Heimlich im Kalten Krieg - Tamara Domentat - E-Book
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Heimlich im Kalten Krieg E-Book

Tamara Domentat

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Beschreibung

Eine wahre Liebesgeschichte aus den Wirren des Kalten Krieges.

Da wäre zunächst ein Amerikaner in Berlin. Der ehrgeizige junge Oberstleutnant Bill Heimlich aus Ohio bereitet schon im Februar 1945 die militärische Einnahme der Reichshauptstadt vor. Dort angekommen, führt ihn seine erste Mission in die unterirdischen Gänge des Führerbunkers. In den verkohlten Ruinen der zerstörten Stadt findet er die Tagebücher Goebbels', verhört Rudolf Heß und verbrennt ein Schwein im Grunewald, um zu beweisen, daß Adolf Hitler nicht verbrannt sein kann. Er pflegt Kontakte zu Kurt Schumacher, Willy Brandt und Ernst Reuter und späht mit archaischen Observierungsmethoden die Sowjets aus, die freilich auf ebenso unfeine Art zurückschlagen. Als amerikanischer Geheimdienstchef und erster RIAS-Direktor erteilt er den Deutschen Nachhilfe in Demokratie und lanciert im RIAS schon nach kurzer Zeit ein 24-Stunden-Programm, das in allen vier Sektoren der Stadt gehört wird. Selbst die Russen haben höchste Hochachtung vor dem "unheimlichen Mr. Heimlich".

Und dann gibt es da ein Mädchen - bildschön, blond, langbeinig und ein komödiantisches Naturtalent. Während der letzten Kriegsjahre feiert sie an der Seite von Grete Weiser, Erik Ode und Georg Thomalla erste Bühnenerfolge und macht sich in der Nachkriegszeit mit der RIAS-Sendung "Die Stimme Berlins" einen Namen als antikommunistische Kabarettistin. Fräulein Ohlsen lernt Bill Heimlich am 6. Oktober 1945 bei Kaffee und Steinhäger kennen, und Amors Pfeile treffen beide mitten ins Herz. Doch dann reist Bill Heimlichs Gattin aus Ohio an, und die Nachkriegswirren machen ihnen das Leben und die Liebe zusätzlich schwer.

Tamara Domentat hat die Geschichte von Bill Heimlich und Christina Ohlsen anhand von privaten Aufzeichnungen und Tonbändern rekonstruiert. Aus den authentischen Zeugnissen hat sie ein temporeiches, spannendes Buch geschrieben, an dem nichts erfunden ist. Denn die besten Geschichten schreibt noch immer das Leben selbst.

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Rückseite Aus dem ersten Flirt, der sich im Jahr 1945 bei Kaffee und Steinhäger anbahnte, wurde bald mehr. Denn von diesem Tag an konnten die blonde Kabarettistin Christina Ohlsen und der amerikanische Oberstleutnant Bill Heimlich nicht mehr voneinander lassen. Aber ihre Liebe mußte zunächst so heimlich bleiben wie seine Tätigkeit als Chef des amerikanischen Geheimdienstes, die ihn kreuz und quer durch das zerstörte Berlin bis in den Führerbunker führte. Als erster RIAS-Direktor schließlich sollte Bill Heimlich die Deutschen zur Demokratie erziehen, während Christina Ohlsen als Botenkind Tine die unvergessene "Stimme Berlins" schuf. Und trotz aller Wirren der Nachkriegszeit kommt die Liebesgeschichte zwischen Bill und Christina noch zum Happy End. Vordere Klappe Da wäre zunächst ein Amerikaner in Berlin. Den ehrgeizigen jungen Oberstleutnant Bill Heimlich führt seine erste Mission nach Kriegsende in die unterirdischen Gänge des Führerbunkers. In den verkohlten Ruinen der zerstörten Stadt findet er die Tagebücher Goebbels' und verhört Rudolf Heß. Er pflegt Kontakte zu Kurt Schumacher, Willy Brandt und Ernst Reuter und späht mit archaischen Observierungsmethoden die Sowjets aus, die freilich auf ebenso unfeine Art zurückschlagen. Als amerikanischer Geheimdienstchef und erster RIAS-Direktor erteilt er den Deutschen Nachhilfe in Demokratie und lanciert schon nach kurzer Zeit ein 24-Stunden-Programm, das in allen vier Sektoren der Stadt gehört wird. Selbst die Russen haben höchste Hochachtung vor dem "unheimlichen Mr. Heimlich". Und dann gibt es da ein Mädchen - bildschön, blond, langbeinig und ein komödiantisches Naturtalent. Während der letzten Kriegsjahre feiert sie an der Seite von Grete Weiser, Erik Ode und Georg Thomalla bereits erste Bühnenerfolge und macht sich schließlich in der Nachkriegszeit mit der RIAS-Sendung "Die Stimme Berlins" einen Namen als antikommunistischer Kabarettistin. Fräulein Ohlsen lernt Bill Heimlich am 6. Oktober 1945 bei Kaffee und Steinhäger kennen, und Amors Pfeile treffen beide mitten ins Herz. Doch dann reist Bill Heimlichs Gattin aus Ohio an, und die Nachkriegswirren machen ihnen das Leben und die Liebe zusätzlich schwer.

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Tamara Domentat, Christina Heimlich

Heimlich im Kalten Krieg

Die Geschichte von Christina Ohlsen und Bill Heimlich

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Vorwort

Christina

Schrauben drehen bei Siemens & Halske — Berlin, Herbst 1944

Bill

Soll man die Deutschen mit der Härte eines Cromwell regieren? — London, Herbst 1944

Christina

Die Russen kommen — Görlitz, Februar 1945

Bill

Im Westen nichts Neues? — Spa/Versailles/Rheinland/Reims, Februar–Mai 1945

Christina

Fluchtpunkt Friedrichsbrunn — Friedrichsbrunn, Frühjahr 1945

Bill

Superwaffen, Hausbesetzer und Frauenmörder in Uniform — Halle/Berlin, Juli/August 1945

Christina

Im Sanatorium — Ballenstedt und Friedrichsbrunn, Sommer 1945

Bill

Führerbunker I — Berlin, August/September 1945

Christina

Vom Krankenbett ins Kabarett — Friedrichsbrunn/Berlin, September 1945

Bill

Die Russen rüsten auf — Berlin, Herbst 1945

Christina

Erster Flirt bei Kaffee und Steinhäger — Berlin, 6. Oktober 1945

Bill

Führerbunker II — Berlin, Dezember 1945

Christina

Persönlich entnazifiziert — Winter 1945/46

Bill

Der Spionagekrieg — Berlin, Herbst 1945 – Juli 1946

Christina

»I want you.« — Berlin, Frühjahr 1946

Bill

Dinner mit Kurt Schumacher — Berlin, Frühjahr 1946

Christina

Nur Indianer nehmen Geschenke zurück — Berlin, Sommer 1946

Bill

Die Goebbels-Tagebücher I — Berlin, 1946/47

Christina

Christinchens Maiennacht — Berlin, 1947

Bill

»Operation Backtalk« wird geboren — Berlin, 1946/47

Christina

Die Hiobsbotschaft — Berlin, Oktober 1947

Bill

Der Herr Direktor gibt Gas — Februar 1948

Christina

Arbeitsvermittlung Christina — Frühjahr 1948

Bill

Die Goebbels-Tagebücher II — Berlin, 1948

Bill

High Noon am Bahnhof Wannsee — Berlin, April – Juni 1948

Bill

»Technische Schwierigkeiten« — Mai/Juni 1948

Bill

Eine freie Stimme der freien Welt — Berlin, Sommer 1948

Christina

Die »Stimme Berlins« — Berlin, Frühjahr/Sommer 1948

Bill

»Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt!« — Berlin, 6. – 9. September 1948

Christina

Ein Spion im Hause Heimlich — September 1948

Bill

RIAS auf der Überholspur — Berlin, Herbst 1948

Christina

Mensch, laß dich gegen Pessimismus impfen! — Berlin, Herbst 1948

Bill

Frohes Fest, Herr Kotikow! — Berlin, Weihnachten 1948

Christina

»You are so easy to love« — Berlin, Dezember 1948

Bill

Eine Legende kehrt zurück nach Berlin — Berlin, April 1949

Christina

»Tine« in Time Magazine — Berlin, Anfang 1949

Bill

Die Spitzelsendungen — Berlin, Mai 1949

Christina

Ein Fest jagt das nächste — Mai 1949

Bill

Ami Go Home — Berlin, Sommer 1949

Christina

Ohne Bill in Berlin — Berlin, Herbst 1949

Christina

Mit Bill in Amerika — New York/Washington, Oktober 1950–Mai 1951

ChristinaEpilog

Anmerkungen

Impressum

Vorwort

Das vorliegende Buch erzählt die politischen und privaten Wechselfälle eines außergewöhnlichen Paares, das zu einer Berliner Legende wurde. Da wäre zunächst ein Amerikaner in Berlin. Bill Heimlich sei zwar in Amerika geboren, aber mit Spreewasser getauft, sagte Ernst Reuter, der Berliner Bürgermeister mit der Baskenmütze, einmal über ihn. Die Lebenswege, die den Mann aus Ohio mit der dramatischen Nachkriegsgeschichte Berlins verbinden, sind so schillernd wie vielschichtig. Als ehrgeiziger, junger Oberstleutnant bereitet Bill Heimlich im Februar 1945 die militärische Einnahme der Reichshauptstadt vor – für die Amerikaner ein langersehnter Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges. In Berlin führt ihn seine erste Mission in die unterirdischen Gänge des Führerbunkers, um die Todesfälle Hitler und Goebbels aufzuklären. Zwischen den ausgeglühten Ruinen der zerstörten Metropole findet er die Originalmanuskripte der Goebbels-Tagebücher und verhört die Nazi-Legende Rudolf Heß. Als Leiter der politischen Abteilung der US-Militärregierung erteilt er den Besiegten Nachhilfe in Demokratie und pflegt enge Kontakte zu den aufstrebenden deutschen Politikern Kurt Schumacher, Willy Brandt und Ernst Reuter. Als Leiter des militärischen Geheimdienstes wehrt er mit den archaischen Observierungsmethoden der Vor-CIA-Zeit frühe Ausspähungsversuche durch sowjetische Agenten ab.

Als Bespitzelungen, Geiselnahmen und Medienpropaganda aus Russen und Amerikanern erbitterte Kontrahenten machen, ernennt General Lucius D. Clay den passionierten Antikommunisten zum ersten amerikanischen RIAS-Direktor. Heimlichs erklärtes Ziel lautet: den Gegner anstatt mit »Essig« mit Humor zu bekämpfen. Innerhalb eines Jahres verwandelt er ein kleines, um Hörer kämpfendes Funkhaus in einen professionellen Unterhaltungssender mit 24-Stunden-Programm, Quiz-Shows, Hitparaden, Tanzmusik, Schulfunk und politischer Message. Wie Phönix aus der Asche steigt der RIAS unter Heimlichs Ägide während der Berlin-Blockade zur populärsten Radiostation in der Viersektorenstadt und der sowjetischen Besatzungszone auf. Ehrfürchtig nennen die Russen seinen Direktor den »unheimlichen Mr. Heimlich«.

Als heimlich läßt sich auch der Beginn der großen Liebe zwischen dem amerikanischen Geheimdienstchef und der bildschönen Tänzerin Christina Ohlsen beschreiben. An der Seite von Grete Weiser, Erik Ode und Georg Thomalla feiert sie während der Kriegsjahre erste Bühnenerfolge im »Kabarett der Komiker«. In ihrer Sendung »Die Stimme Berlins« macht sie sich mit satirischen Versen beim RIAS einen Namen als antikommunistische Kabarettistin. Als sich Fräulein Ohlsen und Mr. Heimlich am 6. Oktober 1945 bei Kaffee und Steinhäger in der beschlagnahmten Villa des UFA-Stars Hilde Hildebrand kennenlernen, trifft Amors Pfeil beide mitten ins Herz. Doch das Drama nimmt seinen Lauf, als Mrs. Heimlich aus Ohio anreist und mißgünstige Kollegen versuchen, die deutsch-amerikanische Love-Story nachhaltig zu untergraben.

Fünfzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung feierten Bill und Christina Heimlich diesen denkwürdigen Tag in ihrem Haus in einem Vorort von Washington D. C. und erzählten mir die spannende Geschichte ihrer außergewöhnlichen Liebe. So entstand das Schlußkapitel von »Hallo Fräulein«. Deutsche Frauen und amerikanische Soldaten. Doch die Geschichte dieses Paares war noch nicht zu Ende erzählt. Ihre märchenhafte Faszination erschloß sich aus so vielen Schicksalswenden und dem glanzvollen, schnellebigen Flair einer Stadt im Schatten wechselnder Katastrophen, daß es eines eigenen Buches bedurfte, um sie zu erzählen. Als Bill Heimlich im Juni 1996 starb, hinterließ er schriftliche Erinnerungen, in denen er seine Abenteuer als einflußreicher Amerikaner in Berlin festhielt. Ohne Siegerattitüde beschrieb er darin den Wandel einer leidgeprüften Stadt von der Machtzentrale der Nazi-Herrschaft zur Drehscheibe des Ost-West-Konflikts. Vor allem schildert er, was sich an Skurrilitäten hinter den Kulissen alliierter Macht abspielte und wie sein Aufstieg und Fall als Kalter Krieger die Geschichte Berlins veränderte.

Mit dem Feuer antikommunistischer Leidenschaft schrieb Bill Heimlich seine faszinierenden Erlebnisse in den siebziger Jahren sehr faktenorientiert und ohne literarischen Anspruch nieder. Um den Reiz der Geschichte nicht den natürlichen Beschränkungen der Zeitzeugenperspektive zu opfern, und um sie aus heutiger Sicht nachvollziehbar zu machen, bedurfte es neben einer Auswahl und Übersetzung aus dem Amerikanischen zahlreicher Umkompositionen, stilistischer Überarbeitungen, Neuformulierungen und eigener Textergänzungen. Um den dokumentarischen Charakter seiner Aufzeichnungen zu erhalten und die Etappen seiner Laufbahn zu rekonstruieren, die er aussparte, wurden umfangreiche Nachrecherchen erforderlich. Neben seinen schriftlichen Erinnerungen erschloß sich die Geschichte des Bill Heimlich über Interviews, Akten der amerikanischen Militärregierung, Zeitungsarchive und lange Gespräche mit seiner Witwe Christina.

Ihre ebenso spannende Geschichte verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Sie erzählt vor allem das private Drama einer geheimgehaltenen Liebe, die sich nach Jahren des Lavierens zwischen Leidenschaft und strenger Moral behauptet und zu guter Letzt vor einem amerikanischen Traualtar ein Happy-End findet. Interviews, Briefe und Auszüge aus ihren privaten Aufzeichnungen lieferten das Rohmaterial für ihren Teil der Geschichte.

Bills und Christinas Perspektiven wechseln sich ab, hin und wieder liefert eine »neutrale Stimme« Fakten zum Verständnis der historischen Hintergründe. Einige Namen von Personen wurden verändert.

Besonders danken möchte ich der Initiative Berlin–USA, dem Förderprogramm Frauenforschung des Berliner Senats und der Stiftung Luftbrückendank, die das Projekt in verschiedenen Phasen seiner Entstehung mit Stipendien gefördert haben. Für wertvolle Anregungen und moralische Unterstützung danke ich sehr herzlich meiner Lektorin beim Aufbau-Verlag, Dr. Annette C. Anton, Dr. Bryan van Sweringen und Horst Pillau.

Berlin, November 1999

Tamara Domentat

Herbst 1944: Während alliierte Bombergeschwader deutsche Städte in rauchende Trümmerhaufen verwandeln, rückt mit den Bodentruppen der Roten Armee die Ostfront unaufhaltsam in Richtung Berlin vor. Als erste amerikanische Panzerverbände über Belgien ins Deutsche Reich rollen und eine schwere Bresche in den Westwall schlagen, mag kaum noch jemand an einen Sieg der völlig ausgebrannten deutschen Wehrmacht glauben. Obgleich die »Festung Europa« überall auseinanderbricht, mobilisiert Hitler sämtliche Schichten der Bevölkerung für den grimmig beschworenen Endsieg. Ein Aufgebot hektisch bewaffneter Schuljungen und Greise soll die feindlichen Armeen stoppen, während die Fließbänder der Rüstungswerke an der Heimatfront heißlaufen. Als im September 1944 die Theater der Reichshauptstadt geschlossen werden, wartet auf die arbeitslosen Bühnenkünstler ein Platz in der Rüstungsindustrie. Auch die junge Schauspielerin Christina Ohlsen kann sich der Dienstverpflichtung zunächst nicht entziehen.

Christina

Schrauben drehen bei Siemens & Halske

Berlin, Herbst 1944

Das Rasseln des Weckers riß mich unsanft aus dem Tiefschlaf. Ruckartig fuhr ich hoch, fest davon überzeugt, daß in der nächsten Sekunde das geisterhafte Licht der Flakscheinwerfer quer über die Wand ziehen würde. Doch um mich herum blieb es finster. Ich streifte die Wolldecken ab und erhob mich von dem altersschwachen Sofa, auf dem ich schon seit mehr als zwei Wochen kampierte. Klappernd vor Kälte zog ich mich an und marschierte zur Straßenbahn. Im Dunkeln wirkte die Ruinenlandschaft noch gespenstischer als am Tag. Wie mit Röntgenaugen suchte ich den Weg zur Haltestelle auf versprengte Mauersteine, Kabel, geborstene Rohre oder zerbombte Wohnungseinrichtungen ab. Von dem ewigen Gestolper über das herumliegende Gerümpel bekam man nicht nur wunde Füße. Ein falscher Schritt, und man ruinierte sich das letzte Paar Schuhe an einer rostigen Sprungfeder oder stürzte in einen Granatentrichter.

In der leeren Straßenbahn wäre ich beinahe wieder eingenickt, so unendlich langsam ruckelte sie an Mietskasernen vorbei durch stille, dunkle Straßen. Ganz Berlin schien eine der kostbaren Nächte ohne Sirenengeheul auszunutzen, um endlich einmal wieder durchzuschlafen. Nur ich blickte einem weiteren verhaßten Arbeitstag bei Siemens & Halske entgegen. Um Punkt fünf, wenn vierzig Frauen in zwei Reihen antraten, um Maschinenteile für Kampfflugzeuge zu präparieren, begann mein eintöniges Tagewerk. Stunde um Stunde drehten wir Schrauben in Metallstücke mit vorgestanzten Löchern. Nie zuvor war ich eine derart ermüdenden und geisttötenden Beschäftigung nachgegangen. Vielleicht mangelte es mir auch nur am nötigen Patriotismus. Gegen Mittag wollte ich mir die Beine vertreten und schlenderte auf die gegenüberliegende Seite. Ich rechnete damit, daß die zweite Gruppe die von uns bearbeiteten Maschinenteile weitermontierte, mit Gravuren versah oder wenigstens ordentlich stapelte. Daher traute ich meinen Augen nicht, als ich entdeckte, daß meine Leidensgenossinnen sämtliche Schrauben, die wir gerade in die Flugzeugteile reingedreht hatten, eifrig wieder rausdrehten. Ich lief die Reihe hinunter und blickte allen Kolleginnen ungläubig über die Schulter, bis ich absolut sicher sein konnte, daß mein Verdacht berechtigt war.

Da begann ich innerlich zu kochen. Wegen dieser Farce hatten wir monatelang kein Tageslicht gesehen und nach Feierabend mit unseren Lebensmittelkarten vor verschlossenen Ladentüren gestanden! Mit einem Pochen in den Adern kehrte ich zurück an meinen Platz. Ich weiß nicht, ob es das Ausmaß dieser absurden Situation war, das mir plötzlich ins Bewußtsein stieg, oder der langgehegte Groll gegen diese sinnlose Beschäftigungstherapie – jedenfalls spürte ich, wie flammender Zorn mich durchzuckte und sich blitzartig in einen heftigen, ja unerträglichen Schmerz verwandelte. Kurz darauf wurde mir schwindlig, ich krümmte mich und verlor das Bewußtsein.

Im Krankenhaus kam ich wieder zu mir. Ich blickte in das überarbeitete Gesicht des diensthabenden Arztes. Er erzählte mir etwas von einem gallensteinbedingten Kreislaufkollaps und prophezeite eine chronische Entzündung für den Fall, daß man die Steine nicht umgehend herausoperierte. Als er ankündigte, mich an Ort und Stelle in Vollnarkose zu versetzen, richtete ich mich panisch auf. Was, wenn plötzlich der Strom ausfiel oder die nächsten Kampfflieger über uns hinwegdonnerten? Wollte ich hilflos auf einem Operationstisch liegen, während ringsherum die Granaten niederprasselten? Was bedeuteten ein paar Gallensteine im Vergleich zu der tödlichen Fracht der alliierten Luftwaffengeschwader? Wie alle Berliner lebte ich in ständiger Angst vor den alltäglich gewordenen Bombardements. Wenn sie vielen schon nicht den Tod gebracht hatten, so bestimmten sie doch auf alptraumhafte Weise unser Leben.

Was mein persönliches Schicksal angeht, so wurde ich allein im letzten Sommer zweimal ausgebombt. Das erste Mal saß ich mit Freunden im Haus meiner Tante Lotte, als sich wie aus heiterem Himmel ein Dachbalken aus der Verankerung löste und auf meinen Sitznachbarn fiel. Der Ärmste kippte vornüber und war augenblicklich tot. Eine Sekunde später fiel das ganze Haus in sich zusammen. Wir waren verschüttet! Nur dank einer zweiten Bombe, die eine Lücke in die Wand riß, gelangten wir ins Freie. Ich zwängte mich durch die Öffnung, kletterte den Schuttberg hoch, den unser Haus hinterlassen hatte, und trat dabei auf meine Tanzfotos, einzelne Schuhe und die Scherben des Porzellans, von dem wir gerade gegessen hatten. Hinter mir kroch ein junger Leutnant aus den Trümmern. Er war auf Heimaturlaub und verstand die Welt nicht mehr. »O Gott, o Gott«, rief er sichtlich schockiert, »an der Front ist es ja sicherer als hier!«

Das mochte ja sein, doch inzwischen knallten und pfiffen die Bomben mal wieder über Berlin, und wir mußten uns irgendwo in Sicherheit bringen. »Folgen Sie mir«, brüllte er gegen den Krach an. »Ich weiß, wo der nächste Luftschutzkeller ist!« Sein Wort in Gottes Gehörgang, dachte ich und hastete ihm hinterher in den Grunewald. Zweige peitschten uns ins Gesicht, und jedesmal, wenn eine Bombe niedersauste, schrie er galant: »Hinschmeißen, gnädige Frau!« Selbst am Waldboden vergaß er seine gute Kinderstube nicht. Doch als unser Fluchtpunkt in greifbare Nähe rückte, erwartete uns bereits der nächste Schock. Schnöde wies man uns beim Bunker ab, angeblich wegen Überfüllung. Frustriert schleppten wir uns weiter durch Gestrüpp und Unterholz, bis eine Detonation den Waldboden erzittern ließ und wir der Länge nach hinstürzten. »Fürchte dich nicht«, beschwichtigte ich meine Angst und mein Entsetzen. »Wenn du einen Knall hörst, mußten die anderen daran glauben. Wenn es dich trifft, dann hörst du nichts mehr.« Vorsichtig hoben wir die Köpfe und blickten uns um. Die Bombe war exakt dort eingeschlagen, wo wir vor wenigen Sekunden noch unsere Rettung vermutet hatten – im Luftschutzkeller! Später hörten wir, daß keiner der Bunkerinsassen den Angriff überlebt hatte.

Irgendwann nahmen uns wildfremde Leute in der Nähe der Heerstraße in ihr Haus auf. Nach einer schlaflosen und sorgenvollen Nacht wanderte ich quer durch Berlin zum »Kabarett der Komiker«. Ich mochte obdachlos sein, aber es wartete noch Arbeit auf mich. Als Zweitbesetzung für Jo Wiedenhaupt war ich angetreten, um Grete Weisers Bühnentochter zu spielen in dem Stück »Wenn’s dem Esel zu wohl wird«. So stand ich keine 24 Stunden nach dem Inferno im Wald zitternd und mit geschundenen, schmerzenden Füßen auf der Bühne und trällerte: »Mein Herz geht auf die Reise, das Glück wohnt nebenan, ich singe nur ganz leise: ›Ich fahr ins Märchenland.‹« Wie lange, dachte ich, wird es wohl dauern, bis ich den Verstand verliere?

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. »Wo Christina hingeht«, witzelten meine Kollegen nach der Vorstellung, »da knallen die Bomben.« Irgendwie schienen alle zu glauben, daß ich das Unglück magisch anziehe, denn ich wartete umsonst auf Angebote für ein Nachtlager auf irgendeiner Wohnzimmercouch. Da erbarmte sich Grete Weiser, die ich sehr bewunderte, weil sie im Gegensatz zu mir Selbstbewußtsein ausstrahlte und sich durchzusetzen wußte. Ich fand, sie war von Kopf bis Fuß ein Star. »Christinchen«, befahl sie also, »du kommst heute abend mit zu mir.« Und so machten wir es uns bei einer Flasche Wein und einem Brathuhn in Grete Weisers Wohnstube gemütlich. Sie geizte nicht mit Lob, und da ich an meinen schauspielerischen Fähigkeiten noch immer zweifelte, war ich für ihre aufbauenden Worte mehr als empfänglich. Mitten in unserer Unterhaltung heulten plötzlich die Alarmsirenen auf. Ein paar Atemzüge später sausten die Kampfflieger mit Getöse über uns hinweg, und das Unvermeidliche geschah: Eine alliierte Bombe krachte auf Gretes Haus. Fluchtartig stürzten wir auf die Straße, und nach der ersten Schreckstarre organisierten wir mit den Nachbarn eine Eimerkette. Mit vereinten Kräften kippten wir stundenlang Wasser in die Flammen, doch Gretes Haus war einfach nicht mehr zu retten.

Dieser Vorfall bestätigte natürlich meinen Ruf als Katastrophenmagnet, und von da an ging man in bezug auf Wohnangebote erst recht auf Distanz. Mir blieb keine andere Wahl, als mich ausgerechnet in einem Bordell einzumieten. Meine neue Notunterkunft war derart baufällig, daß der Briefträger die Post über eine eingefallene Wand warf. Als bald auch der Rest in sich zusammensackte, zog ich zu Bekannten in ein Haus gegenüber vom KaDeWe. Ungefähr eine Woche später lehnte ich am Fenster und blickte sehnsüchtig in die Pelzabteilung, als die Kampfgeschwader den Sirenen zuvorkamen und das Bombengewitter ohne Vorwarnung einsetzte. Unsanft aus meinen Träumereien gerissen, beobachtete ich, wie eine Granate ins KaDeWe einschlug und die kostbaren Persianer und Rotfuchsmäntel innerhalb weniger Sekunden in Flammen aufgingen. Einigermaßen ernüchtert flitzte ich in den Keller.

Der Arzt hörte sich die Geschichte meiner hektischen Odyssee durch Berlin gelassen an. Dennoch nötigte er mich zu einer schnellen Operation. Nicht ganz zu Unrecht fragte er, wem in diesen Tagen noch ein besinnliches Leben vergönnt sei. »Sehen Sie sich mal um«, forderte er mich auf. Auf dem Krankenhausflur sah ich stoppelbärtige Flüchtlinge auf und ab laufen, und neben mir röchelte ein entkräftetes Mütterchen mit einem geblümten Kopftuch vor sich hin. Wahrscheinlich hatte die Arme den langen Weg von Pommern bis Berlin per pedes zurückgelegt, und ich beklagte mich über einen Fußmarsch von Charlottenburg nach Schöneberg! Dennoch beurteilte ich die Situation völlig anders. War ich dem sicheren Tod im Bombenhagel so oft entronnen, um ihn jetzt wegen ein paar Gallensteinen zu riskieren? Ich dachte gar nicht daran, mich unters Messer zu begeben. Was ich dem Doktor jedoch vorenthielt, war, daß mich die Vorstellung, vom Krankenlager aus direkt zu Siemens & Halske zurückkehren zu müssen, inzwischen weitaus stärker ängstigte als die Aussicht auf weitere Schmerzen. Plötzlich schoß mir eine Kompromißlösung durch den Kopf. Ich könnte mich in meiner Heimatstadt Görlitz operieren lassen! Erstens war dort noch nie eine Bombe gefallen, und außerdem konnten mich meine Eltern anschließend pflegen. Hochzufrieden stimmte der Arzt zu, griff zum Telefonhörer und meldete mich bei meinen Vorgesetzten für die nächsten sechs Wochen krank.

Bill

Soll man die Deutschen mit der Härte eines Cromwell regieren?

London, Herbst 1944

Im September 1944 trifft sich die siegesgewisse Anti-Hitler-Koalition in London, um das schwer angeschlagene Deutsche Reich und Berlin in alliierte Besatzungszonen und -sektoren aufzuteilen. In einer eigens gegründeten englisch-amerikanischen Militärakademie, der »Schule für Demobilisierung und Entnazifizierung«, soll die Besetzung Deutschlands vorbereitet und Richtlinien für den Umgang mit den Besiegten entwickelt werden. Unter den Teilnehmern dieser Fortbildungsmaßnahme ist auch der 33jährige amerikanische Oberstleutnant William F. Heimlich.

Als ich in den Seminarraum trat, saßen etwa fünfzig bis sechzig uniformierte Kampfveteranen, unter ihnen Historiker, Anwälte und Politikwissenschaftler, aufrecht vor ihren Heften und Schreibetuis. Ich steuerte einen freien Platz in der vorletzten Reihe an, schob den Stuhl zurück und setzte mich ebenfalls. Mein Nachbar hielt die Arme verschränkt und blickte abwesend an die Tafel. Durch die geöffneten Fenster drang das Rauschen und Hupen der Fahrzeuge auf der Oxford Street. »Heimlich«, stellte ich mich vor. »Oberstleutnant der Infanterie.« Er musterte mich kurz und kritisch. »Charles Crosby«, erwiderte er und seufzte. »Was zum Teufel machen wir hier bloß?«

Irgendwie konnte ich ihn verstehen. Alle, die in diesem Raum ihre Rücken gegen die Stuhllehnen preßten, gedankenverloren mit ihren Linealen spielten oder wie Charles Crosby die Tafel hypnotisierten, waren von ihren Einheiten hergeschickt worden, um auf unsere künftige Rolle als Sieger in einem besetzten Land vorbereitet zu werden. Wir sollten Regeln für den Umgang mit demoralisierten Wehrmachtssoldaten entwickeln und die Apparate der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zerschlagen lernen. Eine alliierte Militärverwaltung sollte alsdann wie Phönix aus der Asche steigen. Wir mußten so tun, als sei das Ende des Krieges beschlossene Sache, dabei schlug Hitler immer noch mit seinen »Wunderwaffen« um sich. Allein in London detonierte beinahe täglich eine der berüchtigten V1- und V2-Raketen. Zwar verfehlten viele ihr angepeiltes Ziel, aber die gefürchteten Marschflugkörper konnten durchaus auch die heiligen Hallen der Militärakademie zertrümmern, und sei es nur durch einen dummen Zufall. Ich schwieg also und blickte nun ebenfalls an die Tafel. Nach einer Weile fragte Charles Crosby: »Sie heißen Heimlich?« Ich nickte. »Sind Sie vor den Nazis nach Amerika geflohen?« wollte er wissen. Offenbar hielt er mich für einen deutschen Regimekritiker. »Nein«, stellte ich die Fakten klar. »Ich bin Amerikaner. Aber meine Vorfahren stammen aus Deutschland.«

Ich hätte Charles Crosby an dieser Stelle gern darüber aufgeklärt, daß ein Teil meiner deutschen Urahnen bereits bei der Boston Tea Party mitmischte, und ein anderer während der Revolution von 1848 Europa den Rücken kehrte. Doch ehe ich ihn mit meiner Familiengeschichte beglücken konnte, trat Sir Robert van Sittart ans Pult, unser erster Dozent. Nach einem zackigen »good morning« legte er los. »Während Ihres Aufenthaltes in unserer Schule für Demobilisierung und Entnazifizierung werden wir uns nicht nur mit der Wehrmacht, dem Oberkommando des Heeres und den paramilitärischen Einrichtungen auseinandersetzen«, ließ sich Sir Robert über den Lehrplan aus. »Sie werden die politische Struktur des Dritten Reiches verstehen lernen, den Aufbau der nationalsozialistischen Partei und ihrer Jugendorganisationen.« Jetzt war es an mir, mich zu fragen, was ich hier sollte. Als ehemaliger Student der Politischen Wissenschaft und Geschichte Mitteleuropas lief ich bestimmt nicht Gefahr, die Gestapo mit dem BDM zu verwechseln.

Ich ließ mir meinen Unmut über das Grundkursniveau der Fortbildung jedoch nicht anmerken. Während ich mich insgeheim fragte, ob die Maßnahme mich nicht unterfordern würde, befestigte Sir Robert eine Landkarte an einem Haken über der Tafel. Vor meinem Pokerface erschienen die Umrisse des mittlerweile beträchtlich geschrumpften Deutschen Reiches. Mit einem Stab zog er die gestrichelten Grenzlinien zwischen den späteren Besatzungsgebieten der Alliierten nach und erbat Kommentare zur geplanten Aufteilung Deutschlands. In der vorletzten Reihe schoß ein Finger in die Höhe. »Die Russen werden sich für das politische Zentrum bedanken«, meinte sich jemand profilieren zu müssen, »die Briten für die Industrie und die Amerikaner für das Hofbräuhaus.« Der Witzbold hatte nicht ganz unrecht. Die Russen behielten einfach alles, was sie als Hitlers Partner abkassiert hatten: die Hälfte von Polen, sämtliche baltische Staaten sowie Preußen und Ostdeutschland. Die Nordseehäfen und das Ruhrgebiet mit seinen gigantischen Kohle- und Eisenerzvorkommen nebst dazugehöriger Industrie gingen an die Briten. Und die Amerikaner sollten tatsächlich Bayern besetzen.

Großes Hallo erhob sich unter meinen Mitstreitern, bis ein Kampfveteran aus einer der vorderen Reihen die nicht nur geographisch naheliegende Frage stellte: »Was wird eigentlich aus Österreich?« Er gab zu bedenken, daß Hitler immerhin in der Alpenrepublik geboren und aufgewachsen sei und man nicht ausschließen könne, daß eine treue Gefolgschaft des Führers weiterhin in Wien, Salzburg und Graz ihr Unwesen treiben würde. »Hier handelt es sich um einen Spezialfall«, räumte Sir Robert ein, »es steht jedoch zu vermuten, daß man Österreich wie jedes andere vom Nationalsozialismus befreite Land behandeln wird.« Man mußte kein Geschichtsprofessor sein, um zu erkennen, daß dieser Vergleich hinkte. »Aber es waren Hitlers Landsleute«, lehnte sich jemand gegen die fragwürdige Schicksalsgemeinschaft der Österreicher mit den Polen und Tschechen auf, »die die deutschen Panzer mit Blumen schmückten, als sie in Wien einrollten.« Eine Viertelstunde verging mit der Erörterung des Spezialfalls Österreich, bis die wirklich wesentlichen Fragen gestellt wurden: Wie können wir Sabotage, Widerstand und ein Aufflackern des Nationalsozialismus verhindern? Wie gehen wir mit den Kriegsverbrechern um, wie kontrollieren wir die politische Elite? Sir Robert meinte, die richtige Antwort zu kennen. »Wir müssen die Deutschen mit der Härte eines Cromwell regieren!« predigte er mit einer Entschlossenheit, die mir zwar spontan imponierte, aber nicht gänzlich einleuchtete.

Verschleierte seine fundamentalistische Losung nicht das über Jahrhunderte gewachsene Band zwischen beiden Nationen? Hatte Sir Robert schon einmal über die deutschen Wurzeln der englischen Monarchie nachgedacht? Immerhin gab es vor den Mountbattens die Battenbergs. Und was war mit den Hessen, die unter dem Kommando britischer Offiziere die Rebellen in den Kolonien der Neuen Welt niederknüppelten? Reden wir nicht von der deutschen Armee unter Leitung des alten Marschall Blücher, die Wellingtons Sieg über Napoleon bei Waterloo ermöglicht hatte. Und überhaupt: Waren die Angelsachsen nicht, wie der Name schon sagte, zum Teil Sachsen und damit Deutsche?

In der Pause konfrontierte ich Charles Crosby mit meinen Bedenken. Auch er fand, daß Sir Robert seinen verständlichen Haß auf Hitler ungerechterweise auf das gesamte deutsche Volk projizierte. Um so verblüffter war ich, als Crosby plötzlich behauptete, meine Herkunft könne für unsere Mission ein Problem darstellen. Ich forderte ihn auf, sich keinen Zwang anzutun und seine Zweifel so präzise wie möglich zu formulieren. »Hast du dir schon einmal überlegt«, fragte er, »daß man die Deutschen auch zu gut verstehen kann?«

Christina

Die Russen kommen

Görlitz, Februar 1945

Die Wintermonate in Görlitz waren wie eine Zeitreise zurück in die Kindheit. Meine Eltern lebten etwas außerhalb, in einem hübschen Landhaus im Schweizer Stil. Eine breite Veranda zog sich um den ganzen ersten Stock herum. Von hier aus konnte man sogar das Riesengebirge sehen. Unsere Familie beschäftigte Dienstpersonal und einen Chauffeur, der mich vom Bahnhof abholte und in unserem Horch zu meinen Eltern fuhr. Ein Hausangestellter, der im Erdgeschoß wohnte, öffnete das elektrische Gartentor, ein paar Sekunden später trat ein Stubenmädchen pflichtgetreu an die Haustür am Ende einer herrschaftlichen Treppe. Da erschien auch schon meine erleichterte Mutter. Sie war so gerührt, mich wiederzusehen, daß sie mich schluchzend umarmte.

Während der nächsten Wochen verschwendete ich keinen einzigen Gedanken an die Gallenoperation. Ich war überglücklich, dem grauenhaften Fabrikalltag entkommen zu sein, und gab mir Mühe, die sinnlose Schufterei der zurückliegenden Monate zu vergessen. Ich bezog mein ehemaliges Kinderzimmer. Freundinnen aus der gemeinsamen Schulzeit besuchten mich dort und bewunderten das Puppenhaus und den Kaufmannsladen mit den Augen junger Mütter. Ich frischte meine Klavierkenntnisse auf, und manchmal spielten meine Mutter und ich unseren Angestellten vierhändig Sonaten von Bach und Chopin vor. Meine Kleiderkarte für einen Wintermantel und einen Teil meiner Ersparnisse setzte ich in den schönsten Rotfuchs um, den ich im Görlitzer Pelzgeschäft auftreiben konnte – mein Geschenk an mich selbst zu Weihnachten 1944.

An manchen Abenden versammelte mein Vater die ganze Familie um den grüngekachelten Kamin in der Diele und las aus einem seiner geliebten Klassiker vor. Meist begann der Kamin zu qualmen, während er Goethe oder Schiller rezitierte, doch wir wagten nicht, ihn zu unterbrechen, selbst wenn uns der Rauch in den Augen brannte. Samstags, nach der Kirche, schlichen wir in unserem Horch durch das verschneite Riesengebirge oder machten es uns mit belegten Brötchen und heißer Schokolade in einer Sitzecke im Herrenzimmer gemütlich. Sonntag nachmittags besuchten uns die Tanten in ihren gestärkten Blusen und setzten sich perlenbehängt und frisch onduliert an die Kaffeetafel. Dort warteten die Königlich Nymphenburg oder Meißner Gedecke schon auf die bevorstehende Kuchenschlacht. Schlagsahnehäufchen landeten auf der Torte und im Mokka, Käseschnittchen und Blätterteiggebäck machten die Runde, und ein Likör hob die Lebensgeister der leidgeprüften Tanten, die seit Monaten nichts mehr von ihren Ehemännern gehört hatten. »Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos«, pflegte mein Vater sie zu trösten.

Daß die Feldpostbriefe ausblieben und die Ostfront immer näherrückte, verhieß in der Tat nichts Gutes. Im Februar 1945 hörten wir im Radio, daß die Rote Armee stetig auf die Oder zumarschierte. Seit Wochen hatten wir halbherzig mit einer Flucht geliebäugelt, die endgültige Entscheidung jedoch immer wieder hinausgezögert. Für ein Verlassen der Heimat sprach nicht nur die Angst vor den Rachegefühlen der russischen Soldaten, sondern auch die Gewißheit, daß mein Vater als erfolgreicher Kaufmann ein perfektes Feindbild abgab. Wir sahen sie bereits vor uns, wie sie mit ihren Bajonetten unser Haus stürmten, das Ebenholzbüffet mit den Elfenbeingriffen zertrümmerten und meinen stillen, edelmütigen Vater anbrüllten: »Du Kapitalist – du Schwein!« Da ahnten wir, daß es höchste Zeit wurde, das Weite zu suchen. Irgendwann, wenn der Spuk vorbei war, würden wir zurückkehren.

Anstatt uns dem Flüchtlingstreck anzuschließen, der zu Fuß in Richtung Westen zog, packten wir Zahnbürsten, Proviant und eine Pistole in einen kleinen Rucksack und nahmen den Zug nach Dresden. Dort spazierte ich mit dem Kinderwagen meiner Schwester vor dem Bahnhof hin und her und spielte die junge Mutter, während meine Familie sich im Hintergrund hielt. Es dauerte nicht lange, da sprach mich eine Dame mit »Ach Gott, Sie Arme« an und erkundigte sich, wann ich denn gedachte weiterzureisen. »Leider erst morgen früh«, klagte ich. »Wir flüchten zu meinem Schwager in den Harz.« – »Aber Sie können doch nicht die ganze Nacht spazieren gehen!« ereiferte sie sich in fürsorglicher Entrüstung und bot mir prompt an, bei ihr zu übernachten. »Ach, wie lieb«, bedankte ich mich artig. »Aber ich habe doch noch meine Eltern bei mir. Und meine Schwester. Und ihre vier Kinder. Dies hier«, ich zeigte auf meinen schlafenden Neffen, »ist das fünfte.« – »Du lieber Gott!« seufzte die arme Frau. »Aber gut – das werden wir schon irgendwie deichseln.«

Dank der Selbstlosigkeit meiner Zufallsbekanntschaft kamen wir zu einem Dach über dem Kopf und die Kinder zu Milch und frischen Windeln. Am nächsten Morgen hasteten die Menschen zum Bahnhof, als hinge Leben und Tod davon ab, Dresden im Eiltempo zu verlassen. Sie ahnten nicht, wie berechtigt dieses Gefühl war. In der allgemeinen Torschlußpanik warfen viele die elementarsten Regeln des Anstands über Bord. Rabiat drängelten sie sich vor und traten sogar kleine Kinder nieder. Ich verbarg meine Angst hinter einem Lächeln, als ich mit dem Kinderwagen den Zugführer ansteuerte. »Ach Gott, was mache ich bloß mit meinem Kind?!« appellierte ich an seine Vaterinstinkte. »Ich habe ja gar keine Chance, in den Zug zu kommen!« Wieder hatte ich Glück. »Folgen Sie mir«, wisperte er und blickte sich um. Hastig winkte ich den Rest der Familie herbei. Der Zugführer öffnete die Tür zum Postwagen, und wir purzelten hinein. Da schwappte auch schon ein Menschenschwall hinter uns her, und das Frachtabteil füllte sich blitzschnell nach dem Gesetz des Stärkeren. Meine alte Mutter landete in einem Paketnetz. Eingepfercht im Postwagen, zählten wir die Minuten bis zu unserer Ankunft in Leipzig. Dort verbrachten wir die Nacht auf dem kalten Bahnhofsfußboden. Am nächsten Morgen erfuhren wir, daß ganz Dresden lichterloh brannte.

Bill

Im Westen nichts Neues?

Spa/Versailles/Rheinland/Reims, Februar–Mai 1945

Nach einer frostklirrenden Nacht bricht am Morgen des 16. Dezember 1944 die letzte deutsche Großoffensive in den verschneiten Wäldern der Ardennen los. Der Überraschungsangriff mit dem Codenamen »Wacht am Rhein« trifft die Alliierten wie ein Schock. Das Ende des Krieges, die Besetzung Deutschlands scheinen plötzlich in Frage gestellt. Der Unterricht an der Londoner »Schule für Demobilisierung und Entnazifizierung« wird vorerst eingestellt, die teilnehmenden Offiziere zu ihren Einheiten zurückbeordert. Doch Hitlers letztes verzweifeltes Aufbäumen gegen die herannahenden Alliierten endet in einem Fiasko, rund 50000 gefallene Soldaten verwandeln die Ardennen in ein gespenstisches Massengrab. Derweil erwartet den inzwischen zum Oberst beförderten Bill Heimlich im belgischen Spa, dem Hauptquartier der 1. US-Armee, eine Mission, die sein Leben gründlich verändern wird.

Am 6. Februar 1945 ereilte mich die Nachricht, ich möge mich noch am selben Tag bei Generalleutnant Leonard T. Gerow einfinden. Im offenen Jeep raste ich nach Suippes-sur-la-Marne. Als ich meine gefrorenen Beine aus dem Wagen hob, begrüßte mich Stabschef James T. Compton feierlich und teilte mir mit, daß das Briefing auf 22 Uhr verschoben wurde – genug Zeit, um sich in der Offiziersmesse aufzuwärmen und einen Happen zu essen. Mit vollbeladenem Tablett steuerte ich einen freien Platz an, als ich im Vorbeigehen drei alte Bekannte entdeckte, die Oberstleutnante Edwin Machen, James O’Neill und Robert Denitz. Sie warteten auf das gleiche Briefing wie ich. Damit war klar, daß irgend etwas Nichtalltägliches anstand. Mit Spekulationen vertrieben wir uns die Zeit, bis Generalleutnant Gerow bitten ließ. Kurz und bündig verlas er eine Anordnung aus dem obersten Hauptquartier. Man beauftragte ihn, einen Planungsstab zusammenzustellen, der die militärische Einnahme der Reichshauptstadt Berlin vorbereiten solle. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er die Augen hob und uns der Reihe nach anblickte. Mit Planungsstab waren offenbar wir gemeint. Mein Herz hüpfte, als ich begriff, daß man uns allen Ernstes die Planung einer der wichtigsten Kriegsmissionen anvertraute! Das konnte nur bedeuten, daß die Eroberung Berlins unmittelbar bevorstand. Vielleicht würden wir Hitlers Machtzentrale sogar noch vor den Russen erreichen!

Doch erst mal ging es ins Hotel Trianon nach Versailles, wo uns Generalleutnant Harold Bull und unser zukünftiger Chef, Brigadegeneral Paul Ransom, die Hand zum Gruß entgegenstreckten. Anschließend verfrachtete man uns in zwei Villen im nahegelegenen idyllischen Jouey-en-Josas. Abgeschirmt vom Hauptquartierstrubel, sollten wir hier einen detaillierten Schlachtplan erarbeiten. Aus Sicherheitsgründen gab man uns den Namen »Plans Group G«. Zehn Tage später legten wir einen ambitionierten Bericht mit dem Codenamen »Waterloo« vor. Da wir über die Situation an der Ostfront nicht präziser im Bilde waren als die Nachrichtenagenturen, hatten wir in unserem Ehrgeiz gleich drei Alternativen ausgebrütet.

Folgende Varianten schwebten uns vor: Erstens ein Direktangriff der Briten und Amerikaner quer über die norddeutsche Tiefebene, entlang der Route Köln–Hannover–Berlin. Zweitens eine Einnahme der Stadt durch die Russen, mit angloamerikanischer Unterstützung auf dem Landweg und aus der Luft. Drittens eine spektakuläre Luftlandungsoperation amerikanischer und britischer Fallschirmspringer à la Arnheim, während zeitgleich alliierte Bodentruppen Berlin von allen Seiten in die Zange nehmen. Am 22. Februar vereinfachte das oberste Hauptquartier unsere komplizierten Schlachtpläne. Wir sollten davon ausgehen, hieß es in einer Direktive, daß die Russen Berlin vor uns erreichen und die Westalliierten auf dem Landweg nachrücken würden.

Die Realität des Krieges katapultierte mich alsdann von der Theorie zurück in die Praxis. Unsere Einheiten marschierten in Richtung Rhein, »Plans Group G« zog mit. Zum ersten Mal sah ich die malerischen deutschen Städte, von denen ich in meinen Geschichtsseminaren an der Ohio State University so viel gehört hatte. Doch was war von ihnen übriggeblieben? Köln glich einem stinkenden und rauchenden Schutthaufen. So weit das Auge reichte, zog ein Bild des Grauens an unseren Jeeps vorbei. Die Wucht der Artilleriegranaten hatte überall trichterförmige Einschläge und fünfzehn bis zwanzig Meter hohe Trümmer hinterlassen. Durch die Fensterhöhlen und Lücken im zusammengefallenen Mauerwerk sickerte der tanzende rote Schein einzelner Feuer, und in unseren Nasen setzte sich der beißende Geruch von Rauch und Asche fest. Fassungslos fuhr ich durch die verwüsteten Straßen, rechts und links klafften die offenen Fassaden ausgebrannter Geschäfte zwischen wackeligen Häuserwänden. Vor dem Ausmaß des Elends verblaßten Sir Roberts Patentrezepte, doch Charles Crosby mußte ich in einem Punkt recht geben: Der Kahlschlag der deutschen Städte erfüllte mich keineswegs mit Genugtuung.

Unwillkürlich begann ich mir das Schicksal der Menschen auszumalen, die hinter diesen Mauern gelebt und gearbeitet hatten. Egal zu welchen Abscheulichkeiten ein Deutscher fähig sein kann, dachte ich, diesen kleinen Ladenbesitzer trifft vielleicht keine Schuld. Trotzdem ist er jetzt obdachlos oder tot, vielleicht sind seine Kinder Waisen. Der Gedanke ließ mich nicht los, warum Menschen sich derartiges Leid zufügten, erst die Deutschen den Polen und Russen, dann die Alliierten den Deutschen. Meine Grübeleien über Recht, Unrecht, Sinn und Unsinn dieser Katastrophe namens Zweiter Weltkrieg fanden weitere Nahrung entlang unserer Marschroute. Bis in den Halbschlaf hinein verfolgte mich die brutale Verkettung von Angriff und Gegenwehr zu einer Spirale der gegenseitigen Vernichtung. In meiner Phantasie reiste ich abwechselnd nach Stalingrad, Pearl Harbor und zurück nach Düren, Dormagen und Köln und versuchte diesem Irrsinn irgendeine Logik abzugewinnen.

Anfang März hatten die Alliierten die stark angeschlagene »Heeresgruppe B« der Wehrmacht bis hinter den Rhein zurückgedrängt. Um uns das weitere Vorrücken zu erschweren, sprengten deutsche Soldaten sämtliche Brücken – bis auf eine. In Remagen gelangte die 9. Panzerdivision gefahrlos ans rechte Flußufer. Mit der 9. Armee überquerte ich den schlammigen Strom weiter nördlich bei Wesel. Der erwartete deutsche Widerstand blieb aus, als wir Hunderttausende erschöpfter Wehrmachtsoldaten im Ruhrgebiet von mehreren Seiten her einkreisten, bis die Falle schließlich zuschnappte und sich der »Ruhrkessel« in ein gigantisches Kriegsgefangenenlager verwandelte.

Mittlerweile wurden die Vorbereitungen für die Eroberung Berlins fieberhaft vorangetrieben. Oberst Rufe Bratton, Oberst Frank Howley und Colonel E. A. Howard stießen zu »Plans Group G«. Ich durchkämmte die amerikanischen Kampfeinheiten nach geeignetem Geheimdienstpersonal für unsere Abteilung »G-2«: Spionageabwehrleute, Vernehmungspersonal, russischsprechende Offiziere, Fernmeldeexperten. Nach ihrer Ankunft in Berlin sollten sie die Geheimdienstoperationen der Nazis untersuchen, vor allem ihr Spionage- und Spionageabwehrpotential. Fähige Leute zu finden war keine leichte Aufgabe. Ich konkurrierte nicht nur mit meiner eigenen Militärregierung, sondern mit Stützpunkten im Pazifik und dem Pentagon, das diese Experten liebend gern im Krieg gegen Japan eingesetzt hätte. Ich gewann den ungleichen Wettbewerb, indem ich einige der tüchtigsten Leute aquirierte, unter ihnen zwei gebürtige Berliner, die perfekt deutsch sprachen und ihre Heimatstadt in- und auswendig kannten: Leutnant Richard Hirsch und Captain Fred Sternberg.

Dann der Schock: Mitten in meine Rekrutierungsaktion platzte die skandalöse Nachricht, daß unser Vormarsch in Richtung Berlin gestoppt wurde. Ich erfuhr davon beim gemeinsamen Abendessen mit General William H. Simpson. Voller Übermut verkündete jemand in unserem Kantinenzelt: »Nächsten Samstag dinieren wir im Adlon!« Doch Simpson erwiderte nur trocken: »Habe gerade von Bradley1 erfahren, daß wir uns von unseren Positionen jenseits der Elbe zurückziehen.« Ungläubig ließ ich mein Besteck sinken. Erst als ich die frustrierten Blicke um mich herum und das gekränkte Gesicht von General Simpson sah, begriff ich den Ernst der Lage: Weil die Wehrmacht so unerwartet schlapp gemacht hatte, saßen wir jetzt im »Ruhrkessel« fest, über 450 Kilometer von Berlin entfernt. Bradley scheute das Risiko, während unseres Vormarsches auf Berlin Heerscharen unbewaffneter, aber hervorragend ausgebildeter Soldaten im Rücken zu haben. Anstatt mit Feuereifer auf Berlin zuzustürmen, mußten sich unsere Truppen damit aufhalten, Massen ausgemergelter Wehrmachtsoldaten in den improvisierten Lagern rund um den Rhein zu betreuen und sicherzustellen, daß es zu keiner Meuterei kam.

Kaum einer der Anwesenden konnte Bradleys übertriebene Vorsicht nachempfinden. Jedem, der die Situation vor Ort einigermaßen überblickte, war klar, daß die bleichgesichtigen armen Teufel körperlich und psychisch am Ende waren. Mißmut und lästerliche Kommentare machten die Runde. Grundgütiger, es ging wahrlich nicht um einen Festschmaus der Sieger im Adlon! Zur Reichshauptstadt vorzustoßen, das Machtzentrum des Führers lahmzulegen – das war unser vornehmstes Ziel, der Höhepunkt dieses Krieges und sein sicheres Ende. Was für ein Schlag ins Wasser! Da hatten unsere Truppen die Elbe bei Magdeburg überquert, ein Spähtrupp stand sogar schon in Werder bei Potsdam, in weniger als vierundzwanzig Stunden hätten wir Berlin einnehmen können, doch für uns war der Krieg nun so gut wie zu Ende.

Während »Plans Group G« in Bielefeld vergeblich auf Verstärkung und einen Marschbefehl wartete, überschlugen sich die Ereignisse im Rest der Welt. Präsident Roosevelt erlag einer Gehirnblutung. Harry Truman wurde zu seinem Nachfolger ernannt. Die Russen traten im Alleingang zur Schlacht um Berlin an. Radio Berlin meldete, Adolf Hitler, Eva Braun und die Familie Goebbels seien vor dem Führerbunker tot aufgefunden worden. Als man mich einen Tag vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht ins oberste Hauptquartier nach Reims zitierte, ahnte ich weder, worum es ging, noch um die stimmungsaufhellende Wirkung meines neuen Auftrags. Generalmajor Sir Kenneth Strong, der Chef des alliierten Geheimdienstes, referierte noch einmal den knappen Kenntnisstand vom Ableben des Führers und der Existenz eines sogenannten Testamentes. Er wollte um jeden Preis ausschließen, daß es sich bei den sensationellen Neuigkeiten um einen Schwindel oder eine Verschwörung handelte, die dem Totgesagten die Flucht erleichtern sollte. Da ahnte ich bereits meine nächste Mission. Und richtig: Am Ende der Unterredung eröffnete er mir, daß die offizielle Untersuchung der spektakulären Todesfälle in die Zuständigkeit von Abteilung »G-2« fiel. Mit anderen Worten: Meine Leute und ich sollten herausfinden, ob, und falls ja, wann, wo und unter welchen Umständen Adolf Hitler und die übrigen Insassen des »Führerbunkers« das Zeitliche gesegnet hatten.

Christina

Fluchtpunkt Friedrichsbrunn

Friedrichsbrunn, Frühjahr 1945

Hunderte von Ostpreußen, Schlesiern und Brandenburgern hatten das Sanatorium in ein riesiges Auffanglager verwandelt. Mein Schwager, der dort als Arzt angestellt war, durfte nur meine Schwester und die gemeinsamen Kinder in seiner Dienstwohnung aufnehmen. Meine Eltern und ich waren gezwungen, in einem winzigen Zimmer bei Bauern in der Nähe zu logieren. Das Mitleid unserer neuen Wirtsleute hielt sich in Grenzen. Aber wenn ich ihnen die Fenster putzte und Fußböden scheuerte, gaben sie uns wenigstens etwas Brot ab. Ansonsten bestand unser kümmerliches Mahl vor allem aus Beeren, die wir nach Sonnenaufgang im Wald sammelten. Falls andere Frühaufsteher das dornige Gestrüpp schon vor uns abgeerntet hatten, pflückten wir Löwenzahn und Schafgarbe und erzählten meinen Nichten und Neffen, dies sei Spinat.

Eines Tages hörte ich einen dumpfen Knall und lief aufgeregt zum Fenster. Da stand ein 17jähriger Dorfjunge im Garten vor unserem Haus und feuerte eine Salve Munition ab – doch auf wen oder was? Ich öffnete das Fenster und sah, wie Militärfahrzeuge unser Haus passierten. Durch Lücken in der Hecke erkannte ich amerikanische Wimpel. »Mein Gott, Junge, bist du verrückt?« schrie ich. »Man wird uns alle erschießen. Mach, daß du wegkommst!« Da rannte er in den Wald, ein paar Wehrmachtsoldaten hasteten hinterher. Während des nun folgenden Schußwechsels versteckten wir uns unter dem Tisch und wagten kaum zu atmen. Nachdem die Waffen ungefähr eine halbe Stunde geschwiegen hatten, kroch ich wieder hervor und linste vorsichtig durch die Gardine. Da schlichen auch schon die ersten Frauen in den Wald, vermutlich um die Tornister der erschossenen Deutschen nach etwas Eßbarem abzusuchen. Schnell vergruben wir unsere Pistole im Garten. Schließlich wollten wir ja nicht wegen Waffenbesitzes ins Gefängnis wandern! Hin- und hergerissen zwischen Freude und Angst, erwarteten wir den Besuch der Amerikaner. Am späten Nachmittag war es soweit. Ein hochgewachsener GI trat in unsere Stube, zwickte mich und meine Freundin gutmütig in die Wangen und rief: »Hello Baby!« Mit einem Blick auf unsere gefüllten Gläser fragte er: »Schnaps?« – »Nein«, logen wir mit klopfendem Herzen, denn er sollte uns nicht den Gin wegtrinken und womöglich noch aus der Rolle fallen, »Wasser«.

Als die Sieger in den nächsten Tagen von ihren Lastwagen herunter Mehl und Brot an die Friedrichsbrunner verteilten, legte sich die Angst. Gerade als wir uns an ihre Anwesenheit gewöhnt hatten, hieß es auf einmal, die Amerikaner würden abziehen, um Friedrichsbrunn den Russen zu überlassen. Ratlos fragten sich meine erschöpften Eltern, ob und wohin wir als nächstes flüchten könnten. Es gab da noch einen anderen Schwager in Heidelberg, doch wer konnte garantieren, daß die Panzer der Roten Armee nicht schon vor uns dort einrollten? Es vergingen zwei, drei Tage, in denen wir zögerlich mit dem Gedanken spielten, uns nach Heidelberg durchzuschlagen, als mitten in die allgemeine Verwirrung ein Schreiben des Berliner Magistrats flatterte. Darin forderte man mich auf, umgehend an meinen Arbeitsplatz bei Siemens & Halske zurückzukehren. Falls ich mich dort nicht bis Anfang Mai einfand, sehe man sich gezwungen, mir als Motiv für mein Nichterscheinen Fahnenflucht zu unterstellen. »Fahnenflucht«, flüsterte meine Mutter fassungslos. »Darauf steht die Todesstrafe.«

Bill

Superwaffen, Hausbesetzer und Frauenmörder in Uniform

Halle/Berlin, Juli/August 1945

Anstatt nach Berlin ziehen die amerikanischen Einheiten nach Leipzig, Dresden und Halle weiter, wo »Plans Group G« einen Zwischenstopp einlegt. Inzwischen haben die Russen nach erbitterten Kämpfen Berlin unter ihre Kontrolle gebracht. Am 7. Mai unterzeichnen die Generäle Jodl, Oxenius und von Friedburg die deutsche Gesamtkapitulation. Zwei Monate später werden die Grenzlinien der alliierten Besatzer den in London vereinbarten Zonen- und Sektorengrenzen angepaßt. Amerikaner und Briten ziehen sich von ihren Positionen in der Sowjetzone zurück, um die ihnen zugewiesenen Sektoren in West-Berlin zu besetzen. Während Rotarmisten sich auf den Weg nach Mitteldeutschland machen, brechen britische und US-Soldaten nach Berlin auf.