Herbstnacht in Northern Creek - Uwe Siebert - E-Book

Herbstnacht in Northern Creek E-Book

Uwe Siebert

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Beschreibung

Ein Fluch lastet auf der Familie Blackburn. Cameron, der letzte männliche Nachkomme einer langen Ahnenreihe, ist von Geburt an dazu bestimmt, seinen Leib einem finsteren Wesen mit Namen Neamonar zu überlassen. Seit Jahrtausenden wartet Neamonars Geist im Jenseits auf eine Möglichkeit, ins Leben zurückzukehren. Gestärkt durch unzählige Menschenopfer, sehnt er die einzige Nacht des Jahres herbei, in der die Welten der Lebenden und der Toten miteinander verschmelzen: Halloween, das Fest am Vorabend zum Allerheiligentag. Als diese unheilige Nacht endlich da ist, wird das kleine Dorf Northern Creek von den bösen Mächten heimgesucht, Geister gehen auf den Straßen um, und eine Zeit des Grauens bricht an. Nur Claire Lockhart wagt es, sich Neamonar und seinem Auserkorenen entgegenzustellen. Dabei erhält sie unerwartete Hilfe aus dem Reich der Toten.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Herbstnacht in Northern Creek

TitelseiteKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Impressum

Uwe Siebert

Herbstnacht

in

Northern Creek

Pandämonium Verlag

2. überarbeitete Auflage Mai 2018

Kapitel 1

Die Felsen vor der Küste waren so alt wie die Zeit. An manchen Tagen färbte sich das zerklüftete Gestein pechschwarz, ragte wie eine Reihe von Zähnen aus dem Wasser. Immer wenn es stürmte, schien die ganze Region Teil einer anderen Welt zu sein, die keine Menschen duldete.

Hart prasselten Regentropfen auf das Deck des Kutters und erzeugten ein monotones Stakkato, dem zu lauschen Robert Blake nun schon seit Stunden gezwungen war. Er warf eine weitere Reuse aus. Es war immer riskant, während des schlechten Wetters so nahe vor der Küste zu fahren, doch bei dem Felsenriff bot sich die beste Gelegenheit, Hummer zu fangen. Ein Seemann scheute weder Wind noch Regen. Robert und die restliche Besatzung konnten es sich nicht leisten, ein weiteres Mal ohne einen Fang nach Gloucester zurückzukehren.

Der Regen wurde stärker, die Sicht verschlechterte sich. Eine Welle fegte über das Deck und riss Robert von den Beinen. Er prallte gegen die Reling. Sterne tanzten vor seinen Augen. Die nächste Welle nahm ihn mit sich. Wie durch tausend Schleier erklang der RufMann über Bord. Die Umarmung des Meeres war kalt, so eisig kalt. Die Strömung umspielte seine Beine, zog an seinem Leib und trieb ihn rasch fort von dem Kutter. Nicht weit von ihm entfernt ragte das Riff auf, dunkles Gestein… Zu dem Prasseln des Regens und dem Tosen der Wellen gesellte sich eine fast unhörbare Melodie, die sich unaufhaltsam ihren Weg an seine Ohren suchte. Vor seinen Augen leuchtete das Gesicht einer Frau auf – einer wunderschönen Frau mit hinreißenden Augen und glatter Haut. “Mein Gott, Claire.“ Er glaubte ihre Lippen schmecken zu können, wie bei einem allerletzten Kuss. Ein ohrenbetäubender Knall ließ seine Welt zerspringen und alles was dazu gehörte. Dunkelheit umarmte ihn, dann verstummte die Melodie, und mit ihr das Stakkato des Regens.

Die Felsen vor der Küste sind so unglaublich hart...

~

Von all den Dingen, die Kummer und Schmerz bereiten können, ist der Verlust eines geliebten Menschen das schlimmste, das wusste Claire Lockhart, und nie wieder im Leben würde sie diese Tatsache vergessen. Die asphaltierte Straße schlängelte sich den Hügel hinauf, und Claire bewegte sich unsicher voran, mit beinahe zaghaften Schritten. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie den Friedhof erreichte. Mit ihren Fingern fuhr sie an dem Metallgitterzaun entlang, der die Welt der Lebenden vom Reich der Toten trennte. Während sie zwischen den Gräberreihen hindurchging, konnte sie auf die Küste hinabsehen, die sich als ein langer Streifen aus Sand und Felsgestein in der Ferne verlor. Vom Atlantik kam ein nasskalter Wind. Der Herbst schien hier früher Einzug zu erhalten als sonst irgendwo im Land. Die meisten Gräber waren bereits von goldgelbem Laub gesäumt, und immer wieder taumelten neue Blätter aus den Baumkronen zur Erde und knisterten unter Claires Schritten. Vor einem weißen marmornen Grabstein blieb sie schließlich stehen. Ihr Blick überflog die eingemeißelten Lettern einer Inschrift, die für fremde Augen nichts als ein bedeutungsloser Name war. Für Claire aber bedeute jener Name die Welt:Robert Blake.

Ihr Verlobter war Anfang September bei einem Unfall gestorben. Der Fischer war am frühen Morgen wie gewohnt mit dem Auto nach Gloucester gefahren und mit einem Kutter in See gestochen. Das Meer hatte sein Leben genommen, wie es schon viele Leben genommen hatte. Manchmal fraß es die Fischer sogar mit Haut und Haaren auf, doch Roberts leblosen Leib hatte es nur vier Wochen vor der geplanten Hochzeit zurück an die Küste gebracht. Seit jenem Tag war ihr Schicksal eng mit diesem Friedhof verknüpft, sie kannte diesen Ort mittlerweile gut und würde ihn noch besser kennenlernen. Im Winter, wenn Schneetreiben ihre kleine Welt in eine weiße, kalte Decke einbettete; im Frühling, wenn die Natur nach langer, kalter Zeit aus ihrem Schlaf erwachte, und das Konzert der Vögel in den Wipfeln der Bäume erklang; und auch im Sommer würde sie hier oben sein, wenn eine warme Brise durch die Baumkronen wehte und an Zeiten erinnerte, die ohne Trauer hätten sein sollen. In einer ihrer Fantasien sah sie sich an ebenjenem Grab stehen und beobachtete, wie ihre Haut faltiger wurde und ihre Haare ergrauten. Dann war sie eine alte Frau, schwach, mit trüben Augen, und von einem Leben gebeugt, in dem es nur Kummer gegeben hatte. Es waren ohne Frage selbstzerstörerische Gedanken, wie sie die dunkle Jahreszeit bei manchen Menschen mit sich bringt. Der brausende Wind erinnerte Claire an ein Flüstern, als wollten die Toten ihr sagen, dass sie nicht allein sei, und dass es noch Hoffnung gebe – oder war es nur das Klagen all jener, die viel zu früh aus dem Leben geschieden waren? Hirngespinste eines verwirrten Verstandes, tote Menschen sprachen nicht.

~

Nicht weit von ihr entfernt stand ein Mann vor einer anderen Reihe von Grabsteinen. Claire hatte ihn gelegentlich auf der Straße gesehen, wenn er hinter dem Steuer seines Mercedes das Dorf verließ. Jeder in Northern Creek wusste, wer Cameron Blackburn war. Der Stoff seines grauen Trenchcoats flatterte im Wind. Ein Hut bedeckte seinen Kopf, die Krempe warf einen Schatten über sein Gesicht. Der Mann war etwa Anfang vierzig, in seinem stoppelbärtigen Gesicht zeichneten sich bereits mehrere Falten ab.

Während der letzten Tage hatte er öfters den Friedhof betreten. Seine Eltern, Großeltern und sogar Ur-Großeltern lagen ebenfalls hier begraben. Er sah mit starrem Blick auf ihre Gräber herab. Die Grabsteine der Blackburns zeugten in Höhe und Breite von dem Vermögen der Familie. Der Zahn der Zeit hatte bereits an ihnen genagt, und ihre Oberfläche war verwittert und vereinzelt von Moosschichten überzogen.

Manchmal hatte Claire gehört, wie der Mann zu ihnen sprach. Oftmals war es ein Flehen um Hilfe, ein Betteln um Kraft und um Vergebung für all die begangenen Sünden. Wusste er denn nicht, dass die Toten eisern schwiegen?

Sie sah, wie er sich mit einem weißen Stofftaschentuch über die Wangen wischte. Offenbar hatte er geweint. Der Mann verließ die Gräber wieder, sein Weg führte ihn an Claire vorbei. Kurz trafen sich ihre Blicke, seine Augen glänzten feucht.

Ein Windstoß riss das Taschentuch aus Blackburns Hand, und es glitt vor Claires Füße. Sie hob es auf, es war aus feinster Seide. Wortlos reichte sie es ihm.

„Danke, Miss Lockhart.“ Seine Stimme klang ungewöhnlich kühl. „Während all der Zeit ihrer Trauer bin ich noch nicht dazu gekommen, Ihnen mein Beileid wegen des Verlusts ihres Ehemannes auszusprechen.“ Claire missfiel, dass er sie ansprach, wo sie doch nur ihre Ruhe haben wollte. Dennoch wahrte sie ihre Höflichkeit. „Robert und ich, wir waren nicht verheiratet, noch nicht.“

„Es tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ Er musterte den Grabstein ihres Verlobten. „An einem Ort wie diesem beginnt man sich zu fragen, ob es Himmel und Hölle wirklich gibt, und welche Pforte man nach seinem Tod durchschreiten wird, nicht wahr, Miss Lockhart?“

„Der Besuch eines Friedhofs schürt viele Gedanken, die uns sonst fremd sind.“

„Ja, da haben Sie wohl recht. Es ist ein Ort der Trauer, ein Ort für Tränen und für Klagen.“ Er trat an ihr vorbei, das Laub knisterte unter seinen Schuhen.

Claire war froh, dass er den Friedhof verließ. Sie war wieder allein, jedoch hallten seine Worte über Himmel und Hölle in ihren Gedanken nach. Wohl niemand in der ganzen weiten Welt konnte sich verschiedensten Jenseitsvorstellungen und dem Glauben an ein himmlisches Paradies verschließen. Und wenn Himmel und Hölle wirklich und wahrhaftig existierten, dann wusste Claire ohne jeden Zweifel, wo Roberts Seele auf sie warten würde.

~

Northern Creek war ein Dorf, dem nur noch wenige Menschen eine rosige Zukunft versichert hätten. In den letzten Jahren hatten viele Einwohner ihre Häuser verlassen und waren in das acht Meilen entfernte Rockport umgezogen oder hatten sich eine der neugebauten Eigentumswohnungen in Gloucester gekauft. Laut der letzten Einwohnerzählung lebten nur noch knapp vierhundert Menschen hier. Die meisten von ihnen hatten sich längst damit abgefunden, dass der kleine Laden mitsamt dem angrenzenden Postamt bereits seit zehn Jahren geschlossen war. Die einzige Kirche gehörte den Katholiken und war sanierungsbedürftig, wurde aber zu den sonntäglichen Gottesdiensten zumindest besucht. Die Hälfte der Bänke war mit Gläubigen besetzt, und fast alle lauschten wie gebannt den Predigten von Reverend David MacGowran. Protestanten mussten die Fahrt nach Rockport zu dem alten Reverend Marcus auf sich nehmen.

Arbeitsplätze bot Northern Creek keine mehr, die einzige Bar war ein Familienbetrieb. Wer einem regelmäßigen Beruf nachging, verließ in der Frühe das Dorf und kehrte erst am Abend zurück. Schulpflichtige Kinder und Jugendliche – derzeit waren es nicht mehr als Neunundzwanzig – wurden am Morgen mit dem Bus nach Rockport oder Gloucester gebracht und am Nachmittag wieder im Ortskern abgeliefert.

Nur zwangsweise verlagerte sich das öffentliche Leben an den Werk– und Schultagen in die Ballungsgebiete. Die vorherrschende Stille auf den verwaisten Straßen hätte einen erlebnisorientierten Stadtmenschen in den Wahnsinn der Langeweile treiben können, aber all jene Menschen, die sich an diesem abgelegenen Fleckchen Erde niedergelassen hatten und auch dort bleiben wollten, konnten sich nichts Besseres vorstellen.

~

Evelyn Luca versuchte, sich zu konzentrieren. Ihre milchigtrüben Augen schienen regungslos, doch ihre Blindheit war bei weitem kein Hindernis, um bestimmte Dinge wahrzunehmen, die ihrer Umwelt verborgen blieben. An dem kleinen runden Séancetisch saß ihr ein älterer, vornehm gekleideter Mann mit graumeliertem Haar gegenüber, der sich vor lauter Nervosität den dichten Schnauzbart rieb.

„Geben Sie mir nun Ihre Hand, Reverend“, sagte Evelyn.

Reverend MacGowran drückte ihre Hände fester und intensivierte damit die sich entwickelnden Gefühle und Visionen.

„Können Sie schon etwas sehen, Miss Luca? Bitte, nun sagen Sie es doch.“

Evelyn hätte bei jedem ihrer Kunden laut lachen können, wenn sie ihr, einer blinden Frau, diese Frage stellten. Auch wenn sie damit jeneBilder meinten, die jenseits der Pforten ihres Unterbewusstseins zum Leben erwachten.

„Ruhig Blut, Reverend“, sagte sie. „Ich kann sehen, dass Sie die nötigen Zuschüsse zur Renovierung Ihrer Kirche bekommen werden.“

Ihr Gegenüber begann zu lächeln. „Miss Luca, ich bin froh, dass wir jemanden wie Sie in der Gemeinde haben. Und bis jetzt hat sich auch alles, aber wirklich alles, was sie mir vorhergesagt haben, immer erfüllt.“

Sie konnte sich ein Kichern nicht unterdrücken. „Wenn Hexen noch immer verbrannt würden, dann müsste sich selbst ein so weltoffener Reverend wie Sie in Geduld üben.“

„Gott sei Dank sind diese Zeiten schon lange vorbei. Gute Hexen sind immer willkommen.“

Plötzlich zuckte Evelyn zusammen, langsam ließ sie die Hände des Priesters los.

„Miss Luca, ist alles in Ordnung?“

„Entschuldigen Sie, Reverend“, murmelte sie. „Mich überkam gerade so etwas wie eine Vision. Doch keine Sorge, nichts was Sie betrifft. Nun ja, meine Gabe ist nun einmal nicht immer ein Segen und bricht zuweilen über mich herein, wie ein Gewitter.“

„Ich weiß jedenfalls was ich wissen muss“, antwortete der Reverend. Er legte eine Fünfzigdollarnote auf den Tisch.

„Bitte entschuldigen Sie mich jetzt“, sagte die Hexe und stand auf.

„Dann auf Wiedersehen, Miss Luca. Ich weiß ja, wo es nach draußen geht.“

Evelyn verfiel in Schweigen. Sie hörte, wie sich die Schritte von Reverend David MacGowran von ihr entfernten, dann das vorsichtige Öffnen ihrer Haustür. Wie nach jedem Treffen spähte der Reverend hinaus auf die Straße, wohlbedacht darauf, dass ihn niemand aus dem Bungalow der Hexe kommen sah. Die üblichen dreißig Sekunden verstrichen, dann schlug er die Haustür zu und ging einen größeren Umweg durch die St. Patrick`s Street, um unauffällig zurück zu dem Pfarrhaus im Ortskern zu gelangen.

Eves Gedanken kreisten um das beunruhigende Gefühl, das sie im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Blitz durchfahren hatte, als sie eigentlich für den Reverend in die Zukunft hatte sehen sollen. Eine seltsame Nervosität bemächtigte sich ihres Leibes, wie bei jemandem, der das Haus verlassen hat und nicht genau weiß, ob er den Gasherd ausgeschaltet hat.

Sie war sich sicher, dass schon bald eine große Veränderung in ihrem Leben eintreten würde. Ein Ereignis stand bevor, sogar ein grauenvolles Ereignis. Und ganz gleich, wie oft sie darüber sinnierte, was in Northern Creek hätte geschehen können, mit ihrer hellseherischen Gabe vermochte sie dieses Geheimnis – warum auch immer – nicht ergründen zu können.

~

Cameron Blackburn verbrachte seine Zeit, wie immer es ihm beliebte. Er war zweiundvierzig Jahre alt, und so lange er zurückdenken konnte, hatte er immer genug Geld gehabt, um all seine Angelegenheiten regeln zu können. Ihm gehörte nicht nur ein einziges Haus, er besaß auch Grundstücke in Europa, wie in der Karibik, und hatte so manche seiner Nächte mit den schönsten Huren verbracht – Frauen und Männer, ja sogar Knaben und Mädchen hatte er besessen. Es gab nichts, was er mit Geld nicht hatte kaufen können. Und er hatte gelernt, dass selbst die stolzesten und anständigsten Menschen bereit waren, ihr Fleisch, ihre Körperöffnungen, ihr bisschen Würde und Anstand, gegen Geld einzutauschen. Das Leben konnte ein Fest der Lüste sein.

Wenn ihm danach zumute war, besuchte er mit seinem Privatjet andere Kontinente, oder ließ sich mit einer Limousine durch die noblen Viertel der großen Weltstädte fahren. Cameron hatte stets das ganze Mark des Lebens in sich aufgesogen.

Hier jedoch, in Northern Creek, war er nur ein einfacher wundersamer Mann. Die Leute ahnten von seinem Wohlhaben. Wahrscheinlich hielten sie ihn für einen Rechtsanwalt oder den hohen Angestellten einer Firma unten in Boston. Vielleicht dachten sie auch, er sei Geschäftsreisender, wenn er wieder einmal mehrere Wochen am Stück fort war. Doch wie hätten sie ahnen können, dass sein Vermögen viele Milliarden Dollar betrug? Er bemühte sich nicht weiter aufzufallen, trug keinen seiner maßgeschneiderten Anzüge und hielt zu keinem der Einwohner näheren Kontakt; keiner von ihnen hätte jemals von sich behaupten können, in seinem Haus gewesen zu sein. Cameron hatte keine Freunde, er hatte nie eine eigene Familie gegründet, es gab keine Ehefrau und keine Kinder.

Seine Ahnenreihe reichte bis nach England zurück, und wann immer in der Vergangenheit ein Blackburn geboren worden war, war es ein Junge gewesen, der zum Mann heranreifte.

~

Wie jeden Nachmittag in den letzten Tagen fuhr Cameron auch heute wieder mit dem Auto aus Northern Creek hinaus. Sein klassischer silbergrauer Mercedes, der sich in tadellosem Zustand befand, war der einzige offensichtliche Luxus, den er sich hier gönnte. Ein deutsches Automobil wie dieses verriet viel über seinen Eigentümer und wies ihn für viele Nachbarn als den hoffnungslosen Exzentriker aus, der er auch war. Der Mercedes folgte der Straße, die nun durch einen Wald in Richtung der rund acht Meilen entfernten Stadt Rockport führte. Die Blätter der Bäume trugen ihr herbstliches Goldgelb und säumten vereinzelt den Asphalt. Nur hin und wieder brachen sich Sonnenstrahlen in dem dichten Geäst und berührten den Boden.

Cameron bog in eine Abzweigung ein. Eine einspurige Schotterstraße, überwuchert von Gräsern, führte den Hügel hinauf. Hätte er den Weg nicht seit frühester Kindheit gekannt, hätte er auf gut Glück erahnen müssen, wo er langfuhr.

Weit oben befand sich eine alte Scheune, die schon seit einer Ewigkeit zum Besitz der Familie gehörte. Der erste Blackburn, der sich hier niederließ, hatte das große Gebäude mit seinen eigenen Händen errichtet, und die überaus gute Handwerkskunst vergangener Zeiten, ließ es auch heute noch Wind und Wetter trotzen. Geradezu vergeblich hatte Mutter Natur versucht, sich zurückzuholen, was einst ihr gehört hatte – Pilze und Efeu krochen die Holzbretter hinauf und auf den Dachziegeln wucherte ein Teppich aus Moos.

An einem trüben Tag wie heute, hätte es inmitten dieses von Herbst beherrschten Waldes nicht unheimlicher sein können. Für Cameron aber war jenesUnheimliche vielmehr mit einer Präsenz verbunden – es war alt, sehr alt. Für immer würde es in der Scheune nisten, ganz gleich, ob man die Efeuranken entfernte, das Holz abermals mit ein bisschen Farbe überstrich oder besonders marode Stellen mit neuen Brettern ausbesserte. Nichts, aber auch gar nichts, würde irgendetwas ändern.

Er parkte den Wagen in einigem Abstand und stieg aus. Der Küstenwind zeigte hier oben seine ganze Härte und trieb das heisere Krächzen der Möwen vor sich her – für Camerons Ohren glich es zuweilen menschlichen Schreien. Es war wesentlich kälter als unten im Dorf, doch Cameron fröstelte, wann immer er sich auch nur in der Nähe der Scheune aufhielt, die Jahreszeit spielte dabei keine Rolle. Unwillkürlich zog er die Schultern hoch. Mit schnellen Schritten ging er auf das Gebäude zu. Er griff nach einem Schlüssel in seiner Jackentasche und öffnete damit ein verrostetes Schloss. Jeder hätte auf einfache und primitive Weise einbrechen können, aber Cameron wusste, dass niemand sich auch nur im Entferntesten an seinem Hab und Gut vergreifen würde. Zudem neigten andere Menschen – ganz gleich welchen Alters – für gewöhnlich dazu, alte und heruntergekommene Gebäude zu meiden. Das Unbehagen, das sie auch nur beim Anblick überkam, war ihrer eigenen Fantasie geschuldet, die letzten Endes auch den abstraktesten Monstern Leben einhauchte. Nur wie hätten sie alle auch nur ahnen können, was Cameron über die Welt wusste und was er bisher erlebt hatte?

Er schob das Tor beiseite und trat ein. Der Geruch von ranzigem Stroh schlug ihm entgegen, doch es lag noch etwas anderes in der Luft: ein undefinierbarer Gestank, der in Cameron ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit hervorrief. Er hatte sich immer gewundert, wie sich all diese Gerüche hier drinnen halten konnten, wo doch der Wind durch so viele Spalten in Dach und Wänden hereinblies. Beinahe spielerisch bewegte er die an Nägeln baumelnden Äxte, Sensen und Heugabeln gegeneinander. Das Scheppern des rostigen Eisens erinnerte beinahe an das Glockenspiel in einer Kathedrale.

Cameron zog das Tor hinter sich zu. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Dielen. Er öffnete eine Luke und offenbarte eine nach unten führende Holztreppe. Bei jedem seiner Schritte knarrten die staubigen Stufen. Die wenigen Stützbalken, die zur Decke aufragten, waren von Holzwürmern zerfressen, dennoch bewahrten sie die alte Scheune vor dem Einsturz. Hier unten waren die Wände aus grob behauenem Mauerstein – völlig unüblich für ein Gebäude dieser Art.

Immer weiter gelangte Cameron hinab, bis sich ein Raum vor ihm auftat, den er mittlerweile dasArbeitszimmer nannte.

In der Nähe eines Schreibtischs, standen Regale aus dunkel gebeiztem Holz. Jedes ihrer Fächer war mit halb zerfallenen Hexenbibeln, Grimoires, Mythen, Sagen und losen Zauberformeln aus vielen Ländern gefüllt, die seine Familie in den letzten zweihundert Jahren angesammelt hatte. Vermutlich wäre diese Sammlung okkulter Literatur in besserem Zustand mehrere Millionen Dollar wert gewesen, doch was scherte sich ein Blackburn schon um Geld. Wie schon vor ihm sein Vater, hatte auch Cameron erkennen müssen, dass jedwede alte Schrift weder in theoretischer, noch in praktischer Hinsicht für ihn von Nutzen war. So viele verschwendete Stunden hatte er im Dämmerschein einer Öllampe gegrübelt, um eine Lösung für sein unaufschiebbares Erbe zu finden. Doch es schien alles vergebens.

Noch immer lagen hier die vielen Erinnerungen aus seiner Kindheit. Waren tatsächlich schon so viele Jahre vergangen? Die Stimmen der Vergangenheit jedenfalls konnte er noch immer hören, laut und deutlich.

Kapitel 2

Cameron war zwei Jahre alt gewesen, als seine Mutter gestorben war. Umso glücklicher war er, dass er mit einem gleichaltrigen Freund aufwachsen durfte, der mit ihm die Nachmittage nach der Schule verbrachte, während sein Vater Jebediah wieder einmal in Gloucester unterwegs war, um das Familienvermögen unter die Leute zu bringen. Camerons bester Freund hieß Edward Byrnes und stammte aus einer ärmlichen Familie. Cameron teilte sogar sein ganzes Taschengeld mit ihm. Die alte Scheune, die zu betreten ihnen Jebediah aufs Strengste verboten hatte, war seit jeher der Mittelpunkt all ihrer Fantasien gewesen. Wie so oft hatten sie darüber sinniert, was in dieser Scheune alles versteckt liegen mochte – von einem riesigen Piratenschatz, bis hin zu einer Zeitmaschine. Cameron hatte sich ohnehin schon gefragt, warum sein Vater die Scheune überhaupt behielt. Die Blackburns hatten so viel Geld, warum sollten sie ein so altes Gebäude nicht einfach abreißen? Doch den Mut, das Geheimnis der alten Scheune tatsächlich herauszufinden, brachten die beiden Jungen erst auf, als sie neun Jahre alt waren. Das Verbot zu brechen und möglicherweise einen verborgenen Schatz auszuheben, war schließlich ihr größter Ansporn gewesen.

Als sie mit vor Aufregung hämmernden Herzen das Vorhängeschloss mit Hilfe eines Steins aufgebrochen hatten, mussten sie zu ihrer Verwunderung feststellen, das die Scheune bis auf ein paar stinkende Strohballen völlig leer war. Für Cameron brach eine Traumwelt zusammen, es gab keinen Piratenschatz, geschweige denn eine Zeitmaschine. Edward hingegen wollte sich nicht so leicht den Spaß verderben lassen, er ging noch lange Zeit suchend in der Scheune auf und ab, bis auch er irgendwann enttäuscht zu Boden starrte. In diesem Moment geschah es, dass er auf die Luke nach unten stieß. Voller Erwartung waren sie die Treppe hinuntergestiegen, über viele Stufen, die nicht enden wollten. Edward glaubte sich fast in die Katakomben einer alten Burg versetzt. Schließlich erreichten sie eine Eichenholztür, mit massivem Metall beschlagen. Zu ihrer großen Enttäuschung jedoch war die Tür verschlossen. Wie sehr sie sich auch anstrengten und was immer sie mithilfe von kindlicher Gewalt versuchten, der Zutritt sollte ihnen verwehrt bleiben. Dafür diente ihnen die alte Scheune für die nächsten Jahre als überaus geeigneter Schauplatz zahlloser – im Geheimen stattfindender – Versteckspiele. Als Cameron dreizehn wurde, war er fest davon überzeugt, dass dieses verfallene Gebäude einen ganz besonderen Ort bot. Aus den Spalten verwitterter Holzlatten, alten Steinen und schattigen Ecken schien ein Ruf an sein Ohr zu dringen, der ihn dazu zwang, immer mehr Zeit in der Scheune oder zumindest in der Nähe zu verbringen. Er konnte der geradezu magischen Anziehungskraft des Gebäudes nicht widerstehen, fühlte sich ihm immer stärker verbunden. Und eines Tages bemerkte er, irgendwo unter dieser Scheune, hinter der verschlossenen Tür, eine fremdartige Präsenz – obgleich er sie nicht sehen konnte, sie war dennoch ganz einfach da.

An einem warmen Sommerabend wagte er endlich seinen Vater auf das Gebäude anzusprechen, und auf die Eindrücke die ihn überkamen, wenn er mit Edward dort spielte. Bei diesem Gespräch wurde ihm bewusst, dass er seinen Vater nie richtig gekannt hatte. Die Wut, die Jebediah übermannte, verwandelte ihn in einen anderen Menschen. Das so vertraute Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, die Cameron eine Angst einjagte, die er früher nicht gekannt hatte.

„Hatte ich dir nicht verboten, die Scheune zu betreten? Noch dazu hast du Edward mit an diesen Ort gebracht. Du hast deinem Freund Dinge gezeigt, die ihn nichts angehen. Dinge die niemanden etwas angehen.“

„Es tut mir leid, Dad“, schluchzte Cameron.

„Ich hatte vor, dich einzuweihen wenn du ein Mann bist, aber du hast die unteren Räume entdeckt.“

„Die Tür war immer verschlossen, ich schwöre es. Und ich habe Edward mitgenommen, weil er mein bester Freund ist. Beste Freunde haben niemals Geheimnisse voreinander.“

„Geheimnisse? Komm morgen Abend pünktlich um acht Uhr und allein zu der Scheune, mein Sohn, dann will ich dich in alles einweihen, was du wissen musst. Auch Vater und Sohn dürfen keine Geheimnisse haben. Und ich verspreche dir, die Tür im Keller wird dieses Mal für dich geöffnet sein.“

~

Der Folgetag war von unerträglicher Spannung geprägt, Cameron fiel in der Schule mehrfach durch Unaufmerksamkeit auf. In den Pausen mied er sogar seinen besten Freund und dachte ausschließlich an seinen Vater und dessen mysteriöses Geheimnis in der alten Scheune. Wovon konnte Dad nur gesprochen haben? Nach der Schule war Cameron wie üblich wieder allein zuhause. Und obwohl er längst befürchtete, das Jebediah auch heute Abend wieder in der Stadt unterwegs sein würde, fand er sich dennoch pünktlich vor der alten Scheune ein. Der silbergraue Mercedes seines Vaters, hinter dessen Steuer Cameron dereinst selbst sitzen würde, parkte bereits vor dem Gebäude. Jebediahs Gestalt zeichnete sich vor dem Scheunentor ab.

„Dad, warum hast du mich den ganzen Weg hierher laufen lassen? Du hättest mich zuhause abholen können.“

„Ich hatte noch etwas zu erledigen. Doch jetzt ist es an der Zeit, dich in das Geheimnis unserer Familie einzuweihen.“ Er führte seinen Sohn in die Scheune und durch die Luke hinunter.

Zu Camerons Verwunderung war die Eichenholztür tatsächlich geöffnet. Dahinter warteten lediglich die Stufen einer Steintreppe darauf, von ihm beschritten zu werden. Die Wände hier sahen noch älter aus und waren beinahe völlig mit fremdartigen Schriftzeichen und Symbolen bemalt. Zu seinem Befremden glaubte er sie sogar lesen zu können, ein Teil von ihnen lautete: 

Oh, dunkler Herr aus vergangenen Tagen,

du Schrecken aus uralten Sagen.

Kehre zurück aus Bannung und Tod,

zurück an der Lebenden Ort. 

Komme herbei und nimm das Opfer an,

auf das du erstarkst zu einstiger Macht.

Als sie unten angekommen waren, tat sich eine weite Grotte vor ihnen auf. Cameron hätte am liebsten laut aufgeschrien. Vor ihm erstreckte sich ein Feld aus Menschenknochen. Es konnten Tausende sein. Schädel, einige kalkweiß, andere gelblich verwittert oder fast schon zu Staub zerfallen, grinsten ihn hämisch an.

Inmitten all der Gebeine befand sich eine Vertiefung im Boden, kreisförmig angelegt, abermals verziert mit Schriften und Symbolen, und so sauber und präzise gearbeitet, als wäre sie von der Hand eines großen Künstlers mit geradezu unnatürlichen Werkzeugen in das Gestein hineingeschnitten worden.

Der Hunger des Meisters muss gestillt werden, las Cameron. Fühle seine Liebkosung, schwarz und kalt. Opferschreie, laut und gellend, sind der geeignete Gesang, um den Meister zu preisen.

Die schreckliche Bedeutung jener Verse offenbarte sich durch die kleine Gestalt, die in der Mitte der Grotte dalag und mit gedämpfter Stimme winselte. Im ersten Moment glaubte Cameron, sein Herz müsse erstarren, dann vergaß er seine Furcht für einen Moment und trat mit schnellen Schritten durch das Knochenfeld.

„Nein“, keuchte er. „Das darf nicht wahr sein.“ Seine Augen weiteten sich, blickten hinab auf seinen Freund Edward Byrnes. Edward war mit Stricken an Armen und Beinen gefesselt, die sich in die Haut geschnitten hatten. Er musste lange versucht haben, sich zu befreien, doch nun schien er aufgegeben zu haben. Ein Knebel in seinem Mund hinderte ihn daran, zu schreien und zu sprechen.

In Sekundenschnelle rasten die Gedanken durch Camerons Kopf, und einer davon war, das er seinen besten Freund jetzt nicht im Stich lassen konnte. Bisher jedoch hatte er nie den Mut gehabt, seinem Vater die Stirn zu bieten.

Jebediah riss seinen Sohn heftig an der Schulter. „Junge, reiß dich gefälligst zusammen. Was ich dir nun offenbaren werde, ist das Geheimnis unserer Familie, der Fluch der Blackburns. Hör mir gut zu: Vor vielen Jahrtausenden gab es in der alten Welt ein Wesen, das Neamonar genannt wurde.“

Unter anderen Umständen, fernab dieses grauenvollen Moments, hätte Cameron gewagt zu kichern. „Neamonar“, flüsterte er. Jener Name sollte sein Leben verändern.