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ELIZA: Mein Name ist Eliza. Ich bin 30 Jahre alt und ich liebe mein Familienleben über alles. Es war perfekt, bis er vor meiner Türe stand. TOBI: Mit er bin ich gemeint, Tobi. Meine Midlife Crisis trieb mich aus Berlin in den kleinen Ort Stürzelwitz, um ein paar entspannte Wochen bei Christians Familie zu verbringen, fernab vom Großstadttreiben. ELIZA: Ich war überhaupt nicht begeistert und hätte ihn am liebsten draußen stehen lassen, weil er ständig Ärger macht. TOBI: Zugegeben - ich bin charismatisch, den Frauen zugewandt, ein Fotograf und Freigeist. Eine gefährliche Mischung, die in gewisser Weise Ärger provozieren kann. Doch Christian konnte sie überzeugen und ich durfte bleiben. ELIZA: Aber dann passierte wegen Tobi dieser Unfall, bei dem ich bewegungsunfähig wurde und er meinen Platz in der Familie einnehmen musste, mich pflegte und die Kinderbetreuung übernahm, denn mein Mann Christian ist regelmäßig auf Geschäftsreise. TOBI: Ich machte das ganz hervorragend - wider ihrer Erwartungen. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, so kamen wir einander näher. Doof nur, dass Christian mein Bruder ist und sie, Eliza, seine Frau. Wir verliebten uns ehrlich und aufrichtig ineinander und es wurde verdammt kompliziert ... Der Roman verbindet Liebe, die Grenzen überschreitet, mit gesellschaftsrelevanten Themen. Dazu gehören unter anderem: Familie, Depression, Geschlechterrollen und Medien. Spannend, provokant, ernst, dramatisch, witzig und leidenschaftlich: vielseitig. Illustrationen runden die Geschichte ab und schaffen ein individuelles Leseerlebnis.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieses Buch
ist einer ganz besonderen
Person gewidmet:
dir.
Denn die Liebe zu dir selbst
darf niemals enden.
Vergiss das nicht:
Vergiss nie, wer du bist,
wer du warst
& erinnere dich manchmal daran,
wer du werden möchtest.
ELP
0. Nach Dem Hohepunkt Kommt Das Tief
1. Wie Alles Begann-Der Ungebetene Gast
2. Chloes Ankunft SA, 21.Dezember
3. Ein Ungluck Kommt Selten Allein
4. Frohe Weihnachten & Einen Guten Rutsch
5. Tobi Allein Zu Haus
6. Zeit Fur Zweisamkeit-Gelegenheit Mach
7. Kuss?! & Couchgefluster
8. Wie Der Zufall Will/Sie Bleibt In Der Familiecht
9. Gefuhlsgestober / Liebesnacht
10. Die Nacht-Die Kein Ende Findet
11. Berlin-I'm Back/ Doppeltes Gluck?
12. Mein Leid ist Deine Freude/Chance
13. Tschuss Mami/Eine Alternative Idee
14. Karim & Tanja/Elizas Erwachen
15. Voll Normal!Voll Krank!
16.,,Es Muss Liebe Ssein"
17.#Verbotenezone
18. Just 4 You/Der Artikel
19. Zeit Zu Gehen-Du Niete
20. Neuanfang Zu Dritt?
Weitere Informationen
Nachwort zum Schluss
Zwillinge.Auch das noch! Das Ultraschallbild des Monitors in der gynäkologischen Praxis von Frau Dr. Winter zeigte tatsächlich Zwillinge. Eliza konnte ihren Augen nicht trauen. Musste es sie gleich doppelt treffen?! Worüber sich viele in ihrem Alter freuten, war für sie ein Schlag ins Gesicht – ein doppelter Schlag.
Er war gegangen. Damit hatte sie sich mittlerweile abgefunden und sie würde schmerzhaft darüber hinwegkommen, doch seitdem Eliza die Bestätigung hatte, dass sie schwanger war, hatte sie einen Kloß im Hals, der ihr den Atem nahm und einen unerklärlichen Brechreiz auslöste.
Wenige Augenblicke zuvor hatte die Ärztin den Kopf des Ultraschallgeräts mit der geleeartigen, kühlen Masse versehen und glitt über ihren Unterleib, der bereits eine leichte Wölbung hatte, vorsichtig von links nach rechts. Es war kalt und unangenehm so wie ihre Lage. Die Gesamtsituation. Das Wissen darüber, eine schwangere Ehebrecherin zu sein, belastete sie auch ohne die fleischgewordene Konsequenz in ihrem Uterus, wenn er denn überhaupt der Vater war und nicht doch ihr Mann, Christian.
Der Geruch von Desinfektionsmittel zog ihr permanent in die Nase – sehr unangenehm. Sie war momentan ziemlich geruchsempfindlich.
„Ahhh, da haben wir es ja“, sagte Frau Dr. Winter vorsichtig optimistisch, denn sie merkte, dass ihre Patientin angespannt war. „Moment mal.“ Sie stockte kurz.
Warum blinzelte Frau Dr. Winter so angestrengt mit den Augen?, fragte sich Eliza und warf ihr einen sorgenvollen Blick zu. „Stimmt etwas nicht?“, fragte sie irritiert und Frau Dr. ergänzte:
„Da ist ja noch eins. Sie erwarten Zwillinge, Frau Peter.“ Frau Winter lächelte besonnen.
Kaum ausgesprochen, musste Eliza sich übergeben, was ihr wirklich peinlich war und wofür sie sich mehrmals entschuldigte. Die Liege war voller Erbrochenem und auch ihre Haare rochen jetzt fein säuerlich. Widerlich. So wie das Ergebnis der Untersuchung. Sie ekelte sich vor sich selbst.
Frau Dr. erklärte ihr, dass Übelkeit in der Schwangerschaft durchaus normal sei, was sie allerdings nicht wusste, war, dass hinter Elizas Übelkeit und dem Brechreiz ein bedrückendes Gefühl von Reue und Schuld, tiefer unwiderruflicher Schuld, verborgen lag.
Eliza war am Ende des 3. Schwangerschaftsmonats. Das hatte die Untersuchung ergeben, und es würde noch einige Monate dauern, bis die Schwangerschaft beendet sein würde und die beiden Kinder das Licht der Welt erblickten.
„Alles sieht sehr gut aus“, sagte die Ärztin in einem ruhigen Tonfall mit einem besonnenen, hoffnungsvollen Lächeln. Eliza sagte nichts, seufzte nur, blickte sie an und erzwang sich ebenso ein Lächeln.
„Ruhen Sie sich aus und versuchen Sie sich zu entspannen. Ihr Körper leistet gerade sehr viel“, fügte Frau Dr. Winter noch an, da sie wusste, dass ihre Patientin zwei weitere Kinder hatte.
Eliza stand auf, zog sich ihre Kleider an und kurz bevor sie den Untersuchungsraum verlassen wollte, drückte Frau Dr. ihr noch das Ultraschallbild und den Mutterpass in die Hand. Dabei verabschiedete sie sich mit den Worten „Geben Sie auf sich Acht, bis in ein paar Wochen.“
Eliza vereinbarte mit der Arzthelferin am Empfang einen neuen Termin. Dann verließ sie die Praxis.
Bis vor einem halben Jahr hatte sie ein schönes Leben. Ein wirklich schönes. Das Perfekte. Ihre Familie hätte die strahlende Familie aus der Werbung sein können: den TV-Spots, den Magazinen oder Werbeprospekten mit den immer lächelnden Gesichtern – zumindest oberflächlich, von außen betrachtet. Natürlich nur oberflächlich betrachtet, denn perfekt war keine Familie. Aber für Eliza war alles perfekt, einfach und eingespielt. Es lief.
Ihr Familienglück hätte besser nicht sein können. Von außen und von innen: Ein Haus mit Garten, wie aus dem Bilderbuch. Zwei gesunde, pfiffige Kinder, sogar Mädchen und Junge, was für viele wichtig war, aber nicht für Eliza. Sie hatte einen tollen Mann, dessen Traumfrau sie war und der alles für sie tat. Sie hatte den Alltag und die Familie fest im Griff, auf eine liebevolle herzliche Art. Sie musste nicht einmal arbeiten gehen, weil das Einkommen ihres Mannes reichte. Die „klassische Rollenverteilung“ hatte sich so ergeben. Sie lebte für die Kinder, Christian, die Familie und sie liebte es.
Nun waren in ihr, wider ihrer Erwartungen, sogar zwei, zwei Lebewesen, die ungeplant, fahrlässig entstanden waren. Das kleine Verhütungs-Einmaleins hatte sie mit 30 schon drauf, aber nicht danach gelebt. Sie konnte sogar rechnerisch alle für die Schwangerschaft notwendigen Ereignisse ermitteln: letzte Regelblutung, fruchtbare Tage ... Eine Woche lag dazwischen. Zwischen dem Sex mit Christian, ihrem Mann, und ihm. 7 Tage waren es, also nur wenige, die den entscheidenden Unterschied machten. Und selbstverständlich die kleine, aber feine Essenz eines Mannes, ohne die eine Eizelle nicht befruchtet werden konnte. Die Wahrscheinlichkeit war etwas höher, dass er der Vater war, aber eben nur etwas. Ein Test hätte für Klarheit gesorgt. Sie wollte keinen.
Sie würde es ihm, Christian, im Zweifel unterschieben und ihm nichts sagen. Ihm hätte die Vaterrolle in dem Sinne eh nicht gelegen, und das Chaos hätte die gesamte Familie verrückt gemacht oder gar zerstört. Da waren schließlich noch Großeltern, die Kinder, ihre Schwester und schließlich die Beziehung ihres Mannes zu seinem Bruder, die auch speziell war. Schweigen. Mit Schweigen war sie besser dran und alle anderen auch. Das einzige Problem daran war, dass Eliza eine schlechte Lügnerin war und diese Lebenslüge die größte Herausforderung ihres bisherigen Lebens darstellen sollte.
An der Bushaltestelle sitzend, sah Eliza sich das schwarz-weiß Bild der beiden Föten regungslos an. Sie schloss die Augen und schüttelte frustriert den Kopf. Sie sahen bereits menschlich aus. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Dafür wäre es sowieso zu spät gewesen. Eliza trug zwei kleine Wesen in sich, die das Leben gefunden hatten, ohne dass man nach ihnen gesucht hatte.
Ein sanfter Windstoß blies den stechenden Geruch des Erbrochenen aus den Haaren noch einmal in ihre Atemwege. Und da war er wieder, dieser Kloß, der ganz tief in ihrem Hals saß. Der so dick war, dass sie nicht atmen konnte. Er löste sich, als sie begann zu schluchzen. Dabei zerdrückte sie das Bild in ihrer Hand. Eine Träne kullerte über ihr helles, hübsches und geschminktes Gesicht, das trotz ihres Alters von 30 Jahren dem Kindchenschema entsprach und etwas Jugendliches hatte. Sie hatte dunkelbraune Locken und einen kurzen Bobschnitt. Die Locken umschlungen ihr blasses Gesicht und gaben ihm Form. Normalerweise lag darin ein Strahlen, das von den Lippen bis zu den runden braunen Augen reichte, und jeder, der sie kannte, beschrieb sie als einen immer fröhlichen Menschen, der offen und hilfsbereit war.
Aus dem Schluchzen wurde ein ergreifendes Weinen, das so schlimm wurde, dass sie ihre Hände aufs Gesicht warf. Sie wollte nicht, dass man sie in diesem bedauernswerten Zustand sah, aber es half nicht. Es war eine Flut aus Rotz, Tränen und Make-up, die sich in ihren Händen sammelte. Das machte natürlich alle wartenden Fahrgäste auf sie aufmerksam. Eine alte, kräftige Dame mit Brille nahm sich ihrer an und reichte ihr ein Taschentuch. Sie saß neben ihr auf einer dieser Bänke, die weder gut aussahen noch sonderlich bequem waren, aber ihren Zweck erfüllten.
Sie nahm es entgegen und bedankte sich, denn trotz ihrer seelischen Verfassung, verlor sie ihr gutes Benehmen nicht.
„Das wird schon wieder. Sie sind noch so jung. Sie haben das ganze Leben noch vor sich!“, sagte die Dame etwas flapsig, aber gut gemeint. Doch was wusste die alte Dame schon?!, dachte Eliza. Sie sah jünger aus, nur der Lebenslauf verriet ihr Alter.
Sie blickte aus dem Fenster und versank in ihrer Erinnerung. Es war der 20. Dezember, als er vor ihrer Türe stand, ein kalter, sonniger Freitagmorgen. Der Himmel war hellblau und wolkenfrei, die Vögel saßen an der Futterstelle im Garten und pickten von dem Futter, das Eliza ihnen mit den Kindern bereitgestellt hatte. Die beiden, Fiona (sechs Jahre) und Felix (drei Jahre), waren im Kindergarten und ihr Mann Christian auf Geschäftsreise. Christian war Maschinenbauingenieur und unter der Woche beruflich unterwegs.
Sie erinnerte sich daran, dass sie im Keller eine Waschmaschine angeschmissen hatte, als es an der Tür klingelte. Sie erwartete ein Paket, das der Zusteller an diesem Morgen bringen sollte. Darum rannte sie voller Vorfreude und Elan die Kellertreppe hinauf, um es entgegennehmen zu können.
Die Sonne glänzte auf dem hellgrauen Marmorboden.
Oben angekommen, und vom Laufen ganz erschöpft, öffnete sie die Tür mit Schwung, voller Erwartung. In dem Augenblick war es ihr, als erlitt sie einen Schock. Sie konnte ihren Augen nicht trauen und den offenen Mund nicht schließen. Da stand er, Tobias.
Tobias – auch Tobi genannt – war Christians jüngerer Bruder und immer für eine Überraschung, auch im negativen Sinne, gut. Sie kannte ihn vom Studium, denn beide studierten damals Kunst in Düsseldorf, setzten jedoch andere Schwerpunkte.
„Frau Miese Peter, ich bin doch hier richtig?“, ertönte eine gut gelaunte Stimme aus einem lachenden, wohlgeformten Mund. „Ich hätte Sie fast nicht erkannt, Sie haben abgenommen.“
Schon bei dieser Begrüßung änderte sich ihr froher Gesichtsausdruck und die Mundwinkel neigten sich abwärts. Elizas ganzer Name war Eliza Liese Peter und seitdem sie ein Kind war, wurde sie damit regelmäßig aufgezogen. Was hatte sich ihre Mutter bei der Namensgebung gedacht?, fragte sie sich oft, behielt aber trotz Hochzeit ihren Nachnamen, weil sie eine Frohnatur war und selbst ab und an darüber schmunzeln musste.
Tobi entsprach dem gängigen Schönheitsideal, wobei er in jenem Augenblick ein bisschen verlottert wirkte. Er hatte ein makelloses Gesicht, einen fixierenden Blick mit dunkelblauen Augen und so wie Eliza lockige Haare. Seine Haarlänge entsprach ihrer, jedoch waren seine tiefschwarz und dick. Aufgrund der optischen Ähnlichkeit wurden beide während des Studiums oft für Geschwister gehalten. Dies hätte Eliza gar nicht weiter gestört, wenn dieser Typ nicht ständig seinen Senf dazu abgegeben hätte. So was wie: „Ich bin aber der Schönere von uns beiden!“, „Ich bin der Sportlichere von uns beiden!“, „Eliza ist so pummelig, weil sie mir früher das Essen weggegessen hat!“. Ständig setzte er noch einen drauf, was sie sehr ärgerte. Sie war früher auch nicht schlank. Eliza hatte erst nach den Schwangerschaften mit einer Diät und Sport angefangen abzunehmen und konnte ihr Gewicht bis dahin halten.
Es gab keine Studentin, die nicht für Tobi schwärmte und sogar eine Affäre mit einer Dozentin wurde ihm nachgesagt. Natürlich fand sie ihn früher auch toll, gab das aber niemals zu, außer an jenem Abend, als diese Party war. Alle hatten Alkohol getrunken und im Rausch landeten seine Lippen auf ihren, kurz und flüchtig war der Kuss, an den sich Tobi aber nicht mal mehr erinnerte. Denn er küsste viele Mädchen, nicht nur an jenem Abend, sondern immer, wenn sich eine Gelegenheit ergab. Er war einer, der nichts anbrennen ließ. Tobi und Eliza begannen das Studium damals im selben Semester, Tobi war 3 Jahre älter als sie und war einer von denen, die nicht direkt nach dem Schulabschluss ein Studium begonnen hatten. Während der Studienzeit kreuzten sich ihre Wege ab und an in gemeinsamen Kursen, auf Partys oder Exkursionen.
Seinem Bruder Christian, der sieben Jahre älter war, lief Eliza damals auf dem Hochschulflur entgegen. Christian verliebte sich sofort in sie. Er benötigte mehrere Anläufe bei ihr. Beide freundeten sich also zunächst an, und es entwickelten sich bei ihr ebenso romantische Gefühle für ihn, woraus eine tiefe und liebevolle Beziehung entstand. Seitdem waren Christian und Eliza ein Paar. Sie heirateten zeitnahe und bekamen zwei Kinder. Die gesamte Familie traf sich ab und an zu Familienfesten, bei denen Tobi auch anwesend war, zumindest dann, wenn er Lust darauf hatte, also unregelmäßig. Er war ein unzuverlässiger Typ, der oft Ärger machte, was ihm aber anscheinend egal war. Ein Egoist, wie er im Buche steht.
In diesem kurzen Moment, der Eliza wie eine Ewigkeit vorkam, schossen ihr all diese negativen Gedanken durch den Kopf, die sich in ihren Blick projizierten und für ihr ernstes, grimmiges Gesicht verantwortlich waren. Sie, die eigentlich immer höflich und freundlich war, sah ihn voller Verachtung an und konnte ihm nichts Positives entgegenbringen.
„Du hast aber keine gute Laune, freust du dich nicht deinen Schwager zu sehen?!“, fragte er mit einem naiven, jungenhaften Grinsen. Dabei drehte er sich weg, schnippte seine Zigarette in den Vorgarten und versuchte einzutreten. Das machte sie noch wütender. Sie stand in der Tür und versperrte den Weg in einer abwehrenden Körperhaltung. Ihr Blick verlagerte sich wütend auf seine zwei Taschen, von denen eine eine Reisetasche war und die andere Kameraequipment enthielt.
„Spinnst du, hier einfach aufzutauchen?“, schrie sie ihn an. „Du hast deinen Verstand verloren. Als du das letzte Mal hier warst, hast du einen Scherbenhaufen hinterlassen und dann bist du einfach abgehauen. Beinahe hättest du die Ehe von Martina und Lucian ruiniert!“
Sie redete in einer schwer zu ertragenden Tonlage ohne Punkt und Komma so auf ihn ein, dass er es kaum aushalten konnte. Ihren Monolog beendete sie mit den Worten: „Du bist ein Tornado, kommst aus dem Nichts, dann verschwindest du einfach und hinterlässt eine Verwüstung unvorstellbaren Ausmaßes. Du bist ein Arschloch!“ Daraufhin wich sie einen Schritt zurück und wollte ihm die Tür vor der Nase zuhauen.
Er stellte seinen rechten Fuß in den Türspalt. Danach drückte er ihr mit der Hand behutsam die Türe entgegen. „Bitte Liz, lass mich rein“, tönte es fast wie ein Wimmern. „Diane hat mich rausgeschmissen und ich bin gerade in einer Lebenskrise. Ich wusste nicht wohin mit mir.“
Eliza war genervt. War er doch tatsächlich von Berlin den weiten Weg mit dem Zug in ihren kleinen Ort Stürzelwitz am Niederrhein gekommen. „Okay, komm rein. Aber du bleibst maximal nur für zwei Tage!“, sagte sie fordernd.
Tobi betrat den Flur und legte seine Taschen im Gästezimmer ab, das sich rechts unmittelbar neben dem Eingang befand.
„Zieh die Schuhe aus“, fauchte sie ihn an, während sie die Nummer ihres Mannes wählte. Aus der offenen Küche hörte Tobi jedes Wort, das Eliza mit ihrem Mann wechselte.
„Dein Bruder ist hier.“ Dann folgte eine Pause. „Er kann nicht einfach so auftauchen und das Leben der anderen auf den Kopf stellen, nur weil er eine Lebenskrise hat.“ Nach einer Weile hallte es: „Und dann ist auch noch Weihnachten. Er kommt gänzlich zum ungünstigsten Zeitpunkt! – Na gut. Er darf über die Feiertage bleiben, aber ich werde nicht sein Dienstmädchen sein, das ihn von morgens bis abends verwöhnt. Er wird sich einbringen, wo er kann, ansonsten kann er hier verschwinden. Ich habe genug zu tun!“ Sie verabschiedete sich von Christian und richtete das Wort laut und energisch an Tobi. „Ich denke, du hast alles mitbekommen und die Bedingungen verstanden.“
Tobi hatte es sich in der Zeit auf dem Bett gemütlich gemacht. Er betrachtete zunächst die weiße Decke in dem hellen Raum, der sonnengeflutet war. Dann setzte er sich, zog seine Tasche rüber und holte ein Paket Zigaretten raus. Er zündete sich eine an. Kurz darauf ertönte der Rauchmelder. Eliza kam wutentbrannt ins Zimmer gerannt, schmiss Bettzeug auf die Kommode, zog sich den Stuhl ran, auf den sie sich stellte und schaltete das laut dröhnende Pfeifen des Rauchmelders aus. Sie stieg runter, schob den Stuhl an seinen Platz zurück und öffnete das Fenster. Sie nahm Tobi mit einer schnellen Bewegung die Zigarette ab und schmiss sie auf die Pflastersteine in den Vorgarten, wo sie langsam verglühte.
„Entspann dich mal“, sagte Tobi mit lockerer Stimme, stellte sich hinter sie und wollte ihre Schultern massieren.
„Fass mich nicht an!“, sagte sie zornig.
„Wann hast du angefangen so furienartig zu werden?“, fragte er sie, was sie als Provokation empfand. „Bist du meinem Bruder gegenüber auch so?“, wollte Tobi wissen. „Ob ihm das gefällt?“
Sie musste zweimal tief durchatmen, um diese Frechheit über sich ergehen lassen zu können. Dann verließ sie ohne Worte das Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu. Sie ging schnellen Schritts die Treppe hinauf bis ins Schlafzimmer, verschloss auch dort die Türe hinter sich und ließ sich kraftlos mit dem Rücken an der Türe zu Boden gleiten. Nun saß sie da und dachte: „Dieser Typ – Eliza – macht dich jetzt schon fertig. Das kann doch echt nicht wahr sein. Wie wird es laufen, wenn es schon so anfängt?“
Als Tobi sie das letzte Mal besucht hatte, lernte er Elizas gute Freundin Martina kennen. Martina war ebenfalls Mutter von zwei Kindern und dabei sehr attraktiv. Sie war eine blonde, gut gebaute Frau, die immer wusste, wie sie sich zu kleiden hatte, um einem Mann zu gefallen. Damals hatte es bei ihr und ihrem Mann Lucian gekriselt.
Niemand hätte sie von der Bettkante gestoßen und schon gar nicht Tobi, der immer gerne für etwas Kurzes und Unverbindliches zu haben war. So kam es, dass beide ein Techtelmechtel anfingen, das bei Eliza und Christian Zuhause stattfand. Natürlich erfuhr sie durch einen blöden Zufall davon. Martina und Lucian hätten sich beinahe deswegen getrennt, was eine Katastrophe für alle Beteiligten gewesen wäre. Tobi hingegen fuhr, nachdem es ihm zu unbequem wurde, einfach wieder nach Berlin.
Eigentlich war Tobi kein schlechter Mensch, aber er leistete sich in letzter Zeit zu viel, weswegen ihre Ablehnung ihm gegenüber wuchs und sie eine Wut entwickelte, dass sie ihm nicht mehr neutral gegenüberstehen konnte.
Tobi hielt ein Schläfchen, bis Eliza ins Zimmer kam und ihm grob die Decke wegzog.
„Komm jetzt, wir holen die Kinder ab.“
„Muss das jetzt sein?“
„Ja, jetzt!“, erwiderte sie fordernd.
Auf dem Weg zum Kindergarten gingen sie nebeneinander. Seine Kamera hing lässig über seiner Schulter. Er hatte sie stets bei sich, denn er wollte niemals einen guten Moment verpassen. Tobi war leidenschaftlicher Fotograf und konnte damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Sie musterte ihn vorsichtig von der Seite. Er war unrasiert und seine Haare zerzaust. Eliza wollte nicht mehr meckern, weil das ihre eigene Laune nur verschlechterte.
„Fiona und Felix werden sich freuen, dich zu sehen.“
„Ich freu mich auch auf die beiden“, antwortete er freundlich mit einem Lächeln, „ich hab sie lange nicht gesehen. Sie sind der Grund, warum ich hier bin.“ Das meinte er auch so, wie er es sagte.
Die Kinder liebten ihren Onkel. Wenn er denn mal da war, war er immer gut zu ihnen. Sie spielten gemeinsam, tobten und lachten. Er erklärte ihnen den Fotoapparat, sie machten viele lustige Fotoshootings und druckten eine Menge Bilder aus. Wenn er zu Besuch war, war es immer laut, und es kam Eliza vor, als wäre er das dritte Kind.
Am Kindergarten angekommen, fiel Tobi sofort das neue Logo der KiTa auf. Die KiTa hieß „Pixelwichtel“ und irgendwie hatte er Probleme das vernünftig auszusprechen. Und auch das Logo aus Pixeln und Zwergenmützen brachte ihn zum Schmunzeln, dass er witzelte:
„Pixelwixel, Pixelwichsel, Pixelwichtel – Warum nicht Pixelzwerge?“ Er philosophierte so lange rum, dass Eliza ihn schließlich mürrisch durch die Eingangstür zog.
Im Flur kam ihnen Fiona bereits zufällig entgegen.
„Onkeeell!“, rief sie lauthals in seine Arme laufend.
Eliza war in dem Augenblick Luft für Fiona und so machte sie sich auf die Suche nach Felix. Fionas Mund stand nicht still, denn sie musste ihrem Onkel berichten, dass Fabian ihr Zahnpasta in die Haare geschmiert hatte. Noch dazu hatte sie eine neue Erzieherin namens Liv-Marie bekommen, die soeben von der Küche in den Flur trottete.
„Ist das dein Papa?“, fragte sie Fiona und beugte sich zu ihr.
„Nein, das ist mein Onkel Tobi“, sagte sie voller Stolz.
„Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Liv-Marie“, sagte sie lächelnd und gab ihm höflich die Hand.
Er nahm ihre Hand behutsam entgegen und zog Liv-Marie vorsichtig zu sich. Dabei flüsterte er ihr etwas ins Ohr. Dann gab er ihr seine Karte und verabschiedete sich. Keine Frau konnte seinem Charme widerstehen, so war das nun mal.
In dem Augenblick kam Eliza mit Felix um die Ecke und konnte nur von weitem erahnen, was da vor sich ging. Ihr platzte fast der Kragen, sie konnte sich aber zusammenreißen und eine Szene vermeiden. Felix hatte sie schon angezogen. Jetzt war Fiona dran.
Im Kindergarten war es warm. Der Flur war schmal. In ihr kochte die Wut. Es war, als würde sie eine Enge umschließen, die sie drohte zu zerquetschen und die es ihr schwer machte zu atmen. Sie setzte Fiona die Mütze ein bisschen grob auf den Kopf, die ihr sofort ein „Nicht so feste, Mami!“ entgegenbrachte. Jetzt konnten sie gehen. Tobi und Felix waren bereits vorgelaufen.
Draußen anzukommen, war wie eine Erlösung. Fiona rannte los, zu Felix und Onkel Tobi.
Eliza schloss die Augen und atmete tief durch, sodass ihr Brustkorb sich mit frischer kühler Luft füllte, die die Enge um sie herum auflöste. Sie genoss den Moment der Ruhe und kam wieder runter. Einen kühlen Kopf zu bewahren, fiel ihr aber nicht leicht. Denn schon im nächsten Moment stand Martina, die ihre Kinder ebenfalls abholen wollte, vor ihr.
„Sag mal, ist dein Schwager wieder da?!“, fragte sie leicht aufgeregt mit glänzenden Augen.
„Ja, fröhliche Weihnachten, hohoho!“, antwortete Eliza sarkastisch auf Martinas Frage, die eine rhetorische war, denn sie musste die drei eben gesehen haben.
„Soso“, erwiderte sie nachdenklich und huschte durch die Tür.
„Jetzt weiß auch Martina Bescheid“, dachte Eliza. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich Liv-Marie, Martina, oder beide bei Tobi meldeten.
Zuhause war es warm und gemütlich. Es wurde früh dunkel und im Wohnzimmer brannte die Weihnachtsdekoration. Die Kinder saßen mit Tobi auf dem Teppich und blätterten in einem Kinderbuch. Eliza ordnete noch Schuhe und Jacken, die ihre drei Kinder im Flur verstreut hatten. Dann setzte sie Nudelwasser auf. Sie bereitete die Zutaten für eine Tomatensoße vor und begann eine Zwiebel zu schneiden.
Ein Smartphone klingelte. Es war Tobis. Elizas ernster Blick führte jetzt in seine Richtung. Dann grinste sie spitz und ließ das Messer aufs Brett fallen. Sie bat ihn freundlich, an dieser Stelle fortzufahren.
Zähne zusammenbeißend und ein wenig zerknirscht sah er sie an, stand auf und erwiderte in einem leicht ironischen Ton „Herzlich gerne, wie könnte ich dir einen Wunsch abschlagen?!“ Diese Hexe, dachte er im Inneren. Sicherlich war das eine Nachricht von Liv-Marie und jetzt wollte Eliza ihm den Abend versauen.
Ungünstigerweise konnte er keine Widerworte geben. Sie hatte die Bedingungen gestellt und er musste sie erfüllen, wenn er nicht rausfliegen wollte. Zuhause konnte sie ihn und seine Taten kontrollieren, aber sobald er das Haus verließ, würde er ohnehin das machen, was er wollte. Er war ein erwachsener Mann und ließ sich von keiner Frau was sagen, außer von seiner eigenen Mutter.
Nachdem das Abendessen vorbereitet war und er den Tisch gedeckt hatte, wünschten sich alle einen „Guten Appetit“. Fiona und Felix liebten Nudeln und sie hatten ein recht manierliches Benehmen, was sich zu jeder Zeit schlagartig ändern konnte.
Eliza saß Tobi gegenüber. „Warum bist du jetzt genau hier, Tobi?“, sah sie ihn fragend an, als sie in ihren Spaghetti pickte.
„Diane hat mich rausgeschmissen und ich wusste nicht wohin mit mir.“
„Hast du sie betrogen?“
„Nicht nur einmal.“
Eliza atmete laut durch die Nase und war dabei nachdenklich. „Musst du nicht arbeiten?“
„Ich hab momentan keine Arbeit“, versicherte er ihr.
„Na gut. Eigentlich kommst du mir gerade recht. Bald ist Heiligabend, bis dahin habe ich noch eine Menge zu tun, und du wirst mir helfen: Es ist noch einzukaufen, aufzuräumen, zu kochen …“
Eindeutig redete sie zu viel. „Bla, bla, bla“, dachte er. Seine Ohren stellte er auf Durchzug. Stattdessen beobachtete er ihren kleinen, süßen Mund, dessen Oberlippe fein geschwungen von links nach rechts verlief, oder umgekehrt? Sie hatte sehr gepflegte Zähne, wobei die Eckzähne klein und spitz waren. In seinem Tagtraum versunken, und mit einem leicht neckischen Grinsen fragte er sich, ob sie ihn damit beißen könnte und ob es wehtäte. Ob dieser Schmerz in seiner Haut schlimmer sei als ihr Gerede, das in seinem Kopf dröhnte. Gerne würde er ihn mal fotografieren. Vielleicht … wie er sexy an einem Lolli leckte? – Auf keinen Fall! Jetzt gingen seine Gedanken in die falsche Richtung und er schüttelte den Kopf vor Ekel. Er war wirklich versaut und phantasiereich, aber das ging mal gar nicht. Sie war seine Schwägerin und dazu ein Biest. Die Traumblase war geplatzt.
„Hast du mir zugehört?“, fragte sie nett.
„Jaja. Machen wir“, antwortete er.
„Gut, dann kaufen wir morgen früh den Tannenbaum.“
Kaum war dieser Satz ausgesprochen, führte Fiona Tobis Glas an ihren Kindermund, nahm einen großen Schluck und spuckte ihn auf ihren Teller. „Diese Cola schmeckt ja überhaupt nicht! Igitt!“, stellte sie lauthals fest.
„Tobi, pass doch auf!“, motzte Eliza. „Fiona darf keine Cola trinken, sie ist noch zu klein.“ Eliza nahm das Glas und verschüttete die Hälfte dabei. Felix fing an zu weinen, weil er müde wurde. Vorbei war die Ruhe.
Fiona hatte recht, das war keine Cola, sondern Whiskey-Cola und zwar hoch konzentriert.
„Boaaa!“, rief Eliza. „Du bist unglaublich! War das nicht schon dein zweites Glas?“
Eliza war verärgert, schickte Tobi und die Kinder nach oben in Fionas Zimmer und räumte sowohl den Essbereich als auch die Küche auf.
Es war still geworden. Tobi und die Kinder waren beim Vorlesen im Ehebett eingeschlafen. Sein Telefon lag auf der Kücheninsel, es klingelte erneut. Ein Anruf von Unbekannt. Vom lauten Klingeln geweckt, rannte Tobi die Treppe herunter und konnte den Anruf gerade noch rechtzeitig annehmen. Sein Abend war gerettet und seine Nacht – eventuell – auch.
„Wer war das?“, fragte Eliza sauer.
„Sag ich dir nicht“, widersprach er ihr patzig.
Er zog sich blitzartig Jacke und Schuhe an, packte seine Kamera und verließ gut gelaunt das Haus.
Eliza telefonierte an jenem Abend noch mit Christian und ihrer Schwester Chloe. Dann ging sie schließlich auch ins Bett.
„Schwesterherzen“Illustration, ELP
Eliza stand in der Küche und rührte Teig an. Die Kinder saßen auf der Kücheninsel und sahen interessiert zu. Fiona und Felix waren – wie immer – sehr früh wach, dass Wochenende war, war für sie uninteressant. Eliza bereitete Pfannkuchen für sie zu.
„Ich krieg den Dicksten!“, rief Fiona fordernd.
„Nein, ich!“, entgegnete ihr Felix. Beide fingen an sich zu schlagen. Ein Geheule und Geschrei brach aus. Was gab es Schöneres an einem Samstagmorgen?! Eliza setzte die beiden runter und machte den Fernseher an. Jetzt war Ruhe.
In Küche und Wohnzimmer duftete es nach warmen Kakao und Kaffee. Dazu servierte Eliza die frischen Pfannkuchen mit Puderzucker.
„Knall lecker!“, überkam es Fiona mit großen glitzernden Augen. In der Woche gab es Brot oder Cornflakes zum Frühstück, weil sie nie viel Zeit hatten. Auch Felix setzte sich auf seinen Kinderstuhl.
Eliza blickte auf die Küchenuhr. „Wo bleibt Tobi? Wir wollten doch zusammen den Tannenbaum holen …“ Hatte er es vergessen?
Da schellte es.
Fiona rannte zur Tür. Ein freudiges „Chloeee. Chloeee ist da, Mami!“, ertönte aus dem Flur.
Eliza hatte nicht mit Chloe gerechnet, denn eigentlich war ihr Besuch für den 1. Weihnachtstag geplant. Als sie sich auf den Weg zu ihr machte, fragte sie mit einem Lächeln: „Was führt dich schon hierher Schwesterchen? Ich dachte, ihr kommt alle zusammen?“ Eliza umarmte Chloe, die eine klirrende Kälte von draußen mit in die gemütliche Stube brachte.
„Nachdem wir gestern gesprochen hatten, musste ich doch sofort kommen.“ Sie zog den Schal und die Jacke aus. „Ich habe an deiner Stimme erkannt, dass du jetzt wirklich Unterstützung brauchst – gerade jetzt, wo du diesen Chaoten noch an der Backe hast“, sagte sie sehr überzeugend. Ganz unrecht hatte Chloe nicht. Sie nahm am Tisch Platz. Eliza schenkte ihr einen heißen Kaffee ein, dazu etwas Milch und Zucker. „Magst du auch was essen?“
„Nein danke, ich hatte Vollkornmüsli.“ Chloe nahm einen Schluck.
„Wir können gleich den Weihnachtsbaum kaufen. Wir können zu Fuß gehen und nehmen den Bollerwagen.“
„Du willst den Baum doch nicht etwa selber hierher schaffen, oder?“ Sie warf ihr einen fragenden und leicht entsetzten Blick entgegen.
„Ist dir schlecht?“, fragte Fiona Chloe fürsorglich, als sie ihren angewiderten Gesichtsausdruck wahrnahm.
„Nein, Fiona, mir geht’s gut“, lachte sie, „nur die Idee, einen Tannenbaum alleine hierhin zu schleppen, das finde ich komisch. Ich habe keine Lust mir die Hände zu zerkratzen und meine neue Jacke mit Dreck zu ruinieren.“
Ein nachdenkliches „Hmm…“ brachte Eliza hervor. Was sollte sie dazu sagen? Chloe machte sich nie gerne die Hände schmutzig, so was war für sie Männersache. Wie konnte Eliza das vergessen?!
Es klingelte erneut an der Tür. Chloe machte auf. Sie standen einander gegenüber. Tobi und Chloe. Im Vergleich zu Tobi war Chloe ein Winzling.
Er war leicht verblüfft, denn mit Chloe hatte er nicht gerechnet. Er war nun wieder hellwach, obwohl er eigentlich todmüde war und sich auch gerne so benommen hätte, um sich vor dem Tannenbaumkauf noch einmal so richtig mütterlich von Eliza betüdeln zu lassen, zum Beispiel in Form eines Heißgetränks oder eines Frühstücks.
Nun stand Chloe vor ihm. Sie kannten sich von diversen Familientreffen. Eliza erzählte ihr bei einem dieser Treffen von Tobi. In nur 10 Minuten charakterisierte sie ihn als Arschloch und Playboy und dass sie sich ja von ihm fernhalten sollte. „Lass dich bloß nicht von seinen dreckigen Fingern antatschen“, riet Eliza ihrer Schwester. Und obwohl Eliza ihre Schwester kannte, wusste sie nicht, dass diese fürsorgliche Bemerkung Chloe nur noch neugieriger im Hinblick auf Tobi machte, denn Chloe hatte eine Seite an sich, die sie Eliza niemals zeigte, weil sie wusste, dass sie diese ablehnen würde.
Chloe war etwas kleiner als Eliza. 25 Jahre jung und von makelloser Schönheit.
Sie hatte ebenfalls Locken, diese waren jedoch klein und zart, länger und blond. Ob sie gefärbt waren, konnte man nicht sagen. Die glänzende Frisur ließ ihre hellblauen Augen noch mehr erstrahlen, als sie es ohnehin schon taten. Sie hatte pralle, volle Lippen. „Diese Lippen …“, dachte er. Ihre Lippen hatte Chloe durch einen roten Lipgloss in Szene gesetzt. Ihre zarten Ohrläppchen wurden von goldenen Ohrringen geziert, die kaum auffielen, aber ihre Wirkung hatten. Ihre Person wirkte leicht erhaben und grazil. Königlich. Ihre Ausstrahlung war weich und feminin, so wie ihre Art zu gehen und sich zu bewegen. Dazu trug sie ein champagner farbenes Strickkleid, das knapp unter ihren Po reichte. Ein schöner runder Knack-Po. Tobi konnte ihn aus dieser Perspektive nicht sehen, aber die Vorstellung daran vervollständigten sein Bild, das er von ihr hatte. Ihre hautfarbene Strumpfhose umschlang ihre trainierten Beine. Sie trug schwarze Stulpen, bis zu den Knien reichend. Sie war ein Topmodel. Gott schuf diesen Körper, aber sie brachte ihn in Form und Outfit. Chloe studierte Sport und war Leistungsschwimmerin. Ihre breiteren Schultern wusste sie gekonnt durch die Haare und den Schnitt der Kleidung zu kaschieren.
„Hi Tobi, schön dich wiederzusehen!“, grinste sie ihn neckisch an.
Mit einem charmanten und leicht überheblichen Lächeln antwortete er: „Hey Chloe, lang nicht gesehen.“ Er kam rein, die Kinder warfen sich in seine Arme, drückten ihn und überfluteten sein Gesicht mit herzlichen Küssen.
„Was finden die zwei an dem?“, fragte Chloe ihre Schwester nüchtern. Etwas beleidigt fügte sie an: „Ich werde nie so begrüßt.“
„Vielleicht bist du einfach ein bisschen zu ernst“, sagte Eliza vorsichtig. Denn sie wusste, dass ihre Schwester leicht zu kränken war, eine Diva, die tagelang beleidigt sein konnte.
Chloe wirkte immer freundlich und ruhig, hatte aber nur wenig Humor und war sehr pingelig. Keiner kannte sie genau. Sie spielte ihre Rolle exzellent, konnte sich aber auf ihren aktuellen Gegenüber einspielen.
Kinder haben sehr feine Antennen in Bezug auf Gefühle und sie wirkte auf sie manchmal wie ein Kantholz mit einer rauen Oberfläche, dem man ungern körperlich nahekam. Sie hatte einfach nicht die Herzlichkeit und auch kein ehrliches Interesse, das Tobi ihnen immer wieder erneut entgegenbrachte. Vielleicht spürten das die Kinder.
Chloe wandte sich schließlich der Küche zu und half beim Ausräumen der Spülmaschine. Tobi saß am Esstisch und betrachtete sie, während er – tatsächlich – von Eliza noch ein geschmiertes Butterbrot bekam. Wenigstens eine Stärkung brauchte er ihrer Meinung nach, wenn er gleich noch aktiv werden sollte. Dafür bedankte er sich auch ausdrücklich.
„Du bist eine richtige Mami, Eliza“, warf er in den Raum. Eliza lachte nur und ging schnellen Schrittes die Treppe hinauf, um sich zu duschen und anzuziehen.
Chloe war ein Vamp. Sie war wie Tobi, nur noch schlimmer. Sie war der Wolf im Schafspelz. Sie wusste, wie man aus einem Kerl, einen Mann machte, konnte ihm aber dieses Gefühl auch sofort wieder nehmen, wenn ihr etwas nicht passte. Dann fühlte man(n) sich noch kleiner als vorher und wünschte sich, sie niemals kennengelernt zu haben. So eine Macht hatte sie.
Sie war wie ein heißes Cowgirl, dessen Körper so scharf war wie eine Waffe. Der Abzug war stets unter Chloes Kontrolle. Sie kannte das Spiel. Sie kannte alle Regeln. Sie wusste sie zu brechen, wenn es nötig war. Chloe würde schießen und sie würde treffen. Erst in deinen Kopf: BUMM. In dem Augenblick hatte sie dich um den Verstand gebracht, danach traf sie dir … ins Herz, und brach es … Ihr letzter Schuss ging noch tiefer. Und da hatte sie dich bei deiner Männlichkeit. Wenn sie dich erst mal an den Eiern hatte, hattest du schon verloren. Denn von da an konnte sie dich so steuern, wie sie es wollte – in alle Richtungen. Wie in einem Videospiel, dessen Charakter von außen präzise genau gelenkt werden konnte. Sie hatte das Joypad. Wenn sie es wollte, würde sie dich absichtlich eine Klippe runterstürzen lassen. GAME OVER, blinkte es vor Tobis geistigem Auge.
Hätte Chloe nicht Sport, sondern Wirtschaft studiert, hätte sie bei den Managern ganz oben landen können; und alle wären ihre Marionetten gewesen, zumindest malte Tobi sich das gedanklich so aus.
Chloe präsentierte sich ihm sehr gekonnt, während er am Esstisch saß und einen Bissen nach dem anderen nahm. Sie hatte es drauf, die Spülmaschine so auszuräumen wie die Darstellerin eines Pornofilms. Diese Szene musste einen Mann fesseln. Sie provozierte schamlos und machte sich einen Spaß daraus, Männern den Kopf zu verdrehen – ob angebracht oder nicht. Hauptsache, sie bekam Aufmerksamkeit. Chloe konnte eine Geschichte daraus machen, den Löffel aus dem Besteckkasten zu nehmen und durch ihre subtile Art von Berührungen wieder verschwinden zu lassen.
Sein Atem wurde schwerer. Ihm wurde heiß und kalt. Er wollte sich jedoch unter keinen Umständen etwas anmerken lassen.
Sie überließ nichts dem Zufall. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie sich den Löffel erotisch zum Mund führte, ihre Zunge lustvoll um ihn kreisen ließ und Tobi devot ansehen würde. Dabei würde sie leise stöhnen: „Hilf mir Tobi, ich brauche einen starken Mann. Ich brauche einen starken Typen, der mir diesen unvorstellbar schweren Löffel abnimmt und sich meiner sexuellen Bedürfnisse zuwendet. Ich. Brauch. Dich!“
Man hätte ihr bei allem geholfen, denn sie wirkte so zart und schützenswert wie ein junges Rehlein.
Beim letzten Geburtstag ihres Vaters kamen zwischen Tobi und ihr einige zufällige Berührungen zustande. Erst dachte Tobi, dass es wirklich nur Zufälle waren, aber als noch lustvolle Blicke ihrerseits dazukamen, erkannte er die Situation. Zu spät. Denn er war schon im Spiel gewesen. Er spielte ebenso gerne wie sie. Beide hatten das gleiche Ziel. Sie wollten die Gedanken des Spielgefährten durch Worte und Taten so zurechtformen, dass sie sich nur um sie, die Hauptperson, drehen sollten. Sie mochten es beide, im Mittelpunkt zu stehen und unwiderstehlich zu sein.
Plötzlich aus seinen Gedanken herausgerissen, hörte Tobi Eliza von oben rufen: „Tobi, kommst du mal bitte?“
Er nahm ihre Frage wahr, jedoch hatte er noch keine Antwort parat. Die Gedanken an Chloe und ihre verführerische Aktion hatten in ihm starke Wallungen ausgelöst. Seine enge Hose ließ kaum Raum für die gigantische Erektion, sodass es fast wehtat. Es pochte. Ihm war es, als hörte er den Pulsschlag seiner Adern durch mehrere Schichten: Durch die Shorts. Die Jeans. Die Tischplatte. So konnte er doch nicht aufstehen. Es war unübersehbar.
Chloe sah ihn an und erwartete eine Antwort auf Elizas Frage. Fiona und Felix spielten im Wohnzimmer Fangen.
„PUH“, stöhnte er leise. Sie hatte ihn wirklich ins Schwitzen gebracht.
Und dann schrie Fiona laut. Mittlerweile drehten Felix und Fiona ihre wilden Runden um den Esstisch.
„Feeelix, lass das!“, weinte sie in einer unerträglichen Lautstärke.
„Seid doch mal leise“, befahl Tobi im ernsten Ton. Sie ignorierten ihn. Felix verfolgte Fiona weiter. Irgendetwas war in seiner Hand. Fiona ekelte sich davor. Tobi griff Felix in einem kurzen Moment am Handgelenk, als dieser ihn im Vorbeilaufen streifte und stoppte ihn. Das missfiel Felix sehr. Er kreischte und drückte sich ein paar erzwungene Tränen raus.
„Was hast du da in der Hand?“, wollte Tobi wissen. Er nahm die kleine Patschehand behutsam und fokussierte den Zeigefinger mit seinem Blick. Felix hatte auf der Fingerspitze einen fetten Popel, der an eine kleine grüne Erbse erinnerte. Tobi war angewidert. „Bah! Da würde ich auch schreiend weglaufen“, klagte er.
Er ging mit ihm zum Händewaschen ins Bad.
Dieser kleine Mensch hatte es im zarten Alter von nur drei Jahren geschafft, diese heiße Situation aufzulösen, die Chloe wohlüberlegt umgesetzt hatte. Felix hatte ihre Waffe in dem Bruchteil einer Sekunde entschärft. Dafür war Tobi ihm sehr dankbar, auch wenn ihm bei dem Gedanken an den Popel ein leichter Schauer über den Rücken lief. Er war wirklich sehr ekelig.
Eliza verlangte erneut nach ihm. Jetzt ging er hinauf. Als er die Tür zum Badezimmer öffnete, wurde er fast von einer dicken, feuchten Nebelwolke erschlagen.
„Was für ein tropisches Klima“, stellte er fest. Die Fenster und Spiegel waren von einer dicken weißen Schicht bedeckt. Hier und da perlten Wassertropfen an den glatten Flächen herab. Der Raum spiegelte den Zustand wider, in dem er sich noch vor einigen Minuten befunden hatte. In diesem Augenblick spürte er noch mal deutlich seine Erleichterung und blinzelte mit den Augen.
Jetzt betrachtete er Eliza. Sie war ganz anders als Chloe. Sie nahm aus dem Spiegelschrank die Wimperntusche und schloss die Tür. Dann versuchte sie mit ihrer rechten Handfläche in einem Wisch die beschlagene Scheibe zu reinigen, um etwas zu sehen. „Ganz schön verpeilt“, dachte Tobi. „Was machst du da?“, lachte er spöttisch. „Versuchst du gerade ernsthaft dich so zu schminken? So kannst du ja gar nichts sehen. Soll ich lieber Chloe rufen, dass sie dich zurechtmacht?“, fragte er unartig mit einem neckischen Grinsen.
„Kannst du auch klopfen?“, erwiderte sie vorwurfsvoll mit einem leicht säuerlichen Blick. „Stell bitte in der Garage den Bollerwagen bereit und zieh die Kinder an. Das wäre wirklich nett.“
„Okay, mach ich. Sonst noch was?“
„Nein, das war’s erst mal, danke.“
Er machte kehrt und setzte all ihre Wünsche um. Nun konnten sie gemeinsam losgehen. Tobi zog den Bollerwagen mit den fröhlichen Kindern. Sie erzählten ihm erfundene Geschichten von Einhörnern und Dinos, die sie im Garten hatten, aber mittlerweile leider gestorben waren. Er ließ sie in dem Glauben, er würde es glauben und schenkte ihnen immer wieder ein zustimmendes Nicken. Als Fiona und Felix keine Lust mehr auf den Bollerwagen hatten, stiegen sie aus und nahmen Chloe bei den Händen. Jedes Kind hatte eine. Sie rannten vor. Chloe fand das gut.
„Chloe, du bist soo schön“, stellte Fiona mit großen anhimmelnden Augen fest und fügte an: „Wie machst du das, so schön zu sein?“
Chloe kicherte mädchenhaft und erklärte ihr, dass man schon viel dafür tun müsse:
„Du musst dich jeden Tag duschen. Wenig Süßes. Du musst Zähne putzen …“ So ergänzte sie Wort für Wort ihre Liste. Fionas Blick klebte förmlich an ihren erzählenden Lippen. In dem Moment hätte Chloe ihr alles sagen können und sie hätte mit Begeisterung zugehört. Eliza und Tobi gingen währenddessen nebeneinander. Sie schlenderten hinterher. Tobi war in Gedanken versunken. Die Kamera wackelte über seiner Schulter hängend auf und ab, während er den Bollerwagen zog.
„Was ist los?“, fragte Eliza leicht in Sorge. „So ruhig bist du sonst nicht.“
„Was ist deine Schwester eigentlich für ein Typ?“, wollte er ernsthaft wissen.
Stille.
Diese Frage hätte er besser nicht gestellt. Elizas Augenbrauen änderten ihre Position. Ihr besorgter Gesichtsausdruck wurde bedrohlich. „Du lässt deine Finger von meiner kleinen Schwester!“, ermahnte sie ihn ausdrücklich. „Wenn du sie auch nur angucken solltest, kannst du sofort verschwinden! Mach dich bloß nicht an sie ran!“
„Auf keinen Fall. Sie ist gar nicht mein Typ!“, versicherte er ihr glaubhaft. Er wollte seinen Urlaub doch nicht wegen dieser kleinen Göre riskieren. Dazu war es bei der Familie seines Bruders viel zu gemütlich. „Ich wollte nur wissen, was sie für ein Mensch ist. Aber danke, dass du denkst, ich würde mich an deine Schwester ranmachen, dass du mir DAS zutraust!“ Er war beleidigt.
Chloe machte sich unverschämt an ihn ran. Und keiner konnte es sehen. Er fühlte sich wirklich ungerecht behandelt. Natürlich war er kein unbeschriebenes Blatt, aber Chloe war die größere Bitch. Er kochte innerlich vor Wut und sagte gar nichts mehr.
Sie erreichten die Kirche, vor der die Pfadfinder Tannenbäume verkauften. Sie waren recht spät angekommen, darum waren die schönsten schon vergriffen.
„Was wollen wir überhaupt für einen Baum?“, fragte Eliza mit einer ratlosen Geste. „Möchtet ihr einen kleineren oder einen großen? Nordmanntanne oder Fichte?“
„Einen rieeeesigen großen!“, wollte Felix.
„Ja, groß muss er sein, Mami!“, fügte Fiona zustimmend an.
Sie begutachteten jeden Baum. Chloe kam zum Schluss: „Keiner der großen Bäume macht auch nur annähernd ein vernünftiges Bild.“ Sie holte eine kleine, etwa ein Meter große Fichte hinter einer großen grünen Nordmanntanne hervor, die an vielen Stellen kahl war. „Schaut doch! Das ist der perfekte Baum für euer Wohnzimmer“, kam es ihr mit einem überzeugenden Lächeln über ihre glossy-glänzenden Lippen.
„Ist der nicht zu klein?“, reagierte Fiona skeptisch.
Tobi und Eliza beobachteten die Situation aus der Distanz. Doch Chloe konnte sie wirklich überzeugen. Das hätte Eliza nicht für möglich gehalten. Mit ihren Argumenten hatte sie die Kinder so bearbeitet, dass ihnen diese kleine Blaufichte nun wie der schönste Baum der Welt vorkam. Noch dazu hatte Chloe sich eine phantasiereiche Geschichte einfallen lassen, dass dieser Baum von einer bösen Hexe verzaubert worden wäre, noch ein Kind sei und nicht mehr wachsen könnte. Felix und Fiona standen wieder wie gebannt vor ihr. Am Ende sagte sie: „So liebe Kinder. Jetzt kann euer Onkel Tobi diesen wunderbaren Baum zu euch nach Hause schaffen. Denn dafür ist er ja hier.“
So unkompliziert hatte Eliza sich diesen Kauf nicht vorgestellt. Sie war auf Geheule und Zank vorbereitet gewesen und hatte zur Bestechung Süßigkeiten in den Taschen. „Gut gemacht Chloe! Du könntest einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen.“
Chloe kicherte.
Tobi machte noch einige Schnappschüsse. Dann lud er den Baum auf den Bollerwagen. Glücklich und zufrieden machten sich die fünf auf den Heimweg.
Zuhause wurden sie schon von Christian erwartet. Er war früher gekommen. Vor Freude sprang Eliza ihm in die Arme. Sie küssten sich tief und innig. Eine zärtliche Umarmung, fest und voller Vertrautheit, folgte. Fiona und Felix drängten sich dazwischen. Sie wollten ihren Papa auch begrüßen.
Tobi hielt sich vorerst zurück und beobachtete die Szene sehr genau. Er mochte das: Diese Art der Zusammenkunft. Das warme und gemütliche Zuhause. Es war ein Ort voller Herzlichkeit, Geborgenheit und Liebe. Hier strömte eine Ruhe, aus der er Kraft tanken konnte. So etwas hatte er in Berlin nicht. Er führte ein rastloses Leben. Hektisches Treiben in der Großstadt und in der Szene waren Bestandteil dessen, hatten aber auch an ihm gezerrt. Darum brauchte er jetzt eine Auszeit.
Schließlich umarmte auch er Christian. „Willkommen zu Hause Bruder, wie war die Woche?“
Eliza und Chloe gingen mit Felix und Fiona ins Kinderzimmer.
Tobi und Christian gingen auf die Terrasse, um zu rauchen.
Tobi machte sich eine Zigarette an. „Willst du auch eine?“
„Nein, danke, ich hab aufgehört.“
„Danke, dass du Eliza überredet hast …“
„Das ist die Gewohnheit. Schon damals löste ich deine Probleme – damals öfter als heute. Weißt du doch.“
Stille.
Tobi blickte auf den dunkelgrauen Gartenzaun, an dem zwei kahle braune Rebstöcke nebeneinander hochrankten. Die Stöcke waren sehr präzise in der Mitte des Zauns angelegt. Ihre Höhen schlossen mit seiner ab. Die jeweiligen Ranken verliefen in entgegengesetzte Richtungen; die der rechten Weinrebe waren fast dreimal so lang wie die der linken.
„Helle und dunkle Trauben“, klärte Christian ihn auf, „gut zu essen.“
Tobi gab keine Antwort. Er wusste, dass er recht hatte. Christian war 7 Jahre älter. Immer wenn er Stress hatte, setzte sich Christian für ihn ein. Bis zu dem Zeitpunkt, als er zum Studieren ausgezogen war. Da änderte sich sein Leben schlagartig. Ob Christian wusste, was er damals durchgemacht hatte?
„Ich kümmer mich um den Garten. Eliza hat keine Lust darauf“, merkte Christian an.
„Das sieht man. Er entspricht dir durch und durch“, sagte er lachend. Dann nahm er noch einen Zug. „So symmetrisch kann nur der Garten eines liebenswerten Spießers sein.“ Jetzt grinste er.
Die helle Terrasse war unmittelbar am Haus angelegt. Daran knüpfte eine rechteckige Rasenfläche an, der jeder Besucher ansah, dass sie eine konstante Pflege genoss.
„Du hast eine Bilderbuch-Familie, mit Bilderbuch-Zuhause und natürlich – einen Bilderbuch-Garten ...“ Tobi lachte. „Du hast dein perfektes Leben gefunden.“
Im Gegensatz zu Tobi war Christian sehr durchstrukturiert und gemütlich. Er mochte entspannte Abende mit Eliza und den Kindern, mit einem guten Buch oder einem spannenden Film. Er genoss die Routine der Woche: Ein paar Tage arbeiten. Ein paar Tage daheim. Das sah man ihm auch an. Er war zwar kleiner als Tobi, aber dafür kräftiger. Mit Bauchansatz. Ein gemütlicher Typ, an den Eliza sich anlehnen konnte.
Die beiden hatten eine gute Arbeitsteilung. Er verdiente das Geld, sorgte damit für das Auskommen der Familie. Sie kümmerte sich um die Kinder, den Haushalt und alles, was sonst noch so anfiel. Sie konnten stundenlang miteinander reden. Sie unterhielten sich gerne über die Kinder, seinen Job und über das aktuelle Zeitgeschehen. Christian hatte grüne Augen und dunkelblonde kurze Haare. Er hatte eine helle und freundliche Ausstrahlung, immer offen und höflich anderen gegenüber. Er hasste Lästereien und Getratsche, deswegen war er froh, Eliza zur Frau zu haben, die die gleichen Abneigungen hatte wie er.
Chloe wollte an jenem Abend gerne nach Düsseldorf auf eine coole Party. Mit Tobi und Eliza. Aber Eliza hatte keine Lust. Christian war endlich wieder da. Sie wollte ihn sehen und mit ihm Zeit verbringen. Zeit war ein kostbares Gut, von dem sie zu wenig hatten. Deswegen waren die Wochenenden und das nun anstehende Weihnachtsfest unglaublich kostbare Tage.
Chloe und Tobi zankten sich im Gästezimmer.
„Ich geh nicht mit“, motzte Tobi bockig.
Chloe flehte ihn auf ihre Engelsart an: „Bitte, bitte, bitte. Du musst mitkommen. Das wird sicher lustig! Ich kann doch nicht alleine gehen.“
Alleine gehen konnte sie wirklich nicht. Darum schaltete sich Eliza ein und befahl es ihm: „Tobi, du gehst mit und passt auf sie auf, basta!“
Er stöhnte und verdrehte die Augen.
Eliza verließ das Zimmer.
„Das ist doch echt scheiße“, seufzte er. Er wollte unter keinen Umständen mit ihr alleine sein. Wer wusste schon, auf was für Ideen sie käme?! Er sah sich schon auf der Straße sitzen. Tobi konnte erahnen, warum sie nachts nicht alleine rumlaufen sollte. Es war einfach zu unsicher für sie. Frauen wie Chloe sahen toll aus, machten aber Probleme.
Eliza machte ihm im Nachhinein deutlich, dass sie ständig von irgendwelchen Typen angegraben werden würde. Darum müsse er ihr Begleiter sein. „Aber …“, fügte sie an, „lass die Finger von ihr.“
Tobi grummelte, während er die Augen schloss.
Tobi und Chloe nahmen am Abend das Auto, um sich auf den Weg zu machen.
„Warum fahren wir nicht mit dem Zug?“, fragte Chloe unbedacht.
„Hast du mal gesehen, wie die Züge hier fahren? Da kommen wir niemals zurück.“
„Ach so, na gut“, erwiderte sie damenhaft und unbeschwert.
Ihre goldene Clutch hatte sie sorgsam auf ihre aneinander gelehnten Oberschenkel gelegt. Ihre zarten Hände mit dunkelrotem Nagellack lagen entspannt gefaltet darüber. Sie sah sehr elegant aus. Chloe hatte ein Händchen für das perfekte Kostüm. Während der Fahrt blickte sie unschuldig und ungetrübt aus dem Autofenster der Beifahrertür. Manchmal schielte er zu ihr rüber. „Ich weiß, dass du mich beobachtest“, dachte sie, aber sie sagte keinen Ton. Weniger ist mehr, war eine ihre Devisen.
Im Club angekommen, ließ Chloe sich von Tobi einen Wodka-Energy mit viel Eis bestellen. Sie ließ sich die Drinks ausgeben, immer. Einer fand sich immer. Tobi bekam eine Cola. Wie gerne hätte er die Getränke getauscht. Ihm war heute wirklich nicht nach Feiern zumute. Liv-Marie hatte ihm geschrieben. Aber an diesem Abend wollte er einfach nur alleine ins Bett. Er wollte Ruhe.
Jetzt stand er schon mal an der Bar. Kam mit Leuten ins Gespräch und porträtierte ein paar ihm interessant erscheinende Partypeople. Dabei durfte er nur Chloe nicht aus den Augen verlieren. Chloe tanzte und genoss es im Mittelpunkt zu stehen. Jeder Mann und jede Frau nahm sie in Augenschein. Ein Typ, der Tobi schon länger aufgefallen war, wurde immer zudringlicher. Chloe fühlte sich in seiner Gegenwart immer unwohler, und so machte sie ihm durch eine angeekelte Geste deutlich, dass er verschwinden solle. Tobi nahm das ganze Spektakel nur aus dem Augenwinkel wahr, weil er seinen Blick dem Barkeeper zuwandte, um zu bezahlen.
„Hau ab!“, brachte Chloe dem hübschen, aber sehr betrunkenen, jungen Mann entgegen, der an ihr klebte wie eine Klette.
„Komm schon Süße“, er begrapschte ihren Hintern.
Tobi war entsetzt. Hatte er sich gerade verguckt? „Ist er ihr wirklich an die Wäsche gegangen?“ Schon einen Augenblick später gab Chloe dem Perversling eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Tobi machte sich auf den Weg zu den beiden, kam aber nicht so schnell durch das Gedränge der tanzenden Menschenmasse. „Gleich haut er ihr eine rein“, dachte er. Die Gemüter waren erhitzt, doch nicht von der Leidenschaft zweier Menschen füreinander. Es stand eine gewaltige Aggression zwischen Chloe und dem Fremden; die Situation drohte zu entgleisen. Der Typ wurde grob und packte Chloe fest am Unterarm. Sie machte ein schmerzerfülltes Gesicht. Sie wollte sich losreißen. Er beleidigte sie in irgendeiner Sprache. Endlich war er angekommen. Chloe zur Seite drängend, wollte Tobi dem Angreifer gerade ins Gesicht sehen, als … Ihm wurde schwarz vor Augen. „Was für ein Schmerz“, dachte er. Reflexartig zog er seine rechte Hand zur Nase. Sie blutete.
Der Typ hatte zuerst zugeschlagen. Mitten ins Gesicht. Auf seine Nase. Das warme, dickflüssige Blut schoss in einem kaum vorstellbaren Schwall über seine Hand, auf den Mund, runter übers Kinn, bis auf die Kleidung. Sein weißes T-Shirt war ruiniert. Tobi kochte. Er packte ihn und schlug ihm ebenfalls ins Gesicht. „Ein Veilchen steht dir sicher gut, Arschloch!“, beschimpfte er ihn erregt vor Zorn.
Einige mutige Personen zogen die sich schlagenden Männer auseinander. Kurz darauf kamen die Securitys. Sofort stellte Chloe die Situation richtig. Sie schilderte das Geschehen glaubhaft von A–Z. Dazu ein unschuldiger Blick. Und schon hatte die Schöne es so arrangiert, dass das Biest Hausverbot bekam.
Tobi war unterdessen auf der Herrentoilette und versorgte seine Nase, die nicht aufhören wollte zu bluten. „Du siehst echt scheiße aus! PUHH!“ Er stöhnte. „Was wird Eliza dazu sagen …?“
Chloe klopfte an die Tür der Herrentoilette. Sie öffnete sie einen Spalt. „Gehen wir Tobi?!“, forderte sie ihn leise auf.
Sie gingen zum Parkhaus ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Am Auto angekommen, bestand sie darauf, selber zu fahren: „Du setzt dich auf den Beifahrersitz. So kannst du nicht fahren. Du musst dafür sorgen, dass es aufhört zu bluten. Diese Flecken bekommt meine Schwester nie mehr aus den Polstern.“
Widerwillig folgte er ihren Anweisungen. Mit seinem Kopf lehnte er an der kühlen Scheibe. Er drückte sich immer noch das harte beigeweiße, stinkende Papiertuch auf die Nase, mit dem man sich – normalerweise – die Hände abtrocknete. Er schloss die Augen und döste. Seine schwarzen Locken hingen zerzaust in seinem blutverschmierten Gesicht, denn ganz sauber hatte er es nicht bekommen. Er hatte Schmerzen. Starke Schmerzen.
Chloe warf während der Fahrt einen kurzen Blick zu ihm rüber und stellte fest: „Wenigstens ist deine Kamera nicht beschädigt worden!“
„Was?“, hörte er nicht richtig? Er blickte sie entsetzt an. Sie war so unglaublich materialistisch.
„Meine Nase ist sicher gebrochen. Ich habe meine Nase für deine gegeben. – So eine Nase ist auch Materie und hat einen kapitalen Wert. Wärst du an meiner Stelle, würdest du nur heulen.“ Kaum ausgesprochen, blinzelte er mit den Augen und sah in die andere Richtung. Er war sauer. Natürlich war er froh, dass seine Kamera keinen Schaden genommen hatte, doch die Art und Weise, wie Chloe das in den Raum warf, war eine menschliche Katastrophe. Genau wie ihr Fahrstil, von dem ihm schlecht wurde.
Während Chloe und Tobi ausgegangen waren, machten Eliza und Christian es sich auf der Couch bequem.
