Heart Catcher - Anna Carenin - E-Book

Heart Catcher E-Book

Anna Carenin

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Beschreibung

Durch einen dummen Zufall trifft die junge Irin Isabella auf den attraktiven Rettungssanitäter Noah. Schon bald wird den beiden klar, dass sie sich ein Leben ohne einander nicht mehr vorstellen können. Als Isabella ungewollt schwanger wird, müssen sich beide mit den Schatten ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und ihre Liebe wird immer wieder auf harte Proben gestellt.

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 35

Kapitel 36

1

Nach geschlagenen zehn Minuten brachte ich meinen alten, knallroten Volvo endlich zum Stehen. Der Parkplatz vor dem Quick Markt war wie jeden Samstag total überfüllt. Wäre mir das Waschmittel nicht ausgerechnet an meinem Waschtag ausgegangen, hätte ich ihn heute bestimmt gemieden. Ausserdem schüttete es wie aus Kübeln und das Quietschen meiner Scheibenwischer hallte unangenehm in meinen Ohren wider. „Die muss ich auch unbedingt richten lassen“, sagte ich zu mir selbst. Ich griff nach meiner Tasche und zwängte mich konzentriert aus meinem Wagen, darauf bedacht, den schwarzen Range Rover nebenan nicht zu streifen. Nachdem mir dies tatsächlich erfolgreich gelungen war (das war bei meinem Glück nicht selbstverständlich) bewegte ich mich eilig auf den Eingang des Einkaufszentrums zu, während ich meine Schlüssel gedankenverloren in meine Tasche schleuderte. Ich trug meine neuen High Heels, die mir meine Schwester bei ihrem letzten Besuch aus Irland mitgebracht hatte. Zu meinen legeren, verwaschenen Jeans und dem eng anliegenden, schwarzen Top kamen die silberfarbenen, eher zierlichen Treter zwar nicht optimal zur Geltung (und ausserdem gab es wohl keine ungeeigneteren Schuhe für dieses scheussliche Wetter), aber ich wollte sie unbedingt endlich einmal einlaufen. Ohne meinen Blick zu heben, rannte ich weiter auf das trockene Ziel zu, bis ich plötzlich ein dumpfes Geräusch vernahm und Sekunden später mit einem Schrecken feststellte, dass der Absatz meines rechten Schuhs wohl gebrochen sein musste. Noch bevor ich mein Tempo verlangsamen und reagieren konnte, verlor ich das Gleichgewicht und stürzte unaufhaltsam auf den harten, nassen Boden. „Verdammt!“ – Leise fluchend lag ich am Boden und hielt meine Hand schützend auf mein schmerzendes Knie, während der Regen erbarmungslos auf mich herunter prasselte und mich innert kürzester Zeit völlig durchnässte.

Während sich mein Puls langsam wieder normalisierte, schaute ich mich hastig um und hoffte dabei inständig, dass dieser peinliche Auftritt keine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Betreten drehte ich meinen Kopf zur Seite, um die Lage abzuchecken, als mein Blick schliesslich an zwei grünen Augen haften blieb. Sie strahlten dunkel, intensiv und glitzerten wie zwei wertvolle Smaragde in der Sonne. Perfekt geformte Augenbrauen rahmten sie und verliehen ihnen einen aussergewöhnlich sanften Ausdruck. „Kann ich dir helfen?“, fragte der Mann besorgt, während er schützend seinen Regenschirm über uns hielt. Ich war so fasziniert von diesen sinnlichen Augen, dass ich seine Worte zuerst gar nicht registrierte und ihm erst antwortete, als er mich freundlich anlächelte.

„Alles klar?“ – „Äh … ich … ich glaube schon“, stotterte ich verlegen, nachdem meine Stimme endlich wieder zurückkehrte. Ich spürte, wie mir die Röte in den Kopf stieg und ein kalter Schauer meinen Rücken hinunterkletterte. Die Situation war mir so peinlich, dass ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. „Komm, ich helfe dir …“ Noch bevor ich antworten konnte, schlangen sich zwei kräftige Arme um meine Taille und hoben mich mit einer Leichtigkeit hoch, als wäre ich ein Blatt Papier. „Kannst du stehen?“ Er zog mich dicht an sich, um mich zu stützen. „Das geht schon, vielen Dank“, antwortete ich verlegen, doch als ich versuchte den Fuss auf den Asphalt abzustellen, zuckte ich zusammen. Mein Bein schmerzte höllisch und als ich an mir heruntersah, stellte ich beängstigt fest, dass meine Jeans am linken Knie total zerrissen und das Fleisch darunter rot gefärbt war. Ich erschrak fürchterlich, denn mir war bisher nicht bewusst gewesen, wie heftig ich tatsächlich gestürzt war. Während ich die stark blutende Wunde betrachtete, zog sich mein Magen sofort zusammen, mir wurde schwindlig und ich hatte ein Gefühl, als ob ich gleich ohnmächtig werden würde. Mein Gesicht färbte sich augenblicklich kreideweiss und musste meine Gedanken verraten haben, denn der Unbekannte verstärkte plötzlich den Druck um meine Taille. Ich krallte meine Finger in seine starken Unterarme und schmiegte meinen Kopf an seine harte Brust. Normalerweise war ich eher zurückhaltend, doch der Gedanke an meine blutende Wunde schien jeglichen Scham auszublenden. „Komm mit mir.

Ich habe einen Notfallkoffer im Auto und schau mir die Wunde an“, sagte er mitfühlend und strich mir dabei zärtlich über meinen Arm. Ich nickte resigniert und schloss instinktiv die Augen, während er mich langsam zu seinem Wagen führte. Zu meiner Überraschung öffnete er den Kofferraum des Range Rovers neben meinem Volvo. Beinahe mühelos hievte er mich auf die Deckplane, griff nach seiner Jacke auf den hinteren Sitzen und hüllte meinen zitternden Körper darin ein. Schliesslich trat er einen Schritt zurück und hielt seinen Zeigefinger und den Daumen nachdenklich an sein Kinn. Offenbar versuchte er sich einen Überblick zu verschaffen. Zwischen seinen Augen entstanden Sorgenfalten, als er sich mir schliesslich wieder zuwandte.

„Deine Jeans ist ja sowieso am Arsch; wäre es dir recht, wenn ich sie aufschneiden würde, damit ich mir die Wunde ansehen kann? Ich würde dich hier draussen nur sehr ungern dazu auffordern die Hosen runterzulassen“, sagte er und grinste dabei frech.

Naja, wo er recht hatte, hatte er recht. Die Hosen konnte ich wirklich entsorgen, zusammen mit meinen neuen, wunderbaren High Heels. Also nickte ich wortlos und drehte meinen Kopf dann gleich zur Seite, damit ich die Wunde nicht sehen konnte. Ich hörte, wie er den Notfallkoffer öffnete und sah aus den Augenwinkeln einen metallenen Gegenstand aufblitzen, von dem ich annahm, dass es sich um eine Schere handelte. Überraschenderweise vertraute ich ihm blind, während er meine Hosen aufschnitt. Als er am Knie angelangt war und die Wunde freigelegt hatte, atmete er hörbar aus. „Hör zu ...“, er sprach nicht weiter und sah mich stattdessen fragend an, „Isabella ...“, ergänzte ich seinen Satz, „Ich heisse Isabella.“ Ich lächelte, was mir in Anbetracht der Situation allerdings ziemlich schwerfiel, denn eigentlich war mir mehr zum Heulen zumute. Er nickte und lächelte ebenfalls. „Hör zu, Isabella. Die Wunde ist recht gross und tief, ich werde sie jetzt desinfizieren und danach werde ich dich ins Krankenhaus fahren, damit sich das ein Arzt genau ansehen kann“, sagte er. „Nein, danke!“, schoss es entschlossen aus mir heraus, während ich rege meinen Kopf schüttelte. „Das ist nicht nötig, ich werde jetzt nach Hause fahren und das Knie hochlagern. Morgen geht es mir dann bestimmt wieder besser. Ich danke dir wirklich sehr für deine Hilfe, aber ins Krankenhaus geh ich deswegen ganz bestimmt nicht!“ Ich lächelte aufgesetzt und versuchte meine Angst erfolgreich zu überspielen. Ich bemühte mich einen lässigen Abgang zu machen und schob mich von seinem Kofferraum, doch kaum hatte mein Fuss den Boden berührt, sank ich wieder in mir zusammen. Verdammt! Mein Bein wollte mich einfach nicht mehr tragen. Er konnte mich gerade noch auffangen, bevor ich erneut zu Boden fiel. „Scheisse …“, fluchte ich leise. „Ja, Scheisse! Und jetzt fahr ich dich ins Krankenhaus!“ Er wartete meine Antwort gar nicht erst ab, hob mich auf seine muskulösen Arme und beförderte mich geradewegs auf seinen Beifahrersitz. Während er selbst ebenfalls einstieg, schossen mir die Tränen in die Augen und mein beklommenes Gefühl steigerte sich ins Unermessliche. Wenn er mich in das nächstgelegene Krankenhaus bringen würde, von dem ich auch ausging, dann handelte es sich nicht um irgendein Krankenhaus, sondern um DAS Krankenhaus, mit dem ich ein schlimmes Erlebnis meiner Vergangenheit in Verbindung brachte ... „Hey … das wird schon wieder …“, sagte er mitfühlend. „Ich bin übrigens Noah … Noah Montinari.“

Noah bemerkte wohl meine gemischten Gefühle, denn er betrachtete mich sorgenvoll, doch ich erwiderte nichts. Ich war wütend! Wütend auf mich selbst, wütend auf Gott und die Welt und wütend auf ihn, weil er mich jetzt ins Krankenhaus fuhr. Ich befürchtete, nein, ich war mir ganz sicher, dass alles wieder hochkommen würde, was mich in den letzten Monaten schwer geprägt hatte, sobald ich dieses Gebäude betreten würde. Ich schloss meine Augen und versuchte mich zu konzentrieren, um die Tränen zurückzuhalten, die in meinen Augen brannten. Ich drehte mich zur Seite und blickte aus dem Fenster auf die offene Strasse hinaus, denn ich wollte nicht, dass er mich weinen sah. Erst nachdem ich mir sicher war, dass ich den Kloss, der mir die Kehle zuschnürte, unter Kontrolle hatte, wandte ich mich an ihn. „Hör zu, Noah. Es tut mir wirklich sehr leid. Ich hoffe, dass ich dich nicht von etwas Wichtigem abhalte. Das Ganze ist mir wirklich sehr peinlich ...“ Noah schwieg und konzentrierte sich weiter auf die Strasse. Beschämt wandte ich meinen Blick wieder ab und befürchtete schon, ihn unbewusst an seine eigentlichen Pläne erinnert zu haben, als er schliesslich doch noch antwortete. „Kein Problem, Isabella. Ich habe Zeit“, lächelte er. Ich war erleichtert und wollte mir ein Taschentuch aus meiner Tasche kramen, da fiel mir erst auf, dass ich diese gar nicht bei mir hatte. „Oh Scheisse!“, entfuhr es mir. „Was ist?“ Noah schaute erschrocken zu mir herüber und trat reflexartig auf die Bremse. „Ich habe meine Tasche auf dem Parkplatz liegen lassen!“, schrie ich entsetzt. „Meine Papiere, mein Geld, meine Schlüssel …“ – „Isabella, beruhige dich! Deine Tasche liegt in meinem Kofferraum. Ich habe sie aufgehoben und mitgenommen“, erwiderte er gelassen. Erleichtert atmete ich auf und konnte mir ein Lachen nicht mehr verkneifen. „Was bist du, ein Engel?“ Noah lachte ebenfalls. „Nein, bestimmt nicht, aber ich schalte in solchen Situationen nicht gleich mein Gehirn aus“, konterte er amüsiert. Wow, das sass! Jetzt wusste ich, was für einen Eindruck ich auf ihn machen musste. Verlegen senkte ich meinen Blick und betrachtete meine Hände, die ich in meinen Schoss gelegt hatte und nun nervös knetete. Oh Gott, er musste mich wirklich für einen kompletten Vollidioten halten.

„Wir sind da“, stellte er zufrieden fest, während er schliesslich in die Krankenhauseinfahrt einbog. Ich versteifte mich ruckartig, als die goldenen Buchstaben des Hopefull Grace Hospitals in greller Schrift vor mir aufleuchteten. Traurigkeit überkam mich und von meinem Lachen war nichts mehr zu sehen. „Isabella, es wird schon nicht so schlimm werden. Warte hier, ich gehe und hole einen Rollstuhl.“ Er stieg aus und liess mich allein in seinem Auto zurück. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und davongerannt, aber die Peinlichkeit aus seinem Wagen zu plumpsen, wollte ich mir nun definitiv ersparen und an rennen, war leider erst recht nicht zu denken.

Es verging keine Minute, bis Noah mit einem Rollstuhl wieder zurückkehrte, ihn neben meiner Tür abstellte und sie schliesslich öffnete.

Vorsichtig hob er mich aus dem riesigen Auto und setzte mich sanft auf den Stuhl mit den zwei grossen Rädern. Ich war noch immer damit beschäftigt meine Gefühle in Schach zu halten, während Noah meine Tasche aus dem Kofferraum holte und den fahrenden Stuhl kurz darauf auf den Eingang zusteuerte. Während wir die Tür passierten, spürte ich die Enge, die sich unverzüglich in meiner Brust bemerkbar machte und mir schier den Atem stahl. Ich schloss meine Augen, atmete nochmals tief durch und versuchte mich soweit zu beruhigen, dass ich nicht anfing zu schreien. „Hallo Noah“, riss mich eine sanfte Frauenstimme aus meiner stillen Verzweiflung, „wen bringst du uns denn da mit? Du hast doch heute frei …“ Neugierig öffnete ich meine Augen und erblickte eine Krankenschwester, die sich vor uns postiert hatte. Sie hatte lange, blonde Haare, die sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ihre Augen waren strahlend blau, ihre pfirsichfarbene Haut makellos und ihre Lippen voll. Sie trug eine türkisfarbene, luftige Krankenschwester-Uniform, die ihrem wohlgeformten Körper in keinster Weise schmeichelte. Sie war durchaus sehr attraktiv und ich musste mir eingestehen, dass ich Neid empfand, während ich sie von oben bis unten musterte. Ich selbst hatte schwarze Haare, die mir in wilden und widerspenstigen Wellen bis fast zum Steissbein reichten. Meine Augen waren braun, ich war knapp einen Meter fünfundsechzig gross und trug Grösse sechsunddreissig. Mein Busen war verhältnismässig eher üppig und passte nicht ganz zu meinem gesamten Erscheinungsbild. Im Gegensatz zu der Schwester war ich eher unscheinbar und nichts Besonderes. Mir fehlte das Charisma, welches sie zur Genüge ausstrahlte. „Hey Missy“, antwortete Noah ihr höflich, „ja schon, aber wie du siehst, verfolgt mich meine Arbeit auch in meiner Freizeit. Ist Dr. Roods noch hier?“ Er lächelte sie warmherzig an und erst jetzt wurde mir richtig bewusst, wie unglaublich attraktiv dieser Mann war. Ich schätzte ihn etwa auf einen Meter achtzig. Seine dunklen, braunen Haare waren kurz geschnitten und mit Gel leicht zerzaust, aber dennoch sehr gepflegt frisiert worden. Seine Jeans sass perfekt um seine schmalen Hüften und das schwarze, enganliegende T-Shirt betonte seinen muskulösen Oberkörper. Seine Haut war leicht gebräunt und bildete einen bildschönen Kontrast zu seinen aussergewöhnlichen, dunkelgrünen Augen, die dadurch umso mehr hervorgehoben wurden. „Ja, er ist noch hier, ich rufe ihn sofort an. Es ist sehr ruhig heute, er müsste sofort Zeit für euch haben.“ Nun drehte sich die Krankenschwester in meine Richtung und legte mir ein Klemmbrett mit einem Personalblatt auf meinen Schoss. „Würden sie mir das bitte ausfüllen?“, fragte sie freundlich. „Äh ... ja, natürlich“, stotterte ich, immer noch überrascht darüber, dass sich die beiden offensichtlich sehr gut kannten. Noah deutete mein irritiertes Gesicht und lachte. „Isabella, ich arbeite hier. Ich bin Rettungssanitäter.“ „Ach so“, entgegnete ich gelassen, als ob mich das nicht weiter interessieren würde und begann damit, meine Personalien, mit leicht zitternden Händen, auszufüllen. Nachdem ich fertig war, nahm Noah mir das Klemmbrett wieder ab und legte es auf die Empfangstheke zurück. Von der Krankenschwester war nichts mehr zu sehen.

Noah schob mich in einen Nebenraum und setzte sich neben mich auf einen Stuhl. „Tut es noch sehr weh?“, fragte er mich schliesslich ernst. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die Schmerzen in meinem Knie tatsächlich total ausgeblendet hatte. „Nein, es geht schon, danke“, antwortete ich aufrichtig. „Noah, hör zu. Du musst nicht hier warten, ich möchte nicht, dass du deinen freien Tag hier verbringst, geh nach Hause! Ich werde mir nach der Untersuchung ein Taxi nehmen“, sagte ich. „Ach, das ist schon in Ordnung. Ich warte hier. Soll ich eigentlich jemanden für dich anrufen? Vielleicht deinen Freund?“ Ich verkrampfte mich sofort und senkte traurig meinen Blick. Seine Frage, in Verbindung mit diesem Ort, schmerzte zu sehr und augenblicklich traten wieder Erinnerungen vor mein inneres Auge. „Nein. Ich habe keinen Freund“, flüsterte ich schliesslich nach einer kurzen Pause, mehr zu mir selbst, als an ihn gerichtet. „Okay, wie du meinst. Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee? Ich könnte dir einen aus dem Automaten holen.“

Noch bevor ich antworten konnte, hörte ich auch schon meinen Namen. „Miss Isabella Joeline Miller? Ich bin Dr. Wicker. Der Dienst von Dr. Roods endet in fünf Minuten, deswegen …“ Er unterbrach den Satz abrupt, als sich unsere Blicke trafen. Er erkannte mich also auch … Mir wurde speiübel, ich musste hier raus! Ruckartig erhob ich mich, doch sofort durchzuckte mich wieder dieser höllische Schmerz in meinem Knie. Ich ignorierte ihn und klammerte mich an der Wand fest. Augenblicklich wurde mir heiss und kalt und alles begann sich zu drehen. Das Letzte was ich hörte, bevor mir schwarz vor Augen wurde, war Noah, der völlig perplex und besorgt meinen Namen rief.

2

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem schmalen Krankenbett in einem kleinen Zimmer. Sofort erinnerte ich mich wieder an das, was geschehen war und der Drang zu verschwinden, kehrte augenblicklich zurück. Ich wollte mich aufsetzen, als plötzlich Noah vor mir stand und mich sanft zurück in das Kissen drückte.

„Schschsch …“, flüsterte er. „Isabella, du kannst jetzt nicht aufstehen. Wir haben dir ein leichtes Beruhigungs- und Schlafmittel gespritzt.“ „Noah, du verstehst das nicht! Ich muss hier raus, sofort! Ich kann hier nicht bleiben!“ Ich zitterte am ganzen Leib und meine Worte waren nur noch ein leises Flüstern. „Isabella, ich weiss ES. Ich habe deine Krankenakte gelesen und ich verstehe wirklich, weshalb du hier raus willst, aber wir müssen dein Knie zuerst verarzten. So wie es aussieht, bist du wirklich sehr ungünstig gefallen. Die Wunde muss genäht werden und wir brauchen ein Röntgenbild. Wir müssen sichergehen, dass innerlich nichts verletzt ist.“

Hilflos und verzweifelt drehte ich meinen Kopf zur Seite. Ich wusste, dass er recht hatte, aber ich konnte meine Gefühle einfach nicht unterdrücken. Noah setzte sich an den Bettrand, griff nach meiner Hand und streichelte sie liebevoll. Instinktiv schloss ich meine Augen und genoss seine zärtlichen Berührungen, die mich augenblicklich beruhigten. Ich konnte mir nicht erklären, weshalb ich ihm vertraute, denn eigentlich war er mir ja fremd, doch ich fühlte mich in seiner Nähe so geborgen, als ob wir uns schon ewig kannten. Dr. Wicker riss mich schliesslich aus meinen Gedanken, als er seinen Kopf vorsichtig zur Tür herein streckte. „Miss Miller, … ich … es tut mir sehr leid, es ist wirklich ein sehr dummer Zufall, dass ausgerechnet ich heute wieder Dienst habe. Mir ist klar, dass Sie traumatisiert sind und mein Anblick Ihnen die Sache nicht gerade erleichtert, aber es ist momentan leider kein anderer Arzt hier, der Sie behandeln könnte. Wie Sie wissen, sind wir ein sehr kleines Krankenhaus und es hat nur immer ein Arzt Dienst in der Notaufnahme ...“ Ich seufzte resigniert und nickte. „Schon gut, Dr. Wicker, das ist ja nicht Ihre Schuld. Bitte untersuchen Sie mich, damit ich das Krankenhaus danach schnell wieder verlassen kann.“

Die Untersuchungen schmerzten sehr, waren aber nichts im Vergleich zu jenen Schmerzen, welche ich in meinem Herzen empfand. Noah blieb bei mir und betrachtete mich immer wieder besorgt. Seine warmen, dunkelgrünen Augen glänzten unter der grellen Lampe des Untersuchungsraumes. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihm abwenden und so wurde er für mich zu einem Fokus, der mich alles um mich herum ausblenden liess. Während der Arzt die Wunde nähte, schaute er ihm interessiert über die Schultern. Ich beobachtete ihn und stellte mir vor, er wäre mein fester Freund … Er verhielt sich so rücksichtsvoll und hilfsbereit. Hätte er damals an Jonahs Stelle gestanden, wäre bestimmt alles anders gekommen. Doch diese Vorstellung verscheuchte ich augenblicklich wieder aus meinen Gedanken, denn ich war mir ziemlich sicher, dass Noah schwul war! Anders konnte ich mir seine selbstlose, feinfühlige und fürsorgliche Art nicht erklären. Er kannte mich ja gar nicht und trotzdem kümmerte er sich unheimlich rührend um mich, als würde ich ihm etwas bedeuten. Eine Schönheit war ich ja nun wirklich nicht, er würde sich also wohl kaum eine entsprechende Gegenleistung erhoffen. Allerdings war er ja auch Rettungssanitäter, vielleicht musste er mir auch einfach helfen, weil es seinem Ehrenkodex entsprach. „Bist du schwul?“, schoss es plötzlich aus mir heraus. Oh mein Gott! Das war jetzt nicht gerade ich, die das laut ausgesprochen hatte …? Noah starrte mich empört an und schien seinen Ohren nicht zu trauen. „Wie bitte?“ Verdammt, was war nur mit mir los? Ich lief knallrot an und senkte meinen Blick beschämt. „Entschuldige bitte. Das war unpassend ...“ Ich zweifelte wirklich gerade an meinem gesunden Menschenverstand, wie konnte mir das nur so rausrutschen? Noah stand mir bei und ich hatte nichts Besseres zu tun, als ihn in Verlegenheit zu bringen. „Nein, Süsse, ich bin definitiv nicht schwul! Oh mein Gott, hoffentlich ist das nicht der erste Eindruck, den ich bei Frauen hinterlasse …“ Er lachte verlegen und ich spürte, wie unangenehm ihm meine Frage war. „Das könnte der Grund dafür sein, weshalb du noch nicht vergeben bist …“, fügte Dr. Wicker frech grinsend hinzu. Noahs Atem stockte und er schüttelte ungläubig seinen Kopf. „Glaubt mir, wenn ich schwul wäre, dann wüsste ich das! Und die einte oder andere Frau übrigens auch …“ Nun wusste ich also, dass auch Noah nicht vergeben war. Angesichts seiner Zerknirschtheit musste ich lachen. Für einen kurzen Moment hatte ich meinen Kummer, der sich in den letzten Stunden erneut um mein Herz geschlungen hatte, fast vergessen. „Noah, es tut mir leid!“, sagte ich und schenkte ihm mein süssestes Lächeln, welches dieses eine Mal nicht aufgesetzt war, sondern von Herzen kam. „Ich dachte nur gerade darüber nach, weshalb du dich so fürsorglich um mich kümmerst, obwohl du mich doch gar nicht kennst. Aber ich weiss, du bist Rettungssanitäter, da ist es natürlich deine Pflicht zu helfen.“ Noahs Gesicht färbte sich rötlich, er sagte nichts. Dr. Wicker war überrascht über meine Worte. „Ihr kennt euch gar nicht?“, fragte er erstaunt. „Erst seit ein paar Stunden …“, antwortete ich und überlegte krampfhaft, wie ich das Thema wechseln konnte, um Noah aus dieser peinlichen Situation, in die ausgerechnet ich ihn gebracht hatte, wieder zu befreien. „Interessant …“, entgegnete Dr. Wicker und schmunzelte geheimnisvoll vor sich hin. Noah schwieg noch immer, liess aber zu meinem Bedauern meine Hand los.

Die restliche Behandlung liess ich schweigend über mich ergehen, ich hatte schon genug angerichtet. Es war wirklich höchste Zeit, die Klappe zu halten.

Kurze Zeit später stand ich mit Krücken wieder an der Empfangstheke der Ambulanz und unterschrieb erleichtert die Entlassungspapiere. Das Röntgenbild war unauffällig, aber ich musste in zehn Tagen wiederkommen, um die Fäden ziehen zu lassen. Noah sprach nochmals kurz mit der attraktiven Krankenschwester, während Dr. Wicker mir die Medikamenteneinnahme genau erklärte. Ebenso machte er mich auf das Infektionsrisiko aufmerksam, wenn ich den Verband nicht täglich wechseln würde. Ein ärztliches Zeugnis brauchte ich nicht, da der Kindergarten in den Sommerferien sowieso geschlossen war und ich nicht arbeiten musste.

Schliesslich verabschiedeten wir uns endlich. Ich wollte gerade mein Handy aus meiner Tasche zücken, um ein Taxi zu rufen, als Noah lässig an mir vorbei ging und mir den Beutel mit den Medikamenten aus der Hand riss. „Hey!“, rief ich ihm entgeistert hinterher, doch er ignorierte mich und schlenderte gemütlich zu seinem Range Rover. „Noah!“ Ich wurde wütend und versuchte, mich mit diesen doofen Krücken fortzubewegen. Allerdings stellte ich mich dabei wirklich total dämlich an und kam erst nach einer gefühlten Ewigkeit, mehr oder weniger hüpfend, bei seinem Auto an. Noah lehnte völlig unbekümmert an der Motorhaube und schien sich prächtig darüber zu amüsieren. Das war wohl die Rache für meine unpassende Frage von vorhin. „Was soll das?“, schrie ich ihn an. „Ich brauche meine Medikamente!“ – „Steig in den Wagen, ich fahre dich nach Hause“, sagte er, ohne auf meine Frage einzugehen. Er öffnete mir die Beifahrertür und verfrachtete mich wortlos auf den Sitz. „Nein, ich … ich muss doch noch mein Auto holen!“ Ich versuchte wieder auszusteigen, doch ich kam nicht an ihm vorbei. Noah kam näher und schaute mir nun tief in die Augen. Er durchbohrte mich förmlich und seine Stimme klang nun scharf und bestimmt.

„Isabella! Ich kenn dich nicht wirklich, aber ich bin mir sicher, dass du nicht verrückt bist! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mit deiner Verletzung noch fahren kannst? ICH fahr dich jetzt nach Hause und dann sehen wir weiter.“ Sein Lächeln war verschwunden und ich verstand, dass er keine Widerrede dulden würde, also entgegnete ich nichts mehr und schnallte mich stattdessen an. Kurz und bündig nannte ich ihm meine Adresse, damit er sie in sein GPS eingeben konnte, danach schwiegen wir beide.

Während der Fahrt plagte mich ein furchtbar schlechtes Gewissen und so wandte ich mich ihm schliesslich reumütig zu. „Noah, bitte verzeih mir, dass ich dich für schwul gehalten habe. Ich wollte dich wirklich nicht kränken. Ich dachte … ach, ich … nein, ich habe eben nicht nachgedacht … Du warst heute wirklich mein Engel und ich danke dir von ganzem Herzen. Ohne dich hätte ich den Aufenthalt im Krankenhaus nicht überstanden.“ Sein Blick wurde weich. Plötzlich fuhr er an den Strassenrand, hielt den Wagen an und drehte sich dann zu mir. „Isabella, ich bin nicht gekränkt, weil du mich für schwul gehalten hast und ich bin bei Gott kein Engel! Ich …“, er fuhr sich mit den Händen durch seine perfekt gestylten Haare, bevor er weitersprach, „ich … ach, vergiss es einfach! Du hast recht, ich bin Rettungssanitäter und da konnte ich dich ja nicht gut am Boden liegen lassen und einfach davonbrausen. Wer weiss, was du sonst noch angestellt hättest“, spottete er kühl.

Seine Worte verletzten mich tief, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Oh. Na gut, dann danke“, sagte ich knapp und senkte enttäuscht meinen Blick. Augenblicklich fühlte ich mich wieder elend. Er setzte den Rover wieder in Gang und fuhr auf die Strasse zurück. Ich blickte aus dem Fenster, schloss meine Augen und versuchte die Tränen zurückzuhalten, die sich in meinen Augen sammelten. Doch diesmal gelang es mir nicht. Sie bahnten sich den Weg über meine Wangen, noch bevor ich sie aufhalten konnte, aber wenigstens musste ich nicht schluchzen, sodass Noah nicht bemerkte, wie ich schon wieder weinte.

„Isabella, wach auf. Wir sind da, Süsse“, flüsterte er in mein Ohr. Im ersten Moment war ich verwirrt. Die Erschöpfung der neusten Ereignisse hatte ihren Tribut gefordert und so musste ich wohl während der Fahrt eingeschlafen sein. Meine Augen und meine Backen brannten immer noch von den vielen Tränen, die ich still vergossen hatte. Noah stieg aus und öffnete mir kurz darauf die Beifahrertür. Als er meine nassen Wangen bemerkte, runzelte er besorgt die Stirn.

„Isabella, alles okay?“ –„Natürlich!“, versicherte ich ihm mit einem gekünstelten Lächeln, während ich die Krücken und meine Tasche aus dem Auto holte. Ich entwendete Noah den Beutel mit den Medikamenten, schulterte meine Tasche und hüpfte in Richtung Blockhaus. Noah folgte mir und wollte mich hochheben, um mich die Treppen hochzutragen, doch ich wies ihn ab.

„Es geht schon, lass mich los!“, sagte ich bissig, doch er liess nicht von mir ab. Ich wurde wütend und stiess ihn weg. „Noah! Geh einfach, okay?“ Erschrocken starrte er mich an. „Isabella, ich wollte dir doch nur helfen! Ich …“ – „Ja, weil du Rettungssanitäter bist!“, fiel ich ihm genervt ins Wort. „Ich habe es verstanden! Und glaub mir, du bist ein sehr guter Sanitäter und hast deinen Job mehr als nur gut gemeistert, aber jetzt bin ich zu Hause und sorge wieder für mich selbst, du kannst also gehen.“ Ich wurde ruhiger, weil ich mich noch in der gleichen Sekunde für meinen Ausbruch schämte. „Danke nochmal, für alles“, fügte ich also lahm hinzu, weil mich augenblicklich das schlechte Gewissen packte.

Noah blieb wie angewurzelt stehen und ich spürte seinen Blick in meinem Rücken, während ich die Tür aufsperrte und kurz darauf im Treppenhaus verschwand. Als ich dann endlich, nach zwei weiteren, schier unbezwingbaren Treppen, in meiner Etage und meinem Apartment angekommen war und die Tür hinter mir geschlossen hatte, lehnte ich mich mit dem Rücken an die kalte Wand im Flur und versuchte mich zu beruhigen. Meine Atmung ging oberflächlich und schnell, mein Bein schmerzte fürchterlich. Ich fühlte mich erschöpft und niedergeschlagen, während ich meine Tasche auf den Boden stellte und versuchte meine Schuhe, beziehungsweise was davon übrig geblieben war, auszuziehen. „Oh Scheisse! Mein Auto! …“ Ich schlug die Hände über meinem Kopf zusammen, als ich mich plötzlich wieder daran erinnerte, dass mein Auto immer noch auf dem Parkplatz des Quick Marktes stand. Doch egal wie sehr ich mich auch ärgerte, Noah behielt recht. Solange ich verletzt war, konnte ich nicht fahren, also würde mein Auto so lange da stehen bleiben müssen, bis mein Knie wieder heil war.

Geknickt hüpfte ich schliesslich in mein Schlafzimmer. Meine Kleider waren zwischenzeitlich wieder vollkommen trocken, also legte ich mich, ohne mich zu entkleiden, vorsichtig auf mein Bett. Kaum hatte ich mich zusammengerollt und eine passende Position für mein Knie gefunden, kamen mir schon wieder die Tränen und ich weinte mich völlig aufgelöst in den Schlaf.

3

Noch bevor ich meine Augen öffnete, wusste ich, dass es bereits gegen Mittag war, denn ich spürte die angenehme Wärme der Mittagssonne, die durch mein Schlafzimmerfenster schien. Schlaftrunken drehte ich mich auf die Seite, hielt aber sofort inne, als ich abermals den stechenden Schmerz in meinem Knie verspürte.

„Oh Verdammt, mein Knie!“, fluchte ich laut … Nachdem der Schmerz langsam wieder nachgelassen hatte, zog ich mich an meinem Bettgitter hoch und hüpfte ins Badezimmer. Ich liess das Wasser in die Badewanne einlaufen und setzte mich vorsichtig auf den Wannenrand. Schliesslich gelang es mir tatsächlich in die Wanne zu steigen, OHNE dass mein Knie, mitsamt Verband, nass wurde. Ich genoss das warme Wasser auf meiner Haut und atmete entspannt den blumigen Duft meines Badeschaums ein. Nachdem ich mich gewaschen hatte, schloss ich meine Augen und war nicht überrascht darüber, dass Noahs Gesicht vor meinem inneren Auge erschien, denn ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich von ihm geträumt hatte. Augenblicklich verspürte ich wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn gestern so mies behandelt hatte. Das hatte er nicht verdient, schliesslich wäre ich ohne ihn total am Arsch gewesen. Doch nun war es zu spät, er war weg und ich würde ihn wohl nie wieder sehen. Seufzend schüttelte ich meinen Kopf, als würde sein Bild dadurch aus meinem Gedächtnis verschwinden und richtete mich wieder auf, zog mir meinen weissen, samtenen Bademantel über und humpelte in die Küche, wo ich mich schliesslich erschöpft auf den Stuhl am Küchentisch sinken liess.

Ich betrachtete den Verband an meinem Knie und wieder verkrampfte sich mein Magen. Ich wusste, dass ich den Verband wechseln musste, Dr. Wicker hatte mich ausdrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen. Schon im Badezimmer hatte ich ihn abnehmen wollen, aber ich hatte es einfach nicht über mich gebracht. Der Gedanke daran, darunter eine Wunde und Blut vorzufinden, war einfach nicht ertragbar.

Ich war noch in Gedanken versunken, als es plötzlich an der Tür klopfte. Ich erschrak, denn ich konnte mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen, wer das hätte sein können. Ich erwartete so gut wie nie unangemeldeten Besuch und für den Zeitungsjungen war es bereits zu spät. Ich wollte das Klopfen schon ignorieren, doch dann siegte meine Neugier schliesslich doch und ich hüpfte zur Tür. Als ich sie öffnete, stockte mir der Atem und mein Herz pochte plötzlich heftig und laut in meiner Brust.

„Noah! Was tust du denn hier?“ Sein Anblick raubte mir erneut die Sinne. Sein enganliegendes, schwarzes Shirt betonte seine muskulösen Oberarme und die einfache, graue Jogginghose sass locker, aber wie angegossen um seine Hüften. In der Hand trug er einen kleinen Koffer. „Hey, Isabella! Dr. Wicker schickt mich, um die Naht und die Wundheilung zu überprüfen“, sagte er gelassen. „Was? Seit wann machen denn Rettungssanitäter Hausbesuche?“, fragte ich überrascht. „Nun ja“, er fuhr sich nervös durch seine perfekt gestylten Haare, „er macht sich eben Sorgen um dich. Kann ich reinkommen?“ Ich betrachtete ihn argwöhnisch und zog verlegen die Schlaufe meines Bademantels enger, ehe ich schliesslich nickte und einen Schritt auf die Seite machte, damit er eintreten konnte. Unsere Körper streiften sich leicht und ich atmete unauffällig seinen süsslich herben Duft ein. Sein Besuch irritierte mich zwar sehr, aber ich hätte mich selbst belogen, wenn ich mir nicht eingestanden hätte, dass ich mich innerlich über das Wiedersehen mit ihm freute.

Nachdem ich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, drehte ich mich um und hüpfte zurück in die Küche. Noah folgte mir unauffällig. „Sag mal, warum hüpfst du hier eigentlich herum wie ein Känguru? Du hast doch Krücken …“ Er amüsierte sich offensichtlich prächtig und ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. „Ja schon, aber es ist mir einfach zu blöd, die für jeden einzelnen Schritt mit mir rumzutragen“, sagte ich, während ich mich verlegen auf meinen Stuhl zurücksetzte.

„Wenn du etwas trinken möchtest, dann bedien dich bitte. Ich habe noch keinen Kaffee aufgesetzt, aber im Kühlschrank hat es Mineralwasser und Orangensaft, falls du durstig bist.“ „Danke, ich brauche nichts“, lehnte er höflich ab und liess sich gleich darauf lässig auf den Stuhl neben mir sinken. Seine Nähe machte mich unheimlich nervös und ich war sehr dankbar darüber, dass er seinen Blick bereits auf mein Knie gerichtet hatte und nicht bemerkte, wie ich ihn von oben bis unten musterte und sich meine Gesichtsfarbe dabei erneut veränderte. Er strich sanft über mein Knie, das unter meinem Morgenmantel hervor guckte und öffnete schliesslich behutsam den Verband. „Dann wollen wir mal sehen, was die Wunde macht.“ Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken, den seine Berührung in mir ausgelöst hatte. Während er die Binde abnahm, schloss ich meine Augen.

Ich hörte, wie er etwas aus seinem Koffer entnahm und fühlte plötzlich eine kalte Flüssigkeit auf meinem Knie. Ich zuckte kurz zusammen, doch nach ein paar wenigen Sekunden war alles vorbei und kurze Zeit später zierte ein frischer Verband mein Knie. Oh Gott! Ich war ihm unendlich dankbar, aber das musste er ja nicht wissen. Es war schlimm genug, dass er mich für einen Schussel hielt, er musste mich wirklich nicht auch noch für ein Weichei halten.

„Isabella?“, begann er schliesslich nachdenklich, während er das Desinfektionsmittel wieder in dem Koffer verstaute. „Ja?“ – „Du kannst kein Blut sehen. War das schon immer so?“ Ich erstarrte, aber es zu leugnen, brachte jetzt auch nichts mehr. „Nein“, antwortete ich traurig, „dieses Problem habe ich erst seit ein paar Monaten, seit …“ Ich stockte und spürte, wie sich meine Kehle zuschnürte. „Seit deinem Unfall“, ergänzte er meinen Satz wissend. „Ja“, bestätigte ich knapp und hoffte, dass er keine weiteren Fragen stellen würde. Allerdings war mir klar, dass die Chancen, dass dieses Gespräch nicht in einem Verhör enden würde, relativ schlecht standen. „Was ist damals passiert?“ Ich blickte in seine Augen und verlor mich einen kurzen Moment darin, ehe mir wieder bewusst wurde, dass er meine Krankenakte gelesen hatte und einen grossen Teil der ganzen Geschichte kannte, allerdings nur den medizinischen Teil und das musste auch so bleiben. „Ach“, sagte ich ruhig, als ob nichts weiter dabei wäre, „das war einfach ein dummer Unfall! Was passiert ist, ist passiert.“

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern, während ich aus dem Fenster ins Leere starrte, um seinem misstrauischen Blick auszuweichen.

„Isabella!“ Er kam näher und kniete sich vor mich nieder. Er nahm mein Kinn in seine Hand und hob es an, sodass ich gezwungen war, ihm in seine Augen zu sehen. „Du warst im 3. Monat schwanger und bist mit zahlreichen blauen Flecken, Quetschungen und inneren Blutungen ins Spital eingeliefert worden! Das war kein blöder Unfall! Was zum Teufel ist da passiert?“

Er runzelte die Stirn und ich erkannte wieder diese aufrichtige Sorge in seinen Augen. Ich drehte meinen Kopf weg und ballte meine Hände zu Fäusten. Warum wollte er das wissen? Das ging ihn gar nichts an! Er war weder ein Freund, noch mein Freund, er war nur ein dämlicher Rettungssanitäter, dem offenbar noch ein paar gruslige Geschichten für sein Repertoire fehlten.

„Noah, das geht dich nichts an! Ich will nicht darüber reden, klar?“, sagte ich schroff und funkelte ihn dabei böse an. Noah seufzte resigniert und entfernte sich mit erhobenen Händen von mir. „Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Bestimmt hast du Freunde und Familie, denen du alles anvertraut hast und den Vater des Babys gibt es ja bestimmt auch noch …“

Als er diese Worte ausgesprochen hatte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen! Noah traf einen wunden Punkt und plötzlich war es, als ob ein Vulkan ausbrach, der schon lange in mir getobt hatte. Ich stand auf, humpelte auf ihn zu und schrie ihm mitten ins Gesicht. Meine Worte sprudelten nur so aus mir heraus. „Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, Noah! Wieso hätte ich das tun sollen? Es hätte nichts daran geändert! Was passiert ist, ist passiert und es lässt sich nicht mehr ungeschehen machen! Der Kindsvater war ein Arschloch und …“ Plötzlich konnte ich nicht mehr sprechen. Ich schlug die Hände vor mein Gesicht und begann, haltlos zu schluchzen. Noah verfolgte meinen Ausbruch mitfühlend und wollte mich instinktiv in die Arme nehmen, um mich zu trösten. „Nein, lass mich!“, schrie ich weiter. „Und meine Familie weiss nichts davon, denn meiner Mutter und meiner Schwester hätte es das Herz gebrochen und mein Vater, der hätte ihn wahrscheinlich umgebracht, nachdem …“ Ich verstummte erneut und schluchzte weiter. Kraftlos sank ich auf meinen Stuhl und blendete alles um mich herum aus. Er war wieder da, stärker als jemals zuvor, dieser Schmerz in meinem Herzen und in meiner Seele. Der Verlust meines Babys, die Erinnerung an die schreckliche Nacht und die Erkenntnis, nie wieder schwanger werden zu können, weil mein Bauch nach den schlimmen inneren Blutungen vernarbt war. Laut den Ärzten würde sich nie wieder ein Baby in meinen Uterus einnisten können. All diese Gefühle, die ich in den letzten Monaten erfolgreich verdrängt hatte, waren nun mit einem Schlag wieder zurückgekehrt und brachten meine Welt erneut zum Einsturz.

Noah legte seine Arme um meine Taille und hob mich vom Stuhl. Dieses Mal wehrte ich mich nicht. Ich legte meine Arme um seinen Nacken und vergrub mein tränenüberströmtes Gesicht in seiner Brust, während er mich in mein Schlafzimmer trug. Die Tür stand immer offen, sodass er das Zimmer sofort erkannte, ohne lange danach suchen zu müssen. Er legte mich vorsichtig auf mein Bett und deckte mich liebevoll zu. Ich weinte immer noch bitterlich und war davon überzeugt, dass er mein Apartment nun verlassen würde, doch stattdessen legte er sich neben mich und zog mich fest in seine Arme. Wortlos streichelte er meine widerspenstigen Haare und verstärkte schliesslich seinen Druck um meine Taille. Ich genoss seine Nähe und die Wärme, die mich angenehm umhüllte. Ich fühlte mich so beschützt und geborgen, dass ich schliesslich, als meine Tränen endlich verstummten, in seinen Armen einschlief.

Als ich wieder aufwachte, war von Noah nichts mehr zu sehen. Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob ich vielleicht alles nur geträumt hatte, doch meine brennenden Augen überzeugten mich vom Gegenteil und erinnerten mich wieder an mein blutendes Herz. Vorsichtig rollte ich aus dem Bett, legte den Bademantel ab und zog mir ein kurzes Sommerkleid über. Langsam und behutsam näherte ich mich der Küche. Diesmal nahm ich die Krücken zur Hand, denn mein Knie schmerzte höllisch. Ich musste dringend meine Medikamente einnehmen.

Ich holte mir gerade ein Glas aus dem Küchenschrank und füllte es mit Wasser, als ich die Tür ins Schloss fallen hörte. Überrascht drehte ich mich um und traute meinen Augen nicht. Noah stand, mit einer riesigen Einkaufstüte beladen, im Türrahmen und beobachtete mich besorgt. „Hey, hast du dich wieder beruhigt?“ Er kam näher und strich mir mit dem Handrücken zärtlich über meine Wangen. Sofort durchlief mich ein wohliger Schauer. „Noah … was machst du denn noch hier?“ Ich war irritiert und … verdammt, mein Puls wollte sich einfach nicht beruhigen und ich spürte, wie ich leicht zitterte.

Es war mir sehr unangenehm, was dieser Mann für Gefühle in mir auslöste, doch ich konnte sie nicht zügeln. Er ignorierte meine Frage, als ob ich nichts gesagt hätte, stellte die Tüte auf die Küchentheke und machte sich daran, die Lebensmittel auszupacken. „Jetzt wirst du erst einmal etwas essen“, sagte er. „Noah, was soll denn das?“ Meine Stimme klang leise und zerbrechlich. „Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert und ich möchte auch niemanden, der sich um mich kümmert! Ich schaff das schon alleine!“

Augenblicklich liess er alles fallen und musterte mich eindringlich. Seine Stimme klang eisern, während er aufgebracht auf mich zusteuerte und mich an den Schultern packte. „Oh doch! Genau das brauchst du, Isabella! Und ich werde mich um dich kümmern, ob du nun willst oder nicht! Du trägst diese ganze Scheisse nun schon so lange mit dir herum und konntest bisher noch mit niemandem darüber sprechen. Verdammt, Süsse, du brauchst jemanden und ich werde derjenige sein.“

Jetzt reichte es mir! Was dachte er eigentlich, wer er war? Dachte er ernsthaft, dass ein lächerlicher Tag ausreichen würde, um mein Vertrauen zu gewinnen? Nun ja, ich musste zugeben, dass er für einen Fremden, dem ich angeblich nicht vertraute, wirklich verdammt viel über mich wusste. Trotzdem verstand ich nach wie vor nicht, weshalb er sich so für mich und meine Geschichte interessierte. Er war schliesslich Rettungssanitäter und wurde tagtäglich mit schlimmen Unfällen konfrontiert.

Kümmerte er sich danach um jeden Patienten auch noch privat? – „Warum? ...“, sprach ich meine Gedanken schliesslich laut aus, „Warum tust du das? Du kennst mich doch gar nicht.“ Ich legte meine Stirn in Falten und betrachtete ihn unsicher, ich durchbohrte ihn regelrecht mit meinem Blick, als ob ich die Antwort irgendwo auf seinem fantastischen Körper finden könnte.

„Weil ich es tun möchte und du jemanden brauchst! Und jetzt setz dich und lagere dein Knie hoch, sonst wirst du noch lange nicht laufen können!“, befahl er kühl. Er drehte mir den Rücken zu und machte sich weiter an den Lebensmitteln zu schaffen.

Die Diskussion war für mich noch lange nicht beendet. Ich wollte Antworten, doch der Befehlston in seiner tiefen Stimme ängstigte mich, sodass ich nicht den Mut aufbrachte, noch etwas zu erwidern. Ausserdem entsprach es ja auch der Wahrheit: Ich brauchte wirklich jemanden. Ich konnte ja noch nicht einmal den Verband selbst wechseln. Allerdings war ich mir noch nicht ganz sicher, ob ER wirklich derjenige war, den ich um mich haben wollte. Zugegeben, von WOLLEN, war keine Rede, aber ich fühlte mich unwohl in seiner Nähe, weil er einiges über mich wusste und doch wusste er nichts. Seine Anwesenheit machte mich in jeder Hinsicht nervös und das passte mir überhaupt nicht. Seufzend liess ich mich schliesslich resigniert auf meinen Küchenstuhl fallen und legte mein verletztes Bein auf den anderen. „Braves Mädchen!“, scherzte er und lächelte dabei siegessicher vor sich hin. „Ich bin kein süsser Hund!“, entgegnete ich gereizt und vergrub mein Gesicht in einer alten Zeitschrift, die ich noch auf dem Tisch liegen hatte. „Ein Hund? Nein! Süss? Definitiv ja!“ Er schmunzelte und begann nun damit, meine Schubladen zu durchforschen. Offensichtlich suchte er nach etwas, mit dem er das Gemüse bearbeiten konnte, welches er zwischenzeitlich gewaschen hatte. Ich tat so, als ob ich ihn nicht gehört hätte und erklärte ihm stattdessen, wo er die gewünschten Kochutensilien finden konnte. Eine halbe Stunde später sassen wir gemeinsam am Tisch und assen Pasta.

Die Nudeln schmeckten mir ausgezeichnet und Noah freute sich sichtlich, als ich das Kompliment aussprach. „Wow! Die schmecken wirklich super! Wo hast du das denn gelernt?“ – „Das ist ein italienisches Familienrezept. Meine Grossmutter hat es mir verraten, als ich noch ein Kind war und mich gelehrt, es zu kochen.“ – „Du stammst also aus Italien?“ – „Ja genau, aus Palermo.“ Neugierig und interessiert horchte ich seiner Lebensgeschichte und freute mich insgeheim sehr darüber, als er weitererzählte. „Ich bin vor fünf Jahren mit meinem besten Freund in die Staaten gezogen, um hier zu arbeiten. Wir teilen uns eine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses, allerdings nicht mehr lange, denn der Junge wird bald heiraten und dann mit seiner künftigen Frau zusammenziehen. Was ist mit dir? Du bist keine Amerikanerin“, fragte er. „Nein, ich komme aus Irland“, erklärte ich. „Und weshalb bist du hier?“, fragte er weiter. „Meiner Familie gehört ein Weingut und mein Vater vertreibt unseren Wein auf der ganzen Welt. Als er dann vor drei Jahren nach Amerika expandiert hat, sind wir vorübergehend nach Seattle gezogen, damit er seine Geschäfte von hier aus tätigen konnte. Nach einem Jahr ist meine Familie wieder nach Irland zurückgekehrt und ich bin hiergeblieben.“ Noah zog seine Augenbrauen hoch und betrachtete mich neugierig. „Wieso bist du nicht mit ihnen zurückgekehrt?“ – „Ich bin Erzieherin und habe kurz nach unserer Ankunft eine Stelle in einem Kindergarten am Stadtrand angenommen. Eigentlich nur befristet, doch die Kinder sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich sie nicht wieder verlassen wollte. Ausserdem habe ich damals einen Freund gehabt und wollte bei ihm bleiben, also war meine Entscheidung gefallen.“ – „Und deine Eltern haben das einfach so akzeptiert?“, fragte er überrascht. Ich seufzte tief. „Nein. Meine Mutter hat tagelang geweint, doch nachdem ich ihr schliesslich versprochen habe, dass ich weiter in unserer Wohnung wohnen bleiben würde, hier im sicheren Stadtteil, hat sie mir schliesslich ihren Segen gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war ich ja auch schon einundzwanzig und sie haben gedacht, ich wäre in guten Händen …“ Noah runzelte die Stirn. „Und das warst du nicht?“ „Nein, offenbar nicht, aber darüber will ich nicht sprechen, Noah“, sagte ich knapp. Er senkte betrübt seinen Blick und nickte schliesslich resigniert. „Es ist schon spät, Isabella. Ich werde mich jetzt vom Acker machen.“ Überrascht blickte ich auf meine Küchenuhr. „Spät? Es ist erst zehn Uhr!“ Ich war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen … „Süsse, ich bin dreissig Jahre alt. In diesem Alter ist zehn Uhr definitiv schon spät. Ausserdem muss ich morgen wieder früh raus.“ Er erhob sich von seinem Stuhl und stellte das Geschirr in die Abwaschmaschine, ehe er sich zu mir hinunter beugte und mich anschliessend flüchtig auf meine Wange küsste. „Gute Nacht, Isabella! Ich werde morgen wiederkommen, um nach dir zu sehen.“ Schweigend beobachtete ich, wie er meine Wohnung verliess. Ich legte meine Hand auf die Wange, auf der ich immer noch seine zarten Lippen spüren konnte und versuchte zu verstehen, weshalb meine Gefühle plötzlich Purzelbäume schlugen.

4

Noah hielt sein Wort und kam auch an den folgenden Tagen bei mir vorbei, um sich um mich zu kümmern. Ich fühlte mich nicht mehr so unsicher wie am Anfang und genoss seine Gesellschaft mittlerweile sehr. Er kochte jeden Abend für uns und liess sich sogar von seinem Freund zum Einkaufszentrum fahren, damit er mir mein Auto zurückbringen konnte. Ich war unglaublich erleichtert darüber, es nun endlich wieder bei mir zu haben. In dieser Stadt grenzte es wahrlich an ein Wunder, dass es überhaupt noch da gestanden hatte und zwischenzeitlich nicht geklaut worden war. Noah wurde mir immer wichtiger und ich gewöhnte mich daran, ihn regelmässig um mich zu haben. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten, verteidigten aber auch unsere unterschiedlichen Ansichten. So kam es manchmal vor, wenn Noah am nächsten Tag nicht arbeiten musste, dass unsere lebendigen Gespräche bis spät in die Nacht dauerten. Noah boxte in seiner Freizeit im Fitnessstudio und ich berichtete ihm mit glänzenden Augen von meiner Leidenschaft für Musicals. Es entstand eine Nähe zwischen uns, die ich einerseits willkommen hiess, die mir anderseits aber auch fürchterliche Angst einjagte. Ich wusste immer noch nicht, weshalb sich Noah unbedingt um mich kümmern wollte. Ich hatte Angst, ihn zu verlieren und davor, dass er wieder aus meinem Leben verschwinden würde, wenn mein Knie wieder verheilt war. Doch diesen Gedanken verdrängte ich nach bester Möglichkeit.

Am neunten Tag nach meinem Unfall war die Wunde an meinem Knie schon fast verheilt. Ich konnte den Fuss bereits wieder belasten und brauchte keine Schmerztabletten mehr. Heute wollte ich Noah überraschen und ihn davon überzeugen, dass auch ich kochen konnte. Ich wollte ihn verwöhnen und mich für alles bedanken, was er in den letzten Tagen für mich getan hatte. Fröhlich verliess ich das Haus und kaufte die Zutaten für das geplante Menu ein, um mich wenig später in der Küche auszutoben und den Fisch, die Kartoffeln und den Salat zuzubereiten. Ich schaltete das Radio ein, wirbelte ausgelassen durch die Küche und sang fröhlich vor mich hin. Nach vier ganzen Monaten fühlte ich mich endlich wieder glücklich und froh.

Lächelnd stieg ich auf meinen Küchenstuhl, um die Salatschüssel aus dem oberen Schrank zu holen, als ich mein Gewicht versehentlich zu sehr auf eine Seite verlagerte und der Stuhl schliesslich umkippte. Ich schrie auf, doch zu meiner eigenen Überraschung landete ich nicht auf dem harten Boden, sondern in Noahs Arme, der mich nun erschrocken und wütend zugleich ansah. „Verdammt nochmal, Isabella!“, schrie er mich an, während er mich wieder auf die Beine stellte, „kannst du nicht besser auf dich aufpassen? Dich kann man wirklich keinen Tag lang alleine lassen!“ Er hielt mich an meinen Armen fest und drückte zu. Als ich in seine zornig funkelnden Augen blickte, erstarrte ich. Es dauerte einen kurzen Moment, bis ich mich wieder gefasst hatte, doch dann riss ich mich hastig von ihm los und stürmte wütend in mein Schlafzimmer. „Fahr zur Hölle!“, rief ich, bevor ich die Tür hinter mir zuknallte. Kaum hatte ich mich beleidigt auf mein Bett gesetzt, hörte ich ihn auch schon vor meiner Tür. „Isabella, es tut mir leid! Principessa, bitte verzeih mir, ich war ein Vollidiot!“ Ich spürte sein schlechtes Gewissen und seine reumütige, fast weinerliche Stimme versetzte mir einen Stich in mein Herz. Er verdiente es nicht von mir abgewiesen zu werden, nach allem, was er für mich getan hatte, aber im Moment war ich furchtbar wütend auf ihn und verletzt. „Verschwinde!“, schrie ich gekränkt. Seine Stimme war nur noch ein leises Flüstern. „Isabella, bitte verzeih mir. Mein Tag war total beschissen! Wir haben heute ein Kind verloren, was mir sehr nahe geht und als ich zur Tür hineingeschlichen bin, um dich zu überraschen und dich fallen sah, da bin ich ausgetickt! Der Gedanke daran, dass dir etwas zustossen könnte, ist für mich unerträglich!“ Ich schlich zur Tür und lauschte gerührt seinen Worten. Jetzt tat er mir wirklich leid … „Süsse“, fuhr er geknickt fort, „ich möchte einfach nicht, dass dir was passiert! Du bedeutest mir so viel!“

Jetzt öffnete ich die Tür und trat irritiert hinaus in mein Wohnzimmer. Noah kauerte neben meiner Tür am Boden und lehnte an der Wand. Seine muskulösen Arme hatte er schützend um seine Beine geschlungen. Nachdem er mich bemerkt hatte, sah er mich erleichtert an, erhob sich sofort und näherte sich mir verkrampft. Erst jetzt bemerkte ich die Traurigkeit, die sich in seinen Augen widerspiegelte und die dunklen Schatten darunter. Es ging ihm wirklich miserabel. Als er schliesslich vor mir stehen blieb, hielt er einen kurzen Augenblick lang inne.

Erst als er sich sicher war, dass ich ihn nicht wieder abweisen würde, zog er mich in seine Arme. „Ich bedeute dir etwas?“, fragte ich schliesslich erstaunt und hoffte gleichzeitig, dass ich mir seine Worte nicht nur eingebildet hatte. Noah liess mich verblüfft los, nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. „Principessa, hast du das denn nicht bemerkt? Denkst du etwa, ich mache bei jedem meiner Patienten Hausbesuche und verbringe anschliessend Zeit mit ihnen?“ – „Also war es doch nicht Dr. Wicker, der dich zu mir geschickt hat?“ Insgeheim wusste ich die Antwort schon. Ich hatte es immer schon gewusst. „Nein, Isabella! Natürlich nicht, das war eine Ausrede …“ Er sah verlegen zu Boden. „Ich war dir bereits verfallen, als ich dir das erste Mal in deine honigbraunen, warmen Augen geblickt habe. Deine wunderbaren Haare, die vollen Lippen, deine zarte Haut und deine Zerbrechlichkeit, dein Lachen … Principessa, ich könnte mir ein Leben ohne dein Lachen nicht mehr vorstellen! Als ich im Krankenhaus deine Akte gelesen habe, war ich so wütend, weil du das …“, er schwieg kurz und machte eine Bewegung mit der Hand, als suche er nach den passenden Worten, „alles mitmachen musstest, da hätte ich am liebsten alles kurz und klein geschlagen!“ Er schwieg einen kurzen Moment lang, ehe er verletzt auflachte, „und dann hast du geglaubt, ich wäre … schwul … Ich war enttäuscht, weil ich es offensichtlich nicht geschafft hatte, dich von meinen Gefühlen für dich zu überzeugen und mir wurde klar, dass du sie niemals erwidern würdest. Verdammt, Isabella, ich habe bis anhin selbst nicht an Liebe auf den ersten Blick, oder was auch immer das hier sein mag, geglaubt, aber du bist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ich musste dich einfach wiedersehen!“ Er blickte traurig zu Boden, nachdem er diesen Satz beendet hatte.

Ich konnte es nicht glauben. Sein Geständnis erleichterte, erfreute und ängstigte mich zugleich. „Noah, ich habe dich danach gefragt, weil ich nach einer Erklärung gesucht habe. Dafür, dass du dich so warmherzig, liebevoll und bedingungslos um mich gekümmert hast … um mich … einen fremden, unachtsamen Schussel! Ich hätte niemals zu träumen gewagt, dass du wirklich an mir interessiert sein könntest. Im Krankenhaus warst du mein Engel und die letzten Tage waren unvorstellbar schön!“ Tränen sammelten sich in meinen Augen, als ich mir endlich eingestand, was ich für ihn empfand. Einen Moment lang betrachteten wir uns schweigend. In seinen Augen las ich ebenfalls Erleichterung, Sehnsucht und … war das etwa Liebe, die ich darin erkennen konnte? Dann, endlich, beugte er sich zu mir hinunter und küsste mich behutsam. Seine Lippen fühlten sich unglaublich warm und zart an. Er begann damit an meinen Lippen zu knabbern, ehe wir miteinander verschmolzen und unsere Zungen leidenschaftlich miteinander tanzten. Er löste seine Hand von meiner Taille und strich mit seinen langen Fingern zärtlich über meine schweren Brüste. Sofort wurden meine Nippel hart und richteten sich gegen den dünnen Baumwollstoff meines Sommerkleides. Mich durchfuhr ein wohliger Schauer und mein Verlangen nach ihm wuchs ins Unermessliche. Er streichelte meinen Oberschenkel und schob das Kleid nach oben, bevor er es mir ganz auszog und ich nur noch in meinem Slip vor ihm stand. „Principessa, du bist so wunderschön …“, hauchte er mir ins Ohr, während er mich ruckartig auf seine Arme hob und mich behutsam auf mein Bett legte. Dort angekommen, küsste er meinen Hals und bahnte sich den Weg zu meinen Brüsten. Er knabberte verführerisch an meinen empfindlichen