Heimreise mit Engeln - Christoph Ulbrich - E-Book

Heimreise mit Engeln E-Book

Christoph Ulbrich

0,0
14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Leben und leben lassen" könnte der Kern von Kalles Sicht auf die Welt sein, als dem Rentner und frischen Witwer im Garten zwei Schutzengel begegnen. Dass ganz andere Aufgaben auf ihn warten, hätte er sich bis dahin nie träumen lassen. Die beiden Begleiter nehmen ihn mit auf Reisen nach Afrika, zum Mond und in noch entferntere Welten und führen ihm mit Einblicken in Geisteshöhen und Seelenabgründen vor Augen, wie er selbst dazu beitragen kann, dass die Welt sich zum Licht hin entwickelt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-167-8

ISBN e-book: 978-3-99146-168-5

Lektorat: Falk-Michael Elbers

Umschlagfotos: Elen33, Panom Bounak, Skypixel | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Kapitel 1: Paul und Peter

Es ist einer dieser freundlichen Spätsommertage, die in den letzten Jahren so selbstverständlich geworden sind. Karl-Heinz Jacobi liegt ganz gemütlich im Garten unter dem Birnbaum im Schatten und lässt die Seele baumeln. Seine Gedanken sind bei Marlene, mit der er fast 40 Jahre lang verheiratet war und die nach längerer Krankheit dann vor einem Jahr gegangen ist. Am heutigen Tag jährt sich dieses wichtige Datum also zum ersten Mal und die noch frischen Erinnerungen bieten eine gute Gelegenheit des Bedenkens und Besinnens.

Die Verkehrsgeräusche sind durch die rückwärtige Lage des Gartens sehr gedämpft, einige Vögel besingen den Nachmittag, die Insekten summen und die Stimmung ist freundlich und entspannend. Ein Hauch von Rosenduft umweht ihn. Etwas seltsam, denn in der Nähe wachsen keine Rosen.

In sein Vor-sich-Hindämmern-und-Träumen schleicht sich plötzlich ein recht ungewohnter und unerwarteter Eindruck ein. Es ist mit einem Mal ganz still. Kein Verkehr mehr, keine Vögel, keine Insekten. Nur irgendwie im Hintergrund ein melodisches vielstimmiges Summen, so als würde ein Chor in einiger Entfernung Stimmübungen machen.

So ein älterer Knabe lässt sich natürlich nicht so gerne aus seiner wohlverdienten Nachmittags-Verdauungs-Stimmung aufscheuchen. Die in diesem Moment und an diesem Ort höchst unpassende Situation völliger Stille bzw. das plötzliche Nachlassen der vertrauten Geräuschkulisse und an deren Stelle dieses andere Tönen verursachen bei ihm jedoch eine gewisse Unruhe und Nachdenklichkeit. Hat er sich vielleicht einen Hörsturz eingefangen? Hat ein Nachbar sein Radio angeschaltet und hört einen Klassiksender? Wurde für heute vielleicht ein verkehrsfreier Sonntag angesetzt? Aber warum schweigen die Vögel und sind die Insekten abgeschwirrt?

Alles Fragen, die wahrscheinlich leicht zu beantworten sind. Karl-Heinz muss nur die Augen öffnen, was er hiermit auch tut. Auf den ersten Blick ist alles gut und normal, aber dann erkennt er doch eine zunächst unerklärliche Änderung, die ihn hochfahren und wieder zurücksinken lässt und die den Puls hochtreibt.

Einige kleine Schritten entfernt bemerkt er zwei richtig seltsame Gestalten. Hochgewachsen, in weißen wallenden Gewändern, mit ernsten Gesichtern und aufmerksam eindringlichem Blick. Die Gewänder bodenlang, zu sehen sind lediglich die Gesichter und die Hände.

Wie diese Gestalten auf das Grundstück gelangt sein könnten, erschließt sich ihm nicht, es ist alles zugesperrt. Die eigenartige Veränderung der Geräusche, insbesondere dieses Chorsummen, das nebenbei bemerkt ständig ein wenig lauter wird, all das ist für ihn doch ziemlich ungewohnt, um nicht zu sagen beunruhigend. Trotzdem fühlt er sich in keiner Weise beunruhigt, es ist fast so, als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.

Mit einer schwebenden Bewegung sind die beiden Gestalten jetzt neben dem Liegestuhl angelangt. Irgendwie schießt ihm der Gedanke durch den Kopf, dass es doch passend wäre, wenn er jetzt hören würde „Fürchte dich nicht“ oder etwas Ähnliches. Nein, einer der Burschen, denn einen eher männlichen Eindruck machen sie zunächst, sagt ganz lapidar: „Hallo, Kalle.“

Es ist nämlich so, dass sein Name tatsächlich Karl-Heinz Jacobi lautet, er aber von Freunden und Kollegen schlicht Kalle genannt wird. Woher die beiden Knaben seinen Namen kennen, sei dahingestellt, wird er aber bestimmt bald erfahren. Der eine der beiden streckt ihm seine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen, und meint: „Wir sollten jetzt reingehen, Kalle, es gibt einiges zu besprechen.“ So hat er es am liebsten: Ohne großartige Umschweife und Höflichkeitsfloskeln zum Punkt zu kommen.

Gesagt, getan. Zwei kräftige Hände packen seinen Unterarm und befördern ihn mit sanftem Schwung in die Vertikale. Sie gehen hinein. In die Wohnung kommt man vom hinteren Garten erst durch die Küche, und die ist, Überraschung, noch nicht aufgeräumt. Der Abwasch des Tages steht noch dort und erwartet die Dinge, die da kommen sollten. Lieb wie die beiden Gäste offensichtlich sind wird Kalle ins Wohnzimmer komplimentiert, die paar Handgriffe wollen die beiden schnell selbst erledigen, um ihm die Gelegenheit zu geben, sich erst mal zu beruhigen.

Tatsächlich etwas zittrig und immer noch verwirrt und ratlos sinkt er aufs Sofa. Aus der Küche tönen das Klappern des Geschirrs und die Stimmen der beiden, allerdings in einer Sprache, die ihm völlig fremd vorkommt, sich aber schön und interessant anhört. Melodisch und geschmeidig.

Abwasch erledigt, die Küche offensichtlich auch noch kurz durchgefeudelt, jetzt erscheinen die Herren und nehmen am Wohnzimmertisch Platz. Noch immer bleibt bei Kalle der spontane erste Eindruck einer gewissen Männlichkeit bestehen. Die Gesichter markant, die Bewegungen schnell, entschieden und selbstsicher. Beim näheren Betrachten des Überraschungsbesuchs entsteht der nächste verwirrende Eindruck: Das Antlitz des einen zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit seiner lieben verstorbenen Marlene, der andere gleicht in vielen Ausprägungen seinem eigenen Spiegelbild. Das sich abzeichnende Gespräch wird bestimmt interessant werden, die beiden haben offensichtlich vor, ihm einiges mitzuteilen und zu erklären.

Die Unterhaltung beginnt der Besucher, der die erwähnte Ähnlichkeit mit Marlene aufweist. Er entschuldigt sich für das unerwartete und überfallartige Eindringen. Er erklärt: „Das ist gewissermaßen unsere übliche Methode, mit den uns anvertrauten Menschen in direkten Kontakt zu treten. Es haftet unseren Bewegungen immer eine gewisse Blitzartigkeit an. Das stellt sich für unsere eigene Wahrnehmung nicht so dar, aber für die Menschen, die wir aufsuchen, ist das meistens so.“

Das ist schon der erste Punkt, an dem Kalle nachhaken muss: „Was meinst du denn mit ‚anvertraut‘? Bedeutet das etwa, dass wir schon des Längeren eine Beziehung haben, von der ich nichts weiß? Ihr seid dann nicht einfach irgendwelche Aliens, die kommen und wieder gehen?“ Man muss wissen, dass er schon seit seiner Kindheit begeisterter Leser von guter SF-Literatur ist und schon von daher außerirdischen und übersinnlichen Ereignissen und Einwirkungen sehr aufgeschlossen gegenübersteht.

Genau genommen muss er sich jetzt allerdings ständig kneifen, um sich klarzumachen, dass er nicht möglicherweise einfach nur träumt, sondern ganz real vor zwei Personen sitzt und mit ihnen in seiner Sprache spricht. Personen, die scheinbar oder sogar offensichtlich nicht von dieser Welt sind.

„Nein, in der Tradition der religiösen Denkungsart, wie sie bei euch gepflegt wird, werden wir in der Regel Engel genannt. Wir finden das nur zum Teil zutreffend. Wir würden den Begriff Begleiter oder Helfer vorziehen.“

Klingt gut, damit ist eine erste Unklarheit schon beseitigt. Die nächste seiner Fragen bezieht sich auf einen Sachverhalt, der ihn schon lange beschäftigt: Die Frage nach dem Geschlecht der Engel oder eben Helfer oder Begleiter. In den alten Mythologien wird ja zum Beispiel von Göttern und Göttinnen gesprochen, nicht aber von Engeln und Engelinnen.

„Okay, diese Frage solltest du vielleicht mal mit Kulturhistorikern diskutieren. Für uns ist ganz klar, dass es auf den Ebenen, in denen wir uns bewegen, und bei den Geistern, die uns übergeordnet sind, keine Geschlechtlichkeit gibt, da wir uns nicht körperlich fortpflanzen. Dies ist eine Spezialität, die auf die Bewohner eurer Erde beschränkt ist und die ihr in einer ferneren Entwicklungsstufe ablegen werdet. Für eine ungeschlechtliche menschliche Fortpflanzung wird es in Zukunft Möglichkeiten geben, über die wir uns bei anderer Gelegenheit noch austauschen können.“

Na, da wird ihm gleich zu Anfang schon eine ganze Menge an Infos, um nicht zu sagen Zumutungen, aufgetischt. Das muss doch erst mal ein bisschen verdaut werden.

„Also, hör mal, Kalle, so schwach bist du nicht auf der Brust. Wir wissen, dass du die Fragen, die wir jetzt zu besprechen haben, innerlich schon lange bewegst, nicht erst seit dem Heimgang deiner lieben Marlene.“ Das stimmt allerdings. Nicht erst in der Zeit von Marlenes offensichtlich zunehmend körperlichen Schwäche, sondern auch schon im Laufe vieler Jahre vorher waren bei ihnen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Einwirkung von unsichtbaren Kräften auf die Schicksale der Menschen und der Menschheit, die von der Schulwissenschaft oft nur unzureichend oder gar nicht behandelt, geschweige denn beantwortet werden, Mittelpunkt lebhafter Gespräche und Diskussionen geworden.

Treibende Kraft dieses Suchens war in der Regel Marlene, die mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem bisweilen aufreibenden Nachhaken sie beide in Höhen führte, die Kalle vorher nicht für möglich oder erreichbar gehalten hatte. So gesehen fügt sich mit dem Auftauchen dieses seltsamen Besuchs eine weitere Etappe in die schon lange andauernde Reise, die Marlene und Kalle vor langer Zeit gemeinsam begonnen haben und die mit ihrem Weggang, wie er jetzt erahnt, nicht endet.

„Nun gut, ich glaube so langsam zu verstehen, was hier im Moment alles passiert. Ich versuche es zumindest. Eins fällt mir allerding gerade auf: Ihr wisst zwar meinen Namen, habt euch mir aber noch gar nicht vorgestellt. Also ich höre.“

Über die Gesichter der beiden huscht ein flüchtiges Lächeln. „Kalle, du hast vollkommen Recht. In eurer Welt würde es sich um einen Beweis mangelnder Höflichkeit handeln, wenn wir uns nicht vorstellen. In unserer Welt hingegen müssen wir zunächst nach unseren Namen gefragt werden. Das hat unter anderem den Grund, dass ein Wesen in unserer Welt mit der Nennung seines Namens einen tiefen Einblick in seine innerste Verfasstheit zulässt und sich damit sogar in gewisser Weise dem Fragenden ausliefert.

Namen und überhaupt Worte haben in unserer Welt eine viel tiefere Bedeutung und Kraft als in eurer Welt. Sie wirken unmittelbar magisch und man kann mit einem falschen und selbstsüchtigen Gebrauch viel Schaden anrichten. Das war in eurer Welt ähnlich, ist im Lauf der Weiterentwicklung aber flacher und bedeutungsloser geworden. Nun gut, unsere Namen lauten wie folgt: …“

Die Wiedergabe dieser geheimnis- und bedeutungsvollen Namen, für Kalle klingen sie wie das Rauschen der Bäume im Wald oder das Brausen der Brandung am Meer, vermischt mit den Rufen der Vögel, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen und deshalb fällt ihm spontan eine andere Lösung ein: „Ihr Lieben, wie ihr wisst, hat Adam in der Schöpfungsgeschichte allen Wesen seiner Umgebung im Auftrag Gottes Namen gegeben. Was würdet ihr davon halten, um es mir einfacher zu machen, wenn ich euch schöne menschliche Namen geben würde?“

Zustimmendes Lächeln und Nicken.

„Also gut, dann taufe ich euch Peter und Paul.“ Die beiden sind von der Idee durchaus angetan, immerhin handelt es sich um die Urväter der christlichen Gemeinde. Der Helfer mit seiner Ähnlichkeit zu Marlene soll ab jetzt ‚Paul‘ heißen, der Helfer von Kalle trägt den Namen ‚Peter‘. Nun treibt ihn bereits die nächste Frage um: „Für mich ist das alles, wie ihr wisst, nicht so einfach. Insbesondere fällt mir auf, und verstehen kann ich es höchstens ahnungsweise, dass ihr Marlene und mir irgendwie ähnlich seht.“

„Na klar, eine wichtige und zentrale Frage. Sie ist recht einfach zu beantworten: Wie wir schon erwähnt haben, ist unsere wichtigste Aufgabe, zu begleiten und zu helfen. Dieser Aufgabe kommen wir in einem für uns überschaubaren Zeitraum nach. Und zwar seit dem Beginn der menschlichen Entwicklung.

Für euch Menschen ist diese Zeit nicht so überschaubar, weil ihr ein ganz anderes Verhältnis zu Raum und Zeit habt als wir.

Raum und Zeit fließen in unserer Welt zusammen, in einem Kontinuum, wo alles gleichzeitig geschieht und nicht geschieht. Alles was ihr wohlgeordnet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennt, fließt für uns in EINS zusammen, wogt in Dehnung und Kontraktion, Wildheit und Beruhigung, Brausen und Wispern.

Wenn du oder ein anderer Mensch in dieses Kontinuum unvorbereitet und bei vollem Bewusstsein eintreten würde, erschiene es euch als ein einziges furchtbares Durcheinander und eine Toberei. Ihr würdet buchstäblich zerrissen werden und verrückt.

In dieser Welt des Kontinuums wohnt ihr natürlich genauso wie wir, nur gänzlich unbewusst. Ihr seid durch die Trugbilder von Raum und Zeit vor den für euch schädlichen unmittelbaren Einflüssen der Schöpfungs- und Willenskräfte des Kontinuums geschützt, da ihr die Energie, in dieser Welt mit wachem Bewusstsein zu bestehen, erst in Zukunft langsam entwickeln werdet.

Die Wirklichkeit der Urexistenz eines solchen schöpferischen Kontinuums, das alles Werden und Vergehen, alle Räume und Zeiten in sich schließt, wird dir die Vorstellung vom Werden und Vergehen jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit in sich wiederholenden Erdenleben gewiss leichter machen. Marlene und du, ihr habt in euren Forschungen und Gesprächen ja auch schon solche Grenzbereiche des Erkennens abgetastet und euch ihnen angenähert. Du bist bezüglich dieser Fragen also nicht ganz unvorbereitet und so kann dir der Gedanke ebenso vertraut werden, dass es Geister gibt, deren Aufgabe es ist, die einzelnen Menschen auf ihrer Reise durch die Zeiten und Räume zu begleiten und ihnen zu helfen.

Jeder Mensch verfügt über einen solchen Begleiter, der seit Beginn der Zeiten treu an seiner Seite steht, und so kannst du dir sicher besser vorstellen, dass zwischen dem Menschen und seinem Helfer im Laufe der langen gemeinsamen Entwicklung sogar äußerliche Ähnlichkeiten zu Tage treten. Im Guten, wie im Schlechten, im Schönen wie im Hässlichen.“

Also gut, Marlenes Begleiter ist also Paul, Kalles persönlicher Begleiter ist Peter. Damit stellt sich für ihn schon die nächste Frage: „Warum bekomme ich von euch beiden Besuch. Sogar von Marlenes Begleiter?“

„Nun, wir haben uns sozusagen angefreundet. Wir begleiten euch ja schon recht lange gemeinsam, nicht erst in diesem Leben, da ihr, Marlene und du, euch auch in früheren Zeiten schon begegnet seid und viel miteinander durchgemacht habt. In einem guten Sinne sind wir dadurch ein richtiges Team geworden. Außerdem ist Marlene zurzeit noch ganz nahe bei dir, in eurer und ihrer vertrauten Umgebung.“

„Aha. Aha. Aber bitte verzeiht: Was bin ich nur für ein Gastgeber! Ich habe euch ja noch gar nichts angeboten. Möchtet ihr eine Kleinigkeit trinken, vielleicht ein Stück Kuchen essen oder einen Keks?“

„Nö, danke. Wir haben schon gegessen.“

„Ach so.“

„Nein, im Ernst. Die Notwendigkeiten unmittelbarer Nahrungsaufnahme sind für uns schon lange vorbei. Was du hier vor dir sitzen siehst, sind nicht stoffliche Leiber, wie ihr Menschen sie mit euch herumtragt, um nicht zu sagen schleppt. Unsere Körper sind sogenannte Phantom-Leiber. Diese entstehen im Lauf langer Entwicklungen durch eine sich immer stärker ausprägende Entstofflichung und Vergeistigung unserer ursprünglich materiellen Leiber, die wir, ganz genauso wie ihr jetzt, über einen langen Zeitraum an uns getragen haben.

Die geistige Kraft, die wir bei uns im Lauf der Entwicklung bis heute ausgebildet haben, würde einen rein stofflichen Leib, wie du einen hast, in kurzer Zeit auslaugen, verbrennen und veraschen. Wir müssen uns aus unserer geistigen Kraft heraus erhalten, und benötigen dadurch zum Beispiel auch keinen Schlaf. Wir ernähren uns, etwas verkürzt ausgedrückt, von Licht und Liebe.“

Wieder so ein Knaller. Das wird ja immer interessanter.

Paul und Peter lächeln: „Du ahnst schon, dass auf dich starker Tobak zukommt. Und wir versprechen, dass da kommt noch viel mehr kommt.

Zunächst haben wir eine etwas längere gemeinsame Reise geplant zu einem wichtigen Treffen mit einem unserer entfernteren Verwandten, als Einstimmung für alles Weitere, was auf diesem Wege noch auf dich zukommen wird und welchen Herausforderungen du dich wirst stellen müssen. Begeben wir uns also erst mal auf einen kleinen Vergnügungstrip. Halte dich fest: Es handelt sich nur um den guten alten Mond.“

Kapitel 2: Vorbereitung

Na also, so langsam wundert Kalle nichts mehr. Eine nette Karriere: Vom Arbeiter über Rentner und Witwer zum Astronauten! „Habt ihr denn schon ein Raketen-Taxi bestellt? Irgendwie müssen wir doch dort hinkommen. Oder habt ihr vielleicht einen ‚Beamer‘?“

„Klasse Idee, aber nein, beamen müssen wir uns nicht. Wir müssen es nur wollen.“ Paul und Peter schauen sich schmunzelnd an. Immerhin besser, als wenn sie jetzt weinen müssten. Bei Kalles vielen törichten Einwänden.

„Nein, Kalle, töricht ist was ganz anderes. Wie du weißt, gibt es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Das ist bei uns nicht viel anders als bei euch auf der Erde.“ Also gut. „Wie du ja schon gehört hast verfügst du wie alle Menschen auf der Erde über einen Phantom-Leib, der genau dem entspricht, was du hier an uns vor dir sitzen siehst. Die Phantom-Leiber der Menschen sind allerdings sehr verschieden kräftig entwickelt. Das hängt damit zusammen, wie intensiv sie im Lauf ihrer Entwicklung an sich gearbeitet haben: An der Klarheit ihres Geistes, an der Verschönerung ihrer Gefühle und an der Kräftigung ihres Willens.

Wir müssten jetzt als Nächstes erstmal deinen Phantom-Leib untersuchen, ob er sich überhaupt unbeschadet von deinem stofflichen Leib lösen lässt, ohne dass du das Bewusstsein verlierst oder sonst einen schlimmen Schaden nimmst. Denn eins ist klar, deinen stofflichen Leib kannst du auf die Reise zum Mond keinesfalls mitnehmen. Die Kräfte, die nötig wären, um diesen materiellen Klumpen auf dem Mond, in dieser extrem lebensfeindlichen Umgebung, am Leben zu halten, hast du nicht und haben wir auch nicht. Und den ganzen kuriosen technischen Aufwand, der von eurer Wissenschaft aufgewendet werden muss für einige kürzere fruchtlose Spaziergänge auf eurem Trabanten, können und wollen wir nicht treiben.“

‚Wow‘ denkt Kalle ‚dass ich all solche Dinge in meinem fortgeschrittenen Alter noch erleben darf!‘ Er soll jetzt also einem geistig-seelischen Gesundheits-Check unterzogen werden. ‚Und wenn ich den bestehe‘ überlegt Kalle ‚bekomme ich dann einen interstellaren Führerschein ausgestellt?‘

Er fragt sich, ob er das richtig verstanden hat: Es soll wohl nur eine Praxisprüfung geben und keine Theorie. Was für ihn auch besser ist, denn er hat sich Zeit seines Lebens als Praktiker gesehen, nicht so sehr als Theoretiker. Wobei ihm immer wichtig ist, anzumerken, dass nach seinen persönlichen Eindrücken die Praktiker auch die besseren Theoretiker sind. Diese Info teilt er aber natürlich ganz im Vertrauen und nur nebenbei mit. Es gibt nämlich, nach seiner Erfahrung, eine ganze Menge Menschen, die das genau andersherum sehen und sehr ungemütlich werden können, wenn man nicht ihrer Meinung ist.

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass der Nagel nun einmal nie und nimmer in die Wand gedacht werden kann, sondern nur gehämmert. Fragt einfach den schmerzenden Daumen, wenn der Hammer mal daneben geht!

Paul und Peter haben sich in der Zwischenzeit neben das Sofa gekniet, auf dem Kalle Platz genommen hatte, und ihn genötigt, sich vorsichtshalber hinzulegen, falls er aus irgendwelchen Gründen plötzlich umkippen oder sonst etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.

Sie beginnen einen Gesang, der sich ganz ähnlich wohltönend anfühlt, wie das Tönen, das er draußen im Garten vernommen hatte, als die beiden so plötzlich in Erscheinung getreten sind. Dieses Tönen und Summen erinnert ihn an einen wunderschönen aber auch tragischen Film ‚Wie im Himmel‘, den er vor vielen Jahren mal im Kino gesehen hat.

Es ging um einen Stardirigenten, der aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit einlegen muss, zur Erholung und Entspannung in sein Heimatdorf zurückkehrt, dort angekommen es aber doch nicht lassen kann und aus den Dorfbewohnern einen Laienchor formt, der sich so gut entwickelt, dass er sogar an einem internationalen Chorwettbewerb in Salzburg teilnehmen darf. Beim entscheidenden Auftritt holen die gesundheitlichen Probleme den Dirigenten aber doch wieder ein, und sein Chor steht ziemlich ratlos vor dem Publikum. Aus der Not beginnen die Chormitglieder einfach mit ihren Stimmübungen, dem Summen und Tönen. Und spontan steht das gesamte Publikum auf und tönt und summt ebenfalls. Ein überwältigendes Zusammenklingen. Das ist einer der Filme, die Kalle auch nach wiederholtem Anschauen immer wieder zu Tränen rühren.

Nun, was bewirkt das Summen und Tönen seiner Besucher bei ihm? Es fühlt sich für ihn alles mit einem Mal ganz leicht an, total verrückt aber schön, und tatsächlich, er erlebt sich schwebend im Zimmer. Der Blick schweift hierhin und dorthin. Er wendet sich, so ungefähr aus Deckenhöhe, zum Sofa und den beiden Knienden. Und zu dem Körper, der dort ganz still auf dem Sofa liegt. Ein seltsam fremder Eindruck: ‚Aber das bin doch ich!‘

Ein panisches und würgendes Gefühl stellt sich bei ihm ein. Er saust hektisch kreuz und quer durch das Zimmer, die Reise geht aus Versehen sogar durch die Decke und die Wände, und mit einem Schrei und einem Knall verschwindet er in diesem für ihn im Moment unglaublich fremden Körper, der wohl tatsächlich sein Körper sein muss, denn im selben Augenblick fährt er hoch, schweißgebadet und zittrig.

„Mannomann, das war jetzt anstrengend!“

Paul und Peter knien noch vor dem Sofa und begeben sich zurück in ihre Sessel. „Also, das ist jetzt richtig gut gelaufen, Kalle. Besser, als wir erwartet haben. Dein Phantom-Leib ist schön kräftig, gut durchgebildet und wird sich nach einiger Übung auch gut lenken lassen. Dass es für dich sehr ungewohnt, ja sogar erschreckend sein würde, damit haben wir gerechnet. Dich irgendwie vorbereiten konnten wir aber nicht. Der Test wäre durch Erwartungshaltungen und Vorurteile, die du wie jeder Mensch auf dieser Erde in dir trägst, verfälscht worden und im Ergebnis ungenau ausgefallen.

Das war der berühmte Sprung ins kalte Wasser: Schwimmen oder Untergehen. Das klingt hart, aber die Mission, die wir gemeinsam zu erfüllen haben, geht weit über jedes Eigeninteresse persönlichen Wohlergehens oder Abenteuerlust hinaus. Du bist jetzt auf dem Weg, zusammen mit uns und mit unserer Unterstützung, ein Geist-Krieger zu werden.

Die Erde und damit alle Menschen, die helfenden und begleitenden Geister, und sogar die noch darüber befindlichen Ebenen geistiger Wesen und Heerscharen, befinden sich aktuell in krisenhafter Unruhe. Dabei stellen sich die Klimakrise, Gesundheitskrisen, Finanz- und Wirtschaftskrisen, Hunger-, Versorgungs- und Verteilungskrisen, Kriege und, nicht zu vergessen, die grassierenden Nöte jedes einzelnen Menschen durch zunehmende Orientierungslosigkeit, übertriebene Ich-Sucht, Mitleidlosigkeit, Vereinzelung, gnadenlose Ausbeutung, Selbstausbeutung, Irrsinn und Abirrungen auf allen seelischen und emotionalen Ebenen lediglich als äußere Symptome einer systemischen Verwahrlosung dar, die nur durch das Aufbieten aller Kräfte der Guten und der Tapferen und unter großen persönlichen Opfern in eine andere Richtung, eine Richtung der Besserung, gelenkt werden kann.“

‚Na, da gehen Paul und Peter ja richtig in die Vollen‘ denkt Kalle. Er überlegt, dass der kurzzeitige Schwebezustand außerhalb seines Körpers eigentlich gar nicht so schlecht war. Er hätte doch abzischen und das ganze Elend einfach hinter sich lassen können. Er wäre nicht einmal auf Nahrungszufuhr angewiesen, wie die beiden ihm netterweise geflüstert haben. Sollen die blöden Menschen sich doch alle fröhlich gegenseitig abschlachten und vergiften, vergewaltigen und ersticken. Ist das sein Bier? Ihm wurde auf alle Fälle ein schöner und gangbarer Ausweg gewiesen. Es muss doch einen Grund haben, dass die beiden Helfer ihn so nett aufgesucht und ihm, vielleicht nicht ganz direkt aber doch deutlich genug, einen gangbaren Fluchtweg aufgezeigt haben!?

Peng!!! Was war das denn?! Wurde Kalle da gerade von jemandem eine Kopfnuss verpasst? War da etwa Marlenes Stimme zu hören?

Da sitzt er also, kann nichts anderes, zu helfen ist ihm nicht. „Hört mal, liebe Leute, ich muss erst mal verschwinden, und danach schnappen wir ein bisschen frische Luft im Garten. Ich glaube, ich brauche jetzt Sauerstoff. Euch reichen ja Licht und Liebe. Licht haben wir da draußen noch reichlich, die Liebe, da müssen wir mal sehen, wo wir die herkriegen.“

Gesagt, getan: Erleichtern, Hände waschen, abtrocknen, mit einer Tasse Kaffee in den Garten. Paul und Peter vergnügen sich dort schon ein bisschen. Als Wesen, die keinen Schlaf brauchen, haben sie keinerlei Schwierigkeiten, sich Betätigungen zu suchen und sich nützlich zu machen. Marlene war auch so: Ein Mensch der Tätigkeit. Innerer und äußerer Tätigkeit und Bewegung.

Nebenan sitzen die Nachbarn, Herr und Frau Mundt, bei Kaffee und Kuchen auf ihrer Veranda. Nur Paul und Peter sind im Moment nicht zu sehen. Haben sie sich vielleicht versteckt, um von den Nachbarn nicht bemerkt zu werden? Da hat Kalle die beiden aber ganz falsch eingeschätzt: Sie sind einfach plötzlich kräftig geschrumpft, so ca. 15 bis 20 Zentimeter Körpergröße, und toben sage und schreibe auf dem Gartentisch der Mundts herum zwischen Tassen, Tellern, Kanne, Strickzeug und Lektüre. Offensichtlich sind sie für die Nachbarn unsichtbar, sie können wohl nur von Menschen gesehen werden, von denen sie gesehen werden wollen. Echt praktisch. Solch eine Fähigkeit hat Kalle sich auch immer gewünscht.

In diesem Moment sind die beiden Spaßvögel auf den Schultern von Herrn Mundt gelandet. Für Kalle ist das etwas anstrengend, da er sich während der Unterhaltung mit den Nachbarn mit großer Mühe das Lachen verkneifen muss. Paul und Peter machen sich währenddessen am Kopf von Herrn Mundt zu schaffen, fummeln an seinen Ohren, ziehen die Haare und jetzt verschwinden ihre Hände und Arme sogar in seinem Kopf. Das sieht dann doch ein wenig grauslich aus. Zum Glück dauert es nicht lange, sie sind offensichtlich fertig, was auch immer sie da zu schaffen hatten, hüpfen vom Tisch auf den Zaun und sind auch schon in der Küche verschwunden. Kalle verabschiedet sich eilig und schließt die Küchentür hinter sich.

„Was in aller Welt hatte das jetzt zu bedeuten?!“

Paul und Peter haben wieder ihre Normalstatur, ca. zwei Meter Körpergröße, was auch besser zu ihnen passt. „Das muss dir natürlich komisch vorkommen, was wir da veranstaltet haben. Es ist aber ganz einfach zu erklären. Dass wir in jeder passenden Größe und Gestalt auftreten können, wird dich nicht überraschen. Was wir am und im Kopf von Herrn Mundt zu suchen hatten, bedarf selbstverständlich der Erklärung.

Beim Tanzen haben wir bemerkt, dass Herr Mundt einen langsam wachsenden Hirntumor hat. Noch nicht lebensgefährlich und nicht streuend. Aber in einiger Zeit vermutlich doch lästig, da er ziemlich ungünstig sitzt. So haben wir also mit unseren heilenden Händchen kurz entschlossen die kranke Stelle im Gehirn aufgesucht und das Gewächs geknetet und bearbeitet. In einigen Tagen wird der Tumor abgestorben sein, und wir haben auch keine andere Stelle gefunden, die in Zukunft Probleme machen könnte. Das war also gewissermaßen eine Kurzinspektion mit Spontanreparatur und wir glauben, dass alle glücklich sind. Stimmts?“

Kapitel 3: Mondfahrt

„Wenn ihr das sagt. Bei der Gelegenheit könnt ihr mich ja auch noch schnell durchchecken. In meinem Alter hat sich bestimmt schon das Eine oder das Andere eingenistet, wovon ich nichts merke und was die Ärzte leider noch nicht entdeckt haben.“

„Mach dir keine Sorgen. Da ist nichts Akutes, und über deine chronischen Zipperlein weißt du hinlänglich Bescheid. Im Übrigen mussten wir uns für den kleinen Eingriff bei Herrn Mundt auch erst die Genehmigung einholen. Aus Lust und Tollerei dürfen auch wir nicht so ohne Weiteres in den Schicksalslauf der Menschen eingreifen. Das muss an höherer Stelle erst mal abgeklärt werden, was im Falle von Herrn Mundt aber auf dem Kleinen Dienstweg ganz entspannt zu machen war.

Wie du siehst, gibt es auch in unseren Kreisen eine Art Bürokratie, die aber für die menschliche Wahrnehmung ganz anders funktioniert, als bei euch in euren hässlichen Bürotürmen, wo die einzelnen Abteilungen oft sogar gegeneinander arbeiten, wo Macht- und Kompetenzrangeleien stattfinden und durchaus eher eine Kultur der Reibereien und Eifersüchteleien gepflegt wird als ein Bemühen um Zusammenklang und Ineinandergreifen.

In unserer Welt hingegen wirken wir mit unseren Kräften zusammen, wie in einem riesigen Orchester, mit Führungsinstrumenten und eher unterstützenden Stimmen, wobei Führungsrolle und Unterstützung auch ganz leicht und schnell fließend wechseln.

Jetzt wollen wir uns aber erstmal deinem Phantom-Leib zuwenden. Bislang wusstest du nicht einmal von seiner Existenz. Seine Hauptaufgabe war bisher, dich einfach am Leben zu erhalten. Außerdem sorgt er des Nachts dafür, dass dir reinigende und stärkende Kräfte und Energien zugeführt werden. Von alldem bekommt der normale Mensch nicht das Geringst mit. Es bleibt ihm verschlossen, denn die Versuchung für ihn wäre viel zu groß, dass er die Kräfte, die da in dieser nächtlichen Schlafenszeit hin und her fließen, in unzulässiger und selbstsüchtiger Weise gebrauchen und missbrauchen würde.

Nun haben wir vorhin diesen Test mit dir durchgeführt, der zu unserer Freude gut ausgegangen ist. Es hätte auch anders sein können, aber wir sind dieses Risiko eingegangen, da wir uns sehr sicher waren, dass die von dir entwickelten Persönlichkeitskräfte ausreichen würden, um in dieser gefährlichen Situation zu bestehen und nicht auf Abwege zu geraten.“

„Komisch, so gefährlich habe ich das überhaupt nicht empfunden. Es waren allerdings, das muss ich zugeben, eine ganze Menge widerstreitender Gefühle, die in dieser Situation auf mich eingestürmt sind. Zunächst Überraschung, dann Befremden und Verwirrung, dann sogar eine Art Panik, und dann war es ja auch schon vorbei.“

„Siehst du, es war nicht so ganz ohne. Aber du hast es doch gut gemeistert. Du bist dann schleunigst in deinen Körper zurückgekehrt, als es dir unheimlich wurde. Wenn du dich anders entschieden hättest, würdest du wer weiß wo rumschwirren, und auch wir hätten eventuell große Schwierigkeiten gehabt, dich wiederzufinden und dir bei der Rückkehr zu helfen.

Das sind eben die bitteren Wahrheiten und Gesetze unserer Welt, dass es bei jeder unserer Entscheidungen um Sein oder Nichtsein geht. Wir kennen keine Kompromisse, kein Verhandeln oder Feilschen. Es gibt nur weiß/schwarz, gut/böse, wahr/verlogen, heiß/kalt, liebevoll/hasserfüllt. Die Zwischentöne habt ihr in eurer Welt, und dadurch sind Entscheidungen bei euch leichter, weil es in der Regel Auswege gibt, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Das haben wir nicht. Bei uns ist alles unmittelbar und unausweichlich existenziell.“

Große Augen, runtergefallener Unterkiefer. Gut, dass Kalle im Moment keinen Spiegel zur Hand hat. Es wäre für ihn kein schöner Anblick: Die personifizierte Ratlosigkeit. Es ist wahrlich ein hartes Brot, das ihm die beiden Freunde da zu kauen geben.

Paul und Peter blicken halb besorgt, halb belustigt, aber auf jeden Fall liebevoll. Das braucht Kalle jetzt auch. Er ist schließlich nur ein Mensch und kein Engel. Gut, dass ihm das in diesem Moment einfällt: Was wollen die beiden eigentlich genau von ihm? Er hatte doch hoffentlich richtig verstanden, dass es ihre Aufgabe ist zu helfen, und er zu denjenigen gehört, denen geholfen wird. Wie war das eigentlich gemeint mit dem Geist-Krieger? Was würde Marlene zu dem ganzen Aufstand sagen? In solchen Fragen hat sie immer guten Rat gewusst, auch wenn er nicht immer gleich verstanden hat. Ihm schwant, dass er sich jetzt einfach mehr Mühe geben muss und schnell verstehen.