Hätte ich doch... - Doris Tropper - E-Book

Hätte ich doch... E-Book

Doris Tropper

4,6

  • Herausgeber: mvg
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Erinnerungen sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität, der jedoch einem permanenten Wandel unterworfen ist. So manches gewinnt mit der Zeit an Farbe und Kontur, während anderes verblasst oder ganz verschwindet. Dinge, die wir negativ abgespeichert haben, verlieren manchmal mit der Zeit ihren schlechten Beigeschmack, andere Erlebnisse hingegen werden in der Retrospektive verklärt. Teilweise können wir uns auch ganz genau an Erlebnisse, Fakten, Personen oder Geschichten erinnern, anderes aber haben wir komplett vergessen. Doris Tropper erklärt in ihrem Buch, wie Erinnerungen abgespeichert werden, was es wert ist, erinnert zu werden, und in welchem Zusammenhang Erinnern und Vergessen stehen. Sie erklärt außerdem, wie wir unsere ganz persönlichen Mindmaps entwerfen, um so bewusst zu steuern, was wir erinnern. Außerdem gibt sie eine konkrete Anleitung zur persönlichen Biografiearbeit, also wie wir unser Erinnerungsarchiv optimieren. Eine Vielzahl von Beispielen, Checklisten und Übungsaufgaben machen dieses Buch darüber hinaus zu einem wertvollen Ratgeber, wie man Erinnerungen sinnvoll bewahrt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 246

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,6 (58 Bewertungen)
41
9
8
0
0



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

2. Auflage 2013

© 2013 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Marion Appelt, Wiesbaden

Umschlagabbildung: Fotolia

Satz: Carsten Klein, München

ePub: Grafikstudio Foerster, Belgern

ISBN ePub 978-3-86415-327-3

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Zitat

Einleitung

Leben

LIEBEN

Lieben heißt aber auch, loslassen zu können.

Umgekehrt gilt dasselbe für das DANKEN.

LACHEN

Anleitung zum Lesen

Vom schnellen Leben und der Kunst des Verweilens

Eine Medizin gegen Zeitnot

Vom Schein zum Sein

Wo ist das Glück geblieben?

Vorbetrachtung

»Ich will nicht mehr leben!«

»Wo ist das Glück geblieben?«

Nachbetrachtung

Abschiedlich leben lernen!

Wunschkonzert der Geschenkideen

Hochschaubahn der Gefühle

Das Schicksal in die eigene Hand nehmen!

Vorbetrachtung

Nähe spürbar machen

Mutig sein und sich etwas zutrauen

Zu viele Jahre der Bevormundung und Abhängigkeit

Selbstvertrauen der letzten Stunden

Nachbetrachtung

Mémoires – Erinnerungen festhalten

Der Rückzug ins Schneckenhaus bei Alzheimer im Alter

Wie können wir unsere Erinnerungen »konservieren«?

Vorbetrachtung

Wann fängt Sterben an?

Alzheimerpatient Alois und seine hungrigen Hühner

Gespräche gegen Einsamkeit und die Schatten der Vergangenheit

Nachbetrachtung

Wenn die Jahreszeiten mit ihren Düften und Farben zu uns sprechen

Die langen Schatten des Krieges

Alle Geheimnisse kommen irgendwann ans Tageslicht

Vorbetrachtung

Frau Anna und ihre große schwarze Handtasche

Die (wieder)gefundene Tochter

»Warum bin ich nicht nach Amerika ausgewandert?«

Nachbetrachtung

Ein kleiner Baum braucht gute Bedingungen für seine Entwicklung

Schlank bis in den Tod

Der Hilferuf nach Liebe und Geborgenheit

Vorbetrachtung

Zu dick oder zu dünn?

»Ich war kein Lieblingskind!«

Unterwegs auf den Weltmeeren

Erste Liebe und erster Kuss

Nachbetrachtung

Ein Weg aus dem Labyrinth der Gefühle

Sterben ist wie die Reise in ein unbekanntes Land

Was alles noch möglich sein kann

Vorbetrachtung

Choreografie eines Lebens

Die erste Begegnung

Eine Kindheit in Enge

Auf der Suche nach der großen Freiheit

Schwierige Kindheit als Triebfeder

Nachbetrachtung

Das Leben hält immer wieder neue Überraschungen bereit

Wenn sterbende Kinder uns lehren zu leben

Die kleinen Kostbarkeiten sehen und sich daran erfreuen

Vorbetrachtung

Ein Stern, der viel zu früh verglüht ist

Ein Auge für die kleinen Freuden des Lebens

Wenn Schmetterlinge flattern, Seifenblasen zerplatzen und Löwenzahnschirmchen fliegen

Nachbetrachtung

Zehn Gebote, um heil durch den Alltag zu kommen

Resümee

Literaturhinweise

Heute noch

Heute noch miteinander reden.

Zurückgehen, das Gespräch von Neuem beginnen.

Morgen könnte einer von uns tot, stumm, blind, gelähmt sein.

Heute noch zurückgehen, noch einmal hören, sich überwinden, verzeihen, das Urteil über einen Menschen aufheben.

Heute noch, die Sonne wird über zwei Versöhnten untergehen.

Martin Gutl1

1Martin Gutl. Heute noch. © Karl Mittlinger. In: Texte, Meditationen, Gebete. Styria, 1983. Seite 92. Der sozial engagierte Priester und Buchautor Martin Gutl war Rektor des Grazer Bildungshauses Mariatrost. 52-jährig erlag er einem Gehirntumor.

Einleitung

Die Bereitschaft, sich auf sterbende Menschen einzulassen, sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst zu nehmen und ihnen bis zuletzt ein Leben in Geborgenheit zu ermöglichen, hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Elisabeth Kübler-Ross gilt als Pionierin der Sterbebegleitung und hat mit ihren legendären »Interviews« wesentlich dazu beigetragen zu verstehen, was Menschen in ihren letzten Lebensstunden benötigen, um in Würde und Gelassenheit Abschied nehmen und loslassen zu können. Die Hospiz-Bewegung, wie sie die englische Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders Anfang der 1960er-Jahre ins Leben rief, hat großen Zulauf. Viele Frauen wie Männer interessieren sich für die Sterbebegleitung und bringen oft auch eigene Erfahrungen, die sie mit nahen Angehörigen gemacht haben, ein. Gestorben wird daher heute nicht mehr anonym hinter verschlossenen Türen in Einrichtungen, sondern häufig dort, wo Menschen leben und zu Hause sind.

Der Wunsch, einem Schwerkranken oder Sterbenden noch möglichst viel Gutes zu tun, verstellt oft die Sicht auf das Wesentliche und verschleiert die Tatsache, dass uns Menschen auf dem letzten Streckenabschnitt ihres Lebensweges viel mehr zu sagen und uns sowie unserem Leben mitzugeben haben als umgekehrt. Sie haben die »Endstation« erreicht und können direkt und schonungslos auf ihr ungeschminkt zurückliegendes Leben blicken – manchmal mit Bitterkeit und Trauer, manchmal aber auch mit Humor und in Dankbarkeit.

An der hauchdünnen, fließenden Grenze zwischen Leben und Tod werden Lebenslügen entlarvt, unerfüllbare Wünsche geäußert, Situationen reflektiert, Begegnungen hinterfragt, Beziehungen bedauert, vieles, manchmal sogar alles infrage gestellt. »Wenn ich noch einmal leben könnte, dann würde ich so vieles anders machen!« Doch dafür ist es jetzt zu spät. BegleiterInnen wie Angehörige, die in diesem Augenblick genau zuhören, die bereit sind, das Beklagen des Scheiterns und dunkler Flecken in der Biografie des Sterbenden auszuhalten, lernen unendlich viel für sich selbst und ihr eigenes Leben. Dem scheidenden Menschen bleibt es versagt, aus den Fehlern der Vergangenheit und der eigenen Unzulänglichkeit zu lernen, weil es für ihn keine zweite Chance und kein Dacapo gibt. Was aber können wir daraus lernen? Welche Aussagen von Sterbenden haben mich nachhaltig beeinflusst oder dazu geführt, etwas in meinem Leben zu verändern?

Als Oliver Kuhn, einer der beiden Geschäftsführer des mvg Verlags, dies von mir wissen wollte, brauchte ich einige Zeit, um den Sinn hinter diesen Fragen zu verstehen. Spontan hatte ich aufgrund jahrelanger Arbeit in Hospizen und in Sozialeinrichtungen sowie unzähligen Aus- und Fortbildungen im Bereich Pflege, vor allem aber durch meinen Umgang mit Alzheimerkranken und ihren Familien nur eine Antwort darauf: »Ich habe gelernt zu leben!«

Wenn ich nun für dieses Buch sieben Begegnungen mit Sterbenden – vom zehnjährigen Kind bis zur 85-jährigen Frau – vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse, mir Situationen, Geschichten, Begegnungen und Gedanken in den Sinn kommen, dann stelle ich fest, dass ich unendlich viel von diesen Menschen gelernt habe. Sie waren alle an einen Punkt gelangt, an dem es kein Ausweichen oder Verdrängen mehr gibt, kein Vergleich zu allen vorherigen existenziellen Lebenskrisen. Deswegen handelt es sich bei den von ihnen geäußerten Wünschen auch um echte, authentische Herzensangelegenheiten. Das, was sie angesichts des endgültigen Abschieds durch den Tod nicht mehr tun können, ist wie ein Vermächtnis für uns Zurückbleibende, mitten im Leben Stehende. Wir können daraus lernen, die Notbremse zu ziehen und bewusster mit diesem einen Leben umzugehen, denn es könnte schon bald zu spät sein.

Was lehren uns also die Sterbenden?

LEBEN – LIEBEN – LACHEN.

LEBEN

»Ich wünschte, ich hätte den Alltagstrott öfter durchbrochen!«

Das kann auf unser Leben übertragen bedeuten, einmal etwas Verrücktes ganz ohne schlechtes Gewissen zu machen, etwas, das guttut und vielleicht schon längst überfällig ist: die Gänseblümchen auf der Parkwiese zählen oder große und kleine Seifenblasen in die Luft pusten und ihre schillernde Zartheit bewundern. Oder vielleicht eine Stunde lang ohne Handy und Laptop unterwegs sein, sich selbst und seine Umgebung wahrnehmen, achtsam hinhören auf die Geräusche des Alltags und spüren, wie man mit beiden Beinen im Leben steht. Oder aber sich auf ein Kinderkarussell setzen, das sich dreht, sich den Wind um die Ohren pfeifen lassen und einfach nur glücklich sein.

»Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Zeit mit meiner Arbeit und meiner Karriere vergeudet!«

Auch einmal Nein sagen können, wenn einem alles über den Kopf wächst und zu viel wird. Sich Zeit nehmen für die wesentlichen Dinge im Leben und überlegen, was tatsächlich wichtig ist.

Nachspüren, ob der Beruf tatsächlich Berufung oder lediglich ein Job zum Geldverdienen ist. Geldscheffeln allein macht nicht glücklich.

Was aber macht mich glücklich?

Was bedeutet Glück für mich?

Manchmal muss man auch sehr mutig sein und sich den eigenen Ängsten stellen, um Veränderungen herbeizuführen und Neuorientierung zu ermöglichen.

Das geht nicht immer ohne schmerzhafte Trennungen und Abschiede, aber es lohnt sich, den ersten Schritt zu machen. Das hat schon Hermann Hesse in seinem Gedicht Stufen erkannt, in dem er an die Bereitschaft zu Abschied und Neubeginn appelliert und uns sachte darauf hinweist, dass jedem Anfang ein ganz besonderer Zauber innewohnt, der uns hilft zu leben und uns gleichzeitig auch beschützt.

»Wo sind meine Träume hingekommen?«

Wer die Fantasie in einen Käfig sperrt, erlebt im Kopf keine tollen Abenteuer. Wunsch- und Tagträume sind wichtig, da sie helfen, zum einen das Unterbewusstsein zu reinigen und zum anderen die Hoffnungen lebendig zu halten. Die Wege zu neuen Lebenszielen gleichen einem Labyrinth, sie sind niemals gerade, sondern weisen viele Kurven und Steigungen, versteckte Stolpersteine und Gabelungen auf. Das macht das Leben so bunt und spannend, vorausgesetzt, man sieht nicht ausschließlich nur die Belastungen und Anstrengungen. Und:

Freiräume schafft man sich einfach!

»Mein Leben hat doch einen Sinn gehabt!«

Jedes Leben, und sei es auch noch so kurz, hat einen Sinn und eine Bedeutung. In Stunden auswegloser Verzweiflung und der Angst stellen sich sterbende Menschen immer wieder die Sinnfrage. Der Sinn im Leben kann nicht von außen verordnet werden, sondern muss von sich selbst, aus dem Inneren eines Menschen kommen.

Unser Leben macht Sinn und es hat eine Bedeutung – selbst dann, wenn wir uns noch so klein und bedeutungslos fühlen. Auf der Suche nach dem Sinn im eigenen Leben müssen wir bereit sein, uns von alten Klischees zu verabschieden und uns neuen Herausforderungen zu stellen, Tag für Tag, Stunde für Stunde.

LIEBEN

»Ich hätte ihr viel öfter sagen müssen, wie sehr ich sie liebe!«

Liebe und Zuneigung zu zeigen fällt vielen Menschen schwer, ebenso wie geheime Wünsche und Gedanken auszusprechen. Und manchmal kann es dafür zu spät sein. Die Sehnsucht nach Liebe und Nähe, nach Geborgenheit und Berührung begleitet jeden Menschen sein Leben lang, von der Geburt bis zum Tod. In ihren letzten Lebensstunden sehnen sich manche Sterbende nach Nähe, andere wiederum gehen auf Distanz. Viele unverheilte Verletzungen und Wunden brechen dann mit großer Intensität auf, unerwiderte Liebe und Beziehungskrisen kommen wieder hoch und führen zu Belastung und seelischem Schmerz.

Wir Zurückbleibenden sind umgeben von Menschen, die wir lieben. Sagen wir es ihnen – heute noch!

Freundschaften und Beziehungen sind zarte Pflänzchen und können nur existieren, wenn sie gehegt und gepflegt werden. Manchmal muss man über den berühmten eigenen Schatten springen, einen Anruf wagen, eine Einladung aussprechen, ein Rendezvous arrangieren, um mit jenen Menschen wieder in Kontakt zu kommen oder in Kontakt zu bleiben, die uns wichtig und die für uns wertvoll sind.

Manchmal genügt eine liebevolle Geste wie einem Kind über den Kopf zu streichen oder seine Hand zu berühren, um Zuwendung zu zeigen.

Lieben heißt aber auch, loslassen zu können.

»Warum bin ich nicht schon früher von ihm weggegangen?«

Die Bilanz am Ende eines Lebens kann bitter ausfallen, weil die Liebe längst verflogen ist oder vielleicht gar nie vorhanden war, alles nur vernunftbestimmt war und unter Zwang erfolgte. Angehörige werden auf eine harte Probe gestellt, wenn Sterbende plötzlich sehr klar und direkt das aussprechen, was sie ein ganzes Leben lang gedacht, aber nie gesagt haben, und sie sich plötzlich aus den Fesseln einer Ehe oder Beziehung befreien.

»Ich hätte sie um Verzeihung bitten müssen!«

Schuldgefühle sind bedrückend und nagen an unserem Innersten. Das, was kränkt, macht krank. Unausgesprochene Vorwürfe, erlittene Kränkungen, Hassgefühle und Abneigung kennen wir alle. Viele dieser negativen Gedanken und Gefühle schleppen wir unser ganzes Leben mit uns herum, weil wir uns nicht davon befreien konnten oder weil es einfach zu spät ist, einen Neuanfang zu machen, Schuld hinter sich zu lassen oder einfach nur jemanden um Verzeihung zu bitten.

Umgekehrt gilt dasselbe für das DANKEN.

Danke, dass heute die Sonne scheint und ich lebe!Danke für die Zeit mit dir!Danke, dass du immer ein offenes Ohr für mich hast!Danke für deine Hilfe!Danke, dass ich mich gesund und unternehmungslustig fühle!Danke, dass du da bist, ganz ohne große Worte!Danke, dass du Verständnis für meine Ideen zeigst!Danke für den schönen Sonnenuntergang!Danke für den Schlaf und die Träume!

Wofür und wem möchten Sie heute danken?

Wichtig ist dabei, den Dank laut auszusprechen und nicht nur leise in Gedanken zu formulieren.

LACHEN

»So herzlich und unbeschwert habe ich früher nie lachen können!«

Wer bis ans Ende seiner Tage nur auf Sparflamme lebt, wird wenig bis gar nichts zu lachen haben. Dabei ist herzhaftes Lachen eine wunderbare Möglichkeit, Stress abzubauen und sich zu entspannen. Wir sollten es den Kindern nachmachen und öfter ganz spontan und situationsbezogen Lachen. Wem das nicht gelingt, der sollte wenigstens lächeln.

Wer glaubt, dass sterbende Menschen angesichts des bevorstehenden Todes nichts zu lachen hätten, irrt. Wenn sie von komischen Situationen oder Ereignissen ihres Lebens erzählen, dann oft in großer Heiterkeit und bei gelöster Stimmung. So mutiert ein vermeintlicher Fauxpas zu einer Anekdote, über die man herzhaft lacht, die nur noch Fröhlichkeit auslöst.

Deshalb sollten wir öfter über uns selbst lachen und nicht alles so ernst nehmen!

Wer sein Tun und Handeln hin und wieder von der humorvollen Seite aus betrachtet, der läuft auch nicht Gefahr, in übertriebenen Ehrgeiz zu verfallen und überzogene Anforderungen an sich selbst zu richten.

Mehr Geduld mit sich selbst zu haben und die Gelassenheit, Dinge so zu nehmen, wie sie kommen, zumal wir vieles ohnehin nicht (ver)ändern können, auch das kann man von den Sterbenden lernen.

Wenn wir bereit sind zu erkennen, dass Sterbende noch etwas erledigen oder rückblickend etwas anders machen würden, wenn sie genügend Zeit beziehungsweise die Möglichkeit dazu hätten, lernen wir viel für unser eigenes Leben. Das gilt für Menschen in Krisen oder in ausweglosen Situationen ebenso wie für jene, die auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind oder sich neu orientieren wollen.

In diesem Buch geht es um sieben facettenreiche Lebensgeschichten und intensive Begegnungen mit Menschen, die schon lange nicht mehr leben. Alle haben in den Gesprächen mit ihnen, mit ihren Gedanken, unerfüllten Wünschen und Hoffnungen, Träumen und Ideen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dies mit ihnen teilen zu dürfen, ist ein großartiges Geschenk, einzigartig und kostbar, das man sich für kein Geld der Welt kaufen kann. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.

Diese Begegnungen liegen nun schon viele Jahre zurück. Es sind in sich geschlossene Erfahrungen, es gibt nichts, was mich belastet oder bedrückt. Rückblickend, in der sehr persönlichen Erinnerung, verschiebt sich die Wahrnehmung, Emotionen und Gefühle wirken heute anders als damals. Es war ein Reife- und Gärungsprozess, der auch in meinem Leben zu Wandel und Veränderung geführt hat. Ich bin heute beruflich viel selbstständiger und habe mir neue Arbeitsbereiche erschlossen. Ich kann sehr gut Nein sagen und achte mehr auf die Grenzen persönlicher Belastbarkeit. In der Zwischenzeit habe ich mich von einigen Weggefährten getrennt, von denen ich mich ausgenutzt oder hintergangen fühlte, dafür aber genauso viele neue Freundinnen und Freunde gefunden. Ich versuche, Dinge in Ruhe und Gelassenheit in Angriff zu nehmen, wobei ich immer sehr klar und direkt anspreche, wenn mir was am Herzen liegt. Ja, ich bin kompromissloser seither, lasse mir nicht alles gefallen und schon gar nicht diktieren. Der resignative Satz »Das ist halt so, das kann man nicht ändern« ist ganz aus meinem Denken verschwunden.

Seit ich die 50 überschritten habe, ist der Lebensrhythmus ruhiger und langsamer geworden, die Zeiteinteilung ist eine andere. Ich versuche, im Einklang mit den Jahreszeiten und der Natur zu leben. Ich liebe meinen Garten, genieße jeden Augenblick der Entspannung und kann mich wie ein Kind freuen, wenn ich die ersten Triebe der Schachbrettblume entdecke oder das Rotkehlchen bei den notwendigen Laubarbeiten immer in meiner Nähe bleibt. Ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und möglichst viele Kleinigkeiten wahrzunehmen. Mit meinem Mann nehme ich mir immer öfter eine kurze Auszeit, wir reisen ans Meer, das ich so sehr liebe. Unsere Beziehung ist tiefer und inniger geworden, wir verstehen uns heute ohne Worte. Die Kinder haben sich abgenabelt und sind längst aus dem Haus. Ich bin stolz und glücklich, wenn ich an sie denke und die eine in Berlin und die andere in London besuche.

Ich versuche, meinen Körper wie meinen Geist in Bewegung zu halten. So oft wie möglich stehen Theater- und Opernbesuche auf dem Programm; ich beschäftige mich gern mit etwas ganz Neuem und Unbekanntem. Die Angst vor Krankheit, Schmerz und Leid ist fast gänzlich aus meinem Leben verschwunden, dadurch fühle ich mich freier. Ich bin geduldiger und verständnisvoller geworden, auch meiner an Alzheimer erkrankten Mutter gegenüber. Kleinigkeiten nerven nicht mehr so wie früher, vieles erscheint mir heute in einem ganz »anderen Licht«.

Und ich weiß vor allem: Es ist noch nicht zu spät!

Wir leben noch und wir haben die Chance, in unserem Leben rechtzeitig etwas zu verändern, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und unnötigen Ballast abzuwerfen. Dann sind Kati, Melanie, Stefan, Ingeborg, Friedrich, Anna und Alois nicht umsonst gestorben, sondern leben in und mit uns weiter, weil wir aus ihren Erfahrungen und dem, was für sie nicht mehr möglich war, lernen, unser eigenes Leben lebendig, lustvoll und vielleicht auch neu zu gestalten.

Dieses Buch ist allen lebensmutigen, lebensfrohen Frauen und Männern gewidmet, die bereit sind, aus dem Vermächtnis der Sterbenden für sich selbst zu lernen.

Anleitung zum Lesen

Es gibt kein Patentrezept!

Dies gilt ganz besonders für dieses Buch. Die Sprache schwer kranker und sterbender Menschen ist voll rätselhafter Symbole und es bedarf einer Portion Geduld und der Fähigkeit, manchmal auch zwischen den Zeilen lesen zu können, um daraus Impulse für das eigene Leben zu ziehen. Leise, unaufgeregt und zart werden Hinweise gegeben, die uns mitten im Leben helfen sollen zu erkennen, was wirklich zählt und wie wir den eigenen Lebensweg entsprechend neu gestalten können.

Beim Lesen kann bei manchen Passagen der Eindruck entstehen, dass man das eine oder andere »Bild« schon kennt oder es einem in ähnlicher Form im Text über einen anderen sterbenden Menschen bereits begegnet ist. Diese Wiederholungen sind beabsichtigt und weisen auf die Wichtigkeit von Aussagen oder Erlebnissen hin. Durch Redundanz prägt sich Wertvolles besser ein.

Dabei spielt die Zeit eine große Rolle. Wer an der Schwelle zum Tod steht, hat keine oder nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Vieles aus der Vergangenheit, das nach Loslassen und Auflösen drängt, kann nicht mehr bearbeitet werden. In den halb durchwachten Nächten zwischen Abendrot und Morgengrauen, wenn tiefe Trauer und Depression sich wie ein schweres schwarzes Tuch ausbreiten, wird Bilanz gezogen. Die beiden Waagschalen des Lebens Freude und Leid, aber auch Erfüllung und Sehnsucht sind selten im Gleichgewicht und entfernen sich bedrohlich voneinander. Diese Stunden in Angst und Panik machen deutlich, dass die Zeit wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.

Nehmen Sie sich Zeit!

Die Lebensgeschichten in diesem Buch sind es wert, in Ruhe und mit Muße, ganz ohne Stress gelesen zu werden. Dann erst berühren sie und regen sie an. Nehmen Sie sich genügend Zeit dafür und lassen Sie die Bilder und beschriebenen Begegnungen auf sich wirken. Lebenszeit ist kostbar. Umso wichtiger ist es, die uns noch verbleibende Zeit zu nutzen und zu genießen, jede Minute und jeden Tag bewusst zu leben, denn niemand von uns kann sagen, wann seine letzte Stunde geschlagen hat. Vielleicht ist es morgen schon zu spät für vieles, das wir immer wieder auf später verschieben.

Bevor Sie sich auf dieses Buch einlassen, fragen Sie sich bitte selbst, wie Sie mit Ihrer Zeit umgehen und wofür Sie sich tatsächlich Zeit nehmen.

Den Großteil meines Tages verbringe ich mit ...Was möchte ich gerne machen, wenn ich mehr Zeit hätte?Was alles habe ich in meinem Leben bereits versäumt?Wem oder was möchte ich mehr Zeit schenken?Was würde ich unbedingt noch erledigen wollen, wenn es »fünf vor zwölf« wäre?

Vom schnellen Leben und der Kunst des Verweilens

Das Grazer Volkskundemuseum widmete dem Thema Zeit und unserer schnelllebigen Welt eine interessante Ausstellung. Es wurde darauf hingewiesen, dass wir uns eigentlich auf den technischen Errungenschaften ausruhen könnten, weil wir durch sie mehr Zeit hätten für Kunst und Kultur, die Pflege von Freundschaften sowie zur Entspannung. Stattdessen geschähe das genaue Gegenteil: Obwohl wir seit Erfindung der Uhr wissen, dass der Tag nicht mehr als 24 Stunden hat, werden wir insgesamt immer schneller, da wir noch rascher arbeiten, kommunizieren, reisen, organisieren, konsumieren und produzieren können. Wir wollen ein perfektes Familienleben, möglichst viel Zeit mit unseren Lieben verbringen und gleichzeitig auch erfolgreich im Beruf sein. Wir hecheln den Urlaubsfreuden hinterher, träumen von Entspannung und Müßiggang, gleichzeitig ist es uns aber wichtig, täglich total informiert zu sein, dazu noch möglichst fit und schön.

Ein dicht gefüllter Terminkalender ist für viele ein Statussymbol. Sie glauben, er verleihe eine Aura der Bedeutsamkeit und definiere den modernen Menschen. Sie halten was auf die, die unentwegt kommunizieren, keine Zeit zu haben. Die Möglichkeiten der Selbstbeschleunigung eröffnen immer mehr Zugänge zu einer globalisierten Welt mit Milliarden von Reizen und Angeboten. Je schneller wir uns vorwärtsbewegen und je mehr wir von der Welt mitbekommen, umso weniger nehmen wir tatsächlich von ihr wahr. Diese Botschaft war zentrales Thema der Ausstellung. Zitiert wurde dabei auch der Münchner Hirnforscher und Professor für Medizinische Psychologie, Ernst Pöppel, der herausgefunden hat, dass die Kapazität des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses auf gerade einmal drei Sekunden begrenzt ist. Nur so kurz kann es Eindrücke speichern, bis die Informationen entweder weiterverarbeitet werden oder entschwinden.

Eine Medizin gegen Zeitnot

Das Tempo des Lebens nimmt stetig zu und immer mehr Menschen klagen über Zeitnot, Stress und Überforderung. Das Schlimme daran: Das weitere Zunehmen der Geschwindigkeit können wir nicht aufhalten. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Es gibt Mittel, die den eigenen Takt unterstützen, um sich im Strom der Zeit zu bewegen, und Inseln, die sich dem Sog der Zeit widersetzen. In Schubladen fanden die Besucher der Ausstellung im Grazer Volkskundemuseum Rezepte, auf denen hilfreiche Mittel genannt waren mit dem Hinweis, dass manche Rezepturen vielleicht bitter schmecken, andere schwer zu schlucken sind und wieder andere aber aromatisch und belebend wirken. Die Besucher wurden aufgefordert, sich jeweils die Rezepte auszusuchen, die zum eigenen Leben passen. Aus jeder Schublade sollten sie ein Exemplar herausnehmen, sich eine persönliche Rezeptsammlung zusammenstellen und als Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Hier einige Rezepte der leider schon zu Ende gegangenen Ausstellung aus der »Zeit-Apotheke« des Grazer Volkskundemuseums:

Sitzen bleiben

Bummeln Sie gerne zur Entspannung ein wenig durch die Stadt? Gehen Sie doch nächstes Mal in einen Park und setzen sich dort auf eine Bank oder auf die Wiese – so lange, bis Ihnen langweilig wird. Mit jeder Minute, die Sie dann noch länger sitzen bleiben, erhöhen Sie den Entspannungseffekt. Sollte Unruhe in Ihnen aufkeimen, wenn Sie sich beim langen Nichtstun ertappen – keine Sorge, das vergeht wieder.

Mantik

Üben Sie sich in der Kunst, in die Zukunft zu schauen. Was passiert wirklich, wenn Sie den Bus verpassen, wenn Sie einen Parkplatz nicht bekommen, Ihr Kind oder Ihr Partner sich nicht beeilt? Oft haben wir es eilig, ohne es wirklich eilig zu haben. Sparen Sie Ihre Schnelligkeit für die wenigen wichtigen Gelegenheiten, wo es wirklich darauf ankommt, geschwind zu sein.

Diät

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt plädierte einst für einen fernsehfreien Tag pro Woche. Gute Idee! Das kann jeder leicht für sich selbst beschließen. Fangen Sie einfach nächsten Donnerstag damit an.

Nervenmittel

Schenken Sie in einer Warteschlange der hinter Ihnen stehenden Person Ihren Platz. Einfach so. Schon haben Sie Souveränität über Ihre Zeit gewonnen. Das stärkt die Nerven.

Multitasking

Vorsicht! Auch die talentierteste Hausfrau, Mutter, Ehefrau, Köchin und Geschäftsfrau in einer Person hat nur einen Arbeitsspeicher im Gehirn, der gleichzeitig Aufgaben nach Prioritäten erledigt. Alles, was nicht zur Hauptaufgabe gehört, wird zur Nebensächlichkeit – also ungenau erledigt und leicht vergessen. Immer schön der Reihe nach, alles zu seiner Zeit erledigen. Das schont die Nerven und zeitigt bessere Ergebnisse!

Im Notfall

Seien Sie ehrlich: Was sind die drei wichtigsten Dinge in Ihrem Leben? Ordnen Sie diese zu einer Reihenfolge, zum Beispiel 1. Lebens­partner, 2. Kinder, 3. Beruf. Egal, was das ist – alles andere ist nicht so wichtig. Erinnern Sie sich an diese Liste in Situationen, in denen verschiedenste Anforderungen zugleich auf Sie einstürmen, und schon wissen Sie, wem Sie sich in erster Linie widmen sollten oder wer Ihnen eine Vernachlässigung am ehesten verzeiht, da Sie ohnehin so viel Zeit für das Wichtigste in Ihrem Leben verwenden!

Für diese Rezepte brauchen Sie weder einen Arzt noch einen Apo­theker. Gute Besserung!

Es gibt Menschen, die laufen ihr ganzes Leben mit der Stoppuhr in der Hand umher, zählen die Sekunden und hasten irgendwelchen Zielen hinterher. Die Verlängerung der Lebenszeit oder das Gefühl, ein erfülltes und sinnvolles Leben bis zuletzt geführt zu haben, kann man sich um kein Geld dieser Welt erkaufen. Diese Erfahrung musste auch Herr Friedrich machen, ein erst 54 Jahre alter Unternehmer, in dessen Lebensplanung schwere Erkrankung und Tod keinen Platz hatten. Trotzdem musste er sich über Nacht damit auseinandersetzen und hätte sich von ganzem Herzen mehr Zeit gewünscht, um alles nachzuholen, was er seit Jahren versäumt hatte.

Vom Schein zum Sein

Wo ist das Glück geblieben?

Vorbetrachtung

Schicksalsschläge ereilen uns immer unvorbereitet und treffen uns tief. Gerade dann, wenn wir uns davor besonders sicher fühlen, wenn wir viele Pläne haben und unaufschiebbare Angelegenheiten in Angriff nehmen wollen, können sie uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen und wir müssen Unausweichliches durchleben. Hadern und Jammern helfen dann auch nicht weiter, von einem Tag auf den anderen kann sich ein ganzes Leben verändern. Damit ändern sich auch die Wertigkeiten. Umdenken ist vielen Menschen in ihren letzten Tagen nicht so ohne Weiteres möglich und rasche, nachhaltige Veränderungen lassen sich oft schon aus organisatorischen Gründen nicht herbeiführen.

Schwere Zäsuren im Leben führen immer auch zu einer radikalen Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, den ungenutzten Möglichkeiten und den vertanen oder nicht in Betracht gezogenen Chancen. Dann fallen die Masken und die Sterbenden werfen einen realistischen und ungeschminkten Blick auf sich und ihre Biografie. Die Rollen, die sie im Leben nach außen hin noch ausgefüllt haben, politische oder berufliche Ämter und Funktionen, haben für sie angesichts des nahenden Todes keinen Wert mehr. Alles Unechte und Nichtauthentische bröselt langsam von ihnen ab und es schält sich oft ein ganz neuer, anderer Menschen heraus, der, zwischen Hoffnung und Depression schwankend, einen unendlich großen Veränderungswunsch verspürt, den er aber nicht mehr realisieren kann, weil ihm die Zeit stundenweise davonläuft.

Dieses Zurückgeworfensein auf Existenzielles und auf sich selbst mit all den großen und kleinen Schwächen macht unglücklich und lässt einen verzweifeln, manchmal ist man dann auch aggressiv und zornig. Das ist nur verständlich, denn plötzlich ist der selbst errichtete Prachtbau nur noch ein einsturzgefährdetes, altersschwaches Haus ohne Aussicht auf Renovierung. Tödliche Erkrankungen und ausweglose Situationen zerstören die mühsam aufrechterhaltene Fassade eines Lebens. Zurück bleibt ein Menschenkind, das genauso nackt und einsam, wie es auf die Welt gekommen ist, aus diesem Leben scheiden muss, hinübergehen in ein unbekanntes Land, aus dem noch niemand zurückgekehrt ist, was vielen Angst bereitet.

Trotzdem kann diese Situation auch eine ungeahnte Stärke verleihen und eine Chance sein, vor allem für uns Zurückbleibende, weil wir daraus Lehren für das eigene Leben ziehen können. Der Sterbende selbst erkennt oft, was ihm noch wirklich wichtig ist, Kleinigkeiten können dann ganz große, unverhoffte Glücksmomente bereiten. Zu Veränderung und Neubewertung ist es nie zu spät. Wenn sie schon nicht tatsächlich herbeigeführt werden können, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, davon zu träumen!

»Ich will nicht mehr leben!«

Eines Nachts holte mich das Klingeln des Telefons aus dem Tiefschlaf. Zitternd, völlig desorientiert und hoffnungslos verschlafen erreichte ich den Apparat. Am anderen Ende der Leitung war ein junger Mann und es dauerte einige Zeit, bis ich begriffen hatte, dass es sich um Andreas handelte, einen alten Schulkollegen, der sich zu der Zeit in Hongkong befand, wo er in einer Bank arbeitete. Auf einem Klassentreffen während eines Heimatbesuchs, an dem ich nicht teilgenommen hatte, hatte er erfahren, dass ich in der Hospiz-Bewegung tätig bin. So schien es für ihn die einfachste Sache der Welt zu sein, mich anzurufen, da sein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte und auf der Intensivstation lag. Im schlaftrunkenen Zustand konnte ich mich nicht dagegen verwehren, Erkundigungen über den Gesundheitszustand seines Vaters einzuholen und ihm einen Besuch abzustatten, und Andreas war schon immer ein Schmeichler gewesen, der Mitschüler wie Lehrer rasch auf seine Seite zu ziehen vermochte. Ich ärgerte mich über mich selbst, dennoch machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg ins Krankenhaus. Dummerweise hatte ich nicht nach seiner Telefonnummer gefragt, doch wir waren so verblieben, dass er sich in den nächsten Tagen bei mir melden wollte, allerdings zu einer »christlicheren Zeit«.

Der Vater von Andreas, Herr Friedrich, war erst 54 Jahre alt. Ein Mann, der das Familienunternehmen mit viel Sachkompetenz und unendlichem Fleiß aus- und aufgebau hatte, nachdem er es übernommen hatte. Darüber hinaus gehörte er der Wirtschaftskammer an und war ein anerkannter Experte in seinem Bereich sowie ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, weil er sich auch politisch engagierte. Ich kannte ihn vom Sehen, weil wir dieselben Veranstaltungen besucht hatten. Von meinem Gefühl her war er ein rationaler Mensch ohne große Emotionen, dem Geld und materielle Sicherheit sehr wichtig waren. Das war aber nur mein »Außenblick« auf einen Mann, den ein besonders schwerer Schicksalsschlag ereilt hatte.