weiteren Zentimeter stieg sein Puls an. Eine Handbreit unterhalb von Marys Bauchnabel begann ein Saum dunkler Haare, der Kevin wie ein Wegweiser zwischen ihre Beine führte.
Hart drückte seine Erektion gegen das Innere seiner Jeans. Obwohl er wusste, dass er ganz allein in der Leichenhalle war, blickte er sich um. Er kämpfte gegen seinen Trieb an und verfluchte seinen Körper und die Geilheit, die langsam aber sicher seinen Verstand auszuschalten drohte.
Was um alles in der Welt tat er hier eigentlich? Er stand bei dem Leichnam einer Frau, seine rechte Hand lag zwischen ihren Schenkeln und zwei seiner Finger drangen in ihr kaltes Fleisch ein.
Als hätte diese Penetration eine Pforte in die Welt des Todes geöffnet, stieg ein unangenehmer Gestank aus Marys Schoß empor, der spitz wie ein Messer in Kevins Atemwege stach. Er musste würgen, dennoch ließ er nicht von der Toten ab. Er atmete hastiger, sein Herz hämmerte wie ein Presslufthammer, drohte den Brustkorb zu sprengen. Seine rechte Hand öffnete den Reißverschluss seiner Jeans, verschaffte seinem Penis den nötigen Platz. Kevin konnte nicht anders, er spreizte die Beine der Toten. Der Metalltisch knarrte unter seinem Gewicht, als er sich auf den Leichnam legte.
„Mary Sampson“, abermals wiederholte er ihren Namen. Der süßlich herbe Geruch ihrer blassen Haut war nun ganz nahe und hüllte ihn ein wie ein betörendes Parfüm. Eine Handvoll Speichel genügte, um sein Glied und die Vagina der Toten geschmeidig zu machen. Dann drang er in sie ein. Die Kälte in ihrem Inneren umschloss seinen Penis. Ihn fröstelte, ein Schauer jagte den nächsten. Kevins Stöße waren heftig, schon bald war Mary wieder so trocken wie eine gedörrte Apfelschale. Als er sich in sie ergoss und der Orgasmus wie eine gewaltige Welle durch jeden Winkel seines Körpers brandete, schrie er auf. Dieser Moment, den er mit allen Sinnen festzuhalten versuchte, war für ihn der Höhepunkt dieser Nacht. Es war der bisher beste Sex seines Lebens gewesen. Er sank auf den Leichnam herab. Sabber rann zwischen seinen Mundwinkeln hervor. Kevin war sich des erbärmlichen wie obszönen Anblicks, den er abgab, vollkommen bewusst. Scham überkam ihn. Hastig zog er seinen mittlerweile erschlafften Penis aus der Vagina und ließ ihn in seiner Hose verschwinden.
Erst jetzt wurde Kevin richtig klar, was er soeben getan hatte. Mehrere Schritte wich er vor dem Leichnam zurück. Übelkeit stieg in ihm hoch – der Ekel vor dem verwesenden Fleisch, dem Gestank erkalteter Genitalien und der Endgültigkeit des Todes. Sterne tanzten vor seinen Augen und er übergab sich auf den Boden.
„Gott, vergib mir!“ Seine Stimme wurde zu einem Winseln.
Mittlerweile gab es so viele verräterische Spuren in diesem Raum, die auf einen Leichenschänder hindeuteten, dass Kevin sich auszumalen begann, welche Strafe er zu erwarten hatte.
