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Thomas lebte glücklich mit seiner Lebenspartnerin und der gemeinsamen Tochter im Havelland. Sie hatten ein Haus in einem kleinen Dorf und viele Freunde, mit denen sie gern feierten. Hier und da gab es mal Unstimmigkeiten, aber nichts von Bedeutung. So empfand es Thomas. Bis er eines Tages aus einem Traumurlaub zurück kam und sein Leben wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Wie würde das Leben für ihn und Lucy, seine Tochter, weitergehen? Welche Folgen würden die Ereignisse haben? Konnten sie in ihrem Haus wohnen bleiben? Oder würden sie auf der Straße landen? Fragen über Fragen, für die es zunächst keine Antworten gab. Die Ereignisse überschlugen sich, Thomas geriet in einen scheinbar endlosen Strudel. Bis er einen Plan hatte. Doch würde dieser aufgehen?
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Das Schlimmste ist, wenn du angelogen wirst, aber trotzdem die Wahrheit kennst!
Yalcin Yaman
Thomas lebte glücklich mit seiner Lebenspartnerin und der gemeinsamen Tochter im Havelland. Sie hatten ein Haus in einem kleinen Dorf und viele Freunde, mit denen sie gern feierten. Hier und da gab es mal Unstimmigkeiten, aber nichts von Bedeutung. So empfand es Thomas. Bis er eines Tages aus einem Traumurlaub zurück kam und sein Leben wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Wie würde das Leben für ihn und Lucy, seine Tochter, weitergehen? Welche Folgen würden die Ereignisse haben? Können sie weiterhin in ihrem Haus wohnen? Oder werden sie auf der Straße landen?
Fragen über Fragen, für die es zunächst keine Antworten gab. Die Ereignisse überschlugen sich. Thomas geriet in einen scheinbar endlosen Strudel. Bis er einen Plan hatte. Doch würde dieser aufgehen?
Ein spannender Roman aus dem Havelland.
Foto: Feld bei Friedrichswalde – so sieht es im Havelland an vielen Orten aus
Nun saßen sie hier, beim Notar und verhandelten. Über das, was sie glaubten, dass es bestimmte Werte hatte. Und dabei hatte jeder andere Vorstellungen. Einen anderen Blickwinkel auf die aktuelle Situation, das Leben. Sie, Anja, wollte so viel wie nur möglich für sich dabei herausholen und Thomas regelrecht melken. Nur war da nichts, was zu melken gewesen wäre. Thomas musste seine geleistete Arbeit und seine Investitionen so gut wie möglich verkaufen. Das fiel ihm schwer, denn er war nicht für solche Verhandlungen gemacht.
Aber er hatte Dolores an seiner Seite. Sie war sein Terrier. Sie kämpfte verbissen für seine Zukunft. Sie war knallhart und ließ nicht locker. Aber reichte das aus?
*
Bevor wir zu dem Tag der Tage kommen, an dem die Welt für Thomas regelrecht Kopf stand, blicken wir zunächst in sein bisheriges Leben zurück.
Er war immer der Auffassung, dass er kein langweiliges Leben führte. Er brauchte auch nicht jeden Tag Action.
Vielleicht fangen wir von vorne an. Nicht ganz vorne, also nicht bei seiner Geburt. Blicken wir kurz in seine Kindheit.
Das Havelland im schönen Land Brandenburg ist seine Heimat. Es sind nicht gerade die unendlichen Weiten, jedoch häufig sehr große und weite Flächen. Man kann im Havelland ziemlich weit blicken - über die zahlreichen wunderschönen Felder und Wiesen. Dazwischen prägen große Waldflächen, zahlreiche Seen und Flüsse die Region. Reinald Grebe amüsierte die Bewohner*innen mit seinem Lied „Brandenburg“, doch so trüb und langweilig ist es hier gar nicht, wie er beschreibt. Selbst er hat inzwischen die schönen Seiten Brandenburgs entdeckt, sodass er sogar seinen Wohnsitz in die Uckermark verlegt hat!
Foto: Havel bei Havelberg
Thomas ist im Havelland groß geworden und fand es hier schon immer sehr schön, in dem beschaulichen Ort Gülpe, ca. 80 km vor den Toren Berlins. Hier fühlte er sich wohl. Ein Freund aus dem Süden Deutschlands hatte einmal zu ihm gesagt
>> Oh man, bei euch kann man so wahnsinnig weit gucken! <<
Ja, hier haben die Bewohner*innen keine Berge vor der Nase und sie können schon etwas weiter gucken als die Menschen im Süden. In einigen Regionen sehen sie sogar abends, wer am nächsten Morgen zu Besuch kommt.
Das Havelland ist ein wunderschönes Fleckchen Erde, in dem man an vielen Stellen diese unheimliche Stille und Ruhe genießen kann.
Gülpe ist ein besonderer Ort. Das Dorf wird als das Dunkelste in ganz Deutschland bezeichnet. Die Milchstraße ist hier, im Westhavelland, mit bloßem Auge erkennbar.
Zu besonderen Himmelsereignissen pilgern Astronomen aus der weiteren Welt in diese Region, um Naturereignisse am Himmel beobachten zu können. Grund für die extreme Dunkelheit ist die geringe Besiedlung der Region. Umliegende Kommunen haben nur wenig Geld und schalten daher nachts die Straßenbeleuchtung aus. So können sie Stromkosten sparen. Für Astronomen ist Gülpe ein wahres Paradies. Wenn man Glück hat, können hier sogar schwache Polarlichter beobachtet werden. Auf Grund dieser Besonderheiten wurde Gülpe zum ersten Sternenpark Deutschlands erklärt.
Hier ist Thomas aufgewachsen. Seine Kindheit war eine sehr gute, frei von Ängsten und er konnte in den Tag hinein leben, tun und lassen, was er wollte. Er war relativ unbeschwert aufgewachsen und musste sich nicht viele Gedanken über Morgen oder die spätere Zukunft machen. Er wurde ohne Ängste erzogen. Sein Leben verlief entspannt und sorglos, bis auf ein paar verrückte Jahre in seiner Jugend. Aber alles war harmonisch und er war fest davon überzeugt, ein gutes Leben zu haben. Er konnte sich in Sicherheit wiegen und war zufrieden. Bis zu diesem einen Tag, an dem sich schlagartig alles verändert hatte ....
Doch weiter zu seiner Kindheit. Seine Eltern haben ein kleines Haus mit einem großen Garten. Gleich um die Ecke befindet sich auch heute noch ein großer Wald, in dem Thomas mit seinen Freunden sehr gerne und oft spielte. Ihre Kindheit war unwahrscheinlich schön, denn sie konnten ihrem Leben freien Lauf lassen. Sie waren absolut sorglos. Fast täglich traf Thomas sich mit seinen Freunden. Sie waren oft auf Achse, um ihr kleines Dorf zu erkunden. Niemand ging ihnen großartig auf den Geist oder hatte Dinge von ihnen verlangt, die sie nicht tun wollten. Natürlich gab es Regeln, mitunter auch sehr strenge, die seine Eltern auferlegt hatten. Aber das war völlig okay, denn sie kannten es nicht anders und sind aus heutiger Sicht zu ganz guten Menschen erzogen worden, die in die Gesellschaft integriert waren und ihren sozialen Beitrag leisteten. Die meisten Regeln fand Thomas in Ordnung und konnte sich damit ganz gut arrangieren. Natürlich gab es auch ab und zu Ärger, insbesondere mit seinem Vater, weil dieser wenig Verständnis für Thomas’ gelegentliche Streiche in seiner Kindheit und Jugend hatte. Ab und zu gab es richtigen Stress. Aber das waren die üblichen leichten Differenzen, die man mit den Eltern ebenso hatte.
Ein besonders gutes Verhältnis hat Thomas zu seiner Mutter. Sie hatte vollstes Verständnis für seine Unternehmungen und stand ihm meistens bei, wenn es Ärger mit seinem Vater gab. Aber auch das waren alles Lappalien im Verhältnis zu manch einem Vergehen oder den Straftaten, die sich Jugendliche heutzutage leisteten.
Besonders schätzte Thomas an der Erziehung seiner Eltern, dass sie ihn gelehrt hatten, stets die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls dann, wenn es wichtig und angebracht war. Ein bisschen Flunkern in Notsituationen war erlaubt. Aber es ist absolut wichtig, den Menschen gegenüber, die einem etwas bedeuten, immer bei der Wahrheit zu bleiben. Das hat etwas mit Grundvertrauen zu tun. Leider ist dies heute nicht immer eine selbstverständliche Charaktereigenschaft der Menschen. Daher wusste Thomas es ganz besonders zu schätzen, dass er im Sinne eines wahrheitsbezogenen und vertrauenswürdigen Charakters erzogen wurde.
Es war nicht ganz einfach für ihn, eine berufliche Orientierung zu finden, da er überhaupt keine Vorstellungen von der Arbeitswelt hatte. Thomas wusste lange Zeit nicht, was er für den Rest seines Lebens beruflich machen wollte. So ergab es sich eher zufällig, dass er den Beruf ergriffen hatte, den er heute immer noch ausübt. Er war ein klassischer Handwerker geworden. Da er selbst nicht wirklich wusste, was er werden wollte und Lehrstellen knapp waren, lief die ganze Sache damals so: sein Vater kannte Einen, der wiederum Einen kannte und der wusste, wo man eine passende Lehrstelle für Thomas finden konnte. So wurde er Handwerker für Heizungs- und Sanitäranlagen. Rückblickend schätzte Thomas ein, dass dies eine gute Fügung in seinem Leben war. Er liebt seinen Beruf und kann sich nichts Besseres für sich vorstellen.
Heute ist Thomas Mitte vierzig, geboren in den 70er Jahren, normal groß und kein hässlicher Typ. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat sehr viele Freunde, auf die er sich wirklich verlassen kann und glaubte, ein gutes und sicheres Leben zu führen. Er war fest davon überzeugt, viel erreicht zu haben und sich in Sicherheit wähnen zu können. Doch das war falsch gedacht. Thomas war unvorbereitet und vielleicht in entscheidenden Situationen auch etwas naiv unterwegs gewesen.
Als Thomas kurz vor seinem dreißigsten Lebensjahr war, genoss er es, mit seinen Kumpels viele Feten zu feiern, regelmäßig Party zu machen und auf sehr viele Rockkonzerte zu gehen. Die Welt war so faszinierend für ihn und seine Freunde. Die Musik begeisterte sie, insbesondere außergewöhnliche Richtungen wie Ska, NDW, aber auch die Ärzte und die Toten Hosen. Das waren die Jungs, die ihre Vorbilder waren. Sie wollten unbedingt wie sie sein. Kein Konzert wurde ausgelassen. Jedes Wochenende gingen sie auf Tour. Sie genossen diese Freiheit ohne jegliche Verpflichtungen. Es war eine echt irre Zeit.
Dieses Leben führte Thomas viele Jahre. Die Tage liefen so dahin. Er übte seinen Job aus und abends war Party angesagt. Es war lustig, mit den Kumpels um die Häuser zu ziehen, für nichts Verantwortung übernehmen zu müssen, außer am nächsten Morgen pünktlich zur Arbeit zu erscheinen und einen guten Job zu leisten.
Einer seiner besten Freunde, Kalle, war immer dabei. Beide gingen schon zusammen zur Schule und waren unzertrennlich. Kalle wusste alles über Thomas. Und Thomas über ihn. Sie waren wie Latsch und Bommel. Heute haben beide eigene Familien. Sie sehen sich immer noch sehr oft und unternehmen Vieles gemeinsam. Kalle hatte immer ein offenes Ohr für Thomas und gab ihm gute Ratschläge. Thomas war sehr glücklich, so einen guten Freund in ihm zu haben.
*
Natürlich gab es auch hier und da mal eine Freundin und Thomas war schon immer so orientiert, nicht nur flüchtige Beziehungen aufzubauen. Er wollte eine Frau, mit der er eine langfristige Beziehung führen konnte. Es gab auch die eine und andere längere Beziehung, aber meistens wollten ihn die Frauen in eine bestimmte Kategorie charakterlicher Eigenschaften drängen oder ihn so hinbiegen, dass er voll ihren Wünschen entsprach. Doch nicht mit Thomas! Er hatte seinen eigenen Kopf.
So gab es auch immer wieder Phasen, in denen er längere Zeit ohne Anhang unterwegs war. Darüber hatte er sich jedoch wenige Gedanken gemacht, da er vor seinem dreißigsten Lebensjahr noch keine konkreten Ziele hatte. Thomas hatte das Leben einfach nur genossen.
Als er die dreißig Jahre überschritten hatte, merkte er, dass seine Freunde und er irgendwie erwachsener geworden waren. Ganz besonders fiel ihm dies auf, weil die meisten seiner Freunde eigene Häuser bauten und Vater wurden. In dieser Phase hatte Thomas sich oft Fragen über das Leben und seine Zukunft gestellt. Er überlegte, ob er einmal Vater werden wollte und wie das sein würde? Oder wäre sogar ein Leben ohne Kind besser? Wäre das Leben irgendwie anders? Er hatte zu diesem Zeitpunkt viel über seine Finanzen nachgedacht. Bisher war er mit seinem Gehalt sehr gut ausgekommen, da er niemanden versorgen musste. Thomas malte sich aus, was er alles Schönes mit seinem recht guten Gehalt machen könnte, wenn er keine Kinder und keine Frau hätte? Ihm gingen verschiedene Gedanken durch den Kopf. Wie wäre es, wenn er weiterhin alles alleine entscheiden könnte und nicht auf die Zustimmung einer anderen Person angewiesen wäre? Aber wollte er das wirklich? Und auf Dauer? Das waren Fragen, die ihn mehrere Jahre beschäftigt hatten. Thomas hatte nicht immer Antworten gefunden. Aber die Antworten fanden ihn. Es gab Situationen, die Thomas vor Entscheidungen stellten, ohne vorher wochenlang darüber nachdenken zu können. So entwickelte sich sein Leben in einigen Punkten fast von selbst und er war mittendrin in Lebensphasen, zu denen er lange Zeit zuvor unschlüssig gewesen war. Dadurch sind ihm einige Entscheidungen abgenommen worden. Ob das gut war? Darüber könnte man lange diskutieren. Man kann es aber auch lassen und das Leben so genießen, wie es ist.
In dieser Phase der Unentschlossenheit, wie sich sein weiteres Leben gestalten könnte, machte Thomas sich immer häufiger Gedanken über seine Zukunft. Zu diesem Zeitpunkt hatte er eine Beziehung mit einer Frau, die einige Jahre älter als er war. Thomas stellte sich schon häufig die Frage, ob sie noch ein Kind haben wollte. Das war wohl eher nicht ihr Plan. Nach langem Überlegen wollte er dann doch ein Kind haben, so wie es seine Kumpels hatten. Aber ein Kind wollte Thomas gern mit einer gleichaltrigen oder wenige Jahre jüngeren Frau. Er hatte sich schon überlegt, was es für seine damals ältere Freundin bedeuten würde, wenn sie mit über 40 Jahren ein Kind bekäme, zumal es auch ihr Erstes gewesen wäre. Beide sprachen häufig über ihre Zukunft. Im Ergebnis haben beide gemeinsam die Beziehung beendet.
*
Thomas war wieder einmal am Wochenende auf einer Geburtstagsparty in der Nähe von Rathenow unterwegs. Seine Kumpels hatten schon längere Zeit versucht, ihn mit der einen oder anderen Dame zu verkuppeln. Bisher konnte er sich erfolgreich wehren. An dem Abend war Thomas wieder lustig drauf und hatte auch längere Zeit keine Freundin gehabt. Wenn er ein paar Biere getrunken hatte, war er mitunter sehr gesprächig, im Verhältnis zu den nüchternen Phasen. Im normalen Alltag war Thomas eher der ruhige, um nicht zu sagen maulfaule Typ.
Plötzlich sah Thomas diese eine Frau unter den anderen Partygästen. Sie fiel ihm sofort auf. Sie war jung, schön und genau sein Typ. Rote Haare, nicht zu dünn, mit einem strahlenden Lachen. War das etwa die Frau, von der seine Freunde schon öfter gesprochen hatten? Der Beschreibung nach konnte sie es sein.
Sie gefiel ihm auf den ersten Blick. Sie bekam relativ schnell mit, dass hier ein Kupplungsmanöver stattfinden sollte. Ihre erste Bemerkung über Thomas war
>> Der ist doch viel zu jung. <<
Seine Freunde klärten sie auf. Thomas sei sogar ein Jahr älter als sie. An dem Abend wurde ihm wieder einmal bestätigt, dass er sich doch relativ gut gehalten hatte. Als geklärt war, dass er doch nicht der Jungspund war, den sie in ihm vermutet hatte, nahm er noch einen Schluck von seinem Getränk, Whisky mit Cola gemixt, um sich etwas Mut anzutrinken. Er ging auf sie zu und sprach sie an
>> Hallo, dich habe ich ja noch nie hier gesehen. Bist du das erste Mal bei Conny? << Sie wandte Thomas ihr Gesicht zu und lächelte ihn an.
>> Nein, ich war schon öfter bei Conny, aber ich bin zum ersten Mal auf einer Party von ihr. Kennst du sie schon länger? <<
Thomas antwortete, dass er mit Conny schon auf vielen Konzerten war. Ihr Musikgeschmack ist derselbe.
>> Wie heißt du? << fragte Thomas sie.
>> Ich bin Anja <<
>> Oh, das ist ein sehr schöner Name << antwortete er.
>> Ich bin übrigens Thomas. <<
Anja lächelte immer noch und sagte >> Es ist schön, dich kennenzulernen. Von den Partygästen kenne ich nur Wenige. <<
So kamen sie beide ins Gespräch und lernten sich näher kennen. Anja fragte ihn, ob er mit ihr tanzen würde. Zum Glück hatte Thomas schon einige Drinks hinter sich und konnte ihre Frage mit >> Ja << beantworten. Wäre er nicht schon etwas locker drauf gewesen, hätte er wohl ablehnen müssen. Aber zu fortgeschrittener Stunde, bei guter Musik und guten Drinks war Tanzen eine seiner großen Leidenschaften. Nur im ganz nüchternen Zustand bekam Thomas überhaupt keinen Rhythmus hin. So lief also ihr erstes Aufeinandertreffen und sie waren sich beide an dem Abend sehr sympathisch.
Der Abend war wunderschön und Thomas hatte sich wirklich sehr glücklich geschätzt, Anja an diesem Abend kennen zu lernen. Sie waren beide längere Zeit ohne eine Beziehung und regelrecht ausgehungert nach dem Austausch körperlicher Zärtlichkeiten. Daher dauerte es auch nicht lange, bis sie sich intensiver kennen lernten. An diesem Abend begann eine Beziehung, die sie viele gemeinsame Jahre durch das Leben begleiten sollte.
Thomas war bis über beide Ohren verliebt und konnte sein Glück kaum fassen. Anfangs war er davon überzeugt, dass es Anja ebenso ging wie ihm. Im Nachhinein überlegte er oft, ob das nur sein getrübter Blick war oder ob sie auch jemals so für ihn empfunden hatte wie er für sie. Sie verstanden sich von Anfang an sehr gut und hatten, zumindest glaubten sie das, die eine oder andere Gemeinsamkeit. Da Thomas bis über beide Ohren verliebt war, lebte er in einer rosaroten Welt. Er machte sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige Gedanken, was ihre möglichen gemeinsamen Interessen betraf. Er hatte nicht großartig hinterfragt, warum sie sich an diesem Abend näher kennen gelernt hatten. Thomas war nicht der Typ Mensch, der ständig und alles hinterfragte. Er erfreute sich an dem, was ihm der Tag bescherte. So ging es ihm auch mit Anja. Sie waren beide zu dem Zeitpunkt ungebunden und hatten sich gefreut, sich gefunden zu haben.
Außerdem waren sie jung und hatten das Leben genossen. Da steht man morgens nicht auf und überlegt >>Warum habe ich jetzt ausgerechnet diese Frau kennengelernt und keine andere? << Thomas war glücklich und verliebt. Das reichte ihm vollkommen aus, um mit Anja die nächsten Tage und Wochen zu genießen.
*
Bereits zwei Monate, nachdem sie sich kennen gelernt hatten, war die Frage, ob Thomas jemals Vater werden möchte, schnell beantwortet. Anja eröffnete ihm, dass sie schwanger sei und das Kind von Thomas wäre. Da müssen seine Samenzellen wohl gleich beim ersten Mal >> Juhu << geschriehen haben. Oder der Druck der längeren Enthaltsamkeit war so enorm.
Für Thomas war es selbstverständlich, dass er Anja nicht allein lassen würde. Er wollte sofort Verantwortung für Mutter und Kind übernehmen. Nun stellt man sich sicherlich die Frage, wie es so schnell zu einer Schwangerschaft kommen konnte. Aber dies war so eine typische Situation, in der entweder die Produktion in der Industrie versagt hatte oder Thomas nicht in der Lage war, fachgerecht ein Kondom zu benutzen. Das gemeinsame Baby war sicherlich nicht geplant. Aber Thomas kann für jeden Tag, seitdem ihre Tochter existiert, bestätigen, dass er es nie bereut hatte, seine heiß geliebte Tochter bei sich zu haben. Jedenfalls war für ihn klar, dass er mit Anja unbedingt zusammenbleiben und gemeinsam mit Anja das Kind großziehen wollte. Das haben sie viele Jahre auch ganz gut gemeistert. Leider hatten sie durch die frühe Schwangerschaft wenig Zeit, sich erst einmal in Ruhe und ausgiebig kennenzulernen. Sie hatten sich voll auf das werdende Kind konzentriert und die Schwangerschaft gemeinsam sehr genossen. Nun hatte ihr heranwachsendes Kind die Zügel übernommen und sie mussten relativ schnell ihre Zukunft planen. Anja hatte bereits eine Wohnung, in die Thomas wenige Tage später eingezogen war.
Er genoss die Beziehung sehr. Er ließ keinen Tag aus, an dem er Anja seine Liebe auf besondere Art und Weise zeigte. Entweder stellte er ihr morgens einen frischen Strauß Blumen auf den Tisch oder er brachte ihr das Frühstück ans Bett. Thomas organisierte Überraschungsausflüge an Wochenenden. Sie setzten sich ins Auto und er fuhr Anja an einen schönen See oder zu einem Wellness-Wochenende. Sie hatten nur wenige Monate Zeit, sich beide besser kennenzulernen. Das Baby wollte bald kommen.
Die Schwangerschaft hatte Thomas als sehr glücklich werdender Vater erlebt. Er war happy und freute sich sehr. >>Jetzt werde auch ich Vater, juhu. <<
Mit Erstaunen stellte er fest, dass er seit der Geburt von Lucy, so nannten sie ihre Tochter, Verlustängste bekam. Er machte sich viele Gedanken, was seiner Tochter passieren könnte, z.B. dass sie einen Unfall haben, plötzlichen Kindstod erleiden oder später vielleicht auch Opfer von Gewalt werden würde. Ebenso fragte er sich, ob er den Anforderungen seiner Tochter gerecht werden würde, ob er seinen Job weiterhin behalten und wie sich alles Weitere entwickeln würde. Ihre gemeinsame Zukunft, ihre Arbeit, wie sich ihr Kind selbst entwickeln würde – all das beschäftigte Thomas sehr.
Anja arbeitete sehr viel. Ihr Job war ihr unwahrscheinlich wichtig. Selbst während der Schwangerschaft hatte sie permanent gearbeitet und sogar zusätzliche Schichten übergenommen. Dass ihr die Arbeit wichtiger war als alles andere, war Thomas damals, als er noch jung war, überhaupt nicht bewusst geworden. Anja war mehr bei der Arbeit als bei ihm. Dies sollte sich mit der Geburt ihrer Tochter nicht großartig ändern.
*
Als Lucy geboren wurde, war Thomas der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Er dachte, das geht den meisten Eltern so, wenn sie ihr Baby das erste Mal in den Armen halten. Eltern sind sehr stolz und erfreuen sich daran, was sie für ein schönes Wesen in die Welt gesetzt haben. Er hatte zu diesem Zeitpunkt und auch in den späteren Jahren immer den Eindruck, dass Anja ebenfalls sehr glücklich über ihre Tochter war. Thomas glaubt, das ist sie auch heute noch. Rückblickend hätte er sich nur gewünscht, dass Anja sich viel mehr Zeit für ihre Tochter genommen hätte. Anja war nur wenige Wochen mit dem Baby zu Hause. Dann rief ihr Arbeitgeber, eine Klinik, in der sie als Krankenschwester arbeitete, nach ihr und fragte, wann sie denn endlich wieder arbeiten kommen würde. Sie brauchten sie dringend.
Das ließ Anja sich nicht zweimal sagen und fing nach kurzer Zeit wieder an zu arbeiten. Für Lucy hatten sie sehr schnell eine Tagesmutter gefunden. Im Alter von nur wenigen Monaten ging sie bereits täglich dorthin. Der Hauptanteil, Lucy zu betreuen, lag jedoch eher bei Thomas. Da Anja es vorzog, eine Schicht nach der anderen zu schieben, musste Thomas Lucy sehr häufig zur Tagesmutter bringen, abholen, füttern und sich um die Wäsche kümmern.
Als Lucy noch ein Säugling war, hatte meistens Thomas ihr die Flasche gegeben. Anja war entweder arbeiten oder erschöpft. So trat das ein, was Anja mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bedacht hatte. Lucy war sehr auf Thomas fixiert. Sie war sein Ein und Alles und er hatte sich jeden Tag aufs Neue gefreut, sie morgens in die Arme zu nehmen und den Tag mit ihr gemeinsam verbringen zu können.
Dies führte sogar dazu, dass Lucy als erstes nach Thomas rief statt nach ihrer Mutter, wenn sie etwas mitzuteilen hatte. Beide hatten mehrere Situationen, in denen Lucy freudestrahlend zuerst zu Thomas gerannt kam und nicht zu Anja. Das verletzte Anja natürlich. Aber Anja brachte es einfach nicht fertig, mehr Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen statt sich um ihre Arbeit zu kümmern.
Thomas gab zu, dass er in den ersten Jahren mit einer rosaroten Brille herumgelaufen war. Es gab aus seiner Sicht keine gravierenden Probleme in ihrer kleinen jungen Familie. Sie waren nach wie vor sehr viel auf Partys, trafen sich mit Freunden, waren also immer auf Achse. Entweder waren sie beide zusammen unterwegs oder Thomas ging ohne Anja zu Freunden, hatte aber Lucy immer dabei.
Auch ihre Freunde waren inzwischen Eltern und sie wollten nicht darauf verzichten, sich regelmäßig zu sehen. Also trafen sie sich meist mit allen Kindern. Der Vorteil dabei war, dass die Kinder miteinander spielen konnten und sich von klein auf kennenlernten. Da ihr Freundeskreis sehr groß war, hatten auch die Kinder einen großen Freundeskreis und immer viele Spielgefährten. Lucy war ein sehr pflegeleichtes Baby und Kleinkind. Wenn sie müde war, konnte sie auf der Stelle einschlafen, egal wo sie war und wie laut es zuging. Daher hatten Anja und Thomas nie Probleme mit ihr, auch zu später Stunde bei Freunden oder in der Familie unterwegs zu sein. Sicherlich zählte dies nicht zur vorbildlichsten Erziehung eines kleinen Kindes, aber aus ihrer Sicht hatte dies ihrer Tochter nicht geschadet. Da sie immer Trubel in ihrer Wohnung hatten oder bei Freunden waren, kamen sie nie wirklich dazu, ihr Leben intensiv zu analysieren und grundlegende Fragen zu stellen. Zum Beispiel
>> Was erwarten wir beide vom Leben? Welche Gemeinsamkeiten haben wir wirklich? Wo sehen wir uns in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? War dieses Leben, das wir führten, wirklich das, was wir beide gemeinsam wollten? << Diese ganzen Fragen stellten Anja und Thomas sich zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Tage rauschten dahin. Sie waren viel arbeiten und wenn sie nicht arbeiten waren, trafen sie sich mit Freunden oder der Familie.
Die Familie von Anja und Thomas ist sehr groß. Anja hat mehrere Geschwister, ihre Eltern und diverse Tanten und Onkel. Thomas hat seine Eltern, seine Schwester Dolores mit ihrem Mann Hans und deren zwei Kinder. Familienfeiern waren immer sehr groß und ausgiebig. Da Thomas generell ein sehr familiärer Typ Mensch ist und Anja ebenso großen Wert auf die Familie legt, haben sie sich immer darauf gefreut, die Familie an Geburtstagen oder Feiertagen zu sehen. Bei diesen Familienfesten wurde aufgetafelt, bis sich die Tische bogen. Es waren stets schöne Feste. Die Schwiegermutter von Thomas, Susanne - er nannte sie so, auch wenn Anja und er nicht verheiratet waren - konnte hervorragend kochen und backen. Daher war es jedes Mal ein regelrechter Festschmaus, wenn sich die Familie traf. Familie und Freunde mussten sie nicht zwingend voneinander trennen, wenn sie feiern wollten. Da sich alle gut kannten, wurden Freunde und Familie stets zusammen eingeladen. Natürlich waren solche Wochenenden anstrengend, weil sehr viel vorzubereiten war, ausgiebig gefeiert wurde, manchmal zwei Tage lang, und hinterher wieder alles aufgeräumt werden musste. Aber das störte sie nicht. Anja und Thomas waren sehr gesellig und gern Gastgeber.
*
Eines der Markenzeichen von Thomas war es, riesengroße Lagerfeuer zu veranstalten. Dabei wurden mitunter nicht nur der einfache Holzbalken oder alte Paletten verbrannt. Zu fortgeschrittener Stunde konnte es vorkommen, dass Dinge ins Feuer flogen, die dort nicht unbedingt hineingehörten. Thomas erinnerte sich noch sehr gut an einen seiner Geburtstage, als er schon relativ stark alkoholisiert war. Ein sehr schön gestalteter Terrakottatopf seiner Mutter, gefüllt mit Überbleibseln von Silvester wie z.B. größeren Knallkörpern und Raketen, flog ins Feuer. Thomas hatte noch nie einen Blumentopf so hoch in Richtung Himmel fliegen sehen. An diesem Abend flog auch eine Stereoanlage ins Feuer, weil sie nicht die Musik spielte, die er zu diesem Zeitpunkt gern gehört hätte. Gegenstände, die ihren Zweck nicht erfüllten, mussten gegebenenfalls damit rechnen, ihr Dasein kurzfristig im Feuer zu beenden.
Die gemütlichen Lagerfeuer führten unweigerlich dazu, dass sich die Gäste sehr wohl fühlten. Bei Anja und Thomas war es besonders warm und sehr gesellig. Daher gingen die Feierlichkeiten auch mal über mehrere Tage.
*
Schon anderthalb Jahre nach der Geburt von Lucy hatten Anja und Thomas die Möglichkeit, ein Haus in Gülpe zu beziehen. Anjas Tante gehörte dieses Haus, das sie bisher vermietet hatte. Da der Mieter ausgezogen war, wurde in der Familie überlegt, ob sie es weiter vermieten sollte oder jemand aus der Familie das Haus nutzen könnte. Einziger Haken - das Haus war sehr stark renovierungsbedürftig. Mit renovierungsbedürftig war gemeint, dass es eher einer Grundsanierung bedürfte. Von außen war das Haus bisher nie verputzt worden. Es wurde in den sechziger Jahren gebaut. In den Innenräumen waren bisher nur notdürftige Arbeiten erledigt worden. Auch hier kam also eine Menge Arbeit auf Thomas und Anja zu. Aber Thomas war jung und er hatte Freunde, die in handwerklichen Berufen tätig waren. Insofern war es für ihn überhaupt kein Problem, diese Aufgaben zu bewältigen. Dies dachte Thomas zumindest zu diesem Zeitpunkt. Der Umbau sollte sich dann doch über dreieinhalb Jahre hinziehen. Bis der Innenbau so gestaltet war, dass man darin wohnen konnte, verging wirklich viel Zeit. Das hing natürlich auch damit zusammen, dass Thomas nicht kontinuierlich jedes Wochenende auf der Baustelle war. Auch in der Woche war er nicht an jedem Abend dort. Er war schon allein von der täglichen Arbeit ziemlich kaputt und musste sich um Lucy kümmern. Anja ging weiterhin ihren Schichten nach und so blieb die Erziehung des Kindes an vielen Tagen Thomas überlassen. Als er dann nach dreieinhalb Jahren in das Haus einziehen wollte, führten beide folgendes Gespräch:
>> Ich ziehe nicht in das Haus, auf eine Baustelle <<, sagte Anja.
>> Gut <<, sagte Thomas, >> ich werde jetzt in das Haus ziehen. So kann ich auch an jedem Abend weiter bauen. Dann kommt ihr später nach. Es sind ja nur ein paar Kilometer, die wir voneinander entfernt sind. <<
Sie wohnten seit Beginn der Schwangerschaft in Havelaue. Thomas hatte im Haus sämtliche Innenarbeiten erledigt, die gesamte Elektrik neu gelegt, Wände verputzt, gefliest und Fußböden verlegt. Dies waren nur einige Beispiele. Es musste einfach alles komplett neu gebaut werden.
Die letzten Arbeiten dauerten dann doch nicht so lange, wie zunächst befürchtet. Einen Monat später zog Anja mit Lucy ebenfalls ein.
Das Haus war innen wunderschön. Alles war neu, alles war hübsch eingerichtet und sie hatten ihr erstes gemeinsames Domizil, in dem sie zusammen wohnten. Sie hatten sich gemeinsam ein schönes Heim geschaffen.
Anjas Tante war so großzügig und schenkte Anja das Haus mit einem sehr großen Grundstück.
Bereits hier hätte Thomas seine rosarote Brille zum ersten Mal abnehmen müssen, aber er war so in Euphorie, ein eigenes Haus und einen Garten mit Anja und ihrer Tochter selbst beziehen und gestalten zu können. Auch wenn es ihm nicht gehörte, denn im Grundbuch stand nur Anja. Der Umbau kostete natürlich sehr viel Geld. Dafür mussten sie einen Kredit in nicht unerheblicher Höhe aufnehmen. Hier zeigte sich das erste Mal, dass sie ein Problem hatten.
*
Als beide die Finanzierung durchführen wollten, kam ihr Berater nach Hause.
>> Wir haben die benötigten finanziellen Mittel berechnet und das wäre nun ihr Finanzierungsplan <<, sagte Herr Kupfer. >> Dann wäre soweit alles geregelt und ich benötige noch ihre SCHUFAAuskünfte. Das kann ich für sie umgehend
prüfen. <<
Anja saß mit freudiger Miene am Tisch, folgte den Worten des Herrn Kupfer und wartete gespannt, wie es weitergehen würde. Plötzlich sagte er >> Oh, Frau Anja, wie ich sehe, haben sie einige SCHUFAEinträge, die sie nicht als kreditwürdig einstufen. Damit haben wir nun ein Problem. <<
Thomas schaute Anja an, dann Herrn Kupfer.
>> Was bedeutet das? <<, fragte er, völlig ahnungslos. Anja war sehr erstaunt. >> Da kann was nicht stimmen. Schauen sie bitte noch einmal nach! << sagte Anja mit vollster Überzeugung. Herr Kupfer bekam jedoch auch bei erneuter Prüfung kein anderes Ergebnis. Anja war sehr verstimmt. Wie konnte Herr Kupfer so eine Behauptung vor ihr und Thomas aufstellen!
Um die Situation und die Finanzierung des Umbaus zu retten, ergriff Thomas das Wort.
>> Kann ich eventuell als alleiniger Kreditnehmer auftreten? Mein Gehalt ist doch recht ansehnlich.
Das müsste doch klappen, oder? <<
Herr Kupfer prüfte einige Momente, ob das möglich wäre. Letztendlich war es kein Problem. Thomas war sehr erleichtert und unterschrieb den Vertrag allein. Anja versprach, bei der Abzahlung des Kredites selbstverständlich mitzuhelfen. Das setzte Thomas auch voraus. Er hatte ohne zu zögern den Kreditvertrag unterzeichnet, obwohl er nicht Eigentümer des Grundstückes und Hauses war. Dies war allein Anja. Aber was macht man nicht alles, wenn man verliebt ist und Pläne hat? Und sie wollten unbedingt dieses Haus so schön wie nur möglich gestalten und gemeinsam mit Lucy dort wohnen.
Anja und Thomas hatten schnell eine gemeinsame Regelung gefunden. Diese sah so aus, dass Thomas sich um den Garten kümmern sollte und Anja das Haus im Innenbereich in Ordnung halten wollte. Thomas gab zu, dass er den Garten nicht so in Schuss gehalten hatte, wie sich der eine oder andere einen hübschen Garten vorstellt. Das hing damit zusammen, dass er so unwahrscheinlich viele Ideen hatte, diesen großen Garten umzugestalten. Dafür brauchte man Baumaterialien. Diese sammelte er seit vielen Jahren. Durch seinen Beruf kam er häufig auf Baustellen, auf denen nicht selten fast neue Materialien entsorgt wurden. Dies tat ihm in der Seele weh. Er sprach seinen Chef darauf an, der ihm die Zustimmung gab, gelegentlich Materialien vor der sinnlosen Vernichtung zu retten. So ergab es sich, dass viele Materialien in ihrem Garten gelagert wurden, weil Thomas permanent Ideen hatte, was er mit diesem Baumaterial anfangen könnte. Aber der Rest des Gartens war durchaus ansehnlich. Thomas brauchte sich jedoch keine großen Vorwürfe zu machen, denn im Inneren des Hauses sah es ebenfalls nur selten perfekt aus.
Anja war weiterhin viel arbeiten und schaffte dadurch den Haushalt nur temporär. Ein ganz großes Problem war der tägliche Kampf mit der Wäsche. Anja hatte stets die Vorstellung, ihr hübsches Mädchen wie eine kleine Püppi zu kleiden. So war es bei Anja und Thomas durchaus normal, dass Lucy bis zu dreimal am Tag umgezogen wurde. Sie machte sich nicht jedes Mal dreckig - nein - aber für verschiedene Tagesanlässe wurde neue Kleidung getragen. Diese zahlreiche Wäsche musste natürlich auch gewaschen werden. In der Hektik des Alltags wurde die Wäsche häufig in der Waschmaschine vergessen. Das führte dazu, dass die Wäsche nicht immer waschfrisch auf die Leine kam. Es war nicht selten, dass die Wäsche drei Tage in der Maschine vergessen wurde. Wenn großer Waschtag war, standen im ganzen Haus Wäscheständer voller Kleidung zum Trocknen herum. Dazwischen dann auch noch sauber zu machen, war nicht ganz problemfrei.
Anja neigt zum Perfektionismus, zumindest in ihrer Wunschvorstellung. Wenn die Wäsche endlich getrocknet war, musste sie natürlich auch gebügelt werden. Ständig kam es zu Unterbrechungen während des Bügelns. Erst kam eine Freundin zu Besuch, später die zweite Freundin und gelegentlich die Dritte oder der Arbeitgeber rief an, um Dinge zu klären. Anstatt sich endlich ein Headset zu besorgen, um während der stundenlangen Telefonate ihre Arbeiten fortsetzen zu können, setzte Anja sich lieber auf die Couch und hielt das Telefon mit der Hand ans Ohr. Und sie konnte wirklich viele Stunden telefonieren.
Mitunter dauerte es eine Woche oder länger, bis die Wäsche komplett gebügelt war. Niemand verlangte, sämtliche Kleidungsstücke zu bügeln. Das war jedoch Anjas ganz persönlicher Zwang.
Hierbei stand sie sich selbst im Weg. Diese Aktionen führten dazu, dass eine ganze Woche oder länger sämtliche frisch gewaschene Wäsche, zum Teil auch schon gebügelt, stapelweise mitten im Wohnzimmer lag. Das war nicht gemütlich und einladend. Aber niemand aus der Familie kam dagegen an, sie von dieser Praxis abzuhalten. Selbst wenn jemand vorbeikam, um zu helfen, konnte man es ihr nie recht machen. Wenn die einzelnen Wäschestücke nicht so auf Kante gelegt wurden, wie Anja sich das vorstellte, machte sie alles noch einmal. Das störte Freunde und Familie nicht unbedingt, denn so war Anja eben. Anja war ansonsten ein sehr lebensfroher und lustiger Mensch und niemand konnte ihr übelnehmen, dass sie diese kleine Macke hatte. Alle nahmen das so hin, denn schließlich machte auch diese besondere Eigenschaft Anja aus.
Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer. Summiert mit allen anderen Dingen, die später zu Tage kamen, war dies ein nur wenig schwerwiegender Charakterzug, der die Gesamtperson ausmacht. Da auch Thomas nicht zum Perfektionismus neigt und auf keinen Fall der akribische Aufräumer war, störte ihn zwar die Situation, aber es führte nicht wirklich dazu, dass es zu Missstimmungen kam. Da er insgesamt als Gemütsmensch gilt, war dies kein großes Problem in der Beziehung.
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Lucy wurde ab dem Alter von wenigen Monaten durch eine Tagesmutter betreut. Dort gab es drei weitere Kinder und zwei große Hunde. Letztere gehörten der Tagesmutter. Lucy ging sehr gern dorthin. Sie fühlte sich sichtlich wohl in dieser kleinen Gemeinschaft. Die Tagesmutter hatte mit den vier Kindern und zwei Hunden sehr viel zu tun. Sie musste täglich das Mittagessen kochen und alle Kinder betreuen. Das war keine einfache Aufgabe. In ihrem Haus hatte sie genügend Platz. Nur mit der Sauberkeit und dem Aufräumen nahm sie es nicht so genau. Anja und Thomas waren zu diesem Zeitpunkt froh, überhaupt einen Platz für Lucy im Dorf gefunden zu haben. Daher stellten sie keine gehobenen Ansprüche. Schließlich mussten sie ihren Berufen nachgehen und Geld verdienen.
Im ersten Jahr war das vielleicht so in Ordnung. Doch die Erziehung und Förderung von Lucy blieb dabei auf der Strecke. Zum Glück war Lucy sehr pflegeleicht. Sie hörte auch sehr gut auf die Tagesmutter. Aber die Entwicklung blieb im Vergleich zu Kindern, die eine Kindertagesstätte mit mehreren Erzieherinnen und Erziehern besuchten, im Laufe der Jahre zurück. Lucy konnte keine Lieder singen, wie es andere Kinder taten. Sie bastelte nie, weil die Tagesmutter keine Bastelarbeiten mit den Kindern durchführte. Bücher waren ihr fremd. Und so könnte man die Aufzählungen fortführen.
Thomas bat Anja mehrfach, sich um einen Kita-Platz in der Gemeinde zu kümmern. Sie versprach, dies umgehend zu tun.
Inzwischen war Lucy fast drei Jahre alt. Sie ging immer noch zur Tagesmutter. Thomas’ Schwester Dolores hatte ihn seit Monaten gebeten, endlich in der Gemeinde einen Platz zu beantragen. Als Vater hätte er schließlich eine Verpflichtung, sich um das Wohl seines Kindes zu kümmern. Dafür wäre Anja nicht allein verantwortlich gewesen.
Thomas fragte jedoch zunächst bei Anja nach, wie der Stand der Dinge war. Sie versicherte ihm, dass der Platz seit Monaten beantragt sei. Aber es wäre immer noch nichts frei.
Dolores glaubte Thomas nicht.
>> Geh bitte persönlich zur Gemeinde und frage dort nach. Hau mit der Faust auf den Tisch. Es kann ja wohl nicht sein, dass Lucy mit drei Jahren immer noch zur Tagesmutter geht. <<
Da Dolores sein zögerliches Verhalten bemerkte – sie kannte ihn einfach zu gut – griff sie zum Telefon und rief bei der Gemeinde an.
Die Mitarbeiterin erklärte ihr, für Lucy lag bisher kein Antrag vor. Und mit drei Jahren müsse sie selbstverständlich schnellstens in die Kita gehen. Thomas sollte den Antrag umgehend einreichen.
Thomas dachte, er hörte nicht richtig! Was erzählte ihm Anja seit Monaten? Sie hatte mehrfach versichert, dass der Antrag gestellt sei. Thomas war ziemlich perplex. Anja belog ihn und das, ohne rot zu werden. Sie wirkte immer so überzeugend, dass er ihr stets glaubte.
Als Anja nach Hause kam, erzählte er ihr von dem Anruf in der Gemeinde. Sie war sofort außer sich und brüllte herum >> Das kann ja wohl nicht wahr sein! Natürlich habe ich den Antrag gestellt. Den hat die Gemeinde verschlampt. Und was unterstellst du mir hier? Ich bin sehr enttäuscht von dir! <<
Damit war für sie das Thema erledigt. Sie ging wutschnaubend in den Keller, um Wäsche zu waschen. Thomas kannte Anja inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er keine Chance hatte, das Thema weiter mit ihr zu erörtern. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer war hier nun der Schuldige? Die Gemeinde in diesem Fall wohl nicht.
Den Antrag stellte er am nächsten Tag vorsorglich. Auf Anja wollte er sich in diesem Fall nicht noch einmal verlassen. Es ging plötzlich ganz schnell, da auch die Gemeinde erkannte, dass Lucy schnellstens in eine Kita gehen sollte. Sie hatte bei der Tagesmutter nicht die volle pädagogische Betreuung und Entwicklungsmöglichkeiten, die ihr in einer Kita mit mehreren Erzieherinnen ermöglicht wurde. Das konnte die Tagesmutter nicht alles allein schaffen, ohne ihr dabei Böswilligkeiten zu unterstellen.
Innerhalb weniger Tage hatte Lucy einen Platz in der Kita. Sie lebte sich sehr schnell bei den neuen Kindern und Erzieherinnen ein. Anja und Thomas konnten nun täglich einen regelrechten Entwicklungsschub bei Lucy wahrnehmen. Thomas machte sich nur große Sorgen, ob er hier zu lange Zeit nachlässig gewesen war. Hoffentlich würde Lucy das alles nachholen können. Er würde sich sonst ewig Vorwürfe machen.
Ob Anja jemals einen Antrag gestellt hatte, wurde nie geklärt. Das Thema verlief im Sande.
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Trotz gelegentlich angespannter Situationen, wie sie in allen Beziehungen vorkommen, war heiraten bei Anja und Thomas immer wieder mal ein Thema.
