Hebammen-Report - Heinz G. Schmidt - E-Book

Hebammen-Report E-Book

Heinz G. Schmidt

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Beschreibung

Jahrhunderte, bevor Ärzte die Herrschaft in den Kreißsälen übernahmen, haben Wehemütter und weise Frauen Gebärenden geholfen, die Leibesfrucht ans Licht zu ziehen; oft mit roher Gewalt, weil die sectio caesarae — der Kaiserschnitt — noch nicht bekannt war. Justine Siegemund (1738 bis 1798), die churbrandenburgische Hofwehemutter, ist eine der in diesem Buch vorgestellten tatkräftigen Damen, die den Berufsstand der Hebammen begründet und weiterbefördert haben. In von ihnen verfassten Lehrbüchern, in von Romanciers geschilderten Entbindungsgeschichten, in Geburtsberichten vergangener und jüngster Zeit hat der Autor Heinz G. Schmidt, dreißig Jahre Hebammen-Ehemann, recherchiert und spannende Erlebnisse aufgespürt. Die Geschichte der Geburtszange, die Erfindung der Operationshandschuhe, die psychoprophylaktische Ausschaltung des Geburtsschmerzes und die Einrichtung der Frauenmilchsammelstellen in Deutschland sind nur einige der Gegebenheiten, die der Texter in flüssig geschriebenem Reportagestil darstellt. Für Aufregung wird der Bericht über die letzten Tage der alten Charité-Frauenklinik sorgen. Ein ständig berauschter Medizinalrat hat mit der Geburtszange Kopf und Kragen riskiert. Allerdings nicht seinen ...

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Heinz G. Schmidt

Imprint

Hebammen-Report

Heinz G. Schmidt

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2013 Heinz G. Schmidt

ISBN 978-3-8442-5057-2

Titelgestaltung: Erik Kinting

Inhaltsverzeichnis

Imprint

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog: Du, ich kann nicht kommen

Der gedoppelte Handgriff der Siegemundin

Wehemütter in der Frauen Rosengarten

Die Hebammen von Frankreich

Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären

Von Niederkünften und Einkünften

Olga Gebauer — Ein Leben für die Hebammen

Im Kreißsaal an der Spree

Zwei Maulschellen für die Desinfektion

Tagebuchträume und Tagestaten

Ein Verein formt einen Stand

Semmelweis und die Sepsis

Vorschläge mit Verneigung

Mit Wasser, Seife und Karbol

Plaudereien

Ein Volk, ein Reich, eine Hebammenschaft

Erbhygiene, Rassenschande und biologischer Hochverrat

Entbindungen unter dem Hakenkreuz

Staatsaktion Massenmord

Zeugungshelfer Schutzstaffel blieb erfolglos

Nanna Conti — Erste Hebamme im Nationalsozialismus

Die Sache mit dem Gummi-Fehdehandschuh

Die Idee von Johann Georg Walbaum

Eine gelungene Wendung

Ehrenkreuz für völkischen Gebärwillen

Lebensnote: Prüfung ausgezeichnet bestanden

Diesem Rat können Schwangere trauen

Psychoprophylaxe und Verbalsuggestion

Ein Mensch wird geboren

Mutterwerden ohne Schmerz

Therapie: Freude auf das Kind

Fels in der Brandung

Mütter, spendet von eurem Überfluss

Stationen, die zum Leben führen

Guter Rat von Robert

Wo klopft das Herz bumm, bumm?

Der doppelte Dammschutz

Heißes Wasser für schwere Stunden

Die ‚Sturz’-Geburt

Der Vorführeffekt

Immer mit der Ruhe

Wie sieht eine Hebamme aus?

Das nächste Mal liege ich privat

Die Verwandlung

Das Ende einer Tradition

Hebamme universal

Epilog

Vorwort

Die Schwangerschaft, bei gesicherten sozialen Verhältnissen ein freudiges Ereignis, setzt unmittelbar nach ihrer Feststellung gesundheitliche und soziale Betreuungsmaßnahmen sowie die Menschen, die sie ausführen, in Bewegung. Neben Ärzten aller benötigten Fachrichtungen, Schwestern und Laborantinnen immer auch die Hebammen. Dieser Beruf, entstanden aus dem menschheitsalten Bemühen der Frauen, einander in ihrer schwersten Stunde beizustehen, hat manche Wandlung erfahren. Hin und wieder haben auch Hebammen, um ihren Berufskolleginnen ihre langjährigen Erfahrungen zu vermitteln, Lehrbücher geschrieben, in denen Entbindungsgeschichten die Verallgemeinerung erleichtern sollten.

Für dieses Buch wurden Berichte von und über Hebammen sowie geburtshilfliche Fachbücher vergangener Jahrhunderte recherchiert und die von Mutterwitz geprägten Geschichten einer Hebamme des vorigen Jahrhunderts aufgeschrieben.

Prolog: Du, ich kann nicht kommen

Immer wenn sich ihr Spätdienst dem Ende zuneigt, gegen 21 Uhr, beginne ich an das Telefon zu denken. Es steht draußen auf dem kleinen Wandregal neben der Essecke. Die haben wir uns in die Flurnische gebaut. Zu den Schichtwechselzeiten meiner Frau, an den Wochenenden, sitze ich dort, wie ein pawlowscher Hund und warte, dass es klingelt.

Meine bedingten Reflexe funktionieren. Mein Herzschlag setzt beim Ertönen der Telefonklingel einmal aus und wird dann kurzfristig schneller. Dann ist ihre Stimme da, meine Belohnung.

Ich kenne alle Nuancen dieser Stimme, die hell ist und herzlich, wenn alles okay ist, wenn es drin im Kreißsaal gleich losgeht, oder, wenn sie gerade ein Kind gekriegt hat. Am schönsten klingt ihre Stimme, wenn niemand in der Nähe des Telefons ist, voller Zuneigung, auch tröstend: "Na, nun komme ich ja bald; trinken wir dann noch was?" Sind die Kolleginnen oder ein Arzt im Zimmer oder draußen auf dem langen, meterhohen Flur der alten Frauenklinik, kann sie so reserviert klingen, dass mich eine ganz kleine Furcht ergreift. Völlig unnötig natürlich, denn wir lieben uns. Seit Mai 1957, da haben wir geheiratet. Jetzt ist November, Freitag, und sie hat Spätdienst. Es ist 21.05 Uhr. Gleich! Es klingelt …

Es ist wie immer: der kleine Herzstillstand und die anschließende Beschleunigung. Da ist ihre Stimme: "Hallo Heinzel!" Das bin ich, beziehungsweise mein Diminutiv, gewissermaßen der halbe Heinzelmann.

Wer uns kennt, akzeptiert die kleine Marotte lächelnd. Wir haben uns noch nie mit Vati oder Mutti angeredet. Ich finde, dass das die Liebe tötet.

"Hallo, Heinzel", sagt sie mit dunkler, mich ernüchternder Stimme: "Uta kann nicht kommen, das Kind ist krank. Den Nachtdienst morgen übernimmt jemand anders, aber jetzt den Dienst muss ich noch machen. Ich rufe später noch mal an." — Später, gegen halb zwölf, wenn sie alleine ist. Dann klingt sie wieder besser.

Ich weiß, dass ich nach ihrer Stimme süchtig bin, wie ein Bundesbahn-Reisender, dem nach langem Warten auf winterlichem Bahnsteig endlich die Einfahrt des verspäteten Zuges verkündet wird.

Sie ist auch traurig, aber nicht so offensichtlich, wie ich. Sie ist stärker als ich. Sie weiß das und es gefällt ihr nicht.

Ich setze mich vor den Fernseher und beginne auf den Morgen zu warten.

Samstagmorgen. Um sechs hat sie Schluss. Wenn die Bahn gleich kommt, kann sie gegen sieben da sein.

‚Um Viertel vor gieße ich eine H-Milch in den Topf und fülle zwei braune, feuerfeste Schüsseln (aus Bulgarien) mit je drei Esslöffeln Haferflocken und einem Esslöffel Trinkfix. Sie sagt, dass sie danach besser einschläft.

Das Telefon klingelt. Eigentlich müsste die Türglocke gleich läuten. Es wird also wieder später werden. "Hallo", sagt sie, "ich bin´s." Die Stimme ist rabenschwarz. "Ich muss noch den Frühdienst dranhängen."

Mir fällt nichts ein. Sie mag auch keinen Trost und keine falschen Töne. Dinge, die sie tun muss, tut sie. Sie ist schließlich die leitende Hebamme. Wenn einer ausfällt, springt sie zuerst ein.

Wir werden erst wieder Samstagnachmittag zum Tee miteinander reden. Alle drei Schichten, nein — Dienste heißt es — werden vor meinem geistigen Auge aufgebaut. Ich kenne alle ihre Kolleginnen. Ich weiß, dass der Stellenplan nicht stimmt. Ich leide mit den Frühchen und mit den Frauen, die auf dem Schieber sitzen und bluten.

"Machst du dann was zum Mittag?"

"Ja", sage ich und komme mir schrecklich einsam vor. Ich habe schon viele solcher Wochenenden erlebt. Fast zu viele ...

Am nächsten Samstag, als ich wieder allein bin, gehe ich in die Berliner Stadtbibliothek. Im Lesesaal schlage ich das Hebammenlehrbuch der Justine Siegemund auf. Ich will meiner Frau künftig ein besserer Gesprächspartner sein.

Der gedoppelte Handgriff der Siegemundin

Im einundzwanzigsten Jahr ward ich von allen Wehmüttern für schwanger gehalten worden. In der mit mir ausgerechneten Schwangerschaftswoche sollte ich mich zur Geburt schicken. Ich kreißte bis in den dritten Tag, ohne erlöst zu werden.

Man holte eine Wehemutter nach der anderen, bis es ihrer viere waren. Alle waren einstimmig mit der ersten: Das Kind stünde recht.

Nachdem ich vierzehn Tage gequälet und auf der Marterbank gehalten worden war und mir eher die Seele ausgetrieben, als ein Kind abgebracht worden wäre, war der letzte Trost der Wehemütter: ich müsste mit dem Kind zusammen sterben.

In dieser äußersten Not ward von meinem Manne und meiner Mutter eines Soldaten Weib in das Dorf geholt worden. Sie urteilte, dass ich kein Kind hätte, wohl aber eine Verstopfung des Geblütes, aber auch eine große Mutterkrankheit und eine Senkung.

Darauf brachte mich ein Doctor Medicinae durch Gottes Hilfe und gute Mittel wieder zurecht.

„Diese Gefahr“, so resümierte Justine Siegemund (1636 bis 1705), die preußische und churbrandenburgische Hofwehemutter in ihrem 1690 erschienenen Unterricht von schweren und unrecht stehenden Geburten, „war die erste Stufe zu meinem Beruf, dass, wie ich mich wieder erholete, begierig war, in den Büchern und Abrissen die ich mir von dieser Materie schaffete, mich zu üben, um aus meinem Zustande zu lernen.“

Wenig später wird sie selbst zu einer armen Bäuerin gerufen, die schon den dritten Tag kreißt. Die bereits anwesende Wehemutter, sie ist gleichzeitig die Schwiegermutter der Kreißenden, weiß keinen Rat, weil das Händlein mit dem halben Arm außer dem Leib herausgedrungen ist. Die Siegemundin bestreicht Hand und Arm des Kindes mit warmem Bier und mit Butter, krümmt den Arm und schiebt Hand und Arm am Ellenbogen zurück. Was passiert da? Das Kindlein zog das Ärmchen an sich; durch dieses Rücken drückte sich der Kopf selber in die Geburt.

In ihrem Unterrichtsbuch unterweist die Siegemundin ihre fiktive Gesprächspartnerin denn auch: Damit ich dich aber zu Verstande bringen kann, wie die Händlein-Geburten, bald bey angehender Geburt, weil das Wasser noch steht, zu verhüten seyn, so musst du des Kindes Finger kneipen oder drucken, so zeucht es das Händlein von selbst zurücke.

Vom ersten Erfolg und von den Schwangeren ermutigt, die sie nun ständig zu Hilfe holen, beginnt sie als Wehemutter zu wirken und tut dies im Umkreis ihres Dorfes Ronnstock zwölf Jahre lang. Sie lernt dabei auch Anomalien der Lage des Kindes kennen und diese zu entwickeln, sie in eine gebärfähige Lage zu wenden.

Die Schwierigkeiten des Wendens bei gesprungener Fruchtblase erklärt Justine an einem Beispiel: Das Kind lieget in der Mutter (im Uterus) wie in einem nassen Tuche, dass dem Kind am Leibe anklebet. So denke doch: wenn ich ein naß Hemde anhätte und du solltest mich aus dem Hemde herausziehen. Aber: noch schwerer, wenn ich müsste darin umgekehret werden.

Eine Wende in ihrem eigenen Leben tritt ein, als sie, nach erfolgreichen Entbindungen von Pfarrersfrauen und Frauen des Landadels, vom Liegnitzer Magistrat als Wehemutter angefordert und angestellt wird. Auf Bitte eines Medico zu einer Frau gerufen, wird sie mit einem auch für sie neuen Fall konfrontiert und findet eine operative Lösung: Es war eine hohe Person, der ein Gewächs in der Mutter angewachsen, das schon anfieng zu faulen, und wo es nicht würde weggenommen, ihr der gewisse Tod drohte. Ich versuchte es mit einem Haaken zu fassen, in der Meynung, es allmählig herauszuziehen, fand es aber angewachsen. Sie lässt sich etwas anderes einfallen: Ich nahm ein weißes Band, machte daraus eine Schlinge und brachte diese vermittels meiner rechten Hand und Finger über dem Gewächse an. Wie es recht gefasset, zog ich die Schlinge mit der linken Hand zu und schnitt hernach durch eine lange Scheere das Gewächse so glücklich ab, dass diese hohe Person noch neun Jahre hernach lebte.

Um 1686 wird die Siegemundin von einer, in ihrem Buch als gewisse weibliche Person bezeichneten, schwangeren Hofdame nach Berlin zur Entbindung gerufen. Hier erfolgt kurze Zeit später ihre Anstellung als Königlich-Preußische und Churbrandenburgische Hofwehemutter. Am Hofe Friedrich III. wird am 15. August 1688 der spätere Friedrich Wilhelm I. geboren. Hat die Siegemundin diese Entbindung geleitet?

Es klingt fast wie eine Rechtfertigung, wenn sie erklärt, wie sie zum Schreiben kam. Sie hat die Wartezeit bis zur Niederkunft der Frauen jedes Mal damit ausgefüllt, ihre Gedanken und Anmerkungen über die schweren Fälle zu Papier zu bringen. Sie schrieb: Es nicht zu vergessen und bey anderen desto mehr davon zu reden, Berufskolleginnen ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Während der Entbindung einer Prinzessin von Nassau in Holland trifft sie mit Maria II., Gemahlin des englischen Königs Wilhelm III., zusammen und zeigt ihr die zu einem Manuskript angewachsenen Notizen. Die Majestät äußert hierüber ihr gnädigstes Gefallen und mahnt, das Manuskript fördersamst zum Drucke zu verfertigen.

Solcherart ermutigt, macht sich die Siegemundin ans Werk, reist von Holland nach Frankfurt an der Oder zur 1506 gegründeten Universität, um Vorhaben und Buch der Medicinischen Facultät hochverständiger Censur zu untergeben, die sich dann darzu auch willfährig erwisen und nach Durchlesung meines Buches mich zum Drucke ermahnten.

Ihr Gruß an die Frauen unsrer Zeit: Solchergestalt ist dieses Buch, das so lange, wie in einer Geburt gestecket, ans Licht gekommen, und soll, weil ich keine Kinder zur Welt gebohren, das seyn, was ich der Welt hinterlasse.

An den geneigten Leser, also an die Wehemütter, die an ihrem Wissen und an ihren praktischen Kenntnissen teilhaben sollten, richtet sie diese mahnenden Worte: Es ist nicht genug, dass eine Wehemutter sagen kann, sie habe viel schwere Geburten unter den Händen gehabt; besser ist es, wenn sie schwere Geburten zu verhüten weiß.

Wie notwendig solcher Unterricht und nachdrückliche Ermahnung sind, sagt sie an anderer Stelle: Da wird gewaget, mag es gleich Kopf- oder Armabreißen kosten. Es ist mir selbst begegnet, dass mir ein abgerissener Arm eines Kindes von der Wehemutter, zum Zeichen schwerhaltender Geburt, vorgezeigt ward und ich solches unbescheidene barbarische Verfahren mit harten Verweisen bestrafte.

Decanus, Senior, Doctores und Professores Ordinarii der Medicinischen Facultät der Churfürstlichen Brandenburgischen Universität zu Frankfurt an der Oder bescheinigen das vorliegende Buch gelesen und für gut befunden zu haben. Sie konstatieren ... viele gute und nützliche Dinge, geschickte Handgriffe und Wendungen, so vielen — ja leyder — den meisten Wehemüttern zum nicht geringen Nachtheile vieler gesegneter Frauen, bisher wenig bekannt, angegeben und nach dieser Erfahrung deutlich beschrieben seynd.

Einer dieser Handgriffe wird im Wörterbuch der Medizin von 1956 so beschrieben: Gedoppelter Handgriff der Siegemundin. 1690 von ihr angegebene Methode, schwierige Wendungen dadurch zu erleichtern, dass man zunächst einen erreichbaren Fuß anschlingt. Durch diesen genialen Kunstgriff hat man während der Wendung in jeder Situation die Möglichkeit, am Fuß zu ziehen, beziehungsweise am Fuß ziehen zu lassen.

Der Wunsch der Siegemundin, Wehemüttern einheitliches geburtshilfliches Wissen zu vermitteln, wird 61 Jahre nach der ersten Auflage ihres Lehrbuches verwirklicht: die Berliner Hebammenschule.

Diese so nothwendige Anstalt wurde im Jahre 1751 von dem höchstseligen König (Friedrich II.) gestiftet, berichtet Dr. Ludwig Formey, Königlicher Leibarzt und Oberstaabs-Medicus, 1796 in seinem Versuch einer medicinischen Topographie von Berlin. Und zum Anliegen der Anstalt: Die Direktion erhielt der berühmte Meckel. Seine Instruktion ging dahin, den angehenden Hebammen die Struktur der zur Empfängnis, Nahrung, Ausbildung und Geburt eines Kindes nothwendigen Theile an weiblichen Leichnamen zu zeigen ... , damit sie dadurch zu einer richtigen Erkenntnis derjenigen Zeichen gelangen möchten, wodurch man sich zu überzeugen weiß, ob eine Schwangerschaft vorhanden, eine frühzeitige Geburt zu befürchten, die Leibesfrucht todt, und die Stellung des Kindes natürlich sei, welche Handgriffe bei falschen Stellungen erforderlich, und was sonst zum Unterricht bei Entbindungen nothwendig sei. Zu Berlin wurde mit den Hebammen sogleich der Anfang gemacht, und aus den Provinzen müssen solche ebenfalls eine Zeitlang in dieser Anstalt gewesen sein.

Dr. Formey hat zwischen 1789 und 1794 in einer Statistik alle in der Berliner Charité behandelten Kranken sowie die Entbundenen erfaßt: Entbunden wurden in diesen sechs Jahren 870 Weiber welche gebahren 882 Kinder, nämlich 751 lebendige und 131 todte Kinder. Von den während dieser Jahre insgesamt betreuten 17.891 Patienten wurden 10.570 geheilt entlassen, ungeheilt 331; gestorben sind 2.615.

Die oben angestrebte Entwicklung muss erfolgreich verlaufen sein. 1825 kommt Professor Eduard Caspar Jacob von Siebold im zweiten Band seiner Geschichte der Geburtshülfe im Kapitel Das Hebammenwesen in Teutschland zu dem Schluss: In allen Staaten sind vortreffliche Hebammenschulen eingerichtet, an welchen nach zweckmäßigen, den Fortschritten der Geburtshülfe folgenden Lehrbüchern unterrichtet wird. Bei fast keiner Schule fehlen die Gebäranstalten, in welchen die praktische Anleitung gegeben wird. Die Früchte dieser Bestrebungen lassen sich überall erkennen: Stadt und Land sind mit wohlgebildeten Hebammen versehen, von welchen die Hilfsbedürftigen die beste, dem jetzigen Stand der Geburtshülfe angemessene Behandlung erwarten können. Mißbräuche und Vorurtheile, den Hebammen so lange anklebend, sind ausgerottet, und so wird auch von ihnen eine einfache wahrhaft heilbringende Geburtshülfe … ausgeübt.

Bis dahin ist es freilich ein weiter Weg.

Wehemütter in der Frauen Rosengarten

Leben, diese besondere Daseinsform der Materie, mit seinen charakteristischen Eigenschaften wie Stoffwechsel, Reizbarkeit, Bewegung, Fortpflanzung, Wachstum und Entwicklung kulminiert mit jedem Geburtsakt zum neun Monate lang angestrebten Erfolgserlebnis jeder Mutter. Auf dem Weg vom Primaten zum Homo sapiens, zunächst unwissend und nackt, inzwischen mehr oder weniger kultiviert und bekleidet, wird unser biologisches Sein gern vergessen. Erstgebärende und die, mit dem Anwachsen der Vaterentbindungen der Geburt beiwohnenden jungen Ehemänner, lassen oftmals verlauten, sich die Entbindung nicht so ursprünglich vorgestellt zu haben.

Osiander, ein bekannte Geburtshelfer des 18. Jahrhunderts in einem Rückblick: Die Gebärerinnen der ältesten Menschengeschlechter lehnten sich wahrscheinlich, wie noch jetzt die Frauen der sogenannten ‚Wilden’ in Amerika an den nächsten besten Baum, oder an einen Pfosten ihrer Hütte, wenn sie die Wehen ankamen, knieeten nieder oder setzten sich zur Erde, unbekümmert, ob ihnen ein Mensch zu Hülfe käme. Mit eignen Händen fingen sie das hervorgepresste Kind auf, zerbissen oder zerhackten die Nabelschnur, reinigten das Kind am nächsten Bach, hielten es an die Brust und warteten sein von Stund an gesund und munter.

Verfasser von Hebammen- und Geburtshilfelehrbüchern stimmen darin überein, dass die Geburtshilfe, als zunächst ausgesprochene Frauenangelegenheit, ihren Ursprung in der Familie hat. Frauen halfen einander, — die eine pressend, die andere ziehend, — das neue Leben ans Licht zu bringen. Und im Zeitraffer: Häufiges Tun produzierte Erfahrung, brachte ein medizinisches Hand-Werk hervor, das sich, ebenso wie die Chirurgie, etwa ab dem 18. Jahrhundert erst durch die Verbindung mit der Wissenschaft vervollkommnete.

Eine anspruchsvolle Geburtshilfe durch Hebammen wird Griechenland und Rom während der Antike bescheinigt. Der griechische Arzt Hippokrates beschrieb den Hebammen Kopf-, Quer-, Fuß- und Steißlagen; Moschion, ein Schüler von Soranus — beide bekannte römische Ärzte und Wissenschaftsautoren — lobte in seinem Hebammenlehrbuch die Sachkunde und Kunstfertigkeit der Hebammen bei der Behandlung ihrer Patientinnen.

Die Hebamme Phainarete, Gattin des Athener Bildhauers Sophroniskos und Mutter des Sokrates, muss den Heranwachsenden stark beeindruckt haben. Vom Philosophen Sokrates sollen die Worte herrühren, er übe die Kunst seines Vaters, indem er den Menschen Form zu geben suche, und er lasse sie wie seine Mutter Erkenntnisse gebären. Seine Methode, auf den Straßen Athens Menschen durch geschicktes Fragen zu eigenen philosophischen Gedanken anzuregen, nannte er selbst Maieutik oder Hebammenkunst.

Die in Lexika mit Untergang der antiken Kulturen apostrophierte gesellschaftliche Umwälzung, hier nur unzureichend gekennzeichnet durch drei Daten — den Sieg des Arminius im Jahre 9 über Varus, die Völkerwanderung und den Sturz des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustus durch den Westgoten Odoaker im Jahre 476, — verschüttet auch die geburtshilflichen Erkenntnisse für Jahrhunderte.

In Rom, wo die Christen unter den römischen Kaisern zehn Verfolgungen überstehen, ist das Christentum Staatsreligion geworden. Wer die verdienstvolle Armen- und Krankenpflege betreiben will, kann das in jener Zeit — die erste deutschsprachige Universität wird erst 1348 in Prag gegründet — nur im Mönchskittel tun. Wer beim Studium etwas entdeckt, das der offiziellen Lehre zuwiderläuft, den soll der Teufel holen. Nicht mit scharfer Klinge: Ecclesia non stit sanguinem — die Kirche vergießt kein Blut. Deshalb müssen die Ketzer spätestens auf dem Holzstoß für den wahren Glauben entflammen.

Einen Hunderttausende umfassenden Opfertod, angewiesen durch den Klerus, haben die Hebammen zu erdulden. So wie die Hebammen Elisabeth Fürst 1588 in Ellwangen und die Schottin Eufame Macalyne 1591, die als Hexen verurteilt und verbrannt worden waren.

Die etwa ab 1360 beginnenden Hexenverfolgungen gelten zuallererst den Hebammen. Ihr Wissen um die Geburtenkontrolle wird mit ihnen zusammen auf den Scheiterhaufen verbrannt. Mit den Schadenzaubern, für deren Ausübung sie den Feuertod erleiden müssen, sind in Wirklichkeit die Empfängnisverhütung und das Bewirken von Fehlgeburten gemeint. Die mit der Pest einhergehende Entvölkerung ganzer Landstriche in Europa soll mit vermehrter Menschenproduktion ausgeglichen werden. Der erstmals 1487 publizierte Hexenhammer des Autors Heinrich Kramer ist eine Art Gebrauchsanleitung zur Identifizierung von Hexen-Hebammen und ihres Schadenzaubers, der Verhütung und Abtreibung. Kraft des Deutungs- und Interpretationsmonopols hat der Hexenhammer die Hebammen als Hexen verteufelt und zur Einäscherung verurteilt.

Das Anklagen und anschließende Verbrennen der ‚weisen Frauen’ kennzeichnet die staatliche Bekämpfung der Geburtenkontrolle, schreiben die Autoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger in ihrem Standardwerk Die Vernichtung der weisen Frauen (14. Auflage 2005 / MÄRZ-Verlag). Heinrich Kramer, der Autor des Hexenhammer, war 1478 durch Papst Sixtus IV. zum Inquisitor der Gebiete Elsass, deutschsprachige Schweiz, Vorderösterreich, Bayern und Böhmen für die Ketzerverfolgung ernannt worden, so das Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung in historicum.net.

Bei solchem Strafmaß halten sich die meisten Betroffenen an religiöse Ge- und Verbote — auch die Ärzte und Hebammen. Jenen verbot die Kirche das Schneiden und Brennen, weil die Schuld am Tode eines Menschen nach Kirchenrecht die weitere Ausübung eines Priesteramtes verbot; den Wehemüttern hingegen gebot sie bei komplikatorischen Geburten — im damals dünn besiedelten Gebiet waren Arzt und Pfarrer weit — einen Not-Taufakt zu vollziehen, sobald auch nur der Kopf geboren und die Geburt nicht beendet werden konnte.

Später gestattet, besser gebietet man den Hebammen, das flugs geweihte Wasser der Leibesfrucht im engen Geburtskanal entgegenzuspritzen.

Zunächst aber, und vor allen Taufakten, betreiben die Hebammen jener Jahre die ihnen mit Eid und Ordnung aufgetragene Geburtshilfe. Der Hebammeneid, erstmals aufgezeichnet Anfang des 14. Jahrhundert in Koblenz, ist in verschiedenen Fassungen bis in die Mitte unseres Jahrhunderts jeder Hebamme nach ihrer Ausbildung abgefordert worden: Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass ich nach bestem Wissen und Vermögen die Hebammenkunst nach den Vorschriften des Lehrbuches und der diesem beigegebenen Dienstanweisung ausüben, Armen und Reichen mit gleicher Bereitwilligkeit helfen und mich überhaupt in jeder Beziehung so verhalten will, wie es einer treuen und gewissenhaften Hebamme geziehmet und wohlansteht. So wahr mir Gott helfe.

Da Gott — wie immer, wenn man ihn braucht — auch in Geburtsnöten durch Abwesenheit glänzt, werden die Hebammen den Ausgang ihrer so überaus nützlichen Entbindungsarbeit wohl stets der eigenen Erfahrung und Geschicklichkeit zu danken gehabt haben, wenn sie nur die Hinweise in Lehrbuch und Dienstanweisung recht ernst nahmen.

Nach den Beiträgen zur Geschichte des Hebammenstandes von Elseluise Haberling sind die mittelalterlichen Dienstanweisungen der städtischen Wehemütter ein Gemisch von Handwerkerordnungen und Ärzteverträgen. Die Vorschriften über die Berufsausbildung, die Ablegung der Prüfung, das Überwachen der Tätigkeit (durch Stadtphysikus und ehrenamtlich wirkende Obfrauen), das Eindämmen der Konkurrenz und die Ermahnung zu sittlichem Betragen haben sie mit den Zunftordnungen gemeinsam. Mit den ärztlichen Verträgen stimmen alle Hebammenordnungen darin überein, dass sie die Wehemütter verpflichten, Arm und Reich gleich treu zu dienen, und in dem Verbot, ohne Erlaubnis des Rates außerhalb der Stadt zu praktizieren.

Wie praktizieren die Hebammen des Mittelalters die Geburtshilfe? Die mittelalterliche Geburtsbetrachtung geht davon aus, dass die Geburt eine Handlung des Kindes ist. Nachdem es in neun Monaten fertig ausgebildet ist, wird es hungrig und sucht einen Ausgang. Um dem Kind bei seinen Anstrengungen zu helfen, lässt die Hebamme die Frau bei normalen Geburten stehend oder in Hockstellung niederkommen. Erst 1492 ist der Kauf eines Geburtsstuhles belegt. Im 1513 verlegten, ersten deutschen Geburtshilfebuch von Eucharius Rößlin, Der Frauen Rosengarten, ist ein solcher Stuhl abgebildet. Die Haberling beschreibt ihn: Es war ein niedriger Holzstuhl mit einer halbhohen Rückenlehne. Der Sitz war rund ausgeschnitten, sodass das Gesäß und die Schenkel der Frau darauf ruhten, die Geschlechtsteile aber frei blieben. An den Seiten waren kräftige Griffe angebracht, an denen sich die Gebärende während der Wehen festklammern konnte.

Die Hebamme saß auf einem Fußbänkchen oder einem Kissen vor der Wöchnerin. Sie salbte deren Leib und die eigenen Hände mit warmem Rosenöl ein und stellte durch innere und äußere Untersuchungen zuerst fest, in welcher Lage sich das Kind befand. Bei einer normalen Kopflage ließ sie das Kind ruhig kommen, achtete aber aufmerksam darauf, dass es sich nicht an einem Schambeinast ansetze. Dies suchte sie durch Handgriffe zu verhüten, indem sie den Kopf einleitete. Erkannte die Hebamme, dass die weichen Geburtsteile durch allzu straffe Muskulatur der Geburt Schwierigkeiten entgegensetzten, so musste sie die Spannung durch Dehnung überwinden.

Wenn sich die Plazenta nicht von selbst löste, erhielt die Frau zunächst ein Niesmittel, damit der durch das Niesen erzeugte Druck auf die Bauchmuskeln die Lösung einleiten möge. Genügte das nicht, gab die Hebamme der Frau Wehen treibende Mittel wie Raute, Salbei oder Crocos (Crocus sativus Safran — Herbstkrokus) ein. Hatten auch diese Mittel keinen Erfolg, so wurde versucht, die Plazenta manuell zu lösen. War bei der Geburt ein Dammriss entstanden, nähte ihn die Hebamme mit einem starken seidenen Faden.