Heil Kadlatz - Paul Westheim - E-Book

Heil Kadlatz E-Book

Paul Westheim

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Beschreibung

"Kadlatz hätte nicht Berliner Portier sein müssen, wenn es ihn schließlich nicht doch herausgetrieben hätte aus seiner Loge, um zu sehen, was los war. Es gehörte ja sozusagen zu seinen beruflichen Obliegenheiten zu wissen, was im Haus, vor dem Haus und um das Hausherum vor sich ging." Paul Westheims satirischer Klassiker "Heil Kadlatz", 1936 als Fortsetzungsroman im "Pariser Tageblatt" erschienen, erzählt in rasantem Tempo den aufhaltsamen Aufstieg des Nationalsozialismus am Beispiel des ehrgeizigen Hausmeisters Kadlatz, der buchstäblich über Leichen geht, um am Ende selbst unter die Räder zu geraten: Westheim zeichnet in spannungsreichen, von ironischen Spitzen sprühenden Szenen ein von Großmannssucht, Spießbürgerlichkeit und Selbstgerechtigkeit grundiertes Berliner Sittenbild um 1933, das ein pointiertes Erklärungsmuster für das "neue" Deutschland bot - und Hoffnung auf das baldige Ende des Nationalsozialismus weckte.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Paul Westheim

Heil Kadlatz!

Paul Westheim

HEIL KADLATZ!

Der Lebenswegeines alten Kämpfers

Herausgegebenund mit einem Nachwortvon Christian Welzbacher

Inhalt

Heil Kadlatz!

Christian Welzbacher Nachwort

Anmerkungen

Weiterführende Literatur in Auswahl

Editorische Notiz

»Een Spion! Vater, een englischer Spion in unsere Straße«, aufgeregt stürzte Gustav in die Portierloge.

Herr Kadlatz, Portier eines hochherrschaftlichen Hauses am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf, war gerade vertieft in eine der Broschüren, die jetzt in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch massenweise verbreitet wurden. Es war darin das Ende des englischen Weltreichs prophezeit, das man von der Flankenseite aus nur aufzurollen brauchte. Die Flanke sei Indien. Mit Hilfe der Türken werde man sich des Suezkanals bemächtigen, der Schlüsselstellung nach Indien. Wenn man nach Niederwerfung der Russen dann auf dem Landwege nach Indien marschiere … Und so. Unwillig über die Störung herrschte Kadlatz den Jungen an: »Doofkopp. Von wejen Spion. Jroßer Bengel, der uf Ostern injesejnet werden soll, un lässt dir von alle Welt verkohlen.«

»Jar nich verkohlen. Hast doch selber in de Loge ein Plakat zu hängen: Achtung Spione!«

In der Tat verzierten die Loge des Herrn Kadlatz ein paar jener Plakate, die in patriotischem Eifer von amtlichen und nichtamtlichen Komitees gedruckt und in allen öffentlichen Lokalen zum Aushang gebracht worden waren. »Pflanzt Sonnenblumen. Ölgewinnung aus Sonnenblumen!« »Werft keine Obstkerne fort. Deutsches Fett aus Obstkernen.« »Achtung Spione! Mund zu, Augen auf. Bürger seid vorsichtig im Gespräch. Deutschland wimmelt von Spionen, die Euch aushorchen wollen. Jede Nachricht kann dem Feind dienen.«

Dass Deutschland von Spionen wimmelte, war selbstverständlich auch die Ansicht von Herrn Kadlatz. Alle Zeitungen waren voll davon und alle Welt war bemüht, durch immer neue Geschichten die Spionagepsychose zu nähren. Man hörte von geheimnisvollen Goldautos, die durch Deutschland rasten, um Gold aus Frankreich nach Russland zu bringen … Von der Wasserleitung in Nürnberg, die die Franzosen mit Cholerabazillen verseucht hätten. Das war sogar amtlich geschwindelt. W. T. B. oder so. Von Sprengkörpern, die man unter Eisenbahnbrücken gefunden habe usw. So war er selbst ja auch Mitglied eines freiwilligen Bahnschutzes geworden, der seine Aufgabe darin sah, Bahnübergänge, Brücken usw. gegen heimtückische Anschläge zu sichern. Was umso erfolgreicher gelang, da von niemandem auch nur der Versuch gemacht wurde, dem Bahnübergang von Wilmersdorf oder Schmargendorf ein Leid anzutun. Da Kadlatz gedienter Mann war, hatte man ihm sogar eines der wenigen Gewehre anvertraut, über die man verfügte. Modell 98, mit dem die Truppen ins Feld zogen, war es freilich nicht, sondern ein ganz veraltetes Ding, mit dem man wohl überhaupt nicht mehr schießen konnte. Immerhin, wie es so in der Ecke der Loge stand, machte es doch einen Ehrfurcht gebietenden Eindruck. Kadlatz konnte sich damit als wehrhafter Mann vorkommen, und wenn er gar, das Gewehr geschultert und die schwarz-weißrote Armbinde des freiwilligen Bahnschutzes umgebunden, durch die Straßen marschierte, imponierte er sich selbst.

Wenn er den Jungen ob seiner Spionenmeldung anschnauzte, so eben weil ihm als Vater und Portier Anschnauzen zur zweiten Natur geworden war. Vor allem aber, weil ihn die Bierbankphantasie jenes politisierenden Broschürenschreibers im Augenblick weit mehr interessierte. Der Spion hätte sich zu einer passenderen Zeit entdecken lassen sollen. Gerade hatte er mal einen Moment Ruhe, das heißt: es hatte sich niemand in der Loge eingefunden, mit dem er die Tagesereignisse zu bequatschen gehabt hätte, und da kam der Junge mit seinem Spion angelaufen. »Am Hohenzollerndamm een Spion —?!«, brummelte er. »Jeh man lieber runter nach die Heizung und schlack den Ofen aus.«

»Wahrhaftig wahr«, beteuerte der Junge. »Die Schmidten von Nr. 201 hat ihn entdeckt. Aus dem Eckhaus am Emser Platz hat er jeden Abend Pinkelzeichen jejeben!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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