Heartwell Fever - Eisblaue Sehnsucht - Ronja Madeleine - E-Book

Heartwell Fever - Eisblaue Sehnsucht E-Book

Ronja Madeleine

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Beschreibung

Sich zu verlieben plant man nicht. Genauso wenig, wie seinen besten Freund zu küssen. Aber beides passiert Hailey vollkommen unerwartet und mit höllischem Tiefgang. Das erste Jahr an der Uni beginnt, und die Theaterstudentin findet sich plötzlich in einer Aufführung wieder, Seite an Seite mit ihrem charismatischen Spielpartner, der sie schnell davon ablenkt, dass sie eigentlich all diese verwirrenden Gefühle für ihren besten Freund sortieren wollte. Zu allem Überfluss wird ihr Herz von einem der beiden gebrochen, nur damit der andere es wieder zusammensetzen kann. Am Ende steht Hailey vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens – zwischen einer beflügelten und einer alles verzehrenden Liebe. Egal, wie sie sich entscheidet, wird mindestens ein Herz in tausend Scherben zerspringen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vorwort
Prolog Mai 2007
1 Januar 2017
2 Juli 2014
3 Januar 2017
4 Januar 2017
5 Mai 2017
6 Ungefähr zwei Jahre zuvor
7 Juni 2017
8 Juni 2017
9 August 2017
10 August 2017
11 August 2017
12 August 2017
13 August 2017
14 Ungefähr drei Jahre zuvor
15 August 2017
16 August 2017
17 September 2017
18 September 2017
19 September 2017
20 September 2017
21 September 2017
22 Oktober 2017
23 Oktober 2017
24 Oktober 2017
25 Oktober 2017
27 Oktober 2017
28 Oktober 2017
29 Oktober 2017
30 Oktober 2017
31 November 2017
32 November 2017
33 November 2017
34 November 2017
35 November 2017
36 November 2017
37 November 2017
38 Dezember 2017
39 Dezember 2017
40 Dezember 2017
41 Dezember 2017
42 Dezember 2017
43 Dezember 2017
44 Dezember 2017
45 Dezember 2017
46 Dezember 2017
47 Dezember 2017
48 Dezember 2017
49 Dezember 2017
Epilog Januar 2018
Danksagung

Ronja Madeleine

 

HEARTWELL FEVER

Eisblaue Sehnsucht

(Band 2)

 

 

 

Heartwell Fever: Eisblaue Sehnsucht

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2024 VAJONA Verlag GmbH

Originalausgabe bei VAJONA Verlag GmbH

 

 

Lektorat: Aileen Dawe-Hennigs

Korrektorat: Aileen Dawe-Hennigs und Susann Chemnitzer

Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag unter Verwendung von Motiven von rawpixel

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

 

 

 

 

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

 

 

 

Für alle, die manchmal nicht wissen, wer sie sein wollen. Das Gefühl zu haben, noch nicht angekommen zu sein, ist nichts, vor dem man sich fürchten sollte. Wenn ihr euch noch auf dem Weg befindet, könnte das bedeuten, dass ihr den schönsten Teil noch vor euch habt.

 

Und für Kira, die Hailey mehr liebt, als ich es je könnte.

 

Vorwort

 

 

 

Liebste Leserinnen und Leser,

 

ihr könnt euch meine Freude, weil ihr meinen Roman in den Händen haltet, nicht vorstellen. Dass ihr an die Pronewall University zurückkehrt, bedeutet mir sehr viel. Dennoch ein Hinweis vorab, weil es wichtig für mich ist, dass jede und jeder von euch ein sicheres Leseerlebnis genießt:

Ihr trefft in diesem Roman auf die Last des Verlassenwerdens und die Sorge, die ein Unglücksfall, der einen geliebten Menschen betrifft, in einem auslösen kann. Wägt also bitte im Vorhinein ab, ob ihr diesen Themen gewachsen seid.

 

Und nun wünsche ich euch die allerschönsten Lesestunden an der Pronewall University und hoffe, dass es sich auch für euch anfühlt, wie nachhause zu kommen, wenn ihr dieses Buch aufschlagt.

 

Alles Liebe,

 

eure Ronja Madeleine

 

Prolog Mai 2007

 

 

 

 

Tränen tropften auf den Teppich und färbten die hellen Fasern dunkel. Ob diese Tränen genauso von Trauer erfüllt waren, wie die, die mir über die Wangen liefen? Mein ganzer Körper bebte seltsam. Ich verstand nicht, wieso es sich anfühlte, als würde etwas in mir kaputtgehen, nachdem Mom sagte, er wäre weg. Als sie mir erzählte, er würde nicht zurückkommen, während ihre Stimme zitterte und ihre Augen ganz rot waren. Ich wollte nicht, dass meine Mom so traurig war. Und ich wollte nicht, dass es wahr ist.

Er hat doch immer gesagt, er hätte mich lieb. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Wie konnte er da einfach weggehen? Hatte ich etwas falsch gemacht? Wieso waren wir denn nicht genug, um ihn bei uns zu haben?

Ich hatte immer gehofft, dass es irgendwann aufhören würde, dass er und Mommy sich ständig anbrüllten und laut durchs ganze Haus stritten. In diesen Momenten versteckte ich mich immer unter meiner Decke und presste Fridolin ganz fest an meine Brust, damit mein Herz aufhörte, so schnell zu schlagen. Beck hatte ihn mir geschenkt. Einen kleinen grünen Plüschtier-Frosch, damit ich nicht allein sein musste, wenn ich Angst hatte. Aber jetzt gerade fühlte ich mich so einsam, dass selbst das kleine Fröschlein in meinen Händen mir nicht helfen konnte. Am liebsten würde ich mich verkriechen und unter meiner Decke zusammenrollen, bis Dad zurückkam.

Aber Mom hatte gesagt, er würde nie wiederkommen. Weil er eine andere Frau liebte. Weil es immer so viele andere gegeben hatte. Das ergab keinen Sinn … Mom war doch seine Frau. Und ich seine Tochter. Wie konnte es da sein, dass er mich einfach zurückließ? Ich hatte so oft gehört, wie er Mom erklären wollte, dass es nicht so war, wie sie dachte. Hatte er etwa die ganze Zeit gelogen?

»Mommy?« Ich konnte einfach nicht aufhören, zu weinen. Ich vermisste Dad jetzt schon so sehr, dass ich kaum aushalten konnte, wie schmerzhaft es war.

»Ja?«

»Ich will nicht mehr so traurig sein. Es tut weh. Ganz tief in mir drin«, schluchzte ich.

Moms Gesicht veränderte sich, dann kam sie auf mich zu und zog mich in ihre Arme. »Ich weiß, mein Liebling. Alles wird wieder gut, okay? Ich bin hier und verspreche dir, niemals wegzugehen«, flüsterte sie. Aber wie konnte sie das versprechen? Dad hatte das auch immer gesagt.

Ich gehe nirgendwo hin, meine kleine Sonne. Und wenn die Monster dich holen wollen, werde ich sie vertreiben.

Wie hatte er mir das sagen können? Jetzt war niemand mehr da, der meine Albträume vertrieb. Sie würden gefüllt sein mit all dem, was gerade in mir vorging. Und je länger ich Moms Herz hörte, das genau so sehr raste wie mein eigenes, desto mehr verstand ich, dass das hier kein Albtraum war. Sondern mein Leben, das sich in einen verwandelte.

1 Januar 2017

 

Hailey

 

 

Zum Glück war er noch nicht aufgewacht. Schon während ich mich unter seinem schweren Arm herausgepult hatte, um aus dem Bett zu kommen, hatte ich erwartet, ihn versehentlich zu wecken. Als ich über meine Schuhe stolperte und beinahe der Länge nach hingefallen wäre, war es auch schon ziemlich kritisch. Aber spätestens, als meine Gürtelschnalle unsanft auf den Holzboden gepoltert war, hätte der Kerl eigentlich die Augen aufschlagen müssen.

Himmelherrgott, Hailey! Geht’s vielleicht noch ein bisschen lauter?

Aber James hatte offenbar einen festeren Schlaf als Murmeltiere im Winter. Also erfüllte glücklicherweise noch immer sein leises Schnarchen die Stille des Raumes und seine Brust hob und senkte sich sehr regelmäßig. Zeit, zu verschwinden.

Auf Zehenspitzen tapste ich durch das abgedunkelte Schlafzimmer und kniff mein linkes Auge fest zusammen, als eine der alten Dielen unter meinem Gewicht knarzte. Ich fror ein. Ein Blick zu ihm. Er schlief seelenruhig. Puh. Schnell sammelte ich mein olivgrünes Top und meine High Heels vom Boden auf, dann schlüpfte ich durch die Tür auf den Flur und atmete auf. Das Sonnenlicht warf einen hellen Schimmer auf sein Gesicht, doch ich sah nicht mehr als geschlossene Lider und entspannte Züge. Also schloss ich die Tür so leise wie möglich und lief den Gang hinab.

Wäre der Morgen danach nicht immer so unangenehm, wäre ich sicherlich länger geblieben, aber auf peinliches Schweigen beim Frühstück oder die Frage, ob man sich nicht wiedersehen wolle, konnte ich getrost verzichten.

Meinen ersten One-Night-Stand letztes Jahr war ich erst losgeworden, nachdem ich ihm mindestens dreimal verklickern musste, dass ich ihn und seinen alibimäßigen Oberlippenbart nicht wiedersehen wollte. Deshalb verschwand ich lieber, bevor es zu unerwünschten Komplikationen kommen konnte.

Vergiss nicht sein Zungenpiercing, mit dem er die ganze Zeit rumgespielt hat.

Kannst du bitte aufhören?!

Seitdem bewährte sich die Morgens-rausschleichen-und-sich-nie-wiedersehen-Taktik.

Hastig streifte ich mir mein Top über und beschloss, barfuß zu gehen, denn meine Füße schmerzten immer noch von letzter Nacht. Jetzt wieder auf diese mörderischen Absätze zu steigen, würde mich schneller umbringen, als mir lieb war. Ich checkte noch einmal, ob mir auch nichts abhandengekommen war, aber meine kleine Handtasche stand zum Glück unangetastet auf dem dunklen Küchentresen und als ich hineinsah, lachten mich mein Hausschlüssel und mein Portemonnaie an. Mein Handy steckte bereits in der hinteren Hosentasche meiner Jeans, meine Jacke hatte ich gestern nach der Party bei Claire vergessen. Ich griff nach meinem rechten Ohr, aber leider hing da, anders als auf der linken Seite, kein glitzernder Ohrring mehr. Den musste ich letzte Nacht zwischen seinen Laken verloren haben. Für einen Sekundenbruchteil überlegte ich, noch einmal nachzusehen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Ein bisschen Schwund ist immer, dachte ich mir und war nicht bereit, meinen heimlichen Abgang für einen billigen Ohrring zu riskieren. Also wusch ihr mir an der Küchenspüle den Mund aus, trank noch etwas Wasser direkt aus der Leitung und dann verschwand ich. Ohne zurückzublicken, schob ich mich aus dem Motelzimmer und kniff sofort irritiert die Augen zusammen. Es war ziemlich hell draußen und das Licht brannte mir in den müden Augen. Auch an mir war die gestrige Neujahrsparty nicht spurlos vorübergegangen. Meine Kopfschmerzen hielten sich zwar in Grenzen und auch mein Magen schien in einer erstaunlich guten Verfassung zu sein, aber das Licht konnte ich im ersten Moment kaum ertragen.

Die Tür des Appartements ließ sich mit einem leisen Quietschen zuziehen, das Schloss klackte und sofort schlug mir die kalte Winterluft entgegen. Erbarmungslose Kälte kroch mir unter die Haut. Es war gerade mal acht Uhr und es war niemand auf den Straßen zu sehen oder überhaupt etwas zu hören, außer ein paar Vögeln und meinem zitternden Atem. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blinzelte ich einige Male, bis meine Augen sich einigermaßen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Ich beneidete jeden, der nach der Sause gestern noch schlief, weil ich leider immer, wenn ich getrunken hatte, zu unchristlich frühen Uhrzeiten aufwachte. Und besonders nach dem vergangenen Abend und der ziemlich schlaflosen Nacht könnte ich den Schlaf wirklich gebrauchen.

Claire Hawthorne war bekannt dafür, dass sie jedes Jahr eine gigantische Silvesterparty schmiss und völlig egal, wie nervtötend man das blondierte Biest auch fand, man ging hin. Es war nicht nötig, dass sie die ganze Chose ankündigte oder irgendjemanden persönlich einlud, denn es kam ohnehin jeder. Dieses Event zu versäumen, war in der Highschool-Welt ungefähr dreimal so schlimm, wie seinen eigenen Abschlussball zu verpassen. Dieses Jahr jedoch war ich das erste Mal ohne meine beste Freundin Nelly dort gewesen. Während sie mit Beckham bei seiner Familie in Bridgewater Urlaub machte und mit ihnen Silvester gefeiert hatte, war ich ohne Begleitung auf Claires Party gegangen – und dort glücklicherweise nicht lange allein geblieben. Dieser Kerl namens James hatte mich nach nicht mal einer Stunde angesprochen. Sein dunkler Lockenkopf und die kastanienbrauen Augen hatten sofort meine Aufmerksamkeit erweckt. Er war einer der Gäste, die nur zu Silvester nach River Falls kamen, um bei Claire zu feiern und anschließend in einem der Motel Apartments am Stadtrand zu übernachten. Claire hatte die Middleschool in einer anderen Stadt besucht und ihre ehemaligen Mitschüler pilgerten seitdem jedes Jahr nach River Falls, um hier in das neue Jahr zu feiern. Ich hatte nicht genau verstanden, woher genau die beiden sich kannten, weil die dröhnende Musik seine Stimme verschluckte und der Alkohol mir die Aufnahmefähigkeit genommen hatte, aber es war mir ehrlich gesagt auch egal. James war ein passabler Tänzer, hatte stets dafür gesorgt, dass ich mich nie um einen leeren Becher beklagen musste, und er hatte es sogar geschafft, mich zu einem ehrlichen Lachen zu bewegen. Von seinem sportlichen Körperbau und dem verschmitzten Lächeln mal ganz abgesehen.

Während ich jetzt vor dem Motel stand und auf mein Taxi wartete, bereute ich es wahnsinnig, dass ich keinen Pullover mitgehen lassen habe, denn es war wirklich verdammt kalt. Und ein Teil von mir sehnte sich zurück in die weichen Laken und zu dem warmen Körper, der bis eben noch neben mir gelegen hatte. Meine Beine steckten zwar in einer langen Hose, aber meine Schultern wurden unter den dünnen Trägern meines Tops von einer fiesen Gänsehaut überzogen und der flattrige Stoff dieses knappen Oberteils zählte eigentlich nicht wirklich als Kleidungsstück. Der Wind zog mir eiskalt darunter und ließ meinen ganzen Körper erschaudern. Zum bestimmt siebten Mal in den letzten dreißig Sekunden checkte ich die Uhrzeit auf meinem Handy, nur um festzustellen, dass ich laut der Taxi-Zentrale weitere zehn Minuten würde warten müssen und dass die Zeit sich kein Stück voranbewegt hatte, obwohl es sich schon jetzt nach einer Ewigkeit anfühlte. Also öffnete ich meinen Messenger und tippte ein paar Nachrichten an Nelly. Ich war Spezialistin darin, nervtötend viele kurze Nachrichten hintereinander abzuschicken, anstatt einen längeren Text zu schreiben. Aber es passierte einfach von allein. Ich konnte zum Leid meiner Freunde nichts dagegen tun. Nelly gehörte im Gegensatz zu mir zwar zur Bis-Mittags-Schlafen-Fraktion, wenn sie gefeiert hatte, aber irgendwann würde sie die Nachrichten schon lesen.

 

Hey, Nel! Frohes Neues!!

 

Ich stehe gerade in der Arscheskälte vorm River Falls Motel und warte auf mein Taxi, das einfach nicht auftauchen will …

 

Ich habe auf Claires Party jemanden kennengelernt :)

 

Er heißt James und ist bestimmt doppelt so heiß, wie das, was an unserer Schule über die Flure läuft

 

Und es könnte eventuell sein, dass ich mich dazu breitschlagen lassen habe, ihn zu begleiten :)

 

Aber genug von meinem Geplapper!!

 

Wie war‘s bei euch, Süße? Wollte Beck dir schon an die Wäsche? ;-)

 

Ja, Beckham. Beckham Heartwell, mein bester Freund seit der ersten Klasse, der, seitdem er Kapitän des Football-Teams war, einen Ruf zu verteidigen hatte. Einen Ruf, der die Vorstellung, dass er meine beste Freundin noch nicht um ihre Klamotten erleichtert hatte, nahezu unmöglich machte. Die beiden waren, wenn auch wegen einer verlorenen Wette, schon ein paar Tage auf dem Anwesen seiner Großeltern. Bridgewater lag etwa zwei Stunden von River Falls entfernt und Nelly war dort mit dem größten Frauenhelden, den die River Falls Highschool je gesehen hatte. Wem machte ich hier eigentlich was vor?

Für viel mehr Details meinerseits hatte es aber auch nicht gereicht. Nach kurzer Zeit taten mir meine Finger bereits so sehr weh, dass mein Handy wieder in meine Hosentasche wanderte und ich energisch meine Handflächen aneinander rieb, um sie wieder aufzutauen. Die Kälte wurde beißender und ich sah sehnsüchtig die Straße herunter, auf der weit und breit kein Taxi zu sehen war. Meine Hände waren rot und meine Haut fühlte sich trocken an. Richtig steif wurden meine Gelenke und ich schickte ein Stoßgebet nach dem anderen los, damit dieses gottverdammte Taxi endlich kam. Immer wieder spielte ich mit dem Gedanken, doch in meine High Heels zu schlüpfen, um nicht noch länger barfuß auf dem ausgekühlten Gehweg zu stehen, aber meine Fersen fühlten sich an, als würden rostige Nägel drinstecken. Also keine High Heels.

Noch einige Minuten bibberte ich vor mich hin, bis endlich zwei Scheinwerfer um die Ecke bogen und auf mich zufuhren. Dieser Anblick glich dem Himmel, der sich persönlich vor mir auftat. Aufgeregt winkend stellte ich mich an den Straßenrand und tatsächlich hielt dieses Taxi genau vor meiner Nase, was mir in diesem Moment vorkam wie der heilige Gral.

»Lancaster Street, bitte«, sagte ich nur, als ich mich auf den warmen Stoff der Rückbank fallen ließ und meine Hände unter meine Oberschenkel schob, um sie aufzuwärmen. Der ältere Herr am Steuer nickte mir durch den Rückspiegel zu, sagte aber nichts. Wahrscheinlich stand er kurz vor dem Ende seiner Nachtschicht und ich war eigentlich ganz froh, keinen Smalltalk halten zu müssen. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte etwas blass – wie jemand, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Und ich wollte gar nicht wissen, wie ich aussah. Ich hatte zwar versucht, mir heute Morgen wenigstens die verschmierte Wimperntusche unter den Augen wegzukratzen, aber sonderlich viel Erfolg hatte ich dabei nicht. Vielleicht sprach der Taxifahrer also auch nicht mit mir, weil er mich für betrunken hielt. So oder so war ich unendlich froh, als wir in meine Straße einbogen und dem braunen Haus mit den weißen Fensterläden immer näherkamen.

»Hier können Sie einfach anhalten, danke«, warf ich ein, als wir uns knapp vor unserem Grundstück befanden. Sofort wurde der Wagen langsamer und kam kurz darauf vor dem schmalen Plattenweg, der zu unserer Veranda führte, zum Stehen. Ich drückte dem Fahrer zwanzig Dollar in die Hand und verzichtete auf mein Wechselgeld. Ich bemühte mich um ein möglichst freundliches Lächeln, dann stieg ich aus und fummelte so schnell es ging den Schlüssel ins Türschloss. Endlich betrat ich ein beheiztes Haus und mir stieg sofort der Duft von Bacon, Rührei und Gebäck in die Nase. Mom war schon wach und machte Frühstück. Das musste wirklich der Himmel sein. Es roch köstlich. Erst jetzt signalisierte mein Körper mir, wie hungrig ich eigentlich war. Das Letzte, was ich gegessen hatte, war eine Handvoll Erdnussflips auf der Party. Und viel mehr war es davor auch nicht gewesen.

»Hailey! Da bist du ja. Hast du etwa doch bei Claire geschlafen?« Meine Mom kam aus dem Esszimmer und steckte ihren Kopf um die Ecke in den Flur. Ich zuckte kurz zusammen, weil sie so plötzlich auftauchte und ich sie nicht hatte kommen hören. Sie trug ihre gepunktete Kochschürze und hatte das goldene Haar zu einem wirren Knoten in ihrem Nacken zusammengebunden. In ihrem Blick lag ein fragender Ausdruck und je länger sie das ruiniertes Make-up und meine zerzausten blonden Haare betrachtete, desto mehr musste sie sich zusammenreißen, nicht zu kichern.

»Oh … Hi Mom«, grinste ich sie verlegen an und ließ meine hohen Schuhe auf Nimmerwiedersehen im Schrank verschwinden. Diese Absätze waren die reinste Folter. Würden sie nicht so verflixt schöne Beine machen, hätte ich sie wohl längst in Brand gesetzt. »Ja, es ist doch ziemlich spät geworden und dann wollte ich nicht mehr nach Hause laufen«, log ich und Mom nickte nur. Sie war wirklich meine beste Freundin auf der ganzen Welt, aber dass ich die Nacht bei einem fremden Typen im Motel verbracht hatte, musste sie nun wirklich nicht hören. Hektisch strich ich mein langes Haar glatt, aber das konnte ich mir eigentlich auch sparen. Bevor ich irgendetwas anderes tat, verschwand ich erst einmal im Badezimmer, um in einer ausgiebigen Dusche die Silvesternacht von mir abzuwaschen. Ich liebte Partys und mit meinen Freunden zu feiern war genau mein Ding, aber den Morgen danach konnte man, wenn es nach mir ginge, getrost aus der Gleichung streichen. Mich mit gerade mal achtzehn zu fühlen wie eine uralte Frau, war absurd.

Ich würde jetzt gern sagen, dass das normalerweise nicht meine Art war. Wenn man es aber genau nahm, waren eher feste Beziehungen nicht typisch für mich. Oder meine Stärke. Oder etwas, in dessen Genuss ich jemals kommen würde. Mom und auch Nellys Tante Sally sagten zwar immer, dass es den Richtigen bräuchte, bis man sich an jemanden binden könnte, aber ich hatte langsam das Gefühl, ich wäre dafür schlichtweg nicht geschaffen. Und das störte mich auch nicht. Meistens zumindest.

In den letzten zwei Jahren gab es ein paar weitere James, aber wenn ich recht überlegte, konnte ich sie dennoch an meinen Händen abzählen. Also alles im Lot. Mom nannte mich gern reif für mein Alter, Claire Hawthorne dagegen bezeichnete mich in meiner Abwesenheit als Schlampe. Schließlich war Slutshaming ihre Spezialität, solange es dabei nicht um sie oder ihre giftigen Komplizinnen ging. Dass sie weitaus mehr als nur ihre Hände zum Nachzählen benötigen würde, war für sie dabei vollkommen irrelevant. Claire und ihre Freundinnen wechselten die Typen, wie der Kalender seine Wochentage, also war sie die Letzte, die mich als Hure betiteln durfte. In was für einer Welt lebten wir, dass Frauen andere Frauen schlechtredeten, um sich selbst zu profilieren? Das war wirklich arm. Mit dem kondensierten Wasser auf dem Spiegel wischte ich auch meine Gedanken fort und begab mich kurz darauf nach unten. Ein erleichtertes Seufzen entfuhr mir, während ich mich auf einen der Esszimmerstühle sinken ließ und den himmlischen Duft, der durchs Haus waberte, einsog. Mein Magen schrie nach Essen und meine Seele konnte nichts mehr gebrauchen, als hier mit meiner Mom zu sitzen.

Ich erzählte ihr zwar nicht davon, wenn sowas wie letzte Nacht passierte, aber sie wusste genug, um mir immer wieder einzubläuen, dass ich die einzige Person auf dieser Welt war, vor der ich Rechenschaft ablegen müsste. Und solange ich mit mir selbst im Reinen blieb, sollte ich tun, wonach mir der Sinn stand. Meine Mom war die tollste Frau der Welt und mein allergrößtes Vorbild. Und besonders jetzt, als sie mir einen Teller mit liebevoll angerichteten Spiegeleiern und Toast vor die Nase setzte, liebte ich diese Frau abgöttisch.

Nachdem ich mit Mom am Esstisch gesessen und ihr von den Mom-sicheren Details der Party erzählt hatte, vibrierte irgendwann mein Telefon. Gähnend griff ich danach und entdeckte Nellys Namen. Es war kurz nach zwölf und ich noch immer hundemüde.

 

Nein, alle behielten ihre Hosen an. :-)

 

Meine Augen flogen über die wenigen Zeilen und ein Teil von mir war … erleichtert.

Was?

Beckham berichtete mir sonst am laufenden Band von seinen neuesten – oder auch wiederholten – Eroberungen und das ließ mich für gewöhnlich völlig kalt. Er behandelte mich wie eine Schwester. Das stellte sich irgendwann ein, wenn man seit beinahe zwölf Jahren miteinander befreundet war. Beckham war bei unserer Einschulung in der Grundschule nicht aufgerufen worden, als die damalige Rektorin die Klasseneinteilung verkündet hatte. Während alle Kinder mit großen Schultüten beladen ihren Klassenlehrern zugeordnet worden waren, saß der kleine Beckham Heartwell noch immer auf seinem Stuhl und sah ungläubig zu uns herüber.

»Ihr habt mich vergessen!«, hatte er Rektorin Hope zugerufen und die hatte ihn kurzerhand in meine Klasse gesteckt. Ich war als Letzte aufgerufen worden und hatte noch keinen Partner, als wir aufgefordert wurden, Zweierreihen zu bilden, um in unseren neuen Klassenraum zu gehen. Aber dann kam Beckham Heartwell, der kleine Junge mit den schokoladenbraunen Augen, und hat meine Hand genommen. Seit diesem Tag war er mein bester Freund. Und bis heute gab es kaum etwas, dass er mir nicht anvertraute. Wie ein Bruder eben.

Und wieso freuen wir uns dann, dass er Nelly nicht an die Wäsche wollte?

Weil Nelly meine beste Freundin ist und das alles verkomplizieren würde.

Und da bist du dir sicher?

Halt die Klappe!

Meine Daumen schwebten einen Moment über der Tastatur, aber ich schloss den Chat, ohne zu antworten. Ich wusste nicht, was. Das ist toll? Das ist aber schade? Ach so? Noch viel weniger wusste ich, was ich sagen wollte. Nelly hatte zwar, bevor sie mit Beck nach Bridgewater gefahren war, gesagt, dass sie all das überhaupt nicht wollte und genau genommen war ich ja diejenige gewesen, die sie dazu überredet hatte. Aber was, wenn sich das alles mittlerweile geändert hatte?

2 Juli 2014

 

Beckham

 

 

Der flackernde Schein des Lagerfeuers tauchte die Gesichter meiner Freunde in einen goldenen Schimmer. Die Sonne hatte sich verabschiedet und wurde von den Sternen, die über dem Wald am Ufer des Rosemary Rivers funkelten, abgelöst. Das leise Knacken der Hölzer und Jacksons über die Lichtung hallende Stimme, waren das Einzige, was die Ruhe der Nacht durchschnitt. Mein bester Freund saß mir in seinem Campingstuhl gegenüber und hatte ein schelmisches Grinsen auf den Lippen.

»Okay, meine lieben Freunde. Zeit für eine gute alte Runde Wahrheit oder Pflicht. Und Beckham!« Er zeigte mit dem Finger auf mich, bevor ich meinen Gedanken beenden konnte. »Kneifen ist nicht.« Ich hasste dieses Spiel. Abgrundtief. Und er wusste das. Die unglaubliche Freude auf seiner Miene über meine murrende Antwort bestätigte mir nur noch ein weiteres Mal, dass Jackson nicht nur mein engster Freund, sondern auch die Pest war. »Beck, guck nicht so böse, das hier soll Spaß machen. Nimm diesen Begriff ruhig in dein persönliches Wörterbuch auf.«

»Danke, Jack. Ich werde es direkt neben hirnverbrannt notieren.« Ein Kichern ließ mich herumfahren. Es kam weder von Jackson noch von einem der anderen Jungs. Samuel und Laken spielten eine Runde Schere-Stein-Papier, um festzulegen, wer anfangen durfte, und hatten meinen Kommentar nicht gehört. Das leise Lachen kam von Hailey. Ohne mich aus den Augen zu lassen, bemühte sie sich nicht einmal im Ansatz darum, ihre Schadenfreude zu verbergen.

»Tu, was du nicht lassen kannst«, flötete Jackson unbekümmert und wandte sich dann an Sam. »Wer fängt an?«

»Ich«, gab dieser zurück und fasste mich darauf direkt ins Auge. Er drehte die Glasflasche auf dem Boden vor ihm. Durch das Gras kreiste sie eher wie ein Ei, aber es klappte. Sie zeigte auf Hailey.

»Hailey, Hailey, Hailey«, trällerte Sam und strich sich überlegend übers Kinn. »Wahrheit oder Pflicht«

»Keine Sorge. Im Gegensatz zu gewissen anderen …«, sie warf mir einen herausfordernden Blick zu, »habe ich nicht vor, diesen Abend mit Langeweile zu verderben.« Oh, sie wollte ein kleines Duell? Konnte sie haben. Hailey wusste genau, dass ich mich rächen würde. Es passierte immer wieder, dass sie mich in diesen dämlichen Spielen provozierte, aber heute würde ich ausnahmsweise mal darauf eingehen. Der erwartungsvolle Blick aus ihren eisblauen Augen lockte mich so sehr aus der Reserve, dass es mich fast ärgerte. Aber sie war Hailey, meine beste Freundin. Meine Vertraute. Wenn ich es verkraftete, von jemandem durchschaut zu werden, dann von ihr. »Pflicht.«

Samuel ließ einen Pfiff über den Platz schnalzen, Jackson klatschte in die Hände und Hailey deutete eine Verbeugung an, während ich sie kopfschüttelnd musterte. Das seichte Zucken meiner Mundwinkel konnte ich kaum zurückhalten. Dieses Mädchen würde auch dann noch erhobenen Hauptes durch ein Schlachtfeld marschieren, wenn sie dabei ein Clownskostüm trug.

»Alles klar, Hailey. Dann gib unserem Beckham einen Kuss, vielleicht rüttelt das unser Dornröschen wach«, forderte Sam und noch bevor die Bedeutung seiner Worte mich wirklich erreicht hatte, stand Hailey auch schon vor mir und ließ sich auf meinem Schoß nieder.

»Nichts leichter als das.« Meine Hände fanden ihre Taille wie von allein. Als wäre es das Normalste der Welt, umfingen ihre Finger mein Gesicht. Ihr Blick sank in meinen und je länger ich mich in dem eisigen Blau verlor, desto leiser wurde die Welt und mein Herzschlag lauter. Ich hatte oft überlegt, wie es sich anfühlen mochte, sie zu küssen. Doch der Moment des Aufeinandertreffens unserer Lippen, furchtlos und ohne zu zögern, ließ jegliche Vorstellungen in abertausende Splitter zerspringen. Dieser Kuss war kurz, keusch, beinahe flüchtig, aber es war ein Kuss. Und der sorgte für eine Gänsehaut in meinem Nacken und ein Gefühl von Leere, als Hailey sich viel zu schnell wieder erhob und zurück zu ihrem Stuhl ging. Zu sagen, ich hätte mir gewünscht, dass dieser Moment länger andauern würde, wäre vielleicht nicht das Richtige gewesen, aber wahr.

»Siehst du, Beck? So macht man das. Kurz und schmerzlos«, spottete Sam und reichte Hailey die Flasche.

»Ja ja«, gab ich zurück. »Daran sollte ich mir wirklich ein Beispiel nehmen.« Die Flasche landete auf mir.

»Dann beweis es«, grinste Hailey. »Wahrheit oder Pflicht?«

Hatte ich denn überhaupt eine Wahl?

»Pflicht.« Ein Jubelschrei von Jack, ein anerkennendes Nicken von Sam, Laken, der überrascht die Brauen hochzog, und Hailey, die plötzlich so aussah, als formte sich in ihrem Kopf ein teuflischer Gedanke. Ich würde das hier sowas von bereuen.

»Ich werde dir die Wahl lassen. Entweder du springst so wie du bist in den Rosemary River –«

»Langweilig!«, rief Samuel dazwischen und erntete einen finsteren Blick von mir und einen zufriedenen von Hailey.

»Oder du besiegst deinen inneren Schweinehund und gibst mir einen richtigen Kuss, denn das gerade war zwar nett, aber das kannst du besser.« Großartig. Das war genau nach dem Geschmack der Jungs, je kindischer und je mehr Zunge im Spiel war, desto aufregender. Auch wenn sie es so formuliert hatte, hatte ich selbstverständlich keine Wahl.

»Na schön, Miss Spine. Ich habe dich gewarnt.«

Hailey schmunzelte. »Wovor solltest du mich warnen müssen? Küsst er etwas so schlecht?«, fragte sie Laken, der daraufhin nur unschuldig mit den Schultern zuckte.

»Nein«, beantwortete ich ihre Frage. »Im Gegenteil. Pass auf, dass du mir nicht hoffnungslos verfällst.«

 

Hailey

 

Sein Blick veränderte sich, genauso wie die Tonlage seiner Stimme. Kaum merklich, aber die Nuancen waren entscheidend. Er klang ernster, verruchter. Ich konnte keine Antwort formulieren. Meine Augen hatten sich an ihn geheftet, sahen dabei zu, wie er aus seinem Campingstuhl aufstand, die Distanz zu mir in wenigen Schritten überbrückte und im Feuererschein so wunderschön aussah, wie sein Ruf es berichtete. Beckham Heartwell, die Personifikation des unantastbaren Highschool-Sportlers.

Bei mir angekommen reichte er mir seine Hand, half mir auf und ließ seine Finger dann meine Seiten sanft hinunter streichen, bis sie an meiner Hüfte zur Ruhe kamen. Das alles fühlte sich unwirklich an, nicht echt. Auch nicht, als er mich mit einem leichten Ruck zu sich heranzog oder meine Hände sich wie von selbst auf seine Brust legten. Noch weniger, als ich begann, mich in der dunklen Schokolade seiner Augen zu verlieren und die Atmosphäre um uns herum immer weiter in Stille versank.

»Ich garantiere nicht für gebrochene Herzen«, wisperte Beckham. So nah vor meinen Lippen, dass ich den Luftzug seines Atems spürte. Doch er verschwand nur einen Sekundenbruchteil später, weil sich seine Lippen auf meine legten. Ich fing Feuer. Das hier war nicht mein erster Kuss, aber es fühlte sich das allererste Mal so an, als sei es mehr als eine bloße Berührung. Seine Lippen, die sich auf meinen bewegten, schickten lodernde Wellen durch meinen Körper, die kribbelnd über meinen Schultern verebbten.

Ich habe dich gewarnt.

Ich garantiere nicht für gebrochene Herzen.

Wieso hatte ich ihm nicht geglaubt?

Und wieso konnte auch ich plötzlich für nichts mehr garantieren?

3 Januar 2017

 

Hailey

 

 

Schon seit Tagen ging Nelly mir aus dem Weg. Es hatte mich keine zehn Sekunden gekostet, um nach ihrer letzten Nachricht zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Und seitdem konnte ich mich glücklich schätzen, wenn ich überhaupt eine Antwort von ihr bekam, denn Nelly wich so ziemlich allem aus. Irgendwas muss zwischen Neujahr und heute passiert sein, das ihr merkwürdiges Verhalten erklärte. Ich starrte seit bestimmt einer Viertelstunde auf unseren Chat. Zuletzt schrieb sie, dass sie mich gleich anrufen würde. Wann war denn gleich? Es fühlte sich eher nach fünfzehn Stunden an als nach fünfzehn Minuten. Geduld zählte wirklich nicht zu meinen Stärken.

Als es dann endlich so weit war und mein Handy klingelte, erschrak ich mich wahnsinnig, weil ich so verbissen auf ihre letzte Nachricht gestarrt hatte. Mir fiel das Telefon fast aus den Händen, als es surrte und Nellys Name mit einem Foto von ihr erschien. Ich stand hektisch vom Bett auf und nahm den Anruf entgegen. »Nelly?«

»Hey!«, begrüßte sie mich und schon an ihrer Stimme erkannte ich direkt, dass wirklich etwas im Busch war.

»Was hast du ausgefressen, Nel?«, fragte ich ohne Umschweife und ging in meinem Zimmer auf und ab. Draußen sank die Sonne hinter den Dächern von River Falls und tauchte mein Zimmer in goldenen Glanz. Die letzten Sonnenstrahlen schickten orangefarbenes Licht durch die Fenster und warfen meinen umherlaufenden Schatten umgeben von dem warmen Schein an die Wand.

»Ist es denn wirklich so offensichtlich?«, erwiderte Nelly auf meine Frage und ihr entfuhr ein verzweifeltes Seufzen.

»Jap, ist es. Erzähl schon, was hast du angestellt?«

»Ich bin eine furchtbare Person …«, jammerte sie und verstummte wieder. »Du wirst mich ganz furchtbar und abscheulich finden!«

»Grundgüter, Nel! Jetzt spuck‘s schon aus, verdammt!« Zum Glück konnte sie mein gigantisches Augenrollen nicht sehen. Ich allerdings hatte ganz genau vor Augen, wie sie ihren Kopf im Kissen vergrub, während sie die nächsten Sätze sagte. Ihre Stimme drang nur gedämpft und nuschelnd ans Mikro.

»Ich bin so ein gigantischer Riesenidiot. Ich habe Beckhams Bruder geküsst. Und Beckham hat mich geküsst«, begann sie und ich zuckte bei ihren letzten Worten leicht zusammen. Beckham hatte Nelly geküsst. Dass Beckham irgendjemanden küsste, war so normal wie die Sonne, die jeden Morgen aufging. Aber dennoch fühlte sich dieses Drücken in meinem Brustkorb nicht gut an. »Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, ist das auch noch in derselben Nacht passiert! Oh, Hailey, ich steuere hier gerade auf eine Katastrophe zu. Wie konnte das passieren?«

Ich brauchte einen Moment, um zu sortieren, was sie gesagt hatte, und als ich Nelly gequält aufjaulen hörte, konnte ich mir ein Kichern nicht verkneifen.

»Bin ich jetzt ein böser Mensch? Ich bin eine bescheuerte Person!«, fluchte sie. Ganz die beste Freundin, die ich war, antwortete ich nicht – ich brach in schallendes Gelächter aus. »Man, Hailey! Ich könnte deine Hilfe gebrauchen und keine Schadenfreude!«

Ich zwang mich, einmal tief durchzuatmen, um mein Lachen herunterzuschlucken. »Hast du Beckham versprochen, nie wieder jemand anderen zu küssen?«

»Was? Nein, natürlich nicht!«

»Hast du es Asher versprochen?«

»Mit dem habe ich allgemein irgendwie nicht gesprochen …«, murmelte sie. Das zarte Lächeln hörte ich an ihrem leiser werdenden Ton ganz genau. Ich kannte Asher von früher, er war Beckhams fünf Jahre älterer Bruder und ging damals auch auf die River Falls High. Er hatte seinen Abschluss vor Jahren gemacht und seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Dennoch hatte ich nicht vergessen, dass er Beckham gewissermaßen große Fußstapfen hinterlassen hatte, in denen mein bester Freund sich nun allzu gut machte. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Beckham Heartwell war nicht nur Mannschaftskapitän und Quarterback des River Falls Football-Teams – der Moraines –, sondern auch Trophäensammler und professioneller Um-den-Finger-Wickler.

»Dann hast du dir nichts zuschulden kommen lassen, Nel«, versuchte ich, sie zu beruhigen. »Du und Beckham tut schließlich nur so, als hättet ihr eine Beziehung und Asher wird wohl keinen Anspruch erheben, wenn er dich küsst und ihr aber sonst nicht wirklich redet … Dann kannst du also küssen, wen auch immer du willst. Genieß es einfach! Wie ist es überhaupt dazu gekommen?«

»Schokoladen-Cupcakes«, jaulte Nelly und ließ ihren Kopf wahrscheinlich zurück ins Kissen fallen. Ich hörte nur einen dumpfen Aufschlag.

»Du küsst Kerle für Cupcakes?«

Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte Nelly mir erklärt, wie es erst zu den Begegnungen und dann zum Kuss mit Asher kam. Es war so viel passiert und ich hatte bis jetzt überhaupt keine Ahnung. Kein Wunder, dass Nelly so neben der Spur war. Das Chaos in ihrem Inneren war größer als der verdammte Rosemary River.

Am Ende unseres Telefonats kamen wir zu dem Schluss, dass Abstinenz wohl die am wenigsten verheerende Lösung sein würde.

»Nel, sieh es einfach als Urlaubsflirt und mach dir nicht so viele Gedanken. Beck wird, sobald ihr wieder in River Falls seid, eh nicht lange allein bleiben. Claire Hawthorne und ihre Cheerleader warten schon sehnsüchtig auf ihren Loverboy. Und seinen Bruder wirst du nach dem Urlaub doch ohnehin nie wieder sehen. Wenn du niemanden mehr küsst, kann sich auch niemand mehr darüber ärgern, wen du küsst«, behauptete ich.

»Hmm«, machte Nelly gedankenverloren.

»Versuch einfach, dich nicht noch mal küssen zu lassen. Und jetzt hör auf zu grübeln, ich kann den Rauch, der aus deinem Kopf aufsteigt, bis hierher sehen!« Endlich entwich auch ihr ein Kichern und die Trübsal in Nellys Stimme verflüchtigte sich ein wenig.

»Danke, Hailey.«

»Jederzeit, Nel. Wenn ihr übermorgen zurückkommt, wird alles wieder normal. So normal wie es in River Falls eben geht, meine ich. Und jetzt hör auf, dich selbst zu verurteilen, du weißt doch, was Mom immer sagt …«

»Die einzige Person, vor der du Rechenschaft ablegen musst, bist du selbst«, sagten wir im Chor und ich konnte das Lächeln auf ihren Lippen durch das Telefon hören.

»Okay. Keine Küsse mehr. Ich kann das schaffen.«

»Wirst du. Wir sehen uns in einer Woche.«

»Okay, bis dann«, verabschiedete sie sich und ich ärgerte mich wahnsinnig über mich selbst. Über meine Gedanken und den belegten Ton in meiner Stimme. Dieses Gefühl in meinem Bauch und der Gedankenstrudel in meinem Kopf waren wider meiner Natur. Beckham war mein bester Freund und ich hatte keinen Grund, mich so zu fühlen.

Aber diesmal ist es doch irgendwie anders, oder?

Was meinst du?

Es hört sich nach mehr an. Nach mehr als einer schnellen Nummer und ein bisschen Spaß.

Was soll das denn jetzt heißen?

Ich glaube, das weißt du selbst ganz genau …

Eigentlich wusste ich überhaupt nichts. Ich wusste nur, dass Beckham mir sonst ins kleinste Detail berichtete, wenn er jemanden hatte. Nur dieses Mal nicht. Und ich wusste, dass ich ihn immer bejubelte. Nur dieses Mal nicht. War da tatsächlich mehr? Hatte mein bester Freund wirklich Gefühle für Nelly und mir war es einfach nie aufgefallen? Oder lag es an diesem Winterurlaub? An dem Ständig-In-Der-Nähe-Des-Anderen-Sein?

Oder interpretierst du vielleicht ein bisschen zu viel in das alles rein?

Ja, vielleicht …

Ich schloss die Augen für einen Moment. In Gedanken schnappte ich mir eine Schachtel, in die ich all diese Sorgen, Gefühle und Gedankengänge, die ich nicht wollte, hineinstopfte. Ich schloss den Deckel und knotete ein Schleifenband fest darum, um die Box irgendwo ganz hinten in meinem Kopf zu verbannen. Und mit ihr alles, was ich hineingetan hatte. Dann schlug ich die Augen wieder auf und öffnete dennoch den Chat mit Beckham. Ein Chat, in dem seit Tagen Funkstille herrschte.

Was soll das werden? Pack dein Handy wieder weg!

Wieso?

Jetzt stell dich nicht dumm, ich weiß, was du tun wolltest …

Ach, echt?

Denn ich wusste irgendwie überhaupt nicht, was ich hier eigentlich machte …

4 Januar 2017

 

Beckham

 

 

Jeder kennt diese Szenen in Highschool-Filmen, in denen das Mädchen plötzlich aus der Menge heraussticht. Auf einmal verfällt die ganze Dynamik in Zeitlupe und sie erstrahlt wie ein Diamant unter verbrannten Kohlen.

Ich hatte das immer für Schwachsinn gehalten. Für etwas, das nicht aus dem echten Leben, sondern den Köpfen von Menschen stammte, die gern eine Illusion von Dingen erschufen, die wir nie erleben würden.

Damit wir ihre Filme schauten.

Doch dann kam der erste Schultag nach den Winterferien.

Hinter mir lagen einige Tage, die die reinste Achterbahnfahrt gewesen waren. Irgendwo zwischen Nelly Silvers grünen Augen, dem Zauber von Heartwell Manor und meiner Familie hatte ich den Fokus verloren. Aber jetzt, während ich durch die Tür zu Mr. Meckarys Klassenzimmer trat und Hailey auf mich zukam, fühlte ich mich nicht mehr verloren. Ihr Lächeln, die Art, wie ihr blondes Haar über ihre Schultern fiel, und der vertraute Ausdruck in ihren eisblauen Augen, holten mich zurück, erinnerten mich wieder an das, was ich in Bridgewater so sehr versucht hatte, zu vergessen. Das Herzklopfen, wenn sie in meiner Nähe war.

»Beckham.«

 

Hailey

 

»Hailey.« Er klang erleichtert. Als hätte er unsere Begegnung gefürchtet. Der Schimmer in seinem Blick allerdings sagte vieles aus, nicht aber Angst. Jeden Winter dasselbe Spiel. Beckham fuhr zu seiner Familie auf das Anwesen seiner Großeltern in Bridgewater und kehrte erst im neuen Jahr zurück. Was sich allerdings nicht so wie immer anfühlte, war dieses mich verrückt machende Flattern meines Herzens, weil er hier bei mir und nicht in den Armen meiner besten Freundin war. Um genau diese Empfindungen abzutöten, hatte ich Nelly überhaupt erst dazu gedrängt, mit Beckham in diesen Urlaub zu fahren. Dass dieses Drängen für das Gegenteil sorgen würde, hatte ja niemand ahnen können …

Gott, Hailey! Reiß dich ein bisschen zusammen …

Das würde ich ja gern. Aber war es mit den Dingen, die wir am meisten zurückhielten, nicht immer das Gleiche? Je länger wir etwas vergraben und wegschließen wollen, desto unbändiger wird es, wenn es irgendwann ausbricht.

Beckham war mein bester Freund. Im Moment war er aber der Kerl, der in meinem Kopf umherspukte, wenn ich mich mit Dingen beschäftigte, die mit platonischer Freundschaft nichts mehr zu tun hatten.

5 Mai 2017

 

Hailey

 

 

Die Eiszeit zwischen Nelly und Beckham, seitdem sie aus Bridgewater zurückgekehrt waren, wirkte endloser als ein Mathekurs in der letzten Stunde am Freitagnachmittag. In den vergangenen Wochen hatten die beiden kein Wort miteinander gewechselt und um ehrlich zu sein, wusste ich mittlerweile gar nicht mehr, wer wen mehr zu meiden schien. Seitdem meine beste Freundin und mein bester Freund nicht mehr im selben Raum sein konnten, ohne dass Nelly Beck so schuldbewusst ansah, dass sogar ich mich schlecht fühlte, und Beckham so krampfhaft geradeaus blickte, als würde er es nicht bemerken, konnte ich meine Zeit nicht mehr gleichzeitig mit beiden verbringen. Während Nelly und ich so ziemlich jedes Wort, das zwischen den beiden auf dem Anwesen von Beckhams Großeltern gefallen war, durchgekaut und analysiert hatten, sprach Beckham überhaupt nicht über diese Sache. Zumindest nicht mit mir.

Normalerweise kannte ich mehr Details über sein Sexleben, als mir lieb war. Nelly war das erste Mädchen, über das er nicht mit mir sprach. Nicht, während sie in Bridgewater gewesen waren und auch nicht nach ihrer Rückkehr. Was entweder daran liegen könnte, dass er sie ausnahmsweise mal nicht flachgelegt hatte und er dachte, es sei nicht der Rede wert, weil Nelly mir offensichtlich ohnehin alles erzählte. Oder … Oder sie hatte ihm wirklich sein Herz gebrochen. Es war mir ein Rätsel und eigentlich hätte ich ihn einfach gefragt, aber diesmal war ich irgendwie … gehemmt. Das war der größte Scherz der Geschichte, denn Beckham hatte von meinem Ohnmachtsanfall, als ich in der vierten Klasse mein allererstes Referat halten musste bis hin zu meinem wirklich üblen Absturz beim Homecoming letztes Jahr, wo ich ihm höchstpersönlich seine Schickimicki-Anzugschuhe vollgereihert hatte, so ziemlich jede Peinlichkeit in meinem Leben miterlebt. Aber ihn nach dem Urlaub mit Nelly zu fragen, rührte dieses zynische Drücken in meiner Brust und brachte Gedanken zutage, die ich lieber nicht haben würde. Also verdrängte ich sie mehr oder weniger erfolgreich.

Einem Teil von mir war es zu Anfang schwergefallen, mir anzuhören, was Beckham und Nel alles in Bridgewater zusammen erlebt hatten. Aber diese kleine, anstrengende Stimme in meinem Kopf flüsterte mir irgendwann erleichterte Worte zu, als ich realisierte, dass mein Kopfkino viel krasser und wesentlich nackter gewesen war als die Realität.

Und wieso genau erleichtert uns das jetzt, hm?

Ja … Wieso eigentlich? Ich gab dem ekelhaften Gefühl in mir, das meinen Puls in die Höhe schießen ließ und meinen Mund austrocknete, nur ungern nach. Ich weigerte mich vehement zu behaupten, ich sei eifersüchtig, schließlich war ich seine beste Freundin und hatte genau genommen kein Recht, irgendwelche Ansprüche zu erheben. Aber es gab sonst nie eine andere, mit der Beck so vertraut war, wie mit mir. Sicher, er hatte Jackson und Laken aus dem Football-Team und die Jungs waren untereinander eine genauso eingeschworene Einheit wie Nelly und ich, aber das war irgendwie etwas anderes.

Ist es das?Auf jeden Fall hatte es sich für mich immer anders angefühlt. Enger. Er war für mich wie Familie, schließlich waren wir zusammen aufgewachsen, das machte schon was mit einem. Aber in letzter Zeit fühlte es sich fremd an.

Bist du fertig?

Was?

Das hier ist eine Party. Wieso stehen wir hier und starren ihn an, während du dich selbst bemitleidest, anstatt mit ihm zu reden?!

Sei endlich ruhig!

Du weißt, dass ich recht habe.

Die Jungs steckten mitten in einem Bierpong-Match und ich fragte mich, was wohl passiert wäre, wenn ich letztes Jahr an Nellys Stelle gegen ihn gewonnen hätte. Hätte er sie trotzdem um diesen Gefallen gebeten? Hätte er mich gefragt? Wohl kaum. Valentina und Earnest Heartwell kannten mich genauso lange, wie Beck mich kannte. Früher hatte ich oft bei ihnen im Haus übernachtet, als wir noch in einem Alter waren, in dem Eltern sich keine Sorgen machten, wenn ein Mädchen bei ihrem Sohn im Zimmer schlief. Früher waren Beckhams Eltern auch noch viel öfter in der Stadt gewesen, aber seit ein paar Jahren spannte das Familienunternehmen die Heartwells so sehr ein, dass sie kaum noch zu Hause waren. Demnach stieg so ziemlich jede Party im Haus der Heartwells, was bedeutete, dass ich ohne Nelly hier war. Und zwar auf jeder Party seit den Winterferien. Aber ich hätte sie gern hier. Besonders jetzt, wo die platinblonde Claire Hawthorne auf mich zukam und sie ihre pink glänzenden Lippen zu einem scheinheiligen Grinsen verzog.

»Hailey!«, rief sie überschwänglich. Die gespielte Freude in ihrer schrillen Stimme weckte in mir das Bedürfnis, mich zu übergeben.

»Claire«, begrüßte ich sie, nicht annähernd so euphorisch. Ich hob eine Augenbraue, während ihr Blick von oben nach unten über meinen Körper wanderte. Ihr Porzellanlächeln verzog sich und ich rollte schon mit den Augen, ehe sie auch nur ein weiteres Wort gesagt hatte. Was wollte sie von mir? Claire und ich standen schon seit dem ersten Jahr der Highschool auf Kriegsfuß. Erst hatte sie mich grundlos scheiße gefunden und seit dem Cheerleading-Team-Casting in der zehnten Klasse, bei dem sie mich vor allen Anwesenden vorgeführt hatte, brannte mein Hass für sie ebenfalls lichterloh.

»Wo hast du denn deinen Schatten gelassen?«, fragte sie zuckersüß.

»Wie bitte?« Mir kam wirklich gleich die Galle hoch.

»Kann Nelly sich mal wieder nicht von ihren schnulzigen Büchern losreißen oder hat sie endlich eingesehen, wie öde sie ist?«, stichelte Claire noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen. In ihren Augen allerdings konnte ich ganz genau sehen, wie sie es genoss. Sie trug ein paillettenbesetztes Top und einen Jeansrock, der so tief saß, dass ich ihre hervorstehenden Hüftknochen sehen konnte.

»Was ist dein gottverdammtes Problem, Hawthorne?«

»Oh!« Sie mimte das Unschuldslamm und allmählich musste ich mich zusammenreißen, ruhig zu atmen, weil ihre Visage mich so wütend machte. »Lieb, dass du fragst«, säuselte sie. »Deine kleine Anhängsel-Freundin war mit Beck im Winterurlaub und seitdem spricht er kein Wort mehr mit mir. Du kannst dir also vorstellen, wieso ich mich frage, wo du sie gelassen hast?« Ich wollte ihr etwas an den Kopf werfen, aber noch bevor das erste Wort meine Lippen verlassen hatte, fuhr sie fort. »Obwohl, vielleicht ja auch nicht. Schließlich war es für dich auch schon immer schwer, die Finger von Kerlen zu lassen, die mit jemand anderem liiert sind. Wie Schlampen das eben so tun«, giftete sie mich an und bedachte mich mit einem abfälligen Lächeln.

In mir kochte die Wut. Wie konnte es sein, dass dieser charakterlose Barbie-Verschnitt es mit jedem Wort aus ihrem Mund schaffte, mich zur Weißglut zu treiben?

»Ich weiß ja nicht, wie du darauf kommst, dass Beckham jemals wirklich mehr in dir gesehen hat als das, was du wirklich bist, aber unterstehe dich, so über Nelly zu sprechen, nur weil du ein verdammtes Egoproblem hast!« Ich funkelte sie an und auch wenn sie sich sehr um Gelassenheit bemühte, bröckelte ihre Maske. Sie stieß abfällig die Luft aus und sah mich ein paar Sekunden hochnäsig an, ehe sie sich wieder fing.

»Komm schon, Spine, mach es uns nicht schwerer, als es so schon ist. Sorg einfach dafür, dass dein Schatten sich von Beckham fernhält.«

Mein Schatten …

Ich hasste es, wenn sie Nelly so nannte. Was war falsch daran, wenn man ungern im Mittelpunkt stand? Nach Claire Hawthornes Auffassung wahrscheinlich ungefähr alles. Für sie bedeutete die Highschool sehen und gesehen werden. Oder verurteilen und angehimmelt werden. Wie auch immer, mir ging ihre abgehobene Tour gewaltig auf die Nerven.

»Also gibst du zu, dass du nur eine Chance hast, wenn Nel sich von ihm fernhält? Gott, Claire, das ist armselig …« Ich lachte in mich hinein und setzte ein breites Grinsen auf, weil ich erkannte, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Dieses Mädchen war so eine niveaulose Giftnatter, dass es schon fast mitleiderregend war. Aber eben nur fast. »Ach, und eins noch, Claire … Beckham kann Rumgezicke nicht ausstehen, also solltest du jetzt vielleicht lieber gehen und herausfinden, wie man ein bisschen weniger so ist wie … du.« Ich zwinkerte ihr zu und spürte plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Claires Kiefer war aufgeklappt, aber sie sagte keinen Ton.

»Ich habe meinen Namen gehört?« Beckham tauchte neben mir auf und wartete auf Antwort. In Claires Augen brodelte es vor Wut, aber dennoch gab sie keinen Laut von sich, also ergriff ich das Wort.

»Oh! Claire wollte gerade –«

»Zu dir!«, fiel sie mir ins Wort und tippte Beckham spielerisch auf die Brust. »Ich habe Hailey gerade gefragt, wo sie ihre kleine Freundin …«

»Nelly. Bitte, Claire, verschon mich und hör auf, ständig so zu tun, als würdest du ihren Namen nicht kennen. Du machst dich lächerlich«, unterbrach ich sie barsch und ballte meine Hände zu Fäusten, um nicht völlig auszuflippen. Ich musste Claire Hawthorne nur aus einigen Metern Entfernung sehen und hatte schon das Bedürfnis, sie in Brand zu setzen. Sie kommentierte meine Aussage nur mit einem schnippischen Lachen und wandte sich wieder Beckham zu, ohne mich weiter zu beachten. Unbekümmert strich sie die Knopfleiste von Beckhams hellblauem Hemd herunter und klimperte mit ihren aufgeklebten Wimpern. Beck allerdings wirkte angespannt und sah Claire so verbissen an, dass selbst mir mulmig wurde, während ich das Muskelspiel seines Kiefers beobachtete.

»Wie auch immer … Ich werde das Gefühl nicht los, ihr hättet irgendwie ein Problem miteinander. War sie wirklich so schlecht im Bett?« Claire blitzte Beckham herausfordernd an und mir fror der Magen zu einem schweren Eisklumpen, als das blonde Biest ihren Satz zu Ende sprach. Was in Gottesnamen war nur los mit diesem Mädchen?

Vermutlich besteht ihr Schrumpfhirn nur noch aus Lipgloss und Haarspray.

Wenn überhaupt …

»Du solltest jetzt gehen«, knurrte Beckham und pfählte Claires hochnäsige Miene mit einem eiskalten Blick. In dem Moment, als seine Worte bei ihr ankamen, zog sie ungläubig die Brauen hoch.

»Wie bitte?«

»Verschwinde«, drohte Beckham. »Du weißt doch, wo die Tür ist? Oder muss ich dich persönlich rausschaffen?« Aus Becks Stimme war jedes Quäntchen Freundlichkeit und Ruhe gewichen. So erlebte ich ihn nur äußerst selten. Claire sah noch ein paar Sekunden zwischen ihm und mir hin und her, dann machte sie wortlos auf dem Absatz kehrt und rauschte auf ihren ebenfalls glitzernden hohen Schuhen aus dem Haus. Aber auch nachdem sie verschwunden war, entspannte Beckham sich kaum.

»Hey, Beck … Alles klar?« Ich stellte mich vor ihn, um seinen Blick aufzufangen. Beckham schüttelte kurz den Kopf, als müsste er sich wieder besinnen. Erst dann war er wieder bei mir, aber in seinen dunklen Augen herrschte Ärger.

»Ja … Mir geht ihre blöde Oberzicken-Tour nur tierisch auf die Nerven. Ich kapiere einfach nicht, wieso sie immer diese ekelhafte Nummer abzieht. Wenn man sich mal mit ihr allein unterhält, ist sie gar nicht so.«

»Ach was?« Ich musste mich wirklich zusammenreißen, nicht allzu spöttisch zu klingen. Aber die Vorstellung von einer netten Claire, die nicht alles und jeden um sich herum vernichten wollte, schien mir doch sehr fern. Sie musste Beckham einer Gehirnwäsche unterzogen habe. Sonst konnte er unmöglich so denken. Das war einfach absurd.

»Wir haben uns in den letzten Wochen öfter mal gesehen und wenn sie nicht so giftig und arrogant ist, ist sie eigentlich ganz … in Ordnung.«

»Okay, was musst du bitte verdrängen, dass du dich mit Claire Hawthorne einlässt und wieso weiß ich nichts davon?!« Beckham musterte mich einen Moment und antwortete nicht. Seine Züge entspannten sich, sein Blick weichte auf. Dann wurde mir klar, wieso er wahrscheinlich nichts gesagt hatte. »Ist es wegen Nel? Bitte korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber … Wir haben nie darüber geredet, was in Bridgewater gewesen ist, Beck.« Ich bemühte mich um einen sanften Tonfall und das Gefühl, auf Eierschalen um das Thema herumzuschleichen, verflüchtigte sich etwas, als sich ein Lächeln auf Beckhams Lippen legte. Sein typisches, schiefes Beckham-Lächeln. Ich atmete auf. Ich war mir nicht sicher, was passieren würde, wenn ich ihn danach fragte, denn vorher hatte es nie etwas gegeben, über das wir nicht sprechen konnten.

»Mit dir über deine beste Freundin zu sprechen, die dir ohnehin wahrscheinlich alles erzählt hat, erschien mir nicht sonderlich ratsam«, erklärte er dann und zuckte etwas unsicher mit den Schultern. Ich war eine Idiotin. Mir war nicht mal ansatzweise der Gedanke gekommen, dass es nicht daran liegen könnte, dass er sich unsterblich in Nelly Silver verliebt hatte, sondern daran, dass es sich um meine beste Freundin handelte. Meine beste Freundin, die alles über mich wusste und andersherum.

»Daran habe ich nicht gedacht«, gab ich betreten zu. »Aber geht es dir gut?« Das war das erste Mal in den letzten drei Monaten, dass ich ihm diese Frage stellte und etwas anders als Antwort erwartete, als eine Floskel. Das, was man eben sagte, wenn man so etwas gefragt wurde. Was in den meisten Fällen eher wenig mit der Wahrheit zu tun hatte.

»Ich habe ein bisschen gebraucht, um das ganze Zeug zu verdauen, aber ich bin darüber weg. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht so genau, worüber ich hinwegkommen musste, denn in gerade mal zwei Wochen verliebt man sich ja nicht wirklich. Aber diese ganze Situation, der Streit mit Ash und mein verletzter Stolz … das hat mich runtergezogen. Und Nelly immer zu sehen, hat mich so sehr daran erinnert, dass ich sie gemieden habe. Das war am Anfang der Grund. Mittlerweile gehe ich ihr glaube ich nur aus dem Weg, weil ich mich irgendwie bescheuert fühle. Und ein schlechtes Gewissen habe, keine Ahnung.« Beckham vergrub seine Hände in den Taschen seiner blauen Chinohose und sah betreten zu Boden. Ich verbot es mir, aber irgendwo in mir machte sich Erleichterung breit. Erleichterung darüber, dass er nicht so komisch war, weil er sie liebte oder sie ihm tatsächlich das Herz gebrochen hatte. Aber ich verwarf diese Gedanken so schnell wie möglich und kramte in meinem Kopf nach einer guten Antwort. Erfolglos.

»Was ist, wenn du mal mit ihr redest?«, fragte ich zögerlich und hätte mir am liebsten gegen die Stirn geschlagen.

Wow. Das ist ja wirklich ein meisterhafter Rat. Um Himmels willen, geht’s vielleicht noch ein bisschen offensichtlicher und noch … banaler? Was hätte ich denn sonst sagen sollen? Oh, ich freue mich, dass du meine beste Freundin nicht liebst, denn damit käme ich irgendwie nicht klar? Wohl kaum!

Du bist verloren …

Ja, danke, weiß ich selbst …

»Ich glaube, das würde ich verbocken. Aber bitte sag ihr, dass sie zur Abschlussparty für den Schulstreich kommen soll. Ich ertrage die Gewissensbisse nicht, weil sie seitdem jede Party hier bei mir ausfallen lässt.«

»Um mich sollte es dir leidtun! Immer muss ich hier ohne sie auftauchen und mir Claires Anwesenheit allein geben!« Er schmunzelte, ich lachte. »Ich werde es ihr auf jeden Fall sagen. Eine offizielle Einladung wird sie wohl kaum ausschlagen, dazu ist Nel zu höflich«, feixte ich und hatte endlich das Gefühl, zwischen mir und Beckham war es wieder ein bisschen mehr so, wie vor den Winterferien.

»Das hat mir gefehlt«, sagte Beckham dann und legte einen Arm um mich. Als ich meinen Kopf gegen seine Brust sinken ließ und seine Umarmung erwiderte, spürte ich seine Rückenmuskulatur durch das Hemd. Ein flaues Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit. Heilige Scheiße … »Sowas ohne seine beste Freundin durchzumachen ist Mist«, erklärte Beckham und legte sein Kinn auf meinem Scheitel ab.

Beste Freundin …

Beste Freunde werden aber nicht nervös, wenn sie einander umarmen.

Ich bin nicht nervös.

Sagt dir das dein viel zu schnell schlagendes Herz? Oder doch die schwitzigen Hände?

 

Beckham

 

Hailey nach den Ferien wiederzusehen, hatte mich getroffen wie ein donnergrollender Blitzschlag.

---ENDE DER LESEPROBE---