Hase und Jäger - Dennis Karrasch - E-Book

Hase und Jäger E-Book

Dennis Karrasch

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Beschreibung

Vorm großen Schlachtengemälde im Celler Museum für Kulturgeschichte wird im Jahre 1955 ein Knopffabrikkontorist mit Taten konfrontiert, die zehn Jahre zurückliegen. Kann ein Blick zurück ein selbstkritischer sein, zumal wenn er durch den Lauf einer gegen ihn gerichteten Schusswaffe geht? Hätte der, der die Waffe hält, andere Möglichkeiten gehabt, Schuld in Sühne zu überführen, obwohl er doch selbst Opfer qua psychischem Kollateralschaden ist? Warum liegt das Gute so fern und tradiert sich Böses so leicht?

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Seitenzahl: 55

Veröffentlichungsjahr: 2017

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»The past is never dead. It's not even past.«

(William Faulkner, Requiem for a Nun)

Wenn du den Teufel gesehen hast, willst du dich getäuscht haben. Wenn dir schwant, dass du dich nicht getäuscht hast, willst du, furchtdurchflutet, wie du bist, dass er verschwindet, von selbst, in seiner Leibhaftigkeit wie auch aus deinen Erinnerungsbildern. Wenn dir aufgeht, dass er nicht verschwindet, dass er sich allenfalls versteckt, verkleidet, willst du – sofern du deiner Angst hast Herr werden können – sein Versteck verbrennen, die Maske des Täuschers und Lügners herunterreißen, einem Zeugenpublikum die echte, eigentliche Fratze vorzeigen und ihn dann als Racheengel vernichten. Wenn du aber den Teufel einmal gesehen hast und deinem Sein in einer längeren Folgezeit genügend Stärke für dich hast abringen können, dann willst du ihn verstehen – und wissen, wer ihn gemacht hat. Und den Teufel so bannen.

***

Am 9. April 1955, einem Sonnabend, sitzt am Nachmittag ein Mann allein in der Ehrenhalle der Königlichen Hannoverschen Armee im Celler Museum für Kulturgeschichte. Seinen Holzstuhl hat er beinahe zentral auf dem dunkelgrauen, zwölf mal zwölf Meter messenden Quadrat des geschliffenen und glanzpolierten Betonbodens platziert. 200 Militäruniformen aus alter Zeit umgeben ihn, zu allen vier Seiten entlang der Wände in holzgerahmten Glasvitrinen dicht an dicht ausgestellt. Das Nachmittagslicht, das darüber durch die beiden liegenden Riesenrechtecke der bleiverglasten Fenster – eines in seinem Rücken, eines zu seiner Rechten – in den solennen Museumskubus sickert, wird durch die bläulich und grünlich schimmernden Scheibensegmente deutlich ins Kühle gefiltert. Mit feierlicher Wärme jedoch kontert dies das Kunstlicht der Leuchter, die von der blau und gelb floral ornamentierten Kassettendecke hängen. Die vier kleinen allegorischen Portraits – je eines zu jeder Himmelsrichtung an den Abwölbungen der hohen Decke – scheinen dem Manne ihre Botschaften nach unten zuzuwispern: »Krieg«, »Frieden«, »Ruhm«, »Ehre«. Und dieser, so scheint es wiederum, nimmt die Begriffe bereitwillig in sich auf, lässt sie, versonnen, versunken, im Hintergrund seines Gemüts wabern, und vielleicht gefällt ihm der letzte am besten. Das Gravitätische in seiner aufrecht-geraden Sitzhaltung und wie er wie zur würdevollen Andacht seine Handflächen auf den Oberschenkeln abgelegt hat, können Indiz dafür sein. Auch das gemessen Zeremoniöse seines schwarzen Filzhuts und des dreiteiligen schwarzen Anzugs, der eher ins vorige Jahrzehnt passen will (die Hose in die schwarzen Lederstiefel gesteckt), sprechen dafür. Einzig die Note von Pfeifenrauch, die der Anzugschurwolle schleichend entströmt, erzeugt einen sachten Anhauch von Gemütlichkeit – oder würde ihn erzeugen, würde sie nicht großteils von der scharfen Herbe des Rasierwassers übertönt. Denn glatt rasiert wie täglich ist das leicht feiste Rund des Gesichts freilich und erst recht auch heute. Ohne diese ordentliche Pflege würde das bäurisch Derbe das auch vorhandene Vornehme der Physiognomie allzu deutlich überwiegen, würde der ohnehin üppige Unterkiefer noch ausladender wirken und womöglich von der wunderbar geraden, fein feudalen Nase ablenken. Und ohnedies gilt es, Unkraut überall zu jäten, oder mindestens aber so weit als möglich zurückzustutzen, und so auch im Gesicht – so meint man als Maxime im festen Blick kühlblauer Augen des Mannes ablesen zu können, obschon diese inzwischen in Schatten tieferer Höhlen wohnen und von allerlei Fältchen umrankt werden, sodass man ihn, wenn man nicht wüsste, dass er 53 Jahre alt ist, auf deutlich über 60 schätzen würde.

Und dennoch: Hier und jetzt verströmen seine Augen in ihrem faszinierten Gefesseltsein eine Jugendlichkeit. In seiner Miene spielen demütige Ehrfurcht und schiere Lust an der blanken Sensation ein ausgeglichenes Spiel. Denn gerichtet sind Gesicht und Blick nach oben, an die Ostwand vis-à-vis, wo über den Vitrinen ein kolossales Schlachtengemälde prangt – der Hauptgrund seines Besuchs dieser musealen Räumlichkeit, das Gravitationszentrum, der quasi-magische Anziehungs- und Fixpunkt dieser ohnehin zaubrischen Halle, heute und bei den unzähligen Malen, die ihn sein Vater in Kindheitstagen sonntäglich hierhin (»ins Vaterländische«) mitgenommen hatte, seit dem ersten Besuch im April 1911, seinem zehnten Geburtstag. Zwischen den Weltkriegen war er gelegentlich, doch nur eher selten und immer allein hierhergekommen, das vorerst letzte Mal im Frühjahr 1934, kurz nachdem oben an der Nordseite zu seiner Linken das zweite große Schlachtengemälde angebracht worden war, das fortan das vorher dort zu sehende Schlachtenkreuz vollständig verdeckte – und noch verdeckt; schon deshalb gefällt ihm dieses zweite Gemälde nicht. Erst seit Juni 1948 hatte er es sich zur Angewohnheit gemacht, jeden zweiten Sonntag im Monat in diese Halle zu pilgern. (Heute ist es ausnahmsweise ein Sonnabend, weil morgen Ostersonntag ansteht und der traditionell mit Vater und Schwester verbracht wird.) Das erste Schlachtengemälde jedenfalls hat auch nach den knapp 80 Besuchen seit Juni '48 nichts von seiner Attraktion verloren: Auf sechs Metern in der Höhe und acht Metern in der Breite zeigt es in naturalistischidealisierender Weise die zum Moment gefrorene Dynamik eines Gefechts zu Zeiten der Befreiungskriege. Auf einer Heidefläche bei Lüneburg bricht unter teils bewölktem, teils blauem Himmel eine Phalanx hannoverscher Soldaten von rechts in das Bild, rote Waffenröcke tragend, weiße Tschakos auf den Köpfen, flankiert, wie am rechten Bildrand zu sehen, von preußischen Lützower Jägern in schwarzer Uniform. Mit Musketen bewehrt, stürmen sie im Bajonettangriff auf napoleonisch-fanzösische Soldaten in ockergelben Mänteln zu. Im linken unteren Bildviertel sinken diese, sich ergebend, zu Boden oder recken die waffenlosen Arme in die Höhe oder schreien, die Muskete gen Himmel streckend, »Rückzug!« oder werden, wie von Kugelwucht getroffen, nach hinten gerissen oder wenden sich zur Flucht, nach hinten links, wo sie von der zweiten Flanke der King's German Legion endgültig aufgerieben werden. Die Gesichter der dem Betrachter am nächsten stehenden oder knienden Franzosen sind gezeichnet von Angst und Schmerz oder von beidem. Dem Vordersten sinkt mit dem Tod Ausdruckslosigkeit in Körper und Antlitz.