Heavy Metal - Nick Lubens - E-Book

Heavy Metal E-Book

Nick Lubens

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Beschreibung

Karl-Marx-Stadt 1988: Weit weg von Mauer, Stacheldraht, der Politprominenz in Berlin und den politischen Aktionen der anwachsenden Opposition in der Hauptstadt der DDR und in Leipzig gründen vier Zehntklässler in der Provinz eine Heavy Metal-Band. Was als Akt jugendlicher Experimentierfreude und pubertärer Rebellion gegen die starren Regeln der Gesellschaft beginnt, wächst den vier jungen Männern schon bald über den Kopf. Unversehens geraten sie in das Visier der Staatsorgane und setzen ihre Zukunftsaussichten im sozialistischen Arbeiter- und Bauernparadies aufs Spiel. Und zu allem Überfluss gibt es da noch die Verlockungen dieses faszinierenden anderen Geschlechts...

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Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Nick Lubens

Heavy Metal

Wie wir die Mauer wegrockten

Roman

Impressum

Texte: © Copyright by Nick Lubens, 2019

Umschlag: © Copyright by Nick Lubens

Verlag:

Nick Lubens

c/o Burkhardt

Lotzestr. 34 37083 Göttingen [email protected]

www.starkebücher.de

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH,

Berlin 2019

ISBN: 978-3-748541-95-0

Spotify-Playlist zum Buch: Nick Lubens – Heavy Metal

(Blitzz - Run for your life und Круиз - Время

leider nur auf youtube)

August 1988

Langeweile – Pankow

„Hallo, ich bin Tilo Reichel.“ Nervös hebe ich die Hand zu einem schüchternen Winken. Etwa 40 Augenpaare blicken mir eher gelangweilt als begeistert entgegen. Was hat mich nur geritten, mich zu diesem Schwachsinn überreden zu lassen?

„Schön, dass ihr alle zu uns nach Karl-Marx-Stadt zum Pioniertreffen gekommen seid.“, versuche ich, die Situation zu entkrampfen. Als Barbara Kästner mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einer Veranstaltung etwas Gitarre zu spielen, klang das ganze noch wie eine gute Idee. Die Pioniere glotzen mich an, als hätten sie diesen Spruch schon hundertmal gehört. Das kann gut sein, kommt es mir in den Sinn. Schließlich läuft das Pioniertreffen schon seit ein paar Tagen.

Ich streiche mir den ewig widerspenstigen braunen Scheitel, der ständig nach unten rutscht und mir die Sicht versperrt, zur Seite. „Also, wer kommt aus Halle?“, rufe ich in einem verzweifelten Versuch, etwas Stimmung in die Bude zu bekommen, in den Auftrittsraum des Bezirkspionierhauses, der gut und gerne auch fünfmal so viele Zuschauer fassen könnte. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, meldet sich ganz hinten ein kleiner dicker Junge. Wie alle anderen hier trägt er ein weißes Hemd und ein rotes Halstuch, aber irgendwie scheint ihm dieser Aufzug noch unangenehmer zu sein als den anderen, denn andauernd kratzt er sich am Kragen. „Ein großes Hallo nach Halle!“, rufe ich begeistert. Einige lahme Klatscher unterstützen mich, von meinem Wortwitz scheint aber niemand etwas mitbekommen zu haben.

„Gut, wo ist Suhl?“, brülle ich etwas lauter. Vorn in der Ecke kichern ein paar blond bepferdeschwanzte Mädchen albern herum. „Suhl - echt cool.“, kalauere ich weiter vor mich hin. Die albernen Gänse fangen an zu gackern.

„Jemand aus Schwerin da?“ Jetzt, wo ich einmal auf der Bühne Fuß gefasst habe, lasse ich mich nicht mehr so leicht abschrecken. Nicht, dass mir die Sache gleich Spaß machen würde, aber irgendwie habe ich mit jedem Wort mehr und mehr das Gefühl, dass ich vielleicht doch auf diese Bühne gehöre.

Ein paar Jungen in der Mitte des Saals fangen laut an zu grölen und schwenken ihre langen dünnen Arme herum. „Das sind meine Jungs!“, schreie ich. „Applaus für Schwerin!“, fordere ich die Pioniere auf und aus reinem Anstand klatschen sie artig vor sich hin.

Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine ruckartige Bewegung. Leicht irritiert schaue ich nach links, wo sich unsere Pionierleiterin Barbara Kästner in ihrer blauen FDJ-Bluse und dem roten Halstuch postiert hat. Als sie meinen Blick auffängt, rollt sie genervt mit den Augen. Das soll wohl  bedeuten, dass die Zuschauer nun warm genug für den eigentlichen Anlass dieses nachmittäglichen Treffens sind.

Ich räuspere mich einmal verlegen, zerre wie der Junge aus Halle am Kragen meines FDJ-Hemds und erkläre: „Ich spiele seit ein paar Jahren Gitarre und präsentiere euch heute einige schmissige Jugendlieder.“

Ein paar Halbstarke, die wahrscheinlich das letzte Mal die Pionierkluft tragen, bevor sie nach den Ferien in die FDJ kommen, verschränken die Arme vor der Brust und glotzen mich herausfordernd an. Ich tue so, als hätte ich sie gar nicht bemerkt und schaue lieber zu den Mädchen aus Suhl, die schon wieder anfangen, albern zu kichern.

Für das erste Lied habe ich ganz tief in der Schatztruhe des FDJ-Liedguts gegraben. Schließlich will ich auch unsere Pionierleiterin beeindrucken, wenn ich schonmal die Möglichkeit habe. Also habe ich meinen Onkel Kurt gefragt, der sich als Musiklehrer in solchen Dingen auskennen sollte und er hat mich mit einem Lied aus den Aufbaujahren unserer schönen Republik vertraut gemacht.

„Das erste Lied heißt ,Wir lieben das fröhliche Leben.‘“, schreie ich ins Mikrofon. 40 verständnislos dreinblickende Gesichter informieren mich darüber, dass ich zumindest nicht das bekannteste Jugendlied als Einstieg gewählt habe.

Wie nach der lauen Reaktion bei der Ankündigung des Songs nicht anders zu erwarten war, singt niemand mit. Mit einiger Genugtuung nehme ich aber zur Kenntnis, dass die Halbstarken in der dritten Strophe, in der vom Lied der Motoren und dem Klang der Maschinen die Rede ist, ihre Arme wieder entschränken und vorsichtig zum Takt meiner Akkorde mitwippen. Ermutigt durch diesen kleinen Erfolg, entscheide ich mich spontan, den alten FDJ-Gassenhauer „Sag mir, wo du stehst“ in der Version der  Band Naiv zu singen, die ich vor kurzem bei Sirko auf Kassette überspielt habe. Der Beat ist etwas härter, der Text leicht verändert, aber von den blaubehemdeten Aufpassern scheint davon niemand etwas mitzubekommen.

Höflicher Beifall von Seiten der Pioniere belohnt mich für meine Bemühungen.

„Kannst du auch was fetziges?“, ruft der kleine dicke Hallenser von ganz hinten. Zustimmendes Gejohle kommt von den Halbstarken und auch die kichernden Suhler Gänse nicken wohlwollend zu dem Vorschlag aus dem Publikum.

Irritiert schaue ich zu Barbara Kästner. Mit einem fast unmerklichen Nicken und einem kurzen Augenaufschlag gibt sie mir die Zustimmung, etwas lebensnaher zu werden. Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich für einen in meinem Freundeskreis beliebten Song der Band Pankow, der keine große Herausforderung für meine bescheidene Gitarrenspielkunst darstellt, aber allgemein bekannt und obendrein auch noch fetzig genug sein sollte, um die Pioniere in gute Stimmung zu versetzen.

Schon nach den ersten Akkorden haben einige Jungs und Mädchen das Lied erkannt und klatschen begeistert mit. Ich vermute mal, sie kommen aus Berlin oder Leipzig, wo man die neuesten Trends immer als erstes mitbekommt. Auch unsere Pionierleiterin wippt unwillkürlich mit den Zehen.

Die ersten beiden Strophen gehen reibungslos, als ich aber bei dem Teil des Liedes ankomme, in dem irgendwie doch leise Kritik an der ewigen Eintönigkeit des Lebens und vor allem an den alten Männern, die einem aber auch immer alles vorschreiben müssen, geübt wird, geht ein nervöser Ruck durch die Ordner in ihren blauen Hemden. Einige reißen erschrocken die Augen auf, so als hätten sie Angst um meine geistige Gesundheit, andere tun so, als wären sie so intensiv mit der Inspektion der Wand beschäftigt, dass sie von dem Text des Liedes gar nichts mitbekommen können. Barbara Kästners Fuß wippt auch nicht mehr, dafür toben die Pionier vor mir und patschen lautstark ihre Hände gegeneinander.  Einige in den hinteren Reihen hat es sogar von den Hockern gerissen. Sie sind auf die Stühle gesprungen und klatschen begeistert. Die ersten „Zugabe! Zugabe!“-Rufe sind zu hören, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie von den Halbstarken ausgingen, die eben noch so ablehnend vor mir standen.

Irgendwie gehen in dieser Situation die Pferde mit mir durch. Vor meinem inneren Auge beobachte ich den D-Zug aus Problemen, Zurechtweisungen und disziplinarischen Maßnahmen, der als Konsequenz meiner Entscheidung unweigerlich auf mich zurast, mit einer morbiden Faszination, während meine Hände wie von selbst die ersten Akkorde der simplen Tonfolge eines Liedes über die Saiten der Gitarre jagen, das ich bei klarem Verstand nie und nimmer auch nur in der Nähe einer Pionierveranstaltung angestimmt hätte. Vermutlich sagt mir ein ganz kleiner Zipfel meines Unterbewusstseins, dass der Boss erst letzten Monat vor über 160.000 DDR-Bürgern in Berlin-Weißensee gespielt hat und mein Vorhaben dadurch schon irgendwie gerechtfertigt sein wird. Der Rest meines Gehirns scheint gerade in Tiefschlaf verfallen zu sein und so übernimmt dieses kleine Zipfelchen tatsächlich die Oberhand. Die Pioniere toben begeistert im Takt der Musik, PiLei Barbara Kästner und die anderen Funktionäre versteifen sich in Erwartung der unausweichlichen Katastrophe und dann schallen aus meinem Mund Bruce Springsteens Worte: „Born in the U.S.A.“

Der Saal rockt, die Ordner haben alle Hände voll damit zu tun, die lauthals mitgrölenden Pioniere zu beruhigen und so geht im allgemeinen Chaos beinahe unter, wie ich von vier kräftigen Männern in richtigen Jacketts in die Mitte genommen und eilig in das sichere Halbdunkel hinter der Bühne geführt werde.

„Tilo, Tilo, Tilo!“ Barbara Kästner bedenkt mich mit einem traurigen Blick, aus dem Enttäuschung, Verbitterung und Mitleid sprechen. Sie hat ihre Arme um ihren kleinen, schmächtigen Körper geschlungen. Mir ist schon bei früheren Gelegenheiten aufgefallen, dass ihr im Gegensatz zu anderen weiblichen Mitgliedern des Lehrkörpers diese Geste nicht weiter schwer fällt, da kaum etwas im Weg ist, was unangenehm aufreizend nach oben gedrückt werden könnte. Bevor meine Gedanken aber in ungesunde Gefilde abdriften können, setzt sie ihre Jammerlitanei schon fort. „Was hast du dir nur dabei gedacht?“

„Gar nichts hat er sich gedacht.“, brummt der dicke Mann in dem weißen Hemd mit dem gestärkten Kragen, das unter seinem braunen Jackett hervorlugt und der mir als Klaus Winkler von der FDJ-Kreisleitung vorgestellt wurde, hörbar missmutig. „Schauen Sie ihn sich doch an!“, kommt er dem Einwand unserer Pionierleiterin, der sich bereits angeschickt hat, ihren Mund zu verlassen, zuvor und deutet mit anklagender Geste auf mich, fast so, als würde er ihr eine besonders unangenehme und ekelerregende Ungezieferart präsentieren. „Er besitzt tatsächlich die Frechheit, in der Uniform der sozialistischen Jugendorganisation unserer glorreichen Partei hier zu erscheinen.“

Mit schmalem Mund blicke ich kurz an meinem Oberkörper herunter, der immer noch von dem leuchtend blauen Hemd der FDJ verhüllt wird, das ich vor einer Stunde bei meinem kleinen Malheur getragen hatte. „Nach allem was geschehen ist.“, säuselt er, fasst sich an die Stirn und lässt sich zurück in den schweren Ledersessel sinken, der ihm seinem Leibesumfang nach zu schließen schon seit Jahrzehnten beim Breitsitzen seines Hinterns behilflich ist. Er bietet einen so verzweifelten Anblick, dass ich mir fast sicher bin – Klaus Winkler war früher mal beim Theater. Zum Glück kann ich dieses eine Mal meine Neugier im Zaum halten. Heute gibt es wichtigeres zu klären. „Also, das mit dem Hemd...“, versuche ich zu erklären, dass ich beim besten Willen nicht anders hier erscheinen konnte, da mich die kräftigen Männer direkt aus dem Pionierhaus hierher in die Kreisleitung gefahren haben und ich außer meiner offiziellen Verkleidung keine anderen Klamotten dabei hatte. Wie hätte ich denn auch damit rechnen sollen, dass alles schief geht?

„...ist eine Unverschämtheit.“, fällt mir Klaus Winkler ins Wort und streicht sich die eine graue Haarsträhne zurück, die seinen Schädel noch davor bewahrt, als vollkommen nackt durch die Gegend getragen zu werden. „Auch über diesen Punkt werden wir beraten müssen.“, stöhnt er mit einem schmerzverzerrten Blick zu Barbara Kästner. „Notieren Sie: Mögliche Aberkennung der FDJ-Mitgliedschaft!“, diktiert er unserer Pionierleiterin, die, nachdem sie mir einen kurzen erschrockenen Blick zugeworfen hat, die Worte gewissenhaft in ihr rot eingeschlagenes Notizbuch überträgt.

Eine merkwürdige Ruhe überkommt mich bei diesen Worten. Die Ereignisse der letzten Stunde, die Lieder, die begeistert klatschenden Pioniere, die harten Griffe der Eingreiftruppe auf unserem gemeinsamen Weg hinter die Bühne, die Enge des Lada, in dem wir zu fünft durch die von fröhlichen rot und blau behalstuchten Kindern bevölkerte Stadt gerast sind, das ewige Warten in dem winzigen Zimmer mit dem Linoleumboden, der kalten Neonröhre und dem Blick auf die braune Wand des gegenüber liegenden Stalinbaus, all das kommt mir so unwirklich, surreal, abgehoben vor. Ich fühle mich, als säße ich im Kino und schaute meiner eigenen schlampig inszenierten Hinrichtung zu.

„Machen wir es kurz!“, knurrt mir der FDJ-Kreisleiter, der, wie mir mit mäßigem Interesse gewahr wird, schon längst dem Jugendalter entwachsen ist, eine Einleitung entgegen, die klischeehafter nicht sein könnte und deshalb meine Cineastenfantasie nur verstärkt, entgegen. „Sie sind fast 16 Jahre alt und wollen im nächsten Jahr die zehnte Klasse einer durch die harte Arbeit unserer werktätigen Bevölkerung finanzierten Polytechnischen Oberschule besuchen. Ihre Akte“, bei diesen Worten klopft er mit seinem dicken Zeigefinger gewichtig auf einem kleinen Stapel bräunlich angelaufener Papiere herum, „enthält bisher keine negativen Einträge. Das lassen wir zu ihren Gunsten sprechen.“ Er tauscht einen kurzen Blick mit der Pionierleiterin, bevor er fortfährt. „Aber nach dem, was sie sich heute geleistet haben,“, er nimmt das oberste Blatt vom Stapel, auf dem handschriftlich mehrere Notizen gemacht worden waren, „ich zitiere: ,Aufführen ausländischen Propogandaliedguts auf dem Pioniertreffen, Anstiftung zum Aufruhr und zur Zuwiderhandlung gegen die Ordnungsregeln auf einer öffentlichen Veranstaltung, Vorführung eines Liedes in deutscher Sprache, dessen Aufführung im öffentlichen Raum verboten wurde, Verunglimpfung des solidarisch-kämpferischen Liedguts der Freien Deutschen Jugend...'“

,Aha, sie hatten also doch die kleine Textänderung in dem Naiv-Song bemerkt', schießt es mir durch den Kopf. ,Ganz schön gerissen, diese Kader.'

Kurt Winkler und Barbara Kästner werfen mir fragende Blicke zu. Seine sind eher herausfordernd-geringschätziger Natur, ihre verzweifelt-resigniert. Ich war in Gedanken kurz abgeschweift und habe den Rest der Anklageschrift verpasst. Offenbar erwarten sie irgendeine Antwort von mir.

„Also, das mit dem Lied...“, stammle ich.

Winkler knallt seine flache Hand auf den Tisch. „Können Sie auch in ordentlich formulierten Sätzen zu uns sprechen oder sind sie einer dieser affenähnlichen Untermenschen, die außer Radau und Flausen nichts im Kopf haben?“, schreit er mich mit hochrotem Kopf an. Sein fetter Hals quillt dabei unnatürlich über den Hemdkragen, so dass ich für einen Augenblick die Hoffnung hege, sein Kopf könne sich noch weiter aufblasen und dann mit einem lauten Knall explodieren.

„Es tut mir leid?“, versuche ich es aufs Geratewohl mit einer der Floskeln, die uns schon seit unserem ersten Tag in der Kinderkrippe in die sozialistische DNA eingehämmert wurden. Älteren gegenüber immer Respekt üben, so hätte eines der fünfhundert Gebote des sozialistischen Kindergartenkindes lauten können, wenn es so etwas geben würde.

Erwartungsvoll blicken mir die beiden Erwachsenen entgegen. Eine einfache Entschuldigung scheint es nicht zu tun. Da muss ich wohl tiefer in die Trickkiste des frasengeschulten DDR-Bürgers greifen. Innerlich seufze ich einmal tief, bevor ich mich zu einer Aktuelle-Kamera-reifen Antwort aufraffe: „Ich habe beim heutigen Konzert im Pionierhaus die nötige Reife und Verantwortung, die für eine solche Veranstaltung nötig ist, vermissen lassen. Dadurch habe ich nicht nur die mir anvertrauten Kinder der Gefahr unkontrollierter Exzesse und falscher Informationen ausgesetzt, sondern auch dem Ansehen unserer Jugendorganisation, der Stadt und des Bezirks Karl-Marx-Stadt und der gesamten Deutschen Demokratischen Republik schweren Schaden zugefügt. Ich schäme mich dafür, all die hart arbeitenden Arbeiter und Bauern unserer Republik so schwer enttäuscht zu haben und kann nur hoffen, dass es dem Gegner und Klassenfeind nicht gelingen wird, aus diesem Ereignis einen Vorteil zu ziehen.“

Ich bin so in Fahrt, dass es mir wirklich schwer fällt, an dieser Stelle abzubrechen und nicht auch noch die deutsch-sowjetische Freundschaft, das Andenken an Ernst Thälmann und den kleinen Trompeter oder den Weltfrieden ganz allgemein zu bemühen. Barbara Kästner blickt mir aus treuherzigen blauen Augen erleichtert entgegen. Ich scheine sie mit meiner kleinen Stegreifansprache durchaus überzeugt zu haben.

Kurt Winklers Gesicht blickt mich deutlich finsterer an. Mit zusammengekniffenen Augen mustert er mich, auf seiner Stirn hat sich eine steile Falte gebildet. „Ich weiß nicht, ob du mich hier verscheißern willst.“, knurrt er mich an. „Aber das eines klar ist: Wir haben dich im Blick, Tilo Reichel. Noch ein Fehltritt, und du bist weg vom Fenster.“

Ich nicke in gespielter Eingeschüchtertheit. Der abrupte Wechsel vom Sie zum Du ist mir durchaus nicht entgangen. Aber ich hatte in den letzten 15 Jahren ja reichlich Gelegenheit, eine angemessen zerknirschte Körperhaltung bis zur Perfektion zu trainieren.

„Und damit meine ich nicht die Berufsausbildung mit Abitur.“ Nun wedelt er aufgeregt mir seinem Finger vor meiner Nase herum. „Das kannst du dir sowieso schön abschminken. Wir haben schon ganz andere subversive Elemente zur Strecke gebracht, da werden wir auch mit dir fertig.“

Ich blinzle kurz, dann blicke ich lieber zu unserer Pionierleiterin. Sie schluckt schwer, bevor sie das Wort an mich richtet. „Du wirst natürlich einen selbstkritischen Beitrag auf der nächsten FDJ-Versammlung in der Schule leisten?“, fragt sie mich mehr mit fast flehentlichem Ton, als dass sie es mir befiehlt.

„Natürlich.“, antworte ich mit fester Stimme, kann aber nicht verhindern, dass sich mein Rückgrat versteift.

„Und jetzt raus hier!“, kommandiert Winkler. „Für den Rest des Pioniertreffens haben Sie natürlich Auftrittsverbot.“, ruft er mir noch hinterher, als ich fluchtartig auf den kahlen, mit dem gleichen Linoleumboden ausgestatteten Flur hinausstürze. Als ob mich das interessieren würde. Ich hatte ohnehin keine weiteren Konzerte geplant.

„Na, du Rebell!“, ruft mir, kurz nachdem ich den Betonklotz, in den sie mich gebracht hatten, als freier Mann verlassen habe, eine bekannte Stimme zu. Verwundert versuche ich mit meinem Blick, das Gequirl aus Pionieren, Betreuern und genervten Passanten, die sich durch das Gewühl ihren Nachhauseweg bahnen müssen, auf der Suche nach dem Rufer zu durchdringen.

„Sirko?“, brülle ich, als ich den Übeltäter identifiziert habe. Ein paar Pioniere bedenken mich mit kritischen Blicken, deshalb schiebe ich mich eilig zu meinem Freund durch. Mit seinem beigen T-Shirt, der Stonewashed-Jeans und den Römersandalen fällt er optisch völlig aus dem Rahmen der um uns herumstehenden Kinder. „Was machst du denn hier?“, sage ich die in solchen Situationen unausweichliche Floskel auf, die unter den Top 10 der blöden Fragen der Menschheitsgeschichte gute Chancen auf einen Podestplatz hätte. An „Schläfst du schon?“ würde sie wahrscheinlich nicht heranreichen können, aber ansonsten gibt es nur wenige Gesprächseröffnungen, die „Was machst du denn hier?“ ernsthaft Konkurrenz machen können. Schließlich sehe ich ja, was Sirko hier macht, nämlich rumstehen und mich angrinsen.

„Wir haben gedacht, dass du vielleicht seelischen Beistand brauchen könntest, wenn du da wieder lebend herauskommst.“, frotzelt er und deutet mit dem Zeigefinger auf das Gebäude, in dem PiLei Barbara Kästner und Kurt Winkler vermutlich immer noch die Köpfe zusammenstecken und überlegen, wie sie meinen Fall als abschreckendes Beispiel zur propagandistischen Erziehung der Jugend ausschlachten können.

„Geht's noch ein bisschen lauter?“ Hinter Sirko taucht Robert aus dem Gewühl auf. Neben seinem Aufzug in ausgetretenen Militärstiefeln und Armeeparka, den er nicht einmal bei über 30 Grad im Schatten auszieht, wirkt Sirko fast schon wieder unauffällig. „Willst du gleich als nächster da drin antanzen?“, raunzt er Sirko an.

„Entschuldigung.“, gibt sich Sirko reumütig. „Auf jeden Fall,“, wendet er sich wieder an mich, „sind wir sofort mit Roberts Karre los, um dich zu unterstützen.“, berichtet er stolz.

Robert geht zwar mit uns in eine Klasse, ist aber vor kurzem 18 geworden und hat deshalb schon seit zwei Jahren einen Motorradführerschein. „Oder um deine Einzelteile zusammenzukehren und einer geordneten Bestattung zuzuführen.“, witzelt er.

„Woher habt ihr denn davon gewusst?“, frage ich skeptisch. Ich hatte gehört, dass es Tage dauern konnte, bis allein Familienmitglieder herausfanden, dass ihre Ehemänner, Mütter oder Kinder wegen irgendwelcher Vergehen irgendwo eingesperrt worden waren.

„Seine Tante.“, sagt Sirko nur und deutet mit dem Daumen auf Robert. Der nickt bestätigend.

„Ach so.“, ist mein einziger Kommentar. Wir wissen, dass Roberts Tante als Sekretärin irgendeines hohen Parteibonzen arbeitet, und viel mehr ist über sie auch nicht herauszubekommen.

Robert schaut sich aufmerksam um und hakt uns dann beide unter. „Los, lasst uns mal ein lauschigeres Plätzchen suchen. Das ist ja kein Thema für die Ohren von solchen Rotzlöffeln.“, zischt er uns im Gehen zu und lotst uns zielstrebig über die breite Prachtstraße, auf der sich die Aktivitäten des Pioniertreffens vor unseren Augen entfalten.

Karl-Marx-Stadt wurde nach dem Krieg unter maßgeblicher Beteiligung von Walter Ulbricht nach modernsten Maßstäben wieder aufgebaut und verfügt durchaus über einen gewissen Charme, vor allem, wenn man in der Stadtverwaltung arbeitet und Großveranstaltungen plant. Die Straßen sind so breit, dass ein einzelner Trabi darin Angstzustände bekommen kann wie ein verlorener Reisender in der Sahara. Die sie begrenzenden Gebäude strahlen die vertrauenerweckende Wärme von Eisbergen aus, die jahrelang den Rauchwolken der Braunkohlekraftwerke rund um Leipzig ausgesetzt waren und deshalb eine ungesund braune Farbe angenommen habe. Und es gibt absolut keine kleinen Nebenstraßen und Gassen, in denen sich konterrevolutionäre Subjekte hätten verstecken können. Deshalb folgen wir Robert ohne Nachzudenken die Karl-Marx-Allee entlang, bis wir über die große Kreuzung am Zentrum Warenhaus gelangen und urplötzlich fast allein auf der Straße stehen. Außerhalb des Innenstadtkerns gibt es keine Attraktionen für die Pioniere und die Werktätigen auf dem Weg in den wohlverdienten Feierabend haben in bewährter Manier den Kopf zwischen die Schultern gezogen und den Blick fest auf das Pflaster geheftet.

„Na los, jetzt erzähl schon!“, drängt mich Robert zu einem Bericht über den Grund meines Verhörs.

Ich liefere den beiden Tratschtanten eine Kurzversion der Ereignisse. Gespannt und ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen, hängen sie an meinen Lippen.

„Ja, leck mich doch!“, murmelt Sirko, als ich fertig bin. „Hast du sie noch alle? Erst Langeweile spielen und dann auch noch Looking for Freedom? Da kannst du noch froh sein, dass sie dich nicht gleich eingesperrt haben.“

„Ich hätte es auf jeden Fall gemacht.“, mischt sich Robert ein.

„Was?“, fragt Sirko nach.

„Was, was?“, gibt Robert irritiert zurück.

„Was hättest du gemacht?“, konkretisiert Sirko seine Anfrage.

„Ihn eingesperrt.“, erwidert Robert und zeigt auf mich. Mit großen Augen und offenen Mündern starren wir ihn an. „Wegen grottigem Musikgeschmack!“, ereifert sich unser Freund. Er kramt in den Taschen seines Parka, holt eine Packung f6 hervor und steckt sich einen Glimmstengel zwischen die Lippen. „Wollt Ihr auch?“, bietet er uns wie jedes Mal generös eine Kippe an, in der korrekten Annahme, dass wir wie jedes Mal dankend ablehnen werden. Missbilligend schüttelt er den Kopf. „Also wirklich, Tilo! Da hast du einmal die Chance, vor Publikum ein richtiges Statement abzugeben, politisch mal so richtig auf die Kacke zu hauen, und dann fällt dir nichts besseres ein als Bruce Springsteen? Das ist Perlen vor die Säue, sag ich dir. Wenn du schon so einen Scheiß baust, dann muss das richtiger Scheiß sein, Mann!“

Meine Gedanken versuchen verzweifelt, die Botschaft hinter seinen Worten zu verstehen. „Ich hab doch gar nicht...“, stammle ich.

„Genau!“, fällt mir Robert ins Wort. „Nicht nachgedacht hast du. Nicht sorgfältig geplant. Von deinen Gefühlen hast du dich übermannen lassen und jetzt ist diese einmalige Chance, die sich dir geboten hat, futsch. Für immer!“ In die letzten beiden Worte legt er eine besondere Betonung.

„Aber ich sollte doch nur ein paar Lieder spielen.“, versuche ich, mich zu rechtfertigen. „Ich hatte doch gar nichts vor.“ Selbst in meinen Ohren klingt das irgendwie jämmerlich.

„Genau das ist euer Problem.“, ereifert sich Robert und traktiert abwechselnd mich und Sirko mit herausfordernden Blicken. „Ihr habt nie irgendwas vor. Immer schön machen, was andere euch sagen. Aktivitäten nur auf Anweisung. Einmal die Woche zur AG und einmal zum Sport in die BSG und ansonsten schön die Klappe halten. Langeweile! Zu viel rumgerannt! Hast du vorhin doch selbst gesungen.“

„Ach, wenn es dir in den Kram passt, zitierst du plötzlich meinen schlechten Musikgeschmack, ja?“, maule ich, fühle mich gleichzeitig aber auch ertappt, weil Robert irgendwie Recht damit hat, wie er mein bisheriges Leben beschreibt.

„Euer ganzes Leben ist wie eine Autobahn, die jemand anderes gebaut hat, vor euch ausgebreitet.“, setzt Robert nach.

Sirko glotzt mich blöde an und ich glaube, ich glotze genauso blöde zurück. Dann zucken wir  gleichzeitig die Schultern. „Na und? Was sollen wir denn machen?“, fragen wir verständnislos wie aus einem Mund.

Robert rollt mit den Augen. „Wir sind jung, verdammt noch mal! Wir sollten aufbrechen, die Welt erobern! Freiheit und Abenteuer!“ In seine Augen tritt ein seltsamer Glanz. „Das machen, was andere sagen, können wir noch ein ganzes Leben lang.“

„Uns bleibt ja auch nichts anderes übrig.“, falle ich ihm lakonisch ins Wort.

Ein kaum merklicher Ruck geht durch Roberts Körper, das Feuer in seinen Augen ist wieder erloschen. „Eben!“, motzt er mich an. „Und darum ist es eine Verschwendung, wenn du Born in the U.S.A. singst, was ja noch nicht einmal stimmt, und dafür deine ganze Zukunft riskierst.“

„Jetzt ist es jedenfalls passiert. Da hilft es Tilo auch nichts mehr, wenn du auf ihm herumhackst.“, versucht Sirko mich in Schutz zu nehmen.

„Und ob das was hilft!“, rechtfertigt sich Robert vehement. „Aus unseren Fehlern müssen wir dir richtigen Lehren ziehen – hat schon Lenin gesagt. Und unsere Lehre muss sein, dass es Augenblicke wie diesen geben kann, und wir müssen darauf vorbereitet sein. Wenn ich schon mein Leben verpfusche, dann soll es wenigstens einen Sinn gemacht haben.“

„Ist dein Leben jetzt verpfuscht?“, wendet sich Sirko halb besorgt, halb amüsiert an mich.

Ich hebe verlegen die Schultern. „Sie haben nur gesagt, dass ich mir das Abitur abschminken kann.“

Robert bricht in ein befreiendes Lachen aus. „Der war gut.“, japst er. „Du und Abitur? Bevor das passiert, bricht die Mauer zusammen.“

Sirko schaut sich aufgeschreckt um. „Pssst! Nicht so laut!“

Robert hat sich wieder im Griff und räuspert sich verlegen. „Jedenfalls hab ich mir was überlegt. Mein Onkel Herbert will mir doch einen alten Trabi besorgen.“

Sirko wirft mir einen begeisterten Blick zu.

„Ist ja irre!“, bricht es aus mir heraus.

Robert macht eine beschwichtigende Geste. „Nichts Großes. Er schraubt doch gern und hat eine alte Karre vom Schrott wieder fit gemacht. Er meint, nächste Woche sollte sie laufen.“

„Einen rundgelutschten?“, frage ich ehrfürchtig.

Robert nickt gönnerhaft. „Rundgelutscht. Und Kombi!“, fügt er in vorgezogenem Besitzerstolz mit breiter Brust hinzu.

„Wahnsinn!“, kommentiert Sirko.

„Genau!“, stimmt ihm Robert zu. „Und ich lade euch zur Jungfernfahrt ein.“ Er strahlt mit der Sonne um die Wette.

„Hast du denn schon die Fleppen gemacht?“, fragt Sirko und schaut ihn skeptisch von der Seite her an.

„Klar.“ Robert klopft sich selbstbewusst auf die Brusttasche. „Was denkst du denn, warum ich in den Ferien so wenig Zeit hatte. Hab ständig bei der GST gesessen und Auto fahren gelernt.“

„LKW-Schein?“, frage ich besorgt.

„Äh, ja, wieso?“ Robert ist der Wandel in meiner Stimme nicht entgangen.

„Na, da musst du doch dann drei Jahre zur Fahne.“, gebe ich zu bedenken.

Robert guckt mich an, als hätte ich ihm dargelegt, dass im September die Schule wieder anfängt. „Ja und? Muss ich doch sowieso.“, mault er. „Außerdem ist noch ein Jahr Zeit, da kann viel passieren.“, orakelt er vor sich hin. „Aber das muss ja auch nicht eure Sorge sein.“, unterbindet er weitere Diskussionen. „Jedenfalls will ich am letzten Ferienwochenende nach Gera fahren und ihr kommt mit.“, ruft er und legt seine Arme um unsere Schultern.

„Gera?“, fiepst Sirko.

„Was wollen wir denn da?“ Ich lege so viel Verachtung wie möglich in diese Frage. Die erste Ausfahrt mit dem eigenen Auto, und dann soll es ausgerechnet in dieses Kaff gehen?

„Dort spielen Blitzz.“, erzählt uns Robert mit leuchtenden Augen.

„Blitzz? Nie gehört.“, wirft Sirko emotionslos ein.

„Kannst du auch nicht. Bis vor kurzem hießen sie noch Prinzz.“, klärt Robert uns Kulturbanausen auf.

„Aha, Prinzz.“, entfährt es mir. „Nie gehört.“, ergänze ich nach kurzem Grübeln.

„Das ist Heavy Metal vom allerfeinsten.“ Robert versucht durch pure Energieentladung seine Begeisterung auf uns zu übertragen.

„Heavy Metal?“, hakt Sirko nach. „So Krach mit langen Haaren?“

„Und Lederklamotten.“, werfe ich auch einen qualifizierten Kommentar ein, um zu zeigen, dass ich nicht ganz hinterm Mond lebe, auch wenn mir weder Blitzz, noch Prinzz, noch Heavy Metal viel sagen.

„Ja, auch das.“, bestätigt Robert, der gar nicht zu merken scheint, wie wenig wir von seinem Vorschlag halten. „Also, seid ihr dabei?“, fragt er aufgeregt wie ein kleiner Junge, der seine Freunde zu einem frechen Streich überreden will.

Wir wollen ihm die Freude nicht verderben. Wozu hat man denn Freunde? „Also gut.“, ergebe ich mich in mein Schicksal. „Ich komme mit.“

„Von mir aus.“ Auch Sirko gelingt es nicht, echte Begeisterung zu heucheln. „Aber dann muss auch Olaf mitkommen.“

„Gute Idee!“, ruft Robert. „Für vier Leute ist doch locker Platz. Das wird ein Spaß!“

Ich bin mir da nicht so sicher, aber das behalte ich in diesem Augenblick echter Männerfreundschaft lieber für mich.

Run for your life - Blitzz

Ehrfürchtig stehen wir am frühen Samstagmorgen um Roberts hellblauen Trabant 600 Kombi herum. Olaf, der nur in T-Shirt und Jeans angerückt ist, versucht, sich durch Trampeln und das Reiben der vor der Brust verschränkten Arme warm zu halten. Sirko fallen vor Müdigkeit ständig die Augen zu, aber der bloße Anblick dieser unglaublichen Rarität, die sich in Roberts Besitz befindet, hält ihn wach genug, um permanent „Ich liebe dich, Alter!“ zu murmeln. Es wird nicht ganz klar, ob er damit Robert oder seinen Trabant meint, aber das ist uns im Augenblick auch völlig gleichgültig.

Olaf kramt umständlich in der Arschtasche seiner Jeans herum und fördert endlich ein paar weiße Papierstreifen zutage. Ohne ein Wort zu sagen geht er zur Heckklappe des Trabant und beginnt, die weißen Streifen mit Klebeband am Fenster des Autos festzukleben. Neugierig folgen wir ihm und schauen ihm stumm bei der Verschönerung von Roberts fahrbarem Untersatz zu.

Als er fertig ist, macht er einen Schritt zurück, breitet die Arme aus und ruft begeistert „Tadaaa!“

Sirko und ich glotzen blöd auf das riesige weiße A, das sich uns präsentiert.

„Bist du total bescheuert?“, brüllt Robert, stürzt auf sein Auto zu und reißt den unschuldigen Buchstaben mit brachialer Gewalt wieder herunter.

Ich blinzle verwirrt, Sirko verzieht das Gesicht in echter Verwirrung und Olaf läuft rot an. „Jetzt hör mal!“, versucht er sich in lahmem Widerstand. „Hättest auch einfach sagen können, wenn es dir nicht gefällt. Ich wusste ja nicht, dass du so eitel bist.“ Bockig steckt er die Fäuste in die Hosentaschen.

„Eitel?“, ereifert sich Robert. „Eitel?“

„Nicht so laut!“, ermahnt Sirko die beiden Streithähne mit einem ängstlichen Blick auf die umliegenden Fenster. „Die Leute schlafen noch.“

Robert atmet einmal tief durch und flüstert dann aufgebracht weiter: „Hast du überhaupt eine Ahnung, was das bedeutet?“

Olaf zuckt unschuldig die Schultern. „Klar. Anfänger. Meine Mutter hat auch so ein A hinten drankleben. Schon seit Jahren.“

„Anfänger! Anfänger!“, regt sich Robert erneut auf. Man kann ihm förmlich ansehen, wie schwer es ihm fällt, die Stimme nicht wieder zu erheben. „Auf der Fahrerseite, ja, aber doch nicht auf der Beifahrerseite, wo du es hingeklebt hast.“, weist er Olaf zurecht.

„Nicht?“, fragt der verlegen.

„Ist doch egal, auf welcher Seite das klebt.“, versuche ich, Olaf beizuspringen. „Er hat es doch nur gut gemeint.“

„Wohnt ihr denn alle hinterm Mond?“, keucht Robert nun und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Es ist ganz und gar nicht egal, wo es klebt. Ein A auf der Beifahrerseite steht für Ausreiseantrag. Wenn die Bullen mich damit sehen, gibt das zwei Jahre, mindestens!“

Uns fällt allen dreien die Kinnlade herunter. „Was du immer alles weißt.“, murmelt Olaf verlegen. „Tut mir echt leid. Das kann doch keiner ahnen.“ Hilfesuchend blickt er sich zu Sirko und mir um und wir nicken zustimmend.

Etwas versöhnter führt uns Robert einmal um den Wagen herum und erklärt uns die für Nicht-Führerschein-Besitzer wichtigen Details. Als er uns endlich alle Einzelheiten des Fahrzeugs inklusive der Zierstreifen ausführlich vorgestellt hat, dürfen wir uns in die Pappkiste zwängen. Olaf und ich landen auf der Rückbank, weil Sirko „der mit den längsten Gräten“ ist, wie uns Robert seine Platzeinteilung erklärt.

„Hinten ist eh bequemer.“, raunt mir Olaf zu und packt seinen dicken Hintern auf den Großteil der Rückbank. „Da kannst du dich zurechtruckeln, wie es dir passt, ohne dass sich ein beschissener Gurt in deinen Hals gräbt.“ Mit einer unmissverständlichen Geste seiner Hand unterstreicht er seine Worte.

Ich quetsche mich neben ihn und versuche, meine Beine in dem engen Zwischenraum vor der Rückbank so zu platzieren, dass der Kopf nicht die ganze Fahrt über zwischen den Knien klemmt und schaue Robert über die Schulter. „Wie ist dein Onkel eigentlich an das Museumsstück gekommen?“, frage ich neugierig. „Ich dachte, die sind voll begehrt.“

Robert spielt am Choke herum und dreht den Zündschlüssel. Einen Moment lang hören wir nur das typische Schleifgeräusch, dann plötzlich bäumt sich das Gefährt auf und stößt ein martialisches Klappern aus. Robert geht voll aufs Gas und lässt den Motor brummen, bis er eine nahezu einheitliche Klanghöhe erreicht hat. Behutsam schiebt er den Choke zurück und wir rollen los in unser erstes großes Abenteuer.

„Der war total Schrott.“, beantwortet Robert meine Frage, als ich schon gar nicht mehr damit rechne. „Keiner hat sich rangetraut. Mein Onkel hat gesagt, dass der bestimmt schon 10 Jahre auf dem Schrottplatz rumgestanden hat, aber sie wollten ihn nie zerlegen, weil er so traurig dagestanden hat. Und das war ein Glück, weil er ihn ja doch noch zum Laufen gebracht hat.“

„Hat echt was drauf, dein Onkel.“ Am Fenster fliegt im Licht des anbrechenden Tages das verschlafene Karl-Marx-Stadt vorbei. Die wenigen Autos am Straßenrand parken gemütlich vor sich hin, in den braun verputzten Häusern sind erst wenige Lichter an. „Warum sind wir nochmal so früh aufgestanden?“, werfe ich die Frage in den Raum, die mir weder Sirko noch Olaf beantworten konnten.

„Weil wir rechtzeitig da sein wollen.“, gibt Robert die glasklare Antwort.

„Na, dann zeig mal, ob dein Trabi so viel drauf hat, wie dein Onkel!“, fordere ich Robert auf.

„Hältst du mich für total bescheuert?“, fragt Robert und schenkt mir durch den winzigen Rückspiegel einen genervten Blick. „Ich habe seit zwei Wochen einen Führerschein und seit vorgestern ein Auto und jetzt soll ich hier durch die Stadt heizen? Willst du, dass ich gleich wieder nur Fahrrad fahren kann?“

„Nein,“ räume ich ein und glotze auf die vorbeiziehenden monotonen Fassaden der bruchreifen Altbauten an der Leipziger Straße. Küchwald, Naturforscherstation und Borna ziehen an mir vorbei und dann haben wir endlich die Autobahn erreicht.

Jetzt geht Robert doch voll aufs Gas. Der Motor dröhnt uns um die Ohren und übertönt selbst Olafs seliges Schnarchen neben mir. Der batteriebetriebene Mono-Kassettenrekorder Marke mira auf Sirkos Schoß versucht, dem Tuckern Steppenwolfs „Born to be wild“ entgegenzusetzen, bis zu uns auf die Rückbank dringt aber nur ein schwacher Basslauf vor. „Auf nach Gera!“, brüllt Robert über das Motorengeräusch hinweg. Sirko und Olaf schrecken kurz aus dem Schlaf auf, sonst ist bis jetzt wenig von Abenteuer und Eroberung der Welt zu spüren. Irgendwie hatte ich mir so eine Konzertreise aufregender vorgestellt.

Das rhythmische Poltern der Teerstreifen zwischen den Platten der Autobahn lullt mich schnell ein. Ich fühle mich an Zugfahrten mit der Reichsbahn erinnert. Auch dort geben die Räder mit ihrem Holpern über die Schweißnähte den inneren Rhythmus des Zuges vor. „Ga-gang. Ga-gang. Ga-gang.“ Ich schließe die Augen und lasse mich von der Eintönigkeit des Rhythmus in einen angenehmen Halbschlaf versetzen, nichts ahnend, dass dieser Tag mein ganzes Leben verändern wird.

„Tilo?“

„Meinst du, er hat einen Hörschaden oder so was?“

„Keine Ahnung. Vielleicht ist er schon tot.“

„Irgendwie sieht er komisch aus, so als hätte er eine Vision oder sowas gehabt!“

„Vision? So ein quatsch. Der ist zugedröhnt. Ich frag mich, wo er den Stoff hergekriegt hat.“

„Quatsch. Der ist einfach nur weg. TILO!“

Ich höre jedes einzelne Wort, das meine Freunde wechseln, allein es ist mir unmöglich, darauf zu reagieren. Wie paralysiert stehe ich vor der kleinen Bühne, auf der sich mit Ausnahme einiger Fusselknäuel schon seit einiger Zeit nichts mehr bewegt und starre mit weit aufgerissenen Augen an die Stelle, an der bis vor einer halben Stunde dieses schwarzhaarige Wesen aus einer anderen Dimension mit ihrer Stimme Emotionen in mir wachgerufen hat, die ich vorher nicht für möglich gehalten hatte.

„Du, das Konzert ist zu Ende.“ Ich spüre, wie mir einer meiner Freunde die Hände auf die Schultern legt und versucht, mich von der Bühne wegzudrehen. Wie ein Baum gegen den Sturm stemme ich mich mit aller Gewalt gegen diesen Versuch, mich aus meiner derzeitigen Position zu entfernen. Ich will für immer hier stehen bleiben, für immer diese unglaubliche Eruption aus Aggression, Tempo und Lautstärke spüren, die mich wie eine Flutwelle überrollt und in magische Gefilde mitgerissen hat.

„Kann es sein, dass er voll in Kerstin verschossen ist?“, höre ich Robert über meinen Zustand spekulieren.

„Kerstin?“, fragt Ole verwundert.

„Na, die Sängerin.“, erwidert Robert, so als müsste allen klar sein, dass dieses schwarzhaarige Energiebündel auf der Bühne nur Kerstin geheißen haben konnte.

„Die mit der Lederjacke?“, vergewissert sich Olaf, der gerade offenbar etwas schwer von Begriff ist. Wer könnte es ihm verdenken, nach diesem Erlebnis.

„Hast du noch eine andere Sängerin gesehen?“, fragt Robert genervt.

„Nee.“, muss Olaf eingestehen.

„Los, wir müssen hier raus!“, mischt sich Sirko in die Diskussion ein. „Die Ordner räumen schon die Stühle vor.

„Und wie kriegen wir Tilo zum Auto?“, fragt Olaf mit leicht weinerlichem Unterton.

„Zur Not müssen wir ihn eben tragen.“, unkt Robert und packt mich am Arm. Ich spüre einen Stoß in den Rücken und ein zweites Paar Hände, dass meinen anderen Arm umkrallt. Gegen eine solche Übermacht bin ich chancenlos, deshalb lasse ich mich nach einem kurzen Gerangel anstandslos von meinen Freunden abführen. Auch, als wir schon vor der Tür stehen, dröhnt das wuchtige „Run for your live“ immer noch in meinem Kopf nach. Ich spüre genau, dass mein Leben eine neue Wendung genommen hat. Ein einziges Konzert hat ausgereicht. Ich bin infiziert, unheilbar verliebt in diese Musik und es wird für mich kein Entkommen geben. Ich spüre alle Anzeichen einer Sucht, wie sie uns im Staatsbürgerkundeunterricht erläutert wurden, als es um die Drogensüchtigen am Westberliner Bahnhof Zoo ging. Ich muss diese Musik wieder hören, ich will dieses Vibrieren im Magen wieder spüren und ich will meinen Kopf schütteln, hin und her, hin und her.

„Scheiße, war das geil!“

Lauter Jubel, der die Musik aus dem Kassettenrekorder auf Sirkos Schoß übertönt, schallt als Antwort auf meinen Ausbruch durch den Trabi. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die anderen vor allem feiern, dass ich nach über einer Stunde überhaupt wieder einen Ton von mir gegeben habe, oder ob sie mir in meiner Analyse des Konzerts recht geben.

„Warum haben wir vorher noch nie etwas von Blitzz gehört?“, wundert sich Olaf neben mir.

„Weil ihr euch nie drum geschert habt.“, lautet Roberts lakonische Antwort.

Wir rollen gemütlich über die spärlich befahrene Autobahn zurück nach Karl-Marx-Stadt. Da es dunkel ist, können wir außerhalb der Lichtkugel, die der Scheinwerfer auf die Platten vor uns wirft, nichts erkennen. So sind das Dröhnen des Motors, das monotone Poltern der Räder und der Lärm aus dem mira unsere einzigen Begleiter.

„Warum sind wir eigentlich so zeitig losgefahren?“, greift Sirko eine Frage auf, die wir Robert schon seit Tagen gestellt haben und die auch mich die ewig langen Stunden in Gera umgetrieben hat. Mag sein, dass man in diesem Kaff toll wohnen kann, aber für einen Besucher, der früh um sechs Uhr ankommt und auf ein Konzert wartet, das erst am Abend beginnt, ist es die Hölle. Zu behaupten, dass dort absolut nichts los ist, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Wegen der Überwachung.“, knurrt Robert und fixiert weiter mit starrem Blick die Autobahn vor sich.

„Überwachung?“, hakt Olaf nach.

„Klar.“, gibt Robert seinen Versuch, das Thema auszusitzen, genervt auf. „Heavy Metal ist keine von den staatlichen Kulturorganen anerkannte Kunstform. Deshalb werden Besucher der Konzerte überwacht. Und das betrifft auch die Anreisewege. Darum sind wir schon nach Gera gefahren, als noch keiner damit rechnen konnte.“

„Aber auf dem Konzert hat man uns doch trotzdem überwacht?“, vergewissert sich Sirko verwirrt.

„Klar, aber da konnten sie nicht nachvollziehen, wo wir herkommen. Weil sie uns bei der Anreise ja noch nicht registriert hatten.“, kontert Robert lachend.

„Und bei der Abreise?“, führe ich Sirkos Gedankengang besorgt weiter.

Robert zuckt ergeben die Schultern. „Sie können ja nicht alle Konzertbesucher überwachen. Wenn wir Glück hatten, sind wir in der Menge, die das Clubhaus verlassen hat, nicht weiter aufgefallen.“

„Drei Leute, die einen vierten durch die Gegend tragen?“, gibt Olaf zu bedenken.

„Das war in der Tat bescheuert, Tilo.“, räumt Robert eine Schwachstelle in seinem Plan ein. „Naja, egal. Irgendwann hätten sie uns sowieso auf dem Radar gehabt.“

„Auf dem Radar?“, japst Olaf. „Weil wir auf einem Konzert waren?“

„Genau.“, bestätigt Robert erstaunlich gelassen seine Befürchtungen. „Aber das war nicht irgendein Konzert.“ Er nimmt eine Hand vom Lenkrad und hebt den Zeigefinger. „Das war ein Blitzz-Konzert.“

Sirkos „Jaaaaa?“ hängt eine Zeitlang in der Luft, bis sich Robert zu einer Erklärung bemüßigt fühlt.

„Sie sind die Speerspitze des Metal in der DDR. Die haben sogar schon in Berlin in der Seelenbinderhalle gespielt.“

Jetzt bin ich doch beeindruckt. Nicht, dass ich jemals in Berlin gewesen wäre oder mir eine klare Vorstellungen von den Ausmaßen der Seelenbinderhalle machen könnte, doch allein der Name klingt ergreifend.

„Wo hast du eigentlich die Mukke her?“, fragt Sirko und klopft auf den Kassettenrekorder, aus dem mir unbekannte Lieder dröhnen, die ähnlich wie die klingen, die auf dem Konzert gespielt wurden.

„Tapetrading.“, wirft Robert einen weiteren mir unbekannten Fachbegriff in den Innenraum des Trabant.

„Aha!“, entfährt es Olaf bewusst tonlos.

Robert seufzt ergeben. „Du hast eine Kassette mit Metal-Musik. Die überspielst du ein paarmal auf leere Kassetten und nimmst sie mit zu einem Treffpunkt, zu dem andere Leute Kassetten mit anderer Musik mitbringen. Dann tauschst du die Kassetten und hast neue Musik.“

„Das heißt, du musst eigentlich nur eine Kassette haben, auf der etwas neues drauf ist, und dann kannst du dir eine ganze Sammlung durch Tauschen aufbauen?“, bohrt Sirko, unser Superhirn, nach.

„So in etwa.“, stimmt ihm Robert zu. „Aber besonders begehrt sind natürlich immer die neuesten LPs aus dem Westen.“

„Ich will so was auch.“, rufe ich.

Sirko und Olaf drehen sich zu mir um und schauen mich verwundert an, doch Robert grunzt nur zustimmend. „War mir klar. So ein Konzert ist wie eine Droge.“

„Keine Ahnung.“, muss ich meine Unkenntnis auf diesem Gebiet einräumen. „Aber es war so geil.“

„Machst du sowas öfter?“, will Olaf von Robert wissen.

„Bisher ging es ja nur, wenn mich jemand mitgenommen hat oder ich mit der Schwalbe hingekommen bin. Aber jetzt,“ er klopft liebevoll auf das Armaturenbrett seines Trabant, „bin ich ja beweglich.“

„Dann kannst du das jetzt jedes Wochenende haben?“, hake ich, vom Konzertfieber gepackt, nach.

„Klar!“, bestätigt er mit einem wohligen Schnurren in der Stimme.

„Ich will das auch!“, wiederhole ich meinen Gefühlsausbruch. „Ich will das öfter! Ständig! Immer!“

Ich kann Roberts Grinsen im Spiegel sehen.

„Kannst du haben. Vielleicht nicht immer, aber ich mache dir eine Kassette zurecht.“

„Und die Konzerte?“, fragt Olaf, der durch mein Interesse angefeuert zu sein scheint.

„Gibt es so oft es geht.“, verspricht Robert und biegt von der Autobahn ab.

„Und zwischendurch?“, frage ich.

„Hast du doch die Kassetten.“, ruft mir Sirko in Erinnerung.

„Wisst ihr was?“, fragt Olaf aufgeregt.

Wissen wir natürlich nicht, deshalb antworten wir ihm mit erwartungsfrohem Schweigen.

„Warum gründen wir nicht eine Band?“

Wir schweigen immer noch, diesmal aber eher nachdenklich.

„Kann überhaupt jemand ein Instrument?“, erwidert Robert skeptisch.

„Tilo kann Gitarre.“, ruft ihm Olaf in Erinnerung. „Und Sirko auch ein bisschen. Naja, und ich hab doch im Fanfarenzug mal getrommelt.“, fügt er etwas kleinlaut hinzu. „Das krieg ich bestimmt hin.“

Wider Erwarten ist Robert, der sonst bei unseren Vorschlägen immer ein Haar in der Suppe findet, einverstanden. „Gut, dann lerne ich eben Bass spielen. Kann ja nicht so schwer sein.“

„Du kannst übrigens die Leipziger Straße durchfahren und dann rüber ins Heckertgebiet.“, unterbreche ich unsere Zukunftsplanung für einen kurzen Verkehrshinweis.

„Wo willst du denn hin?“, fragt Robert verwundert.

„Wir sind heute umgezogen.“, tue ich ein Geheimnis kund, von dem ich auch erst vor ein paar Tagen erfahren habe.

„Ihr seid umgezogen und du warst nicht dabei?“, fasst Olaf die Situation zusammen. „Das ist stark.“

„Wohin?“, will Sirko wissen.

„Baugebiet 8.“, gebe ich eine nähere Lagebeschreibung.

„Das alte Dreckloch.“, kommentiert Robert fachmännisch.

„Sag mal, wechselst du dann die Schule?“, fragt Sirko besorgt.

„Ach Quatsch!“, gebe ich mich locker, obwohl diese Sorge mich auch umtreibt, seit ich von dem Umzug ans andere Ende der Stadt erfahren habe. „Nicht in der zehnten Klasse.“

„Bevor die im Schulamt mitbekommen haben, dass ihr umgezogen seid, ist sowieso Winter. Da brauchst du dir keine Sorgen machen.“, versucht Olaf, uns zu beruhigen. Er muss es wissen. Sein Vater arbeitet bei der Stadtverwaltung.

September 1988

I wanna be somebody – W.A.S.P.

„Tilo!“ Wenn das Hämmern an meiner Tür mich nicht ohnehin schon wach gemacht hätte, die durchdringende Stimme meiner Mutter hätte es sogar geschafft, mich aus dem Reich der Toten zurück auf die Erde zu befördern. „Steh endlich auf! Du kommst zu spät zur Schule.“

„Jahaaa!“, rufe ich zurück und schäle mich aus dem Bett. Verdammt müde schaue ich auf den Wecker, der auf einem kleinen selbstgezimmerten Regal über dem Kopfende steht. Dreiviertel fünf, eindeutig zu früh, um schon irgendwelche klaren Gedanken zu fassen.

Schnell bin ich in die Jeans und das T-Shirt geschlüpft, dann schlurfe ich den Gang Richtung Küche entlang.

„Na, du Penner!“, werde ich von meinem kleinen Bruder empfangen. „Willst du so in die Schule gehen?“ Er grinst mich schelmisch an und deutet mit dem Messer auf meinen Oberkörper.

Verschlafen schaue ich an mir herunter, kann aber keinen Makel an meiner Aufmachung erkennen.

„Erster Schultag. Appell. FDJ-Hemd.“, hilft er mir auf die Sprünge. Erst da sehe ich, dass er sich die leuchtend blaue Uniform bereits übergeworfen hat.

„Sven, jetzt lass deinen Bruder doch erst einmal frühstücken!“, mischt sich meine Mutter in unser Gespräch ein, bevor es zu einem Streit ausarten kann – so, wie sie es bereits seit 14 Jahren jeden Morgen tut. „So kann er sich wenigstens nicht vollkleckern.“ Mit einem zufriedenen Lächeln tätschelt sie mir die Wange. Als wäre ich ein Kindergartenkind, geht es mir durch den Kopf, aber ich sage wohlweislich nichts.

„Ist vielleicht auch besser so.“, blödelt Sven mich an.

„Halt's Maul!“, gehe ich ihn an. „Nur weil du jetzt 14 und in der FDJ bist, musst du keine große Lippe riskieren.“

„Tilo! Wie redest du denn?“, echauffiert sich meine Mutter.

„Morgen allerseits!“ Mein Vater trudelt in die Küche. Mit Genugtuung stelle ich fest, dass er mindestens so unausgeschlafen zu sein scheint wie ich. „Na, alle gut geschlafen?“, fragt er in die Runde, ohne eine Antwort abzuwarten. Er schmiert sich das obligatorische Marmeladenschwarzbrot und schaut versonnen zum Fenster hinaus.

Meine Mutter stellt sich neben ihn und folgt seiner Blickrichtung. „Es ist wirklich ein Glück, dass wir diese Wohnung gefunden haben.“, seufzt sie. Mein Vater legt einen Arm um ihre Hüfte und drückt sie an sich.

Sven und ich gucken aus dem Fenster auf die dreckig grau-braune Fassade des gegenüberliegenden Neubaublocks. Der größtenteils betonierte Zwischenraum zwischen beiden Gebäuden nennt sich Straße, Bäume und anderes Grün sind nur sporadisch an strategisch wichtigen Punkten platziert worden. Sie sollen wohl für ein angenehmes Wohnklima im Baugebiet sorgen, ohne dabei allzu große Kosten zu verursachen.

„Ich find's doof.“, beschwert sich Sven. „Warum konnten wir denn nicht in der Luisenstraße bleiben?“

„Weil das Haus baufällig war, wie alle Altbauten hier.“, knurrt unser Vater.

Meine Mutter wirft einen ängstlichen Blick zur Decke. „Reinhart, nicht so laut!“, flüstert sie aufgeregt.

„Ist doch wahr. Hier tropft es wenigstens nicht von der Decke, wenn es mal regnet.“, brummt mein Vater missmutig. „Außerdem müssen wir keine Kohlen mehr schleppen, es gibt eine Badewanne und das Klo liegt auch nicht eine halbe Treppe tiefer.“, zählt er uns weitere Vorteile unserer modernen 4-Zimmer-Plattenbauwohnung auf.

„Und ihr habt endlich jeder ein eigenes Zimmer.“, flötet meine Mutter.

„Da hat sie recht.“, muss ich ihr zugestehen und grinse Sven schief an.

„Trotzdem!“, beharrt er auf seiner Ablehnung. „Wie sollen wir denn jetzt zur Schule kommen?“

„Gehst du denn nicht hier auf die neue Schule?“, frage ich verwundert nach.

„Ach, dazu hatten wir noch keine Zeit. Das mit der Wohnung ging ja von jetzt auf gleich. Das haben wir sowieso nur eurer Mutter zu verdanken. Die hat beim Rat des Bezirkes ein paar Beziehungen spielen lassen.“, brummelt mein Vater weiter vor sich hin.

„Wenn ich schon dort arbeite, kann ich mich ja auch mal für meine Familie einsetzen.“, trällert meine Mutter fröhlich vor sich hin. Ihre gute Laune ist mir irgendwie suspekt.

„Ich will gar nicht wissen, mit wem eure Mutter ins Bett steigen musste, um das hier möglich zu machen.“, ruft mein Vater plötzlich gut gelaunt. Er klopft sich auf die Schenkel und muss so laut über seinen eigenen Witz lachen, dass er gar nicht mitbekommt, wie Sven und ich peinlich berührt an die Decke starren und vor Scham krebsrot im Gesicht werden.

Meine Mutter verschluckt sich am Kaffee und hustet nun gegen Vaters Lachanfall an.

„Tilo wird das letzte Jahr sowieso noch auf der alten Schule bleiben.“, wechselt sie glücklicherweise das Thema, als sie wieder bei Atem ist. „Und so lange, bis wir dich umgemeldet haben,“, wendet sie sich an Sven, „fahrt ihr erstmal zusammen zur Schule.“

„Ich brauch doch keinen Aufpasser!“, stöhnt mein kleiner Bruder genervt.

„Nein, aber einen Chauffeur.“, witzelt mein Vater.

Jetzt ist es an mir, genervt zu sein. „Chauffeur? Soll ich eine Straßenbahn kapern, oder was?“

„Wäre mir das eher eingefallen, hätten wir eine Menge Geld sparen können, Ingrid.“, ruft mein Vater und schlägt sich theatralisch mit der Hand vor die Stirn.

„Los, jetzt gib's ihm schon! Die beiden müssen los.“, raunt Mutter ihm aufgekratzt zu.

Umständlich kramt unser Vater in der Hosentasche, dann zieht er einen Bund mit zwei kleinen Schlüsseln hervor. „Da haben wir sie ja.“ Mit feierlicher Miene reicht er die Schlüssel über den Tisch zu mir herüber. „Da, die sind für dich!“, sagt er und beißt wieder in sein Brot, so als sei damit alles gesagt.

Verdattert glotze ich Sven an, der aber nur blöd zurückguckt. Die Schlüssel in meiner Hand gehören eindeutig zu einer Simson, nur was ich damit soll, ist mir noch nicht klar. Hilfesuchend wende ich mich an unsere Mutter.

„Euer Vater hat eine alte Simson aufgetrieben und mit Onkel Udo wieder flott gemacht.“, erklärt  Mutter uns mit leuchtenden Augen. „Sie steht draußen vor der Tür.“

„Wann hast du sie denn hergebracht?“, fragt Sven aufgeregt, während ich ans Fenster stürze, um nach unten zu lugen.

„Ihr seid schon ein paar Tage dran vorbeigelaufen.“, kichert mein Vater.

Da fällt mir die blaue Simson ein, die seit voriger Woche neben dem Hauseingang parkt und der ich schon so manchen sehnsüchtigen Blick zugeworfen habe.

„Hat nur drei Gänge, aber surrt wie ein Kätzchen.“, gibt sich mein Vater selbstgefällig.

„Komm!“, rufe ich meinem Bruder zu und stürze in den Flur. Sven folgt mir auf dem Fuß.

„Jungs! Wollt ihr nicht erst aufessen?“, tönt die Stimme unserer Mutter hinter uns.

Nein, wollen wir nicht. Wir schlüpfen in die Schuhe, schnappen unsere Lederranzen und sind schon fast zur Tür hinaus, als wir zurückgepfiffen werden. „Willst du dich nicht wenigstens bedanken, Tilo?“, kreischt es in meinen Ohren.

Betreten sehe ich ein, dass das wohl angebracht ist, und laufe noch einmal in die Küche. „Danke!“, brülle ich gehorsam und mache auf dem Absatz kehrt. Bereits auf der Treppe müssen wir noch einmal umkehren. „Die Helme!“, schallt es durchs ganze Haus.

Dann haben wir endlich alles beisammen und stürmen auf unser neues Beförderungsmittel zu.

„Die anderen werden Augen machen, wenn wir damit vorfahren.“, freut sich Sven.

Ich nicke nur würdevoll und betätige den Kickstarter.

Die anderen machen tatsächlich Augen, als wir an der Polytechnischen Oberschule Fritz Matschke vorfahren. Schade nur, dass uns ein anderer die Show gestohlen hat. Eine große Traube aus Schülern aller Jahrgänge hat sich um jemanden versammelt, der gerade selbstgefällig den Helm vom Kopf zieht und seine halblangen, dunkelblonden Haare theatralisch schüttelt. Klar, Falk wieder mal. Wir stellen die Simson neben das kleine Mäuerchen, das den Schulhof umgibt, und versuchen, einen verstohlenen Blick auf Falks Gefährt zu werfen, das alle bewundern.

„Eine ETZ 125.“, raunt Sven mir zu, als es ihm gelungen ist, das Objekt des allgemeinen Interesses zu entdecken. „Da kannst du mit deiner Simson nicht gegen anstinken.“, klärt er mich nüchtern auf.

Im Stillen bin ich sogar ein bisschen froh, dass niemand unsere Ankunft bemerkt zu haben scheint. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie peinlich es gewesen wäre, wenn wir fünf Minuten früher gekommen wären und uns für die Simson hätten feiern lassen, nur um dann mit ansehen zu müssen, wie der schöne Falk alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich kann mir sein hämisches Grinsen, das ich geerntet hätte, bildlich vorstellen.

Schnell drehe ich mich weg. „Blöder Angeber.“, brumme ich und schleiche mich von dannen. Mit Falk habe ich noch mehrere Rechnungen offen und die müssen nicht gleich am ersten Schultag erweitert werden. Wobei – Rechnungen klingt irgendwie doch zu abgeklärt. Eigentlich war es immer so, dass er ständig obenauf war und ich mit eingezogenem Schwanz den Platz verlassen habe, wenn wir uns in die Quere gekommen sind. Und nach seinem neuesten Coup sieht es so aus, als würde sich daran auch dieses Schuljahr nichts ändern.

„Was ist denn das für ein Aufruhr?“, höre ich eine Frauenstimme in dem Versuch, das aufgeregte Geschnatter der Schüler zu übertönen, kreischen.

„Frau Sauer wie sie leibt und lebt.“, kommentiert Sirko, der mir unbemerkt gefolgt sein musste, in meinem Rücken.

„Alle auf den Schulhof, wenn ich bitten darf! Die Straße ist für den Verkehr da, ihr habt hier nichts zu suchen!“

Verstohlen blicke ich zurück zu der Traube um Falks Motorrad, die sich schlagartig auflöst und ihn mit seinem Helm unterm Arm allein zurücklässt. Er wirkt leicht verloren in diesem Moment. Irgendwie gönne ich ihm diese Niederlage, auch wenn Frau Sauers Begründung völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Weit und breit ist kein Auto zu sehen und mit Ausnahme von zwei oder drei Mitgliedern des Lehrkörpers werden in der nächsten Stunde auch kaum Leute ihre Pappkisten hier entlang steuern.

Wir betreten den Schulhof und augenblicklich bleibe ich wie angewurzelt stehen, so dass Sirko keine Chance mehr zum Ausweichen hat und mir voll in den Rücken rennt. Ich habe kein Ohr für seine Flüche, keine Augen für die an mir vorbeidrängenden Siebtklässler und kein Gefühl mehr für Raum und Zeit. Wie vom Donner gerührt stehe ich einfach nur da und starre sie an. Jana Gebauer, Parallelklässlerin, also wie wir im 10. Jahrgang, Schwarm aller Jungen und seit drei Jahren das Objekt meiner jugendlich leidenschaftlichen Begierde. Ihre blauen Augen schweifen königinnengleich über die sie umwogende Menge, die roten, gelockten Haare fallen elegant über ihre Schultern und bilden einen perfekten Kontrast zu der blauen Bluse, die sie eng über ihre bereits gut ausgebildeten Brüste geknöpft hat. Es gibt das Gerücht, dass sie die FDJ-Bluse extra enger genäht habe, um ihre Oberweite besser zur Geltung kommen zu lassen, aber das ist mir völlig egal.

„Herrje.“, entfährt es Sirko bei Janas Anblick. Er ist einer der wenigen, denen ich meine Schwärmerei gebeichtet habe.

„Sie ist über die Ferien noch schöner geworden.“, stammle ich verzückt.

„Mach den Mund wieder zu. Am Ende sabberst du noch dein Hemd voll.“, blödelt mir Roberts Stimme ins Ohr und ich spüre, wie ein Zeigefinger sanft meinen Unterkiefer zurück in die Horizontale schiebt.

„Guck mal! Jetzt schaut sie hier rüber.“, flüstert Sirko und dreht sich schnell weg, um den Haupteingang zur Schule einer intensiven Musterung zu unterziehen.

„Ja, Mann. Sie hat eindeutig Interesse.“, gibt auch Robert seinen Senf dazu. „Jetzt geh doch mal rüber und quatsch sie an!“

„So ein Blödsinn.“, tue ich sein Ansinnen mit einer energischen Handbewegung ab. Ich spüre, wie mir bei dem bloßen Gedanken, hinüberzugehen und Jana Gebauer ein unschuldiges Hallo entgegenzuhauchen, die Knie weich werden. Mir wird ganz flau im Magen. Ich glaube, ich muss gleich kotzen. „Bei der hab ich doch sowieso keine Chance.“, stelle ich nüchtern und erstaunlich rational fest. „Was will die denn mit einem wie mir?“

Wie um meine Aussage zu bestätigen, tritt in diesem Augenblick Falk in unser Blickfeld und bewegt sich, die Arme weit auseinander gerissen, zielsicher auf Jana zu. Küsschen rechts, Küsschen links, ein neckischen Lachen entschlüpft ihrer goldigen Kehle.

„Und was will sie mit einem Typ wie dem?“, regt sich Robert auf. Ich bin mir nicht sicher, ob seine Sorge mir im Speziellen oder der Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen gilt.

„Ja, keine Ahnung!“, antworte ich achselzuckend. „Irgendwas wird sie schon wollen.“

„Wenn du auch so eine Maschine hättest...“, hebt Sirko an und lässt den zweiten Teil der Aussage wie ein verhungerndes Tier in der Luft hängen.

„Hab ich aber nicht!“, knurre ich aus dem Mundwinkel.

Inzwischen hat sich Falk von Jana gelöst und flaniert über den Schulhof wie der Staatsratsvorsitzende durch einen seiner volkseigenen Betriebe. Wie zufällig führt ihn sein Weg durch die Schülerschar immer weiter in unsere Richtung. Obwohl ich vorgewarnt sein sollte, bin ich ehrlich erschrocken, als er plötzlich nach links schwenkt und mir seinen Ellbogen im Vorbeigehen voll in den Bauch rammt. „Pass doch auf, Reichel, du alter Trottel!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht  reibt er sich den Ellbogen und baut sich drohend vor mir auf.

Eine Schar Acht- und Neuntklässlerinnen, die ihrem angebeteten Idol auffällig unauffällig gefolgt sind, wirft mir giftige Blicke zu. Es wirkt wirklich gruselig. Ich frage mich, ob sie das jeden Abend vor dem Spiegel üben.

„Pass doch selber auf, du eingebildeter Affe!“, geht ihn Robert an.

„Lass gut sein!“, versuche ich ihn zu beschwichtigen.

„Lass gut sein?“, schreit Robert, so dass es der ganze Schulhof hören kann. „Von so jungem Gemüse lasse ich mich doch nicht dumm anmachen!“

„Ach ja, der Sitzenbleiber muss das Muttisöhnchen beschützen.“, macht sich Falk über uns lustig.

Die dummen Hühner in seinem Gefolge kichern albern um die Wette.

„Du machst dich besser ganz dünn, wenn ich komme!“, warnt Falk mich laut genug, dass die Umstehenden ihn verstehen können. „Dieser Schulhof ist nicht groß genug für uns beide.“

Er hebt seine Augenbraue, zwinkert Sirko verschmitzt zu und befühlt im nächsten Augenblick mit schmerzerfülltem Gesicht seinen Ellbogen. Noch einmal treffen mich tausende vernichtende Blicke aus den Augen der Mädchen, dann zieht die ganze Schar ins Schulhaus ab.

Auch wir folgen den blau- und weißbehemdeten Jungen und Mädchen in das Schulhaus, um zu unserer Klasse zu gelangen.

„Noch ein ganzes Jahr halte ich diesen Lackaffen nicht aus.“, stöhne ich.

„Sitzenbleiber!“, brummt Robert missmutig. „Das war in der zweiten Klasse. Und nur, weil ich lange krank war.“, beschwert er sich bei uns. „Und was kann ich denn dafür, dass ich erst ein Jahr später eingeschult wurde?“

„Nichts.“, beschwichtigt ihn Sirko. „Aber du weißt doch, wie er ist. Immer die große Fresse mit seinem aalglatten Gesicht und den im Wind wehenden Haaren.“ Geckenhaft schüttelt er in einer perfekten Nachahmung unseres Schulschönlings den Kopf.

„Und die blöden Weiber hecheln ihm alle nach. Als ob ich ihm mit meinem Bauch den Ellbogen brechen könnte.“, meckere ich mit.

„Stahlharter Waschbrettbauch, was?“, witzelt Robert.

„Na, hecken die Herren schon wieder Flausen aus?“, unterbricht uns die Stimme von Barbara Kästner in unserem Rücken.

„Wir doch nicht, Frau Pionierleiterin.“, entfährt es Sirko wie aus der Pistole geschossen. Sein Tonfall ist für meinen Geschmack etwas zu kriecherisch, aber Frau Kästner scheint er zu gefallen.

„Sie meinte ich doch auch nicht, Sirko.“, flötet sie ihm zu. „Bei Ihnen bin ich mir sicher, dass Sie eine ausgezeichnete Laufbahn im Dienste unseres sozialistischen Vaterlandes vor sich haben.“ Dann wendet sie ihre stechend blauen Augen Robert und mir zu. „Bei Euch beiden bin ich mir da nicht so sicher. Denkt daran, ihr seid auf Bewährung, alle beide. Keine weiteren Fehltritte!“ Sie droht uns unter Einsatz einer ernsten Mimik mit dem Zeigefinger und lässt uns dann verdattert stehen.

„Na, das fängt ja gut an!“, murmle ich.

Roberts Antwort wird von der Klingel übertönt, die jetzt durch das Schulhaus schallt. Wir spurten um die Wette, um möglichst noch vor unserer Lehrerin im Klassenraum zu sein.

Die besten Plätze sind schon weg. Der Schnösel Falk und Frau Kästner haben uns lange genug aufgehalten, so dass wir nun in der vorderen Bankreihe Platz nehmen müssen. Ich fange einen hämischen Blick von Alex auf, mit dem ich mir sonst immer ein Wettrennen um den Sitz ganz hinten am Fenster geliefert habe. Genüsslich lümmelt er mit dem Ellenbogen auf der Heizung herum und genießt seinen glanzlosen Sieg.

Ich drehe mich lieber nach vorn und nehme, flankiert von Robert und Sirko, direkt vor dem Lehrerpult platz. Eigentlich hat dieser Platz ja sogar etwas Gutes. So nahe bin ich Fräulein Schönemann noch nie gekommen. Sie ist einer der wenigen Gründe, warum sich das frühe Aufstehen an den Schultagen überhaupt lohnt. Keine Ahnung, ob sie eine gute Lehrerin ist und Deutsch und Staatsbürgerkunde interessieren mich eigentlich auch nicht besonders, aber ihre Ausstrahlung, die goldenen Locken, das freundliche Lächeln und, nicht ganz unwesentlich, ihr üppiger Vorbau lassen mich schon seit zwei Jahren regelmäßig während des Unterrichts in andere Sphären entschwärmen. Ich prüfe noch einmal unauffällig den Sitz meiner Klamotten. Alles tadellos.

Die Tür öffnet sich und alle springen eifrig auf. Es ist unser letztes Schuljahr an der POS und wer bisher nicht gelernt hat, dass ein erster guter Eindruck für die Zensurenvergabe maßgeblich sein kann, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Die erwartungsfrohe Haltung der Klasse wird jäh gedämpft, als sich ein zotteliger blonder Haarschopf gut einen halben Meter über Fräulein Schönemanns Normalhöhe durch die Tür schiebt. Olaf ist wie fast immer zu spät und grinst verlegen in die Runde. Als er bemerkt, dass noch keine Lehrkraft anwesend ist, entspannt sich seine Körperhaltung schlagartig und er schlendert schlacksig zu uns herüber.