Heimat der Gefühle - Stefanie Butakowa - E-Book

Heimat der Gefühle E-Book

Stefanie Butakowa

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Beschreibung

Stefanie ist 6 Jahre alt, als ihr Vater sie aus Deutschland nach Weißrussland entführt. Obwohl sie ihre Mutter und Schwester vermisst, überwiegt die Sorge um ihren Vater, der tief in seinen Problemen gefangen ist. Über viele Jahre hinweg kann Stefanies Mutter ihre Tochter nicht mehr sehen – bis zu dem Tag, an dem Stefanie es wagt, den Weg zurück nach Deutschland zu ihrer Mutter zu finden. Denn trotz der Gefahr, organisiert die Mutter eine Rückholmission. "Heimat der Gefühle" erzählt die bewegende Geschichte von Stefanies Reise und der beiden Menschen, die sie mehr liebt als alles andere: ihren Vater und auch ihre Mutter.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Heimat der Gefühle

Stefanie Butakowa

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2023 Stefanie Butakowa

Umschlaggestaltung: Marina Rudolph

Lektorat, Korrektorat: Renate Jung

Buchsatz & Layout: Verena Blumenfeld

Puplishing: Angela Zigann

Druck & Vertrieb:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

ISBN (Softcover): 978-3-347-91163-5

ISBN (Hardcover): 978-3-347-91164-2

ISBN (eBook): 978-3-347-91165-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Stefanie Butakowa

Heimat der Gefühle

Meine Kindheit zwischen Deutschland und Weißrussland

Inhalt

Cover

Heimat der Gefühle

Urheberrechte

Titelblatt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

Danksagung

Heimat der Gefühle

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Prolog

Danksagung

Heimat der Gefühle

Cover

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Prolog

Nasser Asphalt, unterbrochen von Lichtern, zieht an meinem Fenster vorbei. Ich kauere auf der Rückbank, winzig klein und mucksmäuschenstill. Mein Vater Vasily sitzt am Steuer, spricht kein Wort, lenkt nur den Wagen immer weiter und weiter Richtung Osten, über deutsche und polnische Autobahnen, Richtung Weißrussland. Sein Gesicht ist blau und angeschwollen, seine Hand ist verbunden, Folgen des Unfalls, der gerade einmal eine Woche her ist. Hin und wieder krümmt er sich vor Schmerzen.

Ich weiß, dass wir zu meiner Oma fahren, der Mutter meines Vaters. Sie lebt in Weißrussland. Ich war schon mal dort. Ich bin sechs Jahre alt, und ich habe Angst.

Es ist Stunden her, dass wir mein Zuhause irgendwo zwischen Köln und Koblenz hinter uns gelassen haben, meine Mutter und meine Schwester ebenfalls. Sind wir noch in Deutschland? Oder schon in Polen? Ich kann noch nicht lesen, denn ich bin erst seit ein paar Wochen in der Schule, deshalb weiß ich nicht, was auf den Schildern steht. Ist es Deutsch oder Polnisch? Ich traue mich nicht zu fragen. Papa ist traurig und wütend zugleich, und diese Mischung kenne ich. Sie führt selten zu etwas Gutem.

Aber ich habe keine Angst vor ihm. Ich liebe meinen Vater über alles, ich liebe seine wilden, verzweifelten Scherze, sein Lachen, sein Singen, das Funkeln in seinen Augen, vor dem sich viele Menschen fürchten. Ich mag es nicht, wenn er trinkt, denn dann können Sachen passieren, die eigentlich nicht passieren sollten. Mir würde er niemals etwas tun, das weiß ich. Er liebt mich auf eine Art, die schwierig in Worte zu fassen ist.

»Möchtest du mitkommen?«, fragte er mich vor ein paar Tagen. Ich wusste sofort, was er meinte. Oder bildete ich mir nur ein, es zu wissen? Konnte ich überhaupt mit sechs Jahren die richtige Entscheidung für mich treffen?

Mama ist wütend auf ihn. Wegen des Unfalls. Weil jemand zu Schaden gekommen ist. Weil Papa wieder getrunken hat. Ich glaube, sie möchte nicht mehr bei ihm sein, und ich glaube, Papa weiß das auch. Sie versucht es herunterzuspielen, damit wir nicht alles mitbekommen.

»Hast du Hunger, mein Liebling?«, fragt mein Vater plötzlich. Er schaut in den Rückspiegel. Draußen ist es dunkel geworden. Es ist früher Herbst, es regnet, draußen ist es kalt.

Mein Magen knurrt zwar, aber ich beiße mir auf die Unterlippe und schüttele den Kopf. »Nein, schon gut, Papa«, sage ich.

Er nickt und lenkt seinen Blick wieder auf die Straße.

Ich wünschte, er würde mit mir reden. Wir könnten ein Spiel spielen. Wir könnten das Radio anstellen. Diese Stille, unterbrochen nur von den Motorengeräuschen, ist ohrenbetäubend. Ich vertrage Autofahrten nur sehr schlecht, mir ist übel, als wäre alles nicht schon belastend genug. Ich versuche, es auszuhalten und ruhig zu bleiben, doch es geht nicht. »Papa, mir ist schlecht.« Mein Vater kennt mich, also hält er bei der nächsten Gelegenheit an einer Seitenstraße an, und ich übergebe mich. Ich bemerke seine Nervosität, aber nicht, weil es ein schlechter Zeitpunkt gewesen ist, sondern weil er in Sorge ist. Fürsorglich nimmt er mich in die Arme. »Kroshechka«, sagt er, was so viel bedeutet wie Krümelchen. So nennt er mich liebevoll.

Alles musste ganz schnell gehen. Mit der Hilfe meines Onkels hat Papa ein neues Auto besorgt. Er ist zur Stadt gegangen und hat meinen Reisepass abgeholt. Eigentlich durften sie ihm den gar nicht geben, schließlich haben er und Mama das geteilte Sorgerecht, doch all das werde ich erst viel später erfahren.

Alles, was ich jetzt weiß, ist, dass ich mein ganzes Spielzeug zurückgelassen habe, meinen Schulranzen mit dem Mäppchen, teilweise meine Kleidung, aber was noch wichtiger ist: Ich habe meine ersten sechs Lebensjahre zurückgelassen. Ich habe mich so darauf gefreut, in die Schule zu gehen.

Mein Koffer liegt hinten im Kofferraum, ich konnte nur ein paar Kleidungsstücke und mein Kuscheltier einpacken, das ich jetzt fest im Arm halte. Mama durfte ja nichts merken. Ich konnte mich nicht einmal von ihr verabschieden.

Ob sie schon bemerkt haben, dass wir weg sind? Ob sie schon wissen, was das bedeutet? Dass Papa und ich nicht mehr wiederkommen? Dass er mich mitgenommen hat, damit Mama mich ihm nicht wegnehmen kann? Dass er flieht mit mir, weg aus Deutschland, zu seinen Eltern, nach Weißrussland?

All diese Fragen gehen mir immer wieder und wieder im Kopf herum, ich mache mir Sorgen, aber schließlich schlafe ich ein. Ich träume schlecht. Ich träume, dass unser Auto von einer Brücke abkommt und in einem tiefen See versinkt. Ich schaffe es nicht, die Autotür zu öffnen, als das Auto untergeht. Da ist nur diese große, alles verschlingende Finsternis und das eiskalte Wasser, und dann wache ich auf.

Draußen wird es schon wieder hell, ein grauer, teilnahmsloser Himmel voller Wolken. Ich muss auf Toilette, und wir halten an einer Raststätte an. Die Menschen reden in einer anderen Sprache, und ich nehme an, dass wir in Polen sind. Wie lange dauert es wohl noch, bis wir bei Oma sind? Ich kenne meine Oma kaum. Ob sie nett sein wird? Freut sie sich auf mich? Wie wird es sein, dort zur Schule zu gehen? Ich spreche die Sprache nicht, nur Deutsch. Die Muttersprache meines Vaters beherrsche ich kaum.

Meine Mutter ist Deutsche, aufgewachsen in Kasachstan, meine Eltern lernten sich in Kasachstan kennen, wo die Familie meines Vaters damals lebte, und wanderten dann Anfang der 90er Jahre gemeinsam nach Deutschland aus, wo dann ich zur Welt kam.

Deutschland ist mein Zuhause. Und doch habe ich mich entschieden, es nie mehr wiederzusehen, um bei ihm zu sein, bei Vasily, bei meinem Vater.

Er braucht mich. Ich weiß, dass viele andere sich vor ihm fürchten. Es ist das Brausen und Toben in ihm, das ihnen Angst macht, doch ich fürchte ihn nicht. Ich kann ihn fühlen, den Schmerz in seinem Inneren, der ihn so wild macht, wie ein Tier, das man in die Enge getrieben hat. Ich kann ihn beruhigen, indem ich seine große Hand in meine nehme und leise mit ihm rede, ihm ein Lied vorsinge, etwas erzähle.

Auf den Toiletten riecht es nach Desinfektionsmitteln. Die Frauen schauen mich seltsam an. Ob sie etwas ahnen?

Rasch husche ich zurück zum Auto und rolle mich auf der Rückbank zusammen.

Papa raucht, sein Gesicht ist zerknittert, er sieht müde aus. Ich habe so viele Fragen, die ich ihm gerne stellen würde, aber ich verstehe, es ist der falsche Zeitpunkt. Außerdem muss ich stark wirken, schließlich hat er Schmerzen und sollte sich nicht noch zusätzlich um mich Sorgen machen. Das, was gerade passiert, ist nicht ungefährlich. Das merke ich an seiner Unruhe.

Es gibt jetzt nur noch ihn und mich, Vasily und Stefanie, Papa und Tochter.

Alles wird gut. Es muss einfach gut werden.

Kapitel 1

Eine meiner ersten Erinnerungen überhaupt ist die an meinen Onkel, den Bruder meiner Mutter. Er hebt mich hoch in die Luft, lässt mich fliegen. Es kitzelt im Bauch. Seine Frau arbeitet als Erzieherin.

Meine Mutter machte zu jener Zeit eine Ausbildung zur Krankenschwester. Es ist seltsam, doch die Erinnerungen an meinen Vater auch zu jener Zeit, als meine Eltern noch zusammen waren, sind viel deutlicher und klarer.

Ich weiß, dass meine Mutter liebevoll und fürsorglich war, und dennoch verschwimmt ihr Gesicht vor meinen Augen, und wenn ich sie mir ins Gedächtnis rufen will, kann ich sie nicht greifen, wie ein schlüpfriges Gespenst.

Ganz anders ist es bei meinem Vater. Ich sehe ihn, wie er auf einem Stuhl sitzt, raucht, lächelt. Sein Deutsch war nie besonders gut. Ohne meine Mutter hätte er sich in Deutschland nie zurechtgefunden. Kein Wunder, dass er insgeheim immer davon träumte zurückzugehen, doch Russland in den 1990er und 2000er Jahren – das war eine Katastrophe.

Ich weiß nicht genau, wieso mein Vater so wurde, wie er war. Er muss eine schwere Kindheit gehabt haben, auch wenn darüber nie gesprochen wurde. Sein Vater verlor einen Arm, danach fing er an zu trinken, seine Mutter ist trockene Alkoholikerin.

Als ich später bei ihr in Weißrussland lebte, rührte meine Oma keinen Alkohol an.

Mein Vater musste das als Kind alles mit ansehen und lebte mehr oder weniger auf der Straße, was ich erst im Nachhinein erfuhr. Seltsam. Auf den wenigen Bildern, die es aus seiner Kindheit noch gibt, sieht alles so harmonisch aus … Der Bruder meines Vaters litt als Kind unter Asthma, und meine Oma widmete ihm sehr viel Aufmerksamkeit, ich hörte oft eine Art Eifersucht aus meinem Vater sprechen.

Das Leben in Kasachstan war anders als in Deutschland. Auf einmal kommt man nach Deutschland, und es ist so viel möglich, so viele neue Eindrücke. Das war für ihn überwältigend.

Mein Vater war nicht immer so. In Kasachstan war er anders, zumindest denke ich das, und wenn ich mir die wenigen Fotos aus jenen Jahren anschaue, dann bestätigen sie mir das. Mein Vater wirkt anders auf diesen Fotos, glücklich, nicht so zerrissen innerlich. Meine Mutter war erst 12, er 16, als sie sich ineinander verliebten.

Sie lernten sich in der Schule kennen. Die Eltern meiner Mutter waren gegen die Beziehung, auch wegen des Alters meiner Mutter, und waren abgeschreckt von der Familie meines Vaters.

Mein Vater war ein sehr gutaussehender Mann, das Foto- und Videomaterial von ihm macht mir immer wieder bewusst, welche Ausstrahlung er doch hatte. Auch meine Mutter war bildhübsch. Oft sagten andere Leute, dass sie so gut zusammenpassten, sie könnten Bruder und Schwester sein. Von der äußeren Erscheinung her waren sie ähnlich: zwei schöne Menschen. Mein Vater liebte meine Mutter, und meine Mutter liebte ihn auch.

Es kam, wie es kommen musste. Schon mit 14 war meine Mutter schwanger.

Mein Vater stahl sie mehr oder weniger aus ihrem Elternhaus und sagte zu ihren Eltern: »Entweder, Ihr erlaubt es uns und gebt uns den Segen, oder wir bleiben weg!« Eine andere Lösung gab es für die beiden nicht.

Meine Mutter war 15 Jahre alt, als sie meine Schwester bekam. Mich bekam sie mit 20 Jahren. Alle wollten, dass meine Mutter abtreibt, aber mein Vater sagte sehr deutlich NEIN. Meine Mutter ist ihm heute dafür sehr dankbar. Hätte er es damals nicht so gesagt und dazu gestanden, hätte sie wahrscheinlich die Abtreibung vorgenommen, weil ihr nichts anderes übriggeblieben wäre. Aber ihre Eltern fanden sich letztendlich damit ab, da mein Vater sich so sehr dafür einsetzte.

Meine Mutter wohnte nach der Entbindung bei den Schwiegereltern, bis mein Vater vom Militär zurückkam. Das war zu der Zeit und unter diesen Umständen völlig normal.

Man kann also sagen, dass die Situation alles andere als perfekt war, andererseits liebten sich meine Eltern, sie waren jung und sehr hoffnungsvoll und bereit, sich gemeinsam etwas aufzubauen, und das machte sie reicher als so manche andere.

Finanziell waren wir eingeschränkt, wobei mein Vater auch illegale Geschäfte machte. Illegal war immer etwas Geld da, doch das gab mein Vater lieber für andere Dinge aus. Irgendwann zu dieser Zeit, nach dem Militär, fing er an, zu viel zu trinken und wurde immer aggressiver. Ich denke heute, dass er dort irgendetwas gesehen oder erlebt haben muss, was ihn aus der Spur brachte. Schließlich waren damals die Zeiten im Militär alles andere als ungefährlich. Er sprach nie darüber.

Meine Eltern verließen Kasachstan und gingen nach Deutschland. Dort arbeiteten beide sehr viel, auch nachts. Für uns Kinder blieb kaum Zeit. Meine Mutter versuchte, wo es ging, an sich selbst zu sparen und lieber das Geld für die Familie zu investieren.

Ich verbrachte mit meiner Tante und meinem Onkel sehr viel Zeit. Sie passten sehr oft auf mich auf, hatten zu der Zeit keine eigenen Kinder, waren noch jung. Irgendwann wurde es so extrem, dass sie nicht mehr ohne mich auskamen. Sie hätten mich am liebsten jedes Wochenende bei sich gehabt. Ich übernachtete dort auch oft. Es waren sehr schöne Momente, die mir später sehr fehlten. Wir waren oft in Mainz unterwegs, machten viele Ausflüge, waren zelten. Seine Frau nahm mich sogar mit zur Arbeit. Als Papa mich entführte, traf das auch die beiden sehr schwer.

Es gab viele Streitigkeiten zwischen meiner Mutter und meinem Vater. Zu Hause war es oft nicht harmonisch. Es gab zwar auch schöne Momente, in denen mein Vater mir und meiner Schwester auf dem Sofa die Haare flocht, Augenblicke voller Nähe und Geborgenheit, doch sie blieben die Ausnahme.

Dann gab es die Wochenenden, an denen mein Vater zu viel trank, und diese Wochenenden waren voller Angst und Dunkelheit.

Wir waren oft auf Feierlichkeiten, denn meine Eltern waren auch noch sehr jung. Wenn wir irgendwo zu Besuch waren und er getrunken hatte, steigerten sich die Streitigkeiten in Handgreiflichkeiten meiner Mutter gegenüber.

Manchmal drohte er, sie umzubringen oder sich umzubringen. Einmal versuchte er, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wir Kinder bekamen alles mit, wir lebten ja in einer kleinen Wohnung.

Meine Schwester und ich waren starr vor Schreck, versteckten uns irgendwo und hofften, dass der Sturm vorbeiging, hin und wieder versuchten wir auch einzugreifen, was aber selten gelang. Wenn es völlig eskalierte, flüchtete meine Mutter mit uns zu ihren Verwandten. Die Angst, die diese Szenen in mir auslösten, kann ich heute noch fühlen.

Auch wenn ich meinen Vater sehr liebte, wusste ich, dass sein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht in Ordnung war.

Im Grunde war mein Vater kein schlechter Mensch, im Gegenteil. Anderen gegenüber war er die Hilfsbereitschaft in Person. Ich erinnere mich, dass er sehr tierlieb war. Wir hatten Hamster, Eichhörnchen, Fische, Schildkröten, einen Papagei. Bei Problemen war er so gut wie für alle da und hätte sein letztes Hemd geteilt. Auch Gerechtigkeit war ein wichtiges Thema für ihn. Handwerklich konnte er alles und hatte keine Scheu, etwas anzupacken. Woran ich mich noch gut erinnern kann, ist seine kreative Seite. Ich weiß nicht, ob es ihm selbst bewusst war, aber er konnte Bilder malen, auf denen man den Inhalt nur aus der Ferne erkennen konnte. Nur die wenigsten wussten davon. Er las früher gerne Bücher, Krimis, diese Vorliebe habe ich wahrscheinlich von ihm.

Vor ihm hatten aber auch viele Respekt. Er hatte etwas Furchteinflößendes, Unberechenbares. Vielleicht hing es auch mit den illegalen Geschäften zusammen, von denen ich nicht viel wusste.

Da meine Eltern so viel arbeiteten, war ich auch oft bei Nachbarn, einem älteren Ehepaar. Eine Weile dachte ich sogar, sie seien meine Oma und mein Opa, bis mein Vater mich darüber aufklärte, dass das nicht so war.

Meine Schwester ist 5 ½ Jahr älter und musste manchmal die Elternrolle übernehmen. Das war für sie nicht leicht, vor allem befand sie sich in einem schwierigen Alter und musste mich ständig mit sich herumschleppen. Natürlich hatte ich Spaß daran, mit Älteren unterwegs zu sein, vielleicht trug es auch dazu bei, dass ich so frühreif war und die Dinge anders sah als andere in meinem Alter. Mein Vater liebte mich sehr, man könnte es wohl auch eine »Affenliebe« nennen. Er vergötterte mich und zeigte es auch nach außen. Alle wussten es, alle wussten, dass ich einen besonderen Zugang zu ihm hatte.

Dennoch schenkte er auch meiner Schwester Aufmerksamkeit. Einmal schenkte er ihr ein paar Rollschuhe. Ich war neidisch, und als ich allein in der Wohnung war, zog ich die Rollschuhe an und fuhr auf ihnen durch die Wohnung. Ich verletzte mich, und meine Mutter musste mich in die Notaufnahme bringen. Eine kleine Narbe unten am Kinn erinnert mich heute noch daran.

Ich war ein sehr offenes Kind und hatte Angst vor nichts, war mit vier oder fünf Jahren draußen allein mit den Nachbarskindern unterwegs, und das nicht nur in der nächsten Umgebung. Alle sagen immer, ich hätte auch gut ein Junge sein können. Ich war früh selbständig und konnte mich mit wenig Hilfe selbst verpflegen.

Ich ging auch gerne in den Kindergarten. Ich hatte Freunde, hatte tolle Erzieher. Ich wurde immer sehr geliebt, werde heute noch geliebt von vielen Menschen, was mir sehr bewusst ist und wofür ich dankbar bin. Mir fiel es nie schwer, Kontakte zu knüpfen oder Teil einer Gruppe zu sein. »Dir fliegen alle Herzen zu«, sagte mein Vater immer. Er nahm mich gerne mit, wenn er etwas zu erledigen hatte, was auch dazu führte, dass ich Gespräche mitbekam, die Kinder eigentlich nicht hören sollten, aber mich störte das damals nicht. Ich war froh und stolz, bei ihm zu sein. Es war schön, dass er mir so sehr vertraute.

Gleichzeitig brachte es mich auch in einen Konflikt. Wenn meine Eltern sich stritten und meine Mutter weinte, dann wollte ich nicht zu sehr zu ihr halten, aus Angst, dass mein Vater enttäuscht sein könnte. Ich fürchtete, dass ich seine Gefühle verletzen könnte, schon der Gedanke tat mir weh.

Ich schlief sehr oft im Elternbett, immer auf der Seite meines Vaters. Ich genoss es, mich an seinen Rücken zu kuscheln, seinen Arm festzuhalten, auf dem ein Adler tätowiert war.

Wenn mein Vater frei hatte oder krankgeschrieben war, blieb er ab und zu auch tagelang weg. Niemand wusste, wo er war. Später bestätigte mein Vater mir, dass er nicht immer der treueste Ehemann gewesen war. Von meiner Mutter weiß ich, dass auch sie es wusste und unter anderem auch, dass es zum Teil der Grund für die Auseinandersetzungen war.

Die Wohnung, in der wir lebten, hatte zwei Schlafzimmer, meine Schwester und ich mussten uns ein Zimmer teilen. Das Geld war oft knapp, und schlimm waren die Streitigkeiten und die Diskussionen zwischen meinen Eltern.

Schön waren die Besuche bei unseren Verwandten, meinem Onkel und meiner Tante und meiner Patentante. Sie hatte zwei Söhne, die ich sehr ins Herz geschlossen hatte. Bei solchen Gelegenheiten kam oft die ganze Familie zusammen, es wurde gegrillt, Kuchen gegessen, und alle hatten viel Spaß. Wir lebten ja ein Stück weit im Exil, auch wenn meine Mutter Deutsche war, doch die Wurzeln ihrer Familie hatten über Generationen in Kasachstan gelegen.

Zerrissen wurde diese Idylle immer dann, wenn mein Vater bei diesen Gelegenheiten zu viel trank und es zu Streit kam. Es konnte vorkommen, dass er auf jemand anderen losging, meistens aber auf meine Mutter. Alles Mögliche konnte der Anlass sein – Eifersucht oder eine beiläufige Bemerkung von ihr oder auch nur ein falscher Blick. Dann gefror die Zeit binnen weniger Augenblicke, alles hielt den Atem an, weil niemand wusste, was mein Vater als Nächstes tun würde. Gut war, wenn er einfach davonfuhr, sich irgendwo Streit suchte, auch wenn es möglicherweise bedeutete, dass wir ihn mehrere Tage nicht zu Gesicht bekamen oder Strafzettel bezahlen mussten.

Gleichzeitig war da dieses Mitleid mit meinem Vater. Ich kann das schwer erklären. Eigentlich war er ein Aggressor, doch ich spürte tief in mir, dass er sich nicht so verhalten wollte und selbst am allermeisten darunter litt. Es war, als hätte ein böser Geist von ihm Besitz ergriffen, der ihn zu diesen Taten trieb. Da war diese Dunkelheit in ihm, die darauf lauerte, die Kontrolle zu übernehmen und ihn zu Dingen zu zwingen, die er im normalen Zustand niemals tun würde. Wenn er dann wieder nüchtern war, tat ihm alles auch ganz furchtbar leid.

Meine Grundschulzeit in Deutschland dauerte nur etwa vier bis fünf Monate. Ich freute mich sehr auf die Schule, meine Freundinnen aus dem Kindergarten und ich gingen in eine Klasse.

Meine Klassenlehrerin mochte ich nicht sonderlich, sie war sehr streng, und ich habe sie nicht in besonders guter Erinnerung. Schon in der zweiten Woche hatte ich nach einer Brandschutzübung einen negativen Smiley im Hefter, weil ich mich während der Übung mit einer Freundin verquatscht hatte. Ich hoffte, es würde besser, aber dazu kam es nicht mehr.

An Weihnachtsfeste mit meiner Familie kann ich mich nicht erinnern, sehr wohl aber an Geburtstage.

An einem Geburtstag wünschte ich mir von meinen Eltern ein Nageldesign-Set, ich bekam es und freute mich so unendlich, denn kurz zuvor hatte ich ein Gespräch zwischen meinen Eltern belauscht, in dem sie darüber sprachen, dass sie sich dieses teure Geschenk eigentlich nicht leisten konnten.

Meine Eltern liebten uns und taten alles für uns, und doch war da das Thema mit dem Alkohol und den Streitigkeiten, das wie ein dunkler Schatten über uns hing.

An eine beispielhafte Situation kann ich mich gut erinnern. Es war die Konfirmation des Sohnes meiner Patentante. Es war ein wunderschöner Sommertag, es wurde gegrillt, wir Kinder spielten. Doch die Männer tranken, und zwar Schnaps, und das ging nie lange gut, doch ich war mit Spielen beschäftigt. Damals war ich vielleicht fünf.

Irgendwann hörte ich, dass meine Eltern sich anschrien. Das fröhliche Lachen war verstummt. Alle starrten sie an.