Warum französische Kinder keine Nervensägen sind - Pamela Druckerman - E-Book

Warum französische Kinder keine Nervensägen sind E-Book

Pamela Druckerman

4,5
8,99 €

oder
  • Herausgeber: Mosaik
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Erziehen statt Verziehen.

Warum werfen französische Kinder im Restaurant nicht mit Essen, sagen immer höflich Bonjour und lassen ihre Mütter in Ruhe telefonieren? Und warum schlafen französische Babys schon mit zwei oder drei Monaten durch? Als Pamela Druckerman der Liebe wegen nach Paris zieht und bald darauf ein Kind bekommt, entdeckt sie schnell, dass französische Eltern offensichtlich einiges anders machen – und zwar besser. In diesem unterhaltsamen Erfahrungsbericht lüftet sie die Geheimnisse der Erziehung à la française.

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Seitenzahl: 428

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Pamela Druckerman

Warum französische Kinder keine Nervensägen sind

Erziehungsgeheimnisse aus Paris

Aus dem Amerikanischen von Christiane Burkhardt

Hinweis: Einige Namen und Personenangaben wurden geändert, um die Privatsphäre der Betreffenden zu schützen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Februar 2013

© 2013 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

© 2012 der Originalausgabe Pamela Druckerman

All rights reserved.

Originaltitel: Bringing Up Bébé

Originalverlag: The Penguin Press, New York

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design nach einer Vorlage von R. Shailer/TW

Umschlagillustrationen: Nellie Ryan

Redaktion: Dagmar Rosenberger

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

KW · Herstellung: IH

ISBN 978-3-641-10157-2www.mosaik-goldmann.de

Für Simon,der das Leben erst lebenswert macht

Les petits poissons dans l’eauNagent aussi bien que les gros.

Die kleinen Fischlein im WasserSchwimmen genauso gut wie die großen.

Französisches Kinderlied

Inhalt

Französische Kinder werfen nicht mit Essen

»Erwarten Sie ein Kind?«

Eine Amerikanerin in Paris

Schlaf Kindlein, schlaf

Warte!

Gâteau au yaourt (Joghurtkuchen)

Kleine vernunftbegabte Wesen

Tagesbetreuung – ja oder nein?

Bébé au lait

Die perfekte Mutter gibt es nicht

Caca boudin

Doppelt gemoppelt

»Ich liebe dieses Baguette!«

»Du musst nur probieren!«

Hélènes Rezept für Chocolat chaud

»Ich entscheide!«

Leben und leben lassen

Unsere Zukunft à la française

Anhang

Glossar französischer Erziehungsbegriffe

Dank

Literatur

Register

Französische Kinder werfen nicht mit Essen

Als meine Tochter Bean anderthalb Jahre alt ist, beschließen mein Mann und ich, gemeinsam in den Sommerurlaub zu fahren. Wir entscheiden uns für einen Küstenort, der nur wenige Zugstunden von unserer Wahlheimat Paris entfernt ist. (Ich bin Amerikanerin, mein Mann ist Brite.) Wir buchen ein Hotelzimmer mit Kinderbett. Noch ist Bean unser einziges Kind, kein Wunder dass wir so naiv sind zu denken: So schwer kann das doch nicht sein!

Wir frühstücken im Hotel, aber das Mittag- und Abendessen müssen wir in den Fischlokalen um den alten Hafen einnehmen. Wir merken schnell, dass es die Hölle ist, zweimal täglich mit einem Kleinkind ins Restaurant zu gehen. Bean interessiert sich nur am Rande für Essbares: für ein Stück Brot oder für etwas Frittiertes. Es dauert nur wenige Minuten, und sie beginnt, Salzstreuer umzuwerfen oder Zuckertütchen aufzureißen. Dann will sie unbedingt aus ihrem Hochstuhl gehoben werden, damit sie durchs Lokal rennen und den Anlegestegen am Kai gefährlich nahe kommen kann.

Unsere Strategie besteht darin, möglichst schnell zu essen. Wir bestellen schon, bevor man uns einen Platz zugewiesen hat, und flehen den Kellner an, uns rasch etwas Brot und unser Essen zu bringen – Vorspeise und Hauptgericht bitte gleichzeitig. Während mein Mann ein paar Bissen von dem Fisch nimmt, passe ich auf, dass Bean nicht von den Kellnern umgerannt wird oder ertrinkt. Anschließend tauschen wir die Rollen. Wir geben Unmengen von Trinkgeld, um uns für die zerfetzten Servietten und die überall herumliegenden Calamari zu entschuldigen.

Auf dem Rückweg zum Hotel schwören wir uns, dass wir nie wieder verreisen und nie wieder ein Kind bekommen werden. Diese »Ferien« beweisen uns einmal mehr, dass unser Leben nie mehr so sein wird, wie es vor Bean war. Ich weiß auch nicht, warum uns das dermaßen erstaunt.

Nach mehreren Restaurantbesuchen fällt mir auf, dass die französischen Familien überhaupt nicht so aussehen, als litten sie Höllenqualen. Seltsamerweise sehen sie sogar wirklich so aus, als machten sie Ferien. Französische Kinder in Beans Alter sitzen zufrieden in ihren Hochstühlen und warten aufs Essen. Oder sie essen Fisch, ja sogar Gemüse. Sie kreischen und quengeln nicht. Die Gänge werden nacheinander serviert, und die Tische sehen auch nicht komplett zugemüllt aus.

Obwohl ich bereits seit einigen Jahren in Frankreich lebe, kann ich mir das nicht erklären. In Paris sieht man in Restaurants eher selten Kinder. Und wenn, habe ich nicht auf sie geachtet. Bevor ich selbst ein Kind hatte, habe ich nie auf fremde Kinder geachtet. Und auch jetzt achte ich zwangsläufig hauptsächlich auf mein eigenes. Doch angesichts unseres Urlaubsstresses muss ich feststellen, dass es anscheinend auch anders geht. Aber wie funktioniert das? Sind französische Kinder einfach von Geburt an ruhiger als unsere? Wurden sie bestochen (oder bedroht), dass sie so brav sind? Sind sie das Produkt veralteter, kruder Erziehungsmethoden?

Eigentlich machen sie nicht den Eindruck. Die französischen Kinder sehen nicht eingeschüchtert aus, sie sind fröhlich, lebhaft und neugierig. Ihre Eltern sind liebevoll und aufmerksam. An ihren Tischen, ja vermutlich in ihrem gesamten Leben, scheint eine unsichtbare, zivilisatorische Kraft zu walten, die uns abgeht.

Kaum habe ich damit angefangen, mir über französische Erziehungsmethoden Gedanken zu machen, merke ich, dass nicht nur die Mahlzeiten anders ablaufen. Plötzlich habe ich jede Menge Fragen. Wie kommt es beispielsweise, dass ich in Hunderten von Stunden auf französischen Spielplätzen kein einziges Kind mit einem Tobsuchtsanfall erlebt habe (außer meinem eigenen natürlich)? Warum müssen meine französischen Freundinnen nie abrupt auflegen, wenn wir gerade telefonieren, weil ihre Kinder irgendwas von ihnen wollen? Warum geben in ihren Wohnzimmern keine Tipis und Kinderküchen den Ton an, so wie bei uns?

Und das ist noch längst nicht alles! Warum ernähren sich so viele Kinder bei uns dermaßen einseitig, nämlich ausschließlich von Nudeln, weißem Reis oder einer schmalen Auswahl von Kindergerichten, während die kleinen französischen Freundinnen meiner Tochter Fisch, Gemüse und eigentlich so gut wie alles essen? Und wie kommt es, dass französische Kinder, bis auf einmal am Nachmittag, nicht naschen?

Ich war nicht darauf gefasst, die Franzosen für ihre Kindererziehung zu bewundern. Sie ist längst nicht so en vogue wie französische Mode oder französischer Käse. Niemand fährt nach Paris, um sich etwas von der natürlichen Autorität französischer Eltern abzuschauen oder um zu lernen, nicht ständig ein schlechtes Gewissen zu haben. Im Gegenteil: Die amerikanischen Mütter, die ich in Paris treffe, sind entsetzt darüber, dass Französinnen öffentlich stillen und ihre Vierjährigen noch mit Schnuller herumlaufen lassen.

Aber warum verschweigen sie, dass viele französische Babys bereits im Alter von zwei, drei Monaten nachts durchschlafen? Warum bleibt unerwähnt, dass französische Kinder nicht ständig um Aufmerksamkeit betteln und sogar das Wort »Nein« hören können, ohne einen Nervenzusammenbruch zu kriegen?

Niemand findet das außergewöhnlich. Aber so langsam dämmert mir, dass französische Eltern heimlich, still und leise Erfolge erzielen, die ein ganz anderes, ein entspanntes und friedliches Familienleben ermöglichen. Bekommen wir Besuch von Amerikanern, sind die Erwachsenen ständig damit beschäftigt, Streit unter den Kindern zu schlichten, hinter dem eigenen Nachwuchs herzurennen, der Runden um die Kücheninsel dreht, oder auf der Erde herumzukrabbeln und Legodörfer zu bauen. Es wird ununterbrochen geweint und getröstet. Kommen Franzosen zu uns zu Besuch, trinken wir Erwachsenen in aller Ruhe Kaffee, während die Kinder fröhlich zusammen spielen.

Franzosen sind sehr besorgt um ihre Kinder.1 Sie wissen Bescheid über Pädophile, Allergien und Erstickungsgefahren und sie ergreifen vernünftige Vorsichtsmaßnahmen, aber sie werden nicht hysterisch. Wegen ihrer größeren Gelassenheit, fällt es ihnen leichter, Grenzen zu setzen, ihren Kindern aber gleichzeitig Freiheiten zu lassen.

Ich bin mit Sicherheit nicht die Erste, der auffällt, dass viele Eltern in Amerika, aber auch in Deutschland ein Erziehungsproblem haben. Dieses Problem wurde bereits in Hunderten von Büchern und Artikeln ausgiebig beschrieben und kritisiert. Es gibt sogar schon Begriffe dafür wie Over-Parenting oder Helikopter-Eltern. Eine Autorin schreibt, man schenke den Kindern einfach mehr Aufmerksamkeit als ihnen guttut.2 Judith Warner dagegen spricht von einer »culture of total motherhood«. (Dass diese Kultur der absoluten Mutterschaft ein Problem ist, fiel Warner übrigens erst nach ihrer Rückkehr aus Frankreich auf.) Niemand scheint sich mit dem gnadenlosen, unglücklich machenden Stress dieses Erziehungsstils wohlzufühlen, und schon gar nicht die betroffenen Eltern selbst.

Aber warum praktizieren wir ihn dann? Wozu diese Erziehung, die unsere Generation regelrecht verinnerlicht hat – selbst wenn sie, wie ich, ins Ausland gegangen ist? Diese Entwicklung begann in den 1980er-Jahren. Damals wurden Unmengen von Daten erhoben, und anschließend hieß es, arme Kinder seien schlechter in der Schule, weil sie nicht von klein auf genügend gefördert würden. Daraus schlossen Mittelschichtseltern, dass ihre Kinder ebenfalls von mehr Förderung profitieren müssten.3

Ungefähr zur selben Zeit wurde die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer: Plötzlich schien man sich ganz besonders um die Kinder kümmern zu müssen, wenn sie zur zukünftigen Elite gehören sollten. Auf einmal sollten die eigenen Kinder so früh wie möglich an die richtigen Dinge herangeführt werden, um gegenüber Gleichaltrigen im Vorteil zu sein.

Gleichzeitig setzte sich die Auffassung durch, dass Kinder psychisch labil sind. Die jungen Eltern von heute sind die am meisten psychoanalysierte Generation überhaupt. Sie haben die Überzeugung verinnerlicht, dass alles, was wir tun, unsere Kinder potenziell schädigen kann. Darüber hinaus sind wir alle in den 1980er-Jahren groß geworden, als sich mehr Paare scheiden ließen denn je, mit der Folge, dass wir selbstloser sein wollen als unsere eigenen Eltern.

Wir haben als Eltern das Gefühl, in einer hochgefährlichen Welt zu leben und ständig wachsam sein zu müssen. All diese Faktoren haben dazu geführt, dass wir einen anstrengenden, völlig aufreibenden Erziehungsstil pflegen. Aber in Frankreich habe ich erlebt, dass es auch anders geht. Das hat mich in mütterliche Verzweiflung gestürzt, aber auch meine journalistische Neugier geweckt. Nach unserem katastrophalen Strandurlaub habe ich beschlossen zu recherchieren, was französische Eltern anders machen. Warum werfen französische Kinder nicht mit Essen? Und warum werden ihre Eltern nicht laut? Was ist das für eine unsichtbare, zivilisatorische Kraft, die sich die Franzosen zunutze gemacht haben? Kann ich mich umprogrammieren und meinen Nachwuchs gleich mit?

Dass das ein echt heißes Thema ist, merke ich, als ich auf eine Studie stoße, die ein Wirtschaftswissenschaftler der Princeton University durchgeführt hat.4 Ihr zufolge empfinden Mütter aus Columbus, Ohio, die Kinderbetreuung als doppelt so anstrengend wie Mütter aus dem französischen Rennes. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, die ich in Paris, aber auch auf Reisen in meine Heimat machen konnte: Etwas an der Art, wie Franzosen ihre Kinder erziehen, sorgt dafür, dass es weniger anstrengend ist und deutlich mehr Spaß macht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Geheimnisse der französischen Kindererziehung lüften lassen. Es hat nur noch niemand versucht. Ich stecke also meinen Laptop in die Wickeltasche. Bei jedem Arztbesuch, bei jeder Party, bei jeder Spielverabredung und bei jeder Marionettenaufführung nutze ich die Gelegenheit, französische Eltern zu beobachten, um herauszufinden, welchen ungeschriebenen Gesetzen sie folgen.

Anfangs ist das schwer zu sagen. Französische Eltern scheinen ständig zwischen zwei Extremen hin- und herzuschwanken: Zum einen sind sie unglaublich streng und zum anderen erschreckend locker. Hakt man nach, bringt das auch nicht viel, denn die meisten Eltern, mit denen ich spreche, glauben, bei der Kindererziehung gar nichts Besonderes zu machen, im Gegenteil: Sie sind fest davon überzeugt, dass Frankreich unter dem »Enfant-roi«-Syndrom leidet und die Eltern all ihre Autorität verloren haben. (Dazu kann ich nur sagen: »Ihr habt unsere kleinen Tyrannen noch nicht gesehen.«)

Mehrere Jahre lang, in denen ich in Paris noch zwei weitere Kinder bekomme, suche ich nach Hinweisen. Ich befrage Dutzende von Experten und Eltern. Ich belausche sie schamlos, wenn ich die Kinder in den Kindergarten bringe oder im Supermarkt einkaufe. Und irgendwann glaube ich zu wissen, was die französischen Eltern anders machen.

Wenn ich von »den französischen Eltern« spreche, ist das natürlich eine grobe Verallgemeinerung. Jedes Elternpaar ist anders. Die meisten Eltern aus meinem Bekanntenkreis leben in Paris und Umgebung, sind Akademiker und verdienen überdurchschnittlich gut. Sie sind nicht superreich und gehören auch nicht zur Elite. Aber es sind gebildete Menschen aus der (oberen) Mittelschicht. Dasselbe gilt für die Amerikaner, mit denen ich sie vergleiche.

Trotzdem fällt mir auf meinen Reisen durch Frankreich auf, dass sich die Erziehungsansichten einer Pariserin aus der Mittelschicht nicht groß von denen einer Mutter aus der Arbeiterschicht, die mit ihrer Familie in der Provinz lebt, unterscheiden. Ich finde es erstaunlich, dass französische Eltern angeblich nicht wissen, was sie tun, dabei allerdings alle mehr oder weniger das Gleiche tun. Gut betuchte Anwälte, Erzieherinnen in Tageseinrichtungen, Lehrer an öffentlichen Schulen und alte Damen, die mich im Park zurechtweisen – sie alle nennen mir genau dieselben Prinzipien. Sie stehen auch in jedem französischen Erziehungsratgeber oder in jeder französischen Elternzeitschrift. Schnell wird klar, dass man sich in Frankreich nicht einer bestimmten, dogmatischen Erziehungsphilosophie verschreiben muss. Jeder hält ein paar grundlegende Regeln für selbstverständlich, und allein das nimmt einem schon so manche Sorge ab.

Warum ausgerechnet Frankreich? Ich bin wirklich niemand, der Frankreich verherrlicht. Au contraire, ich weiß nicht mal, ob ich gern hier lebe. Und eines möchte ich auf keinen Fall, nämlich dass aus meinen Kindern arrogante Pariser werden. Aber trotz allem ist Frankreich das perfekte Vorbild, wenn es um heutige Erziehungsprobleme geht. Einerseits leben die Franzosen nach Werten, die mir sehr bekannt vorkommen: Sie lieben es, von ihren Kindern zu erzählen, sie vorzuzeigen und ihnen aus Büchern vorzulesen. Sie bringen sie zum Tennisunterricht, zum Malkurs und nehmen sie in interaktive Technikmuseen mit.

Andererseits schaffen sie es jedoch, sich um ihre Kinder zu kümmern, ohne es zu übertreiben. Sie finden nicht, dass gute Eltern ständig nur für ihre Kinder da sein müssen, und haben auch kein schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht tun. »Ich finde, die Abende sind den Eltern vorbehalten«, sagt mir eine Pariser Mutter. »Meine Tochter kann uns Gesellschaft leisten, aber ab dieser Uhrzeit sind die Erwachsenen dran.« Französische Eltern wollen ihre Kinder fördern, aber nicht ständig. Während manche amerikanischen oder deutschen Kleinkinder schon vor der Einschulung Lesen und Mandarin lernen, tun französische Kinder, was Kleinkinder eigentlich tun sollten: ungestört miteinander spielen.

Und es sind viele Kinder, die in Frankreich so erzogen werden: Während die Nachbarländer unter einem Bevölkerungsrückgang leiden, erleben die Franzosen einen regelrechten Babyboom. In der EU haben nur die Iren eine höhere Geburtenrate.5

Die Franzosen bekommen viel Unterstützung vom Staat, was es attraktiver und leichter macht, Kinder zu haben. Eltern zahlen nichts für die Vorschule, sie müssen sich keine Sorgen wegen der Krankenversicherung machen und auch nicht für die Uni sparen.

Aber das allein ist keine Erklärung. Die Franzosen scheinen einen ganz anderen cadre für Kindererziehung zu haben, einen ganz anderen Bezugsrahmen. Wenn ich französische Eltern frage, wie sie es schaffen, ihre Kinder zu disziplinieren, brauchen sie eine Weile, bis sie verstehen, was ich damit meine: »Ah, Sie meinen, wie wir sie erziehen?«, fragen sie dann. »Disziplin«, so merke ich bald, ist ein viel zu eng gefasster, in Frankreich selten gebrauchter Begriff, der eher nach Bestrafung klingt. »Erziehung« dagegen ist etwas, um das sie sich ihrer Meinung nach ohnehin ständig kümmern.

Seit Jahren macht der Niedergang unserer Kindererziehung Negativschlagzeilen. Es gibt Dutzende von Ratgebern mit hilfreichen Theorien. Ich dagegen kann keine Theorie anbieten. Was ich hier in Frankreich vor mir sehe, ist eine funktionierende Nation von kleinen Durchschläfern und Gourmets und von völlig entspannten Eltern. Davon ausgehend forsche ich nach, wie die Franzosen das geschafft haben. Wie sich bald herausstellt, braucht man dafür nicht nur eine andere Erziehungsphilosophie, sondern muss auch die Kinder mit anderen Augen sehen.

1 In einer Umfrage aus dem Jahr 2002 stimmten 90 Prozent der Franzosen folgender Aussage zu: »Mitzuerleben, wie die eigenen Kinder groß werden, und ihnen beim Aufwachsen zuzusehen ist das Schönste überhaupt.« In den Vereinigten Staaten waren es 85,5 Prozent, in Großbritannien 81,1 Prozent und in Deutschland 90,2.

2 Joseph Epstein, »The Kindergarchy: Every Child a Dauphin«, Weekly Standard vom 9. Juni 2008.

3 Judith Warner beschreibt dieses Phänomen in Perfect Madness: Motherhood in the Age of Anxiety, Riverhead Books, New York 2005.

4 Alan B. Krueger, Daniel Kahneman, Claude Fischler, David Schkade, Norbert Schwarz und Arthur A. Stone, »Time Use and Subjective Well-Being in France and the US«, Social Indicators Research 93 (2009): S. 7–18.

5 Laut den Zahlen der OECD aus dem Jahr 2009 beträgt die Geburtenrate in Frankreich 1,99, in Belgien 1,83, in Italien 1,41, in Spanien 1,4 und in Deutschland 1,36 pro Frau.

»Erwarten Sie ein Kind?«

Es ist zehn Uhr morgens, als mich der Verlagsleiter in sein Büro ruft und mir sagt, ich solle besser meine Zähne noch mal grundreinigen lassen. Meine von der Firma getragene Zahnzusatzversicherung ende nämlich mit dem letzten Arbeitstag, und der wäre in fünf Wochen.

An diesem Tag verlieren mehr als zweihundert Kollegen mit mir ihren Job. Die Nachricht lässt den Aktienkurs unserer Muttergesellschaft kurzfristig emporschnellen. Ich besitze ein paar Firmenanteile und überlege, sie zu verkaufen – eher aus Zynismus als aus Profitgier, um sozusagen an meiner eigenen Entlassung zu verdienen.

Doch stattdessen laufe ich wie betäubt durch Manhattan. Passenderweise regnet es. Ich stelle mich unter und rufe den Mann an, mit dem ich abends verabredet bin.

»Ich wurde soeben gefeuert«, sage ich.

»Bist du nicht am Boden zerstört?«, fragt er. »Willst du trotzdem mit mir essen gehen?«

In Wahrheit bin ich sogar erleichtert: Endlich bin ich den Job los, den ich nach fast sechs Jahren bloß nicht gewagt habe zu kündigen. Ich war Auslandsreporterin bei einer New Yorker Zeitung und habe über Wahlen und Finanzkrisen in Lateinamerika berichtet. Oft wurde ich ohne Vorankündigung ins Ausland geschickt und musste dann wochenlang aus dem Koffer leben. Eine Zeitlang erwarteten meine Chefs große Dinge von mir. Sie sprachen über zukünftige Leitungsfunktionen und bezahlten mir sogar einen Portugiesisch-Kurs.

Bis sie plötzlich gar nichts mehr von mir erwarten. Und seltsamerweise macht mir das nicht das Geringste aus. Ich habe Filme über Auslandskorrespondenten immer gemocht, aber es ist etwas vollkommen anderes, selbst einer zu sein. In der Regel war ich allein mit zähen Recherchen beschäftigt und musste mich am Telefon mit meinen Herausgebern herumschlagen, die nie zufrieden waren. Meine männlichen Kollegen schafften es wenigstens, Costa-Ricanerinnen und Kolumbianerinnen aufzugabeln, die sie anschließend auf ihren Reisen begleiteten. Bei ihnen stand zumindest das Essen auf dem Tisch, wenn sie sich spätabends nach Hause schleppten. Die Männer, mit denen ich anbandelte, waren weniger fürsorglich. Außerdem blieb ich nur selten lang genug in einer Stadt, um es bis zum dritten Date zu schaffen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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