Hecht in Himmerod - Albert Pütz - E-Book

Hecht in Himmerod E-Book

Albert Pütz

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Beschreibung

5. Oktober 1950: Ein Labyrinth wird vermessen. Guido Pagels kehrt zurück in die Abtei Himmerod, in der er gegen Kriegsende Sanitäter gewesen war. Er ist Maler, möchte das blaue Licht der Eifel einfangen, und findet das Planquadrat Himmerod hermetisch abgeriegelt vor. Horst Birtler und Gregor Kuckoff, zwei seiner früheren Bekannten, sind noch da und halten ihre Identität unter Kutten und Aliasnamen verborgen. Es treffen Gäste ein. Auch sie wollen nicht erkannt werden, die Waffen-SS führt Regie. Am folgenden Tag soll den Gästen Hecht serviert werden … Albert Pütz ist ein Meister der listigen Geheimniskrämerei. Sein kritischer Roman aus dem Jahr 1990 über die Geheimtagung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in der Abtei Himmerod zur Vorbereitung der Wiederbewaffnung Westdeutschlands nimmt historische Begebenheiten in der Eifel zum Anlass, eine imaginäre Topographie zu entwerfen: spannungsgeladen, surreal und verblüffend nah am Geschehen heutiger Zeiten, in denen eine Kriegsertüchtigung der Zivilgesellschaft auf der politischen Agenda steht.

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Albert Pütz

Hecht in

Himmerod

Roman

Herausgegeben von Anne Syndram

Impressum

1. Auflage 1990 © Pfälzische Verlagsanstalt, Landau

2., komplett überarbeitete Neuausgabe 2024

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

René Völlmecke

Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher

Abbildungsnachweis (Umschlag):

© Oleksandr / #266906603 / stock.adobe.com

Autorenfoto S. 207: Privatarchiv des Autors

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-092-7

ISBN-13: 978-3-96123-092-1

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-120-6

ISBN-13: 978-3-96123-120-1

Meinen Eltern

Angela und Friedrich Pütz

zum Gedächtnis

Alle Figuren in diesem Roman sind

von dem Erzähler erfunden.

Keine ist identisch mit einer lebenden

oder toten Person.

Antiphon

Etwas über Guido Pagels

Er kommt im Abendzug, im D-Zug von Saarbrücken. Am Bahnschalter in München hatte man ihm geraten, nicht durch das Saargebiet zu fahren, um Gottes willen nicht, es sei französisch. Als ob er das nicht gewußt hätte. So kommt er im D-Zug von Saarbrücken. Auf halbem Weg nach Koblenz, in Wengerohr, steigt er nach Wittlich um. Das ist dann ein klappriger Abendzug. Darin sitzen Leute aus den Dörfern der Gegend, die von ihrer Arbeit kommen und heim wollen. Die Gleisstrecke ist einspurig, sie führt ins Hinterland. Die Schienenstöße schlagen hart auf die Holzbänke durch, die sie weitergeben bis in die Gesichter der hin und her wiegenden Gestalten.

Guido hat daran keinen Anteil. Er lehnt im offenen Abteilfenster.

Der Himmel ist von schierem Ockergelb illuminiert. So ein Gelb, so ein Gelb! schwelgt er, Amberger Gelb, ganz und gar Amberger!

Der Fahrtwind verschlägt ihm die Worte.

Eine Wolkenbasis treibt gezackte Ausleger vor. Sie verzweigen sich in dieses Gelb. Sie greifen aus, lanzettartig spießen sie ins Zentrum. Dahinter schiebt sich massig und ungefüg, im Gegenlicht und schon abgedunkelt, die Kulisse der Eifelberge heran.

Da böte sich Tusche an, wässrig, in durchscheinendem Grau, sinniert er ins Schienengeratter. Gelb ist ihm nicht genug. Er will mehr. Er sucht das Blau.

Er ist auf der Fahrt zurück ins Blau. Erleben möchte er wieder dieses unfassliche Blau, von dem er nicht loskommt, seit er es zu ersten Mal hier gesehen hat, im Oktober 1944, sechs Jahre ist es her. Nie wieder sonst, nirgendwo ist ihm ein so atmosphärisches Blau begegnet, ein tief gestaffeltes, eigenwilliges Blau mit scharfen Übergängen – das blaue Licht der Eifel. Der Wunsch, es wiederzufinden, es noch einmal in sich aufzunehmen, ja die Herausforderung, es ins Bild zu bringen, es mit Farbe zu fixieren, hat ihn hierher zurückgeholt.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof in Wittlich warten Busse. Sie nehmen die Leute aus dem Zug auf, um sie in ihre Dörfer zu bringen. Guido setzt sich in den Bus mit Anschluß nach Kyllburg. Es dauert noch eine Weile, bis der Bus abfährt. Der Fahrer hat noch zu tun. Zum Beispiel sieht er unter der Motorhaube nach. Er murmelt Besorgnisse. Die bewahrheiten sich ein Stück Wegs hinter Wittlich. Im Anstieg am Pichterberg gleich in der ersten Spitzkehre bleibt der Bus stehen. Er schafft es nicht. Der Fahrer äußert nach hinten, der Wagen sei überfüllt. Die Maschine sei ein Diesel noch aus der Vorkriegszeit. Eigentlich dürfe er nur mit halber Nutzlast fahren. Am Ende schafft der alte Diesel es doch. Guido ist nach vorne gegangen, hat sich kurz mit dem Fahrer verständigt und sich hinters Lenkrad gesetzt. Er zeigt kühle Routine. Er kennt sich hinterm Steuer aus, auch wenn es bergan geht. Kehre um Kehre nimmt er zügig an, platziert das verhaltene Moment stets, ohne Schub zu verlieren und gibt, als wäre nichts gewesen, oben auf der Höhe das Steuer wieder ab. Gurrende Erleichterung ist im Fahrgastraum zu hören.

Zum Fahrer hin sagt er, im Winter 44/45 habe er hier in der Gegend gelegen. Also Auto zu fahren, richtig Auto zu fahren, habe er am Pichterberg gelernt. Nur mit Halblast im LKW hier heraufzufahren, auch bei Schnee, sei damals verpönt gewesen. Nun gut, das sei ja jetzt alles vorbei. Aus geringem Tabakvorrat dreht er sich eine Zigarette.

Im Geäst gegenläufiger Birnbäume huscht ein kreidiger Tagmond. Er steht im ersten Viertel. Das verspricht, was Guido sich erhofft, trockenes Wetter und einen hohen, weiten, lichten Himmel. Er hockt jetzt neben dem Fahrer, dreht auch für den eine Zigarette. Sie fahren noch eine Weile ohne Licht. Richtig dunkel wird es hier oben im klaren Oktober nicht vor sieben.

Sie rauchen.

Von hier ist er weggegangen, als alles zu Ende war.

Bis dahin war ihm die Welt einfach und fraglos erschienen, platt und überschaubar wie einem Menschen zu Ptolemäus‘ Zeiten. Was die Welt ist, wußte er damals noch nicht. Inzwischen hat sie ihn eingeholt. Gewollt oder ungewollt, er hat sich auf sie eingelassen. Weit ist er weg gewesen. Die Krümmung der Erde hat er hinter sich. Während der drei Jahre in Amerika hat er überhaupt nicht gemalt, in Atlanta nicht und nicht in New York. Angerührt hat er drüben nur Bleistift und Radiernadel und damit seziererisch Figurationen von sich verfertigt, skizzierte Zustände, Selbstvergewisserungen, und sich dabei Stück um Stück auf Distanz gebracht. In Atlanta, da steckte er noch im Feldgrau und saß im Camp. Auf Rücktransport nach Europa sprang er vom Zug und ging, weil es ihm zu verlockend erschien, aufs Geratewohl rein nach New York.

Es geht nur darum, Licht zu vermessen, sagte ihm einst einer in einer Kollegenrunde dort, so ein windiger, bärtiger Bursche war‘s, dem nichts gilt und alles. Du kannst machen was du willst, wenn du es nicht schaffst das Spektrum zu atomisieren, um es in Proportionen zu setzen, hast du verloren. Er nannte sich Designer, Stilist für Gebrauchsartikel, Sitzmöbel, Sonnenbrillen, Karosserien und so. Zu malen hatte er aufgehört. Es hieß, er gehöre ins Milieu um Lyonel Feininger. Und wenn schon. Atomisieren – Guido klang das zu tagesaktuell, zu modisch, zu geschmäcklerisch. Nein! Nein, das Spektrum zu quantifizieren ist elementar und exemplarisch, hätte er am liebsten eingewandt. Doch er schwieg. Zu malen hatte er ja auch aufgehört.

Aufgehörter Maler. Damit war es vorbei, sobald er nach München kam. Schon im Jahr darauf erhielt er Signale von der Akademie. Stolzerfüllt ging er darauf ein. Heute amüsiert es ihn nur noch. Seine Freunde und Kollegen in München vermissen ihn wohl schon. Letzte Nacht hat er sich auf und davon gemacht. Weggefahren ist er, ohne es ihnen zu sagen. Hätte er es ihnen gesagt, ausgeredet hätten sie es ihm wohl: jetzt die Stadt zu verlassen, ausgerechnet jetzt. Seit Tagen läuft in München eine seiner Ausstellungen. Seine wichtigste bisher, so urteilen die Freunde. Eine subtile, wegweisende Gesamtschau, so hat die Kritik geschrieben. Was sie von ihm sagen, was sie über ihn schreiben, es geht an ihm vorbei. Über das, was sie meinen, ist er hinaus.

Es malen zu nennen, was er in München gemacht hat, hält er im Ergebnis für verfehlt. So vor sich hin weiße Flächen bemalt hat er. Nichts weiter. Er hat gemalt, was und wie auch andere malen oder gemalt haben. Hier und da war er diesem oder jenem um eine Nuance voraus. Mehr ist, was in Schwabing an ihm gerühmt wird, nicht gewesen. Achtundzwanzig ist er jetzt. Den Gefährdungen, die im Herkömmlichen lauern, ist er erlegen. Soviel weiß er inzwischen über sich. Zum Wiederholungskünstler, zum Nachahmer seiner selbst ist er geworden. Die Bilder, die von ihm hängen, hat er hinter sich. Die Zäsur ist da. Er spürt neue Spannung, neue Augenlust. Wie nie zuvor. Doch er ist blockiert. Produktionshemmung lähmt ihn.

Sein Paradies gesucht und nicht gefunden? Oder es verscherzt? Das Paradies hat eine Hintertür. Er ist sich dessen nicht sicher, er hält es für möglich. Diese Hintertür zu finden ist alles. Das Schlupfloch in die Welt, in der er gern leben möchte, vermutet er in einer Einöde: hier.

Was ihm da vorschwebt, kennt er schon, topographisch verstanden. Die Landschaft am Südrand der Eifel ist flachwellig, nahezu eben. Aus ihr heben sich nur vereinzelt bewaldete Rücken. Wiesen und Grünland bestimmen das Bild. Reglos steht im Herbst geflecktes Hornvieh im Land. Dazwischen liegen, wo der Boden für den Pflug tiefgründig genug ist, in Streifen kleinparzellierte Äcker. Schräg weisen die Obstbäume in ein und dieselbe Richtung. Der Wind kommt von See her. Über die Ardennen schiebt er Wolken heran, stetig Wolken und Regen. Sonnentage sind selten, viele Sonnentage hintereinander ein wahres Glück.

Die Dörfer sind Ansammlungen von sandsteingemauerten, queraufgeschlossenen Einhäusern. Stall, Scheune und Wohnung reihen sich nebeneinander unter einem Dach. In Fenstern unterm Giebeldach nistet Schwermut. Die Gärten sind umstellt von Lattenzäunen, lückenhaft und ebenso windschief wie die Bäume. Spitz ragt über alle hinaus der Kirchturm. Stafetten von Holzmasten mit wippenden Telefondrähten traben durch Mulden und über Kuppen von Dorf zu Dorf. So gesehen ist es ein karges, ein kümmerliches, ein melancholisches Ensemble. Guido selbst hat es einmal eine Landschaft genannt wie ein verregneter Sonntag mit Glockenläuten.

Sobald aber zumal im gefilterten Herbstlicht über diesem Panorama der Himmel aufblaut, weicht alle Tristesse. Die Grautöne zergehen in einem stahligen Glanz. Für Stunden, für Tage, manchmal nur für Augenblicke ist alles hier oben dann von durchscheinender Anmut und Eleganz. Alles zergangen in pures Licht.

Versucht war Guido schon damals, dieses Spektrum zu reproduzieren. Leichter gesagt als getan. Woher dafür die Farben nehmen. Er war Soldat. Um ihn tobte der Krieg. Farben, um ein Bild zu malen, gab es nicht mehr.

Der Fahrer bedankt sich für die Zigarette.

So als wolle er sich für sein Mißgeschick vorhin am Berg entschuldigen, sagt er zu Guido, Bus zu fahren sei nicht sein Fach. Das mache er, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Eigentlich sei er Bauer. Guido nickt, er hat davon einen Begriff. Bauer hier oben sein heißt auch, sein eigener Schmied, Maurer, Schreiner, Metzger, Tierdoktor, Züchter, Obstbaumveredler sein und mit barer Münze einstehen können, wenn die Frau mal wieder schwer im Kindbett liegt oder die Häckselmaschine einem ein Stück Fleisch oder Knochen abgeknappt hat.

Mitunter hält der Fahrer sich die Hüfte. Beckendurchschuß in Nordafrika, sagt er. Er sagt es leise, damit es niemand hört, der es weitersagen könnte. Bei der Bahn, für die er abends bis tief in die Nacht diesen Bus fährt, gibt es strenge Vorschriften. Seinen Fah­rerjob wäre er los, erführen die, daß er leidend ist. Er scheint etwas ratlos. Er reicht Guido das Groschenblatt. Nur noch die großen Überschriften kann Guido lesen. Für das andere ist es schon zu dunkel. Er liest: Erste Deutsche Weinkönigin gewählt. Und weiter unten: Der Krieg beginnt jetzt richtig.

Gemeint ist der Krieg in Korea. Der Fahrer fragt, wo das ist. Er zeigt sich erleichtert, als er hört, das ist weit weg von hier, ganz hinten in Asien. Andererseits. Wein gefällt ihm, Königin wiederum nicht. Gern hätte er sich auf ein Gespräch darüber eingelassen, ob das mit Königin denn heutzutage noch einen Sinn macht. Oder ob es wieder auf Monarchie hinausläuft, viele Leute mögen das ja.

Doch es ist jetzt richtig dunkel, da muß er aufpassen. Die Straße hat noch keine geschlossene Teerdecke. Auf ihre Löcher, die tückisch sind, sobald es dunkel wird, muß er sich genau einstellen. In den Dörfern steht meist nur an der Kirche eine Straßenlaterne. Wenn die nicht brennt, was gelegentlich vorkommt, fällt trüber Lichtschein nur aus offenen Scheunentoren und aus Küchenfenstern.

Die im weiten Umkreis markanteste Siedlung ist Großlittgen. Sie ist Kreuzpunkt vieler Straßen, die hier zusammenkommen. Auf der Landkarte ist es ein Punkt, der hervorsticht. Großlittgen präsentiert sich offen und blank, es liegt ganz oben auf der Hochfläche. Von überall her ist es einzusehen – ein Kinderspiel damals für Kanoniere, für Leute hinterm Fadenkreuz oder überm Bombenzielgerät. Von den Dörfern ringsumher hat Großlittgen am meisten abgekriegt. Man sieht es heute noch.

Guido hat es so eingerichtet, daß er zur Nachtzeit zurückkommt. Nachts ist er weg von hier, auf der gleichen Straße, durch die nämlichen Dörfer. Was er schon weiß, sieht er daher am besten im Dunkeln, wie er glaubt. Diesen Landstrich kennt er als Einöde, als zerschossene Einöde.

Einöde ist es im Grund geblieben. Daran fasziniert ihn, was er über den hohen Waldfluchten, auf den Hügeln bis in den Talgrund hinein dieses meilenweit unerhörte Blau nennt, das er wieder anzutreffen hofft, um als Maler daran zu wachsen oder zu scheitern.

Großlittgen liegt schon eine Weile zurück, da nimmt er seine Sachen auf, es ist ein in Segeltuch geschnürter Pack. Auf freier Strecke läßt er anhalten und steigt aus. Es ist der Punkt, wo die Kyllburger Chaussee in die Schlucht des Salmbachs abfällt, ins Himmeroder Oval. Linkerhand neben der Straße, vor der Kulisse eines Waldes, steht ein einzelnes Haus. Der Wald ist kein Wald mehr. Es ist ein Wald ohne Bäume. Kreuz und quer, zerfetzt, geknickt, ragen kahle Stämme. Bei dem Licht jetzt wirken sie auf Guido wie bleiches, ragendes Gebein. Der skelettierte Wald. Bleiglanz schimmert um den Mond.

Der geköpfte Wald. Als es geschah, stand Guido jenseits der Chaussee auf einer schiefen Jagdkanzel ostwärts von Neuhof. Er wußte, im Keller des Hauses da drüben sitzen Gerda Bastgen und die Mutter ihres gefallenen Mannes, die beiden Buben sind zum Schanzen an der Mosel unterwegs. Eigentlich hatte er Bastgens noch Tschüs sagen wollen. Dafür war es aber schon zu spät. Es kam auf einmal so dick, daß er über die Hohen Marken ausweichen mußte. Von dort sah er zu, bis die Einschläge breiter streuten. Als die Musik dann noch zu ihm herüberkam und die Dinger auch ihm um die Ohren flogen, war es Zeit, sich davonzumachen. Das Zeugs kam übrigens von beiden Seiten herüber. Das Datum vergißt er nie, 8. März 1945, ein Donnerstag. Ein Streichholz hatte er noch angerissen und auf die Uhr geschaut, als die ersten Amerikaner sich von Eichelhütte her näherten.

Das Haus steht längsseits der Straße. Man sieht ihm nicht mehr an, daß es übel zugerichtet war. Es zeigt wieder Fassade. Das Mauerwerk ist ausgebessert und frisch übertüncht. Kräftig mit Farbe nachgezogen ist über der Tür die alte Rundschrift Gasthaus Bastgen. Hat er doch gewußt. Hier kann er Logis nehmen. Er hat es im Stillen vorausgesetzt. Er ist erleichtert. Wieder in diesem Haus zu sein empfindet er fast wie eine Heimkehr. Vier Monate lang ist er hier ein- und ausgegangen.

Seine Prämisse war und ist, hier seine vier Wände haben, am neutralen Ort sein, in windstiller Oase. Kein Schritt zu viel, keiner zu wenig. Nicht Martha, sondern malen. Kein Strich zu viel und keiner zu wenig. Im blauen Licht sein, sobald und solange es sich zeigt. Und malen, malen. Und sich auf nichts anderes einlassen. Sonst, so fürchtet er, wird am Ende nur Martha sein, einzig Martha.

Sie seien leider ausgebucht, bedauert Gerda Bastgen, bevor sie erkennt: Guido steht vor ihr. Er hat eine Baskenmütze auf, einen Oberlippenbart hat er sich stehen lassen.

Die Wirtsstube ist bäuerliche Wohnstube geblieben. Da ist noch der ovale Tisch mit dem gedrechselten Mittelfuß. An der Wand dahinter steht das alte Plüschsofa. Darüber hängt eine Darstellung der Muttergottes von Klausen, vignettenumkränzt. Daneben ein Foto mit Trauerrand, es zeigt einen Soldaten im Gefreitenrang, Gerdas Mann. Der Schanktisch und kleine Tische mit Deckchen darauf machen die Wirtsstube aus. Auf einem der Tische liegt schon ein Frühstücksgedeck. Oben im Haus sind Gästezimmer ausgebaut. Gerade noch recht zum Beginn der Herbstsaison sind sie fertiggeworden. Ein Gast sei schon da, erklärt ihm Gerda, er habe gleich alle drei Zimmer auf einmal gebucht für eine ganze Woche und den Preis im Voraus bezahlt.

Guido setzt sich einfach auf das Sofa, mitten rein ins blumige Plüsch, lax und familiär, so wie früher. Für einen Lidschlag, für zwei oder drei scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. Die Mütze nimmt er herunter. Er hat langes Haar. Es fällt ihm bis zur Schulter.

»Hab‘ ich mir doch gedacht, aus dir wird noch ein Künstler. Herrjeh!« Gerda wirft die Arme hoch.

Sie holt für ihn zu essen und setzt sich zu ihm an den Tisch.

Wie es um sie steht, hat sie schnell erzählt. Die Mutter ist gestorben. Die beiden Buben haben schon geheiratet. Das Land hat sie verkauft und mit dem Geld das Haus wieder aufgebaut – zurechtgeflickt, nennt sie es.

»Für mich wird‘s wohl reichen, denke ich. Weißt du, mit einem Mal merkt man, man ist alt. Die Kinder sind weg, das Haus ist leer, die Uhr schlägt ganz anders.«

Sie geht und macht einen Kaffee.

»Es ist Klosterkaffee«, ruft sie aus der Küche. »Herr Klauke hat ihn mitgebracht. Er sagt, er hat ihn von den Mönchen. Herr Klauke ist der Gast, der alle drei Zimmer gemietet hat. Zwei Zimmer müßten ihm eigentlich genügen. Das dritte, die Nummer 3, kriegst du.

Und was ist mit Dir, Guido? Nein, daß es dich noch gibt! Ich bin froh, daß jetzt einer wie du da ist. Dieser Klauke, also der.«

Kleine Nokturn

Herr Klauke ist recht sonderbar

Vor Tagen ist Klauke in einem Auto vorgefahren, das sich sehen lassen kann.

Gerda kennt sich mit Autos nur wenig aus. Einem Wagen wie dem ist sie noch nicht begegnet. Sie vermutet, es ist einer von diesen neuen Wagen, die jetzt in aller Munde sind. Manchmal unterhalten sich die jungen Leute am Schanktisch darüber. Das Auto steht hinter dem Haus im Schuppen. Das Schuppendach ist noch schadhaft. Gerdas ständige Sorge ist, es könnten sich, wie neulich bei dem schweren Sturm, Ziegel lösen und herunterfallen. Wär‘ das ein Malheur!

Herr Klauke selbst kommt etwas bizarr daher, in weiten Kniebundhosen, sogenannten Knickerbockers, mit Schal und Jägerjoppe. Über den Kopf liegen von einem Ohr zum anderen einzelne Haare, akkurat gezogen. Hin und wieder fährt er mit der Hand glättend darüber. Er gibt sich korrekt, grüßte bei seiner Ankunft knapp und übergab ein Empfehlungsschreiben. Absender ist die staatliche Forstverwaltung. Unterschrieben hat ein Forstmeister. Der versichert in diesem Schreiben, Herr Klauke sei ein geschätzter Jagdgast in seinem Revier. Er beanspruche alle Zimmer des Hauses Bastgen, was der Stellung entspreche, die er einnehme. Herr Klauke wünsche, in allen Dingen diskret behandelt zu werden. Das Wort diskret ist in diesem Empfehlungsschreiben durch Unterstreichung hervorgehoben.

Deswegen hatte Gerda gezögert Herrn Klauke zu bitten, sich im Beherbergungsbuch einzutragen. Sie hat es dann aber doch getan. Dafür ersparte sie ihm, seinen Ausweis vorzuzeigen. Im Beherbergungsbuch hat Herr Klauke über sich vermerkt: neunundvierzig Jahre, verheiratet, von Beruf Personalbeauftragter in Andernach am Rhein.

Er führt kein Reisegepäck mit sich. Die Begründung, die er ungefragt dafür gibt, ist, die Hirschbrunft habe heuer überraschend früh eingesetzt, Hals über Kopf sei er losgefahren, um hier ja nichts zu versäumen. Er hält nichts davon, vom Bett aus direkt zum Frühstück zu gehen. Dazwischen muß ein Stück Anstrengung liegen, sonst schmeckt es ihm nicht, wie er schon am Tag seiner Ankunft hat wissen lassen. Morgens geht er sehr zeitig los. Dann hat er schweres Überzeug an, einen langen Lodenmantel und einen nach Jägerart façonnierten Hut, den er tief in die Stirn gezogen trägt. Zirka drei Stunden bleibt er weg, nicht vor neun kommt er zurück. Wenn er dann in der Tür steht und die Nebelnässe aus den Kleidern schüttelt, erinnert er Gerda jedes Mal an Rabulski, einen Kobold aus ihrer Kinderfibel.

Ein aussichtsreicher, ein vielversprechender Herbst! So sagt Klauke jedes Mal und reibt sich die Hände, bevor er Quark, Quittengelee, Brotkante und Fünfminutenei angeht. Klosterkaffee, leibhaftiger Bohnenkaffee! So rühmt er Tag um Tag und rührt vieldeutig in der Tasse.

Einmal, da rückt er seinen Stuhl zurück und sagt zu Gerda, seine Morgenrunden mache er rings über die Höhen, weil dort jetzt aus den Dickungen hinter den Kammlagen rudelweise kapitale Stücke ins Revier wechselten. Ein großartiger Anblick sei es, wenn stark und erhaben geweiht einer ihrer Großen aus der Deckung hervor auf den Plan trete und Ausschau halte nach Seinesgleichen. Das eigentliche Rendezvous stehe aber noch bevor. Es gelte, dieses Treffen ungehindert sich entwickeln zu lassen. Ungehindert, das bedeute, für Unbefugte sei der Wald jetzt zu, striktemang geschlossen.

Barsch kracht er mit dem Löffel das hohle Ei zusammen:

»Ebenso wie der Wald ist auch dieses Lokal geschlossen. Es gehört zum Wald. Niemand darf hier rein, solange die Hirschsaison dauert.«

Gerda findet, Klaukes Augen lugen wie durch Sehschlitze. Sie kennt einen Haumeister, der oben im Wald arbeitet, wo Klauke immer unterwegs ist. Den fragt sie, was er von Klauke hält.

Er sagt ihr, Klauke hat ein Spähergesicht. Gegend ist für den Gelände. Mensch und Tier, lebendige Natur, für den sind es Objekte in einem Planquadrat. Der Wald gilt ihm als Element der Einschränkung des Sichtfelds, als erstrebenswerter Geländevorteil. Grundsatz ist bei dem, wer den Wald hat, ist Herr der Lage. Gelernt hat der, auf fremde Bewegungen im Gelände wie auf Ziele zu reagieren. Eine Unvorsichtigkeit begeht, wer in seinem Planquadrat sich offen blicken läßt. Gerda kann es nicht glauben, sie schüttelt den Kopf. Ihr Gewährsmann bleibt dabei. Spähergesicht, wiederholt er, dafür hab‘ ich einen Blick, bin lange genug Soldat gewesen. Der Klauke, also der!

Gerda begreift das alles nicht. Rabulski, das weiß sie jetzt, geht in ihrem Haus um. Sobald Klauke in der Tür steht, lebt vor ihren Augen die alte Kindermär wieder auf:

Die Großen vom Berge. Da droben haben sie ihr Schloß. Unten im Tal ackern, ernten, jagen und fischen die Leute. Da steht bei Wind und Wetter auf einmal einer da. Einen Schlapphut hat er auf. Nässe tropft von ihm ab. Er hört, was die Leute sagen, rät ihnen, spricht ihnen zu, läßt unterm Wams hervor klick einen Dukaten springen. Der blitzt, der blinkt so gleißend und so hell, als scheine die Sonne wieder. Und dann dudelt er, der mit dem Schlapphut, ihnen in der Stube heißa zum Tanz auf bis in den klaren Morgen hinein. Da merken sie, da geht ihnen auf, gefischt ist, gejagt ist und alles ist weggeerntet. Ein Kobold war da, ein Kobold. Vom Berge blasen Hörner und ziehet ein Heer.

Gestern registrierte Herr Klauke einen Fauxpas.

Entgegen der Etikette setzte sich gestern die Wirtin zu ihm an den Frühstückstisch und goß ihm einen Trester ein, er hatte keinen bestellt. Sie füllte sich auch ein Glas, leerte es, ohne ihm zuzutrinken, besann sich eine Weile, trank noch einen und noch einen und befand:

»Jagdgast – das war wohl nur ein Scherz, was?«

Ohne den Schnaps anzurühren, erwiderte er:

»Gemeint ist natürlich Forstgast, was freilich eine ungebräuchliche Bezeichnung ist.«

Während der nächsten Nacht, er lag schon zu Bett und hörte draußen die Türe gehen, stellte er fest, getroffene Abmachungen bedeuten der Wirtin nichts, sie hält nicht Wort. Das erinnert ihn an seine erste Frau. Auf die war auch kein Verlaß. Seine Frau galt als auffallend hübsche Person. Mal war sie schwarz, mal war sie blond, mal kastanienbraun onduliert, zu besonderen Anlässen sogar rubinrot, was alles ihr gut stand und ihrem Geschäft, einem Frisiersalon in einer Garnisonsstadt. Er war mit Krieg beschäftigt. Er hörte nichts mehr von ihr und nichts mehr über sie, außer, daß sie eine Frau sei, so hinreißend standesamtswidrig, daß er ohne Scheidungsrichter sich zum Narren mache.

Herr Klauke zieht in Erwägung, ähnlich schroff mit seiner Wirtin zu verfahren, sie bei Gericht verklagen zu lassen wegen Verletzung des Beherbergungsvertrages. Sie hat gestern Nacht jemand in Logis genommen und ihm ein Zimmer vermietet, das schon vermietet ist. Den Streitwert schätzt Herr Klauke auf zweitausend Mark, Anwaltskosten nicht eingerechnet. Heute Morgen nun auf seinem Waldgang hat er diesen Plan verworfen. Rechtzeitig ist ihm eingefallen, daß er bei Gericht öffentlich auftreten müßte und sagen, wer er wirklich ist. Aber das geht jetzt nicht. Pläne aus der Nacht halten bei Tageslicht besehen selten der Realität stand. Den Forstmeister will Klauke aber nicht ungeschoren lassen. Der ist ein Versager. Ihm so eine Adres­se anzudienen! Das Gasthaus Bastgen ist über jeden Zweifel erhaben, hat dieser Forstmeister ihm zugesichert. Das ist Schlamperei im Amt! Meldung wird er machen über den.

Zum Frühstück ist Herr Klauke zeitig zurück. Gerda hantiert in der Küche.

»Hallo«, ruft Klauke schon von der Tür aus ihr zu. »Den Bohnenkaffee diesmal für zwei Personen, bitte – für zwei. So dick und so heiß wie‘s geht!«

Was denn nun, denkt sie, ist der Klauke heute aber kulant. Klauke bittet Guido zu sich an den Tisch. Guido sitzt auf dem Sofa, steht auf und setzt sich zu Klauke. Draußen ist die Oktobersonne durch, letzte Dunstschleier zergehen. Nur der Himmeroder Kessel ist noch randvoll mit Nebel.

Er möchte nicht mißverstanden werden, er hat kein Gewehr dabei, nicht einmal besitzt er einen gültigen Jagdschein, sagt Klauke, während sie frühstücken. Pirsch und Waidmannsheil sind in diesem Herbst nicht angesagt. Abgeschirmt ist das Revier. Nicht um auf Rothirsche anzulegen, nicht um zu schießen ist er hergekommen, sondern um, wie weiland Oberforstmeister Frevert in der Rominter Heide, durch Futterpräparate und den Anbau bestimmter Futterpflanzen, die er aus seiner Heimat Brandenburg kennt, dazu beizutragen, daß den Hirschen hier nächstens prächtigere Geweihe wachsen. Im Jahre 1728 tauschte der preußische Soldatenkönig Wilhelm I. mit August dem Starken von Sachsen die Prachttrophäe eines Sechsundsechzigenders gegen eine Kompanie Soldaten. Das Geweih ist noch heute auf Schloß Moritzburg bei Dresden zu sehen.

»Waren Sie schon mal in der Sowjetzone?«

Nein, dazu ist er noch nicht gekommen. Doch ein Sechsundsechzigender ist ja exorbitant. Gleich morgen fährt er da mal hin, gibt Guido trocken zurück.

Beide lachen. Sie bestellen Kaffee nach.

Aus einem Lederfutteral nimmt sich Klauke eine Zigarre mit Originalbanderole, deutlich zu sehen: eine echte Brasil, Churchillformat. In Kennermanier wälzt er sie auf der Zunge hin und her, zündet sie an, läßt phantastisch modellierte Rauchkringel aufsteigen. Er erkundigt sich, was Guido hergeführt hat, was ihn hier in der Gegend jetzt umtreibt.

Anregend wirke diese Landschaft auf ihn, sagt Guido. Fünf Jahre war er nicht hier. Sie hat ihm gefehlt. Landschaften nimmt er in sich auf. Er absorbiert sie. Osmose ist es, ein Druckausgleich, den er durch die Membran des Lichts erlebt. Von einem saugenden Blau ist hier das Licht, schwärmt er, von einer Brechung, so rein und so konsequent, als seien Wesen und Dinge in ein Prisma von kristallener Schärfe gestellt.

Dieses Lichterlebnis, erzählt er, hatte er zum ersten Mal im Oktober 44, als er, nie vergißt er das, in dieser Gegend angekommen ist nach einem langen Nachtmarsch und für eine Handvoll Schlaf auf eine Strohschütte in einer zugigen Feldscheune niederfiel. Morgens dann eine Sonne wie heute. Die Witterung frostig. Es liegt dicker Raureif. Pelzig weiß ist alles, soweit die Schattengrenze des Waldes reicht. Kaffee holen, schanzen, Wache stehen. Über diese Begrifflichkeiten hinaus ist ihm von dem, was er an jenem ersten Tag seines Hierseins getan hat, nichts mehr in Erinnerung. Alles ist an ihm vorbeigeschehen, auch ein Tieffliegerangriff mit Bombenabwurf und Bordwaffenbeschuß – buchstäblich alles, weil auf einmal das Gefühl in ihm war, außerhalb zu stehen. Abends, bei schwindendem Licht, glomm halber Mond auf. In Rücklage wiegte er im Sternbild der Kassiopeia.

»Ich male, müssen Sie wissen.«

»Habe ich mir doch gleich gedacht. Habitus à la Bohème, Baskenmütze. Als ich eben hereinkam – Sie, da dachte ich, da sitzt ein Franzos! Hätte mir grad noch gefehlt. Die schießen ja, wo sie können, auf Hirsche, auf alles schießen die.«

Frau Bastgen kommt mit einem Bild. Es ist eine Kohlezeichnung, der Aufriß eines Portraits, kantig auf körniges Packpapier gesetzt. Dargestellt ist eine alte Frau. Sie sitzt im Schein einer Petroleumlampe und liest einen Brief. Um ihr Handgelenk ist eine Gebetsschnur geschlungen, ein Rosenkranz. Das Bild ist datiert Januar 45, es trägt Guidos Handzeichen.

»Vom Sanitäter, der gemalt hat. Der immer gemalt hat. Er hat auch meine Mutter gemalt – hier, schauen Sie!«

Gerda hält das Bild Klauke hin. Guido ist peinlich berührt. Dieses Stück hätte er besser nicht aus der Hand gegeben. Er findet es unerträglich. Mit Holzkohle auf Holzpapier ist es ausgeführt. Die Kohle stammte aus dem Holzvergaser des Opel-Blitz, mit dem er Verwundete von der Front holte.

Die Front, das war oben im Raum Prüm. Das Quecksilber stand bei achtzehn Grad minus. Eigentlich war er nur auf eine heiße Bouillon hereingekommen. Bei den Bastgens am ovalen Tisch war heiße Bouillon noch zu haben. Er saß wie betäubt, wie immer, wenn er mit arg Verstümmelten zurückgekommen war. Zeile um Zeile, immer und immer wieder las die alte Frau im Sessel unter dem Foto mit dem Trauerflor den letzten Brief ihres Sohnes durch. In Wirklichkeit sprach sie Gebete vor sich hin, während von weit her das Grollen der Front zu hören war.

Von Gefühl überschwemmt hat er die Striche geführt, die Konturen gesetzt, das Helldunkel kontrastiert. Sentimental ist das Bild dann auch geworden, unsäglich sentimental. Am liebsten nähme er das Blatt wieder an sich. Doch für Gerda scheint es unersetzlich. Wie eine Art Familienreliquie hängt es bei ihr im Schrein der Unvergänglichkeit. In einen Rahmen hat sie es gefügt, in einen gekerbten, bronzierten Rahmen von früher, und unter Glas gelegt.

Und hierher zurückgekommen sei er, nicht wahr, um jetzt Landschaften zu malen, erkundigt sich Klauke und warnt vor Tretminen.

Schon-schon, aber er weiß, wo die Minen liegen, sagt Guido, hinter dem Hühnerkopf entlang der Linie des Kailbachs liegen sie, gegen Binsfeld zu. Er hat selber mithelfen müssen, sie einzubuddeln – als Sanitäter. Rotkreuzbinde abnehmen! So ist ihm befohlen worden.