Heimat - August Schmölzer - E-Book

Heimat E-Book

August Schmölzer

0,0
18,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In St. Vinzenz in der Südweststeiermark ist das Leben der Menschen von Landwirtschaft und Kirche geprägt. Die Bewohner stellen sich der bedrückenden Last der Vergangenheit und trotzen dem harten Alltag mit Mut und Humor, kleine Missgeschicke werden zu gewaltigen Herausforderungen und große Probleme lösen sich unerwartet einfach. Rund um die alte Bäuerin Franziska Klug und den pensionierten Gendarmen Josef Sudi erzählt August Schmölzer eine mitreißende Geschichte über das Leben, die Liebe und das Überwinden von Hindernissen. Und darüber, dass auch im Kleinen das Große entstehen kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



August Schmölzer

Heimat

Roman

»Heimat« ist eine semi-fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Geschehnissen wären naturgemäß rein zufällig.

www.editionkeiper.at

© edition keiper, Graz 2024

1. Auflage Oktober 2024

literatur nr. 158

Layout und Satz: textzentrum graz

Covergestaltung: Karin Kröpfl, Robert Fimbinger

Coverfoto: AdobeStock

Autorenfoto: moving-stills.at, Maximilian Mandl

eISBN 978-3-903575-36-3

ISBN PRINT 978-3-903575-21-9

Inhalt

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

Nachtrag

1

Die Wolken bewegen sich aus allen Himmelsrichtungen wie Panzer auf St. Vinzenz zu. Ein Gewitter im Mai, ein ungewöhnliches Schauspiel für einen Städter wie Josef. Sturm kommt auf. Lena, die dreifärbige Glückskatze, schnappt nach tief fliegenden Insekten. Blitz und Donner.

»Das kommt schneller als man schauen kann«, sagt Frau Klug, die Besitzerin der Keusche vulgo Sommerhansl am Moastakogl in St. Vinzenz. Daneben sitzt Josef Sudi, neuerdings ihr Mieter. Sie sitzen am Frühstückstischchen im Garten, mit Blick auf St. Vinzenz. Die Bewohner des beschaulichen Ortes erwachen gerade bettwarm und unschuldig um diese frühe Zeit des Tages.

»Es wird ernst«, sagt Frau Klug, »vielleicht Hagel? Über die Koralm treibt’s den Hagel vom Osten her. Er geht über die Štajerska nach Italien, dann bekommen ihn die Katzelmacher ab.«

»Erstaunlich«, sagt Josef.

»Jo, jo, bei uns ist viel erstaunlich.« Frau Klug lächelt. Josef leert seine Tasse. Sie packt das Frühstücksgeschirr auf ein Tablett und eilt ins Haus. Lena folgt ihr, sie hofft, dass vom Frühstücksspeck etwas abfallen wird, das ist allemal besser, als Insekten zu fangen.

Josef Sudi möchte ihre Keusche auf Leibrente übernehmen. Frau Klug hat keine Verwandten. Sie braucht aber jemanden, auf den sie sich verlassen kann, wenn sie einmal krank wird, jemanden, der das Erbe nicht zur Spekulation nutzt. Seit der Zusammenlegung von Süd- und Weststeiermark und einer gewaltigen Tourismusoffensive sind die Preise für Grundstücke und Keuschen wie ihre explodiert. Sie hat in der Landwirtschaftszeitung mit einem Code inseriert. Niemand, der ihr nicht geheuer war, konnte Kontakt zu ihr finden. Ihr Mann Pepi war aus Ptuj, der ehemaligen Untersteiermark, jetzt Štajerska1. Er ist vor Jahren schon verstorben. Für Frau Klug mit ihren neunzig Jahren ist es nun höchste Zeit, sich um ihre Zukunft, um ihr Wohl zu kümmern.

»Auf die Leut in Vinzi brauchst dich nicht verlassen«, warnt sie Pepi, ihr verstorbener Mann, mit dem sie Zwiesprache hält. Erbschleicher aus St. Vinzenz versuchen schon lange, Frau Klug den Hof mit windigen Versprechen abzuluchsen.

»Ich geb lieber alles einem Wiener Rechtsanwalt, der euch die Wadln viri richt2«, schimpft die alte Frau, »aber sicher nicht dem ausg’fressenen Erbschleichergesindel von Vinzi. Und Frau will ich sowieso keine, ich bin selbst eine, danke, da kenn ich mich aus.«

»Den Gendarm nimmst, moje srce – mein Herz!«, hat ihr Pepi geraten.

Josef ist 58 Jahre alt, Kriminalbeamter des Landesgendarmeriekommandos Steiermark im Ruhestand und geschieden. Foto liegt bei. »Habe großes Interesse.«

Frau Klug lernte ihn kennen. »Wenn Sie interessiert sind, dann mieten Sie sich für eine Zeit bei mir ein. Dann sehen wir schon, ob wir zwei miteinander auskommen.«

Ein neues Leben, freute sich Josef. Eigentlich wollte er schon nach der unseligen Polizeireform seinen Job an den Nagel hängen, aber er hat bis zum erstmöglichen Pensionstermin durchgehalten. Er atmet tief ein, verschränkt seine Arme hinter dem Nacken. Die ersten Regentropfen platschen auf den Tisch.

»Wie schön es hier ist. Hier werde ich in Frieden alt, das spüre ich.«

Seit einiger Zeit träumt er wieder vom Tod. Kaum schläft er, wacht er verschwitzt auf. Dann kommt die Angst. Seine verstorbenen Eltern fordern von ihm im Traum, wie schon so oft, Mut. Mehr Mut zum Leben. So bleibt ihm über den Tag eine gewisse Unsicherheit. Mit Frühlingsbeginn ist er von Graz zu Frau Klug nach St. Vinzenz gezogen. Ins Schilcherland, an der Scheide der West- zur Südsteiermark, Richtung Kärnten, kurz vor Slowenien. Frau Klug findet ihn spürbar sympathisch.

»Bei einem Polizisten bist du sicher, moje srce«, meinte Pepi.

»Josef«, ruft Frau Klug aus dem Fenster, »Mairegen macht zwar schön, aber ab einem gewissen Alter hilft’s nix mehr! Herein mit Ihnen, sonst werden Sie nass!«

Es tut Frau Klug gut, wieder für jemanden da zu sein. Und ihm ebenso. Frau Klug ist klein, untersetzt, hat einen Damenbart auf der Oberlippe. Aus einem faltigen Gesicht strahlen zwei haselnussbraune, wache Äuglein. Sie hat die Eigenschaft, wenn sie etwas auf dem Herzen hat oder nervös ist, leise vor sich hinzusummen, bevor sie damit herausrückt. Steht sie inmitten einer blühenden Wiese, mit ihrer vielfärbig geflickten Kittelschürze, und bewegt sich nicht, verschwimmt der Anblick zu einem einzigen Farbenmeer. Ihre grauen Haare hat sie zu einem Zopf geflochten, zu einem Kränzlein gedreht und sich am Hinterkopf aufgesteckt. Sie trägt gerne Kopftuch. Trotz ihres Alters ist sie wendig und hell im Kopf. Viele ihrer Altersgenossen haben sie schon Richtung Friedhof verlassen.

»Wissen S’, Herr Josef, um den einen ist es schade, um die andere wieder weniger. Ich bin halt eine Übriggebliebene«, lacht sie. »Wenn der Herrgott will, dann weg mit mir, ich bin bereit, soll mir recht sein, hab mir nichts vorzuwerfen, Pepi wartet, gelt?« Sie lächelt in den Himmel: »S teboj sem, draga moja, moje srce, in ti z mano za vedno. – Ich bin bei dir, meine Liebe, mein Herz, und du bei mir, für ewig.«

Blitze schießen sich auf das Hügelland ein und es donnert gewaltig. Der Regen wird satter.

»Ich habe so ein Schauspiel in der Stadt nie bewusst wahrgenommen«, staunt Josef.

»Herein mit Ihnen ins Trockene, zum Teufel noch einmal!«

»Ja, ja«, ruft er folgsam zurück und läuft los, obwohl er das Gewitter gerne im Freien erlebt hätte.

»Ich hab heut in aller Früh Schwammerln gefunden, Mai-Ritterlinge. Die gibt es zu Mittag«, ruft sie ihm freudig entgegen, als er in die Wohnküche kommt. »Die wachsen unter meinen Zwetschkenbäumen.«

Sie zeigt ihm die weißgrauen Pilze. »Riechen Sie?«

»Die duften nach … Anis?«

»Anis, ja, ja«, lacht Frau Klug, »so riechen die nur hier bei uns!«

»Und wie verkochen Sie die?«

Als hätte sie darauf gewartet, legt sie los. »Gehackte Zwiebeln in Schweineschmalz anrösten, Speck, Knoblauch und grob geschnittene Pilze dazu, zwei Eier drüber, Salz, Pfeffer, Petersilie, fertig. Dazu Röhrlsalat – mögen Sie Löwenzahn? –, mit Mostessig und Rapsöl, rohe Schwammerl dünnblättrig drüberschneiden, Mahlzeit.« Sie lacht und freut sich über seinen erstaunten Blick.

»Was für ein Wunder«, sagt er, »die Natur«, und denkt dabei an sie.

»Das Kochen hab ich von meiner Mutter gelernt und die von ihrer, und so weiter.«

Sie beobachten vom Fenster aus gemeinsam das Gewitter.

Die Wolken reißt es hin und her, als scheuchten geile Teufel anlassige Engerl über das Firmament. Josef erschrickt, dass dieses Naturschauspiel in ihm sexuelle Bilder erschafft.

»Gott sei Dank«, sagt Frau Klug, »kein Hagel, das wär für die Weintriebe schlimm.«

Josef starrt in den Regen. Die Wipfel der großen Fichten im nahen Keuschenwald biegen sich im Wind, ohne zu brechen. Das zu mähende Heu wogt, als würde man Bilder davon rasch mit dem Daumen wie ein Daumenkino durchrattern. Der Ort St. Vinzenz ist durch einen Regenschleier nur zu ahnen. Die Gewitterfront steht bedrohlich über dem südweststeirischen Schilcherland.

Frau Klug bewohnt seit Josefs Einzug nur noch ein Zimmerchen der Keusche. Wohnküche und Bad nutzen sie gemeinsam. Das alte Plumpsklo hinter dem Haus benutzt Frau Klug lieber als die Wassertoilette im Haus. »Da nehm ich mir meine Zeitung, lese in Ruhe die Neuigkeiten und wisch mir dann den Arsch damit aus.«

»Wenn man vorher immer wüsste, was falsch oder richtig ist«, murmelt Josef, mit seinen Gedanken weit weg.

»Das spielt’s nicht«, hakt Frau Klug ein. »Entweder es passt oder es passt nicht, aus die Maus. Es gibt immer ein Morgen und eine Möglichkeit. Das Lebenstaxi kommt, man steigt ein oder nicht. Irgendwann kommt’s nächste.«

Er nickt zustimmend. Lenas Napf ist gefüllt mit Speckabfällen. Ihr sind sowohl das Gewitter als auch Josefs Nabelschau scheißegal.

  1Štajerska: ehemalige Untersteiermark, gehört seit dem Zweiten Weltkrieg zu Slowenien.

  2Wadln viri richten: jemandem zeigen, wo es lang geht.

2

Nach einem faulen Tag und einem ebenso entspannten Abend mit zu viel Schilcher3 hatte Josef eine unruhige Nacht. Das Gewitter wütete heftig über dem Schilcherland. Es kreiste in die Štajerska hinein, retour über das Kärntnerische, bis es sich über St. Vinzenz mit einem kräftigen Schauer entlud.

Josef träumte wieder vom Tod, wieder erschienen ihm seine Eltern und forderten Mut von ihm, mehr Mut zum Leben. Und wieder erwachte er, wie schon so oft, verschwitzt vor Angst, und das Gefühl von Unsicherheit war in den Tag hinein stärker als sonst.

Er schleppt sich unausgeschlafen zum Frühstück in den Garten. »Guten Morgen, hab ich Kopfweh!«

»Morgen«, sagt Frau Klug. »Mag sein das Gewitter, zu viel Schilcher.« Sie lächelt. »Frische Luft wirkt Wunder, junger Mann.«

Frau Klug haben Gewitter und Schilcher offensichtlich nichts ausgemacht.

»Ich liebe das«, sagt sie lachend. »A Gewitter ist der Sex des Himmels.«

»Ja, ja, die Natur«, murmelt Josef.

Lena will endlich fressen, sie schreit, als müsse sie verhungern. Frau Klug schlurft mit nackten Füßen über die regennasse Hofwiese. »Ist gut für die Durchblutung, gegen Schweißfüße, Fuß- und Nagelpilz.«

Der Himmel ist wie aufgekehrt, wolkenlos blau. Die Morgensonne hat Kraft.

»Der Regen war Gold wert, Herr Josef. Die große Hitze der letzten Zeit ist vorbei und die Morgenfrische tut allem gut. Net?«

»Ja, ja, da haben Sie wohl recht«, brummt er.

Sein Kopf dröhnt, er kann nicht reden, will aber auch nicht zuhören, Ruhe, einfach nur Ruhe, schlafen.

»Heut gibt’s Kernölschmölzi, das ist eine Eierspeis mit Kernöl«, jubelt Frau Klug.

Josef nickt unwissend. »Ich will nicht unhöflich sein, aber danke, ich kann noch nichts essen.«

»Ach was«, sagt sie, ohne auf seinen Einwand zu hören. »Kernölschmölzi stärkt die Manneskraft und ist heut für Sie die beste Medizin.«

Frau Klug stemmt dabei ihren rechten Unterarm nach oben und macht eine Faust.

»Die meisten machen das falsch und dann ist das Schmölzi bitter«, grummelt Frau Klug, während sie das dampfende, gusseiserne Eierspeis-Reindl auf das Tischchen im Garten stellt. »Essen Sie, sie muss heiß und noch ein bissl flüssig sein.«

Lena schreit wie am Spieß, ihr fehlt der Speck.

»Wissen Sie, wie das geht?«

»Nein«, murmelt er, »ich … aber Sie werden es mir sicher …«

Am liebsten würde er ins Haus. Aber schon legt sie los: »Zuerst die Eier lang mit der Gabel in einem Häferl in eine Richtung aufschlagen, damit Luft drunter kommt. – Jetzt essen Sie schon«, fordert ihn Frau Klug wieder auf.

Josef nimmt ein Stück geröstetes Schwarzbrot und tunkt es in das glibberige, grüngelbe Soßenetwas.

»Schweineschmalz erhitzen, Eier eingießen, mit der Gabel durchziehen, ein Schuss frisches Kernöl drüber, gehackte Petersilie, Salz, Pfeffer und fertig ist das Ganze. Und, schmeckt’s?«

»Ja, danke, etwas ungewohnt, aber es schmeckt wirklich gut!«

»Im Vinzi-Gemeindekochbuch steht, dass man zuerst das Kernöl in die Pfanne geben muss. Deppen! Dann wird’s bitter. Kennen Sie Kernöl? Das grüne Gold der Steiermark«, sagt Frau Klug stolz.

»Ja, ja, kenn ich, dem kann man in der Steiermark ja nicht entgehen. Bei uns ist ja alles grün. – Haben wir heute Nachmittag nicht den Termin beim Notar, um den Leibrentenvertrag zu unterschreiben?«, fragt Josef.

»Jo, jo, dann übernehmen Sie mit allen Rechten und Pflichten, junger Mann. Sie brauchen Kraft dazu, also essen Sie schön auf, sonst gibt’s schlechtes Wetter!«

»Ach ja, ich hab ein Geschenk für Sie.« Josef zieht ein Kuvert aus seiner Hosentasche. »Das ist der Auszug aus der Gendarmerie-Chronik von St. Vinzenz um 1902. Ich sammle das.«

Er schiebt es ihr über den Tisch.

»Was ist«, fragt sie, »wollen Sie nicht vorlesen?«

»Gern.«

»Infolge des ausgedehnten Weinbaues«, beginnt Josef, »sind die Einheimischen von St. Vinzenz dem Trunke nicht abhold. Dann sind sie aggressiv und rauflustig, welches auch der dort angebaute Schilcherwein befördert. Auch ist die Bevölkerung hinterlistig und trägt ihre wahre Gesinnung nicht offen zur Schau. Sie fühlt sich fortwährend unschuldig. Mit Ausnahme der Knechte und Mägde ist die Bevölkerung im Allgemeinen wohlhabend. Auch wird die Jagd und Fischerei gepflegt, wobei es immer wieder zu Wilderei und Schwarzfischen kommt.«

»Es hat sich eigentlich nichts verändert«, meint Frau Klug, als er fertig ist, und nimmt einen morgendlichen Schluck Schilcher. »Prost, auf die Leibrente!«

Obwohl es Josef eindeutig zu früh ist, nimmt er sein gefülltes Glas auf und sie stoßen zur Feier des Tages an.

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Frau Klug. Prost! Ihr Schilcher ist wirklich etwas … wirklich … ganz Besonderes. Nur um die Zeit …«

Nachdem sich sein Gesicht etwas verzogen hat, entkommt ihm ein heftiger Rülpser. »Entschuldigung!«

»Sehr gut«, lobt Frau Klug, »dann geht es Ihnen schon wieder besser«, und rülpst ebenfalls tief und laut. Sie lachen.

»Jetzt essen Sie aber auf, bevor’s kalt wird«, sagt sie.

Und er tut wie befohlen.

»Richtig essen und trinken ist nicht jedermanns Sache, aber als Sommerhansl-Bauer brauchen Sie das in Zukunft, das werd ich Ihnen schon noch beibringen. Zu Kernölschmölzi gehört Schilcher, punktum.«

Sie setzt das Glas ein zweites Mal an. »Prost, dass die Gurgl net verrost!«4

Lena trollt sich ins Haus, vielleicht findet sie dort etwas Fressbares im Napf.

Ein Schluck gibt den anderen. Schilcher gestern, Schilcher heute, Schilcher für immer, denkt Josef, o Gott.

»Was?«, fragt Frau Klug.

»Ach, könnte ich meinen Kopf einfach ausschalten.«

»Das kenn ich«, wiegelt Frau Klug ab. »Alles was sich an Dreck in Seele, Herz und Hirn ansammelt, muss raus, da hilft nichts, also Herz und Hirnkastl aufsperren und durchlüften!«

»Wissen Sie, Frau Klug, meine Frau wollte nicht aufs Land. Sie hat einfach keinen Sinn dafür. Dabei ist die Steiermark doch wunderschön, oder?«

»Wenn es nur nicht so viele Steirer gäb«, ergänzt Frau Klug.

Sie lachen.

»Warum haben Sie Ihr Leben nicht schon früher geändert?«

»Angst? Zu feig? Zu faul?«, antwortet Josef. »Sie hatte ein Verhältnis mit einem Kollegen, das wusste ich schon lange … ich hab die Scheidung zu spät verlangt. Punkt und Ende. Dabei war ich ihr nie untreu. Wie auch immer, sie hat nicht einen Moment um uns gekämpft.«

»Und Sie?«, hakt Frau Klug nach.

Josef schiebt das Glas von sich, er spürt, wie ihm der Alkohol zu Kopf steigt.

»Wir hätten nie heiraten sollen. Wir haben einfach nicht zusammengepasst. Ich hab es mir eingebildet und Einbildung ist auch eine Bildung. Wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn jemand Ich liebe dich sagt, aber man spürt das Gefühl nicht dazu?«

Er nimmt mutig den letzten Schluck, inzwischen ist der Krug Schilcher nämlich leer. Jetzt ist das auch schon egal, denkt er.

»Ich muss mich ausruhen«, sagt Frau Klug. »Das war doch etwas zu früh, etwas zu viel, ich werd alt«, meint sie lachend. »Früher, da konnte ich … früher … ach früher … lassen wir das, moje srce«, seufzt sie lächelnd himmelwärts.

»Am Nachmittag brauchen wir für den Notar klare Köpfe. Stellen Sie das Frühstücksgeschirr bitte in die Küche, und vor allem: Schlafen Sie sich aus.«

  3Schilcher: der spezielle Rosé-Wein der Weststeiermark.

  4Dass die Gurgl net verrost: damit die Kehle nicht rostig wird (Trinkspruch).

3

Das Wetter zu Ostern ist für die Buschenschänken immer ein Gradmesser für den Verlauf eines Geschäftsjahres. Am Palmsonntag hat es geschneit. Pfarrer Schwintzerl wollte endlich einmal, wie Jesus in Jerusalem, mit einem Esel in St. Vinzenz einreiten, aber der Schnee hat es verhindert. Seine Köchin Reserl hätte den Esel führen sollen. So haben sie tagelang umsonst geübt.

»Ein schlechtes Omen«, prophezeite Frau Klug. »Das verheißt nichts Gutes fürs Jahr. Aber man muss es nehmen, wie es kommt. Die Zeiten ändern sich gewaltig. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Wo wird das noch hinführen mit der Welt«, sinnierte sie.

Am Karsamstag gab es Raureif und Straßenglätte, die katholischen Weihfleischsegnungen mussten entfallen. Viele St. Vinzenzer segneten sich gegenseitig ohne geistlichen Beistand. Frau Klug segnete Josef und Josef Frau Klug, danach aßen sie Schinken mit Kren, Osterkrainer5, Eier, von Frau Klug selbst gebackenes Weißbrot mit extra Rosinen für Josef, und sie tranken dazu Schilcher, wie es seit Ewigkeiten in der Weststeiermark Tradition ist.

Die erlaubten Osterfeuer waren unbrennbar und erst Wochen darauf waren sie trocken genug, um abgebrannt zu werden. Die elektrischen Osterkreuze, die immer größer, farbenprächtiger und ausufernder wurden, hatten Wackelkontakte und die Glühbirnen platzten im Frost.

Anfang Mai wurde es Gott sei Dank nicht nur wärmer und das Jahr kam in die richtige Spur, es wurde auch die Tourismussaison in St. Vinzenz und der ganzen Südweststeiermark eröffnet, und die Jagd begann.

Überall in den Wäldern um St. Vinzenz lärmt es von frühmorgens bis spätabends. Hauptsache Weidmannsheil! Die Büchsen knallen und die Rehe schrecken, nicht nur weil sie sich fürchten, sondern auch weil der Geschlechtstrieb einschießt. Ihr Ruf klingt wie ein Bellen.

Und überall Menschen! Ob Jäger oder Touristen – alle sind überdreht, sie schreien lauthals, werfen ihren Abfall weg und trampeln über Blumenwiesen. Färbig angezogen schnaufen sie laufenderweise oder mit ihren Fahrrädern durch den Wald und stören so Wild und Einheimische.

»Das Gesindel macht uns den ganzen Wald krawutisch6«, schimpft der alte Max auf der Sitzung der neu gegründeten national-traditionellen Partei Wir sind das Schilcherland von St. Vinzenz. »Es geht um unseren Schilcher, um unsere Tradition, die unsere Väter aufgebaut haben«, schwört Max die Zuhörer ein. »Wer kümmert sich denn um unser Schilcherland? Keiner. Die Südsteiermark frisst die Weststeiermark und wir, das Schilcherland, schauen durch die Finger!«

Das Tankstellen-Tschecherl, wie man die Bar an der einzigen Tankstelle neben dem kleinen Supermarkt von St. Vinzenz nennt, ist brechend voll. Das Tschecherl ist der letzte Platz für St. Vinzenzer, die ihre Hoffnungen und Träume verloren haben. Hier können sie sich für einige Stunden mit viel Alkohol von der brutalen Welt draußen erholen.

Die Leute jubeln, sie sehnen sich nach jemandem wie Max, der geradeheraus sagt, wo der Bartl den Most holt.7 »Gern würd ich einem Tourismusdeppen einmal den Arsch mit Sauborsten spicken!« Alle lachen und applaudieren.

Der Tourismus-Zusammenschluss von Süd- und Weststeiermark durch die Landesregierung empört nicht nur viele weststeirische Weinbauern, sondern auch einfache Bürger von St. Vinzenz. »Ich bin da geboren«, schimpft Max. »Sollen wir auf unsere alten Tage noch umlernen? Ich bin und bleib Weststeirer!«

Max ist zugleich auch Hegemeister des Jagdbezirkes und Obmann des Kameradschaftsbundes. Dass er nebenbei auch leidenschaftlicher Hofschlachter ist, verschweigt er manches Mal schamhaft. Viele meinen, er sei ein Rechter, was das auch immer heißt. »Ich bin national-traditionell«, sagt er über sich.

Er liebt Traditionen wie viele St. Vinzenzer, die sich am Althergebrachten festhalten. Damit fühlen sie sich sicher. »Und wenn einer denkt, dass das rechts ist, dann bin ich halt rechts, das ist mir wurscht. Ich lass mir von niemandem nicht sagen, was ich zu tun hab. Egal aus welcher Windrichtung!«

Mit getrockneten Sauborsten anstatt mit Bleischrot stopft auch Frau Klug, die ebenfalls leidenschaftliche Jägerin ist, manche Patrone.

»Wenn einer beim Einbrechen, beim Wildern oder Ruanstoanvasetz’n8 erwischt wird, schießt man ihm so eine Ladung in den Arsch. Das tut saumäßig weh. Das Sitzen geht dann eine Zeit lang nicht! Es ist aber nicht lebensgefährlich. Die Sauborsten eitern mit der Zeit heraus. Es kann auch passieren, dass bei einem Dirndl ein Fremder fensterlt9, der bekommt dann vom Freund eine Portion Sauborsten verpasst.«

»Das ist ja wie im Wilden Westen«, sagt Josef erstaunt.

»Natürlich ist das nicht erlaubt«, erwidert Frau Klug lachend. »Aber es gibt Gesetze, die nicht niedergeschrieben sind. Wilderer bekommen auch Sauborsten, aber in Richtung Kopf. Schrot ist für solche Verbrecher zu teuer.«

Max erklärt seinen Getreuen, wie er die Lage sieht. Denn seiner Ansicht nach kann es nicht sein, dass die Touristen die gemähten Wiesen auf dem Weg zu den Buschenschänken überrennen und überradeln. Die Kleinbauern müssen ihre Wiesen zweimal im Jahr mähen, weil sich Kühe, Schafe und Ziegen nicht mehr rentieren. Danach müssen sie das Gras auf eigene Kosten entsorgen, während die reichen Buschenschänken nichts dazuzahlen, aber Länge mal Breite verdienen.

»Das haben wir von unserer depperten Hetzerei bei den EU-Verhandlungen«, sagt Max. »Da hat man vor lauter Wichtigtuerei auf die Kleinen vergessen. Jetzt wartet die Politik, bis sich’s von selber löst. Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Und so verschwinden die Kleinbauern für immer. Dabei hat alles, was jetzt kaputt gemacht wird, einmal unsere schöne Heimat ausgemacht, und jetzt wird das letzte Eigene ausradiert durch den Zusammenschluss von den Oberen, die keine Ahnung von uns haben!«

Der Applaus im vollbesetzten Tschecherl ist ihm sicher.

»Ach, lassen wir das, sonst geht mir noch das G’impfte auf10, es hilft ja eh nix!« Max bestellt sich noch einen Schilcher-Spritzer.

Auch Bürgermeister Lukas Loch von St. Vinzenz ahnt, dass sich da beizeiten ein gewaltiges Problem anbahnt. Er als Bauernsohn war gegen den Zusammenschluss, konnte sich aber nicht durchsetzen. Eine Bürgerabstimmung zu machen, hatte er sich nicht getraut. Wie sollte er auch gegen die Übermacht der Landespolitik und der Weinbauern ankommen?

Zur Buschenschank-Saison wird auf den schmalen Straßen von St. Vinzenz links und rechts alles wahllos zugeparkt. Sogar Einsatzfahrzeuge kommen kaum durch.

»Wenn ich einmal ein Problem hab und die Rettung kann nicht zu uns, dann bist du tot!«, sagt Max zum Bürgermeister.

Max hat von seinem Haus eine herrliche Aussicht über die Weststeiermark. Aber der Kleinkeuschler ist zwischen den Buschenschänken förmlich eingeklemmt und in der Hauptsaison völlig zugeparkt. So kommt, wie meist, wenn zu lange weggeschaut wird, zum richtigen Zeitpunkt das Falsche daher.

Plötzlich werden um St. Vinzenz Touristen angepöbelt, erschreckt, gar verprügelt.

»Das sind nur Dummheiten einiger Tourismusgegner«, sagt der Bürgermeister. »Klimakasperln, solche Deppen haben wir bei uns zum Saufüttern.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, sagt Justus Kurzmann, der Obmann des Tourismus- und Weinbauvereins. »Hoffen wir, dass es so ist! Solche Pöbeleien können wir jetzt im angehenden Frühjahrsgeschäft nicht brauchen!«

Die Häufung und die Aggressivität der Vorfälle lassen das Argument des Bürgermeisters nicht lange gelten. Die großen Weinbauern und Buschenschankbesitzer werden unruhiger. In St. Vinzenz gibt es keinen Polizeiposten mehr, auch keine Post und kein anständiges Gasthaus mitten im Ort. Wenn jemand die Polizei braucht, muss die westliche Bezirkspolizei aus Deutschlandsberg oder die südliche aus Leibnitz anrücken, und die schätzen die Lage ein wie der Bürgermeister.

»Das sind Leut, die immer gegen alles sind, wobei sie auch mit manchem recht haben, das muss man ihnen lassen«, sagen Einheimische hinter vorgehaltener Hand.

Auch Josef geht mancher Tourist ziemlich auf den Sack. Und wenn er seinen inneren Gendarmen zur Seite schiebt, findet er die Pöbelei der Protestierer sogar ganz lustig. Aber je tiefer es in das Frühjahr hineingeht, desto häufiger und brutaler werden die Pöbeleien. Dicke Äste werden nach einer Kurve über alte Feldwege gelegt, damit die Geländeradler brutal stürzen. Mittlerweile hagelt es sogar Farbbeutel! Und seit Neuestem wird mit Waffen gedroht. Hatten die ersten Übergriffe noch nachts stattgefunden, passieren sie nun am helllichten Tag. Auch unsittliche Belästigungen und Vergewaltigungsversuche soll es geben. Erste Medien schnüffeln schon vor Ort herum.

Bürgermeister Loch will nicht, dass irgendjemand den porösen Frieden seiner Gemeinde stört. Es geht um seine Macht, die er sich mühsam erarbeitet hat. Die Balance zwischen Ordnung und Unordnung in seiner Gemeinde funktioniert bis dato ganz gut. »Besserwisserei oder offenen Widerspruch, das ist das Letzte, was ich brauch«, beichtet er seiner Frau Maria.

Der Druck der großen, reichen Buschenschankbesitzer wird aber täglich stärker.

»Unternimm endlich was«, faucht Justus Kurzmann den Bürgermeister an, »bevor wir es tun!«

Der Bürgermeister weiß, wozu Kurzmann fähig ist. Er hat seine Vereinsmitglieder in der Hand. Was er an Raffinesse zu viel hat, haben die Mitglieder seiner beiden Vereine an Mut zu wenig. Im Gemeinderat herrscht Uneinigkeit über eine große Gemeindeaktion gegen die Umtriebe. Wenn es um Geschäfte geht, ist sich jeder selbst der Nächste – auch das hat in St. Vinzenz Tradition. Im Hintergrund mischt die Landespolitik mit, denn es geht nicht nur um viel Geld, sondern auch um politische Macht. »Was du nicht willst, das ich dir tu, das füge du auch mir nicht zu«, heißt letztlich das Band, das alle verbindet.

Die Konservativen sind die Mächtigsten, die Sozis schwächeln, die National-Traditionellen – Wir sind das Schilcherland – unter Max haben Aufwind. Die Grünen, Pinken und Kommunisten stolpern im politischen Auf und Ab der Südweststeiermark unter ferner liefen herum.

In einer ersten Reaktion verjagt Loch neugierige Medienleute aus seinem Vorzimmer, obwohl er weiß, dass er damit genau das Gegenteil erreicht, aber seinen Jähzorn hat er nicht immer im Griff. Nicht nur die mächtigen Weinbauern, sondern auch seine Gemeindebürger wissen um die Eigenheiten des Bürgermeisters. Hinter vorgehaltener Hand macht sich so mancher gar lustig über ihn. Die vorgehaltene Hand ist übrigens eine der wichtigsten Kommunikationsarten von St. Vinzenz.

Die national-traditionelle Oppositionspartei von Max, Wir sind das Schilcherland, nutzt geschickt die Situation für sich.

»Der Tourist als Mensch ist den großen Weinbauern ja vollkommen wurscht«, sagt Max. »Der Tourist hat das Geld, ist eitel und will auch beschissen werden. Die großen Weinbauern haben die besten Buschenschänken. Aber der klassische, kleine feine Weinbauer verschwindet immer mehr.«

»Bravo! Bravo«, stimmen ihm die Unterstützer zu. »Wir sind immer die Zweiten!«

»So war das und so wird’s immer sein«, bestätigt lautstark ein kleiner Weinbauer, der gezwungen ist, seine Trauben billig an die Großen zu verkaufen. »Soll ich sie verfaulen lassen? Selbst Wein zu machen, ist für mich nicht mehr rentabel, was soll ich tun? Verpachten? Die Verbrecher, die wollen nur kaufen, so billig wie möglich. Nie! Da lass ich vorher lieber alles verwildern, reiß die Weinstöcke aus. Aber laut darf man das alles nicht sagen, sonst kriegst du Probleme. Die sitzen am längeren Ast. Verkaufen werd ich aber sicher nicht! Punktum!«

»Bravo, Bravo!«

Justus Kurzmann ist einer der größten und reichsten Weinbauern der Weststeiermark, für ihn ist der Zusammenschluss mit dem Süden ein Riesengeschäft. Jedenfalls behaupten das viele Menschen, und dahinter steckt sicher auch einiges an Neid. Aber es ist seine Art, über die Menschen drüberzufahren, und das hat ihm nur wenige wirkliche Freunde gebracht.

»Wenn das mit den Übergriffen so weitergeht, entsteht uns nicht nur großer finanzieller Schaden, sondern auch der Ruf der neu geschaffenen Südweststeiermark als gemeinsames Tourismusgebiet geht flöten11«, schimpft Kurzmann vor der Presse, die er zum Saisonauftakt in seinen Buschenschank geladen hat. Der Obmann des Tourismus- und Weinbauvereins ist spendabel. Ab und zu wandert so auch eine Gratiskiste vom Besten in einen Kofferraum. Das erhält die Freundschaft. Geschenke, Jause und Getränke gehen auf Kosten der Vereine. Er trägt, wie immer bei öffentlichen Anlässen, Lederhose mit Hirschfänger in der Seitentasche, weißes Leinenhemd, Trachtenjoppe, Haferlschuhe12 mit grauen Wadenstutzen und einen Steirerhut mit Stoß, so heißt das Fichtenzweigerl darauf, denn Jäger ist er selbstverständlich auch.

»Ich – nein!, nicht nur ich! Wir wollen schnelle Aufklärung und harte Bestrafung der Schuldigen«, fordert er herrisch, wie es seine Art ist. »Wenn die Verbrecher – ja, ich sag sogar: diese Terroristen – auf den südlichen Teil der Südweststeiermark übergreifen, na dann Pfüati Gott13.«

Genau dieses An-sich-Reißen will Bürgermeister Loch vermeiden, aber nun ist es zu spät – der doppelte Obmann hat ihm das Heft des Handelns schon längst aus der Hand genommen.

Kurzmann gießt seinen üblichen Tourismus-Sermon über die versammelte Presse. Er lamentiert weinerlich über die Schönheit der vereinten Südweststeiermark, die großen Ideen dahinter, die geliebte Heimat, über Wein, Schnaps, Würstel, Türkensterz, Heidensterz, Erdäpfelsterz, Käferbohnen, Kernöl, Mulbratl, Lendbratl, Sulz, Verhackert, Geselchtes, Frikandeau14, über Erzherzog Johann15 und weiteres mehr, was lukrative Geschäfte sichert.

Obwohl er ein anständiges Hochdeutsch spricht, mischt er in solche Reden immer absichtlich eine kleine Prise Dialekt. Der doppelte Obmann weiß, dass sein Auftreten so nicht nur bei der Presse, sondern auch bei den Einheimischen gut ankommt.

»Das ist ein Hund, der hat’s im Urin«, sagen Bewunderer, aber auch Gegner. »Mit dem möchte ich kein Problem haben …«

Bürgermeister Loch ersucht das Bezirkspolizeikommando aus Leibnitz, der Bezirkshauptstadt des Südens, um Unterstützung der Deutschlandsberger Kollegen. Sie werden gemeinsam das Gebiet um St. Vinzenz Tag und Nacht durchstreifen. Ist die Polizei aber in diesem Tal, passiert im anderen etwas, sind sie am Breitkogl, passiert etwas am Gamsensteg, sind sie am Hochgucker, passiert am Überberg etwas.

Sind die Täter über den Einsatzplan der Polizei etwa informiert? Gibt es einen südweststeirischen Polizei-Whistleblower?

Wie Josef es beim syrischen Flüchtlingseinbruch über die slowenische Grenze vorausgesagt hatte, waren die jahrzehntelangen Einsparungen des Innen- wie auch des Verteidigungsministeriums nun auch regional zu spüren. Beamte kamen damals von überall, nur nicht aus der Region, und sie waren vor allem jung, zu jung. Keiner hatte Ortskenntnis, geschweige denn Erfahrung. Obwohl nicht nur der Militär-Geheimdienst seit Jahren vor dieser Situation gewarnt hatte, ist nichts passiert. Der alte Landeshauptmann kam an die slowenisch-österreichische Grenze gefahren, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, rief: »Ja, um Gottes willen« und rauschte wieder ab nach Graz. »Für meine Gendarmerie früher, Frau Klug«, klagte Josef, »wäre das nie ein Problem gewesen, da können Sie Gift drauf nehmen. Wir waren am Land tätig, orts- und menschenkundig, aber was soll man machen.«

So musste der Landespolizeidirektor die Krot schlucken.16 Unschuldig zum Handkuss gekommen, war er politisch angeschlagen. Der alte Landeshauptmann nutzte die Gelegenheit für sich. Er hatte die letzte Wahl gewonnen und somit sein Lebensziel, frei gewählter Landeshauptmann der Steiermark zu sein, erreicht. Nun freute er sich auf den Ruhestand mit seinen Enkeln – und Ehrenämter gab es ja genug! Sein Amt übergab er an seinen Kronprinzen, bisher Landesrat für Bildung, Beamte und EU-Angelegenheiten. Der war noch relativ jung und stürzte sich übereifrig in die Aufgaben seines ersehnten Amtes, was naturgemäß weder der Opposition noch einigen seiner eigenen Parteikollegen gefiel.

Manche Einheimische und kleinere Weinbauern, sogar Touristen nehmen die Anschläge auf sie eher sportlich und haben Spaß daran.

»Es sind sowieso zu viele Touristen unterwegs«, sagt Frau Klug. »Und wenn ich mir manche Touristin so anschaue, die fast vergewaltigt worden wäre, ist da wohl auch der Wunsch der Vater des Gedankens.«

Andere wiederum sind der Meinung, es wäre vielleicht eine heimliche Geschäftsstrategie des doppelten Obmanns, da diese Vorfälle eine noch größere Popularität und damit auch mehr Geschäft bringen könnten.

Die Südsteiermark ist mittlerweile überrannt, ausverkauft, ausgelutscht und in vielem unleistbar. Touristen sind gierig auf Neues, Frisches. Das bietet die Weststeiermark – noch! Deshalb der Zusammenschluss.

»Der Tourist hat einen großen Saumagen, der muss geschoppt werden wie ein Kapaun, ein kastrierter Hahn«, sagt Frau Klug. »Ein Zurück gibt es nicht, es gibt nur noch das Vorwärts – bis es kracht.«