Hauptbahnhof - Edgar Fuhrmann - E-Book

Hauptbahnhof E-Book

Edgar Fuhrmann

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Beschreibung

Die Texte dieses Erzählbandes handeln von Menschen am Rande der Gesellschaft, die als Treibgut am Hauptbahnhof stranden, diesem labyrinthischen Zentrum moderner Gesellschaften. Realistische Erzählungen wechseln sich dabei ab mit Texten, die das Geschehen wie unter einer Lupe betrachten und so eine neue Sicht auf die Dinge ermöglichen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Edgar Fuhrmann

 

 

Hauptbahnhof

Erzählungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LiteraturPlanet

 

Impressum

 

 

© Verlag LiteraturPlanet, 2021

Im Borresch 14

66606 St. Wendel

 

http://www.literaturplanet.de

 

Titelbild: Andreas Mattern: Hauptbahnhof

 

 

 

 

Über den Autor:

Edgar Fuhrmann gehört zum Kreis der so genannten Ecartisten um den Blogger Rother Baron, die 2008 den Verlag LiteraturPlanet gegründet haben. Er hat in jungen Jahren ausgedehnte Reisen mit der Bahn unternommen. Dabei ist er immer wieder Menschen begegnet, die aus unterschiedlichen Gründen in Not geraten sind.

So handeln auch die Texte dieses Erzählbandes von Menschen am Rande der Gesellschaft, die als Treibgut am Hauptbahnhof stranden, diesem labyrinthischen Zentrum moderner Gesellschaften. Realistische Erzählungen wechseln sich dabei ab mit Texten, die das Geschehen wie unter einer Lupe betrachten und so eine neue Sicht auf die Dinge ermöglichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hauptbahnhof

 

 

Die Menge ein Orkan auf Schienen

gierig lauert ein Plakat

die Dame starrend ein Plagiat

der Herr ein Fisch mit blanken Kiemen

 

und Liebende wie Flut und Ebbe

Lautsprecher ein Soldat der brüllt

die Küsse atemlos zerknüllt

ein Mann im steilen Sturz der Treppe

 

die Mundharmonika der Säufer

irrt herab des Bettlers Blick

verworfen blößt ein Schoß um Käufer

 

im Souterrain ein leeres Schielen

starrend ein erstochnes Glück

und Hohn – nur einer unter Vielen

 

Bahnhofsmission

 

Drei Obdachlose treffen sich an Heiligabend in der Bahnhofsmission. Sie tauschen Erfahrungen aus und erinnern sich an früher.

 

Heiligabend, kurz nach acht Uhr abends. Im Ruheraum der Bahnhofsmission verlieren sich drei nicht eben festlich gekleidete Gestalten. Zwei von ihnen hocken auf den Plastikstühlen, die entlang den Wänden aufgereiht sind. In einer Ecke hat sich jemand in seinem Mantel eingerollt.

In der Mitte des Raumes ruht auf einem wackligen Tisch das Zeugnis einer vergangenen Erwartung: zwei Tannenzweige, die einen Kerzenstummel umrahmen. Die Adventszeit ist vorbei.

Nach einer Weile fängt einer der Männer ein Gespräch an.

"Warst du in der Kirche?"

"Nee, Sozialstation. War halt 'n Pfarrer da."

"Und?"

"Das Übliche. Und du?"

"Hab' am Fluss gesessen."

"War's nicht zu kalt?"

"Es ging. Ich war ja nicht allein." Er zeigt auf eine große, bauchige Flasche, die schon mehr als zur Hälfte geleert ist.

Der andere lacht verständnisvoll. "Und tagsüber?"

"Fußgängerzone."

"Hat's noch was gebracht?"

"War nich' so doll. Das mit der Nächstenliebe verbraucht sich eben auch irgendwie."

"Da haste Recht. Ich hab' auch nich' mehr so viel eingenommen."

"Willste 'n Schluck?"

"Lass mal! Ich hab' selbst was."

Sie öffnen beide ihre Flaschen und trinken. Einer deutet auf den ausgebeulten Mantel in der Ecke. "Kennste den?"

"Nee, iss wohl 'n Tramp."

Sie heben wieder ihre Flaschen an die Lippen. Ein kurzes Schweigen. Dann kramt einer ein Foto aus seiner Manteltasche. "Das iss meine Verflossene."

"Tot?"

"So ähnlich."

"Nicht übel, die Tante. Und die Kleine daneben?"

"Aus erster Ehe. War schwer in Ordnung, das Mädchen."

Das Foto verschwindet in der Manteltasche. Kurz darauf tauchen die Finger wieder daraus auf und halten ein Feuerzeug in die Höhe.

"Es werde Licht!" murmelt der Feuerzeugbesitzer. Damit geht er zu dem Tisch, um den Kerzenstummel anzuzünden.

"Das brennt doch an!" warnt der andere.

"Ich pass' schon auf."

"Ich sag' dir, das Zeug brennt wie Zunder."

Ungerührt zündet der Herr des Feuers die Kerze an. Dann geht er wieder zu seinem Platz zurück.

Andächtig betrachten die beiden das Stillleben. Aus Richtung des zerbeulten Mantels sind plötzlich Geräusche zu hören.

"Ich dachte, der schläft."

"Iss wohl aufgewacht."

Es hört sich so an, als würde der in der Ecke den Schleim in seiner Nase hochziehen.

"Ey! Bei Erkältung Nasivin!"

Der in der Ecke schluchzt.

"Ey Mann! Wassn los?"

"Mein Papa ist tot!"

"Schlimme Sache!" flüstert der Fragende mitfühlend.

"Schon lange?" erkundigt sich sein Nachbar.

Der in der Ecke schluchzt nur.

"Mensch, trink mal 'n Schluck. Das hilft!"

"Hab' ja nichts mehr", schluchzt es aus dem zerbeulten Mantel.

"Ach so!" Der Feuermacher greift nach seiner Flasche, geht zu dem Schluchzenden und füllt sie zur Hälfte in dessen Flasche um. Dabei bildet sich unter ihm eine ansehnliche Pfütze. Als er fertig ist, drückt er dem anderen die halb aufgefüllte Flasche in die Hand.

"Bruder?" fragt er feierlich.

Seine Flasche mit der einen Hand hochhaltend, fasst er den Schluchzenden an der Schulter. Der fährt sich mit der Hand unter der Nase vorbei und stößt dann mit seinem Gönner an, ohne aufzustehen. Nachdem sie getrunken haben, nehmen sie wieder die frühere Sitzordnung ein.

"Wir waren so 'ne große Familie früher", seufzt der in der Ecke. Er hat sich jetzt ein wenig beruhigt.

Sie prosten sich zu.

"Mein Opa hat immer die Mandoline rausgeholt an dem Tag", erinnert sich einer der beiden anderen.

"Ich hab' 'ne Mundharmonika dabei", ruft der neben ihm aus.

Er nestelt das Instrument aus seiner Tasche und spielt den Anfang von "O du fröhliche". Der in der Ecke schluchzt wieder. Die Mundharmonika verstummt.

"Meine Mutter hat uns immer die Weihnachtsgeschichte vorgelesen", erzählt der neben ihm. Er besinnt sich kurz, dann rezitiert er, halb in Gedanken: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass …"

"Wer übergab sich?" fragt der in der Ecke.

"Niemand – das geschah da, verstehst du?"

"Was geschah?"

"Warte mal … Es begab sich aber zu der Zeit, dass … dass alle Welt geschätzt wurde …"

"Geschätzt?" echot der neben ihm.

"Das war halt 'ne Volkszählung."

"Scheiß Bullen!"

"Ja, und die beiden, also, Maria und Josef, die mussten sich auch zählen lassen. Und dazu mussten sie in eine große Stadt gehen. Und jetzt war es so: Die Frau ist schwanger. Und wie sie in der Stadt sind, merkt sie plötzlich, dass das Kind kommt."

"Und die Krankenhäuser sind natürlich alle überfüllt."

"Klar. Und in den Hotels sitzen die Bonzen. Also, und die Frau kann kaum noch gehen – wegen dem Kind. Na, jedenfalls rotiert der Mann im Kreis – aber niemand fühlt sich zuständig."

"Logisch! An Weihnachten sind die alle mit sich selbst beschäftigt."

Der andere ist ganz in die Geschichte vertieft: "Also, der Mann rotiert weiter, aber nix geht mehr. Und die Frau jammert zum Steinerweichen, musste dir vorstellen. Und als gar nix mehr zu machen ist, legt sie sich einfach in 'nen Stall und kriegt da ihr Kind."

Der in der Ecke schluchzt wieder: "Denen ist doch ganz egal, wie's einem geht!"

"Aber wehe, wenn sie abgetrieben hätte!" wirft der mit der Mundharmonika ein.

"Aber das Kind lebte", beruhigt sie der Erzähler.

"Unwahrscheinlich!"

"Na, in der Geschichte war's halt so. Und wisst ihr, was das Tollste war? – Das Kind, das war Jesus Christus. Und weil das so war, erscheint plötzlich am Himmel ein Stern. Und wie das die Bonzen sehen, gehen sie hin und liefern lauter Schmuck im Stall ab."

"Wahrscheinlich Glasperlen."

"Davon stand nichts in der Geschichte."

Der neben ihm springt plötzlich auf und fuchtelt mit den Armen. "Ich will die alle hängen sehen, die Bonzen!"

"Nee", wiegelt der Erzähler ab, "das hätte nicht gepasst. Die ganze Stimmung war nich' so … Vielleicht haben die Glühwein zusammen getrunken."

Der andere setzt sich wieder. "Iss aber wahr du, manchmal …."

"Lass man gut sein. Besser, wir trinken noch 'n Schluck!"

Sie prosten sich zu. Der in der Ecke schluchzt wieder: "Wir waren so 'ne große Familie!"

Auf dem Tisch in der Mitte glimmt der Kerzenstummel allmählich seinem Ende entgegen. In dem grellen Neonlicht ist seine Flamme kaum zu erkennen.

Das Bündel

 

Das Bündel liegt direkt auf dem Weg. Wenn man von der Bahnhofshalle aus auf den Bahnsteig einbiegen möchte, kommt man kaum an ihm vorbei – zumal wenn man einen Kofferkuli vor sich herschiebt. Dann müssen die Kofferkulis aus der Gegenrichtung warten, um einen vorbeizulassen.

Wenn es auf beiden Seiten schnell gehen soll und keiner warten möchte, kann es passieren, dass Koffer herunterfallen. Manche stellen deshalb ihren Kofferkuli ab und steigen mit den Koffern in der Hand über das Bündel hinweg. Weil aber das Bündel sehr unförmig ist, kann es dann auch vorkommen, dass man sich darin verhakt und stolpert. Wenn dies geschieht, drehen sich manche noch einmal kopfschüttelnd um, ehe sie weitergehen.

Betrachtet man das Bündel von der linken Seite, so fallen zunächst die beiden unförmigen Klumpen auf, die in zwei zerfurchten, rissigen Lederstücken stecken. Zwei röhrenartig zulaufende Stoffbahnen reichen bis über die Klumpen in den Lederstücken herab. Sie sind zum größten Teil von einem zerbeulten Wollballen verdeckt, aus dem an vielen Stellen einzelne Fasern heraushängen. Das Leder ist von schwarzer Farbe, die Stoffbahnen sind grün, der Wollballen ist schwarz-weiß gemustert. Alles ist von dem grauen Bahnhofsstaub überzogen.

Von dem Wollballen gehen zu beiden Seiten zwei weitere röhrenförmige Gebilde ab, an deren Enden etwas hervorschaut, das wie dicke, schwarz-rote Spinnen aussieht. Oben geht der Wollballen in eine Ansammlung verklebter Borsten über. Auf die Borsten folgt etwas Längliches, das von Kratern und einer markanten Erhebung gekennzeichnet ist. Den Abschluss bilden staubige, vielfach ineinander verknotete Fäden.

Es ist wirklich schwierig, an dem Bündel vorbeizukommen.

Jetzt nähern sich dem Bündel zwei Männer, die ganz in Weiß gekleidet sind. In jeder Hand halten sie das Ende einer langen Stange. Zwischen den Stangen erstreckt sich eine Fläche aus Plastik, die zu etwa drei Vierteln mit Stoff überspannt ist. Am unteren Ende der Fläche liegt eine zusammengefaltete Wolldecke.

An dem Bündel angelangt, setzen die beiden Männer die Stangen ab. Sie bewegen das Bündel ein wenig und betasten es dann vorsichtig. Schließlich fasst einer der beiden das Bündel am oberen Ende des Wollballens an, während der andere seine Hände um die Lederstücke legt. So können sie das Bündel bequem anheben und auf die Fläche zwischen den beiden Stangen legen.

Nun breiten sie die Decke über das Bündel, wobei sie den oberen Teil mit den vielen Kratern und den ineinander verschlungenen Fäden unbedeckt lassen. Danach greifen sie wieder beide nach den Stangen, um das Bündel fortzutragen. Mit dem Bündel zwischen ihnen entfernen sie sich zügig in Richtung der Bahnhofshalle.

Jetzt ist der Weg wieder ohne weiteres passierbar.

 

Endstation

 

Eine junge Frau ist nach einem Gefängnisaufenthalt nicht wieder auf die Beine gekommen. In einem Brief versucht sie, mit einer früheren Freundin Kontakt aufzunehmen.

 

Die Papierkörbe auf den Bahnsteigen waren wieder einmal nicht rechtzeitig geleert worden. Viele quollen bereits über, neben einigen waren bereits kleine Zufallscollagen aus Obstschalen, zerknüllten Taschentüchern und Kaugummipapieren entstanden.

Auch ein paar Reklamefetzen waren von einem der Mülleimer heruntergefallen und drohten nun vom Wind auf die Gleise geweht zu werden. Jemand erbarmte sich ihrer und hob sie auf.

---ENDE DER LESEPROBE---