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Ein großer Klassiker aus Finnland Finnland im Jahr 1867: Ein eisiger, nicht enden wollender Winter zieht sich bis in den Juni. Erst am Mittsommertag zeigt sich die Frühlingssonne, die Felder liegenbrach, an Ernte ist nicht zu denken. Hunger, Krankheit und Tod sind die Folge. Diese»harten Zeiten« bilden die Kulisse, vor der Karl August Tavaststjerna ein Bild der erschreckenden sozialen Gegensätze und desgesellschaftlichen Umbruchs in seinem Landzeichnete. Während sich die Oberschicht auf den Gutshöfen dem Luxus hingibt, kämpfen die Armen ums Überleben.
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2014
Karl August Tavaststjerna
Harte Zeiten
Erzählung aus Finnlands letzten Notjahren
Übersetzt, mit einem Nachwort und Anmerkungen von Klaus-Jürgen Liedtke
Deutscher Taschenbuch Verlag
Ein Karren voll Lumpen in schmutziggrauen, zerschlissenen Säcken schob den vorgespannten Gaul einen gewundenen, abschüssigen Weg hinab. Oben auf der Anhöhe ein tavastländisches Dorf mit grauen Gehöften, von gleicher Farbe wie der trübe Himmel darüber, nur eine Spur kompakter. Diese Eintönigkeit einer lavierten Tuschzeichnung wurde durchbrochen von einem abseits gelegenen zweistöckigen Haus – dem des Dorfmagnaten – mit seinen einstmals roten Fensterrahmen und Eckpfeilern, mit weiß leuchtendem Kitt an den Scheiben und Kalk an den Schornsteinen.
Oben auf dem Hügel zweigte von der Landstraße ein Nebenweg ab; sie selbst lief weiter durch das Dorf, durch die Einmündung kaum merklich verbreitert. Das war die große Chaussee zwischen Helsingfors und Tavastehus1, deren sandige, ausgefahrene Rinne sich abseits der schmalen Karrenwege der Gemeinden hielt.
Der Mann, der hügelabwärts hinter dem Lumpenwagen ging, sprang plötzlich auf die Fuhre, schnalzte dem Pferd zu, und schon setzte der Gaul seine steifen Beine in rascheren Trab, um dem Karren zu entkommen, der am Abhang immer schneller wurde. Unterhalb des Hügels lag beiderseits der Straße ein Moor mit tiefen schwarzen Gräben im torfigen Erdreich sowie eine schmale Brücke, die über einen Waldbach führte. Hier fiel der Gaul wieder in seinen gemächlichen Alltagstrott und wedelte nur wütend mit dem zotteligen Schwanz, wenn der Fuhrmann ihm aus guter alter Gewohnheit eins mit der Peitsche überzog. Herr und Gaul versanken jeder in seiner Welt: der eine die Stummelpfeife im Mund, ruhig auf dem Bauch liegend über die Lumpen in all ihrer Schmuddeligkeit hingestreckt, der andere im Schritt vor der Fuhre, mit hängender Unterlippe, mürrisch angelegten Ohren und einem Ausdruck geduldiger, zäher Energie um seine zottige Gestalt.
Es war ein winterlicher Vorfrühlingstag, schon ein Stück im Juni des Jahres 1867. Der Wind blies beißend kalt aus Nordosten, einzelne große Schneeflocken vor sich her treibend, die auf dem moorigen Boden liegenblieben, ohne zu schmelzen. Der Fuhrmann ließ seinen nach innen gekehrten, schläfrigen Blick über die erstarrte Landschaft schweifen, die nicht den geringsten Schimmer grünenden Lebens zeigte, obgleich die Sonne schon um drei Uhr morgens hinter den Wolkenmassen aufging und selbst die Nacht in schwaches Dämmerlicht tauchte. Der Frühling ließ lange auf sich warten, obwohl Mittsommer vor der Tür stand, und es gab Leute, die schon ganz den Glauben daran verloren hatten, daß er sich in diesem Jahr überhaupt einstellen würde. So weit man zurückdenken konnte, hatten sonst um diese Zeit im Sommer immer schon die Früchte angesetzt. Jetzt lag noch Wintereis auf dem Moor rechts des Weges, die Schneewehen hielten sich hartnäckig an den Nordhängen und hinter den Holzzäunen, die Birken im Unterholz hatten kaum Knospen, und die Salweide am Moorgraben trug ihre grauen Kätzchen wie schon im März.
Der Fuhrmann sandte einen halbfrommen Gedanken zum Jüngsten Gericht, das gewiß in diesem Jahr kommen würde, hatte Gott doch sogar die Ordnung der Natur auf den Kopf gestellt. Dann verfiel er erneut ins Grübeln über die Möglichkeiten, sich und das Pferd wenigstens bis dahin vor dem Hunger zu bewahren. Er unterdrückte einen pflichteifrigen Peitschenhieb und musterte von der Fuhre aus seinen alten Kumpan.
Immerhin war es der Gaul gewesen, der ihm über den langen Winter geholfen hatte, seit er aus Not und Futtermangel seine Kate in Österbotten schon kurz nach Neujahr hatte verlassen müssen und sich auf der Suche nach Arbeit und Lohn auf Fahrt über Land begeben hatte. Und er bereute es nicht, so frühzeitig aufgebrochen zu sein – im Gegenteil! In den Dörfern daheim hätte er lange auf einen Verdienst warten können, und in der Zwischenzeit wäre ihm der Gaul unter den Händen verhungert. So hatten ihm seine Voraussicht und Entschlossenheit wenigstens die wichtigste Erwerbsquelle gerettet. Zwar hatte der Abschied von Frau und Hof seine Standhaftigkeit nicht wenig auf die Probe gestellt, aber nachdem er es einmal über sich gebracht hatte, beide samt seinen drei Kindern und zwei hungernden Kühen den Händen Gottes und des Gutsbesitzers zu überlassen, sah er der Zukunft gelassener entgegen: ein wendiger Mann von dreißig Jahren mit eigenem Pferd, das weder lahmte noch zerschunden war, würde sich schon durchschlagen, sollte sich die Not auch von Österbotten über das gesamte Land ausbreiten.
Der Verdienst, den er der Frau hatte heimschicken wollen, war zwar voll und ganz für das Pferd und seine eigene Verpflegung draufgegangen; aber dafür waren die daheim ja auch die größten und begierigsten Mägen losgeworden, und – herrgottnochmal! – war ihm denn etwas anderes übriggeblieben? Da war es doch besser, nur eine Frau und ein paar Kinder und zwei Kühe hungerten, als daß ein flinker Gaul und ebensolcher Kerl das Elend noch vergrößerten. So lautete summa summarum seine praktische, einfache und beschränkte Bauernphilosophie, die ihm vollauf genügte und die Ruhe der Weisen schenkte.
Jetzt hatte ihn nach Irrfahrten im nördlichen Tavastland, wo der Gaul mit Fuhren für die Fabriken in Tammerfors2 Brotkrumen für sich und seinen Herrn zusammengekarrt hatte, der höhere Tagesverdienst immer weiter nach Süden gelockt, wo noch nicht die Not vor der Tür stand, wo man in besseren Kreisen Geldmittel und als Bauer Heu und Brot besaß. Zuletzt hatte er in der Gegend von Tavastehus auf eigene Faust von seinem mageren Ersparten die Lumpen aufgekauft und war damit jetzt unterwegs zur Papierfabrik von Tervakoski3, um Geschäfte zu machen. Die Idee stammte eigentlich nicht von ihm; sie war ihm bei einem Gespräch mit einem Händler in Tavastehus gekommen, der ihn für die gleiche Spekulation gewinnen wollte, die er jetzt auf eigene Rechnung betrieb. Sein österbottnischer Unternehmungsgeist hatte die glänzende Idee sogleich in die Tat umgesetzt, und nunmehr trennte ihn nur noch eine Meile4 von dem Augenblick im Fabrikkontor, wenn er seine neuen Geldscheine einstreichen würde – ganze drei vielleicht, wenn das Glück ihm hold war.
Unversehens spuckte er den braunen Tabaksaft in den Graben, pfiff ein übermütiges Liedchen und riß so heftig an den Zügeln des Gauls, daß der nach einem wilden Protest mit dem Schwanz wieder in seinen gewohnten Trott fiel.
»Spring, mein Pferd, sorg du dich um deinen Trab, so kriegst du zum Knabbern lauter Hafer, statt in die Krippe zu beißen!« fabulierte der Österbottnier im Übermaß seiner Zuversicht.
Den Gaul elektrisierte der Übermut seines Herrn, und er setzte in beinahe vollem Trab durch eine Birkenallee, die hier eher zufällig gepflanzt worden war, noch ein gutes Stück vom Gutshof entfernt, der oben vom Dorf aus in einigem Abstand bereits flüchtig zu sehen gewesen war. Durch ein offenes Gatter am Ende der Allee jagte die Lumpenfuhre auf die bestellten Äcker des Gutes. Kein Mensch war auf den weiten, toten Feldern zu sehen, wo vom Vorjahr noch die gelben Roggenstoppeln standen, die in dem gefrorenen Boden nicht untergepflügt worden waren, und wo die Saat gelblich braungrün dalag und in den Ackerfurchen dahinsiechte, statt in die Ähren zu schießen wie sonst im Frühsommer.
»Wird wohl lange auf seine Ernte warten müssen, der Gutsherr!« sinnierte der Fuhrmann mit einer leicht hinterlistigen Schadenfreude im innersten Winkel seiner Seele. Jetzt brach der Zorn Gottes über Herren wie Bauern herein, und ersteren konnte es kaum schaden, auch einmal auf die Probe harter Schicksalsschläge gestellt zu werden, die für gewöhnlich nur Bauern und Kleinkätner trafen. Aber diesmal sollten selbst die Herren nicht ungestraft davonkommen, wie sie oben in ihren blitzblanken Gutshöfen saßen, in Wolken von Tabakrauch Karten spielten und die Bauern aus ihren mit Scheinen gefüllten Tischkästen auszahlten. Im allgemeinen, so meinte er, hätten sie gar nichts anderes zu tun. Nun würden auch sie zusehen müssen, wie ihre großen Felder erst im Juli ins Korn schössen und ihnen die Saat bei den ersten Nachtfrösten im August halbreif abfröre. Woher nähmen sie dann das Geld, um ihre Tischkästen zu füllen …?!
An sich hatte er gar nichts gegen die Herren; schlug dem Bauern die Ernte fehl und mußte er sich nach einem anderen Verdienst umschauen, war es schon gut, daß es sie gab, zumal sie ihm meistens Arbeit gaben. Ja, er selbst hatte ja mehr als einmal von seinem Herrn Saatgut wie Futter zu guten Bedingungen geliehen bekommen, aber trotzdem … Trotzdem! Er konnte nicht umhin, ein klein wenig Schadenfreude darüber zu empfinden, daß Gott einmal eigenhändig ohne Rücksicht auf den Stand Gerechtigkeit übte, daß er die Strafe für aller Sünden allen miteinander und nicht nur den Bauern aufbürdete. Mochten die Herren auch, da sie es sich leisten konnten, vielleicht ein klein bißchen weniger sündigen als die Bauern, frei von Schulden waren gewiß auch sie nicht! Frei von Schuld war niemand. Er hatte schon Landjäger wie auch den Landvogt angetrunken gesehen, wenn sie auch nicht gegrölt oder sich geprügelt hatten wie die Bauern. Deshalb war die Strafe Gottes auch ihnen gegönnt.
Gleichwohl rückte er Hose und Mütze ein wenig zurecht, als er in einiger Entfernung über den Dächern einer kleinen Ansammlung von Katen das mächtige Giebeldach des Herrenhauses auftauchen sah. Die Größe des Gutes imponierte ihm, und als er das Dorf passiert hatte, stieg er von der Fuhre, strich dem Gaul unterm Zaumzeug die zerzauste Mähne glatt, zog ihm einen kräftigen Hieb mit der Peitsche über, damit er Haltung annähme, und traf alle Vorkehrungen, um in großer Gala unter den Fenstern des Gutshauses vorüberzufahren; denn der Weg führte dicht daran vorbei, das sah er schon.
Je näher er den dunklen Scheiben kam, die gleich forschenden, kalten Herrschaftsaugen über den Weg spähten, desto stärker empfand er das Respektlose seiner Schadenfreude. Der Gutsbesitzer hielt sich nicht nur ein stilvolles Hauptgebäude – es waren derer gleich zwei! Das näher zur Straße hin gelegene, das die Vorbeifahrenden gleichsam kontrollierte, war alt und ehrwürdig , die Farbe seiner beiden Geschosse nachgedunkelt, und es zog sich vornehm aus der unmittelbaren Nähe der Landstraße hinter einen ganzen, jetzt kahlen Wald von Obstbäumen zurück – Apfel- und Birn- und Kirschbäume, schätzte er.
Eigentlich dumm von der Herrschaft, fand er, ihre Häuser so dicht an den Weg zu setzen und den armen Fuhrleuten ihren Frieden auf der Landstraße zu rauben. Das andere Gebäude war gänzlich neu, groß und stattlich, mit hohen, spitzen Giebeln und geschnitzten Holzverzierungen überall. Frisch gestrichen war es obendrein, und so lag es breit und prächtig und selbstbewußt inmitten eines großen Gartens, so daß es dem Gutsbesitzer durchaus nicht schlecht zu ergehen schien, trotz der öden Felder.
Der Österbottnier verwandte rasch einen scheuen Gedanken darauf, welchen Eindruck der Gaul und er auf die Herrschaft machen würden, die sicher am Fenster saß und Ausschau hielt – was hätten sie wohl sonst zu tun gehabt! Allzu glänzend würde er wohl nicht ausfallen, spürte er zu seinem Leidwesen, und gänzlich niedergeschlagen, fast demütig nach seinem Übermut kurz zuvor, zog er an einer Windmühle vorbei, die aus Mangel an Mahlgut stillstand – das Gut hatte sogar eine eigene Mühle! Da machte der Weg eine Biegung, und auf einer Strecke von mehreren hundert Ellen mußte er geradewegs auf die ausspähenden, dunklen Fensterscheiben des alten Gebäudes zufahren, ohne aus der Entfernung ausmachen zu können, ob man ein Auge auf ihn gerichtet hatte oder nicht. Ihm war so unbehaglich zumute, hier entlangzuzockeln und sich anstarren zu lassen, vielleicht gar ausgelacht zu werden von der unsichtbaren Herrschaft dahinter, daß er richtig zusammenfuhr, als im selben Augenblick die Mittagsglocke vom Gut her laut und klar in der kalten Luft ertönte. Als er endlich dicht am Garten mit seiner großen, weißgestrichenen Toreinfahrt angelangt war, machte der Weg eine neuerliche Biegung, und mit einem raschen Blick hinter die dunklen Scheiben und ihre hellen Gardinen gelang es ihm, sich davon zu überzeugen, daß ihn niemand beobachtete.
Mit einem Gefühl von Ehrfurcht vor dem alten Gebäude fuhr er weiter am Garten vorbei und ließ mit einem halben Seufzer der Erleichterung den Gutshof hinter sich. Noch ein paar Minuten, und er hatte die letzten langgestreckten Häuserreihen der Wirtschaftsgebäude passiert.
Da kamen ihm den Weg entlang zwei Herren entgegen. An ihrem Gang und der Art, sich beim Gehen miteinander zu unterhalten, war sogleich ersichtlich, daß es Herren waren. Der Österbottnier führte die Hand zur Mütze, und zur Antwort auf seinen Gruß ließ sich der Untersetztere von beiden, ein schöner Herr mit breiten Schultern, strammer Haltung und kleinem, hochgezwirbeltem Schnurrbart, zu einem knappen »Guten Tag!« herab.
Sie musterten die Lumpenfuhre, musterten den Kerl.
»Woher stammst du?« fragte der gebieterische Herr in gebrochenem Finnisch.
»Aus Österbotten«, erwiderte der Fuhrmann und blieb vor der respekteinflößenden Stimme stehen.
»Unterwegs für Arbeitslohn?«
»Unterwegs für Arbeitslohn, versteht sich.«
»Steckt euch daheim schon die Not in den Gliedern?«
»Hm, – wird wohl so sein … Ich bin seit Neujahr nicht daheim gewesen, aber schon damals stand sie vor der Tür …«
»Du schaffst Lumpen zur Papierfabrik, sehe ich. Und danach, wenn du deine Fuhre abgeliefert hast, was fängst du dann an?«
»Ich werde schon etwas finden …«
»Es steht nicht gut mit Arbeit heutzutage.«
»Tjaa, – da muß man sich seine Arbeit halt selber schaffen.«
»Hör dir den an!« wandte sich der gebieterische Herr auf schwedisch zum anderen. »Wann werden unsere Tavastländer lernen, in diesem Ton zu reden?«
»Das dauert noch«, entgegnete der andere mit einem ruhigen Lächeln, hinter dem sich die Ironie halb verbarg. – »Das dauert schon noch …!«
Während des Gesprächs mit dem gebieterischen Herrn hatte der dunkelhäutige großgewachsene Österbottnier seine Mütze abgesetzt, und je länger er den selbstsicheren Herrn mit der Adlernase und dem gezwirbelten Schnurrbart betrachtete, desto ehrfürchtiger wurde er. Wenn er schon vor jemandem Ehrfurcht haben sollte, sagte ihm sein Bauerninstinkt, dann just vor jenem. Der andere mit dem ruhigen Aussehen, dem gutmütigen Lächeln und dem milden Blick war bloß der Inspektor. Verstohlen wandte er seine Aufmerksamkeit diesem zu, während er seine Mütze langsam wieder auf dem Kopf zurechtrückte.
»Wie heißt du?« fuhr der gestrenge Herr fort.
»Kalle.«
»Mit Nachnamen, meine ich.«
»Kalle Pihl ist mein voller Name.«
»Soldatensohn also, oder warst du selber Soldat?5 «
»Nein, aber meines Vaters Vater soll es zur Zeit der Schweden gewesen sein …«
»Na, da haben wir die Erklärung, warum du Haltung hast wie ein ganzer Kerl!« beendete er das Verhör und wandte dem Österbottnier ohne Abschied den Rücken zu, um weiterzugehen.
Aber der andere Herr warf noch einen Blick auf Fuhrmann und Pferd, und gerade, als die beiden sich in Bewegung setzen wollten, sagte er, der bisher kein Wort geäußert hatte, in gutem Finnisch:
»Wenn Sie keine lohnendere Arbeit finden, dann kommen Sie hierher nach Kotkais. Morgen fangen wir an, den Mist hinaus auf die Felder zu fahren, denn wenn die Wärme sich endlich einmal einstellt, wird es im Nu Sommer, und wir brauchen alle Kräfte, die wir bekommen können, um mit allem fertigzuwerden.«
Er nickte dem Fuhrmann, der nicht wenig verwundert war, daß ein Herr ihn so höflich anredete, freundlich zu, dann gingen die beiden in Richtung Gutshof.
Der Fuhrmann hingegen setzte sich oben auf seine Fuhre; über die Begegnung nachsinnend, versuchte er immer noch zu erraten, wer die beiden Herren eigentlich seien, und blieb schließlich bei der Überzeugung, der Gebieterische sei natürlich Herr auf Kotkais und der Höfliche bloß sein Inspektor.
Der erste Sommertag nach einem halben Jahr Winter erstrahlte wie ein leuchtender Segen über dem erstarrten Finnland. Obgleich die Wärme so spät kam, daß sie fast mit der Sommersonnenwende zusammentraf, vergaß man das vorherige vergebliche Warten, und mit der beharrlichen Kraft der Hoffnung glaubte man zuversichtlich, der Sommer könne das Ausbleiben des Frühlings noch wettmachen. Es hatte in Finnland im Jahre 1867 überhaupt keinen Frühling gegeben.
Die Wärme kam ganz überraschend zu früher Morgenstunde mit südlichem Wind und 15 Grad im Schatten, während sich die Sonne gleichzeitig zum erstenmal nach langen Wochen groß, klar und mächtig an einem tiefblauen Himmel erhob. Der Übergang vom grauen Nachwinter zum blendenden Mittsommertag war so heftig, daß das Hornvieh, welches in seinen dunklen Pferchen vor lauter Hunger schon mit dem Wiederkäuen aufgehört hatte, vor Freude zu brüllen und an seinen Stricken zu zerren begann; die Pferde wieherten und stampften in ihren Ställen, die Kälber tollten ungestüm umher, und die Schafe blökten überlaut in ihren Verschlägen. Selbst das schwerfällige Schwein hob mit seinem kräftigen Rüssel die Tür des Kobens aus den Angeln, und das Federvieh übernahm den Part der Holzbläser in dieser Jubelouvertüre der Tiere.
Die Menschen erwachten bei all diesem Jubel, rieben sich verwundert die Augen und wollten ihnen nicht trauen. Zumindest hatten sie gründlich verschlafen; denn die Sonne schien bereits heiß durch die Scheiben, und die frühe Morgenstunde war weit heller als der Mittag des gestrigen Tages.
Die siegreiche Sonne, die heute so viel weitreichende Freude weckte, warf ein ganzes Bündel munterer Strahlen in ein Fenster hoch oben im spitzen Giebel des Herrenhauses auf Kotkais, wo die Gardine schon lange nicht mehr zum Schutz vor der Morgensonne heruntergelassen worden war. Das Licht weckte einen Schlummernden, der sich im Nu den Schlaf aus den Augen rieb, verwundert seine Uhr zu Rate zog und das Fenster zögernd einen Spalt öffnete, um es dann sogleich wie berauscht sperrangelweit aufzustoßen und die warme Morgenluft hereinströmen zu lassen. Nach Wochen nutzlosen Harrens waren Sommer und Wärme endlich eingetroffen, belebend, rettend, erneuernd, beseelend! Und wie um das ganze Land für die lange Wartezeit zu entschädigen, sogen Sonnenstrahlen und Wärme mit vereinten Kräften schon früh am Morgen den Frost aus dem Boden, so daß die Ländereien rings um den Gutshof dampften, und hoch über den nackten Wäldern und Äckern schwang sich in Spiralen die Lerche empor und legte die fromme Dankbarkeit Tausender in einen einzigen langgezogenen Jubeltriller.
Mit mehr als achtzehn Arbeitsstunden am Tag vollbrachte die Sonne innerhalb einer Woche wahre Wunder. Schon am Mittsommerabend gab es auf den Besitzungen von Kotkais keinen einzigen Laubbaum, der den Umarmungen der Sonne widerstanden hätte. Sogar die kleinen Eichen im Garten breiteten in der Abendstille vorsichtig ihre kältewunden, gelben Blätter aus, und die wilde Weinrebe am Verandaspalier trieb in ihrem himmelstürmenden Eifer an einem Tag ellenlange Schößlinge. Aber trotz all der Eile, die der Sommer entfaltete, um seinen Rückstand wettzumachen, konnte er den Roggen nicht dazu bringen, seine Ähren früher anzusetzen als erst zwei Wochen nach der üblichen Zeit, und die Frühjahrssaat blickte scheu und hellgrün viel später, als sie nach dem Bauernkalender hätte sprießen müssen, aus der Ackerkrume hervor. Der Bauer, der ruhelos auf seinen schmalen Feldern umherging, war froh nur, wenn er auf Gott hoffen konnte, jedoch recht niedergeschlagen, wenn er sich in seinen Gedanken zur Obrigkeit und zum Gemeindespeicher flüchten mußte.
Auf Kotkais war es von altersher Sitte, am Mittsommerabend die Bewohner des gesamten Pfarrbezirks sowie alle, Bekannte und Unbekannte, die die Gastfreundschaft der Familie Mannersköld erproben wollten, zu sich einzuladen. In früheren Zeiten, als der Großvater noch bei vollen Kräften war, fuhren die Reisenden nur ungern an Kotkais vorüber, ohne dort ihr Nachtlager zu nehmen. Mit dem Alten diskutierten sie über Politik, tranken ein großes Glas Grog, lauschten seinen Erzählungen über den Finnischen Krieg des Jahres 1808 – denn als achtzehnjähriger angehender Fähnrich hatte der Alte selbst im Felde gestanden – und ließen sich ein kräftiges Abendessen vorsetzen, ehe sie sich eine Treppe höher in einem der einfachen Gästezimmer zur Ruhe begaben. Die weißen Betten standen dort oben stets bereit, um müde Gäste aufzunehmen, und sie blieben selten mehrere Wochen hintereinander leer. Später, als schon die erste Eisenbahnlinie Finnlands dicht am Gut vorüberlief, kam die alte Gastfreundschaft aus der Mode; die Leute machten nur mehr tagsüber einen kurzen Besuch, und nur die Verwandtschaft, die im übrigen zahlreich genug war, und die engsten Freunde kehrten auf der Vorbeifahrt weiterhin auf Kotkais ein, um einige Tage in altväterlich gütiger, schlichter Gastfreundschaft zu verbringen. Die Lokomotive brachte die Rastlosigkeit einer neuen Zeit mit sich und den Mangel an Muße für ein ruhiges ländliches Leben; sie eröffnete den alten Gästen neue Perspektiven, die ihre Gedanken von der einfachen Behaglichkeit ablenkten, in der sie sich einst so wohl gefühlt hatten.
Am Mittsommertag jedoch versammelte man sich schon mittags zu mehreren Dutzend auf Kotkais. Gemeindebewohner, Nachbarn und Verwandte kamen teils mit der Bahn, teils mit Pferd und Wagen oder anspruchsloserem Gefährt, je nach Vermögen. Hauptmann Thoreld reiste von Herrö erster Klasse mit der Eisenbahn; seinen Bedienten samt Wagen hatte er auf der Landstraße vorausgeschickt, um sich am Abend abholen zu lassen. Gerade erst gestern war ein Sonderzug mit Herren von der Eisenbahn zur neuen, im Bau befindlichen Strecke nach St. Petersburg unterwegs gewesen, deren Schienen bereits ein kleines Stück über die Endstation der alten Bahn hinaus verlegt worden waren, und gern hatten die Herren ihre Fahrt ein paar Meilen mit dem Fuhrwerk fortgesetzt, um in Hauptmann Thorelds elegantem Junggesellenheim nach einer Partie Whist ein angenehmes Nachtquartier zu finden. Am heutigen Tag hatte er ihnen auf der Rückfahrt Gesellschaft geleistet.
Ebenso kamen der Richter mit Frau, die Pastors, die alte Jungfer Kumlin, Oberst Pawloff von der russischen Garnison in Tavastehus und die engsten Verwandten: Professor der Rechte Mannersköld aus Helsingfors und der Kanzleirat Mannersköld aus Åbo, beide mit großer Familie. Neben dem alten Heereskriegsrat Mannersköld und seiner unverheirateten Tochter Anne Charlotte, die ihm in dem alten zweigeschossigen Gebäude den Haushalt führte, bestand die Familie auf Kotkais noch aus der zweiten Tochter Marie, die mit dem Amtsrichter von Blume verheiratet war, der das Gut seit fünfzehn Jahren als Privatmann bewirtschaftete. Sie wohnten in dem zweiten Herrenhaus mit den hohen Giebeln. Ihre sieben Kinder eingerechnet, stieg die Zahl der Münder beim Mittagessen auf Kotkais auf vierzig.
Fräulein Anne Charlotte konnte von früheren Festen erzählen, als man auf Kotkais sechzig Personen beherbergt hatte, weswegen sie nun mit einer gewissen Wehmut nur zwölf Hühnern für das Mittagsmahl den Hals umdrehen ließ; auch erinnerte sie sich an Diners, zu denen sich auf Grund des Gerüchts, die Zahl der Gäste sei Legion, die vielen dem Gut unterstellten Kätner aus eigenem Antrieb mit Geflügel eingefunden hatten. Trotzdem war sie mit dem heutigen Tag nicht unzufrieden.
Amtsrichter von Blume war an dem sonnenstrahlenden Hochsommervormittag selbst unten an der Bahnstation gewesen, um die Ankommenden abzuholen. Ein Teil der Gäste konnte bis zum Gutshof fahren, andere zogen es vor, den kurzen Weg zu Fuß zu gehen, unter ihnen Hauptmann Thoreld, der es darauf anlegte, mit seinen vierundvierzig Jahren jung und geschmeidig zu wirken. Auf halbem Wege kamen ihnen Fräulein Anne Charlotte, Frau von Blume und deren zwei älteste Kinder entgegen, Fräulein Louise, die gerade siebzehn Jahre alt geworden war, und der Sohn August, der in diesem Jahr hätte Student werden sollen, aber durch das schriftliche Abitur gefallen war; nach dieser Lektion war er noch so niedergeschlagen, daß er nicht den Mut gehabt hatte, Kotkais an der Station würdig zu vertreten und die Gäste zusammen mit dem Vater zu empfangen.
Als sich Gastgeber und Gäste auf halbem Wege in einem Kieferngehölz trafen, gab es inmitten der Sonnenglut ein herzliches Willkommen. Hauptmann Thoreld war charmant und machte unter seinem hochgezwirbelten Schnurrbart Komplimente, während er um Fräulein Louises willen bestrebt war, das Schnaufen in der Hitze zu unterdrücken. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, dankte nach altem Brauch für die letzte Einladung, beschwerte sich darüber, daß Blumes ihm noch keinen Gegenbesuch abgestattet hatten, und nahm auf dem Rest des Weges den Platz als Fräulein Louises Kavalier ein. Amtsrichter von Blume lächelte still unter seinem großen, blonden Schnurrbart und setzte sein ernstes, sorgenvolles Gespräch über die Landwirtschaft mit den Schwägern fort, die an dem Gut großes Interesse bekundeten. Frau von Blume machte die Honneurs, und hinter der plaudernden und lächelnden Karawane ging der unglückliche Studienanwärter und setzte einer glücklicheren Cousine die ungerechte Behandlung auseinander, die er vor dem Reifeprüfungsausschuß erlitten hatte.
Der russische Oberst trug seinen Soldatenmantel mit leuchtendrotem Futter über dem Arm und hörte der Diskussion über die Landwirtschaft schweigend zu; er würde die Schleusen seines schwedisch-russischen Kauderwelsches erst öffnen, wenn der alte Kriegsrat an seinen gutmütigen slawischen Humor appellierte.
Über die bunte Gruppe auf der weißen Landstraße zwischen den dunklen Kiefern breitete die Mittsommersonne ihre üppige Wärme, so, als wolle sie alle früheren Versäumnisse wiedergutmachen.
Auf der Verandatreppe, unter dem ungestüm wachsenden wilden Wein, empfing der greise Kriegsveteran trotz seiner von den Jahren gezeichneten, gichtbrüchigen Gestalt die Ankömmlinge mit vertrauten Scherzworten und patriarchalischer Würde. Dem russischen Oberst klopfte er, während ihm der Schalk aus den runzligen Augenwinkeln blitzte, freundlich auf den Rücken, dem eleganten Hauptmann sagte er einige halb gutmütige, halb boshafte Worte, dann ging er in gebückter Haltung, aber sicheren Schrittes allen voran ins Haus.
Gegen Abend hatten die Männer des Guts auf einem Kiefernhügel, ein Stück außerhalb des Gartens, eifrig zu tun. Sie stapelten Teerfässer und schichteten darauf Kiefernäste, alte Zaunlatten und harzige Baumstämmchen zu einem großen Scheiterhaufen. Am eifrigsten war ein halbes Dutzend Zehn- bis Zwölfjähriger aus der versammelten Verwandtschaft, und ihre helle Sommerkleidung machte ihren jugendlichen Unternehmungsgeist erst recht sinnfällig. Mit harzigen Händen, teerverschmierten Jacken und rußigen Hosen schleppte die getaufte und christlich erzogene Jugend mit einem Ehrgeiz ohnegleichen Brennmaterial für die Riesenfackel herbei, die dem großen heidnischen Sonnengott zu Ehren bei Anbruch der kürzesten Nacht des Jahres entzündet werden und ihr Licht die ganze Nacht hindurch leuchten lassen sollte. Wenn der Scheiterhaufen eine Stunde nach Mitternacht in sich zusammenfiel, würde schon die Morgensonne ihren Tempeldienst unter der hellen Kuppel des Sommerhimmels antreten, ihre ewige Fackel über den Rand des Ostens erheben und den Menschen ihren Glauben an das Licht und ihre Huldigung an die Sonne mit ihrer Wärme lohnen.
Nachdem man im Zimmer des greisen Kriegsrats den Grog getrunken, der Kriegsveteran dem fröhlichen russischen Oberst Runebergs »Kulneff«6 gleich zweimal vorgetragen hatte, damit der den versöhnlichen Sinn der Dichtung besser verstünde, und dem Oberst vor lauter Wohlwollen gegenüber seinen Erzfeinden die Tränen in die Augen getreten waren, ohne daß er die schwer zu erfassenden schwedischen Verse eigentlich begriffen hätte, schaute Fräulein Anne Charlotte zur Tür herein und bat zum Abendessen. Der Kriegsrat nahm daraufhin den Oberst unter den einen, und seinen ältesten Sohn, den Professor der Rechte, unter den anderen Arm, und so zogen sie, gemeinsam den Björneborger Marsch7 summend, in den Speisesaal ein, um soldatisch in Reih und Glied vor den Schnäpsen Aufstellung zu nehmen.
Der Kriegsveteran nippte nur am Glas, während der Oberst das seine bis zur Neige leerte und der Professor der Rechte den Inhalt mit einer Grimasse zur Hälfte herunterspülte. Dann machte man sich über die Speisen her, so daß Fräulein Anne Charlotte sich im Innersten ihres freigebigen Herzens an dem Appetit der Gäste erfreute, und der unglückliche Abiturient verleibte sich insgeheim einen großen Schnaps ein, ohne daß es bei der allgemeinen fröhlichen Gemütsstimmung jemand bemerkte.
Immer, wenn viel Besuch auf dem Gutshof war, vertrat der greise Kriegsrat nebst Fräulein Anne Charlotte die Würde des Hauses – das war ihr altes Privileg und eine uneigennützige Freude. Hinter alledem ging Frau von Blume zwischen den Gästen umher und hielt die fröhliche Stimmung mit kleinen Aufmerksamkeiten und zuvorkommender Liebenswürdigkeit hoch. Auch sonst fühlte man sich außerordentlich wohl auf Kotkais. Dort war der Frohsinn stets ungezwungen, die Gastfreundschaft nie geräuschvoll, aber immer herzlich, und alle vom liebenswerten Geschlecht der Mannerskölds trugen im Stillen das Ihre dazu bei, um das Heim ihres alten Vaters hell und sorgenfrei zu gestalten, so, wie es in ihrer eigenen Jugend gewesen war. So mustergültig und liebevoll war das Verhältnis zwischen Vater und Kindern, daß selbst dem Hauptmann Thoreld als elegantem Mann von Welt ganz warm ums Junggesellenherz wurde und er erfolgreiche Versuche unternahm, gütig und kindlich zu lächeln.
»Eine Pastoralsymphonie«, sagte er, »eine richtige Pastoralsymphonie!«
Und tatsächlich war es eine Symphonie in großen, breiten Harmonien, ein helles Lächeln über dem Ernst des Grundes, wenn man so wollte, ein schönes, warmes und gütiges Lächeln, ohne jede Spur von Leichtfertigkeit und Vergnügungssucht, das Lächeln eines soliden, gesunden Christentums.
Gerade dieser unantastbare Charakter war es, der Gäste nach Kotkais zog oder aber von dort abschreckte. Manch einer findet sich nur schwer zurecht in einer solch reinen Atmosphäre voll sanfter, freundlich gesinnter, aber durchaus von Tatkraft und praktischer Tüchtigkeit getragener Gedanken. Kleinliche Gesinnung und Eigennutz, Tadelsucht und Böswilligkeit ducken sich unwillkürlich und ziehen sich angesichts des selbstverständlichen Seelenadels voller Scham zurück, und die Selbstliebe des Glücksritters findet hier keinen Resonanzboden, keinen Hintergrund, vor dem sich das kleine Ich profilierend abheben oder in neidvoller Bewunderung sonnen könnte.
Die Pastoralstimmung sei erhabener denn je, versicherte Hauptmann Thoreld dem Amtsrichter von Blume, als sie nach dem Abendessen mit den Zutaten für eine Bowle durch den Garten zum Platz für das Freudenfeuer des Mittsommerabends hinauszogen. Der greise Kriegsrat war außerstande gewesen, der Jugend zu folgen; er hatte sich nach einer Partie Schach mit dem russischen Oberst zur Ruhe begeben. Dieser hatte die Partie natürlich verloren, und zwar nicht allein aus Höflichkeit, sondern auch ein wenig unter dem Einfluß des Grogs, der Schnäpse zum Abendessen und des Sherrys zum Dessert.
Nun kauderwelschte er, äußerst redselig und vergnügt, mit Frau von Blume, wobei er den Kriegsrat in den Himmel hob und Kotkais mit den besten Adelsgütern in Kleinrußland verglich, wo er seine Jugend verbracht hatte. Er ging sogar so weit, die Finnen als Nation »non pareil«8 anzuerkennen, wie seine Charakteristik lautete. Als aber der junge Student Mannersköld zu beweisen begann, daß der Oberst letzten Endes vielleicht gar selbst ein Finne sei, fühlte er sich gekränkt, gestikulierte erregt, schlug sich an seine ordensgeschmückte Brust und versicherte, in der Tiefe seines Herzens sei er Russe.
Bevor jedoch die Verstimmung vom Oberst Besitz ergreifen konnte, machte Frau von Blume den Vorschlag, er möge eines seiner schönen russischen Volkslieder singen, die er mit großer Leidenschaft vorzutragen pflegte; und die Betrübnis saß bei ihm nicht tiefer, als daß er nicht beim ersten Glas Bowle mit sicherer Stimme und Bravour sein Lieblingslied vorgetragen, Beifall und Komplimente entgegengenommen und seinen slawischen Patriotismus vergessen hätte um der Kunst willen, die ja anerkanntermaßen kosmopolitisch ist.
Und es war nicht ohne seltsamen Reiz, an diesem lauen Abend den alten Mann in seiner Uniform mit bärtigen Lippen die Lieder seines Volkes singen zu hören, kindlich, warm und mit tränenerfüllter Stimme. Diese Kunst war den Kareliern zu eigen, den Kareliern des »Kalevala«9 und – den Russen! Und so jung war diese Nation, daß selbst die Greise unter dem St.-Annen-Orden Zweiter Klasse10 erfüllt waren von der warmen Lyrik der Jugend.
Die Sonne war hinter den Föhrenwipfeln auf dem Bergrücken im Nordwesten untergegangen und malte für deren Nadelfiligran einen leuchtenden Hintergrund. Ein Phosphorstreichholz wurde an den Feiertagshosen eines Knechts entzündet, dem Scheiterhaufen genähert, und im Nu standen ein paar Rollen Birkenrinde in Flammen. Innerhalb einer Minute griff die Lohe auf die Teertonnen und den Boden eines alten, ausgedienten Kahns über.
Als der gesamte, drei Klafter hohe Holzstoß in Flammen stand, rief eine Männerstimme in fremdem Dialekt:
»Na seht ihr, jetzt halten wir uns die Mücken vom Leibe!«
Daraufhin faßte er dem nächstbesten Bauernmädchen um die Taille, rief dem Geiger zu, er solle aufspielen, und begann den Tanz. Er war groß und dunkelhäutig, und unter dem übrigen Gesinde, das sich um das Mittsommerfeuer versammelt hatte, bewegte er sich wie ein Gentleman.
»Wo habe ich den Don Juan da bereits einmal gesehen?« fragte Hauptmann Thoreld den Amtsrichter.
»Das ist der Österbottnier, den wir mit der Lumpenfuhre trafen, als du das letzte Mal hier warst. Ich habe ihn auf dem Hof eingestellt.«
»Ein strammer Kerl! Der ist nach meinem Geschmack!« entgegnete der Hauptmann.
Sorglos und fröhlich ging der Tanz in der hellen Nacht um das Mittsommerfeuer, während die Felder ringsumher in zartem Grün standen. Der Sommer hatte seinen Einzug gehalten; und war er auch noch so spät gekommen – warum sollte man nicht fröhlich sein? Vereinzelte Flintenschüsse hallten in die Dämmerung hinaus, die Fiedeln quietschten, und ringsumher auf den Bergrücken feierten die Tavastländer an den Mittsommernachtsfeuern das Fest des Lichtes.
Seine ganze reifere Jugend verlebte Hauptmann Thoreld als Gardeleutnant in Helsingfors, seit er im Alter von neunzehn Jahren die Kadettenanstalt mit guten Zeugnissen verlassen hatte. Mit bemerkenswertem Geschick erfüllte er sogleich die damals üblichen Anforderungen an einen jungen Mann, der seinen Einzug in die feinsten hauptstädtischen Kreise halten sollte; er wußte sich mit vollendeter Eleganz zu verbeugen, konnte mit den Sporen klirren und selbstbewußt lächeln, er bewunderte seine Epauletten11 und war bis in die Fingerspitzen voll gezügelter Arroganz. Französisch verstand er leidlich, und gern exponierte er auch seine glücklichen Talente als Festredner oder Gelegenheitsdichter bei Namenstagen.
Seine vorteilhafte Erscheinung, sein alteingesessener Name und seine trefflichen Fähigkeiten erfreuten sich bald allgemeiner Wertschätzung innerhalb der kleinen Gardeclique von Wohlgeborenen und Hochwohlgeborenen, in die wohlwollend der eine oder andere Geldmagnat aufgenommen wurde, um der Geselligkeit den notwendigen äußeren Glanz zu verleihen. Seine Gedanken, denen nie etwas Hochfliegendes angehaftet hatte, wurden rasch so wohlgeboren wie nur jemals die seiner Umgebung, und die finnische Liliputaristokratie konnte sich bald rühmen, ihn in seiner Leutnantseitelkeit vollkommen gefangengenommen zu haben. Sie trug ihn auf Händen, sie verhätschelte ihn, und seine Berührung mit der weniger vornehmen Welt außerhalb der Militärclique beschränkte sich auf einige kleinere Zusammenstöße mit Studenten in Gartenlokalen, wo sich beiderseitig eine unbändige Verachtung entwickelte, ferner auf die Ballkonversation mit kokettierenden Püppchen und auf das Kommando über die Soldaten. Er selbst fühlte sich während seiner ersten Jugend nie eingeschnürt in der militärischen Zwangsjacke, in die ihn die herkömmliche mondäne Vorstellung von der Zukunft eines jungen Mannes und eine umsichtige Mutter gesteckt hatten.
Erst ein wenig später nahm er seine Gefangenschaft wahr, als er sich im Alter von fünfundzwanzig Jahren auf einer Ferienreise ernsthaft in eine ganz junge Pfarrerstochter aus bescheidener, aber äußerst ehrbarer Familie verliebte. Der junge Gardeleutnant paßte nur schlecht zu der soliden Rechtschaffenheit des ländlichen Pfarrhofs, wo man so aufrichtig und ungekünstelt war. Doch war zu jener Zeit gerade die Romantik im Schwange: ihre Liebe sollte allen Unterschieden zum Trotz siegen, die jungen Liebenden schmolzen in Mondscheinphantasien und schwärmerischem Glück dahin, und so wurde ihre Verlobung angezeigt.
In seinem Innersten blickte der junge Gardeleutnant zu der schlichten Pfarrersfamilie auf, seine Braut bewunderte er grenzenlos, und es sollte ihm schon gelingen, das duftende, scheue Maiglöckchen über kurz oder lang in die eher urbane Atmosphäre der Gardekaserne zu verpflanzen. Und auch die solide Rechtschaffenheit im Pfarrhof war nicht gänzlich frei von einer Spur weltlicher Eitelkeit: unwillkürlich bewunderte man dort das Vornehme und das Militärische. Die leichten und oberflächlichen Lebensanschauungen des jungen Leutnants wurden aufgewogen von seiner Eleganz, seinen Epauletten und seinen korrekten Umgangsformen. So sah das loyale Christentum aus, das dem Kaiser gab, was des Kaisers war, so wie es Gott gab, was Gottes war.
In der Folgezeit trug Leutnant Thoreld einen harten Kampf gegen seine Eitelkeit aus. Seine Heirat würde ihn dazu zwingen, völlig auf das mondäne Leben zu verzichten, in dem er bislang seine Lorbeeren geerntet hatte. Von seinen Vorgesetzten oder Kameraden hatte ihn niemand zu seiner Verlobung beglückwünscht – sie wurde ganz einfach ignoriert. Hätte er wenigstens die Unterstützung seiner Braut gehabt, wäre sie in seiner Nähe gewesen, so hätte er zweifellos viel für sie geopfert. Aber sie war weit entfernt auf dem Lande und flehte ihn in ihren Briefen mit der Opferbereitschaft der wahren Liebe an, er möge sich ihretwegen nicht sorgen – sie würde schon warten.
Eine Leutnantsnatur muß man zur Sorglosigkeit nicht erst anstacheln. Leutnant Thoreld schenkte ihren Bitten schließlich Gehör. Die Verlobung wurde ein Jahr alt, zwei Jahre, drei – und im vierten Jahr wurde sie von seiner Seite ohne nähere Begründung gelöst. Erloschene Liebe, hieß es, und dieser Grund war jener Zeit gut genug.
Aber Leutnant Thorelds Pastoralidylle – das Wort war sein Lieblingsausdruck und seine eigene Erfindung
