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Ein Loch unter den Füßen tut sich ihr auf, als sich die zögernde Hedwig dem ein wenig eigenen Lesezirkel vorstellen soll. Was soll sie bloß inmitten dieser Möchtegern-Philosophen? Michel Foucault zerlegen oder gar Martin Buber verstehen? Wird sie Hans hinter sich lassen? Kinder kriegen? Und warum zwinkert ihr Gustav ständig zu? Sind Mütter und Pflegemütter zwei Seiten ein und derselben Medaille? Und darf auch Magdalena sein?
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2022
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1923
1980
2015
2023
Die Du-Momente erscheinen in dieser festen und zuträglichen Chronik als wunderliche lyrisch-dramatische Episoden, von einem verführenden Zauber wohl, aber gefährlich ins Äußerste reißend, den erprobten Zusammenhang lockernd, mehr Frage als Zufriedenheit hinterlassend, die Sicherheit erschütternd, eben unheimlich, und eben unentbehrlich.
Martin Buber: Ich und Du (1923)
KAPITEL I
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel II
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel III
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Literaturverzeichnis
Hedwig Eder
Felix
Geschrieben in einer Alpenstadt im Sommer 2012
Du sagst, ich hätte Talent zum Schreiben. Du erinnerst mich daran, wie wertvoll meine Lebensgeschichte ist. Du rätst mir zu einer Biographie. Ich antworte, dass diese Textgattung berühmten und wichtigen Menschen vorbehalten sei. Ich erinnere dich daran, dass meiner Meinung nach viele Biographien anmaßend und die Wirklichkeit verzerrend seien. Ich füge hinzu, dass es auf jeden Fall zu früh für eine Biographie sei. Du sagst, es sei nie zu früh dafür und zitierst schulmeisterlich das Beispiel des vom Dach fallenden Ziegelsteins und lässt Horváths schicksalhaften Todesumstände auf dem Champs Élysées nicht unerwähnt. Ich vergesse indes, zu erwähnen, dass ich Geschichten bevorzuge, weil sie der Fantasie mehr Spielraum lassen.
Du gehst ins Jenseits und ich weigere mich, wieder in ein Loch zu fallen. Du weißt, in welchem Loch ich mich befand, bevor ich dich kannte. Bevor ich dich kannte, war ich in der Es-Welt eingesperrt. Du weißt, was ich damit meine. Ich war der Meinung, die Du-Welt wäre ein Märchen. Wie sehr sehne ich mich nach deiner sanften Stimme, die mir ein Märchen der vielen Tausend aus der ganzen Welt vorliest, wie du es manchmal Sonntagabends tatest. Ich bin hier und werde auch bleiben. Vielleicht für die nächsten vierzig Jahre, wer weiß. Du bist in mir.
Herbst 1980. Ich stehe im Bad und blicke in den Spiegel. Der Alibert gewährt mir nur einen eingeschränkten Blick auf meinen Körper. Alles unterhalb der Brust befindet sich in der glücklichen Lage, sich meinem strengen Urteil entziehen zu dürfen. Heute zur Feier des Tages das Komplett-Paket: ebenmäßiges Make-Up, breiter Eye-Liner, Augenbrauen gezupft und als feiner Strich nachgezeichnet, Wangenrouge, halbmatter Lippenstift, Audrey-Hepburn-Pony, blau-fliederfarbener Overall aus Satin, rot-orangefarbene Plateauschuhe (die nicht zum Overall passen), Parfum von Hans, das „teuer war.“ Ich schaue mich stolz im Spiegel an, ziehe ein letztes Mal an meiner Zigarette und drücke sie im orientalischen Aschenbecher aus. Der Abend kann beginnen.
Meine Freunde geben sich seit geraumer Zeit zurückhaltend. Ich vermute seit Montag, dass sie eine große Überraschungsparty planen. Offiziell bin ich von meiner besten Freundin Anna zum Essen eingeladen. Nur sie und ich. Hans muss arbeiten. Ich ziehe mir die dunkle Winterjacke über und entscheide mich gegen die Mütze, die meine Frisur zerstören könnte.
Wir treffen uns beim Italiener. Anna wartet schon vor dem Lokal auf mich. Sie wirkt gestresst. Kein Wunder, sie hat mit Sicherheit einiges für meinen Geburtstag organisiert. Sie umarmt mich und wünscht mir alles Gute. Ich freue mich auf den Abend. Die anderen werden wohl drinnen warten. Wir betreten das Lokal und eine Kellnerin führt uns an einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes, an dem nur zwei Stühle stehen. Der Schein der Kerzen bietet Romantik. Es ist mein dreißigster Geburtstag und das Geburtstagskind setzt sich mit seiner besten Freundin an einen Tisch, an dem kein Platz für Hans und zwei Dutzend Freunde, Verwandte und Bekannte ist.
Dann stimmt es also. Hans kommt nicht, er ist in der Redaktion geblieben wie er es angekündigt hat. Es war keine Ausrede um den Überraschungseffekt einer Geburtstagsüberraschungsfeier nach oben zu treiben. Hans ist nicht gekommen. Anna überreicht mir ein Geschenk. Aus der Verpackung ziehe ich einen weißen Wonder-Bra. Woher wusste sie, dass ich mir so ein Stück gewünscht habe? Habe ich es erwähnt? Anna ist der Inbegriff der Aufmerksamkeit. Sie merkt sich meine Worte besser als ich selbst.
„Ich hoffe, du magst ihn. Soll magische Kräfte besitzen.“
Ich bedanke mich bei ihr und die Kellnerin überreicht uns die beiden Teller, von denen zwei übermächtige Pizzas drohen, bei der geringsten Schräglage über die Tellerränder zu rutschen. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Freude, Trauer und Zorn im Wettlauf. Anna mustert mich mitfühlend. Dann verhärtet sich ihr Ausdruck. Ihre Stimme kennt kein Mitgefühl für Hans. „Schade, dass Hans nicht da ist. Arbeitet er denn wieder an einem Artikel, der den Weltfrieden bringen soll?“
Ich stelle mir nicht die Frage, ob Annas Bemerkung ironischer oder sarkastischer Natur sei. Ich kann ihren Unterton nicht einordnen und könnte jetzt auch nicht darüber sprechen, denn ich trage einen schier aussichtslosen Unterlassungsstreit mit meinen Tränendrüsen aus. Ich suche hastig in meiner Tasche nach dem eben gekauften Päckchen Zigaretten.
Der erste Zug verschafft mir Erlösung. Anna kennt meine ganz persönliche Hochschaubahn, die ich seit neun Jahren mit Hans durchlaufe. Sie war immer da, wenn ich in Tränen aufgelöst bei ihr anrief. Sie tröstete mich, als Hans damals die Entscheidung traf, doch lieber mit seinen Freunden und ohne mich auf Urlaub nach Spanien zu fahren. Sie hielt mich fest, als Hans beschloss, als Umweltaktivist für zwei Jahre nach Kanada zu gehen. Sie ließ mich bei sich schlafen, als Hans mir im siebten Jahr unserer Beziehung mitteilte, die Zeit für eigene Kinder sei noch nicht gekommen. Sie hörte zu, als ich ihr wieder vorschwärmte, wie einfühlsam und humorvoll Hans war. Sie war da, als ich ihr von meinem Beschluss erzählte, die mir angebotene Stelle als Gymnasiallehrerin in Wien nicht anzunehmen, wegen Hans, und weiter zu warten, um nicht umziehen zu müssen. Sie half mir beim Umzug, als ich aus Großmutters Wohnung auszog und Hans keine Zeit hatte, mir unter die Arme zu greifen. Sie sprach mir Mut zu, als ich völlig aufgelöst, mit einer schier blühenden Afro-Frisur, zu ihr kam und beklagte, sie mir ganz anders vorgestellt zu haben.
„Ich bin so froh. Du bist immer für mich da. Danke für das sagenhafte Geschenk.“
„Halt. Ich habe noch ein Geschenk für dich. Es ist ein Buch. Ich habe es nicht verpackt, ich gebe es dir einfach so. Hier. Hoffentlich gefällt es dir.“
Sie reicht mir das Buch. Es ist klein und beigefarben. Der Name des Autors ist mir geläufig, man muss ihn einmal in einer Vorlesung erwähnt haben. Allerdings weiß ich nichts mehr über ihn und auch noch nicht, wie sehr er mein Leben beeinflussen wird. Ich bedanke mich erneut, ohne das Buch genauer zu betrachten.
Anna überredet mich, tanzen zu gehen. Wir amüsieren uns. Bei Take a chance on me vergesse ich für ein paar Momente Hans. Staying alive.
Als ich mich ins Bett lege, kann ich nicht einschlafen. Ich schreibe keine SMS an Hans, weil es dieses Kulturgut noch nicht gibt. Während ich eine rauche, male ich mir aus, dass er gar nicht arbeitet, sondern sich mit der brünetten Journalistin trifft. Ich spüre die Eifersucht im Magen. Ich bekomme wieder diese Angst, die mich ganz klein macht.
Ich stehe noch einmal auf und rauche eine weitere.
Am nächsten Vormittag warten knapp drei Dutzend Aufsätze auf mich. Die Achtklässler haben als Hausaufgabe die Interpretation einer selbst gewählten Novelle aufbekommen. Sie sollen dabei herausarbeiten, welche Lehren sie für ihr eigenes Leben ziehen können. Der sanftmütige Simon hat eine Novelle von Eichendorff gewählt: Aus dem Leben eines Taugenichts. Er erklärt, dass die Welt mehr solcher Romantiker wie den Taugenichts bräuchte und dass die Welt nur überleben könne, wenn mehr Menschen die zarten Blumen und die „allerschönsten Frauen“ in „ihrer tiefgründigen Wesenheit“ erkennen könnten. Simon bringt Zitate gekonnt ein. Er zum Beispiel könne nicht umhin, stets an meine Klugheit und Schönheit erinnert zu werden, wenn er mich am Montag in der ersten Stunde nach dem langen Wochenende wiedersieht. Ich fühle mich peinlich berührt. Er wolle es wie der Taugenichts machen und eines Tages, bald schon, in die Welt ziehen, um Gitarrist zu werden und „den holden Damen“ dieser Welt ihre schönen Melodien zurückzugeben. Ich lächle Simon innerlich zu und bin ein wenig stolz auf ihn. Ich frage mich, wie es sich anfühlte, solche Worte aus Hans‘ Mund zu hören. Ich lobe Simon für seinen einfühlsamen Text, streiche ein paar Rechtschreibfehler an, ergänze etliche Beistriche und erinnere Simon in einer weiteren Notiz, beim nächsten Mal den Konjunktiv zu verwenden. Ich gehe nicht auf sein pubertäres Liebesgeständnis ein. Die Aufsätze nehmen den ganzen Sonntag in Anspruch.
Spätabends ruft mich Hans an. Da ich bereits im Bett liege, ziehe ich die Decke weg, schnappe mir Feuerzeug, Aschenbecher und Zigaretten und laufe in das Wohnzimmer zum Telefon. Dass ich nervös bin, bemerke ich, als ich einen giftigen Geschmack im Mund verspüre, nachdem ich den Zigarettenfilter angezündet habe und am falschen Ende ziehe. Mein Freund, mein Lebenspartner, mein Horizont, verabredet sich mit mir bei mir zu Hause, in einer Stunde.
In der Zwischenzeit holt mich das Magengeschwür ein, das mich seit Monaten fest im Griff hat. Ich erbreche, was ich am Abend zu mir genommen habe und sehe, wie sich die Haut um meine Lippen herum immer mehr entzündet. Ich sehe schrecklich aus.
Hans steht vor der Tür und begrüßt mich mit der Bemerkung, ich sähe krank aus. Er kommt herein und deutet mit seinen Augen verlegen schmunzelnd auf seine leeren Hände.
„Du verstehst sicher, der Artikel über die Ermordung John Lennons vorgestern, wir sind da an was dran. Habe mit Freunden aus Kanada und Amerika telefoniert. Ich hatte vor lauter Arbeit einfach keine Zeit, ein Geschenk zu besorgen. Wie war es mit Anna?“
Recht unwillig beginne ich, ihm von der Pizzeria, vom Wonder-Bra, schlussendlich auch vom Buch zu erzählen. Ich verzichte darauf, meine persönliche Hochschaubahn zu erwähnen. Er ergänzt selbstgerecht, es müsse sich um einen tollen Abend gehandelt haben.
Ja, Felix, ich höre dich! Du bist in meinen Ohren und einem Echo gleich hallt deine Stimme da durch und ruft: ‚Vergegnung.‘
Du liebtest Martin Buber genauso wie ich.
‚Er findet Worte für etwas, das ich immer schon in mir trug, flüsterst du mir zu.
Hans und ich verbrachten ein knappes Jahrzehnt in einer lockeren Parallelschaltung.
Du sagst, alles hat einen Sinn. Meine Jahre mit Hans, deine Kindheit im Heim, das Pink der Bougainvillea, das sich vom Blau des Meeres abhebt.
In der menschlichen Welt kann nur Es geordnet werden. Das Du kennt kein Koordinatensystem.1
Erst am nächsten Tag, nach dem Unterricht denke ich über ein Leben ohne Hans nach. Die Entzündung um meinen Mund herum hat sich verschlechtert. Hans kommt mir galant zuvor. Er fängt mich am Dienstag vor der Schule ab und lädt mich auf ein Mittagessen ein. Wozu erwähnen, in welches Gasthaus wir gingen, wenn es doch meist dasselbe war, im Wesen bodenständig und staubig, deftig und günstig, üppig, bratölig und verraucht.
Ja, Herrschaftszeiten, Felix, bitte, lass mich doch! Du selbst warst vernarrt in meine Übertreibungen. Übertreibungen, die in meinen Augen doch niemals welche waren.
Während ich mir also mit dem Messer mundgerechte Stücke vom Wiener Schnitzel schneide, versichert er mir, ich sei eine wunderbare Frau, und er hätte mich nicht verdient. Leider verspüre er seit einiger Zeit weniger für mich als früher und könne nicht mehr mit Sicherheit sagen, dass er mich liebe. Er wolle ferner endlich etwas für sich und seine Zukunft tun. Zu sehr habe er sein Innerstes vernachlässigt in den letzten Jahren. Er habe die Redaktion satt, könne die Provinz nicht mehr leiden und wolle endlich ins Ausland gehen, vielleicht in die Staaten oder anderswohin. Er würde es in dieser hinterwäldlerischen Stadt einfach nicht mehr aushalten. Er bitte mich, ihn zu verstehen. Das sei ihm wirklich wichtig.
Unwirklich erscheint mir Hans‘ Schlussmachen und unecht das immense Schnitzel vor mir auf dem Teller. So darf ich mir also von nun an für den Rest meines Lebens Schlussmachen vorstellen.
Ich würge die zähen Bissen.
Hans verflüchtigt sich, sein Holzfällerbart, seine langen dunklen Wimpern, seine Brust scheinen bereits viele Meter entfernt, seine Gestalt wird zu einem zerrütteten Standbild, wie jenes im Fernsehen bei Übertragungsfehlern. Ich schweige schweißgebadet in der Stille.
Ich werde dir später davon erzählen und du wirst darauf erwidern, dass eine Beziehung, zumindest eine, die auf Freiwilligkeit beruht, immer beiden Seiten hilft, auch wenn eine Seite augenscheinlich mehr gibt. Ich werde dir nicht Recht geben können, da ich Hans nicht verzeihen werde. Für mich steht von diesem Moment an eines fest: Ich bin die Kuh des tauschfreudigen Hans im Glück.
Was gibst du mir, oh Leben, für diese Kuh, die mir keine Milch, keine Butter, keinen Käse schenken will? Da will ich doch lieber das Schwein nehmen.
Ich bin ein tauschwürdiger Gegenstand auf seinem Lebensweg. Er überreicht mir seine Steine und zieht fort in die Welt.
Ich nehme Hans‘ Steine und lege sie mir in den Magen, weil ich im Moment nichts anderes damit anzufangen weiß. Um mich herum ist es sehr dunkel geworden. Das Feuerzeug erleuchtet das Schwarz meiner Seele. Nein, Felix, keine Übertreibung!
An jenem Tag schaffe ich es nicht, Anna anzurufen. Ich habe meine Stimme verloren. Es wartet ein halber Nachmittag Geschichte-Tests der Drittklässler auf mich. Die Antworten der Dreizehnjährigen werden in regelmäßigen Abständen von Tränen bekleckert. Meine Konzentration befindet sich am Tiefpunkt. Ich lege die Testseiten übereinander und gebe sie in den Ordner. Eine schleierhafte Müdigkeit holt mich ein. Ich sollte ausgehen. Ich sollte meine Mutter anrufen. Ich sollte endlich wieder einmal den Kühlschrank ausräumen und reinigen. Es fallen mir tausend Dinge ein, die sofort erledigt gehörten. Ersatzweise ziehe ich mir Rauch tief in meine trockene Kehle.
Ich sehe dich. Du schaust mich mit deinen Augen an und ich höre, wie du an Martin Buber erinnerst: In der menschlichen Welt kann nur Es geordnet werden. Wer mit seinem Schicksal hadert, möchte die Welt um sich herum ordnen, die Es-Welt bietet dann scheinbar ein Gerüst, das ihn stützen soll. Sein Ich sucht nach Hilfe und erblickt das äußere Gerüst. Das Du kennt kein Koordinatensystem.2 Es begegnet im Herzen.
Dein Herz, Hedy, war leer, wie eine vollgestopfte Gans, als Hans ging. Ja, Felix, und auch jetzt möchte ich fast an deinem Tod entzweibrechen, doch ich bin nicht mehr Ich, sondern Ich-Du, mich gibt es nicht mehr ohne dich. Hans war im Außen. Du bist mir ganz und gar geworden.
Die Bougainvillea begleitet den Süden. Ihre Blüten lassen den Betrachter in eine friedvolle, leidleere Welt eintauchen. Pink ist die Farbe, die sich beigesellt, solange sie im Süden. Des Wachsens fähig ist sie allein in warmer Umgebung, niemand kann sie andernorts zum Gedeihen bringen. Neun Jahre mit Hans waren ein Versuch. Er erblühte selten, erlebte von Zeit zu Zeit den Frühling, strotzte vor ungleichen Blüten, bis er, der Versuch, erkannte, dass seine Wurzeln zweierlei Boden bedürften zum Gedeihen.
Unser Kennenlernen 1971 ist einschneidend für mich. Ich begegne Hans zum ersten Mal auf einem Universitätsfest. Sofort übt er auf mich eine Faszination aus, weil er sich wort- und tatkräftig für Gerechtigkeit einsetzt und sich mit den „wirklich wichtigen“ Dingen der Welt beschäftigt. Er erzählt mir von kanadischen Umweltaktivisten, die Greenpeace gründen. Er begeistert sich für Willy Brandt, und wir diskutieren in hitzigen Debatten, wie gelungene Emanzipation aussehen sollte. Es ist die Zeit, in der eine Frau ihr Leben riskiert, wenn sie einen unerwünschten Embryo abtreiben lässt und mit dem sächlichen Nomen Fräulein angesprochen wird, wenn sich an ihrem Finger kein Ehering zeigt.
Die Hippie-Bewegung hinterlässt ihre Spuren und beeinflusst junge Frauen zu wagemutigem Handeln. Sie verzichten auf Büstenhalter, dürfen nun sogar in der Schweiz wählen und gewählt werden. Hans schwärmt vom Minirock, der es der modernen Frau doch ermögliche, endlich der chauvinistischen Repression des weißen Mannes zu entkommen und sich selbst neu zu definieren.
Hans kennt sich hervorragend in der Weltpolitik aus und erzählt mir vom Militärputsch in der Türkei und von der Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate und deren Einfluss auf den Weltölmarkt. Er ist eloquent und witzig und sein Charme, der sich in den Grübchen hinter seinem Holzfällerbart breit macht, macht mich schwach. Wir werden ein progressives Paar, befreit vom Diktat der Werte der traditionellen christdemokratischen Familie.
Die Jahre verfliegen und im Jahr meines Universitätsabschlusses erzählt mir Hans begeistert von seinem Entschluss, nach Kanada zu gehen, um dort eine Stelle bei Greenpeace anzunehmen. Ich schlucke, doch angesichts der schlagenden Argumente eines Hans Jonas, komme ich nicht umhin, Hans zum Flughafen zu begleiten und ihm viel Glück zu wünschen.
Inzwischen habe ich Hans Jonas‘ Philosophie gelesen und verstehe das Prinzip Verantwortung seiner Umweltethik. Ich warte zwei Jahre auf Hans, schließlich ist er der Mann meines Lebens. In meinem Träum-Mal-Buch male ich mir eine feine kleine Familie zurecht, mit Kindern, die einmal zu starken, aufrechten und kritischen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen werden. Hans kennt meine Pläne nicht, denn ich möchte ihn in seiner Freiheit nicht einschränken.
Neun Jahre sind eine lange Zeit. Inzwischen besitze ich keinen Büstenhalter mehr, träume aber insgeheim vom Wonder-Bra, der ganz neu am Weltmarkt ist, vermutlich als sinnliche Antithese zur Emanzipationsbewegung. Hans kennt den Staatsstreich des Wonder-Bras noch nicht, der büstenhalterlose Studentinnen in die Ecke treiben will. Jetzt ist er weg.
Dass das Militär in der Türkei zum dritten Mal putscht, der Golfkrieg beginnt, dass zwei Erdbeben in Italien und Algerien Tausende Todesopfer fordern und Hunderttausende Obdachlose hinterlassen, interessiert mich in diesen Tagen nicht. Hans ist weg.
Ich laufe ins Bad und übergebe mich in das Waschbecken. Der Mund gehört ordentlich ausgespült. Im Spiegel erkenne ich den hässlichsten Menschen auf dieser Erde. Die mittlere Partie meines Gesichts leuchtet rot samt den großen feuchten Augen. Fettige Haarsträhnen hängen in das Gesicht und die ersten Fältchen wirken heute übermächtig. Ich berühre die ausgetrocknete Haut meines Gesichtes und fasse Mut. Kopf hoch, deute ich mir im Spiegel und versuche zu lächeln. Anna würde es zumindest so machen.
Im Bett öffne ich Annas Buch und beginne zu lesen:
„Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andre Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es. Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es.“3
Ich lese weiter, ohne gleich zu verstehen. Der Anfang ist klar und systematisch aufgebaut. Es scheint sich vordergründig um einen philosophischen Text zu handeln. Der Stil spricht mich an. Martin Bubers Sätze entbehren nicht einer gewissen Ästhetik. Sie sind wortmächtig und klingend und haben eine Sogwirkung auf mich.
1 Buber, S. 39.
2 Buber, S. 39.
3 Buber, S. 9.
Nach seinem Ichsagen – danach, was er meint, wenn er Ich sagt – entscheidet sich, wohin ein Mensch gehört und wohin seine Fahrt geht.4
Sie blickte um sich. Es war laut und niemand schien sein Gegenüber inmitten lichtabsorbierender Nebelschwaden wahrzunehmen. Die Beats brachen entlang der Lichterketten herab und dröhnten in ihren Ohren. Das Schlusslicht einer vorbeischwärmenden Gruppe Jugendlicher trat auf ihren Fuß. Die Gruppe war in die Tanzmenge eingetaucht. Eine geraume Zeit stand sie bereits am Rande der schwarzstählernen Bar, die sich zur gegenüberliegenden Raumseite erstreckte. Bärtige Barkeeper wirbelten ihre Cocktailmixer akrobatisch durch die Luft. Sie verfolgte das Geschehen, mal wurde sie von der Bar angezogen, mal von der Tanzfläche.
Dutzende, wenn nicht Hunderte Menschen tanzten, tranken und torkelten. Sie bestellte einen Apfelsaft, der Barmann schmunzelte in seinen Schnurrbart. Ein Junge bat sie um Feuer, sie konnte ihm keines geben.
Knall auf Fall begann eine Schaummaschine zu pumpen. Die gemachte Gischt tränkte die inhomogenen Köpfe, hinterließ triefende Locken und verlängerte Kinne zu spitzen, ziegenbärtigen Gebilden. Der Schaum haftete an ihren Haaren und fiel mitunter unbemerkt in die Plastikbecher, die sie zwischen ihren Fingern hielten und an welchen sie unersättlich nippten.
Ihre Oberkörperbekleidung, Hüften und Beine konnte sie nicht sehen, sog sich an der Haut an und zeichnete die darunterliegenden Muskeln ab. Man konnte nicht erkennen, ob sie noch etwas anhatten oder sich bereits nackt im Rhythmus wogten. Im schaumgetränkten Zustand vereinten sich sämtliche Stoffe mit der Haut. Sie standen allein, zu zweit oder in Grüppchen und machten den Eindruck, den beachtlichen Eintrittspreis für eine gute Investition zu halten.
Hedwig hatte den Preis bezahlt, weil sie jungen Menschen begegnen wollte. Leicht an die Theke gelehnt, ihre Füße fest in den Boden vergraben, den vorbeidrängenden Besuchern freundlich Platz machend, sah sie ihnen neugierig zu, wie sie emsig den Club durchwanderten. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte keine wiederkehrenden Muster in den Wanderungsströmen erkennen.
Da gab es Einzelne, die sich Richtung Tanzfläche durchkämpften, Zweier- und Dreiergruppen, die versuchten, hintereinander zu bleiben und möglicherweise die Theke im Visier hatten. Es gab an ihren Hotpants zupfende Mädchen, die mit erfrischend natürlicher Zielstrebigkeit ihre Verehrer an der Hand nach sich zogen, junge Burschen, die mittels konspirativer Teamarbeit einen Plan auszuhecken schienen – sie hatten wohl die Absicht, ein paar Mädchen anzusprechen, darin war sich Hedwig sicher.
Wo waren jene Singlemänner in bunt gemusterten Baumwollhemden mit weit geöffnetem Kragen, die beim Durchschlängeln auf dem Weg zu den Toiletten unbeirrt auf Tuchfühlung gingen, wie dazumal in den Siebzigern und Achtzigern?
Die meisten Besucher hatten viel getrunken. Hatten manche Drogen genommen? Sie versuchte herauszufinden, ob gedealt wurde, wie sie es öfters im Fernsehen gesehen hatte. Das Plaisir blickte auf eine jahrzehntelange Vergangenheit zurück, die nicht immer von Erfolg gekrönt gewesen war. Die Stadt war klein, man kannte sich und man vergaß nicht. In den Neunzigern war der Club, damals noch eine Diskothek, sogar für ein oder zwei Jahre geschlossen worden, wie Hedwig zu jener Zeit einmal in einer Lokalzeitung gelesen hatte. Sie konnte sich noch gut an den Tag erinnern, wohl eher noch an die Nacht, in der sie versucht hatte, Irmi die Flasche zu geben, während Bettina unerträglich lange und laut geschrien hatte.
Sie ging einen schmalen Gang entlang Richtung Toiletten, und als sie ein paar junge Mädchen vor einer über zwei Stufen erreichbaren, offensichtlich nachträglich eingebauten Türe warten sah, wusste sie, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie stellte sich hinter sie und wartete.
Plötzlich kam ein junger Bursche und gesellte sich zu dem langhaarigen Mädchen vor Hedwig. Die beiden lachten, schäkerten und liebäugelten miteinander, bestimmt kannten sie sich schon von früher. Das Mädchen zog ihr Smartphone heraus, setzte einen Kussmund auf, zog den Burschen mit ihrem Oberarm zu sich und schoss ein Selfie, das sie ihm gleich zeigte. Er war sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis, sie weniger. Das ganze Prozedere musste wiederholt werden. Beim vierten Versuch reichte es ihm und er zog eine selbstgedrehte Zigarette heraus, wie Hedwig sie als Kind bei ihrem Vater gesehen hatte, und zündete sie an. Nach zwei kräftigen Zügen lud er das Mädchen ein, daran zu ziehen. Wenig beeindruckt nahm es die Zigarette und zog intensiv daran, bis sich Rauch zwischen Backen, Zunge und Gaumen gesammelt hatte. Mittels aufeinander gepresster Münder wurde ein prächtiger Rauchaustausch vollzogen. Sie schienen verbunden in jenem Augenblick.
Die Tür zur Damentoilette öffnete sich, heraus kamen ein Junge und ein Mädchen, die Augen wässrig. Das Paar vor Hedwig machte sich gemeinsam auf ins WC und Hedwig fragte sich, was die beiden wohl darin machen würden. Erst knapp zehn Minuten später konnte Hedwig endlich die deutlich in Mitleidenschaft gezogene Spanplattentüre von innen verriegeln.
21.2.14 Ich liebe dich Noah. You can’t stop abortion. 31.10.2012 Forever zsamm! Am Horizont des Seins sehen wir die Zeit und mehr. Du Fok! Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat. Lena treibts mit Samuel. Steffi, u bitch! Call me: 0690 – 45342787 Frau. Macht. Politik! Sun of a pitch! Was wohl im Männerklosett stand?
Vieles war gleichgeblieben und dennoch hatte sich einiges verändert seit der Zeit, als sie in den Siebziger- und seltener auch in den Achtzigerjahren Diskotheken besucht hatte. Es tat ihr gut, zu beobachten, wie junge Menschen miteinander umgingen. Sie versuchte, so viel wie möglich in sich aufzunehmen.
Sie war bewusst ins Plaisir gegangen. Es war der bekannteste Club der ganzen Stadt. Sie wollte jungen Menschen begegnen. Felix, ihr Mann, war exakt vor drei Jahren und einem Tag an einem Herzinfarkt, seinem dritten, verstorben. Seinen ersten Bypass hatte er ein paar Monate vorher mit siebenundsechzig gesetzt bekommen.
Auf dem Weg zurück entdeckte sie ein stählernes Treppengerüst, das nach oben führte. Oben angekommen, befand sie sich auf einer kleinen Terrasse, die einen schönen Ausblick auf die Flusspromenade freigab. Um sie herum lauter junge Menschen, die sich angeregt unterhielten.
Ein Mädchen lehnte an der Wand, den Blick in die Ferne gerichtet. Ihre zierliche Statur bildete einen irritierenden Kontrast zu den violett gefärbten Haaren. Als Hedwig das Mädchen um eine Zigarette fragte, wandte es ihr den Blick zu, musterte sie ohne eine Miene zu verziehen und nickte nüchtern. Hedwig lächelte und während die Unbekannte ihr das Feuerzeug hinhielt, sahen sie einander in die Augen.
4 Buber, S.79.
Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du.5
Zwei Augenpaare trafen sich also und fanden sich auf Anhieb sympathisch, einfach so. Wie Recht doch Martin Buber gehabt hatte, 1923.
Felix fehlte …
„Das Plaisir hat kein Chillout, deshalb chillt die Masse hier draußen.“
Hedwig zog zaghaft an ihrer Zigarette, ihr wurde ein wenig schwindlig von dem Nikotin, das sich in den Atemwegen ausbreitete.
„Wie heißt du?“
„Magdalena, und du?“
„Hedwig. Nett dich kennenzulernen.“
Magdalena rollte eine Haarsträhne um den rechten Zeigefinger, die Zigarette hatte sie eben in den Gitterboden getreten.
„Voll krass analog das Plaisir. Panst du gerne hier?“
Hedwig verstand kein Wort.
„Kommst du öfters her zum Chillen?“
Sie musterte das Mädchen. „Ich bin heute zum ersten Mal da.“
„Krass, Alter. Du in diesem Laden.“
„Ja. Ich möchte jungen Menschen begegnen. Klingt wohl ein wenig eigen.“
Magdalena lachte kurz, die Alte war kinky. Sie besuchte den besten Club der Stadt, zahlte fünfundzwanzig Euro Eintritt – echt nicht aldi – und das nur, um ein paar Menschen kennen zu lernen. Das hätte sie doch woanders leichter haben können. Magdalena dachte sich einen mit vier eierlikörtrinkenden Damen besetzten Bridgeclub, eine Seniorenresidenz für ältere Menschen mit Klasse, Trauerweiden, die einen schönen Talblick freigaben, eine Tinder in den Schatten stellende Kennenlern-Plattform für over Sixties mit extragroßen Versend-einenBlumenstrauß-Buttons, das städtische Pflegeheim mit bulgarischen Pflegerinnen, das vom technisch versierten Großneffen reparierte Fernsehgerät zu Hause, das höhenverstellbare Bett mit Haltevorrichtung für Blasenkathetersäcke, das über die Begräbniskostenvorsorge selbst bezahlte Grab. Stopp.
Ein wenig schämte sie sich ihrer Gedanken. Sie begann, die Frau im eleganten schwarzen Kleid zu betrachten. Die Schuhe hatten bestimmt ein Vermögen gekostet. Aber was wollte sie hier?
Magdalena hingegen war ganz in schwarz gekleidet, ihren Leinenwickelrock zierten Totenköpfe. Hedwig musste sich daran erinnern, dass das für junge Menschen nicht ungewöhnlich war und das Schwarz nicht zwangsläufig auf einen Verlust im familiären Umfeld hindeuten musste. So waren auch Darstellungen diverser Knochenteile auf Kleidung und Accessoires keinerlei Hinweis auf nihilistisches Denken. Sie erinnerte sich, dass sie selbst nach Felix‘ Tod nur ein paar Wochen lang schwarz getragen hatte. Am helllichten Tag fand sie schwarz erdrückend.
Obwohl Magdalena sich stark zeigte, löste sie in ihrem Gegenüber doch Muttergefühle aus. Die mit dickem schwarzen Eyeliner umrandeten Augen funkelten intensiv.
Plötzlich wandte Magdalena ihren Blick hinter Hedwig. Diese drehte sich um und erblickte einen hageren Jungen. Es brach vorwurfsvoll aus ihm heraus: „Da bist du ja endlich. Lass uns snashen gehen, der Acid House kickt voll rein!“
