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Ein britischer Agent landet 1944 in der kleinen schleswig-holsteinischen Gemeinde Kalübbe. Hier soll er einen geheimen Auftrag durchführen. Die Mission gelingt, doch dann reißt die Verbindung nach England ab. Eine Flucht zurück ins Königreich wird damit unmöglich und ständig droht die Entdeckung durch den Feind. Nun beginnt die gefährliche Suche nach einer alternativen Fluchtmöglichkeit. Unterstützung findet er dabei in einer jungen Deutschen.
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2014
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für Linnea Sophie & Mads Jonte
1. Kapitel - „Der Funkhörer“
2. Kapitel - „Der Absprung“
3. Kapitel - „Kalübbe“
4. Kapitel „Dortje“
5. Kapitel „Der Angriff“
6. Kapitel „Tom“
7. Kapitel „Der Absturz“
8. Kapitel „Das Funkgerät“
9. Kapitel: „Bomber“
10. Kapitel „Kontakt“
11. Kapitel „Die Flucht“
12. Kapitel „Die Rückkehr“
Nachwort
Der Winter war endlich vorüber – auf den Feldern war der letzte Schnee geschmolzen und gab erste grüne Triebe frei. Der nahe Plöner See trug noch vereinzelt zarte Reste von Eis die silbern in der Frühlingssonne blitzten. Es konnte nicht mehr lange dauern und die Temperaturen würden wieder zu einem längeren Aufenthalt im Freien einladen.
Auch der kleine Ort Kalübbe in Schleswig-Holstein erwachte aus dem Winterschlaf. Vereinzelt sah man schon Bürger in den Gärten, die fleißig ihre Beete für die ersten Aussaaten vorbereiteten. Hier und da wurden bereits Stiefmütterchen gepflanzt. In der Ferne brummte ein Rasenmäher und ein Landwirt hatte seine Kühe erstmals in diesem Jahr wieder auf eine Weide getrieben. Die Tiere rannten vor Freude wild durcheinander und sprangen, ob der wiedererlangten Freiheit und von der Sonne getrieben, wie besessen in die Höhe.
Auch den Menschen fiel das Leben nun wieder leichter. Vorbei war die lange Zeit der Dunkelheit. Die Launen der Menschen besserte sich zusehends und letzte Winterdepressionen heilte der herannahende Frühling, dessen Duft bereits in der Luft lag.
Der Kaufmann in der Dorfstraße putzte seine Schaufenster und dekorierte diese neu. Aufgesprühte Schneeflocken wichen nun aufgeklebten Frühlingsblumen. Dicke Pullover und Winterschuhwerk wurden gegen Sommerkleider, T-Shirts und kurze Hosen ausgetauscht. Auch die Schlachterei des Orte stellte sich nun auf die neue Jahreszeit ein. Kohlwurst und Haxen würden nun nicht mehr den Alltag des Schlachtermeisters bestimmen. Nun begann wieder die Zeit der Grillwürste und des Grillfleisches. Der Bäcker bewarb die ersten Maikringel und auch die Freiwillige Feuerwehr war fleißig. Die Feuerwehrautos wurden gewaschen und das Material wurde auf Vordermann gebracht. Ein Feuerwehrmann startete eine Motorsäge um diese zu prüfen. Hoffentlich würden die Kameraden ihr Material in diesem Sommer nur für Übungen auspacken müssen.
„Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt“ - mit diesem Lied auf den Lippen begann für Helge Petersen die arbeitsreiche Jahreszeit. Helge war einer der größten Landwirte am Ort. Er hatte den Hof in der Straße „Hössen“ vor drei Jahren von seinem Vater übernommen. Dieser hatte den Betrieb zu einem stattlichen Anwesen ausgebaut. Heute lebte die Familie von der Schweinezucht und vom Ackerbau. Dafür standen Helge Petersen insgesamt über zweihundert Hektar Fläche zur Verfügung auf denen er hauptsächlich Getreide und Mais anbaut. Für die nächsten Jahre ist der Bau einer Biogasanlage geplant. Helge ist seit zwölf Jahren mit Anne verheiratet. Anne war im Nachbarort Belau aufgewachsen. Sie kam aus gutbürgerlichem Hause und hatte in der Kreisverwaltung in Plön eine Ausbildung zur Verwaltungskauffrau gemacht. Nach der Lehre arbeitete sie bis zur Hochzeit mit Helge für die Amtsverwaltung des „Amtes-Plön-Land“, zu dem auch Kalübbe gehörte. Mit Landwirtschaft hatte sie zunächst nichts im Sinn. Erst nachdem sie auf den Hof gezogen war, beschäftigte sie sich mit dem Leben als Bäuerin. Ihr fiel es leicht sich an die Begebenheiten auf einem Bauernhof zu gewöhnen – sie hatte sichtlich Spaß an der Landwirtschaft. So konnte sie schon nach wenigen Jahren die Buchhaltung des Betriebes übernehmen. Sie wusste nun Bescheid über zu erwartende Ernteerträge, über Bewirtschaftungskosten und über Subventionsanträge. Anne war zur treibenden Kraft auf dem Hof geworden – und die Erträge waren seit ihrer Heirat mit Helge sogar gestiegen.
Vor elf Jahren kam ihr erstes Kind, Mattes, zur Welt. Bereits von Kindertagen an hatte er die Landwirtschaft zu seinem Lebensinhalt erkoren. Schon mit zwei Jahren fuhr Mattes mit seinem Trettrecker auf dem Anwesen umher und spielte Bauer. Er konnte seinem Vater bei der Fütterung der Schweine helfen und wenn es mit dem Trecker auf den Acker ging, war Mattes mit dabei. Besonderen Spaß hatte er, wenn es ans Güllefahren ging. Er freute sich köstlich, wenn er - auf dem Trecker neben seinem Vater sitzend - mit dem großen Gülleanhänger durch den Ort fuhr und alle Welt die Nase rümpfte, weil der ganze Ort nach der Petersenschen Gülle stank. Sein Kinderzimmer war vollgestopft mit Spielzeugtreckern, Anhängern und landwirtschaftlichen Geräten. Sogar einen kleinen Plastik-Bauernhof mit Ställen und einer Maschinenhalle hatten Helge und Anne Petersen für Mattes erworben. Hier konnte er auch bei schlechtem Wetter Landwirt sein - und das war er gerne.
Auf dem Hof der Petersens wohnte auch noch Mattes Urgroßmutter. Sie hatte im Bauernhaus eine kleine Stube bezogen. Es war lange her, dass sie und ihr Mann den Hof an ihre Kinder abgegeben hatten. Auch diese Generation war bereits aufs Altenteil gezogen und wohnte nun nur eine Straße entfernt. Die weise, alte Frau hatte ihr Leben mit harter Arbeit auf dem Betrieb verbracht. Gerne sprach sie über die Zeit als sie noch Herrin auf dem Hof war. Dann schwelgte sie in den alten Zeiten und berichtete über die harte Arbeit, die damals noch „von Hand“ gemacht werden musste und dass heute ja alles „von Maschinen“ ausgeführt wird. Dann erzählte sie, wie sie damals noch mit der Sense auf die Felder gezogen war um das Getreide zu mähen, welches dann mühselig zu Garben gebunden aufgestellt wurde. Sie erinnerte sich daran, wie die Garben dann in die Scheunen gefahren und dort mit Dreschflegeln per Hand ausgedroschen wurden – später gab es dann schon erste Dreschkästen, die mittels Gurtantrieb die harte Arbeit übernahmen. Begeistert erzählte sie von den schönen Feiern die nach getaner Ernte stattfanden – sie hatte damals viel getanzt. Dann sprach sie auch gerne über die langen Abende an denen man in der Stube saß und sich bei Kerzenschein Geschichten erzählte, während Handarbeiten gemacht wurden – damals hatte man kaputte Socken noch gestopft und nicht weggeworfen. Einen Fernseher gab es bis in die sechziger Jahre auf dem Hof der Petersens nicht.
In den vergangenen Jahren war die alte Frau etwas „klapperig“ geworden – wie sie selbst es nannte. Immerhin war sie Anfang des Jahres neunzig Jahre alt geworden. Das wurde groß gefeiert. Alle Verwandten – und das waren Viele – waren gekommen und hatten den Ehrentag mit ihr verbracht. Sogar der Bürgermeister hatte gratuliert und das Music-Corps der Feuerwehr war gekommen um ihr ein Ständchen zu spielen. An diesem Tag hatte sie sich mit Sekt „einen angetüddelt“ wie sie mit einem Lächeln auf den Lippen selbst festgestellt hatte.
Oft saß sie stundenlang in ihrer Stube und grübelte über die alten Zeiten nach. Ihr Mann war 1990 gestorben. Seitdem hatte sie sich sehr zurückgezogen. Aber wenn Mattes sie besuchte, blühte sie auf. Dann spielte sie mit ihm „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“ oder „Schwarzer Peter“ - oder sie erzählte Geschichten von „Früher“ - und er hörte gerne zu. Mattes war ihr Sonnenschein.
Draußen regnete es bereits seit Tagen – Mattes strich gelangweilt über den großen Dachboden des alten Bauernhauses. Hier gab es immer etwas zu entdecken. In alten Kisten und Kartons lagen Gegenstände, die vergangene Generationen einmal hier hinterlassen und vergessen hatten. Im hinteren Bereich des Dachbodens fand Mattes unter einem von vermutlich jahrzehntealten Spinnenweben überzogenen Dachbalken einen alten Lederkoffer der wohl in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal modern gewesen war. Offenbar war der Koffer in seinem Leben weit herumgekommen. Auf der Oberseite klebten alte Aufkleber, die ehemalige Reiseziele auswiesen. So war er vor langer Zeit wohl einmal mit einem Schiff in Marokko gewesen. Ein weiterer Aufkleber verwies auf eine Reise mit der „White-Star-Line“ nach Übersee. Unter dieser Linie fuhr damals auch die Titanic.
Die etwas angerosteten Schnappverschlüsse ließen sich nicht gleich öffnen. Erst als Mattes mit etwas Draht an den Scharnieren herumhantierte schnellten die Verschlüsse zurück und gaben den Inhalt preis. Viel war nicht im Koffer enthalten – neben einigen alten Reiseprospekten lag ein zunächst unscheinbarer Gegenstand darin, den Mattes zunächst nicht identifizieren konnte. Als er ihn aber in den Händen hielt, erkannte er einen alten Kopfhörer und ein integriertes Mikrophon. Auch diese Kombination hatte ihre besten Jahre bereits weit hinter sich gelassen. Eine kleine Plakette, die am porösen Anschlusskabel angebracht war, trug den Schriftzug „Made in Britain 1941“. Mattes hatte seit einigen Monaten Englischunterricht in der Schule und wusste was der Schriftzug bedeutete. Er setzte sich den Kopfhörer auf und stellte sich vor er sei ein Pilot und würde mit einem großen Passagierflugzeug über den Atlantik nach Amerika fliegen. Mattes rannte dazu über den Dachboden und ahmte Geräusche von Turbinen nach. Dabei hatte er beide Arme ausgestreckt, die wohl Tragflächen simulieren sollten. Zwischendurch sprach er Sätze wie „Tower – wir gehen zu Landung“ oder „Mayday, Mayday...“ ins Mikrophon. Mattes hatte viel Spaß an diesem Nachmittag. Den Funkhörer nahm er mit in sein Kinderzimmer.
Am Abend erzählte er beim gemeinsamen Essen von seinem Fund. Helge, Mattes Vater, und auch seine Mutter Anne konnten sich nicht daran erinnern den Hörer schon einmal gesehen zu haben. „Schmeiß den alten Kram weg“, war der Kommentar seiner Mutter. Mattes, neugierig geworden, wollte nun aber mehr über das Gerät herausfinden. Er beschloss seine Urgroßmutter danach zu befragen. Immerhin wohnte sie schon ihr ganzes Leben lang auf dem Hof – und es war doch möglich, dass sie die Geschichte des Funkhörers kenne. Gleich nach dem Abendessen würde er sie in ihrem Zimmer besuchen und mit dem Gerät konfrontieren.
Die alte Dame saß wie immer in ihrem gemütlichen Lehnstuhl. Ihr Zimmer war gut geheizt – für Mattes Empfinden war es etwas zu warm. Aber sie hatte es gerne so. Auf dem Tisch stand eine Flasche Rotwein „Königliche Mädchentraube“ - den trank sie gerne. An der Wand hing ein Foto ihres Mannes. Darauf war er noch sehr jung – vielleicht dreißig Jahre alt. Er war 1990 verstorben. Die Wende in Deutschland hatte er aber noch erlebt – und das war wichtig für ihn. Sein Leben lang hatte er sich für Gerechtigkeit und gegen die Teilung Deutschlands eingesetzt. Das war ein wichtiger Lebensinhalt für ihn gewesen.
Sie hatte Tränen in den Augen, als sie den Hörer nach vielen Jahren wieder in den Händen hielt. Es war seither so viel passiert. Dennoch kam es ihr vor als wäre es gestern gewesen. Dieses Gerät hatte großen Anteil an ihrem Lebensverlauf gehabt. Das Schicksal hatte damals nicht nur den Hörer zu ihr geführt. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wäre sie vor nunmehr fast siebzig Jahren nicht losgezogen um Brennholz zu sammeln?
Schließlich wurden ihre Gedanken wieder zu Bildern.
Die Fronten verschieben sich zusehends in Richtung des Deutschen Reiches. In der Bevölkerung wächst die Angst vorm Ende. Sollte das tausendjährige Reich doch schon nach wenigen Jahren zerbrechen – obwohl das NS-Regime nach wie vor den nahen „Endsieg“ herausschreit? Aber weder die Wunderwaffen noch der einberufene „Volkssturm“ konnten an der aussichtslosen Situation entscheidend etwas ändern. Die sowjetische Frühjahrsoffensive endete mit der Rückeroberung der Krim und der Ukraine. Sie setzte energisch gegen die Heeresgruppe Mitte an, der innerhalb von nur vier Wochen achtundzwanzig ihrer vierzig Divisionen verlor. Durch den Einbruch der deutschen Front konnte die Rote Armee weit Richtung Ostpreußen und Weichsel vorstoßen. Die Hoffnung war nun dahingehend, dass jedenfalls die befürchtete neue Front im Westen ausbleiben würde. Man rechnete mit einer Landung alliierter Kampfverbände in Frankreich, Benelux oder Dänemark.
Vom Kriegsgeschehen bekam man in Kalübbe jedoch nur wenig mit. Natürlich hörte man nahezu täglich das dumpfe Brummen der einfliegenden feindlichen Bomberverbände – und natürlich hörte man auch die detonierenden Bombenteppiche die auf Kiel niedergingen, hörte die deutschen Flugabwehrkanonen donnern und sah in den Scheinwerferkegeln die Silhouetten der Bomber. Nächtens sah man den glutroten Himmel über der brennenden Stadt.
Kampfhandlungen auf dem Lande waren aber eher die Ausnahme. Im Nachbarort Ascheberg hatten vor Kurzem Brandbomben aus einem Notabwurf eine Scheune in Brand gesetzt und auf der Chaussee nach Wankendorf war ein Fahrzeug der Wehrmacht von tieffliegenden Flugzeugen beschossen worden. Einmal waren einige Sprengbomben auf einem Feld zwischen Kalübbe und Vierhusen eingeschlagen und hatten tiefe Krater und zerfetzte Bäume hinterlassen. Wahrscheinlich wurden die Bomben von einem angeschossenen Flugzeug abgeworfen. Das taten die Besatzungen, wenn sie abzustürzen drohten, um die Chance auf ein Überleben zu erhöhen. In einem Moor bei Nehmten soll ein abgeschossener Pilot und zwei Besatzungsmitglieder mit Fallschirmen gelandet sein. Sie wurden von Wehrmachtsangehörigen aufgespürt und auf der Stelle erschossen.
