Heimat hinter dem Eisernen Vorhang - Lena Stein - E-Book

Heimat hinter dem Eisernen Vorhang E-Book

Lena Stein

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Beschreibung

Lena Stein schildert die Erlebnisse und Erfahrungen von Hanna, die in der Zeit des Kalten Krieges vom Arbeitgeber hinter den Eisernen Vorhang geschickt wurde. Eine fremde Welt und große Herausforderungen in jeder Beziehung, musste sie sich doch in einer Männerdomäne bewähren. Um den Alltag zu bewältigen, brach Hanna immer wieder aus und reiste durch Länder, die kaum von Touristen besucht wurden.

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Das 20. Jahrhundert war ein schicksalhaftes, das die ganze Gesellschaft durcheinanderbrachte. Zwei Weltkriege zerstörten halb Europa und weite Teile der Welt, Millionen von Menschen starben. Dann mussten nach Entbehrung und Hunger erst mal die Menschen mit Nahrung und Wohnraum versorgt werden, ein Kraftakt für den Aufbau. Jede Hand wurde gebraucht, das gab viele Arbeitsplätze, auch für die Frauen. Sie erhielten die Chance, vom alten Patriarchen-Bild abzukommen und in den Arbeitsmarkt einzutreten, ein Studium aufzunehmen oder einen Beruf zu erlernen. Langsam veränderte sich die Gesellschaft, die Nachkriegs-Generation der sogenannten Babyboomer wollte gehört werden und brach die alten Regeln auf, was schliesslich in Studentenunruhen, Protestmärsche und Strassenschlachten ausartete.

Die Welt verändern! Der Grossteil der Jungen wollte einen Beruf erlernen, sprich Geld verdienen. Ihr Protest bestand darin, die neue Musik, wie Swing, Rock’n’Roll, Twist, Beat etc. auszuleben, man ging aus, tanzen, das gab es ja vorher kaum, da protestierte wiederum die alte Generation über das „Teufelszeug“, Jugendverführung, Verrohung der Sitten… Eine bewegte Zeit, aber interessant und aufregend.

Einen Einblick gibt die persönlichen Erfahrungen von Hanna, einer jungen Frau, die noch geprägt war von einer strengen Erziehung und einem gewissen Obrigkeitsgehorsam. Selbstverständlich setzte man sich mit Freude für seine Firma ein, Pflichterfüllung hatte Priorität. Meistens siegte aber ihre Neugier und Abenteuerlust, die neuen Möglichkeiten. Sie war bei einer kleinen Handelsfirma als Sachbearbeiterin angestellt. Da musste man Stenographieren, schlug sich mit Telex, später Briefe schreiben ab Band rum, immerhin waren die Schreibmaschinen bereits elektrisch. Das Zusammenstellen der vielen Dossiers, welche die Herren mit auf die Reise zu den Kunden nahmen, war arbeitsintensiv aber auch interessant. Wichtig war ein Job und Einkommen, die Arbeit machte Spass, die Atmosphäre war sehr gepflegt, schon fast vornehm, es stimmte alles und sie war glücklich.

Aus einem Brief von 1973 ist zu entnehmen, dass eine Rezession der Wirtschaft Probleme und die Angst der Angestellten arbeitslos zu werden Sorgen bereitete. Da mussten neue Märkte gefunden werden. Die Informationen der Zentrale für Aussenhandel, dass in Polen eine Internationale Messe geplant ist, war genau das richtige Zeichen. So wollten viele Firmen daran teilnehmen, um die Möglichkeiten auszuloten. Das war aber nicht so einfach, was wusste man über den Ostblock? Vorsicht war angebracht, das waren ja die Kommunisten hinter dem Eisernen Vorhang! Nun, was hiess das, sie hatte keine Ahnung, denn Politik war noch ein Fremdwort. Die kleine Handelsfirma für die Hanna als Sachbearbeiterin arbeitete, hatte kein Problem damit. Sie waren schon viele Jahre in den Ländern tätig und vertraten namhafte Firmen der Maschinen-, Chemie-, Kosmetikindustrie. Somit war es ganz normal, dass sie daran teilnehmen würden.

Eines Tages eröffnete der Patron der verblüfften Hanna, dass sie die ganze Organisation einer Messe übernehmen solle. Gefragt wurde sie nicht. Eine Frau in der Geschäftswelt der Männer! Das war im Moment schwer zu verdauen, aber so einen Auftrag konnte man ja nicht ablehnen… Nach einigen von Zweifeln geplagten, schlaflosen Nächten, musste sie ja doch in den „sauren Apfel“ beissen. Eine grosse Hilfe war die Zentrale für ausländische Handelsbeziehungen, die alle Unterlagen für eine Anmeldung für die Messe 1975 zur Verfügung stellte. Da lag viel Arbeit vor ihr: Budget erstellen – noch nie gemacht – die vertretenen Firmen zur Teilnahme bewegen… Was noch? Was wusste Hanna über das fremde Land, ausser dem Namen der Hauptstadt? Im Grunde nichts, auch durften sie ja privat nichts vom Job erzählen, denn mit den Kommunisten Geschäfte zu machen, das hatte so etwas Anrüchiges! Es herrschte ja kalter Krieg wie man so aus der Zeitung entnehmen konnte, doch Politik war für die Jungen eine Nebensache, es gab genug andere Herausforderungen.

Inhaltsverzeichnis

London

Mallorca

Indien und Ceylon

Madras

Ferner Osten

Manila

Taiwan

USA

China

Shanghai

Guilin

Hong Kong

Tokio

Rumänien

Indien

Besuch aus Indien

London

Die Sehnsucht nach der Ferne und weg vom Alltag, das war schon immer ein Teil von Hanna. Tourismuswerbung gab es kaum und reisen konnten nur wenige, so gab es kaum Anstoss von aussen. Erfreulicherweise erhielten gute Kunden damals in den 70er Jahren hie und da Freiflüge als Dank. Das waren noch Zeiten! Tatsächlich, welche Überraschung, der Patron schenkte seinen beiden Sachbearbeiterinnen ein Ticket nach London. Übernachtung war auch gelöst, denn sie konnten bei indischen Freunden logieren, es waren ja nur vier Tage. Kurz aber intensiv, London besichtigen, die Schatzkammer mit der Krone der Königin, Buckingham Palast Gardewechsel, Parks und all die herrlichen alten Villen im viktorianischen Stil und all dies ohne Schlange stehen, weil kaum Touristen unterwegs waren. Zufällig war auch Joyce, eine Verwandte ihrer Landlady, aus Bombay anwesend – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Zum Abendessen im Kreise der Familie mussten sie zurück sein, Gastfreundschaft war gross geschrieben. Tolle Tage mit vielen Eindrücken und natürlich neue Ideen für die Zukunft waren geboren.

Liberty Department Store, London

Zurück zur neuen Herausforderung. Treffen mit dem Standbauer, dem Hanna die Zeichnung der Grösse, Einteilung etc. übergab. Sie freute sich über sein Erstaunen, dass eine Frau zuständig war. Die Zusammenarbeit war bestens und von ihm erfuhr sie wenigstens, wie so eine Messe ungefähr abläuft. Hotels waren ausgebucht, so wurde eine private Wohnung zugewiesen. Ein offiziell erlaubter Nebenverdienst für Private! Wochen vor Messebeginn mussten Prospekte, Standausrüstung, Bilder etc. in Kisten verpackt werden, damit alles mit dem Messebauer per LKW zum richtigen Zeitpunkt vor Ort eintraf. Die Dossiers mussten noch mit den letzten Infos ergänzt werden, Koffer packen und am 4. Juni 1974 ging die Reise ins Ungewisse los. Flug nach Berlin und mit der Bahn nach Poznan. Da wie gewohnt der Plan umgeworfen wurde, dass ein Mitarbeiter mit dem Auto nach Polen fährt und Gepäck etc. mitnehmen wird, musste Hanna alles mitschleppen, sprich 25 Kilo Übergepäck. Allein und verlassen stand sie am Bahnhof, wütend und verzweifelt, denn dass alle Taxi-Chauffeure deutsch sprechen, wie der Chef meinte, war auch falsch. Erst mal Schlange stehen und Geduld üben. Zumindest wusste einer wo sich die Adresse befand und so landete sie in der offiziell zugewiesenen Wohnung in Poznan in einem Plattenbau. Der Inhaber sprach deutsch und bewirtete „die arme junge Frau“ erstmals. Welch ein Aufsteller! So kamen auch die Lebensgeister zurück und sie fuhr dann mit dem Taxi zur Messe.

Die Hallen waren in Länder eingeteilt und so war die Schweizerhalle etwas wie Heimat, nach dem schwierigen Anfang der Reise. Grosse Freude, ihr Stand war bereits fertig und sie konnte mit dem Einrichten starten. Sogar Elektrik und Wasser waren angeschlossen – weil die Monteure ja irgendwo ihre Verpflegung unterbringen und Essen aufwärmen mussten. Ihr Job war anstrengend, alle Stände mussten perfekt am Eröffnungstag fertig sein. Irgendwie muss man dafür geboren sein. Es war eine tolle Truppe, jung, motiviert, die „Frau“ wurde sofort als Kumpel angenommen. Das war für Hanna sehr wichtig und machte das Arbeiten einfacher, d.h. wenn schwere Kisten entfernt werden mussten, konnte sie um Hilfe fragen. Am Abend wurde wie üblich das Nachtessen aufgewärmt. Ja, aufgewärmt: Eine Konservendose stand auf der Herdplatte… Entsetzt entschloss sich Hanna für die „armen Jungs“ zu kochen. So fühlten sich alle fast wie zuhause. Pünktlich um 18 Uhr kamen sie erwartungsvoll angelaufen, liessen sich vom Menu überraschen und genossen endlich ein warmes Essen. Meist arbeiteten sie bis 22 Uhr die letzte Nacht vor Eröffnung bis am Morgen, nach einem Abschiedskaffee verschwanden sie, um am letzten Messetag wieder aufzutauchen für den Abbau.

Es war alles neu, ungewohnt und sehr anstrengend! Von Land und Leuten bekam man kaum was mit, ausser das sie arm waren, denn man bewegte sich vom Schlafplatz zur Messehalle hin und her, zu mehr hatte niemand Zeit. Es war Intuition, Hanna hatte Verpflegung mitgenommen, die zugeteilte Dolmetscherin Janina brachte dann Gemüse vom Markt und nur durch sie erfuhren sie etwas über die Menschen und das Leben in Polen. Die wenigen Restaurants musste man schon am Morgen reservieren. Vergass man das, gab es nichts. Somit kochte sie des Öfteren ein Nachtessen am Stand für das Standpersonal, das schmeckte allen und Wein und Wodka war genügend vorhanden, um einen lustigen Abend zu verbringen. Nicht selten verirrten sich auch befreundete Techniker oder bekannte ausgehungerte Seelen an ihren Tisch. Die Hallen wurden um 22 Uhr geschlossen und so kamen alle zur „guten Stunde“ ins Bett.

Während der Woche kamen die Einkaufsgesellschaften für Besprechungen. Alles war genau strukturiert, sie kauften jeweils für das ganze Land ein, je nach Zuständigkeit zum Beispiel für die Chemie- oder die Maschinen-Industrie. Die Endabnehmer durften den Produzenten nur an der Messe treffen, dies wurde rege benützt, und die Tage waren ausgefüllt. Nur wenn Maschinen und Anlagen montiert wurden, mussten die Monteure zu den entsprechenden Produktionsfirmen, die hatten natürlich mehr Einsicht, wie das Leben im Lande wirklich war. Am Wochenende hatte das Volk zutritt zur Messe und das kam in Strömen und sammelten Prospekte, kleine Werbeprodukte, Plastiksäcke, alles was sie bekommen konnten, sogar leere Nescafé-Gläser, die in der Küche als Trophäe aufgestellt wurden, was Hanna später verwundert sah. Was muss das für eine Sensation gewesen sein, abgeschottet vom Westen kamen sie erstmals etwas in Kontakt und interessierten sich brennend für alles. Für beide Seiten war es eine neue Welt.

Fazit der Messe: zufriedenstellend fürs Geschäft. Die Präsentation von Stand, Betreuung wurde lobend erwähnt und etwas neidisch auf die gute Verpflegung hingewiesen. Das war Balsam auf die Seele, der grosse Einsatz hat sich gelohnt. Zurück im Büro durfte Hanna alle Messeberichte selbst schreiben soviel Selbständigkeit überraschte sie. Nur eines schmerzte sehr, Ende Januar starb der Patron plötzlich und hat eine grosse Lücke hinterlassen – sie hätte ihm doch voller Stolz sagen wollen, dass sie die Herausforderung geschafft hat. Am Weihnachtsessen erlaubte sie sich ihm zu sagen, dass sie ihm beweisen werde, dass eine Frau genau soviel leisten kann wie ein Mann, seine Antwort war entsprechend… Das Leben geht weiter, auch wenn es schwierig war. Die erste Messe hat viel gebracht, Informationen die wichtig sind um einen guten Job zu machen, die Mentalität einigermassen zu verstehen, damit man nicht ins Fettnäpfchen tritt und das war oft ein schmaler Grat. Land und Leute kennen zu lernen, dafür gab es keine Zeit, denn nach den anstrengenden Messetagen wollten alle nur noch nach Hause.

Mallorca

Kurz danach, im März 1974, trudelte schon die nächste Einladung ein. Eine ehemalige Mitarbeiterin lebte nun in Mallorca und drängte Hanna, sie zu besuchen. Nichts wie los, es war ja nicht so weit. Der Wonnemonat Mai versprach Sonne, Sand und Meer und so genossen sie eine Woche in der schönen Stadt Palma. Tagsüber am Strand, mit sehr wenig Touristen und abends lange Diskussionen mit gutem spanischen Essen. Schon am zweiten Tag am Strand kamen sie ins Gespräch mit Matrosen von dem Kriegsschiff Independent der US Navy, das in Blickweite ankerte. Neugierig wie immer, nahmen sie die Einladung an, das Schiff zu besichtigen. Was heisst Schiff, da ging es Etage um Etage in den Bauch des riesigen Kreuzers, einfach überwältigend. In der Offiziersmesse durften sie sogar das Mittagessen geniessen. Das war ja eine Stadt mit allem drum und dran! Zuletzt erhielten sie noch einen richtigen Matrosenanzug geschenkt. Sie revanchierten sich dann mit einem tollen spanischen Nachtessen und die beiden Matrosen schätzten die Abwechslung sehr in ihrem monatelangen Dienst bei der US Navy, denn schon zwei Tage später mussten sie auslaufen. Dieses Erlebnis für die „Landpomeranzen“ unvergesslich!

Palma de Mallorca

Schon im Herbst begann die Planung für die nächsten Messen und es wurde entschieden, dass 1975 zwei organisiert werden sollen. Erst die Maschinenmesse in Poznan, anschliessend Chemiemesse Incheba in Bratislava. Dank der Erfahrungen vom ersten Einsatz konnte Hanna gezielter planen, aber alles in doppelter Ausführung. Viel Arbeit neben dem normalen Büroalltag. Es machte grossen Spass, jede Ecke des Hirns wurde aktiviert! Nebenbei Auto-Fahrstunden, damit sie die Prüfung vor den Messen machen konnte. Am 2. Juni flog sie per Flugzeug nach Berlin. Anderntags mit dem Firmenauto aber mit einem Techniker des Berliner Produzenten weiter nach Poznan. Der fuhr direkt zur Messehalle, inmitten von Kisten, Maschinen, Durcheinander, stieg er aus und sagte: „Sie können alleine zur Wohnung fahren.“ Völlig schockiert wechselte Hanna ans Steuer und geriet in Panik, sie war noch nie alleine Auto gefahren. Da drängelten schon die Messebauer, wohl oder übel, sie musste Platz machen. Irgendwie schaffte sie den Ausgang, fand auch ein Taxi, der sie zur Übernachtungs-Wohnung lotste – sie war völlig verloren und fertig. Dankbar, dass die Vermieter vom Vorjahr ja deutsch sprachen und etwas zu essen bereit machten. Dass es kein Schlaflied brauchte ist klar! Mutig durch die erste Fahrt, fand sie am Morgen danach sogar den Weg mit dem Auto zur Messe. Da stand wie abgemacht der Stand. Kaum angekommen, wurde sie von der Montagetruppe begrüsst, es waren die gleichen Jungs wie im letzten Jahr. Diesmal hatten sie vereinbart, dass sie Frischfleisch für sie mitbringt, damit das Essen noch besser wird, denn Fleisch war schwierig zu bekommen. Natürlich jede Menge Gemüsekonserven, Teigwaren, Kartoffeln und gewisse Gemüsesorten konnte man kaufen. Erst gab es mal Frühstück und alle waren zufrieden.