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Tone Škrjanec (1953) veröffentlichte 1997 seinen ersten Gedichtband mit dem Titel Blues zamaha (Der Blues des Schwungs), dem noch zehn weitere folgten, der letzte, Nekaj o nas kot živalih (Etwas über uns als Tiere), letztes Jahr. Außerdem gab er zwei Bände mit ausgewählten Gedichten heraus. 2017 erhielt er den Preis Velenjica/Čaša nesmrtnosti (Kelch der Unsterblichkeit) für sein ausgezeichnetes zehnjähriges dichterisches Werk, 2018 wurde sein Band Dihaj (Atme) mit den beiden wichtigsten slowenischen Preisen für Dichtung ausgezeichnet: dem Veronika-Preis und dem Jenko-Preis. Im Ausland erschienen bislang sieben seiner Gedichtbände (in Polen, Bulgarien, den USA, Kroatien), zudem wurden seine Texte in zahlreiche Anthologien im In- und Ausland aufgenommen und in einen großen Teil der Weltsprachen übersetzt. Er veröffentlichte eine CD mit Gedichten und Musik, Lovljenje ritma (Jagd nach dem Rhythmus) und war an zwei weiteren derartigen Kompilationen beteiligt.
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2021
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II/2021/LIX/154
Tone Škrjanec: Haut
Originaltitel: Koža
© Slowenischer Schriftstellerverband (DSP), 2021
Übersetzung
Ann Catrin Bolton
Übersetzung des Nachwortes
Lisa Rieger
Nachwort
Tina Kozin
Redaktion von Litteræ Slovenicæ
Tina Kozin, Tanja Petrič
Redaktionelle Bearbeitung dieser Ausgabe
Tina Kozin
Sprachliche Korrektur
Blež Božič
Peter Scherber
Titelfoto
DK
Herausgegeben und verlegt vom
Slowenischen Schriftstellerverband (DSP), Ljubljana
Vertreten durch seinen Präsidenten Dušan Merc
1. elektronische Auflage
Ljubljana 2021
https://litteraeslovenicae.si/
ISSN 2712-2417
Preis: 7,99 €
URL: https://www.biblos.si/isbn/9789616995818
Kataložni zapis o publikaciji (CIP) pripravili v Narodni in univerzitetni knjižnici v Ljubljani
COBISS.SI-ID 79909635
ISBN 978-961-6995-81-8 (ePUB)
Tone Škrjanec
HAUT
Aus dem Slowenischen
von Ann Catrin Bolton
Mit einem Nachwort
von Tina Kozin
DRUŠTVO SLOVENSKIH PISATELJEV
SLOVENE WRITERS’ ASSOCIATION
LJUBLJANA 2021
der duft der haut
über die vergänglichkeit
ich spüre schmerz, leid, tod.
der raum voller weicher, warmer körper.
sie lachen nackt, wühlen mit den fingern im kaviar
und beobachten verschneite berggipfel,
die im langsamen vorüberziehen in der sonne glitzern.
ich sitze am fenster und warte auf schnee. er kommt nicht.
doch der abend kommt schon früh am nachmittag.
der see ruhig und reglos wie pudding.
darauf ein paar schwarze enten mit weißen schnäbeln.
alles ist irgendwie silbern, von einem leichten, kühlen gewicht
und schnell. es ist ein paar minuten nach mitternacht.
jeder, der vorbeigeht, berührt mich.
abhängig von wolken
auf einmal ist mir, als bräuchte ich mehr raum.
rundum nur wälder, eine zeitlang sind sie dunkelblau,
dann hellgrün. alles hängt von den wolken ab,
die sich wie große graue seen am himmel hin und her bewegen.
was weiß ich, worüber ich nachdenke, wenn ich scheinbar in gedanken versunken
die füße in das lauwarme wasser des sees tauche
und wie eine haufenwolke ein weißer flauschiger hund vorbeitrippelt.
auf meinem ellbogen landet für einen moment
ein kleiner grüner käfer, um sich auszuruhen.
geschichte
in der nacht regnete es. es gefiel mir, diese dunkelheit
und dieses hohle geschwätz des universums. dann schlief ich ein.
und träumte vermutlich. ich erwachte
mit einem unbekannten geschmack im mund. vermutlich
waren mir gewöhnliche alltäglichkeiten widerfahren,
nur in anderen reihenfolgen,
mit gesichtern, körpern und stimmen, die schon lange in mir
verschwunden sind. wie diese ananas gestern.
wie sie duftete und tränte. auch das abgeschnittene stück salami,
das beharrlich auf dem teller trocknet, ist
teil der geschichte, wie die fliege, die darüberfliegt.
alltäglichkeit
ich blicke auf all das, was hinter meinen augen lebt.
etwas schwarzes, wie ein schwarzer vogel auf weißer haut.
die milch ist fest wie ein haus. sie formt
die hügeligkeit der sozialen landschaft. lippen,
die eine farbige spur am rand einer kaffeetasse hinterlassen.
schlafende krieger an bahnhöfen,
hamburger und stücke von brathähnchen.
das wogen der haut
das wogen der oberen hautschichten
hängt von verborgenen explosionen im inneren ab,
wenn die welt wie große, blutige kiefer
in form einer geplatzten tomate darauf niedergeht,
auf dieses willige, weiche und warme fleisch.
hellbraune hosen auf der haut, dann diese ganze
warme masse des körpers, die sich anspannt,
weiße schuhe, transparente brillengestelle,
brüste, zu einer angefressenen schlange verwoben. sehr kleine
ausschnitte aus dem leben. alte gedichte und lauwarmes bier.
durch diese brille sehe ich schlecht und verzerrt,
doch ich sehe. was ich durch das fenster sehe, ist ganz schwarz.
da ist niemand, der dafür sorgen würde, dass wir ruhig sind.
darum geht es eigentlich. die trüben lichter
dieser erleuchteten fenster. undefinierte,
obgleich wohlbekannte berührungen. wir sind alle sehr ernst
und zuverlässig, wenn wir spielen. alles übrige ist eine schlechte
idee, wie italienische schlager. jedes bein
hat sein ende und seinen namen. dieses hier heißt
anđelina. es ist rasiert und glatt wie ein blatt.
der morgen war nicht geplant
morgens licht, offene fenster
und nieseln im kopf. die erinnerung
an den abend ist zerschlagen wie ein traum.
es war düster, dick wie ein schatten,
alle lichter gelöscht, nur leise geräusche
und das geschmeidige licht des fernsehers
auf nackten körpern.
in einer großen tasse duftet kaffee mit milch,
hotelschlüssel auf dem tisch
zwischen tabakkrümeln.
fremdes, niemandsland.
heute gehen wir auf einen berg,
auch deshalb knabbern wir kekse.
wenn ich sie zum mund führe,
riecht die hand noch immer glatt,
nach fremder haut. in ihr leben noch immer
blinde erinnerungen an
warme haut, momente des zögerns,
flüstern, die fahrt durch die nacht
und an einen weichen körper, in ein frotteehandtuch gehüllt.
ich spreche nicht über träume,
ich erzähle eine alte geschichte
über eine lokomotive, lippen
und konvexe taillen.
über träume spreche ich nicht.
ich stecke mir rote
und orangefarbene orangenstücke in den mund.
füchse
ziemlich ruhig haben wir ganz langsam die zigarette angezündet
und dann jeder für sich,
jeder mit seinem auge,
vorsichtig den horizont abgetastet.
dort waren die ränder eines berges,
felsen und schnee, vermutlich gemsen
und große haufen stille.
wir schlürften dickmilch
und die kälte biss uns in die fußsohlen,
da war auch keith jarret
und die klänge seines klaviers
waren wie unendlichkeit,
die in unendlichkeit tropft.
unsere hände waren zu klein
und die welt zu groß, als dass wir sie
hätten mitnehmen können auf den weg um den see.
irgendwelche unbekannten butterkuchen
am horizont. alles sehr blass
und als verschwände es im himmel.
heute werden wir bretter aufeinanderstapeln,
wie es uns gerade einfällt,
aus purer liebe und völlig ohne system,
nur damit wir sehen, wie lange
sie auf einem haufen bleiben.
und dann sollen sie nur kommen,
die füchse mit ihren leuchtenden augen.
ein loch im himmel
wir müssen schreiben, weil das, was heute kommt,
für morgen gilt. das sanfte sprudeln der rede
verflicht sich mit dem knattern des traktors
zu morgendlicher ambientmusik. nur
für einen augenblick verstummen und lauschen
die vögel, die sich in den riesigen grünen kronen
der bäume rund um unseren hof verstecken.
mädchen reiben duftende öle und cremes
in ihre nackten und überwiegend gebräunten
körper, bis zum letzten härchen, bis zu dem dünnen
streifen, der ihnen in form eines pfeils
in die schamgegend hinabsteigt,
sodass die straffen kurven ihrer kleinen körper
(denen wie von selbst, wie einfache automaten
unsere augen folgen) glitzern wie
beschlagene bierflaschen in der
fernsehwerbung. denn im himmel ist ein loch. zwischen
meinen angezogenen beinen beobachte ich
eine insel. sie ist klein, karg und völlig unbewohnt.
einmal besuchten wir sie mit einem boot.
wir tappten furchtbar vorsichtig über die schroffen felsen
und pflückten einen strauß bärlauch.
krähen und möwen
gestern war ein kühler tag und ein noch kühlerer abend.
von irgendwoher im norden wehte der nordwind. eine junge frau
mit betontem unterkiefer und einer rosa plastikblume
in den haaren schlürft langsam karlovačko bier. ich mag sie nicht sonderlich.
wir sprechen über trauben, feigen, darüber, wie sie vor drei tagen
noch grün und hart waren, über die natur, die nimmt und gibt, und über die krähen,
von denen es dieses jahr fast so viele gibt wie möwen.
den wunderbaren strauch, voller rosa blüten,
zu dem mein blick häufig zuflucht nimmt, erwähnen wir nicht.
der abend vor der nacht
und die nacht vor dem morgen
alles sehr seltsam. dieser grauhaarige felsen. ein stein mit der dunkelgrauen haut
eines faltigen hundes. ganz zahm und weich. der grüne tee mit einem hauch
von wilder minze ist ziemlich bitter. ein vogel, der die ganze nacht gesungen hat. wir wissen,
