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Corona hat die Welt in jeder Hinsicht verändert. Neue Begriffe prägen den Alltag, neue Helden die Medien, neue Regeln das Verhalten. Wie soll man da noch den Überblick behalten? In diesen Zeiten braucht es einen Wegweiser, der nicht nur alle Veränderungen würdigt, sondern diese auch für die sogenannte Neue Normalität analysiert. Genau das leistet Markus Gerhard mit diesem ebenso unterhaltsamen wie informativen ABC. Von A wie Ausgangssperre bis Z wie Zweiwegmaske wirft er einen ungeschönten Blick auf die denkwürdigsten Momente der Pandemie und auf das, was uns noch erwartet. Außerdem stellt er – mal bissig, mal humorig – die wichtigsten Benimmregeln in Zeiten von Abstand und Varianten vor und beantwortet die Fragen, die uns alle umtreiben: Was war, was bleibt, was wird?
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2021
Markus Gerhard
Markus Gerhard
Was uns imNew Normalerwartet
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Für Fragen und Anregungen
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Originalausgabe
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
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80799 München
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Redaktion: Caroline Metzger
Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt
Coverillustration: Hans Winkler
Umschlagabbildung: shutterstock.com/Peter Hermes Furian
Abbildungen im Innenteil: shutterstock.com/tam-arum, Tobias Prießner
Layout und Satz: Tobias Prießner
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-1918-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1643-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1644-5
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Vorwort
AHA!
Anti-Mask-League
Astra
Außengastronomie
Balcanto
BH
Blockwart
Brille
Bundesdeckel
Bundestrainer
Candy Crush
Click and Collect
Contact Tracing
Corona
Corona-Warn-App
Delta
Desinfektionsspender
Dildo
Drehen
Drogerie
Ebay-Kleinanzeigen
Einkaufswagen
Fax
Freeze
Frodeno
Fußpetting
Geisterspiele
Generation
Glühwein
Good Morning America
Großraumbüro
Gründonnerstag
Halbleiter
Hamstern
Happy Birthday
Haushalt
Haushaltsüblich
Hoffmanns-Kurve
Homeoffice
Homeschooling
Hopkins
Host
Hotspot
Hula-Hoop
Hupen
Hybrid
Hygienekonzept
Impfneid
Impfpass
Inzerdings
Inzidenz
Jogginghose
Klatschen
Kreuzfahrt
Kugelschreiber
Lage
Lesezirkel
Let Me Entertain You
Lockdown
Mehl
Messe
MPK-PK
Mülleimer
Mütendsein
Nerz
Netflix
Notbremse
Onlineparty
Orgie
Papiertüte
Pendlerstunden
Pizza
Podcast
Polymerase
Pornhub
Positiv
Priogruppe
Puzzle
Quarantänehotel
Querlüften
Räuchermännchen
Rudergerät
Schaufenster
Sixpack
Smalltalk
Social Distancing
Strickliesel
Tenet
Tindern
To go
Toilettenpapier
Tonoption
Toobin
Tupperware-Party
Typhoid Mary
Überbrückungshilfe
Veganismus
Vektor-basierter Impfstoff
Vermummungsverbot
Visier
Vitamin D3
Vollgenesene Halbgeimpfte
Webasto
Welle
Welpenboom
Westminster Abtei
Winke, winke
Winterhude
Wochenendlücke
Wohnmobil
Wohnzimmerkonzert
Womit?
Zahlen
Zustimmung
Zweiwegmaske
Das Einmaleins des guten Benehmens im New Normal
Über den Autor
Hoffentlich wird es nicht so schlimm,wie es schon ist.
Karl Valentin
Als im März 2020 für einige wenige Wochen der erste Lockdown seiner Art auf das Volk niederkam, war dieses bereit, die scheinbar schwere Bürde von kurzfristigem Verzicht auf den Besuch der Einkaufsmeilen, das Verbringen der Abendstunden in Bars oder Restaurants und die Präsenz in den Büros auf sich zu nehmen. Es schien eine überschaubare Aufgabe zu sein, die man durch eine gemeinsame solidarische Anstrengung schnell werde lösen können. Wer ahnte denn schon (außer Dr. Christian Drosten natürlich, der auch deshalb gleich mehrfach in diesem Buch gewürdigt wird), dass Lockdowns aller Arten und Längen, Wellen auf Wellen, Mutanten gar, Inzidenzen und R-Werte den Alltag aller über Monate bestimmen würden?
Nun aber ist klar: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Die dritte Impfung wird diskutiert in einem Moment, in dem viele nicht einmal die erste in sich haben, die Notbremse ist ein Gesetz, das nicht täglich neu formuliert werden wird, die Gesellschaft ist gespalten, heißt es, sämtliche Spargroschen wurden aufgelöst, auch und gerade die des Staats, das Büro, über Jahrzehnte der geliebte Ort des Schreckens, wird abgelöst vom Homeoffice: Weniger Aufwand, es zu erreichen, der Schrecken aber bleibt.
Das Leben ist gefährlich, das ist nun allen klar. Dazu braucht es gar keine Aufenthalte in »Risikogebieten«, wir sind überall von Viren, Aerosolen, Bakterien umgeben, die im Zweifel nichts Gutes mit uns vorhaben. Und doch gilt es sich in der nachpandemischen Zeit, die das New Normal genannt wird, dem Virus mutig entgegenzustellen!
In dieser Handreichung werden die wesentlichen Änderungen in bewährter alphabetischer Reihenfolge präsentiert, außerdem finden sich nützliche Listen im Vorher-Nachher-Modus. Schließlich rundet eine Übersicht über die neuen Benimmregeln, die das Virus uns abverlangt, die Gesamtschau ab.
Der Autor hofft, den Lesenden bei komplexen Fragstellungen Hilfreiches zur Verfügung gestellt zu haben und durch die Lektüre in dunklen Momenten die Seele zum Leuchten zu bringen.
Eine Formel, mit der man die Pandemie-Regeln erläutern wollte. Doch kaum jemand weiß die drei Buchstaben zu deuten. Also zuerst zum Ersten:
A wie Abstand. Gemeint ist nicht der völlig überhöhte Betrag (der auch Ablöse genannt wird), den man dem Vormieter für seine Billy-Regale zahlen muss, weil der behauptet, sie seien von einem Top-Schreiner speziell in genau diese Wohnung gezimmert worden, aus massivem Ahornholz, versteht sich. Nein, gemeint ist der Abstand, den Einzelne zu anderen haben sollten.
Aber was ist der richtige Abstand? Ein Meter? Oder ist das zu wenig? Eins fünfzig, darauf schien man sich dann geeinigt zu haben. Aber plötzlich wurden es zwei Meter, die den bösartigen Teilchen in der Luft den Weg zum nächsten Opfer deutlich erschweren sollten. In Ladengeschäften wurde sowieso der Quadratmeter, nicht der Zentimeter zum entscheidenden Abstandshalter. Aber auch in dem Fall wurden mal fünf, dann zehn, ja sogar 20 Quadratmeter pro Kunde vorgeschlagen. In Aufzügen ist eigentlich alles außer einem Einzelreisenden abstandslos, und doch finden sich auch dort unterschiedlichste Regeln.
Abstand ist aber nicht abstrakt, er ist konkret. Wer mehr wissen will, schaut also im Netz nach. Oder fragt er seinen abstandhaltenden Nebenmann? Oder hat er einen Zollstock in der Tasche und nimmt Maß? Zumindest im Einzelhandel oder in Amtsgebäuden findet man hilfreiche Abstandsmarkierungen. An die sich auch einige halten. Also, einige wenige. Es bleibt: Abstand halten, irgendwie, ist besser als keiner. Aha!
H steht natürlich für die Hände, hört man. Hände schütteln? Nein, Hände waschen natürlich. Oder noch besser Hände desinfizieren? Hände sauber halten auf jeden Fall.
Wer bis hierhin ohne Einwand mitgelesen hat, zeigt, dass er das H eh falsch verstanden hat. Denn in Wirklichkeit steht es für: Hygieneregeln beachten. Alle, die das wussten, kriegen eine Eins! Was aber sind denn eigentlich diese Hygieneregeln?
Die wichtigste: immer schön die Hände waschen. Im Ernst! Und nicht in die Hände niesen. Es geht also beim H doch um die Hände, aber Hygieneregeln, dafür steht es eigentlich. Also zugegeben, das Missverständnis beim H führt dennoch zu den richtigen Schlüssen.
Zum letzten A. Die, die sich eben eine Eins geholt haben, können die das spontan beantworten? A steht für … na?
Es steht für einen Begriff, den wirklich überhaupt keiner benutzt: Alltagsmaske. Was soll das sein? Gibt es möglicherweise analog dazu auch eine Sonntagsmaske, eine Festtagsmaske, die sich in Form und Farbe von der Alltagsmaske unterscheidet? Die Alltagsmaske ist eine echte Worterfindung, die es niemals in den Kanon der deutschen Sprache schaffen wird. Zumal man sich bei der Bezeichnung ohnehin nicht einig ist: Die Durchsagen in der Bahn nennen sie »Mund-Nase-Bedeckung« (im Alltag oder immer?), Ladeninhaber schreiben einfach »Maske«, und wenn es darauf ankommt, sprechen alle von der »chirurgischen oder FFP2-Maske«. Der Begriff »Alltagsmaske« wird also nie benutzt. Außer in der AHA-Regel.
Dann erkannte man, dass diese drei Buchstaben nicht ausreichten und ergänzte ein L: AHA+L. AHAL wollte man vermeiden und empfand wohl das + als irgendwie eleganter. Immerhin, die Bedeutung war jedem klar, auch schon vor der Formel: Lüften sollte man.
AHA+L reichte den Verantwortlichen bald aber auch nicht mehr. Die App wurde eingeführt. Und die sei von allen zu benutzen, hieß es. Also musste man die AHA+L-Formel noch einmal erweitern. Bloß wie?
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fackelte nicht lange und nahm das (durchaus naheliegende) A (für App) dazu. Das wurde nun der Addition ebenfalls beigefügt, die einfache Formel für den Hausgebrauch hieß jetzt also: AHA+L+A. Ein Zungenbrecher, zumal keine Informationen existieren, ob das + mit ausgesprochen werden muss.
Aber man stelle sich eine Demonstration vor, gegen das Virus, oder gegen die Maßnahmen gegen das Virus, oder gegen die Maßnahmen gegen die Maßnahmen gegen das Virus. Und dann stellt sich die Polizeibrigade in den Weg, holt ihre Ordnungswidrigkeits-Zettelchen hervor und sagt: »Sie haben sich nicht an die Aha-a-und-el-und-a-Regel gehalten. Kostet 50 Euro!«
Jeder Anwalt würde einen da aber eh rausholen können. Denn: Im Beschluss von Bund und Ländern entschied man gegen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Man wollte nicht das A für App, sondern das C für Corona-Warn-App. Also ein geschmeidiges AHA+L+C. Mit dieser wohlklingenden Formel wollte man das Volk in schneller und einprägsamer Art an all das erinnern, was sich im Verhalten während der Pandemie ändern muss. Schnell und nicht ganz deutlich ausgesprochen klingt diese Buchstabenreihe ohnehin wie »Alk«. Und den braucht man auch, wenn man sich dieses Durcheinander anschaut.
Die Wiener haben sich‘s da einfacher gemacht. Dort lautet die Formel OIDA: Obstond hoitn, Immer d‘Händ‘ woschn, Daham bleiben und A Maskn aufsetzn. Auf L und C verzichten sie, aber eingängig ist OIDA in jedem Fall.
Man sieht also schon beim ersten Eintrag im Abc: Es scheint schwierig zu sein, eine Pandemie auf eine einfache Formel zu bringen. Diese jedenfalls ist alles andere als das.
Schon immer gibt es auch trotz vorhandenem gesundem Menschenverstand, klarsten wissenschaftlichen Erkenntnissen und erkennbaren Erfolgen einzelner Maßnahmen Bewegungen, die sich dagegenstellen und in späteren Zeiten als Beispiel dienen für irrationalen Widerstand gegen die Vernunft.
Schon 1919, als viele Millionen Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer fielen, gab es beispielsweise eine solche Gruppierung im Westen der USA. Die Mitglieder der Anti-Mask-League waren davon überzeugt, dass Masken keinen Nutzen hätten, um die Übertragung von Viren zu stoppen. Außerdem fühlten sie sich in ihren Rechten als freie Bürger beschnitten. Sie protestierten gegen die Regierung, hier insbesondere gegen den Bürgermeister und die Chefs der Gesundheitsbehörden. Schließlich wurde die Maskenpflicht wieder aufgehoben, obwohl spätere Untersuchungen deutlich machten, dass der Einsatz der Masken trotz unbefriedigender Qualität der Stoffe sehr wohl die Verbreitung der Grippe verlangsamt hatte.
Im New Normal wird man Anti-Bewegungen aller Art rückblickend ebenfalls so oder ähnlich einzusortieren haben.
Eine astraine Biermarke aus Hamburg. Inwieweit die Wirkstoffe einer Dose Astra und einer Dose AstraZeneca vergleichbare Schutzqualität entwickeln, bleibt den Ergebnissen der Forschung überlassen. Angeblich laufen parallel Untersuchungen beim RKI und beim IMB (Institute of Masters of Beer). Man darf gespannt sein.
Im New Normal wird man sich so oder so wieder mehr mit dem Original Astra beschäftigen, insbesondere, weil im Millerntor-Stadion wieder vor Fans gespielt wird.
Der Biergarten, die Terrasse, der Gastgarten, der Innenhof: Seit jeher war es in vielen Restaurants möglich, sich auch außerhalb des jeweiligen Gebäudes zu setzen und das Mahl dort zu sich zu nehmen.
Seit der Pandemie weiß man, dass diese Bereiche Außengastronomie genannt werden. Die Ungefährlichkeit der Außengastronomie wurde betont, selbst die allerbesten Hygienekonzepte in den Innenräumen hatten da keine Chance. Sehr gerne vermieden Restaurants auch, ihre Plätze draußen zu reservieren. Das hat sich zum Glück großenteils geändert.
Auch geändert hat sich während der Pandemie der Brauch, sich als neuer potenzieller Gast ohne Reservierung wild entschlossen in den Gastraum zu begeben, jeden Tisch und die an ihm sitzenden Gäste zu scannen, um wahrscheinlich in Kürze schon frei werdende Plätze zu erspähen und sie durch symbolträchtiges Danebenstellen sozusagen für sich zu reklamieren. Diese unwürdige und die sitzenden Gäste stressende Vorgehensweise ist nun nicht mehr erlaubt. Es ist ausdrücklich zu wünschen, dass das so bleibt und wartende Gäste ohne Reservierung erst dann zu einem Tisch geleitet werden, wenn dieser für sie zur Verfügung steht.
Gerade in Zeiten von Vereinsamung, Versammlungsunfreiheit und Ausgangsbeschränkungen aller Art ist die zur Wohnung, zum Haus gehörige Freifläche in Form einer Terrasse, eines Gartens gar oder zumindest eines Balkons von erheblicher Bedeutung. Nur diese ermöglichte dem zu Hause Bleibenden ein kleines Momentchen frischer Luft und das Gefühl, nicht ganztags eingesperrt zu sein. Alle außerhalb der eigenen vier Wände denkbaren Aktivitäten wurden natürlich auch dahin verlagert: kochen, grillen, ausruhen, Liebe machen, lesen, Musik hören – und eben auch singen.
In der allersten pandemischen Phase waren es insbesondere die Italiener, die das Singen, vor allem das gemeinsame Singen, zu besonderer Perfektion brachten. Allabendlich versammelten sich in vielen Städten zu abgesprochenem Zeitpunkt die Menschen auf ihren jeweiligen Balkonen und hoben an, Azzuro von Adriano Celentano, Nel Blu Dipinto Di Blu von Domenico Modugno oder auch die Nationalhymne anzustimmen.
Balcanto nannte man das, eine gelungene Worterfindung, die das schöne Singen vom Balkon beschreibt, ergreifend, hoffnungsvoll, schön. Aber leider sehr schnell auch wieder, ähnlich dem Klatschen, verschwunden aus der pandemischen Welt. Aber im New Normal sollte man sich freudvoll daran erinnern und die Tradition wieder aufnehmen. Hymnen gibt es reichlich: Rock Me Amadeus in Salzburg, Blaue Augen in Berlin, Verdamp Lang Her in Köln, Everybody in Bern. Egal, lasst uns singen!
Die Bild der Frau titelte: »Ohne BH im Homeoffice? Das passiert mit Brust und Rücken!« Auch die FAZ ließ sich nicht lange bitten: »Oben ohne ins Büro«, so schrieb man dort. Und der Focus beobachtete ängstlich: »BH-Boykott – Warum immer mehr Frauen dazu aufrufen!«. Ist der Büstenhalter die Krawatte der Frauenwelt? Der Schlips jedenfalls hat seine Bedeutung vollständig verloren, Seriosität durch Krawatte funktioniert vielleicht noch bei Provinz-Sparkassen und den Fox-News-Vorlesern. Ansonsten aber ist dieses Relikt vergangener Epochen kaum noch zu sehen.
Doch ist das wirklich vergleichbar? Auch wenn Eddie Constantine in den 1950ern zu sagen pflegte, dass der BH das halten solle, was der Pullover verspreche, bleibt, neben ästhetischen Fragen, die hier nicht zu erörtern sind, vor allem der gesundheitliche Aspekt, der den BH von der Krawatte unterscheidet. Der feministische Diskurs zumindest, der teilweise im Verbrennen der BHs mündete, ist über diese Frage hinweggegangen (auch wenn es zumindest ein wenig ironisch anmutet, dass der BH-Hersteller Ulla eines seiner Modelle »BH mit Bügel Alice Schwarz« nennt). Victoria Sheldon jedenfalls, ihres Zeichens Bekleidungstechnologin, weist in der Daily Mail auf die große Bedeutung der im weiblichen Körper befindlichen Cooper-Bänder hin, die für die Stabilität des Bindegewebes zuständig sind und ohne BH in ihrer Wirkung erheblich benachteiligt werden.
Martha Lucia Micher, die 66-jährige mexikanische Senatorin, brachte das Thema auf noch eindeutigere Art in die Gazetten: Das Zoom-Meeting hatte aus ihrer Sicht wohl noch nicht begonnen, sie trug keinen BH – aber auch sonst kein Oberteil. Ein Screenshot wurde geleakt, sie entschuldigte sich für den kleinen Fauxpas, sagte aber, sie schäme sich nicht für ihren Körper und fände überhaupt das alles nicht so schlimm. Eben.
Da ist er wieder, der Aufpasser, der Regulierer, der, der meldet und für Ruhe, Ordnung und, das ist neu, für Gesundheit sorgt. Der unangenehmste aller Typen zeigt wieder sein Gesicht und sieht sich damit auf der richtigen und sicher auch rechten Seite. Er ist im Grunde immer da und genießt die Momente, in denen er sich selbst für wichtig hält: Oma und Opa gemeinsam bei den Enkeln? Meldung! Zu dritt auf der Parkbank sitzen und reden? Meldung! Ein Glas Wein zu viert am Strandkorb? Meldung! 25 Sekunden nach Ausgangssperre noch draußen unterwegs? Meldung!
Der Blockwart achtet also ganz genau auf die Einhaltung aller Gesetze, Regelungen und auch Empfehlungen. Er ist genauer als jeder Mathematiker, korrekter als jeder Architekt, bestrafungsgieriger als jede Politesse, neugieriger als ein Privatdetektiv und ein purer Besserwisser und Rechthaber. Sogar bei seinen virtuellen Stammtischrunden langweilt er durch die Gleichförmigkeit seiner Thesen und Beschimpfungen.
Blockwarte werden auch Corona-Denunzianten genannt, was das Coronavirus geradezu beleidigt und außerdem inhaltlich verkehrt ist, wird doch nicht das Virus denunziert, sondern die, die es angeblich nicht genau genug nehmen mit dem Regelwerk. Tausende von Anzeigen hat es gegeben, die Blockwarte feiern sich als Lebensretter, die Angezeigten fühlen sich an ungute Zeiten erinnert. Denn Petzen mochte schon in der Schule keiner. Petzen sind immer unsympathisch, selbst wenn sie auf etwas tatsächlich Fragwürdiges hinweisen. Petzen sollten sich mit dem Rücken zur Gruppe in die Ecke stellen! Das hätte auch den Vorteil, dass sie keine Übersicht mehr haben über ihren Block.
In der Regensburger Regionalpresse wurde zur Überwachung eines Wohnviertels tatsächlich ein »Blockwart« gesucht. Das Wort hält also wieder Einzug in die Sprache und könnte auch im New Normal wieder eine Rolle spielen. Da kann es nicht überraschen, dass die englische Übersetzung gleich an den Ungeist erinnert, den es zu vermeiden gilt: block leader heißt es dort nämlich. Darum: Die Aufgabe, erst recht aber die Mentalität sollte im New Normal einer gewissen Gelassenheit weichen.
Maske und Brille, das ist eine gemeine, geradezu bösartige Kombination. Die Maske, egal welche, sitzt nie wirklich gut, geschweige denn aerosolsicher. Gummibänder und Brillengestell verhaken sich allzu gerne ineinander und sind dann kaum wieder auseinanderzubringen. Am schlimmsten sind die Momente beim Wechsel von Outdoor zu Indoor, denn dann beschlägt die Brille sofort, der eigene Atem sorgt dafür. Der erste Instinkt ist die Brille abzusetzen, zu putzen und wieder aufzusetzen, das nützt aber nur wenige Sekunden etwas. Denn dann … beschlägt sie sofort wieder. Der nächste Versuch ist es, die Maske unauffällig kurz abzunehmen, um die Nebel zu lichten. Gelingt möglicherweise auch, aber sobald die Maske wieder einigermaßen richtig sitzt, beginnt das Drama von vorn. Abgesehen davon, dass das schlechte Gewissen über die verbotene und gefährliche Tat nagt.
1969 flog der Mensch zum Mond. Weshalb er es bis heute nicht geschafft hat, beschlagfreie Gläser zu entwickeln, ist ein Rätsel. Die Forschung im New Normal sollte sich unbedingt darum kümmern.
»Herr Wirt, noch drei Helle, schreib mal auf meinen Deckel!«
Dieser Klassiker unter den Kneipenbestellungen verlor in den letzten Jahren wegen der elektronischen Bestellerfassung von bierhaltigen Getränken immer mehr an Relevanz. So waren es vor allem noch Kochtopf- und Gullydeckel, die als Deckel im Sprachgebrauch überlebten. Dann aber kam die Pandemie und der Bundesdeckel.
Der Bundesdeckel hat inmitten all der vielen Wortschöpfungen der Jahre 2020/21 ausnahmsweise nichts mit dem Virus zu tun, ist aber so außerordentlich schön, dass man ihn nicht unerwähnt lassen sollte. Nachdem das Bundesverfassungsgericht festgestellt hatte, dass ein lokaler Mietendeckel wie in Berlin nicht rechtens ist und nur die Bundesregierung selbst Deckelungen dieser Art vornehmen darf, wurde er gleich gefordert, der Bundesdeckel. Nur ein Buchstabe muss geändert werden, um an Waldi, den Bundesdackel zu erinnern, der ja Maskottchen der Olympischen Spiele 1972 in München war.
Aber an dieser Stelle soll der Bundesdeckel nur Anlass sein, einige der Neologismen zu würdigen, die die Pandemie beziehungsweise die Auseinandersetzung mit derselben hervorgebracht hat und die, möglicherweise ähnlich wie Waldi, im New Normal einfach wieder verschwinden sollten:
Abstrichkabine
Behelfsmundschutz
Coronisierung
Distanzbesuch
Maskenpickel
Lockdownspeck
Wenn es um Fußball geht, in persönlichen Gesprächen, im Netz, dann hat jeder eine klare Meinung, die, da ist man sich sicher, immer kompetent, auf Erfahrung basierend und durch Fakten belegbar ist. Darum heißt es zu Recht: In Deutschland gibt es 80 Millionen Bundestrainer.
Sogar das hat sich aber durch die Pandemie vollständig verändert. (Nicht, dass es nicht immer noch 80 Millionen Bundestrainer gäbe. Und im New Normal wird es auch noch Bundestrainerwechsel in der Realität geben, die das Trainerleben aller anderen definitiv verändern werden) Denn die 80 Millionen Trainer sind im Jahr 2020 gleichzeitig auch allesamt Virusforscher geworden. 80 Millionen Virologen hat das Land nun. Und natürlich sind alle kompetent, erfahren und faktenorientiert. Eine schnelle Ausbildung durch Drosten, Weiler und Lauterbach, und schon bauten sich die Kompetenzzentren auf (weit schneller als die Impfzentren, aber dazu an anderer Stelle mehr). Zahlen, Schutzmaßnahmen, Wirkungen, Zusammenhänge: 80 Millionen Virologen, das hätte einen Robert Koch sicher sehr gefreut.
Doch damit nicht genug. 2021 entwickelten sich neue Wissensgebiete. Die Frage »Wie geht es weiter?« wird gestellt und im Nu hat das Land 80 Millionen Zukunftsforscher. Damit hatte der führende Zukunftsforscher dieser Nation, Matthias Horx, nicht gerechnet. Folgerichtig warnte er nun laut vor lauter Fehlprognosen. Aber was kümmert das die 80 Millionen? – Gar nicht.
Immerhin, die Meinungen gehen genauso auseinander wie beim Fußball. Die Trainer fragen: Ist 4:3:3:1 besser als die berühmte schottische Furche 1:2:3:5? Die Virologen diskutieren: Ist eine Tages-Regional-Inzidenz von 57,3 bedrohlicher als ein Sieben-Tage-Wert von 29,8 im Nachbarland? Und die Zukunftsforscher rätseln: Wie wirkt sich die Pandemie auf die Qualität der Fleischwaren in den Supermärkten aus?
