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Die Heimatkinder verkörpern einen neuen Romantypus, der seinesgleichen sucht. Zugleich Liebesroman, Heimatroman, Familienroman – geschildert auf eine bezaubernde, herzerfrischende Weise, wie wir alle sie schon immer ersehnt haben. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Hohe Erlen und grüne saftige Wiesen säumten den Mühlbach. In den prallen Dotterblumen tummelten sich die Bienen, und unermüdlich drehte sich das schwere Mühlrad. Es war ein lieblicher Wiesengrund, und inmitten der blühenden Au duckte sich die Erlenmühle breit und behäbig. Die riesige Kastanie im Hof hatte ihre Blütenkerzen aufgesteckt, und eine Rundbank schmiegte sich um den Baum. Ein erhebender Anblick im herrlichen Frankenland. Und Frieden strahlte das Anwesen des Müllermeisters Balthes Morhard aus. Doch welch trügerisches Bild! Friede und Freude schienen aus den behaglichen Räumen des Hauses gewichen zu sein. Und was war die Ursache? Zornig knüllte Balthes die Feierabendzeitung zusammen. Die Pfeife war ihm schon lange ausgegangen und Josefa, seine Ehefrau, sandte einen flehenden Blick zum Herrgottswinkel. Dann ruhten ihre Augen sorgenvoll auf dem gesenkten Scheitel der Tochter. Bildschön war sie, die einzige Tochter der Müllersleute. Rank gewachsen, die dunklen Zöpfe wie eine Krone aufgesteckt. Doch die sonst lachenden Braunaugen sahen trübe in die Welt. Kein Wunder auch, wenn der Müller in seiner rauen Art alles zunichtemachte, was ein junges Mädchenherz erfreute. Am vorhergegangenen Abend war Balthes zum Dämmerschoppen beim Kronenwirt eingekehrt. Sein Nachhauseweg führte ihn am Friedhof vorbei. Dort fanden sich an lauen Abenden die Jugendlichen des Dorfes ein, saßen auf der Friedhofmauer, scherzten und sangen bis in die Nacht hinein ihre schönen Heimat- und Liebeslieder. Der Müller mochte das und blieb immer eine Weile bei dem lustigen Völkchen stehen. Doch gestern Abend vermisste er seine Tochter Marianne in der fröhlichen Runde. Plötzlich entdeckte er sie abseits unter einer
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Hohe Erlen und grüne saftige Wiesen säumten den Mühlbach. In den prallen Dotterblumen tummelten sich die Bienen, und unermüdlich drehte sich das schwere Mühlrad. Es war ein lieblicher Wiesengrund, und inmitten der blühenden Au duckte sich die Erlenmühle breit und behäbig. Die riesige Kastanie im Hof hatte ihre Blütenkerzen aufgesteckt, und eine Rundbank schmiegte sich um den Baum. Ein erhebender Anblick im herrlichen Frankenland. Und Frieden strahlte das Anwesen des Müllermeisters Balthes Morhard aus. Doch welch trügerisches Bild!
Friede und Freude schienen aus den behaglichen Räumen des Hauses gewichen zu sein. Und was war die Ursache? Zornig knüllte Balthes die Feierabendzeitung zusammen. Die Pfeife war ihm schon lange ausgegangen und Josefa, seine Ehefrau, sandte einen flehenden Blick zum Herrgottswinkel. Dann ruhten ihre Augen sorgenvoll auf dem gesenkten Scheitel der Tochter. Bildschön war sie, die einzige Tochter der Müllersleute. Rank gewachsen, die dunklen Zöpfe wie eine Krone aufgesteckt. Doch die sonst lachenden Braunaugen sahen trübe in die Welt. Kein Wunder auch, wenn der Müller in seiner rauen Art alles zunichtemachte, was ein junges Mädchenherz erfreute.
Am vorhergegangenen Abend war Balthes zum Dämmerschoppen beim Kronenwirt eingekehrt. Sein Nachhauseweg führte ihn am Friedhof vorbei. Dort fanden sich an lauen Abenden die Jugendlichen des Dorfes ein, saßen auf der Friedhofmauer, scherzten und sangen bis in die Nacht hinein ihre schönen Heimat- und Liebeslieder. Der Müller mochte das und blieb immer eine Weile bei dem lustigen Völkchen stehen. Doch gestern Abend vermisste er seine Tochter Marianne in der fröhlichen Runde. Plötzlich entdeckte er sie abseits unter einer Trauerweide mit einem jungen Burschen. Bei näherem Hinsehen erkannte er Hubert, den Sohn des Kleinhäuslers Anton Walldorf. Und dass sie sich an den Händen hielten, ließ ihn rot sehen.
»Marianne, du kommst jetzt sofort mit mir nach Hause! Es ist so schon spät genug, und für ein Techtelmechtel habe ich nichts übrig.«
Drohend baute sich die gedrungene Gestalt des Müllers vor den beiden auf.
»Ach, Vater, lasse mich doch noch ein klein wenig hier. Der Abend ist so schön, und wir wollen uns doch nicht vor den andern lächerlich machen, bitte, Vater.«
»Du, werde nicht frech! Wenn ich sage, du kommst mit, dann meine ich es auch so. Mein Wort hat noch immer gegolten, und nun schau, dass du nach Hause kommst.«
»Geh schon, Marianne. Es ist wirklich spät geworden. Alsdann, bis bald.« Beruhigend sagte es der gut aussehende Bursche und wandte sich ab.
»Gute Nacht, Hubert!« Verhalten entgegnete es das Mädchen und folgte zögernd dem Vorausgehenden.
Verbissen stapfte Balthes Morhard neben seiner Tochter her, und verstohlen sah Marianne ihn von der Seite an. Kein Wort fiel, und stumm waren die beiden auf dem Anwesen angelangt. In der großen Bauernstube brannte noch Licht, und müde sah Josefa den beiden entgegen.
»Hat es was gegeben zwischen euch, weil du so grimmig dreinschaust, Vater?«
»Ja, es hat was gegeben, Mutter. Aber heute will ich meine Ruhe haben. Und mit dir rede ich morgen weiter«, knurrte Balthes seine Tochter an.
»Aber ich habe doch nichts Unrechtes getan, Vater, was das Licht scheuen könnte.«
»Ich will kein Wort mehr hören. Und nun verschwinde in deine Kammer.«
»Ja, ich gehe schon. Eine gute Nacht wünsche ich noch.« Traurig verließ Marianne die Stube und ging langsam die Stiege hinauf.
»Gute Nacht, Kind«, leise murmelte es die Mutter, und im Gesicht ihres Mannes wetterleuchtete es. Josefa seufzte leise und wandte sich nun ebenfalls ihrem Schlafgemach zu. Mit Balthes war heute nicht gut Kirschen essen, da verzog sie sich lieber. Wer weiß, welche Laus ihm heute wieder über die Leber gelaufen war.
Als sich die Tür hinter ihr schloss, sank der Müller ächzend auf die Ofenbank. Die geliebte Pfeife rührte er erst gar nicht an, und grollend kam es aus dem verkniffenen Mund: »Da hat man sich zeitlebens geschunden, und nun kommt ein solcher Habenichts und macht sich an meine einzige Tochter heran. Das lasse ich ganz einfach nicht zu. Ich werde dem Mädel schon seine Flausen austreiben. Noch bin ich der Herr im Hause, und niemand nimmt mir das Ruder aus der Hand.«
*
»Hallo, Marianne, hörst du mich?« Leise rief es Hubert Walldorf der Müllerstochter zu, die im Garten hinter dem Haus Unkraut jätete.
Freudig erschrocken richtete sie sich auf und trat zu dem blühenden Holunderstrauch, wo der Bursche auf sie wartete.
»Grüß dich, Hubert!«
»Ich bin schon eine ganze Weile hier, Marianne. Dein Vater hat gerade Kundschaft, und so wollte ich dich nur ganz schnell fragen, ob du heute Abend in die ›Traube‹ kommst zum Maitanz.«
»Ich würde schon gern gehen, Hubert, aber ob der Vater mich lässt? Du weißt doch, wie er sich neulich aufgeführt hat.«
»Ja, ich habe es nicht vergessen. Aber mir ist zu Ohren gekommen, dass Bürgermeisters auch hingehen. Da rechne ich hundertprozentig damit, dass auch die Müllersleute vertreten sein werden, schon wegen der Kundschaft.«
Vorsichtig sah sich der junge Mann um und entdeckte nun den Müller auf dem Hof. Ein Bauer lud gerade Mehlsäcke auf seinen Wagen und verabschiedete sich dann von Balthes.
»Ich muss gehen, mein Mädel, ehe er mich sieht.« Scheu drückte Hubert Marianne einen Kuss auf den Mund und sagte mit verhaltener Zärtlichkeit: »Also, dann bis heute Abend. Wenn du nicht kommst, werde ich auch nicht lange dort sein. Ich liebe dich!«
»Ich dich auch, mein Bub.« Zärtlich streichelte Marianne das braune Gesicht des Burschen und begab sich eilends wieder an ihre Arbeit.
*
Fröhlich schmetterten die Trompeten und jubilierten die Klarinetten. Auf dem Tanzpodium stampften die tanzenden Paare, und Juchzen und Gelächter erfüllte den Saal. Gerade trat der Balthes mit Frau und Tochter herein, und lebhaft winkte Hans Thorberg ihnen zu. Gemessenen Schrittes und hocherhobenen Hauptes trat Balthes Morhard mit den Seinen an den Tisch und begrüßte die Thorbergs. Josefa und Marianne mussten sich zu Karoline Thorberg setzen, und bald waren alle in ein lebhaftes Gespräch verwickelt. Karoline mochte Marianne sehr, und im Stillen fragte sie sich oft, ob das mit den beiden jungen Leuten wohl gutginge. Ihr Mann hatte keine Geheimnisse vor ihr, und so wusste sie um den »Kuhhandel«, wie sie die Kuppelei verächtlich im Geheimen nannte. Sie wusste auch, dass ihr Sohn Albert keinen guten Ruf besaß. Aber ihr Ehemann beruhigte sie damit, dass er sich schon eines Tages die Hörner abstoßen würde.
Albert war nicht zu sehen, aber plötzlich sah Marianne ihn mit der Kellnerin Franziska aus dem Nebenraum kommen. Schnell flüsterte er der Bedienung noch etwas zu und kam nun herangeschlendert. Er war schon leicht angeheitert und übersah geflissentlich den warnenden Blick seines Vaters.
»Einen schönen guten Abend auch, die Herrschaften! Ich habe euch schon vermisst, aber der Abend hat ja erst begonnen. Marianne ist wohl heute die Schönste hier im Saal. Darf ich gleich um diesen Tanz bitten?«
Galant verneigte er sich vor dem anmutigen Mädchen, und Marianne wollte schon abwinken. Ernst sah ihre Mutter sie an und schüttelte unbemerkt den Kopf. Widerstrebend folgte das Mädchen dem Vorangehenden auf das Tanzpodium. Großspurig warf Albert den Musikanten einen Geldschein zu und rief lauthals: »Spielt etwas besonders Langes und Feuriges für mein Mädel und mich! Auf geht’s! Juchhuh!« Fest packte er das Mädchen um die Hüften und presste sie an sich.
»Nicht so eng, Albert, du drückst mir ja die Luft ab!« Marianne bemühte sich um Abstand, aber es war vergebens. Und immer ausgelassener und wilder stampfte der Angetrunkene den Boden. Alkoholdunst schlug dem Mädchen entgegen, und angewidert wandte es den Kopf zur Seite. Marianne konnte nicht mehr, und da entdeckte sie Hubert unter der Menge. Verstohlen nickte er ihr zu.
»Es reicht, Albert! Mir wird schon ganz schwindelig. Lass uns aufhören.« Marianne versuchte sich von ihm zu lösen, aber stur hielt er sie fest.
»Ich werde doch jetzt nicht aufhören, wo es am schönsten ist«, keuchte der Bursche und riss brutal das Mädchen mit sich herum. Doch zum Glück war das Stück zu Ende, und wütend blitzte Albert die Musiker an: »Reicht das Geld nicht für einen anständigen Tanz? Da, ihr Blutsauger!« Wütend holte er einen weiteren Geldschein aus der Tasche, aber die Musiker winkten ab: »Wir müssen ja auch einmal wieder zu Atem kommen, Albert. Nach einer kurzen Pause geht es weiter.«
Albert packte seine Tänzerin und trug sie unter dem Gejohle der jungen Burschen vom Podium: »Komm, gehen wir ein wenig an die frische Luft, Schatz. Mir ist ordentlich warm geworden.« Herrisch zog er die Widerstrebende mit sich, aber da trat Hubert hinzu: »Siehst du nicht, dass das Mädel nicht mehr kann? Schau sie dir doch an, du widerlicher Kerl!«
»Sag das noch einmal, du Habenichts! Aber laut und deutlich!« Zornig packte Albert den mutigen Burschen am Hemdkragen und holte zum Schlag aus.
»Ruhe, Leute!«, rief der Wirt den beiden Kampfhähnen zu. »Verderbt doch meinen Gästen den schönen Abend nicht!«
Balthes war aufgesprungen und packte seine Tochter am Arm: »Du gehst zu uns an den Tisch zurück, und du Hallodri verschwindest!« Drohend wandte er sich an Hubert, der nun ganz blass wurde.
»Ich bin kein Hallodri, Müller, das merke dir! Sage das eher zu diesem da, der unserm Herrgott die Tage wegstiehlt.«
Hubert musste an sich halten, um dem arroganten Mann nicht gehörig seine Meinung zu sagen. Das Mädel tat ihm leid, das nun mit gesenktem Haupt an den Tisch zurückging.
»Was? Ich soll ein Hallodri sein?« Mit überschlagender Stimme kreischte es Albert und stieß den Müller zur Seite: »So, Bürschchen, nun reden wir zwei einmal Klartext miteinander! Zuerst nimmst du die Beleidigung zurück und dann verschwinde aus diesem Saal, aber ein bisschen dalli!«
Seine Faust traf Hubert ins Gesicht, dem das Blut aus der Nase spritzte und nun nicht mehr an sich halten konnte. Wütend drosch er auf den Angreifer ein, und plötzlich war die schönste Schlägerei im Gange. Stühle wurden zertrümmert, und immer lauter ging es im Tanzsaal zu. Einer drosch den anderen, und dann war Ruhe, unheimliche Ruhe. Ernüchtert starrte alles auf den Sohn des Bürgermeisters, der reglos am Boden in einer Blutlache lag. Ein Messer stak in seinem Rücken, und leichenblass beugte sich Hans Thorberg über seinen Sohn. Karoline war ohnmächtig am Tisch zusammengesunken, und Josefa und Marianne bemühten sich um sie.
»Einen Arzt! Schnell! Mein Sohn verblutet!« Verzweifelt schrie es der Bürgermeister und dann ging alles sehr schnell. Ein Krankenwagen brachte den Schwerverletzten ins nächste Krankenhaus. Die Polizei erschien auf der Bildfläche und nahm die Vernehmung auf. Hubert als Einziger hatte die unheilvolle Stätte verlassen und irrte kopflos durch die Nacht.
»Ich war es doch nicht! Mein Gott, ich habe es doch nicht getan! Das kannst du doch nicht zulassen, dass ich der Schuldige sein soll!«
Stöhnend sank er auf einen Feldstein und barg das erhitzte, verzweifelte Gesicht in den Händen. Ein Griff an die Gesäßtasche ließ ihn erstarren: Sein Messer war fort! Verschwunden! Panik erfasste den jungen Burschen, und planlos irrte er weiter. Nach Hause konnte er nicht, sein Vater würde zu Tode erschrecken. Aber die Polizei würde als Erstes dort erscheinen. Alles war vergebens, schien aussichtslos. Ob Vater an seine Unschuld glaubte?
»Armer, guter Vater, ich war es ganz gewiss nicht, das musst du deinem Buben glauben.« Wimmernd kam es aus der Brust des Gejagten. Er zweifelte nicht daran, dass die Schuld ihm einzig und allein in die Schuhe geschoben würde. Er musste fort, musste aus der Heimat verschwinden! Aber sah man das nicht als Schuldbeweis an? Wie ein weidwundes Tier verkroch er sich hinter einer verwilderten Dornenhecke, und langsam ebbte der rasende Pulsschlag ab. Er musste noch einmal zu Marianne, wollte von ihr wissen, ob sie an seine Schuld glaubte. Dann wollte er für immer verschwinden, unter anderem Namen untertauchen.
*
»Was in unserer Macht steht, wurde getan, Herr Thorberg.« Der Chefarzt des Städtischen Krankenhauses, Professor Maurer, reichte dem erschütterten Mann die Hand. »Leider mussten wir seine Milz entfernen, sonst wäre er innerlich verblutet. Er bekommt Transfusionen, und wir alle erhoffen das Beste für Sie und Ihren Sohn. Alles liegt nun in Gottes Hand. Fahren Sie nach Hause, Sie können ihn jetzt nicht sehen. Morgen dann sehen wir weiter. Rufen Sie bitte vorher an.«
Schweigend reichte er dem tiefgebeugten Mann die Hand, und zögernd wandte Thorberg sich dem Ausgang zu.
Lange saß er in seinem Wagen, in tiefes Sinnen vergraben. »Dieser Walldorf, dieser Lump! Wenn Albert stirbt, bringe ich diesen heimtückischen Mörder ins Zuchthaus! Zeitlebens soll er dafür büßen, dieser heruntergekommene Kleinhäuslerssohn!«
Endlich ließ er den Motor an und fuhr langsam Wiesenfeld zu. Im Gasthof »Zur Traube« waren alle Lichter erloschen, und doch lag eine spürbare Unruhe über dem nächtlichen Dorf.
Auch in der Erlenmühle war diese Unruhe spürbar. Der Müller hatte sich volllaufen lassen und wälzte sich unruhig im Bett. Josefa ließ die Perlen des Rosenkranzes durch die Finger gleiten, und Marianne stand in ihrem Zimmer, die Hände ringend. Warum hatte Hubert das getan? Er, der doch nie ein Raufbold war, hatte einen Menschen niedergestochen und ausgerechnet den Sohn des Bürgermeisters. Aufweinend schlug sie die Hände vor das Gesicht und schrak plötzlich auf: Ein Steinchen war an das Fenster geflogen, und bebend öffnete sie es.
Drunten stand Hubert und winkte ihr, zu kommen. Zuerst wollte sie nicht, doch dann ging sie mit schwachen Knien auf den Balkon. Hubert half ihr herunter und ging mit ihr hinter das Haus. In der Gartenlaube sank er vor ihr auf die Knie, und schluchzend stieß er hervor: »Ich war es nicht, Marianne. Ich habe nicht zugestochen, aber mein Messer ist verschwunden! Jemand muss es mir aus der Tasche genommen haben. Ich schwöre es beim Andenken an meine Mutter, dass ich nichts damit zu tun habe, glaube es mir.«
Aufatmend strich Marianne über das verquollene Gesicht des Verzweifelten, und nun war sie es, die ihm Trost zusprach: »Ich konnte es auch nicht glauben, Liebster. Aber warum auch bist du weggelaufen? Da musste ja der Verdacht aufkommen. Der Herrgott wird uns beistehen, wenn du nicht schuldig geworden bist. Aber was wird nun? Willst du dich nicht stellen?«
»Das kann ich nicht, Liebste, sie werden mir doch nicht glauben und mich verurteilen. Ich muss fort, Liebste, ehe sie mich fassen. Sage du es meinem Vater, bitte, und auch, dass ich unschuldig bin. Nun bist du für immer für mich verloren. Nie kannst du mir angehören, und mein ganzes Leben ist nun so sinnlos geworden.«
