Hartkopf - Eckhard Lietz - E-Book

Hartkopf E-Book

Eckhard Lietz

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Walter Hartkopf, ein promovierter Dipl.-Kaufmann mit Lebensgrundsätzen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wird Geschäftsführer einer GmbH. Er ist daran gewöhnt, dass andere das tun, was er erwartet und verursacht so Konflikte mit Mitarbeitern, die an partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung gewöhnt waren. Auch seine Ehefrau weiß, dass der häusliche Frieden gefährdet ist, wenn sie nicht genau das tut, was er will. Hartkopf wird zum Vorsitzenden eines gemeinnützigen Vereins, der Liga gegen Alkohol, gewählt und hat auch im Betrieb nach erheblichen Startschwierigkeiten Erfolge. Aber es gibt ein Problem, das er nicht verbergen kann... LESEPROBE: Am nächsten Morgen war Hartkopf schon eine halbe Stunde vor dem üblichen Arbeitsbeginn im Betrieb. Weil er seine Assistentin Margot Körner begrüßen wollte, hielt er sich in der Nähe des Eingangs auf und bedachte nicht, dass er dadurch zur Verschlechterung des Arbeitsklimas beitrug. Die Mitarbeiter deuteten sein Verhalten als nicht gerechtfertigtes Misstrauen, weil die Arbeitszeit jedes Einzelnen elektronisch erfasst wurde. Manche, die an ihm vorbeigingen, grüßten ihn, andere gaben nicht zu erkennen, ob sie ihn bemerkt hatten. Er sah drei Frauen, die vor wenigen Minuten das Gebäude betreten hatten, schon wieder hinausgehen. Sie gingen auf den zum Betriebsgrundstück gehörenden Parkplatz, stiegen in ihre Autos und fuhren davon. Als Hartkopf noch überlegte, welchen Grund es für das Verhalten der Frauen geben mochte, kam Heinz Brandt auf ihn zu. „Guten Morgen, Herr Hartkopf. Wir wollten gestern nach der Versammlung noch mit Ihnen sprechen, aber mir wurde gesagt, dass Sie in einem Taxi weggefahren waren. Wir hatten keine Zeit, auf ihre Rückkehr zu warten; deshalb kommen wir heute Morgen schon wieder hierher. Herr Becker wird auch gleich hier sein.“ „Ich konnte gestern nicht zurückkehren, weil es mir nicht gut ging. Ich ließ mich nach Hause fahren; aber wie Sie sehen, habe ich mich erholt und kann heute mit voller Kraft an die Arbeit gehen. Ich warte auf Frau Körner. Sie wird bestimmt pünktlich sein. Als ich vor drei Jahren mit ihr zusammenarbeitete, verspätete sie sich nie.“ Zunächst kam Kurt Becker, erkundigte sich bei Hartkopf, wie es ihm gehe und regte an, sofort ins Büro zu gehen. Im Vorzimmer sah Brandt auf dem Schreibtisch drei geschlossene Briefe, jeder mit der Aufschrift 'Herrn Hartkopf'. Er nahm die Briefe und als sie Hartkopf gegenübersaßen sagte er:

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2012

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Eckhard Lietz

Hartkopf

ISBN 978-3-86394-534-3 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

1. Kapitel

Die Firma Brandt & Becker GmbH bestand seit fünfundzwanzig Jahren. Die Gründer Heinz Brandt und Kurt Becker hatten das Geschäft gemeinsam geführt, standen aber im Jahr des Jubiläums vor Problemen, die sie allein nicht lösen konnten. Sie waren in einem Umkreis von hundert Kilometern die Ersten gewesen, die Computer aus Südostasien importiert hatten, bauten eine Werkstatt auf und handelten mit Ersatzteilen. Mit günstigen Preisen und gutem Kundendienst hatten sie in ihrer Region schnell einen großen Anteil am Markt erobert und in mehreren Orten Filialen eröffnet. In der Werbung erklärten sie, ein gutes Fachgeschäft zu betreiben. Das entsprach der Wahrheit, interessiert die Kundschaft aber nicht mehr. Brandt und Becker hatten erstaunt beobachtet, dass Computer nun auch in Lebensmittelmärkten angeboten wurden, aber gelassen abgewinkt, wenn sie gefragt worden waren, was das für ihr Geschäft bedeuten könne. „Weil irgendjemand ein Feuerwerk zündet, müssen wir noch nicht besorgt sein. Man weiß doch, was für ein kurzes Vergnügen ein Feuerwerk ist“, pflegte Brandt dann zu sagen.

Sie erkannten sehr spät, dass es sich nicht nur um ein Feuerwerk sondern um eine beständige Veränderung, an die sie sich mit einem umfangreicheren Warenangebot anpassen mussten, handelte. Für eine Erweiterung des Angebots fehlten ihnen aber die notwendigen Fachkenntnisse. Also entschlossen sie sich, einen Geschäftsführer einzustellen, sich als Gesellschafter des Unternehmens darauf zu beschränken, Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung zu treffen und dem neuen leitenden Mitarbeiter die Bewältigung des laufenden Geschäfts zu überlassen. Sie verzichteten auf die Ausschreibung der Stelle in einer Zeitung, weil sie ihre Mitarbeiter nicht beunruhigen wollten. Den Gedanken an die Abwerbung eines Geschäftsführers mit Hilfe eines Personalberaters verwarfen sie, weil solche Kandidaten Gehaltsvorstellungen entwickeln, auf die sich Brandt und Becker nicht einlassen konnten. In einer Zeitung war berichtet worden, dass ein Warenhauskonzern sich von dem Leiter einer Einkaufsabteilung, Dr. Walter Hartkopf, nach langjähriger Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung getrennt hatte. Hartkopf konnte die unerwartete Freizeit nutzen, um die Feier seines sechzigsten Geburtstages zu planen, hatte also auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Als Brandt sich bei ihm meldete um zu fragen, ob er an einer Tätigkeit als Geschäftsführer interessiert sei, stimmte Hartkopf sofort einem Treffen mit Becker und Brandt zu.

Sie trafen sich in einem Hotel. Hartkopf erklärte, welche Aufgaben er im Warenhauskonzern wahrgenommen hatte. Seine Gesprächspartner waren beeindruckt. Sie wollten ihn einstellen. Nach den Gründen für sein plötzliches Ausscheiden aus dem Konzern fragten sie nicht. Sie boten eine Vergütung an, die erheblich geringer war als Hartkopfs letztes Gehalt; aber er stimmte zu. Er legte Wert darauf, eine Sekretärin, der er vertraute, mitzubringen. Da er im Betrieb einige Änderungen durchsetzen musste, wollte er nicht vom Wohlwollen einer Assistentin, die schon für Brandt und Becker gearbeitet hatte, abhängig sein. Dies wurde ihm zugestanden.

2. Kapitel

Am ersten Werktag des nächsten Monats begann Hartkopf seine Tätigkeit für Brandt & Becker. Die Mitarbeiter trafen sich zu einer Betriebsversammlung. Solche Versammlungen gab es in der Regel viermal im Jahr. Im Allgemeinen informierten die beiden Chefs die Belegschaft über neue Software oder neue Computermodelle, regten an, dass die Mitarbeiter mit ihren Vorschlägen zur Lösung betrieblicher Probleme beitrugen und erreichten so, dass ein Betriebsklima entstand, indem man einander vertraute und alle zum Erfolg beitragen wollten, soweit sie das konnten. Man traf sich wie üblich in der Kantine. Den Aufmerksamen fiel auf, dass hinter den Tischen, an denen sonst nur Brandt und Becker saßen, drei Stühle standen. Da kommt wohl noch ein Dritter. Weiß jemand darüber Bescheid? Kopfschütteln und Schulterzucken auf allen Plätzen, aber keine Nervosität. Brandt, Becker und Hartkopf betraten den Raum und setzten sich auf die für sie vorgesehenen Plätze. Wer ist der dritte Mann? Grauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, von grauem Haarkranz umrahmte Glatze, vergoldetes Brillengestell, schmale Lippen, unruhige Blicke auf die Versammlung. Das war der erste Eindruck. Warum ist dieser Mann hier? Becker ließ wie ein Parlamentspräsident eine Glocke erklingen, das Stimmengewirr ebbte ab. Als er aufstand wurde es still, aber eine für alle Anwesenden spürbare Spannung baute sich auf. Becker blickte in die ihm erwartungsvoll zugewandten Gesichter, steigerte die Spannung, indem er zunächst schwieg, zeigte dann sein allen vertrautes Lächeln. „Guten Morgen, meine Damen und Herren!“„Guten Morgen“, schallte es von einigen Plätzen zurück und die Spannung war abgebaut.„Wir haben um diese Versammlung gebeten, weil wir Ihnen Wichtiges mitzuteilen haben. Sie wissen, dass unser Geschäft schwieriger geworden ist. Wir sind zu Recht stolz darauf, dass wir unseren Kunden eine gute Beratung bieten können. Wir tun viel dafür, dass das so bleibt, indem wir Sie immer wieder zu Fortbildungsveranstaltungen schicken. Wir haben uns auch immer darum bemüht, unsere Ware zu günstigen Preisen anzubieten. Aber das alles reicht heute nicht mehr aus, wenn die Kunden sehen, dass sie dort, wo sie Butter und Wurst einkaufen, auch einen Computer mitnehmen können, und zwar zu einem Preis, der noch niedriger ist als unsere sehr günstigen Preise. Damit unser Unternehmen am Markt bestehen kann, müssen auch wir unser Angebot erweitern. Das ist eine große Aufgabe, für die wir einen Spezialisten engagiert haben. Ich darf Sie mit Herrn Dr. Hartkopf bekannt machen, der ab heute als Geschäftsführer bei uns tätig sein wird. Herr Brandt und ich sind nicht mehr Geschäftsführer, bleiben aber Eigentümer des Unternehmens. Sie werden sich also jetzt mit allen Fragen, die Sie bisher mit Herrn Brandt oder mit mir erörtert haben, an Herrn Dr. Hartkopf wenden. Und es wird noch eine Veränderung geben. Für Herrn Dr. Hartkopf wird eine neu eingestellte Assistentin, Frau Körner, tätig sein. Sie wird morgen kommen und in das Zimmer vor dem Büro des Geschäftsführers einziehen. Frau Winkler, die bisher im Vorzimmer tätig war, wird eine neue Aufgabe bekommen.“

Becker sah bei diesen Worten Karin Winkler an, die gerade zum ersten Mal gehört hatte, dass sie ihren Platz im Vorzimmer räumen musste, sah das Erschrecken in ihren Augen und sagte zu ihr: „Seien Sie unbesorgt. Ich bin sicher, dass wir eine interessante Aufgabe für Sie gefunden haben. Wir werden nachher im kleinen Kreis darüber sprechen.“ Auf das einsetzende Gemurmel reagierte Becker mit einer beschwichtigenden Handbewegung und sagte: „Nachdem ich in großen Zügen über bevorstehende Änderungen informiert habe, wird sich jetzt Herr Dr. Hartkopf vorstellen und erklären, welche Grundsätze aus seiner Sicht für seine Arbeit wichtig sind.“ Hartkopf, der während Beckers Rede auf die Tischplatte gestarrt hatte, reckte den Kopf, blinzelte, hob die Hände und presste die Fingerspitzen aneinander. Dann zog er einen gefalteten Bogen Papier aus der Innentasche seines Sakkos, legte ihn auf den Tisch ohne hineinzusehen, straffte den Oberkörper, registrierte, dass die Aufmerksamkeit der Versammlung nur ihm galt und begann mit forscher Stimme: „Meine Damen und Herren, Sie haben soeben von Herrn Becker gehört, dass dieses Unternehmen vor großen Problemen steht. Ich bin gekommen, um diese Probleme zu lösen. Weil neue Artikel in das Warensortiment aufgenommen werden müssen, ist der Betrieb zunächst neu zu organisieren. Dafür werden zahlreiche Überstunden erforderlich sein. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mit großer Disziplin und eifrig die erforderlichen Maßnahmen unterstützen. Sollten Sie sich den Belastungen, die unvermeidbar sein werden, nicht gewachsen fühlen, empfehle ich Ihnen, diesen Betrieb möglichst bald zu verlassen. Sie werden nicht an eine Kündigungsfrist gebunden sein. Ich biete an, einer Aufhebung des Arbeitsvertrages zu jedem von Ihnen gewünschten Termin zuzustimmen. Weitere Informationen werden Sie erhalten, wenn ich die zurzeit bestehende Situation im Betrieb gründlich analysiert habe. Die Versammlung ist damit beendet. Gehen Sie an Ihre Arbeitsplätze!“

Hartkopf steckte das vor ihm liegende Papier wieder in sein Jackett, stand auf, nickte mit verschlossenem Gesicht Brandt und Becker kurz zu und ging zur Tür. Er drehte sich um und überblickte die Versammlung. Niemand war aufgestanden. Alle saßen schweigend an den Tischen; das Erstaunen über den Stil des neuen Geschäftsführers war in allen Gesichtern zu lesen. Er brüllte: „Ich sagte, dass Sie an Ihre Arbeitsplätze gehen sollen!“ Die Reaktion war ein plötzlich einsetzendes Stimmengewirr; aber niemand verließ den Raum.„Meine Damen und Herren, ich erwarte Disziplin!“

Um eine weitere Verschärfung der Situation zu vermeiden, wollte Becker sich mit vermittelnden Worten einmischen, als er sah, dass Kurt Lorentz, der einzige Mitarbeiter, der dem Betrieb seit der Gründung treu geblieben war, aufstand, mit gebieterischer Geste die Hand hob und so für Ruhe sorgte. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich verstehe, dass Sie alle nervös sind, nachdem wir gerade mit diesen Mitteilungen konfrontiert worden sind. Ich bin, wie Sie alle wissen, seit dem Gründungstag in diesem Betrieb, werde also mit Herrn Brandt und Herrn Becker ein Jubiläum feiern können. Manche unter Ihnen fragen sich vielleicht, wie man es denn so lange in einem Betrieb aushalten kann. Diese Frage kann ich beantworten. Man kann so lange in einem Betrieb bleiben, wenn man sich dort wohlfühlt. Dieses Wohlgefühl hatte ich in all den Jahren, weil dieser Betrieb gut geführt wird. Wir sollten auch nach dieser morgendlichen Überraschung wie bisher mit guter Arbeit unseren Beitrag zu einem guten Betriebsklima leisten. Das ist sehr wichtig, eine Angelegenheit von grundsätzlicher Bedeutung. Und um Wichtiges werden sich die beiden Eigentümer wohl auch in Zukunft kümmern. Ich hoffe das jedenfalls.“ Zum Schluss seiner Ansprache hatte Lorentz Becker und Brandt angesehen.

Beide nickten zustimmend und Becker sagte: „Sie können sicher sein, dass wir auch weiterhin beobachten werden, was in diesem Betrieb und in den Filialen geschieht. Wir wollen uns noch nicht zur Ruhe setzen.“ Hartkopf hatte an der offenen Tür stehend alles angehört und ging, ohne sich dazu zu äußern, in sein Büro. Karin Winkler sah ihm nach und wagte nicht, an ihren Arbeitsplatz im Vorzimmer zu gehen. Sie gehörte zu den Ersten, die sich von ihren Plätzen erhoben und ging mit schnellen Schritten nach vorn, weil sie Brandt und Becker erreichen wollte, bevor sie den Raum verließen.

„Was soll ich denn jetzt machen?“

„Warten wir einen Moment, bis die anderen den Raum verlassen haben“, antwortete Brandt. Sie setzten sich wieder an einen Tisch. Becker ließ Kaffee und Gebäck bringen. Er tat dies, um zu einem angenehmen Gesprächsklima beizutragen; aber bei Winkler kam angesichts dieses besonderen Aufwands Misstrauen auf. Sie rührte den Kaffee nicht an, saß schweigend den beiden Männern gegenüber und wartete auf deren Erklärungen. Brandt eröffnete das Gespräch, indem er ihr sagte, dass sie in Zukunft keine Nachteile zu erwarten habe. Im Gegenteil, man wolle ihr eine Führungsaufgabe übertragen. Es sei geplant, auch einen Versandhandel aufzubauen. Dafür sei eine größere Einkaufsabteilung erforderlich. Sie sei als Abteilungsleiterin vorgesehen. Da sie eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau abgeschlossen habe und in diesem Beruf auch Erfahrungen sammeln konnte, sei sie gewiss für diesen Posten geeignet. Hinzu komme, dass sie während ihrer Tätigkeit im Vorzimmer gezeigt habe, dass sie gut organisieren könne und auch unter Belastungen einen klaren Kopf behalte. Die Vergütung für diese Arbeit werde deutlich höher sein als für die Tätigkeit im Vorzimmer. Ob sie damit einverstanden sei, wollte Brandt schließlich wissen. Sie freute sich, dass man ihr so große Verantwortung übertragen wollte, zögerte aber noch mit einer Zusage.

„Das ist ein sehr gutes Angebot. Danke für diesen Vertrauensbeweis. Aber bevor ich mich entscheide, möchte ich wissen, wie Herr Dr. Hartkopf darüber denkt. Hat er keine Vorbehalte geäußert?“ Becker schmunzelte. „Wie sollte er Vorbehalte begründen? Er kennt Sie nicht. Es kommt nicht darauf an, was Herr Dr. Hartkopf denkt. Die Chefs sind immer noch wir. Der Geschäftsführer weiß, dass wir Ihnen dieses Angebot machen. Es kommt wirklich nur darauf an, ob Sie die Abteilung leiten wollen.“

„Gut. Ich will. Solch ein Angebot bekomme ich nicht zum zweiten Mal.“

Becker schüttelte ihr spontan die Hand. „Danke für Ihre Zusage. Wir drei gehen jetzt gleich zu Dr. Hartkopf und stellen ihm die neue Abteilungsleiterin vor.“

Brandt hatte Hartkopf sein Büro überlassen. Als sie dort mit ihm sprechen wollten, trafen sie ihn nicht an. Karin Winkler nutzte die Gelegenheit, im Vorzimmer die ihr gehörenden Dinge einzusammeln und zu ihrem Auto zu bringen. Becker und Brandt suchten Hartkopf und hörten von einer Angestellten, dass er in einem Taxi weggefahren war.

3. Kapitel

Hartkopf ließ sich nach Hause fahren. Seine Frau, die beobachtet hatte, wie er aus dem Taxi stieg, öffnete die Haustür, sah ihm erstaunt entgegen, als er, den Blick starr auf den Boden gerichtet, mit schnellen Schritten durch den Vorgarten kam. Er ging ohne sie zu beachten durch den Hausflur ins Wohnzimmer, schlug heftig die Tür hinter sich zu und ließ sich schwer atmend in einen Sessel fallen.

„Walter, fühlst du dich nicht wohl? Soll ich den Arzt rufen?“ Seine Frau hatte die Tür geöffnet, wagte aber nicht, das Zimmer zu betreten.

„Quatsch, ich brauche keinen Arzt. Ich brauche Ruhe!“, brüllte er. Die Frau ging in das Zimmer, nahm eine Flasche Cognac aus einem Schrank und aus einer Vitrine ein passendes Glas, schenkte ein und ging mit dem Glas auf Hartkopf zu. Sie war noch zwei Meter von ihm entfernt, als er die Hand ausstreckte um das Glas zu nehmen. Sie gab ihm das Glas und wartete darauf, dass er zu reden begann.

Er leerte das Glas mit einem Schluck, atmete tief durch, schloss dabei für einen Moment die Augen. „Danke, das war die richtige Medizin.“

Er hatte sich entspannt und sie wagte es, ihn wieder anzusprechen: „Ich rechnete nicht damit, dass du zum Mittagessen nach Hause kommst. Wie lange hast du Zeit?“

„Elfriede, rede mit mir nicht über diese Arbeit. Ich fahre heute nicht mehr dorthin“, antwortete er gereizt. „Aber warum bist du mit einem Taxi gekommen? Hattest du einen Unfall?“

„Ich hatte keinen Unfall. Aber ich war so geladen, dass ich mit meinem Auto bestimmt einen Unfall verschuldet hätte. Den Leuten in dieser Firma muss ich erst einmal beibringen, was die Wörter Respekt und Disziplin bedeuten. Bei der Betriebsversammlung stand ich einer aufmüpfigen Bande gegenüber. Sie missachteten meine Anordnung, an ihre Arbeitsplätze zu gehen. Alle klebten an ihren Stühlen. Dann stand einer auf und hielt eine Rede, mit der er versuchte, einen Keil zwischen mich und die beiden Gesellschafter zu treiben. Brandt und Becker nickten zustimmend zu einer Passage seiner Rede. Stell dir das vor! Und als dieser Kerl die Leute aufforderte, an die Arbeit zu gehen, taten sie es.

Ich ging dann in mein Büro; aber das sollten diese Leute nicht als Sieg über mich deuten. Die werden sich alle noch wundern. Mir ist heute klar geworden, dass nur ich dieses Unternehmen retten kann und das werde ich tun.“ Er hatte sich in Rage geredet, schenkte sich noch einen Cognac ein, trank und ging zur Tür. Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich um. „Elfriede, in einer Stunde steht das Mittagessen auf dem Tisch. Nicht früher und nicht später. Wenn jemand aus dieser Firma anruft, dann sagst du, dass ich nicht zu sprechen bin, weil ich mich nicht wohl fühle. Hast du mich verstanden?“ Elfriede nickte. „Na, dann tu, was ich dir gesagt habe.“

Als sie hörte, dass die Haustür zugeschlagen wurde, dachte sie nicht darüber nach, wohin er wohl gehen wollte. Für sie war allein wichtig, dass pünktlich nach einer Stunde das Mittagessen zubereitet war und er den Eindruck hatte, dass im Haushalt alles seinen Wünschen entsprechend erledigt wurde.

Schon bei ihrer ersten Begegnung vor dreißig Jahren hatte er ihr erklärt, dass man sich bei allem, was man tue, von seinem Pflichtbewusstsein leiten lassen müsse. Sie war damals in einer Fabrik in der Buchhaltung tätig; er kam nach erfolgreichem Studium als Diplomkaufmann in den Betrieb und wurde sofort Stellvertreter eines Abteilungsleiters. Eines Tages rief er sie an, weil er einen Buchungsfehler entdeckt hatte. Sie waren einander vorher noch nicht begegnet. Als sie sein Büro betrat, las er in einer Akte, blickte auf und fragte: „Wer sind Sie?“

„Ich bin Fräulein Niemand. Sie riefen mich wegen eines Fehlers in den Buchungen an.“

Er stand auf, blickte prüfend auf sie hinab, deutete eine Verbeugung an und sagte: „Dr. Hartkopf.“ Dann griff er mit der rechten Hand nach der vor ihm liegenden Akte und deutete mit der linken auf einen an der Seite stehenden Tisch mit vier Stühlen. „Bitte setzen Sie sich.“

An dem Tisch saßen sie einander gegenüber, sie hörte seine Erklärungen zu dem Buchungsvorgang an. „Ich weiß, dass Sie sehr viel zu tun haben. Trotzdem muss ich sagen, dass dieser Fehler vermeidbar gewesen wäre, wenn Sie bei der Arbeit das nötige Pflichtbewusstsein gehabt hätten. Sie müssen die Fehlbuchung sofort korrigieren. Wenn Sie das erledigt haben, legen Sie mir die Sache sofort noch einmal vor.“ Als sie nach dieser Bemerkung sein Büro verließ, hoffte sie, dass er keinen Grund finden werde, wieder mit ihr zu reden.

Zwei Wochen später saß sie während der Mittagspause allein an einem Tisch in der Kantine und er setzte sich mit seiner Tasse Kaffee zu ihr, um zu sagen, dass sie in der Buchhaltung die beste Kraft sei. Sie war verlegen, sie arbeite gewiss nicht besser als andere. Er wisse das aber genau, erwiderte er, lächelte und ging in sein Büro.

Sie wohnte im Hause ihrer Eltern und als er sie eines Tages ins Theater einlud und ankündigte, dass er sie zu Hause abholen werde, meldete sich ihre Mutter sofort beim Friseur an, um auf den Herrn Doktor einen guten Eindruck zu machen.

Nachdem Elfriede und Walter Hartkopf geheiratet hatten, war ihre Mutter der Meinung, dass sie es sich nicht erlauben dürfe, eine so hochgestellte Persönlichkeit wie ihren Schwiegersohn zu duzen. Und wenn sie in ihrem Bekanntenkreis von Walter Hartkopf sprach, pflegte sie „...mein Schwiegersohn, der Herr Doktor ...“ zu sagen. Auf diese Art wurde ihm in der Familie eine dominierende Stellung eingeräumt, die er auch für gerechtfertigt hielt, weil er der Einzige war, der an einer Universität studiert hatte und er genoss es, dass man wegen seines Doktortitels zu ihm aufschaute.

Kurze Zeit nach der Hochzeit wurde Elfriede schwanger. Sie kündigte in der Fabrik und kümmerte sich um den Haushalt und die Zwillinge, die im elften Ehemonat geboren wurden. Als die Kinder vierzehn Jahre alt waren, bewarb sie sich mit Erfolg um eine Arbeitsstelle. Walter verbot ihr, diese Stelle anzutreten, weil die einfache Büroarbeit, die sie dort verrichten sollte, für sie, die Ehefrau eines promovierten Akademikers, nicht standesgemäß gewesen wäre. Eine Arbeitsstelle sei überhaupt nicht gut für sie, sonst käme noch das Gerücht auf, dass er nicht in der Lage sei, für die Familie ausreichend zu sorgen. Ihr Platz sei im Haushalt, wo sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen habe. Seitdem wusste sie, was sie zu tun hatte. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie an seinem ersten Arbeitstag bei Brandt & Becker zu der von ihm bestimmten Zeit für das Mittagessen sorgte.

4. Kapitel