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Peggy Piepenkind lässt nach einer Touristik-Ausbildung ihre liebgewonnene, verschlafene Kleinstadt Lieblingswalde im Süden Brandenburgs samt Verlobtem zurück. Gepackt vom Reise- und Karrierefieber boxt sie sich weit weg von der Heimat durch schlechtbezahlte Jobs, Liebeskrisen, Vorurteile und Identitätsverluste. Während ihres Karrierehöhepunktes in New York City stellt ihr Verlobter Ronny mit dem Wunsch, nach Lieblingswalde zurückzukehren, ihr gerade neu programmiertes Großstadtleben auf den Kopf.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
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In Lieblingswalde allein zu Haus
Aufbruchstimmung
Verlobung zum Abschied
Von ganz Ost nach ganz West
Heimatlos
Junges Frischfleisch auf dem Arbeitsmarkt
Stopover in Berlin
Job-Hopping
East German Girl in NYC
Großstadtdschungel
Comeback zwischen Elbe und Elster
Kleinstadtgeflüster
Heeme
„Der Mensch bereist die Welt
auf der Suche nach dem, was ihm fehlt.
Und er kehrt nach Hause zurück,
um es zu finden.“
George Moore
In der alten Turnhalle roch es noch nach kaltem Schweiß, ausgekipptem Bier und der Vanille des Disconebels. Hausmeister Krause fegte gähnend den Plastikmüll und Tausende von Konfettischnipseln zusammen. Das Schulareal war inzwischen menschenleer. Mit viel Wehmut setzte ich mich auf die klebrige Bühne, auf der gestern noch meine rund Hundert feierwütigen Jahrgangskollegen den Lehrern zum Abschluss ordentlich einheizten. Der noch vor ein paar Stunden bejubelte neue Lebensabschnitt fühlte sich plötzlich befremdlich an. Verkatert und etwas geknickt öffnete ich die Hallentür zur allgemeinen Sauerstoffbelüftung. Im Morgennebel sah ich eine große Männersilhouette mit einer Reisetasche auf mich zumarschieren. Es war Tom Tiefental aus meinem Deutsch-Leistungskurs.
„Na Peggy, was machst du jetzt so allein in Lieblingswalde?“, rüpelte er mich mit einer Alkoholfahne an.
„Eine Ausbildung im Reisebüro. Nächste Woche geht es schon los“, antwortete ich stolz.
„Eine Ausbildung mit einem Abiturdurchschnitt von 1,7? In unserer Region?“
„Ja, warum nicht? Und du? Wo willst du hin?“
„Ich hau ab und geh zur Bundeswehr. Die meisten von uns sind sowieso bald weg“, brabbelte er in seinen Bart hinein und lief laut lachend weiter.
Ich sah ihm noch lange nach. Arroganter Schnösel, dachte ich. Ich kann bei meiner Familie bleiben und habe nach drei Jahren eine solide Ausbildung abgeschlossen. Das ist doch wie ein Sechser im Lotto. Nach den Aufräumarbeiten in der Turnhalle lief ich schnell nach Hause. Meine Eltern, mein sieben Jahre jüngerer Bruder und ich wohnten im Südkarree, einer Plattenbausiedlung direkt am großen Stadtpark von Lieblingswalde. Ich wühlte in meiner Abschlusstasche nach unserer Abizeitung und reiste melancholisch noch mal durch meine Schulzeit. Bei meinem Steckbrief verweilte ich:
STECKBRIEF
Name:
Peggy Piepenkind
Jahrgang:
Frühlingskind aus 1982
Wohnort:
Lieblingswalde (Brandenburg)
Schultyp:
Agiler Streber
Besondere Kennzeichen:
Starker Überbiss & polange Rapunzelmähne
Danach bin ich süchtig:
Bücher und Reisen
Meine Lieblingsklamotte:
Jeans und weite Kapuzenpullover
Ratschläge an die Jüngeren:
Der frühe Vogel fängt den Wurm
Ich in 5 Jahren:
Bester Reiseprofi in ganz Lieblingswalde
In mir stieg ein miserables Gefühl hoch. Angst und Zweifel fraßen sich in meine Bauchgegend. Mir wurde nicht nur vom vielen Pfeffi-Schnaps schlecht. Ich bekam Panik, in den nächsten Monaten der letzte junge Mohikaner von Lieblingswalde zu sein. In diesem Moment klopfte meine Mama an meine Zimmertür und ich fiel ihr in die Arme. Ohne ihr auch nur ein Sterbenswörtchen von meinem Gefühlszustand erzählt zu haben, flüsterte sie mir leise ins Ohr: „Sei nicht traurig. Sieh es mal so: Einer muss doch immer das Licht ausmachen.“ Sie tröstete mich und strich mir einfühlsam über meine straßenköter-blonde Haarmähne.
Nach der Probezeit und dem ersten selbst verdienten Geld verstärkte sich der Wunsch nach der ersten eigenen Bude. Gesagt, getan. Die kleine Einraumwohnung in einem Hinterhof mitten in der Stadt war nichts Besonderes. Für mich war es das schönste eigene Reich der Welt. Meine Mama schenkte mir zur Einweihung eine Mini-Single-Küche mit zwei kleinen Hockern. Sie wünschte sich schon lange einen schmucken Schwiegersohn und gab die Hoffnung nicht auf, dass auch der zweite Hocker bald in Dauerbetrieb genommen werden würde.
Am Wochenende litt ich zunehmend an Vereinsamung. Auch meine noch übrig gebliebenen Freundinnen machten sich mit dem beginnenden Wintersemester aus dem Staub. Wahrscheinlich kreisten sie grad auf einer megacoolen Studentenparty ihre Hüften, während ich mir auf meiner kombinierten Schlafcouch zum hundertsten Mal „Dirty Dancing“ anglotzte. Meiner Nachbarin blieb meine stets betrübte morgendliche Miene am Briefkasten nicht verborgen. Getreu dem Motto „Karneval und Tanzen bis in den Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“ schleppte sie mich mit zum Probetanztraining der Funkengarde von Tuffnitz nahe Lieblingswalde. Irgendwie tanzte ich mich als alte Hiergebliebene zwischen den jungen Schülerinnen in die Gunst der kleinen Dorfkarnevalgemeinde. Nach der Feuertaufe gehörte ich von Anfang an zu den Tuffnitzern. Der enge Zusammenhalt, die unentwegte Hilfsbereitschaft und die ungezwungene Herzlichkeit halfen mir über meine Einsamkeit hinweg. Die Prognose meiner Nachbarin, dass sich mein Single-Status beim Karneval ändern könnte, bestätigte sich bereits nach der ersten Karnevalssaison. Ronny Rauschenberger stand bei jeder Karnevalsveranstaltung am Tresen. Selbst bei den Eröffnungstänzen hielt er sich eisern an seinem Getränkekrug fest. Seine tiefhängende XXL-Hip-Hop-Hose, die herausblitzende weiße Boxershorts und der übergroße Kapuzenpullover waren zunächst alles, was ich durch die Scheinwerfer während meiner Tanzeinlagen mit direkten Blick zur Theke erblickte.
Am letzten Karnevalsabend nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Als das Licht um Mitternacht im Saal der Tuffnitzer Dorfkneipe anging und die DJ-Anlage verstummte, nahm ich all meinen Mut zusammen und quatschte ihn von der Seite an.
„Kleiner Tanzmuffel, was?“
„Ach weißt du, wer als Kerl tanzt, hat nur kein Geld zum Saufen“, konterte er.
„Oh, verstehe.“
„Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragte er mich.
„Ja, gerne.“
Während der Autofahrt quatschten wir über Gott und die Welt. Vor meiner Haustür knutschten wir bei laufendem Motor bis in die frühen Morgenstunden. Mit vielen bunten Schmetterlingen im Bauch und rosaroter Brille schlitterte ich diesen besagten Winter in mein erstes ernsthaftes Liebesglück.
Ronny Rauschenberger entpuppte sich als ein Musikfreak. Fast jedes Wochenende düsten wir von Party zu Party. Er war selbst DJ, liebte die Musik und war knapp zwei Jahre jünger als ich. Auf den ersten Blick waren wir doch ein sehr ungleiches Paar. Ich eher die Unschuld vom Lande und er der rebellische Draufgänger. Meine Eltern erkannten mich kaum wieder und beäugten unsere Liebelei zunächst äußerst skeptisch. Meine Schwiegereltern in spe hingegen umgarnten mich als vernünftige Schwiegertochter umso mehr. Ich war verliebt bis hinter beide Ohren. Wie Bonnie und Clyde heizten wir mit seinem neuen Golf durch Lieblingswalde und den gesamten Süden Brandenburgs.
Getreu meines Steckbriefes in der Abizeitung kniete ich mich ehrgeizig in die Ausbildung rein, um der beste Reiseprofi in ganz Lieblingswalde zu werden. Die Ausbildungsjahre vergingen und auch bei uns zog schon bald der Paaralltag ein. Der Kontakt zu meiner alten Schulclique brach nach und nach ab. Jeder lebte in seiner eigenen Welt. Mein Reisebürojob machte mir Spaß, aber die VIP-Reiseanfragen hielten sich eher in Grenzen. Die meisten Kunden wollten einfach nur billig in die Sonne. Als die neuen Winterkataloge kamen, nahm ich mir ein paar Fernreisekataloge mit nach Hause und studierte die Preistabellen. Ich interessierte mich immer mehr für die Preiskalkulation und den Einkauf der Reiseleistungen. Wie gerne würde ich mal bei einem großen Reiseveranstalter Mäuschen spielen. Ronny fuhr wie jedes Wochenende auf Party. Seit ein paar Monaten blieb ich zu Hause und wartete bis spät in die Nacht auf ihn. Bei mir hatte es sich inzwischen ausgetanzt. Es war sowieso immer das Gleiche: Freitag – DVD-Abend, Samstag – Kumpels abholen, Vorglühen im Auto, Party bis spät in die Nacht, Sonntag – Ausschlafen und rumgammeln und Montag wieder zur Arbeit. Allmählich spürte ich den Drang nach Veränderung. Mir fiel die Decke in Lieblingswalde auf den
