Haus der Engel - Urs Zingg - E-Book
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Haus der Engel E-Book

Urs Zingg

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Beschreibung

Colin Mackenzie, einst der jüngste und brillanteste Detective Inspector der Kriminalpolizei Edinburgh, findet sich nach einem tragischen Schicksalsschlag am tiefsten Punkt seines Lebens wieder. Als einfacher Streifenpolizist in Falmouth, Cornwall, muss er wieder ganz unten beginnen. Doch dann wird eine Frauenleiche an die raue Küste gespült, ihr Körper geziert von einem meisterhaft gestochenen Vogel-Tattoo auf der Brust. Was zunächst wie ein tragischer Unfall erscheint, entpuppt sich rasch als der düstere Auftakt zu einer Serie von grausamen Morden. Die Wurzeln dieses Albtraums reichen tief in längst vergangene Zeiten zurück, und drohen, Colin in einen Abgrund aus Ohnmacht und tödlicher Gefahr zu ziehen. Wird er die dunklen Geheimnisse lüften können, bevor es zu spät ist?

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MOBI

Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Prolog
1 Absturz
2 Befragung
3 Chaos
4 Dorfschullehrerin
5 Erinnerungen
6 Freiheitsdrang
7 Geldsegen
8 Hinweis
9 Illusion
10 Judas
11 Krake
12 Luder
13 Masslosigkeit
14 Nachricht
15 Opferung
16 Population
17 Qualen
18 Rage
19 Scillonian
20 Trauma
21 Unbarmherzigkeit
22 Verdammung
23 Warnsignal
24 Xanthippe
25 Yin und Yang
26 Züchtigung
27 Adoption
28 Begehren
29 Corpus Delicti
30 Durchbruch
31 Entlarvung
32 Flucht
33 GAU
34 Hölle
35 Inferno
36 Juwel

Impressum neobooks

Prolog

Hinter ihr fiel die schwere Eichentüre ins Schloss. Die Wände hallten wider. Ein Schlüsselbund schepperte. Sie hörte, wie sich die Schritte entfernten.

Danach Totenstille.

Eingekerkert, verloren, nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet, stand sie da. Ihr Herz pochte wild. Sie lauschte. Ihre Augen versuchten, die Finsternis zu durchbohren. Sie kauerte sich auf den Boden, den Rücken an die Mauer gelehnt, die Arme um ihre Knie geschlungen, während die feuchte Kälte an ihren Beinen emporkroch, nach ihrem ausgemergelten Körper griff und sie frösteln liess.

Dieses moderige Verlies tief unter der Erde kannte sie bereits. Genauso wie die früheren Male, wusste sie auch diesmal nicht, was sie falsch gemacht und wofür man sie bestraft hatte. Trotzdem schienen sie immer einen Grund zu finden, mochte der Anlass noch so unbedeutend sein.

Sie musste aus dieser Hölle abhauen, um nicht wahnsinnig zu werden oder draufzugehen. Aber wie sollte sie es anstellen? Nirgends gab es ein Ruderboot. Es hätte ihr auch nicht viel genützt. Die ersten hundert Meter durch die Bucht wären für sie womöglich noch zu schaffen gewesen. Draussen aber wütete der eisige Atlantik und zwischen hier und dem Festland erstreckten sich 28 Meilen aufgepeitschte, tosende See.

Weit oben in der Wand sah sie das Loch, das eine Vorstellung auf eine bessere Welt verhiess. Alles nur ein Hirngespinst; sollte ihr das Undenkbare, die hohe, glitschige Mauer zu durchsteigen, gelingen, stünden als letzte Hürde noch die Gitterstäbe zwischen ihr und der ersehnten Freiheit.

Sie lauschte angestrengt. Draussen schien sich ein Sturm zusammenzubrauen. Der Wind hatte zugelegt, pfiff durch das Loch und liess sie noch stärker frieren. Sie hörte die Brandung, die Wellen, die den Strand überspülten und die Kieselsteine wie Murmeln hin und her schoben. Um einen kleinen Ausschnitt des Himmels zu erspähen, stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen. Dunkle Wolken wurden wie Theaterkulissen vorbeigeschoben. Für einen kurzen Augenblick warf der Vollmond sein Licht, einem Scheinwerfer gleich, durch das Loch auf die gegenüberliegende Wand. Dann sah sie es: Etwas verblichen zwar, an den Rändern ausgefranst, leuchtete dort der rote Abdruck einer Hand, nicht grösser als die ihrige.

1 Absturz

Colin wurde wach und blinzelte in die Sonne. Sie stand tief und hatte sein Zimmer bereits so stark aufgeheizt, dass es darin stickig war. Ungewöhnlich früh für diese Jahreszeit.

Ein langes, arbeitsfreies Wochenende stand ihm bevor. Er drehte sich auf den Rücken, verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und sah zum Fenster hinaus. Nur ab und zu holperte ein Fahrzeug über das Kopfsteinpflaster an seiner Wohnung vorbei. Ein lauer Wind liess die Blätter tanzen und zwischen ihnen hindurch nahm Colin in der Ferne das Glitzern des Wassers wahr. Schiffe segelten an diesem klaren Vormittag aus dem Hafen auf den Ärmelkanal hinaus. Colins Appartement lag in einer Sackgasse im Norden von Falmouth.

Er musste aufstehen, die Wohnung aufräumen, putzen und den Einkauf erledigen, da morgen seine beiden Kinder zu Besuch kommen sollten. Colin las da ein Wäschestück zusammen, räumte dort eine schmutzige Tasse in den Geschirrspüler.

An Weihnachten, also vor fünf Monaten, hatte er seine Kinder das letzte Mal gesehen. Nun hatten sie Schulferien und es war geplant, dass sie eine Woche bei ihm bleiben würden. So viel Zeit hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihnen verbracht. Was sollte er seinen Kindern denn bieten, wenn die Tochter bereits in der Pubertät war und alles doof fand, während der Sohn, der eben erst in der ersten Klasse gestartet war, noch an Zauberer und Feen glaubte?

Amy, seine 14-jährige Tochter, war nicht mehr das zarte, anhängliche Mädchen, das sich früher an Colins Hals klammerte, wenn sie Angst vor den Monstern hatte, die angeblich unter ihrem Bett ihr Unwesen trieben. Ihre unzähligen Plüschtiere waren nach und nach in der Truhe am Fussende zur letzten Ruhe gebettet worden. Einzig ihr Lieblingsstück, Paddington, ein Rauhaardackel mit trüben Knopfaugen, speckigem Fell und kahlen Stellen am Bauch, den sie herumschleppte, seit sie laufen konnte, verteidigte seinen Platz auf ihrem Kopfkissen.

Colins Gedanken wurden durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. Am anderen Ende war Chief Inspector Cooper.

«Hallo Colin, habe ich Sie an Ihrem freien Tag geweckt?» Wie immer, klang der Chief förmlich. Colin ahnte bereits, was folgen würde.

«Tom hat mich eben angerufen, er liege mit Grippe im Bett. Wie so oft sind wir unterbesetzt. Und die nächsten Tage gibt es hohes Verkehrsaufkommen wegen der Feiertage.» Sein Vorgesetzter räusperte sich. Mit festerer Stimme fuhr er fort: «Wir benötigen jeden Mann. Selbstverständlich könnten Sie Ihre Freitage nachholen.»

Colin biss sich auf die Lippen, dachte einen Moment an die zu erwartende Enttäuschung seiner Kinder, sagte aber trotzdem zu. Er war erst seit kurzer Zeit bei der Verkehrspolizei von Falmouth und wollte den Chief in dieser schwierigen Lage nicht hängen lassen. Colin wusste, wie wichtig es war, sich innerhalb eines Teams aufeinander verlassen zu können, einander den Rücken zu stärken und füreinander einzustehen.

Am Nachmittag stand er mit seinem Streifenwagen auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s im Norden der Stadt und beobachtete das dichte Verkehrsaufkommen auf der A39 Richtung Truro. Am Morgen hatte er noch mit Giulia, seiner Ex-Frau, telefoniert. Lange hatte er gezögert, sie anzurufen, da er wusste, sie würde ihm wieder Vorwürfe machen, wie unfähig er als Vater sei, dass ihm sein Job seit jeher wichtiger sei als seine Kinder, und er nicht erstaunt sein müsse, dass seine Tochter Amy sich zunehmend von ihm entfremde.

Er würde zum Gegenangriff ausholen, ihr vorwerfen, wie undankbar sie sei. Er habe mit seiner Rackerei ihr und den Kindern finanzielle Sicherheit geboten. Wie die Bälle bei einem Tennismatch würden die Vorwürfe hin- und herfliegen. Sie würden lauter werden und schliesslich würde Colin das Telefonat beenden. Giulia traf zumeist punktgenau Colins Achillesferse.

Gott, wie er dieses Gezänk hasste.

An diesem Morgen geschah jedoch etwas Merkwürdiges: Colin meinte, bei Giulia ein gewisses Verständnis für seine schwierige Situation herauszuhören. Sie sagte, man könne ja den Besuch der Kinder auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Lewis habe sich zwar auf das Wiedersehen mit seinem Vater gefreut, sie werde es ihm aber erklären. Colin solle sich jetzt auf seine Arbeit konzentrieren und seine berufliche Zukunft nicht wieder in den Sand setzen.

Keine Vorwürfe, keine Szene. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal nach einem Telefonat mit seiner Ex-Frau so gelöst gefühlt hatte. Während er seinen Instant-Kaffee angoss, trällerte er eine Melodie vor sich hin.

Nun beobachtete Colin den trägen Verkehr. Sonst gab es für ihn nichts zu tun und es schien einer dieser Tage zu werden, an denen die Zeit sich wie zähflüssige Lava dahinzog. Sein Magen knurrte. Ausser dem Instantkaffe und einem trockenen Brötchen hatte er heute noch nichts gegessen. Er stieg aus seinem Wagen, schlenderte zu McDonald‘s, wo er die Angebote studierte, kurz zögerte und sich schliesslich einen Cheeseburger bestellte. Es war ihm bewusst, dass er sich gesünder ernähren sollte, dass ihm dieses Junkfood nicht gut bekam. Früher hatte er exzessiv Sport getrieben; dreimal die Woche hatte er gejoggt und regelmässig sein Training im Boxstudio absolviert.

Zu Beginn ihrer Ehe hatten sich Giulia und er einen stillen Wettstreit geliefert, wer die raffinierteren, gesünderen Gerichte auf den Tisch zaubern konnte. Als die Kinder die Phase der Breinahrung hinter sich hatten, wurde aus Mangel an Zeit und Phantasie sowie um die verwöhnten Geschmackspapillen des Nachwuchses nicht zu arg zu strapazieren, vermehrt auf Convenience-Food umgestellt. Die fatale Kombination zwischen fettigem Essen, wenig Bewegung und fortschreitendem Alter hatten bei Colin Hamsterbacken und einen kleinen Bauchansatz entstehen lassen. Seit Längerem hatte er jeglichen Versuch aufgegeben, je wieder an sein früheres Kampfgewicht anzuschliessen. Giulia dagegen schien diese Ernährung nichts anzuhaben. Seit Jahren hatte sie ihre gertenschlanke Figur beibehalten.

Colin setzte sich auf die Motorhaube, packte den Burger aus, sah ihn mit gerunzelter Stirn an und biss, trotz seinen Gewissensbissen, hinein. In diesem Moment knackte es im Polizeifunk.

«Wagen 5, hören Sie mich?»

Colin würgte den Bissen hinunter.

«Hier Wagen 5, ich höre.»

«Hallo Colin», meldete sich Karen Evans vertraute Stimme. Sie schien heute Dienst zu haben. «Ich habe gehört, dass du kurzfristig einspringen musstest. Du Ärmster. Und dies an deinem freien Wochenende.»

«Tja, dafür bot der Chief mir eine saftige Gehaltserhöhung an.»

Sie brachen in Gelächter aus, denn im Präsidium nannten sie den Chief hinter vorgehaltener Hand wegen seines Geizes nur den Schotten.

«Es ist eben eine Meldung hereingekommen. Bei Mawnan, unterhalb der Klippen, hat der Hund eines Spaziergängers eine tote Frau aufgespürt, die dort womöglich im unwegsamen Gelände abgestürzt ist. Könntest Du hinfahren? Der Besitzer des Hundes heisst Walker. Ein Gerichtsmediziner ist unterwegs.»

Colin schlang den Rest des labbrigen Brötchens hinunter und setzte sich hinters Steuer. Mit eingeschalteter Sirene jagte er ein Stück über die A39 und bog dann nach drei Meilen südwärts Richtung Küste ab. Die Strassen über Land wurden enger, kurvenreicher und waren von Hecken gesäumt. Colin fuhr zügig, war aber jederzeit bremsbereit, sollte in einer unübersichtlichen Kurve aus der Gegenrichtung ein Fahrzeug auftauchen.

Das Wetter hatte umgeschlagen. Im Westen zogen dunkle Wolken auf. Böiger Wind liess Staub wie Mini-Tornados über die ausgedorrten Felder tanzen und einer zerfurchten Baumrinde gleich breiteten sich die Äcker bis zum Horizont aus. Im Radio hatten sie Gewitter und Starkregen angekündigt, was für die ausgetrockneten Felder ein Segen gewesen wäre. Colin dagegen hoffte, das Unwetter würde sich noch einen Augenblick gedulden, bis sie die Leiche untersucht und abtransportiert haben würden.

Colin stoppte das Polizeifahrzeug oberhalb der Klippen. Vorsichtig trat er an die Kante heran, hielt sich mit beiden Händen an der Abschrankung fest und blickte hinunter. Am Strand entdeckte er einen Hund, der wie wild hin- und herrannte. Aus dieser Distanz konnte Colin nur schemenhaft erkennen, dass es ein grosser Hund sein musste. Der Wind trug bruchstückhaft Gebell zu ihm hoch. Den Besitzer des Hundes konnte er nicht entdecken.

Vorsichtig stieg Colin den Pfad zwischen den Klippen hinunter. Am Strand sah er eine Gestalt hinter einem Felsbrocken kauern, das graue Haar strähnig und vom Winde zerzaust. Als der Mann Colin bemerkte, pfiff er den Hund zu sich, worauf dieser angeschossen kam und sich zu Füssen seines Besitzers hinlegte. Colin kannte sich mit Hunden nicht gut aus, wusste aber, dass dies ein Irish Setter sein musste.

«Sie müssen Mr. Walker sein», sagte Colin.

«Genau», erwiderte Mr. Walker knapp.

«Dann hat Ihr Hund die Leiche gefunden?»

Der grausige Fund schien Mr. Walker nahezugehen. Sein Gesicht wirkte fahl, die Arme hingen schlaff an seinen Seiten. Während Mr. Walker sich schwerfällig erhob, hielt Colin dessen Arm und stützte ihn.

«Jeden Morgen um dieselbe Zeit drehen wir unsere Runde. Cora liebt es, im Meer zu baden. Heute ist sie aber nicht wie gewohnt schnurstracks in Wasser gerannt, sondern dort drüben hinter den Felsen verschwunden.»

Mr. Walker drehte sich um und deutete auf eine Ansammlung von wie durch Titanen zufällig hingeworfenen Felsbrocken.

«Ich habe Cora gerufen. Normalerweise gehorcht sie aufs Wort. Als sie aber nicht auftauchte und immerfort anschlug, bin ich hingelaufen. Da lag dann diese Tote … Ein schrecklicher Anblick.»

Mr. Walker schnäuzte sich. Colin bemerkte, dass die Knöchel seiner linken Hand aufgescheuert und blutig waren.

«Haben Sie bei der Leiche irgendetwas angefasst oder verändert?»

«Nein, das hätte ich mich nie getraut. Sobald ich die Tote entdeckt hatte, habe ich mich abgewandt und bin hierhergelaufen.»

Colin wollte Mr. Walker den erneuten Anblick der Leiche ersparen und entfernte sich alleine zu den Felsen. Auf dem Weg dorthin sah er überall im Sand Abdrücke von Hundepfoten. Der Hund schien in seiner Aufregung hin- und hergerannt zu sein und den Boden aufgewühlt zu haben. Es würde schwierig werden, hier allenfalls noch verwertbare Fussabdrücke zu finden. Als Colin um einen Felsblock bog, der wie ein Hinkelstein aus dem Sand ragte, stach ihm ein süsslich-beissender Duft in die Nase, den er bestens kannte.

Es war Verwesungsgeruch.

In einer flachen Kuhle, in der das Brackwasser von der letzten Flut grünlich schimmerte, entdeckte er die Tote. Sie lag auf dem Bauch, die Arme verdreht und das linke Bein abgewinkelt. Am Hinterkopf klaffte ein faustgrosses Loch. Die Kleider hingen in Fetzen an ihrem Körper. Ihr rechter Fuss steckte in einem Wanderschuh, der linke dagegen war nackt. Sie wies Hautabschürfungen an den Schulterblättern auf. Die blonden, langen Haare lagen ausgebreitet wie ein Fächer auf dem Wasser und schaukelten auf den kleinen Wellen, die der anschwellende Wind erzeugte.

Womöglich war die Frau bei einer Wanderung gestrauchelt und die Klippen hinuntergestürzt. Colin blickte zu den Felsen hoch. Er beschattete seine Augen mit der Hand, um die Sonne abzudecken, die sich kurz zwischen zwei Wolken durchzwängte. Oberhalb der Fundstelle konnte er jedoch keinen Weg entdecken, der in den Felsen verlief. Anscheinend war die Frau an einer weiter entfernten Stelle abgestürzt und durch die Brandung hierhergespült worden.

Eine kleingewachsene, feingliedrige, rund 40-jährige Frau kam mit resoluten Schritten, die auf eine grosse Energie schliessen liessen, um die Ecke, dicht gefolgt von zwei dunkel gekleideten Herren, die einen Sarg trugen.

«Sie müssen Police Constable Mackenzie sein. Ich bin Dr. Jordan, Rechtsmedizinerin in Falmouth. Dann werde ich mir diese Bescherung einmal anschauen.»

Colin zuckte zusammen. In seiner Laufbahn hatte er bereits zahlreiche Leichen inspizieren müssen, nie hätte er sich aber in einer solchen Situation so flapsig und respektlos geäussert. Für die Ärztin mochte die Tote nur ein seelenloses Studienobjekt sein und ihr unter Umständen den heutigen Tag verdorben haben. Colin dagegen liess die Gegenwart des Todes jeweils einen demutsvollen Blick auf die menschliche Existenz werfen. Jeder Verstorbene hatte einst über einen unbändigen Lebenswillen verfügt: Träume, Sehnsüchte, Hoffnungen hatten diesen Menschen während seines Daseins getragen und ihn zu einem unverwechselbaren Individuum geformt.

Dr. Jordan untersuchte routiniert den Leichnam. Sie sah sich die Abschürfungen an, untersuchte die Gelenke, hob die Haare im Nacken empor. Dann drehte sie die Tote mit Hilfe eines der Bestatter auf den Rücken.

Colin stach sofort die Tätowierung auf der linken Brust ins Auge, nicht grösser als eine Ein-Pfund-Münze: Sie schien einen Vogel darzustellen. Colin wollte sich gerade neben der Leiche niederknien, um das Motiv genauer prüfen zu können, als Dr. Jordan ihn am Arm packte.

«Hände weg!», blaffte sie ihn an. «Sie versauen mir alle Spuren. Sie scheinen wohl noch nie an einem Tatort gewesen zu sein?»

Colin schwieg. Er liess Dr. Jordan im Glauben, er sei ein Greenhorn, was polizeiliche Ermittlungen betraf. Durch die Wirkung das Salzwassers waren die Farben des Tattoos etwas verblasst. Trotzdem erkannte Colin den charakteristischen, rot-schwarz gezeichneten Schnabel und das schwarz-weisse Gefieder eines Papageientauchers. Diese Vögel hatte er als Jugendlicher bei seinen Ausflügen in den Klippen Schottlands oft beobachtet und bewundert. Die Zeichnung war präzise und detailreich, fein ziseliert. Hier hatte ein Künstler gewirkt, der mit absolut ruhiger Hand und ausserordentlicher Kunstfertigkeit die Nadel geführt haben musste.

Auch Dr. Jordan bewunderte die Tätowierung: «Eine Meisterleistung. Da muss ein Könner am Werk gewesen sein.» Nach einer kurzen Pause meinte sie mit einem breiten Grinsen: «Todesursache durch Tattoo-Nadeln können wir dagegen definitiv ausschliessen.»

Colin verkniff sich einen giftigen Kommentar. Diese zynische Ärztin hatte es innert einer Viertelstunde geschafft, seine Laune in den Keller rauschen zu lassen.

Dr. Jordan erhob sich, klopfte den Sand von ihren Jeans, blickte sich um und sog hörbar die Luft ein.

«Ich tippe auf einen Unfall. Die Frau scheint alleine auf einem Spaziergang oder einer Wanderung durch die Klippen unterwegs gewesen zu sein. Muss dann gestrauchelt sein. Ich vermute, sie ist mit dem Hinterkopf auf einen Felsen aufgeschlagen. Bei ihrem Sturz verlor sie offensichtlich ihren zweiten Wanderschuh. Ich denke, sie ist nicht an diesem Ort heruntergestürzt, sondern wurde durch die Strömung hierhergetrieben. Nach meiner ersten Einschätzung muss sie mindestens zwei Tage im Wasser getrieben haben. Genaueres wird aber die Obduktion zeigen.» Sie gab den Bestattern das Zeichen, die Leiche abzutransportieren.

Wenigstens ihre fachliche Beurteilung teilte Colin.

«Ihr Chief wird meinen Bericht spätestens Ende Woche auf seinem Schreibtisch haben». Mit diesen Worten wandte sie sich grusslos von Colin ab und schritt zügig davon.

Es fing an zu regnen. Der Wind blies böig und wirbelte Sand auf. Aus der Ferne oberhalb der Klippen erklang Donnergrollen, das sich schnell näherte. Colin wurde unruhig.

Er wollte sich noch rasch bei Mr. Walker bedanken, dass dieser die Polizei verständigt hatte. Nach wie vor hielt dieser sich am gleichen Ort auf, an dem Colin ihn vor einer halben Stunde zurückgelassen hatte. Das nahende Gewitter schien Mr. Walker nicht zu beunruhigen. Eben warf er Cora ein Stück Schwemmholz ins Wasser, dem diese kläffend nachjagte. Colin fiel auf, dass Mr. Walker das Holz mit seiner linken Hand warf, derjenigen, die, wie er zuvor bemerkt hatte, Abschürfungen an den Knöcheln aufwies.

«Tut’s weh?», wollte Colin wissen.

Mr. Walker schaute ihn verständnislos an. Colin deutete auf seine Hand.

«Ach, die meinen Sie.» Mr. Walker strich sich über die Schürfung. «Heute Morgen habe ich mir zu Hause an einer Wand meine Hand aufgescheuert, als ich den Hund nach draussen liess.»

«Mit so einer Wunde würde ich vorsichtig sein. Diese kann sich leicht entzünden.» Colin schüttelte zum Abschied Mr. Walkers Rechte und stieg zügig den Weg hoch zu seinem Fahrzeug. Als er ins Auto stieg, zuckten über ihm die ersten Blitze und der Regen prasselte horizontal an die Frontscheibe.

2 Befragung

Drei Wochen waren seit dem Leichenfund verstrichen. Colin hatte sich wieder mit den alltäglichen und lästigen Aufgaben eines Verkehrspolizisten in einer Kleinstadt zu befassen. Er hatte Parkbussen verteilt, Geschwindigkeitsmessungen auf den verkehrsberuhigten Quartierstrassen durchgeführt, Radfahrer in der Fussgängerzone ermahnt, vom Rad abzusteigen und, als Höhepunkt, nach einem Diebstahl in einem Lebensmittelladen unten am Hafen, die Inhaberin befragen und sie beruhigen müssen.

Dr. Jordan, die Rechtsmedizinerin, hatte wie versprochen, den Obduktionsbericht der Strandleiche in derselben Woche fertiggestellt. Sie hatte Colin angerufen, er könne den Bericht bei ihr abholen.

Eine Stunde später war Colin durch die Tür des rechtsmedizinischen Instituts getreten. Am Empfang wurde ihm mitgeteilt, Dr. Jordan sei im Augenblick nicht in ihrem Büro, sondern in der Pathologie mit Unterrichten beschäftigt. Er könne gerne warten. Colin hatte keine Lust, untätig herumzusitzen. Er fragte sich durch.

Im Untergeschoss, in einem Labyrinth aus verwinkelten Gängen, spärlich ausgeleuchtet, da ein Teil der Leuchtstoffröhren kaputt war und der andere Teil flackerte und dadurch Colins Schatten auf dem Boden tanzen liess, versuchte er sich zurechtzufinden. Durch diese Gedärme, dieses kalte Ambiente wurden die Menschen, die eines unnatürlichen Todes gestorben waren, auf ihrem letzten Weg in die Rechtsmedizin gekarrt. Schliesslich stand Colin vor einem Saal, der mit Pathologie angeschrieben war. Eben als er klopfen wollte, trat ein Mann im weissen Kittel heraus und sah ihn fragend an.

«Wo kann ich Dr. Jordan finden?», wollte Colin von ihm wissen.

«Sie ist da drin und unterrichtet eine Gruppe von Studenten», erwiderte der Mann, der Assistenzarzt zu sein schien. «Sie dürfen sie aber nicht stören.»

Colin liess den Mann einfach stehen und betrat einen weissgekachelten, kühlen Saal. Dr. Jordan beugte sich soeben über einen Leichnam, männlich, nicht mehr jung, aber doch zu früh aus dem Leben gerissen. Um sie herum standen ein halbes Dutzend angehende Ärztinnen und Ärzte, die meisten mindestens einen Kopf grösser als Dr. Jordan, und folgten konzentriert ihren Ausführungen.

Dr. Jordan blickte kurz auf, als Colin eintrat und nickte ihm zu. Dann setzte sie ihr Skalpell an und öffnete den Körper mit einem präzisen Y-Schnitt von den beiden Schlüsselbeinen schräg zum Brustbein und von dort bis zum Schambein, um an die Organe im Brust- und Bauchraum zu gelangen. Zwei Studenten, kalkig im Gesicht, verliessen überstürzt den Saal.

Colin bestaunte die Fingerfertigkeit Dr. Jordans. Er hatte erfahren, dass sie eine Kapazität auf ihrem Gebiet sei und weitherum bewundert wurde. Man munkelte indessen, dass sie einen anstrengenden Charakter habe und als Vorgesetzte ihre Mitarbeiter bis zum Äussersten antrieb.

Colin hatte schon zahlreichen Obduktionen beigewohnt. Die Atmosphäre, der Geruch und die Geräusche konnten ihm nichts mehr anhaben. Einzig wenn vor ihm ein Kind auf dem kalten, sterilen Stahl des Seziertisches lag, verlor er nach wie vor seine professionelle Distanz. In diesen Momenten verwünschte er seine Arbeit.

Nach der Obduktion standen Dr. Jordan und Colin im Gang vor der Pathologie. Nachdem Dr. Jordan den Kaffeeautomaten mit Münzen gefüttert hatte, spendierte sie Colin einen Becher faden, lauwarmen Kaffee.

«Hier ist der Untersuchungsbericht.» Sie drückte Colin einen Stapel Papiere in die Hand.

Colin begann darin zu blättern.

«Ich hoffe, Sie beabsichtigen nicht, den ganzen Bericht hier zu studieren?», bemerkte Dr. Jordan spöttisch und stemmte die Hände in ihre Hüften. «Wie ich bereits angetönt hatte, schliesse ich Dritteinwirkung bei unserer Wasserleiche aus. Den Rest können Sie später den Akten entnehmen. Ich muss weiter. Lassen Sie mir ihren Chief herzlich grüssen.» Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete sich Dr. Jordan von Colin und war auch schon in einem Seitengang verschwunden.

Der Chief hatte Colin am nächsten Tag zu sich ins Büro gerufen. Sein Dienstzimmer lag am Ende eines langen, düsteren Flurs. Es strahlte die gleiche Schmucklosigkeit und Funktionalität wie das gesamte Polizeigebäude aus, ein Bau aus den 70ern, der dringend hätte modernisiert werden müssen. Die Wände waren vergilbt und die Fensterrahmen blätterten ab, die welligen Spannteppiche waren ausgetreten und verblichen. Colin wagte sich nicht vorzustellen, welche Keime sich in all den Jahrzehnten darin eingenistet haben mussten.

«Colin, setzen Sie sich.» Der Chief bot ihm einen wackeligen Plastikstuhl an.

Colin sah sich um. Das Zimmer wirkte aufgeräumt, aber steril. Ein Holzgestell mit zahlreichen Ordnern ragte bis unter die Decke. An den Wänden hingen Fahndungsplakate. Der Chief, korpulent und kleingewachsen, verschwand fast hinter dem wuchtigen Schreibtisch. Auf der Tischplatte entdeckte Colin den einzigen Hinweis auf das Privatleben des Chief Inspectors: Ein gerahmtes Bild, das eine blonde Frau mit einem aufmunternden, warmen Lachen an einem langen Strand zeigte, umringt von zwei Mädchen, die sich mit Sand bewarfen.

Colin wusste, dass es sich dabei um die Familie des Chiefs handelte. Von seinen Kollegen hatte er erfahren, dass die Ehefrau des Chiefs vor zwei Jahren – nach einer Krebsdiagnose – innerhalb eines halben Jahres verstorben sei. Der Chief habe trotz dieser belastenden Zeit kaum einen Moment im Büro gefehlt. Bereits am Tag nach der Beerdigung sei er wieder zur Arbeit erschienen und habe den Tod seiner Frau danach niemals wieder erwähnt.

«Ich wollte mit Ihnen die Untersuchungsergebnisse der Pathologie besprechen», begann der Chief. «Im Bericht steht, die Tote sei rund 60-jährig gewesen. Sie habe drei Tage lang im Salzwasser gelegen. Ursache ihres Todes bilde eine Schädelfraktur durch einen Sturz aus grosser Höhe. Dritteinwirkung könne ausgeschlossen werden. Der Fundort habe nicht dem Absturzort entsprochen. Bisher habe man die Frau noch nicht identifizieren können.»

Der Chief sah von seinen Akten hoch und schaute Colin nachdenklich an: «Was meinen Sie, ergibt das für Sie einen Sinn? Es ist ja nicht Ihre erste Leiche, die Sie gesehen haben, und Ihre Einschätzung ist für mich wichtig.»

Colin rutschte auf die Vorderkante der Sitzfläche. Er räusperte sich: «Ich denke, Dr. Jordan ist sicher eine fähige Pathologin, die alle Fakten genaustens analysiert hat. Für mich ist es absolut plausibel, dass die Frau beim Wandern im unwegsamen Gelände gestolpert und in die Tiefe gestürzt ist. Durch das markante Vogel-Tattoo wird sich sicher bald jemand finden, der auf unseren Fahndungsaufruf reagiert.»

Kaum hatte Colin seine wohltemperierte Meinung zur fachlichen Kompetenz von Dr. Jordan abgegeben, nervte er sich.

Dr. Jordan ist eine aufgeblasene, zynische Pathologin. Sie blickt auf Menschen herab, die beruflich vermeintlich unter ihr stehen und ihr fehlt einfach das nötige Fingerspitzengefühl Angehörigen von Opfern gegenüber; das wäre die richtige Ansage gewesen. Dies wagte er seinem Vorgesetzten gegenüber aber nicht zu erwähnen. Er spürte instinktiv, dass der Chief grosse Stücke auf Dr. Jordan hielt.

Die Tote hatte weder einen Ausweis noch Schmuck mit Initialen auf sich getragen, anhand derer man auf ihre Person hätte schliessen können. Auch hatte bisher niemand bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Aus diesem Grund war in der überregionalen Presse ein Fahndungsaufruf mit der Beschreibung ihrer äusseren Merkmale veröffentlicht worden. Speziell erwähnt wurde die Tätowierung des Papageientauchers. Zudem druckten die Zeitungen ein Foto des Motivs ab.

Zum Schluss wollte der Chief von Colin noch wissen, ob er sich inzwischen gut im Team eingelebt habe, was Colin, nach kurzem Nachdenken, bejahte. Chief Cooper sah auf die Uhr, bedankte sich bei Colin und führte ihn hinaus.

Einen Moment blieb Colin draussen im Flur stehen und sah gedankenverloren durchs Fenster auf die Segelboote, die im Hafen tanzten und ein farbiges Mosaik bildeten. In diesem Jahr, seit er bei der Verkehrspolizei in Falmouth seine Stelle angetreten hatte, war ihm der Chief, trotz seines knorrigen und manchmal abweisenden Charakters ans Herz gewachsen. Colin hatte ihm einiges zu verdanken. Indem der Chief ihm damals die Chance gegeben hatte, ihn in sein Team aufzunehmen, hatte er Colin vor dem totalen Absturz bewahrt. Bis vor einem Jahr war Colin ein psychisches Wrack gewesen und nahe dran, mit allem abzuschliessen.

Der Telefonanruf zwischen seinem früheren Vorgesetzten Chief Inspector Lloyd und Chief Cooper, die sich noch aus ihrer Ausbildungszeit an der Polizei-Akademie kannten, war, im Rückblick, sein Rettungsanker. Was hatte er sich damals nicht mit allen Kräften gegen eine Versetzung von Edinburgh ans andere Ende Englands, nach Falmouth, gesträubt. Es war für ihn zutiefst demütigend, seine langjährige Anstellung als Detective Inspector bei der Kriminalpolizei mit dem Job eines einfachen Streifenpolizisten in der südenglischen Provinz zu tauschen. Seit er denken konnte, war es sein innigster Wunsch gewesen, ein exzellenter Ermittler zu werden, Schwerverbrecher hinter Schloss und Riegel zu sperren und die Welt dadurch ein wenig sicherer und gerechter zu machen.

Dafür brannte er.

Zuviel war geschehen. Sein damaliger Chef liess nicht mehr mit sich verhandeln und stellte ihm ein Ultimatum; entweder würde Colin dieses Angebot akzeptieren, oder seine Polizeikarriere wäre ab sofort Geschichte gewesen. Am meisten Mühe hatte Colin mit der Auflage, künftig wöchentlich an einer Psychotherapiesitzung teilzunehmen. Nun wollte man ihn also noch zu einem Verrückten stempeln.

Auf die Befindlichkeit seiner Familie hatte Colin dagegen keine Rücksicht mehr nehmen müssen: Seine Ehe war schon länger ein Trümmerhaufen und den Kindern war er seit Jahren kein treusorgender Vater mehr. Wegen jeder Kleinigkeit war er aus der Haut gefahren und hatte sie angeschrien.

Gesundheitlich hatte er sich nach und nach zugrundegerichtet. Er hatte sich die letzten Jahre ausschliesslich von Pommes und Hamburgern ernährt, diese in sich hineingestopft. Zudem trug ihn ein Mix aus Alkohol und Psychopharmaka gerade noch so an der Oberfläche seines täglichen Daseins. Ohne diese Schwimmhilfen, vermutete er, wäre er kläglich untergegangen. Aber wen hätte das gekümmert? Wieso blieb er damals überhaupt am Leben?

Als Colin seiner Frau eröffnet hatte, dass er seinen Job als leitender Kriminalpolizist verlieren und in Zukunft fast 900 km südlich, am anderen Ende Englands leben und wieder als einfacher Streifenpolizist arbeiten müsse, meinte sie nur: «Das ist für uns alle wohl das Beste.»

Giulias Sicht auf ihre gemeinsame Beziehung war seit jeher klar und schonungslos. Sie hatte schon vor langem jegliche Hoffnung aufgegeben, ihrer Ehe wieder neues Leben einzuhauchen. Diese Ausweglosigkeit veranlasste Colin schliesslich, Chief Cooper in Falmouth zuzusagen und seine Koffer zu packen.

Durch einen förmlichen Händedruck hatte er sich von Giulia verabschiedet. Als er vor dem Haus in seinen alten, verbeulten Ford Cortina 2000 GT steigen wollte, vollgestopft bis unter die Dachkante, stemmte sich sein damals fünfjähriger Sohn Lewis schluchzend mit aller Kraft gegen die Wagentüre und flehte ihn an: „Papa, fahr nicht weg, bleib bei uns!“

Zum Abschied wollte Colin seine Tochter Amy an sich drücken, sie aber wich einen Schritt zurück und verschränkte ihre Arme. Als er losfuhr, stand sie wie versteinert da, biss sich auf die Unterlippe und sah mit starrem Blick dem Wagen zu, wie er hinter der nächsten Biegung verschwand.

Colin ging auf Streife durchs Zentrum von Falmouth und spürte in den engen Gassen die Parksünder auf, die, statt nur kurz eins der Geschäfte anzusteuern, ihr Auto zu lange im Halteverbot stehen liessen. Eine Aufgabe, die ihm missfiel. Immer wieder hatte er sich auf sinnlose Diskussionen einzulassen. Colin kannte inzwischen alle Ausflüchte, die vorgebracht wurden - ich wollte soeben wegfahren, meine Mutter ist schwer erkrankt und braucht dringend ein Medikament aus der Apotheke - und sie langweilten und ärgerten ihn.

Colin füllte eben einen Strafzettel aus, um ihn einem rücksichtslosen Jaguar-Fahrer, der mit seinem Wagen gleichzeitig zwei Parkplätze belegt hatte, an die Frontscheibe zu heften, als sein Handy klingelte.

«Hier Chief Cooper. Es scheint, als ob wir einen Treffer gelandet hätten. Ein Mr. Clark aus Truro hat sich gemeldet. Er vermutet, bei der Toten könnte es sich um seine Schwester Ethel Clark handeln. Ich möchte, dass Sie hinfahren und ihn befragen. Trauen Sie sich das zu?»

Colin holte tief Luft. Sein linkes Augenlid begann zu vibrieren. Auf diesen Moment hatte er über ein Jahr lang hingefiebert, sich aber trotzdem davor gefürchtet. Nichts hätte er sich sehnlicher gewünscht, als seine alte Tätigkeit wieder aufzunehmen und zu ermitteln, auch wenn es sich in diesem Fall nur um eine Routinebefragung handelte. Das liebte er und darin war er ein Profi. Er war sich aber nicht sicher, ob er dazu schon wieder bereit war. Sein Therapeut, Dr. Anderson, den er inzwischen nur noch monatlich aufsuchte und zu dem er ein ungeahntes Vertrauen entwickelt hatte, hatte ihm letzthin geraten, es beruflich langsam anzugehen, sich nicht zu viel zuzumuten.

Colin liess sich vom Chief die Adresse des Bruders der Toten geben. Zu Fuss eilte er durch die wenigen Querstrassen zu seiner Wohnung. Dort steckte er seine Dienstwaffe ein, kramte sein Notizbuch zuhinterst aus einer Schublade hervor. Er strich über den Umschlag aus Rindsleder, erschnupperte dessen herben Duft und blätterte in den Seiten, die einen leichten Gelbstich aufwiesen. Er überflog kurz seinen letzten Eintrag, eine grausame Vergewaltigungsserie vor zwei Jahren in Edinburgh.

Er stieg in seinen Ford Cortina und fuhr viel zu schnell aus der Stadt hinaus. Da zurzeit kein Kollege mit Geschwindigkeitskontrollen beschäftigt war, hatte er nichts zu befürchten. Sein Navigationssystem führte ihn auf direktem Weg um den Penryn River herum und über die A39 nach Truro.

In einer beschaulichen Gegend am Rande Truros stoppte Colin seinen Wagen, stieg aus und sah sich um. Gut unterhaltene Cottages duckten sich zwischen Ahornbäumen entlang der Strasse. In den Gärten standen Hortensien in üppiger Blüte. Efeu und wilder Wein rankten an den Fassaden hoch. Hier schienen Leute zu wohnen, die auf der Sonnenseite des Lebens standen, einen gewissen Wohlstand erworben hatten und sich um ihre Zukunft nicht zu sorgen brauchten.

Colin bückte sich an der Eingangspforte, um zu prüfen, ob die Hausnummer mit der angegebenen Adresse übereinstimmte, als sich die Haustür öffnete und ein drahtiger, grossgewachsener Mittfünfziger ins Freie trat.

«Suchen Sie jemanden?», fragte dieser in einem forschen Ton. Er schien es gewohnt zu sein, dass seinen Anordnungen Folge geleistet wurde.

Colin trat nahe an den Mann heran, zückte seinen Dienstausweis und hielt ihm diesen unter die Nase. Prüfend sah ihn sich der Mann an.

«Aha, Constable Mackenzie von der Polizeidienststelle in Falmouth. Sie kommen sicher wegen meiner Schwester.» Der Mann fixierte ihn, trotzdem empfand Colin eine leichte Verunsicherung in dessen Blick.

«Mr. Clark, nehme ich an? Sie haben sich auf den Fahndungsaufruf hin bei unserer Polizeidienststelle gemeldet. Sie sagten, bei der toten Frau handle es sich um Ihre Schwester. Mein Beileid.» Er drückte Mr. Clark die Hand.

Mr. Clark blickte zu Boden und räusperte sich.

«Danke.»

«Sollen wir nicht ins Haus gehen?», fragte Colin. «Die Nachbarn brauchen ja nicht alles mitzubekommen.»

Tatsächlich hatte sich beim Nachbarhaus der Vorhang bewegt und das Fenster wurde einen Spaltbreit geöffnet.

Mr. Clarks Haus war so niedrig gebaut, dass er sich unter dem Türrahmen hindurch bücken musste. Drinnen fielen Colin zahlreiche exotische Kunstgegenstände auf, Tierstatuen aus Ebenholz und Elfenbein. An den Wänden hingen künstlerisch hervorragend gefertigte Skizzen und Aquarelle, die bekannte Motive aus Cornwall zeigten.

Mr. Clark bemerkte Colins Blick: «Diese Skulpturen hat mein Vater von seinen zahlreichen Reisen aus Afrika mitgebracht. Nicht immer legal. Mir bedeuten sie nichts. Aber Ethel, meine Schwester, konnte sich nicht von ihnen trennen.»

«Hatte Ihre Schwester denn bei Ihnen gewohnt?»

«Nein, aber sie hätte laut Testament meines verstorbenen Vaters das Haus erben sollen. Sie plante, in einem Monat hier einzuziehen.»

Mr. Clark knetete seine Hände. Seine Augen blickten gedankenverloren in die Ferne.

«Dann hätten Sie ausziehen müssen?»

«Ja, ich habe für mich bereits ein Apartment in der Stadt gemietet. Wir hatten deswegen gewisse Differenzen und die letzten Wochen kaum mehr Kontakt miteinander. Früher klebten wir wie siamesische Zwillinge aneinander. Als Kinder sind wir uns auf Schritt und Tritt gefolgt. Wir wussten immer, was der andere sagen wollte, bevor er es überhaupt aussprechen konnte. Später, als Ethel für längere Zeit im Ausland gearbeitet hatte oder auf einer ihrer zahlreichen Reisen war, telefonierten wir regelmässig miteinander.»

«War Ihre Schwester oft zu Fuss unterwegs?», wollte Colin wissen.

«Da sie kein Auto besass, legte sie die meisten Strecken zu Fuss oder mit dem Zug zurück. Und fast während jeden Urlaubs war sie irgendwo in England am Wandern. Für ihr Alter war sie fit, trittsicher und zudem vorsichtig. Ich kann nicht verstehen, wie sie stolpern und über die Klippen stürzen konnte.»

«Hatte Ihre Schwester zuletzt noch gearbeitet?»

«Nein. Vor Jahren musste sie ihren Job als Krankenpflegerin an den Nagel hängen. Irgendein nervliches Problem zwang sie dazu. Darüber wollte sie aber nie sprechen.»

Colin kramte in seiner Umhängetasche.

«Wären Sie bereit für die Identifizierung, wenn ich Ihnen ein Foto Ihrer verstorbenen Schwester zeigte?»

Mr. Clark nickte. Er betrachtete lange und stumm das Bild. Colin sah, wie ihm eine Träne über die Wange kullerte.

«Ja, das ist sie, das ist meine Schwester Ethel», brachte Mr. Clark hervor und seine Stimme klang brüchig. Dann betrachtete er das Bild nochmals genauer.

«Merkwürdig: Diese Tätowierung auf ihrer Brust, diesen Vogel, habe ich noch nie an ihr gesehen. Das ist doch ein Papageientaucher? Den hätte man ja sehen müssen, wenn sie ihren Bikini angehabt hätte. Dieses Tattoo muss erst kürzlich gestochen worden sein.»

Er schüttelte ungläubig seinen Kopf und nach einem Moment ergänzte er: «Dabei hatte sie doch panische Angst vor Nadeln.»

Auf der Rückfahrt von Truro nach Falmouth liess sich Colin die Worte von Mr. Clark immer wieder durch den Kopf gehen. Seine Schwester sei eine geübte Wanderin gewesen, die oft zu Fuss unterwegs und sportlich war. Klar wäre es möglich, dass auch erfahrene Berggänger ins Straucheln geraten und abstürzen könnten. Aber der Wanderweg der Küste entlang war sogar für technisch weniger Versierte mühelos zu bewältigen. Und an den exponierten Stellen war der Weg gesichert. Vor ein paar Tagen hatte sich Colin seine Trekkingschuhe angezogen und war nach Feierabend ein Stück des Küstenpfades westlich von Falmouth abgelaufen. Er fand nirgends eine kritische Stelle, wo Ethel Clark hätte stolpern und in die Tiefe stürzen können.

Noch mehr irritierte ihn aber Mr. Clarks Aussage, seine Schwester habe panisch auf Nadeln reagiert. Hatte er nicht erwähnt, dass sie als Pflegerin tätig war? In diesem Beruf musste sie ja täglich Injektionen verabreichen. Da wären ihre Ängste vor Nadeln für die Berufsausübung sehr hinderlich, wenn nicht gar verunmöglichend gewesen. Konnte das womöglich der Grund gewesen sein, dass sie ihren Beruf an den Nagel hängen musste?

Colin war schon am Strand, als er die Leiche inspizierte, aufgefallen, dass die Tote, ausser dem Tattoo auf der Brust, keine weiteren Tätowierungen aufwies. Damals mass er dieser Beobachtung keinerlei Bedeutung bei. Falls Mrs. Clark panisch auf Nadelstiche reagiert hätte, wieso hätte sie sich in letzter Zeit trotzdem eine Tätowierung stechen lassen sollen? Oder hatte sie sich womöglich gar nicht aus freiem Willen heraus zu einer solchen entschieden?

3 Chaos

Colin hatte endlich Zeit, ein paar Ferientage einzuschieben, um seine Überstunden abzubauen. Die letzten Wochen waren aufreibend verlaufen. Drei Kollegen waren kurz hintereinander ausgefallen, zwei wegen einer Magen-Darm-Erkrankung, einer wegen eines Burnouts. Colin und die restlichen Kollegen mussten folglich die Mehrarbeit schultern, was bei Colin zu 40 Überstunden im letzten Monat geführt hatte. Wenn er sich morgens im Spiegel betrachtete, blickte ihm ein fahles, müdes Gesicht entgegen. Sein volles, rötliches Haar und sein Wikinger-Bart schrien förmlich nach Pflege und einem Rückschnitt.

An diesem Morgen hatte er einen Termin beim Friseur um die Ecke vereinbart. Auch mit Giulia hatte er telefoniert und ihr erklärt, dass er kurzfristig freibekommen hätte. Falls die Kinder Lust hätten und noch einen Last-Minute-Flug erwischen würden, könnte er sie mit dem Wagen am Flughafen Newquay abholen und mit ihnen zusammen ein paar Tage verbringen.

Knapp eine Stunde später rief Giulia zurück, dass sie die letzten beiden Plätze für den Flug von Edinburgh nach Newquay, morgen Samstag, erwischt hätten. Die Kinder kämen um 13 Uhr am Flughafen an. Giulia erwähnte noch, Lewis sei vor Freude wie ein Duracell-Häschen in der Wohnung herumgehüpft, als er erfahren hatte, dass er seinen Vater wiedersehen würde. Von Amy erwähnte sie nichts und Colin wagte nicht, sie nach ihr zu fragen.

Geschoren, mit gestutztem Bart, in einem frisch gewaschenen und gestärkten Hemd stand Colin am nächsten Tag pünktlich um 13 Uhr in der Empfangshalle des Flughafens. Die Durchsage teilte mit, man erwarte die Ankunft des Flugs aus Edinburgh mit einer Stunde Verspätung, ohne den Grund zu nennen.

«Typisch British Airways!», ärgerte sich Colin, suchte einen Coffee-Shop auf, und bestellte sich einen Espresso und einen Donut. Er griff sich eine Lokalzeitung und überflog die Nachrichten aus aller Welt, ohne deren Inhalt zu erfassen. Dann schlug er den Lokalteil auf. Ein kurzer Artikel unter Vermischtes erregte seine Aufmerksamkeit.

Unbekannte Waldleiche, stand da in fetten Lettern. Er las weiter: «In der Umgebung von Penzance, in einem Waldstück, sind vor zwei Tagen Kinder beim Spielen auf eine Leiche gestossen. Erste Abklärungen seitens der Polizei ergaben, dass die Frau seit drei Wochen tot sei. Eine Fremdeinwirkung als Todesursache könne nicht ausgeschlossen werden. Es handle sich um eine weisse Frau mittleren Alters. Die Frau trage als auffälliges Kennzeichen ein Vogel-Tattoo im Schambereich. Bitte richten Sie sachdienliche Hinweise an die Polizeidienststelle in Penzance.»

Die Andeutung über das Vogel-Tattoo hatte Colin derart elektrisiert, dass er einen Moment nicht aufgepasst hatte; statt die Espressotasse auf den Unterteller zurückzustellen, fiel sie ins Leere und zerbrach scheppernd auf dem Fussboden. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Er liess alles liegen, packte die Zeitung und verliess eilig das Lokal. Hinter sich vernahm er undeutlich das Gezeter einer Angestellten. Er griff nach seinem Handy und wählte die Nummer seines Vorgesetzten. Dieser meldete sich nach dem ersten Klingeln.

«Hallo Colin, sind ihre Kinder wohlbehalten angekommen?»

«Britisch Airways macht’s wieder einmal spannend. Ich stehe immer noch hier und warte auf den Flieger. Chief, ich brauche Ihre Hilfe. Ich bin da auf etwas gestossen, das unserem Fall mit der toten Wanderin aus den Klippen eine neue Wendung geben könnte.»

Colin las dem Chief die Zeitungsnotiz vor. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen in der Leitung. Dann hörte Colin den Chief tief Luft holen.

«Vielleicht ist Mrs. Clark nicht einfach beim Wandern gestolpert und abgestürzt, wie wir zuerst vermuteten, sondern jemand hat da nachgeholfen.»

«Es könnte sich natürlich um einen Zufall handeln», meinte Colin, «dass innert Kurzem zwei tote Frauen mit Vogel-Tätowierungen auftauchen. Genaueres werden wir wissen, wenn wir die Machart der Tattoos vergleichen können.»

«Sie sollten so rasch wie möglich nach Penzance fahren», sagte der Chief, «und mit der zuständigen Dienststelle Kontakt aufnehmen.»

Das hatte Colin vor. Leider würden in einer halben Stunde Amy und Lewis beim Gate eintreffen, um ihn die nächsten Tage in Beschlag zu nehmen. Er war sich im Unklaren, ob er die beiden ein oder zwei Tage einander selber überlassen durfte, um in Penzance zu ermitteln. Amy war zwar mittlerweile 14-jährig und wusste sich allein zu beschäftigen oder ein Essen zuzubereiten. Bei Lewis dagegen war sich Colin unsicher, ob Amy es schaffen würde, auf ihren sechsjährigen quecksilbrigen Bruder aufzupassen.

Dennoch sagte er dem Chief: «Ich werde am Montag früh nach Penzance fahren. Machen Sie sich keine Sorgen.»

Colin zog sich in eine ruhigere Ecke des Flughafens zurück, um nachzudenken. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und fing an, seine Ideen zu notieren. Sollten die beiden Leichenfunde in einem Zusammenhang stehen, was Colin vermutete, hätte dies bedeutet, dass Mrs. Clark nicht gestolpert und über die Felsen gestürzt wäre, sondern dass jemand nachgeholfen haben müsste. Zuvor hätte ihr aber jemand das Puffin-Tattoo stechen müssen. Dies konnte sicher nicht auf die Schnelle oberhalb der Klippen ausgeführt worden sein. Dazu war die Zeichnung zu filigran und mit zu sicherer Hand ausgeführt. Jederzeit hätte ein Ausflügler den Täter bei seinem Vorhaben entdecken können.

Da Mrs. Clark gemäss ihrem Bruder fürchterliche Angst vor Nadeln hatte, musste sie zuerst gefügig gemacht worden sein, sei es, dass man sie betäubt oder in einem Versteck gefangen gehalten hatte. Hatte man ihr womöglich ein Beruhigungsmittel verabreicht? Dann wären vielleicht bei einer genaueren medizinischen Untersuchung noch immer Spuren dieses Sedativums nachweisbar. Da Dr. Jordan, die Gerichtsmedizinerin von Beginn weg von einem Unfall ausgegangen war, hatte sie offensichtlich diese Möglichkeit zu wenig in Betracht gezogen und darauf verzichtet, danach zu forschen.

Er musste sofort Dr. Jordan anrufen. Ihre Nummer war in seinem Handy gespeichert. Er drückte die Anruftaste. Die Sprachbox sprang an. Colin räusperte sich und sagte dann: «Hier ist Police Constable Colin Mackenzie. Ich wäre froh, wenn Sie mich möglichst rasch zurückriefen. Es gibt neue Erkenntnisse in Fall der Wasserleiche.»

Colin blickte auf seine Armbanduhr: 14:15 Uhr!

Jetzt musste er sich sputen, sonst würden ihn seine Kinder verpassen und im Flughafen umherirren. Er rannte die Rolltreppe hoch, durch die Halle und erreichte das Gate im selben Moment, als er Lewis, seinen kleinen Jungen, Hand in Hand mit einem Teenager, mit kurzgeschnittenen, blonden Haaren durch die Zollkontrolle schreiten und sich erwartungsvoll umschauen sah. Colin musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass es sich bei dem Mädchen um seine Tochter Amy handelte. Beim letzten Treffen vor einem halben Jahr an Weihnachten waren ihre Haare noch schulterlang und tiefschwarz gewesen. Inzwischen war sie wieder ein beachtliches Stück in die Höhe geschossen, so dass Arme und Beine wie die Glieder einer Marionette an den Seiten ihres Rumpfes schlenkerten.

Colin stellte sich auf die Zehenspitzen und winkte über die Köpfe der Menschenmenge hinweg. Lewis entdeckte seinen Vater zuerst, riss sich von seiner Schwester los und sauste wie ein Wiesel zwischen den Beinen der Wartenden hindurch auf seinen Vater zu. Mit einem Freudenschrei stürmte er in Colins Arme. Colin hob ihn hoch und warf ihn in die Luft.

Amy bahnte sich ihren Weg durch die Menschen und kam nur zögernd näher, als ob sie den innigen Moment zwischen Vater und Sohn nicht stören wollte. Colin stellte seinen Jungen auf die Füsse und drehte sich zu Amy.

«Hallo, junge Frau. Du hast dich aber verändert. Fast hätte ich dich nicht wiedererkannt.»

Amy zupfte an ihrem Nasen-Piercing und wippte mit dem rechten Fuss.

«Ich wollte mal einen neuen Look ausprobieren.»

Colin betrachtete seine Tochter einen Moment lang nachdenklich.

«Ich finde, deine dunklen, langen Haare standen dir besser.»

Auf der Rückfahrt vom Flughafen sass Lewis auf der Rückbank und plapperte unentwegt: «Im Rechnen bin ich der Schnellste der Klasse. Ich weiss sogar, dass 23 + 37 50 ähm ... nein ... 60 ergibt. Mrs. Taylor ist die coolste Lehrerin. Wir kriegen von ihr immer einen Tier-Stempel, wenn wir etwas richtig gelöst haben. Mary, meine Banknachbarin dagegen, mag ich nicht; sie stinkt nach Parfum.»

Amy sass vorne neben Colin. Ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sonst war sie in Schweigen versunken und schaute zum Fenster hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft.

«Wie läuft’s denn bei dir im Gymnasium?». Colin versuchte Amys Schweigen zu durchbrechen.

«Ganz o.k.»

«Müsst ihr viele Klausuren schreiben?»

«Es geht so». Dann verstummte sie wieder.

Colin war froh, als in diesem Moment sein Handy klingelte und er seinen Monolog beenden konnte. Er fuhr an den Strassenrand, stoppte den Wagen und stieg aus. Auf dem Display leuchtete Dr. Jordans Name auf.

«Guten Tag, Dr. Jordan. Wir scheinen uns verrannt zu haben. In unserem Fall mit der Toten aus dem Meer gibt es eine neue Wendung.»

Colin berichtete ihr über den Leichenfund in Penzance, dem Tattoo und seine Schlüsse, die er daraus gezogen hatte.

Stille.

«Das verstehe ich nicht; ich habe die Leiche genaustens untersucht und keine Spuren einer Dritteinwirkung entdecken können. Normalerweise entgeht mir sowas nie.»

Colin hatte damit gerechnet, dass Dr. Jordan mauern und niemals einen Fehler zugeben würde.

«Das hiesse», fuhr sie fort, «dass ich mit meiner Einschätzung falschlag und irgendetwas Wichtiges übersehen hätte.»

Colin meinte, einen Anflug von Selbstzweifel in Dr. Jordans Stimme herauszuhören. Er konnte sich aber auch getäuscht haben.

Gefasster fuhr sie fort: «Dann werde ich mir die Leiche nochmals vornehmen. Vielleicht lassen sich ja Hinweise finden, die auf eine Gewalttat hindeuten.»

Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatte Colin vor, seinen Kindern die Küstengegend rund um Falmouth zu zeigen. Er hatte eine zweistündige Rundwanderung über den Küstenpfad geplant. Seine Ankündigung aber löste bei seinen beiden Kindern zwiespältige Reaktionen aus. Lewis strahlte und wollte wissen, ob man auf diesem Pfad Schmugglern und Piraten über den Weg laufe. Er habe das in einem Bilderbuch gelesen. Als Colin dies verneinte und meinte, es gebe aber zahlreiche Vögel zu beobachten, liess Lewis die Schultern hängen und quengelte, dann wolle er lieber zu Hause bleiben und fernsehen. Amy meinte nur trocken, sie habe keine passenden Schuhe dabei, um über Stock und Stein zu latschen. Ihre teuren Sneakers seien ihr dafür zu schade.

Draussen herrschte ein prächtiger Sommertag mit angenehmen Temperaturen, der Massen von Menschen ins Freie lockte. Dem Frieden zuliebe, verbunkerte sich Colin aber mit seinen Kindern in der Wohnung und bestellte Pizzen beim Lieferdienst, während Lewis auf seinem Smartphone ein Game spielte und Amy mit ihren Kolleginnen chattete. Die Tage mit seinen Kindern hatte sich Colin anders vorgestellt. Von Stunde zu Stunde sank seine Laune merklich.