Hausarrest im Schneckenhaus - Hieronymus Immergrün - E-Book

Hausarrest im Schneckenhaus E-Book

Hieronymus Immergrün

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Beschreibung

Es gibt Geschichten, die aus der Nähe wie Katastrophen aussehen Aus der Ferne wirken sie wie Komödien Hausarrest im Schneckenhaus Alles reine Nervensache - Erzählungen Hieronymus Immergrün hat's erlebt. Seine Stories, seine Kurzgeschichten, sind authentisch. Es beginnt damit, als sich seine früheren Schulkollegen bei Klassentreffen outen. Die Mehrzahl hatte sich unwiderruflich für die metallurgische Berufslaufbahn hinter Fabriktoren oder für Verwaltungslaufbahnen in endlosen Korridoren voller Beamtenschmierseife entschieden. Als die dann auf der Suche nach botanischem Beistand für ihre verlausten Gummibäume bei Hieronymus Immergrün auf der Matte standen, war für diese Ficus-Freunde bereits alles zu spät: "Wird er durchhalten, lässt sich noch was machen?" "Schmeiß ihn weg. Bei anderen ja, da könnte noch was draus werden. Bei dir wird das nix mehr. Du weißt in wie vielen Sekunden der Daimler von 0 auf 100 ist, aber du kannst den Löwenzahn nicht vom Gänseblümchen unterscheiden. Deine Hände kommen erstmals mit der Erde in Berührung, wenn zwei Monate nach deiner eigenen Beerdigung dein Sarg unter der Last der Erde über dir zusammenbricht….", waren seine wiederkehrende Worte. Hieronymus Immergrün lebt im Szenenwechsel seiner Episoden, global und wieder regional. In einer amüsanten Art hält er unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Kurzweilig durchleben Leserinnen und Leser menschliche große und kleine Katastrophen. Und er vermittelt dabei historisches Wissen. Seine Aphorismen und Zweideutigkeiten, die Ironie und die Rationalität einer leidenschaftlichen sprachlichen Verknappung sprechen Bände. Selbst seine Allgemeinplätze lösen Lesezwang aus.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Was Sie in diesem Buch nicht finden:

Die todsicheren Tipps gegen Schnecken

Aber :

Die Anzeichen für einen bevorstehenden Schneckenangriff

Hieronymus Immergrün

Hausarrest im Schneckenhaus

www.tredition.de

© 2014 Hieronymus Immergrün

Titelfoto: Englischer Garten Köln

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-8485-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Prolog

Klassentreffen

Der Geburtstagsmuffel

Der Gmeundseber

Hausarrest im Schneckenhaus

Verkümmernde Wurzeln

Lichtjahre und Sekundenschlaf

Das Federnlassen

Traumstände

Prolog

Der Rote Boskoop

W

o denn noch, in aller Welt, soll irgendein Grund dafür zu finden sein, der es rechtfertigt, all das Gefühlte, das Erlebte und seine innersten Gedanken dazu in Handarbeit zu Papier zu bringen und dort auszubreiten? Zu keinem Zeitpunkt schien es mir ratsam gewesen zu sein, mich zu outen. Nirgends und niemals! Auch dann noch nicht, als mich der benachbarte Psychoguru über den Gartenzaun hinweg aufzuklären versuchte. Er meinte damals, dass doch einmal ein Zeitpunkt kommen könnte, ab dem man sich im Rückblick wünschen würde, die Gedanken über ein Leben, über manch gelungene Momente und Erfolge, die später vielleicht wieder äußerst zweifelhaft erschienen, über Mitmenschen, über Glücksgefühle und Leidenswege zurückverfolgen zu können. Er hatte in seinen Professuren die Menschheit in dutzenden von Büchern in seine Schubladen gezwängt, zu Workaholics, Süchtigen und Phobianern erklärt. Zweifellos musste ich mir eingestehen, dass mich, resultierend aus Kindheitserfahrungen heraus, jeder Zahnarzttermin wochenlang zuvor in Panik versetzte. Mein Verhältnis zum Finanzamt konnte nur als labil bezeichnet werden. Jeder Stopp am Zebrasteifen vor diesem Gebäude zwang mich zum Wegschauen zur anderen Straßenseite. Aber schien der Herr Professor nicht in jedem Lebenden und Verblichenen einen, möglicherweise untherapierbaren, potentiellen Patienten zu erkennen? Welcher Schublade hatte er mich zugeordnet? Nichts überzeugte mich. Hatte vielleicht er nur deshalb der Menschheit seine Klischees aufgesetzt, um sein eigenes Verhältnis zu dieser zu relativieren, aus eigener Ratlosigkeit heraus seine Bücher geschrieben? Ungläubig hörte ich ihm zu. Konnte er Wasser von unten nach oben fließen lassen? Letztendlich mochten es die, in die gleiche Richtung gehenden Worte meines Hinterhofkellerfrisörs gewesen sein, die mir zu diesem Thema vernünftig genug erschienen waren, um Vorsätze über Bord zu werfen. Amadeus, hatte sich aus meinem Zeitmangel heraus breitschlagen lassen, mir in seinem Reich der Barbierkunst mit viel Gefühl und Augenmaß außerplanmäßig mein Haupthaar samt Bart, an einem Winter-Sonntagmorgen zu stylen. Üblicherweise schnitt er seinen „Privatkunden“ ansonsten das Haar in seinem behäbigen Friseurstuhl der 60er Jahre abends. Denn hatte er zuvor seine erste „Halbe“ getrunken, so schien er eine ruhigere Hand, für seine, für mich lebensgefährliche Arbeit, mit Schere und Kamm und seinem unheimlichen Ausrasiermesser zu haben. Als Vollprofi wusste er, was Handarbeit wert war. Mit einer akribischen Detailversessenheit legte er stets einen faszinierenden Haarschnitt hin. Und doch hatte er mir jüngst, aufgrund meiner Vorhaltungen gestehen müssen, dass er die, früher bei mir geschaffte 10-Jahres-Verjüngungskur, mittels seines genialen Haarschnittes, auch nicht mehr hinbekomme. Meine Haare waren längst grau geworden. Die Jahre seien auch durch die Arbeit des Frisörs bei mir nicht mehr zu verschleiern, meinte er. Allein mit seinem eigenen Haarschnitt haderte er unablässig. Zeit seines Lebens habe er für sein eigenes Haupt keinen vernünftigen Frisör gefunden. Ihm schwoll der Kamm, so erklärte er mir, wenn er schon sehe, wie die „Kerle“ die Schere und den Kamm zueinander ansetzten.

Nachdem er mir dann im Weggehen erzählt hatte, welch prominente Kundschaft sich bei ihm, in seinem Keller, zum Haarschnitt die Klinke in die Hand gab, reifte langsam in mir der Glaube an ihn und zum Umdenken. Diesen Prozess des langsamen Umdenkens, verglich ich mit der langsamen Reife der selbstfruchtenden, zum Erntezeitpunkt zunächst noch grünen, ledrigen, süßsauren Winteräpfel vom Baume der historischen, aromatischen Sorte „Roter Boskoop“. Jährlich konnte ich den Vorgang des langsamen Verfärbens beobachten. Ihren Reifeprozess schlossen sie sehr spät, stets erst im Winterlager, mit dem Erreichen ihrer dunkelroten Färbung zur Genussreife ab. Sie brauchten einfach auch mehr Zeit als andere.

War nicht jeder, der solche Zeilen bis hier her gelesen hatte schon weiter gekommen, als viele andere? Viele hörten vielleicht bei der Überschrift schon zu lesen auf. Vielleicht lasen sie noch ein paar Sätze, dann war Schluss. Warum stiegen sie so früh aus? Glaubten sie schon zu wissen, was noch kommen würde? Natürlich ist fast jeder von uns im Stande einen Kriminalroman zu lesen. Wenn er einigermaßen gut geschrieben ist, wissen wir am Ende wie die Leiche hieß und wer sie umgebracht hatte. Ein Marcel Reich-Ranicki hatte in einem Anflug von Höflichkeit einst über die Qualität von Büchern geäußert: „Von 100 Büchern, die erscheinen, sind 98% schlecht. Das 99ste ist schwach. Und beim 100sten sind wir unsicher. “ An Warnungen meiner Freunde hatte es auch nicht gemangelt. Ich hatte mich für ein Thema begeistert. Ich hatte viel Mühe in all diese Worte und Sätze gesteckt. Es war ein dramatischer Kampf mit den Worten am Schreibtisch, bis der Ton eines Textes und die Melodie einer Geschichte gefunden war. Jahr um Jahr hatte ich mit meinen Erzählungen gerungen, ehe sie endlich erscheinen sollten. Diese Begeisterung wollte ich doch an ein paar Leser weitergeben. Vollständig. Wer ein Buch weiterempfahl sollte es doch auch gelesen haben. Ich wusste es: Gott sei Dank lasen meine Leser, einmal im Buch angekommen, mein Geschriebenes noch bis zum Ende. Die Vernunft sollte eine Chance bekommen. Wie konnte ich das, was ich mit dem täglichen Wahnsinn durch litten hatte, mit Worten unsterblich machen, wo lag die Halbwertzeit solcher „Drucksachen“?

Menschen, die ich nur oberflächlich gekannt hatte, von denen ich es nie erwartet hatte, schütteten beim Anblick der grünen Jacke ihres „Gärtners“, ihres Botanikers, unbewusst einen Teil ihres Innersten bei mir aus. Immerhin konnte ich ihnen erklären, warum bei ihnen nichts wächst und warum auch in Zukunft niemals etwas bei ihnen wachsen konnte. Ich versuchte sie mit der Aussage darüber hinweg zu trösten, dass es mir in der heimischen Küche ebenso erginge, wie ihnen im Garten: „Mir werden die Kaffeebohnen beim Kaffeekochen niemals weich. “ Das war das einfachste Gleichnis für sie in ihrer und mich in meiner Situation. Durch herausgekehrte eigene Fehlleistungen entstanden Leutseligkeiten, die zeitweilig in die Nähe von Beichtverhältnissen führten. Moralisten und grüne Demokraten, begnadete Weltflüchtlinge und kultivierte Außenseiterinnen versteckten und verwirklichten sich zwischen Primeln und Phlox, Wiesen und Weiden.

Nach einer versteckten Danksagung für eine erlebte Episode, glaubte ich einmal im Auge meines Gegenübers eine Betroffenheit zu erkennen. Mit einer verlegenen Bemerkung, dass nur unkenntlich Gutes Erwähnung in meiner Schreiberei finden würde, versuchte ich diese zu zerstreuen. Musste ich nicht einen Akt der Bücherverbrennung in Erwägung ziehen, ja verhindern? Schließlich konnte es eine heikle Angelegenheit werden, lebende Charaktere darzustellen. Sollte an eine Publizie-rung erst nach deren Ableben zu denken sein? Vielleicht wäre sonst alles umsonst gewesen? Wie konnte ich das, was sich in schlaflosen Nächten in mir aufgestaut und da auch seine Niederschrift gefunden hatte, retten? Ich wollte einfach nur literarische Denkmäler setzen.

Von den Erwartungshaltungen meines Umfeldes geprägt, fühlte ich zunehmend, dass ich, gleich einer Dampflokomotive unter Volldampf, aber immer mit angezogener Handbremse feinfühlig agieren musste. Sollten erzählte Episoden und geistige Ausdünstungen des Empfundenen ein Stuhlgang der Seele werden? Vielleicht wenigstens doch der Gesellschaft etwas unter den Rock schauen? Der Schriftsteller Max Frisch umschrieb seine Sichtweise dieser Art: „Jeder Mensch erfinde sich eine Geschichte, die er irgendwann für sein Leben halte.“ Ein anderer Philosoph umschrieb den Zustand mit den Worten: „Wir konstruieren eine Geschichte von uns selbst aus den Rohmaterialien Sprache, Erinnerung und Erfahrung. Wenn Selbstfindung Selbsterfindung ist, dann sind wir alle Dichter“. Ich schrieb aus der eigenen Ratlosigkeit heraus. Schließlich ging ich damit in der Verlagsbranche klinkenputzen und schlug mich durch.

Was war von den Erinnerungen aus der Zeit der Kindheit geblieben? Die bescheidenen Verhältnisse einer Flüchtlingsfamilie der Nachkriegszeit blieben Maßstab. Kamen damals die Verwandten zusammen, so wurde stets besonders fett gekocht, um den angewachsenen Wohlstand durch die Zahl der Fettaugen, die in der Suppe schwammen, zu dokumentieren. Als die Zweifel an diesem Speiseplan in mir wuchsen, schien es bereits zu spät gewesen zu sein. Sollten diese Fettaugen dann wirklich am Herzinfarkt des Vaters eine gewisse Mitschuldgetragen haben? Waren die Erzählungen früherer Generationen wirklich glaubhaft, so müssen es die Stresshormone vergangener Zeiten gewesen sein, die unsere Vorfahren abgehärtet hatten und zur Evolution beitrugen. Jeder Getreidebauer verfuhr doch Jahrtausende vor uns zur Saatgutgewinnung aus seiner Ernte nach der gleichen Methode: Er öffnete die Scheunentore um einen starken Durchzug zu erzeugen. Er ließ das geerntete Getreide vom oberen Tennenstock auf den darunterliegenden Boden herab rieseln. Die Spreu wurde vom Luft zug weit zur Seite mitgetragen. Die schweren, hochwertigen Getreidekörner zur weiteren Saatgutverwendung fielen dagegen senkrecht nach unten. Sie waren das, was im heutigen Sprachgebrauch als zertifiziertes Saatgut bezeichnet wird. Die nur leicht abgedrifteten Körner gingen in die Mühle und wurden zu Mehl zermahlen. Die Spreu trennte sich somit vom Weizen. Zu jeder Auswertung der Ernte gehörte jedoch auch die Vision, wie viele Anteile in der Mühle zermahlen und schließlich verzehrt werden konnten und durften. 10% der zu mahlenden Frucht fiel üblicherweise für den Müller für seine Leistung ab, der in seiner Mühle auf einem luftigen Hügel am Ortsrand arbeitete und lebte. Wie viel Saatgut sollte zur Zukunftssicherung, für die Aussaat im nächsten Jahr notwendig sein? Der Durchzug des Windes durch die Tenne bestimmte die Selektion. Der Jahresverlauf bestimmte die Nuancen. Der Bauer schaute zum Himmel und lebte mit der Natur. Die Naturgesetze lebten in seinem Instinkt. Nicht das Getreidekorn allein, durch seine Schwere suchte sich seinen Platz. Es wurde ausgesucht Der Bauer könnte der Herrgott gewesen sein. Der Wind stellte sich in den gesellschaftlichen Strömen dar, in die ich hineingeraten war. Die Unzahl der Getreidekörner Mensch, die in Form von Mitmenschen und Zeitgenossen auch an mir vorbeitröpfelte, floss und strömte ergaben das Mosaik und das Gesamtbild Mensch. So etwa sah ich im Rückblick das Leben als das Getreidekorn Mensch. Aber haben die alten Bauernregeln und Weisheiten noch Gültigkeit?

Ich liebe Geburtstagsfeiern. Stundenlang könnte ich auf solchen Veranstaltungen herumsitzen. Weil ich sonst nichts Anderes zu tun habe. Anlässlich eines Geburtstagsessens identifizierte mich meine Schwester, die mich ja wirklich kennen muss. Sie erkannte in mir ein Gesinnungschamäleon. Es war erschreckend gewesen. Selbst wenn sie Recht hatte, durfte ich das jemals hier in diesem Kreise zugeben? Mein Blick wanderte durch die Runde. Ein unbestimmtes Feuer musste in ihr gebrannt haben. Verdeutlichte dieser Tag unsere Ansichten übereinander? Ich fühlte mich an eine Historie erinnert, in der Raubtiere in der Bühnenkunst nur eine einzige dramaturgische Funktion hatten: Als Show-Stopper. Blickte ich 2000 Jahre zurück, ins antike römische Kolosseum, so endete eine Aufführung spätestens stets dann, wenn der Löwe den Christen gefressen hatte. Ich saß auf Kohlen. Gab es wahrlich nichts Nützlicheres, als sich das alles anhören zu müssen? Nichts erwartete ich von dieser Inszenierung sehnlicher, als dass irgendjemand endlich die Löwen herein lassen würde! Wie konnte ich dieses Martyrium verkürzen oder an mir vorbeigehen lassen? Wann würden die Erkenntnisse der Schwester zur Bedeutungslosigkeit verblassen? Als sie im jungerwachsenen Alter im zweiten Anlauf in die Fremde gezogen war, hatte sie mich damals resignierend gefragt, wie ich das mit dem Vater bloß aushalten könne. Für mich galt es als abgemachte Sache, dass nicht sie, nicht ich und nicht er, unser Vater, den Zeitpunkt des Generationenwechsels in seinem Unternehmen einleiten würden, sondern ein angeblich „Wohnsitzloser da oben“, der über uns schwebte. Sie konnte mit den Apfelbäumen, die der Vater gepflanzt hatte nichts anfangen. Sie sah nicht die roten Äpfel, die jährlich reiften. Ihr Maßstab war das Brennholz, das das Stammholz eines Tages liefern würde.

Ohne Vorankündigung vollzog „der da oben“ den Generationswechsel dramatisch. An einem Montag um dreiviertel 8 Uhr rief mich die Mutter hilfesuchend an. Mit dem Vater sei etwas Entsetzliches passiert. Er wand sich vor Schmerzen und erklärte mir, dass er sein Ende nahen fühlte. Seinen Herzinfarkt überlebte er, aber er läutete diesen Generationenwechsel ein. Vor der schweren Herzoperation, als sein Überleben in Frage stand, führte er mit mir ein bemerkenswertes Gespräch, in dem er mir Ratschläge für den Geschäftsalltag erteilte. Weitgreifende Visionen formulierte er nicht mehr. Er glaubte an sein nahes Ende. Längst wusste ich, was ich zu tun hatte. Seine Wissensübertragung hatte nie in langen Vorträgen stattgefunden. Als sein Tischnachbar und Kofferträger hatte ich alles Brauchbare, Erfolg und Misserfolg aus seinen Gesprächen auf allen Ebenen herausgezogen, aufgesogen und fortentwickelt. Von ihm unentdeckt war ich längst zum Autodidakten mutiert.

Die knapper gewordenen Stunden der Einsamkeit entwickelten sich zur Triebfeder, immer und überall auf greifbarem Beschreibbarem Notizen zu machen. Auf einer Wanderung über schroffe Felsen und einsame Strände hatte ich mich eines Tages dazu verleitet, wegen einer Magenverstimmung, zur medizinischen Prophylaxe im Rucksack einen kleinen Flachmann „Brandy“ als Proviant einzupacken. Später stellte sich heraus, dass der Verschluss der Flasche reiseuntauglich undicht gewesen war. Einige der abgelegten, damals brandygetränkten Handschriften, die irgendwann

auf meinem unordentlichen Schreibtisch herumlagen, alarmierten eine unautorisierte „Lektorin“, die diese geheiligten Blätter einmal in Händen halten durfte. Sie fügte die wirklich völlig überflüssige Randnotiz an, dass auch Hemingway seine besten Werke im Suff geschrieben habe. Von einem befreundeten „Jungautoren“ wusste ich: Wenn jemand in deine Wohnung kommt und deinen Schreibtisch sieht, sagt er mit großen Augen: “Ah, hier entsteht also alles!“ Im Zweifelsfall musst du als Autor Alltagsroutine vortäuschen, die ins Erwartungsmuster des anderen passt. Und eigentlich willst du antworten: Nein, es entsteht auf dem Bett oder auf dem Klo!“

Wie sollte und konnte ich damit umgehen? Wie sollte ich mich künftig den Fragen zu meiner Identität stellen? Wäre ein Selbstbekenntnis „ich bin ein Sünder“ ein weiser Gesprächseinstieg gewesen?

Klassentreffen

Kleingeld, Kaugummi und Kondome

I

ch fühlte mich schlecht. Waren es Stunden, Tage, oder waren es Wochen? Wie ein Kirchenmann, der im Dunkeln über seinen Zweifeln schwitzt, hatte ich Momente, in denen mein Glaube wankte und beinahe in sich zusammenfiel. Dann fragte ich mich: Bin ich wirklich gläubig oder war ich es überhaupt jemals? Hätte das Ganze wirklich noch schlimmer kommen können? Waren die Erkenntnisse einer Wissenschaft über den Beginn des Lebens für die Gefühle der Menschen in Wirklichkeit schon bedeutungslos geworden? Karikierten die Erklärungsversuche aller Theologen dieser Welt die Diskussion des Protestanten mit seinen Kollegen anderer Konfessionen nicht bereits alles ganz anders? Er jedenfalls verkündete publikumsnah: „Das Leben beginnt mit der Geburt“. Ein katholischer Kollege korrigierte ihn in der Lehre des Vatikans: „Das Leben beginnt mit der Zeugung!“ Ein Rabbi erklärte eine Sichtweite eines „Lebensbeginns“ ganz anderer Art. Vielsagend bewegte er den Kopf hin und her. Er sah das Erdenleben mit seinem zweideutigen Einspruch süffisanter: „Läben beginnt, wenn Kind aus dem Haus und Hund tot“. Was mochte es sonst noch zwischen Himmel und Erde geben, das ich noch nicht kannte?

Es dauerte, bis die Fluten der Skepsis in mir vom Realismus verdrängt wurden und ich klarer sah. Blickte ich mich in meinem Leben um und in ihm zurück, so entdeckte ich, dass ich von da an jeden Tag neu zu leben begonnen hatte, als ich anfing, selbständig zu denken, als ich begann, mich aus den Fängen von Vordenkern zu befreien. Wann hatte ich meine eigenen ersten Fallen gestellt, um andere von meinen Ideen zu begeistern? Während der Schulzeiten genoss ich doch ein sorgloses Leben mit ungebrochener Konzentration auf das vor mir Liegende. Es war die Zeit des eingebettet seins in eine, manchmal verhängnisvolle Vatergläubigkeit. Einem kleinen Unternehmen der Eltern schenkte ich wenig Bedeutung, zweifellos stets in dem Bewusstsein, dass mein Lebensweg möglicherweise doch eines Tages vorherbestimmt sein konnte. Gab der Vater mir damals eine Arbeit auf, die mir keinen Spaß machte – und welche Arbeit machte schon Spaß, wenn Freunde draußen warteten, so verkroch ich mich, sobald er mir den Rücken zukehrte. Stellte er mich später zur Rede, so antwortete ich ihm auf kritische Fragen emotionslos, dass man nicht gleichzeitig lernen und arbeiten könne

Als ich, entgegen zahlloser gutgemeinter Empfehlungen und durchaus brauchbarer Schulnoten, das Kapitel Schule mit 16 erleichtert selbstbestimmt abschloss schienen die Würfel gefallen. Es reichte. Die Schule war nicht mehr mein Ding. Der Lehrkörper autoritär überzogen. Wie und wo konnte sich ein begabter Mensch bloß von der entsetzlichen Büffelei dieser Schuljahre erholen? Obwohl der Schauplatz jetzt wechselte, hielt die Befreiung aus dem Gefühl des Fremdbestimmtseins nicht lange an. Warum musste der Vater für den Start seines Sohnes in eine berufliche Ausbildung ausgerechnet im Gärtnereibetrieb eines potenten Kunden eine Lehrstelle herausgeschlagen? Lange zuvor hatte er im Stillen meine Zukunft durchgeplant. Dieser Mensch sollte seinen Junior reif fürs Leben machen. Noch deutete nichts auf irgendetwas Beunruhigendes Hin. Der Körper vom Leistungssport gestählt und diszipliniert hielt durch. Ich verstand die Regeln des Sports. Doch dieser Lehrmeister hatte anderes mit mir vor. Warum hatte mich niemand vor dieser neuen Welt gewarnt? Hatte man das schlicht und einfach vergessen? Das Leben mit seinen Ansichten änderte sich in diesem Würgegriff schicksalhaft. Obwohl diese Epoche nur ein Job auf Zeit war erschien sie mir unendlich. Dieser Mann ersparte seinen Azubis gar nichts. Keiner hatte eine Chance seinen Vorstellungen von Arbeit, Arbeitszeit und zweifelhafter Arbeitssicherheit zu entkommen. In seiner Schreckensherrschaft flößte er, selbst noch wenn er lobte, jedem Furcht ein. Seine fünf Lehrlinge wohnten unter einem Dach auf dem Betriebsgelände in Sichtweite seiner Chefetage. Unsere Vorstellungen vom Leben schnitt er uns aus dem Leib und pflanzte dafür seine Duftmarken in unser aller Gehirn. Wir nannten ihn den „Sklaventreiber“. Mir war nach Flucht.

Wollte ich nach diesen Lehrjahren damals wirklich als überzeugter Sozialist mit Sympathien für einen bärtigen Revoluzzer nach Lateinamerika ziehen? Hatte uns die globale Marke, „Genosse Che“ derart inspiriert? Den 19. Geburtstag eines Freundes hatten wir in einer stillgelegten Tankstelle an einem Autobahnzubringer begangen. Im Geiste sah ich mich, in dem Glauben, unsere Welt im Griff zu haben, zusammen mit meinen gleichaltrigen Leidensgenossen auf gepackten Koffern sitzen. Einzelgängertum, kühle Arroganz, zärtliche Gelassenheit gegenüber den absurden Wendungen des Lebens? Wir versuchten die Sätze anderer zu covern. Wurde dazwischen das erste Mal das Ich zum Wir? Folgte mir eine Frau, mit der ich um ein Haar ein „kleines Monster“ in die untergehende Welt gesetzt hätte? In den Großstädten des westlichen Europas übten sich Demonstranten im Farbbeutelwerfen. Sie lebten in Turnschuhen, um im Demonahkampf durch Schnelligkeit bestehen zu können. Die Dinger waren zum Symbol des Protests geworden. Im Nachhinein schienen auch wir erkannt zu haben, was das Drama vieler begabter Männer geworden war. Die Welt hatte letztendlich und trotzdem keine angemessene Verwendung für sie gefunden. Wir hätten sie retten können, verändern, in ein Paradies verwandeln, aber man ließ uns nicht. Das Einzige, was uns offen stand war der Versuch, hin und wieder ein wenig Sand ins System zu werfen. Es waren die Zeiten von Kleingeld, Kaugummis und Kondomen. Wir waren von Ahnungslosigkeit geschlagen gewesen und bereit unter Brücken zu schlafen.

Den Jugendvisionen folgten zwanghaft erdrückende Beratungen. An deren Ende stand nach reiflicher Überlegung, trotz aller Erfahrungen, schweren Herzens die Beerdigung des Lateinamerika-Weges auf dem Friedhof der Illusionen. Musste ich vor mir selbst erschrecken? War ich nicht furchtbar leichtsinnig geworden, als ich in den Weg hin zum Kapitalismus einbog, in den Weg, der mich zu einer Selbstausbeutung führen konnte? Als sich die Systemdebatten in immer bizarrere Höhen schraubten, hieß es anfangs nur, der „Kapitalismus“ – so die marxistische Bezeichnung der Marktwirtschaft - diene allein den Interessen des „Kapitals“. Er habe versagt und sei von der Politik an die Kandare zu nehmen. Kapitalismus - war das schließlich nicht auch permanente Revolution? War das eine zeitgenössische Form des Widerstandes, die kleine Sabotage im universellen Verblendungszusammenhang? Schade, dass einem diese Resistance kaum jemand dankte. Abschiedssymphonie – gleich einem Orchester, das sich auflöste, der Klang wurde dünner, am Ende war niemand mehr da. Es war paradox. Irgendwann wollte ich für den eigenen „Laden“ schuften, auch wenn dies möglicherweise unsägliche Entbehrungen mit sich brächte. Wie lange würde ich das durchhalten? Knapp ein Jahr vielleicht? Wäre es ein gutes Gefühl gewesen, wenn man sich sagen konnte, dass mehr in einem steckte als ein Mittmacher?

Mehr als 30 Jahre vergingen, bis sich die fünf Ehemaligen, in einer, der in Erinnerung gebliebenen Kneipen wieder trafen. Beim Durchzählen waren wir vollzählig. Entsetzt stellten wir gegenseitig an uns fest, dass wir unglaublich viel von diesem Mann damals übernommen hatten. Manches hatten wir uns zwar längst wieder abgewöhnen müssen. Wir waren als Unternehmer und einem Garten-park-Manager, eines über Europa verteilten Chemieclans, wieder nahe des damaligen Tatortes, dieser Gärtnerei, gestrandet. Durch die alten Gewächshäuser hatte längst der Wind gepfiffen. Scheiben waren zertrümmert und nicht mehr repariert worden. Das Gelände verunkrautet und verödet. Der Generationswechsel war gescheitert. Aber was hatten wir aus den Brutalitäten unseres früheren Lehrmeisters gelernt? Hatten wir begriffen, wie aus einer Fischsuppe ein Aquarium entstehen konnte? Hatten wir auch gelernt, dass es in diesem Aquarium des Lebens von Bodenfischen, von Oberflächenfischen und, weiß Gott wie vielem, schwimmfähigem Getier wimmelte? Jeder hatte etwas Anderes entdeckt. Für jeden war der Job zum Lebensmittelpunkt geworden. Die Wellenlängen hatten sich durch Lebenserfahrungen verschoben, die Augenhöhen stimmten noch. Hätte dieser Abend nicht eine Wiederbelebung der ruhenden Vergangenheit werden sollen? Er wurde zum Räumungsverkauf unserer Erinnerungen. Glich er einem letzten Abendmahl ohne den Judas, der sein Leben zwischenzeitlich ausgehaucht hatte? Ob wir uns jemals wiedertreffen würden? Die Biographien wurden ergänzt. Wo mochten die alten Tische aus dieser Kneipe, unter denen einst unsere Kaugummis geklebt hatten, gelandet sein? Wer wollte noch über das Thema Kondome sprechen? Aus dem Kleingeld von einst waren Summen geworden. Wir sprachen über berufliches Engagement, nicht über Freizeitstress. Die Zukunft lag uns am Herzen. Jedem auf seine Weise. „Wo war da noch mal was zu holen gewesen?“ lauschte Einer den Worten des Anderen.

Unter dem erwartungsvollen Begriff „Berufsberatung“, einer wirklich wichtigen Veranstaltung im Leben eines Jugendlichen, waren wir einst in die Mühlen eines Pflichtprogramms bei Mr. Arbeitsamt geraten. Konnten die zwei Schlipstypen, die sich damals in kurzem Vorstellungsritual vor mir gestrafft hatten jemals die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen? Sie waren mir unheimlich unwissend vorgekommen. Woher hätten sie auch wissen sollen, dass bei mir Beratung überflüssig geworden war? Hätten sie aber bei ihrem Job, den sie mit professionellem Gehabe vollführten, nicht wenigstens etwas von „Götterplänen und Mäusegeschäften“ ahnen müssen? Einer hatte mir die alles entscheidende Testfrage zur Berufsfindung gestellt: „Kennen Sie den Unterschied zwischen keck und frech“? Sofort ahnte ich, dass sich diese Frage auf meinen Vorgänger auf diesem Stuhl beziehen musste, der sich möglicherweise danebenbenommen hatte. Ich bemühte mich lammfromm zu wirken und antwortete ihm teilnahmslos, dass ich da keinen Unterschied kenne. Der Eifer der beiden mündete in übereinstimmendem Blickkontakt, in dem einer für mich entschied. Er füllte einen Bogen aus und machte mir verständlich, dass es für mich doch das Beste wäre, wenn ich etwas Praktisches lernen würde. Der Umgang mit Menschen liege mir gar nicht. Während ich noch immer den Veranstaltungsbeginn erwartete, teilten die beiden wichtigen Herrn mir mit, dass für mich der Test bereits beendet sei. Tief beeindruckt verfolgte mich dieses Testergebnis durch mein Leben: Wann warst du keck, wann warst du frech gewesen, fragte ich mich täglich prüfend. In welchem Grenzbereich lebte ich, wie oft hatten ich oder Andere peinliche Grenzen überschritten? In welcher Situation war es wirklich erfolgversprechender gewesen einen Freund zu verlieren als eine Pointe auszulassen?

Als ich Wochen später erkannt hatte, dass die Hälfte der Jungs dieser Klasse eines starken Jahrganges Ausbildungen zu Maschinenschlossern antrat, weil die Metallindustrie damals „explodierte“, war es für mich bereits zu spät gewesen. Ich war an jenem Tage der Berufsberatung in das inoffizielle Rekrutierungsbüro der Metallindustrie geraten gewesen. Diesen Metallern war ich entronnen. Hatte sich mein Schicksal verirrt? Mein Drehbuch sah anders aus.

Bei irgendeinem Klassentreffen forschten frühere Schulkollegen, was es mit dem angestaubten beruflichen Exkurs, den ich da durchlaufen hatte auf sich habe. Nein, sie verstanden nichts. Schließlich fragten sie mich, wenn sie mit ihren verlausten Gummibäumen zum Überlebenshoroskop bei mir auf der Matte standen, warum ich mich mit Botanik, mit den natürlichen Abläufen in der atmosphärischen Welt, in Pflanzen und in Böden quälte, wo doch das Leben so schön sein könne. Irgendwann erkundigten sie sich, wie es möglich gewesen sei, einen Betrieb, in einer, für sie so schwer vorstellbar exotischen Branche zum Wachsen zu bringen. Einer der Kollegen, der sein Knäckebrot inzwischen mit schlechtgeschnittenen Klamotten in selbstverschuldeter Selbständigkeit verdiente, versicherte mir mit einem vertraulichen Seitenhieb: „Hättest du was ordentliches gelernt, dann hättest du jetzt keinen Betrieb am Halse“. Er hatte recht. Wäre es sinnvoll gewesen, den anderen Kollegen auszumalen, dass wir zwei im selbstgewählten Hausarrest standen, dass wir lediglich mit Geld bezahlt wurden, während sie sich mit einem 40-Stunden-Teilzeitjob mit Freizeitentlohnungssystem herumdrückten? Hätte ihr medizinischer Sachverstand ausgereicht, um zu begreifen, dass die täglich in einem Selbständigen aufköchelnden Adrenalinschübe bereits dazu ausreichten, auch ohne Chemotherapie schwierigste gesundheitliche Auswüchse zu therapieren und durchzustehen? Wozu waren Klassentreffen überhaupt da? Hatten die Züchtigungsmethoden einer früheren Volksschule mittels Bambusstöckchen zu den später auftretenden vorzeitigen Haarausfällen und Dreitagebärten bei Schulkollegen geführt? Gab es eine Erklärung dafür, warum einige, die schon früher alt ausgesehen hatte, jetzt mit fortschreitenden Jahren nicht weiter gealtert zu sein schienen? Mancher der ewig Jungen schien dagegen jetzt einem unerklärlichen Verfall preisgegeben. Lag das vielleicht nur an einem schlechten Schneider oder an einem zweifelhaften Frisör, denen sie anheimgefallen waren?

Schließlich waren sie alle erwachsen geworden. Schulfreund Paul, der stets den Matheunterricht zu langweilig empfand und ständig Störfeuer gelegt hatte, war Jahrzehnte später in einem Pressereport bei einer New Yorker Unternehmensberatung als CEO aufgetaucht. Manfred der Klassenprimus-Vize hatte bei einer Bank Karriere gemacht und eine Goldgrube entdeckt. Irgendwann hatte er Schecks gefälscht und umgeleitet – und war nach einem „Kuraufenthalt“ wieder als Pizzafahrer tätig geworden. Mein früherer Busenfreund Axel hatte auf die falsche Frau gesetzt. Seine Heike hatte ihn finanziell ruiniert. Ständig sprach er über so ein leeres Gefühl im Geldbeutel. Kamerad Rainer kam seit längerem