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In einem Forsthaus treffen einander nach fünfzehn Jahren vier ehemalige Klassenkolleginnen und -kollegen wieder. Anna, Marco, Ferdinand und Lea hatten seit der Matura nur wenig Kontakt. Die Freude über das Wiedersehen ist groß, doch rasch schon brechen alte Konflikte auf, zu unterschiedlich sind die Lebenswege der Freunde verlaufen. Nur zögerlich werden Geheimnisse preisgegeben – und bald wird klar, dass hier einer fehlt, um den alles kreist: Max, Annas Ex-Freund, der sich kurz nach der Matura das Leben genommen hat. Marco, der den sadistischen Klassenlehrer für den Tod des Freundes verantwortlich macht, hat das Wiedersehen offensichtlich nicht ohne Hintergedanken geplant. Denn als ein unerwarteter Gast das Haus betritt, kippt das Treffen in die Katastrophe.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
Copyright © 2025 Picus Verlag Ges.m.b.H.
Friedrich-Schmidt-Platz 4/7, 1080 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien
Umschlagabbildung: © Yolande De Kort / Trevillion Images
ISBN 978-3-7117-2158-7
eISBN 978-3-7117-5528-5
Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at
David Krems
Roman
Picus Verlag Wien
Ein wahrer Freund ersticht dich von vorne.
OSCAR WILDE
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Teil II
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Teil III
Kapitel 24
Aus der Entfernung hatte das Haus kleiner gewirkt, doch nun schien es mit jedem Schritt an Größe zu gewinnen. Es waren vielleicht hundert Meter von der Straße bis hier herauf gewesen. Gemächlich hatte Anna das kleine Nadelwäldchen durchwandert und sich immer wieder aufmerksam umgesehen. Bisher war nichts von anderen Besuchern zu bemerken gewesen. Langsam schritt sie über den freien Platz, der sich von dem Eingang des Hauses, das nun direkt vor ihr lag, zu dem Wäldchen hin erstreckte. Auch hier war alles ruhig. Nichts deutete darauf hin, dass jemand zu Hause war. Anna ließ ihre Reisetasche auf den Boden fallen und drehte sich einmal um die eigene Achse. Es war kalt und roch nach feuchtem Laub. Als sie tief durchatmete, blieb ihr Atem für ein paar Sekunden in der Luft hängen. Unter ihren Füßen knirschte der Kies, aus den Wipfeln der Bäume drangen aufgeregte Vogellaute zu ihr herab. Das letzte Aufbegehren vor dem Einbruch der Nacht. Sonst war alles vollkommen ruhig und friedlich. Wäre es nicht so kalt gewesen, es hätte ihr hier gefallen können. Sie stellte den Kragen ihres Mantels auf und klopfte mechanisch die Seitentaschen nach Zigaretten ab. Seit Monaten schon rauchte sie nicht mehr, doch noch immer überkam sie in solchen Momenten diese reflexartige Handlung. Begleitet von einem leisen Fluch hielt sie inne und wandte sich wieder dem Gebäude zu. Neuerlich regten sich Zweifel in ihr. War sie hier richtig? Und wenn sie richtig war, war es dann auch eine gute Idee, hier zu sein? Noch war es möglich, umzukehren. Sie war noch niemandem begegnet, und wenn sie jetzt einfach kehrtmachte, standen die Chancen gut, unbemerkt davonzukommen. Noch einmal zog sie ein kleines Zettelchen aus der Manteltasche und betrachtete die hingekritzelte Adresse. Die Hausnummer war korrekt, daran bestand kein Zweifel. Wie schon unten an der Zufahrt prangte auch hier neben der Eingangstür ein kunstvoll geschmiedeter Achter. Darunter eine Messingtafel mit eingravierter Inschrift: »Haus Waldesruh«. Alles eine Spur zu protzig vielleicht, dachte Anna, steckte das Zettelchen weg und richtete den Blick nach oben. Selbst aus nächster Nähe ließ sich das Gebäude nicht gut einschätzen. Trotz der Höhe von zwei Geschossen plus Schrägdach wirkte es seltsam gedrungen. Der spitze Giebel und das leicht nach hinten versetzte Türmchen mit dem kleinen runden Fenster verliehen ihm etwas Unheimliches. »Psycho in der Obersteiermark«, murmelte Anna und verzog ihren schmalen Mund zu einem leichten Schmunzeln. Im selben Moment bemerkte sie hinter einem der Fenster im Obergeschoss ein mattes Licht. Unbewusst machte sie einen abwehrenden Schritt zurück. War das Licht gerade eingeschaltet worden oder war es der beginnenden Dämmerung geschuldet, dass sie es jetzt erst wahrnahm? Nervös strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und blickte sich nach ihrem Gepäck um. Mit einer raschen Bewegung hob sie die Tasche an und schritt dann zögerlich auf das Haus zu. Vor der leicht erhöhten Eingangstür blieb sie noch einmal stehen und sah auf den Kiesweg zurück, der sie von der Landstraße zum Haus herauf geführt hatte. Der Himmel hinter und über dem kleinen Wäldchen war nun dunkel und es schien, als würde sich die Dämmerung immer schneller zu ihr durchfressen. Auch die Vögel hatten sich nun beruhigt. Einen Moment noch blieb Anna gedankenverloren so stehen, dann drehte sie sich zurück, drückte die Klinke hinunter und schob die schwere Holztür entschlossen nach innen.
Der metallische Klang einer Kuhglocke, die so befestigt war, dass die Tür beim Öffnen dagegen schlagen musste, überraschte Anna und ließ sie kurz zusammenfahren. Von dem Eingangsbereich, den sie nun betrat, war auf den ersten Blick kaum etwas zu erkennen. Durch die kleinen, von Vorhängen abgedeckten Fenster drang kaum noch Helligkeit und der Raum lag im dunklen Zwielicht. Anna schloss die Augen und wartete ein paar Sekunden. Als sie sie wieder öffnete, konnte sie bereits etwas mehr erkennen. Langsam begann sie, mit ihren Blicken das Inventar der Halle zu erkunden: rustikale Möbel, ein schwerer Teppich, an den Wänden Geweihe und Bilder mit Naturmotiven. Alles etwas angestaubt und aus der Zeit gefallen, dabei aber nicht vernachlässigt. Neben der Tür ein Kleiderständer und eine klobige Kommode, die als Vorzimmerablage diente. Darauf eine Schüssel mit Krimskrams, ein Stapel angehäuften Reklamematerials und belangloses Zeug. Das Gebäude war bewohnt, so viel war klar.
»Tritt näher, du bist die Erste!«, hallte es wie aus dem Nichts, und im selben Moment warf eine Glühbirne ihr schummrig gelbes Licht über den Raum. Anna wirbelte herum. Wie war das möglich? Sie hatte niemanden kommen gehört.
»Na, na! Wer wird denn gleich erschrecken«, tönte es nun etwas freundlicher und Anna begriff, dass die Stimme von der Treppe her kam, die sie nun zu ihrer Linken erkannte. Ein junger Mann kam langsam die Stufen herunter und wurde allmählich vom matten Licht erfasst. Er trug Jeans und ein ausgewaschenes schwarz-grün kariertes Flanellhemd, das nicht zugeknöpft war. Darunter ein T-Shirt, das wohl irgendwann einmal schwarz gewesen war und die Reste eines Heavy-Metal-Aufdrucks erkennen ließ. Sein kastanienfarbenes, leicht gewelltes Haar hatte er schlampig zu einem Zopf zusammengebunden, in seinem Gesicht stand ein lichter Dreitagebart.
»Marco! Es ist also tatsächlich wahr!«, entkam es Anna und in ihrer Stimme lag ehrliche Freude.
Marco trat dicht an Anna heran und legte beide Arme um sie. Die beiden drückten einander innig und jauchzten dabei immer wieder laut auf. Nach einer Weile küsste Marco die etwas kleinere Anna auf die Stirn, um sie gleich darauf mit beiden Händen an den Schultern zu fassen und von sich wegzuschieben. Grinsend blickten sie einander an. »Du hast dich kaum verändert«, sagte Marco.
»Du aber auch nicht«, gab Anna zurück. »Als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen. Hattest du dieses T-Shirt nicht schon damals immer an?«
»Gut möglich! Ich bin mir eben treu geblieben!«, lachte Marco.
»Ich kann’s nicht glauben!« Noch einmal jauchzte Anna auf und noch einmal fielen sie einander lachend in die Arme.
»Komm mit!«, sagte Marco schließlich und ging voran. Anna nahm ihre Reisetasche und folgte ihm durch einen schmalen, dunklen Gang, von dem zu beiden Seiten mehrere Türen abgingen. Schließlich erreichten sie einen geräumigen Salon, der an der Rückseite des Gebäudes lag und etwa zur Hälfte aus einem Anbau bestand, der dem ursprünglichen Gebäude wohl erst später hinzugefügt worden war. Ein großzügiges Panoramafenster öffnete den Blick in den Garten, der nun bereits in fortgeschrittener Dämmerung lag. An der Stirnseite des Raumes befand sich ein offener Kamin, über dem der ausgestopfte Kopf eines Wildschweins prangte. Anna erblickte das Tier und musste lachen.
»Was bitte ist das?«, entkam es ihr.
»Na was wohl? Ein Wildschwein.«
»Das sehe ich, aber wer hängt sich so etwas heutzutage noch ernsthaft an die Wand?«
»Na ja, das hier ist eben ein Jagdhaus. Ich denke, die Einrichtung spricht für sich.«
Anna wandte sich von dem Wildschweinkopf ab und sah Marco an.
»Und wem bitte gehört dieses Jagdhaus?«, fragte sie, wobei sie das letzte Wort mit jeweils zwei erhobenen Fingern unter Anführungszeichen setzte.
»Meinem Onkel«, gab Marco gleichgültig zurück.
»Seit wann hast du Familie in der Steiermark?«, fragte Anna ohne allzu großes Interesse.
»Ein entfernter Onkel mütterlicherseits. Ich kenne ihn selbst nicht besonders gut.«
»Und trotzdem überlässt er dir sein Jagdschloss? Da ist ja reizend!«
»Also erstens ist das hier ein Jagdhaus und kein Jagdschloss«, erwiderte Marco etwas unwillig. »Und zweitens ist das nichts Besonderes. Mein Onkel ist schon sehr alt und kommt selbst nur noch selten her. Seit ein paar Jahren lässt er deshalb die restlichen Familienmitglieder das Gebäude nützen. Keine große Sache!«
Anna ließ den Blick langsam durch den Raum schweifen und pfiff dazu leise durch die Vorderzähne. Auch hier bedeckten schwere Teppiche den Holzboden, an den Wänden hingen Bilder mit Motiven der Jagd, gegenüber dem Kamin stand eine Sitzgruppe mit abgewetztem Lederbezug, etwas abseits davon ein grobschlächtiger Esstisch, darauf eine Vase mit verwelkten Wiesenblumen. Ein paar der Blumen hatten bereits Blätter verloren, die nun wie buntes Konfetti auf dem hellbeigen Tischtuch lagen.
»Verstehe! Keine große Sache«, wiederholte Anna höhnisch, als sie ihren Rundumblick abgeschlossen hatte und wieder ihr Gegenüber fixierte.
»Lass den Blödsinn!«, erwiderte Marco. »Erzähl mir lieber etwas von dir! Nach deinem feinen Outfit zu schließen, dürfte es da ja einiges zu erzählen geben.« Marco machte ein paar Schritte um Anna herum und musterte sie mit spielerischer Übertreibung.
Tatsächlich hatte Anna lang überlegt, wie sie sich für diesen Anlass kleiden sollte und sich am Ende für einen betont zurückhaltenden Stil entschieden. Dennoch hätte der Kontrast zu Marco, der wie ein aus der Zeit gefallener Grunge-Musiker aussah, nicht größer sein können.
»Dazu werden wir noch genug Zeit haben«, wehrte Anna ab. »Verrat du mir doch lieber, wer noch aller kommt.«
»Alle!«
»Alle?«
»Alle, die damals dabei waren! Ich habe sie alle kontaktiert und sie haben alle zugesagt. Du warst die Einzige, bei der ich mir bis zuletzt nicht sicher war.«
Anna erwiderte nichts und hielt dem vorwurfsvollen Blick ihres Freundes stand.
»Eine Zusage wäre wohl zu viel verlangt gewesen?«, bohrte Marco nach.
»Ich hatte eine turbulente Zeit.«
»Verstehe! Und deshalb wohl keine Gelegenheit für eine kurze Antwort? Zwei Zeilen und ein Mausklick? Etwa dreißig Sekunden?«
»Es geht nicht um die dreißig Sekunden, es geht um alles zusammen.«
»Sorry, aber das verstehe ich nicht!«
»Musst du auch nicht! Es reicht vollkommen, wenn ich es verstehe.«
»Okay, lassen wir das!«, lenkte Marco ein und rang sich ein Lächeln ab.
»Und wann kommen die anderen?«, fragte Anna trocken und die versöhnliche Geste ihres Gegenübers geflissentlich ignorierend.
»Keine Ahnung. Jeden Augenblick!«
»Dann lass uns in der Zwischenzeit doch einheizen«, schlug sie vor und machte einen Schritt auf den Kamin zu. Sie fröstelte und sie vergrub die Hände tief in den Taschen ihres dunklen Mantels.
»Können wir machen«, willigte Marco ein und krempelte sogleich seine Hemdsärmel hoch. Sein linker Unterarm war fast vollständig von einer kleinteiligen Tätowierung bedeckt, die mit einem breiten Lederarmband abschloss, das er um das Handgelenk trug. Er ging in die Hocke und schickte sich an, das Brennholz aufzustapeln, das neben dem Kamin bereitlag. Anna schloss den Mantel enger um den Körper, zog sich den roten Schal bis übers Kinn hoch und ließ sich auf das Sofa fallen. »Das hier ist alles vollkommen irreal!«, sprach sie zu sich selbst und richtete den Blick gegen den getäfelten Plafond. »Einfach unglaublich!«
»Warte, bis erst alle da sind. Dann wird sich das legen. Es wird alles so wie früher!« Marco sprach über die Schulter, ohne dabei von der Arbeit abzulassen.
»So wie früher …«, wiederholte Anna langsam und es war, als würde sie jedes Wort abtasten. »Wer will das denn bitte?«, fügte sie schließlich so leise hinzu, dass nur sie es hören konnte.
»Verdammt!«, tönte es laut vom Kamin her und Anna fuhr aus ihren Gedanken. Marco hatte sich an einem Streichholz verbrannt. Mit einem Daumen im Mund stand er ihr hilflos gegenüber.
Anna lachte kurz auf. »Immerhin hast du es geschafft«, tröstete sie ihn und nickte in Richtung des Kamins, in dem die ersten zarten Flämmchen loderten.
»Stell das hier lieber weiter weg!«, sagte Anna streng und deutete auf einen Korb mit Papier und leichten Spänen zum Anheizen. »Wenn da Funken überspringen, brennen wir hier noch ab, bevor die anderen überhaupt angekommen sind!«
Tatsächlich dauerte es nur wenige Augenblicke, bis das Feuer zu einer beachtlichen Größe angewachsen war. Nun brannte es schon lichterloh.
Marco machte eine geringschätzige Bewegung, leistete der Aufforderung aber Folge und schob den Korb mit dem Fuß einen guten Meter weiter vom Kamin weg. Wortlos hielt er für ein paar Sekunden seine freie Handfläche gegen das Feuer, das nun bereits deutlich merkbar seine wärmende Kraft in den Raum sandte. Den anderen Daumen behielt er weiterhin im Mund.
»Jetzt setz dich schon zu mir!«, forderte ihn Anna auf. »Ich bin nicht hierhergekommen, um dir beim Daumenlutschen zuzusehen.«
Marco nahm endlich den Finger aus dem Mund, verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen und ließ sich mit einem leisen Stöhnen neben Anna auf das Sofa plumpsen. Als er saß, öffnete er sein Haar, das durcheinandergekommen war und ihm in wilden Strähnen vom Kopf abstand. Als er es wieder ordentlich zusammengebunden hatte, lehnte er sich gemütlich neben Anna zurück. Dicht beieinander blickten sie für ein paar Minuten still in das leise knisternde Feuer.
»Schade, dass Max nicht hier sein kann«, sagte Marco unvermittelt. Anna griff nach seiner Hand, ließ den Blick aber weiter starr auf dem Feuer. »Ja«, sagte sie leise und drückte einmal fest zu.
»Denkst du noch oft an ihn?«, fragte sie nach einer Weile.
»Jeden Tag!«, gab Marco zurück.
Im nächsten Moment erklang im Vorzimmer die Kuhglocke.
Anna war als Erste im Vorzimmer. Mit einem lauten Jauchzer warf sie sich dem jungen Mann, der erst ein paar Schritte in den Vorraum gemacht hatte, in die Arme. »Ferdi! Ich glaub es nicht!«
Ferdinand wusste nicht gleich, wie er auf den ungestümen Angriff reagieren sollte, und wand sich etwas ungelenk unter Annas Umarmung. Er brauchte einen Moment, um die für eine derart überschwängliche Begrüßung notwendige Gelassenheit zu finden. Etwas steif erwiderte er Annas Umarmung.
»Bei mir war ihre Reaktion deutlich verhaltener«, ertönte es von der Seite und Ferdinand drehte sich samt der an ihm hängenden Anna um die eigene Achse.
»Marco!« Ferdinand strahlte über beide Ohren und kämpfte einen Arm frei, den er seinem Freund zum Einschlagen entgegenhielt.
Es klatschte laut, als die beiden Handflächen aufeinandertrafen. Marco gab Ferdinands Hand nicht frei und umarmte nun seinerseits die beiden anderen. Lachend und vor Freude immer wieder kreischend, klebten die drei nun aneinander, als hätte man sie miteinander verknotet. Erst nach einer Weile legten sich die stärksten Emotionen und die Freunde lösten sich allmählich wieder voneinander.
Marco trat an die Tür heran und warf einen Blick ins Freie. Mit einem anerkennenden Pfeifton deutete er in Richtung eines schnittigen schneeweißen Wagens, der direkt vor dem Gebäude parkte. »Sag bloß, das ist deiner?«
Ferdinand nickte wie selbstverständlich. »Klar, wie seid ihr denn hergekommen?«
»Mit dem Zug natürlich«, antwortete Anna, die nun ebenfalls im Türrahmen auftauchte und neugierig den Kopf ins Freie streckte.
»Ist das nicht eines dieser elektrischen Dinger, von denen nun alle sprechen?«, fragte sie.
»Ich weiß zwar nicht, ob alle davon sprechen«, erwiderte Ferdinand mit einem süffisanten Lächeln, »aber ja, es ist ein Tesla, falls du das sagen wolltest.«
»Unser lieber Ferdi, immer noch die Bescheidenheit in Person«, lachte Marco und stieß seinen Freund spielerisch in die Seite. Er klatschte auf einen Schalter neben dem Türstock, woraufhin sich das gelbliche Licht einer Außenlampe auf der Karosserie des Fahrzeugs spiegelte. Mit übertriebener Ehrfurcht trat er an den Wagen heran. »Wie viele Menschen muss man eigentlich betrügen, bis man sich so etwas leisten kann?«, scherzte er.
Ferdinand ignorierte die Bemerkung und stellte sich breitbeinig auf. »Ich hatte mich ein wenig verfahren und schon Angst, nicht herzufinden. Immerhin muss ich mit dem Akku auch wieder zurückkommen. Ladestation gibt es hier ja wohl keine.«
»Hätten ihre Lordschaft die Ankunft per Tesla im Voraus angekündigt, hätte ich schnell noch eine installieren lassen«, spottete Marco und ließ seine Linke langsam über die Motorhaube gleiten. »Raus mit der Sprache! Was genau kostet so ein Spielzeug?«
»Mein Gott, wie langweilig!«, fuhr Anna dazwischen. »Wir werden doch jetzt nicht wirklich über Geld und Autos reden! Lasst uns lieber reingehen, ich erfriere hier noch.«
Kurzerhand packte sie ihre beiden Freunde an den Händen und zog sie hinter sich zurück ins Gebäude. Gemeinsam gingen sie weiter in den großen Wohnraum. Ferdinand schob einen Kabinenkoffer neben sich her, der ihm auf den Teppichen und über die Schwellen immer wieder Probleme bereitete, was er mit leisen Flüchen kommentierte. Der Kamin verstrahlte immer noch wohlige Wärme und Marco legte gleich ein paar Scheite nach. Ferdinand und Anna blieben ein paar Meter abseits stehen und blickten einander an. »Ich kann es immer noch nicht glauben«, sagte Anna.
Ferdinand nickte gedankenverloren und blickte sich im Raum um. Er trug einen halblangen beigen Mantel über einem olivgrünen Rollkragenpullover, dazu dunkelblaue Chinos und weiße Sneakers. Sein linkes Handgelenk zierte eine silberne Uhr mit großem Ziffernblatt. Alles wirkte genauso neu wie das blitzblanke Auto vor der Tür. Passend zum perfekt durchkomponierten Outfit war auch sein übriges Erscheinungsbild. Sein hellbraunes, beinahe blondes Haar teilte ein makelloser Seitenscheitel, das Gesicht war spiegelglatt rasiert und glänzte rötlich im warmen Licht des Kaminfeuers. Seine Haltung war stramm, der Körper unter der eng anliegenden Kleidung ließ regelmäßige Besuche im Fitnessstudio erahnen. Begleitet wurde sein gepflegtes Äußeres von einer Duftnote, die vielleicht ein klein wenig zu deutlich hervortrat. Während der Schulzeit war Ferdi jemand gewesen, der seine eigene Linie noch nicht gefunden hatte und sich unentschlossen an unterschiedlichen Stilen versucht hatte. Damit schien es nun ein für alle Mal vorbei zu sein. Unsicherheiten waren zumindest äußerlich keine an ihm zu erkennen.
»Und das hier?«, fragte er und ließ den erhobenen Zeigefinger kreisen.
»Das Jagdschloss seines Onkels«, sagte Anna betont trocken. »Sorry! Jagdhaus, meine ich natürlich.«
»Was für ein Onkel?«
»Ein entfernter«, gab Anna zurück, als wäre die Rede von einem ihrer eigenen Verwandten. »War mir auch neu, aber ist doch egal! Hauptsache, wir haben es nett hier!«
»Davon könnt ihr ausgehen!«, schaltete sich Marco ins Gespräch ein und stellte sich neben den beiden auf. »Und damit dem auch wirklich so ist, würde ich vorschlagen, gleich darauf anzustoßen!«
Er trat an einen überdimensionierten Globus heran, der ein paar Schritte entfernt stand, und imitierte eine Fanfare, an deren Höhepunkt er die obere Hälfte der Weltkugel schwungvoll nach hinten kippte. Das klobige Möbelstück erwies sich als Bar, aus der Marco, begleitet von weiterem Getöse, sogleich eine Flasche hervorzauberte.
»Ich glaub es nicht!«, jauchzte Anna und trat näher. »Diese Dinger gibt’s also wirklich. Ich kenn so was nur aus Filmen.«
Ferdinand fischte drei Gläser von einem Servierwagen und platzierte sich auffordernd neben Marco. »Was haben wir denn da Schönes?«, wollte er wissen.
Anna umkreiste immer noch fasziniert die Globus-Bar. »Mein Gott, wie stillos! Bestell das deinem Onkel, wenn du ihn das nächste Mal siehst. Wo kauft man so was? In der Baumarktabteilung für verarmten Landadel?«
»Hauptsache, es erfüllt seinen Zweck«, meinte Marco und begann, die Gläser zu befüllen. »Der Whisky hier scheint jedenfalls ganz in Ordnung zu sein.«
»Danke, aber für mich nicht!«, wehrte Anna ab und erntete dafür sofort skeptische Blicke.
»Was soll denn das bedeuten? Da sehen wir uns zum ersten Mal seit Jahren und du willst nicht mit uns anstoßen?«, empörte sich Ferdinand.
»Nichts gegen euch, aber ich versuche in letzter Zeit, weniger Alkohol zu trinken!«
»Da schau her, wer hätte das gedacht?« Marco reichte ein Glas an Ferdinand und warf Anna einen gekünstelt strengen Blick zu. »Hätte mir das vor fünf Minuten jemand gesagt, ich hätte ihn ausgelacht.«
»Jetzt mach keine große Sache daraus«, winkte Anna ab und gab sich sichtlich Mühe, nicht verkrampft zu wirken.
»Na ja, eine Überraschung ist das allemal«, brachte Ferdi vor. »Es ist ja nicht gerade so, dass man dich früher zweimal hätte fragen müssen …«
»Ihr könnt ja gerne trinken, ich hab gar kein Problem damit«, bemühte sich Anna die Situation, die plötzlich etwas angespannt war, zu überspielen. »Im Moment hab ich halt keine Lust. Ich stoße dann vielleicht etwas später mit euch an. Dann, wenn wir komplett sind.«
»Mir soll’s recht sein!«, rief Marco und bewegte sein Glas in Richtung seines Freundes. Ferdinand hielt dagegen, und das dumpfe Klacken der beiden dickwandigen Gläser löste die Spannung.
»Scheiß auf den Globus!«, tönte Ferdinand enthusiastisch, als er den ersten Schluck gemacht hatte, »der Whisky ist jedenfalls in Ordnung!«
»Ist das so?«, fragte Marco skeptisch und verzog den Mund.
»Okay, okay! Etwas malzig vielleicht, aber gut gereift! Ich würde sagen, mindestens zehn Jahre im Eichenfass und …«
»Mein Gott, was für ein Snob ist aus dir geworden!«, unterbrach ihn Marco schroff. »Du fährst einen fabriksneuen Tesla, kleidest dich wie ein Schnösel, der auf lässig macht, und gibst mit deinen Whisky-Kenntnissen an!«
Obwohl Marcos Tonfall eher angriffig als scherzhaft klang, blieb Ferdinand betont gelassen. Die spontanen und emotionalen Ausbrüche seines Freundes waren ihm noch in guter Erinnerung und er wusste, dass man sie nicht übertrieben ernst nehmen musste. »Du hast mich doch gefragt. Ich dachte eben, du wolltest mit mir fachsimpeln.«
»Fachsimpeln? Ich? Du spinnst ja! Ich glaube, ich hab soeben zum ersten Mal in meinem Leben Whisky gekostet, der nicht vom Diskonter stammt und ohne Cola serviert wird. Die ganze Show hab ich doch nur wegen dem blöden Ding hier inszeniert.« Mit einer raschen Handbewegung ließ Marco die obere Hälfte der Weltkugel zurückfahren und schloss damit die Globus-Bar mit einem überraschend heftigen Knall. »Ich glaub, ich geh in die Küche und hol mir ein Bier. Das ist mir lieber als das elitäre Zeug hier.«
»Deine Entscheidung!«, meinte Ferdinand knapp und zuckte mit den Schultern.
»Nichts für ungut«, meinte Marco und klopfte Ferdinand versöhnlich auf den Rücken, als er an ihm vorbeiging und den Raum verließ.
Anna und Ferdinand blickten Marco kurz nach und sahen einander dann an.
»Ich weiß gar nicht, was er hat. Der Whisky ist wirklich gut!«, sagte Ferdinand und hob das Glas prüfend gegen das Licht.
»Lass ihn doch!«, winkte Anna ab. »Du kennst ihn, er hat sich eben nicht geändert. Ganz offensichtlich ist er immer noch der Kindskopf, der gegen alles und jeden rebellieren muss.«
»Nur dass das nicht wirklich passt, wenn man dabei im Jagdschloss eines Onkels residiert.«
»Jagdhaus!«, korrigierte Anna streng und beide lachten auf.
Anna ließ sich wieder auf dem Sofa nieder, Ferdinand schlenderte durch den Raum und sah sich weiter um. Nach einer Weile nahm er auf der Seitenlehne des Sofas Platz. Das Glas mit dem Whisky balancierte er lustvoll in seiner Linken. Er gab ein stimmiges Bild ab und fügte sich vortrefflich in das Ambiente des Raums. Anna lächelte ihn an.
