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Heinrich ist ein Versager und hat es in seinem Leben zu nichts gebracht. Als er in ein Konzentrationslager eingeliefert wird, erlangt er die Stellung eines Funktionshäftlings und wird Herr über Leben und Tod. In dieser grausamen Welt ist er plötzlich mächtig und machtlos zugleich. Dies ist seine Geschichte.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mein Dank gilt meinen Eltern, die das Buchprojekt zu jeder Zeit unterstützt haben und Hans Roth, der seine Freizeit dafür verwendet hat das Manuskript zu prüfen und somit maßgeblich die Veröffentlichung möglich gemacht hat.
Gitterfenster
Freiheit
Zuhause
Planungen
Ausführung
Haft
„Zuhause“
Zellwände
Der Prozess
Das Ungewisse
Die Ankunft
Alltag im Lager
Eine erste Rettung
Glückliche Umstände
Verhandlungen
Neuer Versuch
Wagemut
Krankenbau
Steinbruch
Unglückliche Fügung
Strafe
Überlebenskampf
Steinbruch
Reinhard
Besuch im Lager
Neue Chance
Eugen
Räumung
Nachwort
Das Geräusch klimpernder Schlüssel, die an einem Schlüsselbund aneinander schlugen, weckte Heinrich. Er öffnete seine verklebten Augen und blickte an die graue Betondecke, die so tief war, dass es schien, als könne sie jederzeit auf seinen Kopf hinunterstürzen. Gleich gab es Frühstück. Zwei Schritte und er stand am Waschbecken. In dem schmutzigen Spiegel an der Wand sah er sich mit dem gleichgültigen Blick an, den er immer hatte. Tiefe Furchen bildeten die dunklen Augenringe und Falten zeichneten durchgehend die hohe Stirn. Mit seinen dünnen Fingern fuhr er sich durch die fettigen braunen Haare, die nur noch spärlich vorhanden waren. Schuppen in der Größe von Linsen rieselten zu Boden. Ein kleiner Lichtstrahl blendete ihn. Es war die aufgehende Sonne, die durch die vergitterten Fenster schien. Sechs Uhr morgens. Das Schnarchen von Ernst störte ihn, aber als er ihn einmal weckte, weil er nicht schlafen konnte, hatte dieser ihm fast die Nase gebrochen. Ernst war Heinrichs Mitinsasse, vierfach vorbestrafter Betrüger. Heinrich selbst hatte schon sechs Verurteilungen wegen Bankraubs hinter sich. Er gab die Schuld daran den Amerikanern, den Franzosen, der Weltwirtschaftskrise, aber niemals sich selbst. Ihn ärgerte es, dass er unzählige Jahre seiner Freiheit verloren hatte, nur, weil er Leuten etwas wegnehmen wollte, die seiner Meinung nach ohnehin genug hatten.
Der Gefängniswärter öffnete die schwere Metalltüre und stellte wortlos zwei Blechteller mit jeweils einer trockenen Scheibe Brot und altem, angetrocknetem Käse darauf auf den Tisch; daneben einen Becher mit einer braunen, durchsichtigen Flüssigkeit, die man kaum als Kaffee bezeichnen konnte. Der Tisch war das einzige Möbelstück in der Zelle. Sonst gab es auf den wenigen Quadratmetern nur noch das eiserne Hochbett, ein Waschbecken und eine Toilette, die aber nicht vom übrigen Zellenbereich abgetrennt war. Etwas wie Privatsphäre kannte Heinrich schon Jahre nicht mehr. Er hatte sich daran gewöhnen müssen.
Seit die Nazis die Macht übernommen hatten, war einiges schlechter geworden. Das Essen wurde weniger und geschmackloser und die Übergriffe der Gefängniswärter auf die Häftlinge häuften sich. Manche der Gefangenen wurden überraschend entlassen, anderen rückten scheinbar grundlos nach. Aktiv wahrgenommen hatte Heinrich den schleichenden Wandel nur begrenzt und schon gar nicht konnte er ihn der Machtübernahme zuordnen, schließlich war er im Gefängnis ohne entsprechende Versorgung mit Nachrichten. Er war zudem nicht wirklich bemüht, sich derartige Informationen zu beschaffen. Nachdem er das Essen hinuntergewürgt hatte, wartete er darauf, von einem Wärter zur Arbeit abgeholt zu werden. Dank seiner früheren Tätigkeit als Schreiner konnte er in der Häftlingswerkstatt arbeiten und musste keine sinnlosen Arbeiten wie einige der anderen Gefangenen verrichten.
Nach Feierabend konnte er sie oftmals von seinem Zellenfenster aus beobachten, wie sie Steine zerschlugen und von einem Ort zum anderen transportierten. Er konnte sich nicht vorstellen so eine Arbeit selbst verrichten zu müssen. Heinrich war früher verheiratet gewesen. Er wollte damals Kinder bekommen, aber es hatte nicht geklappt und nun war er froh darüber, denn Kinder würden nur Verpflichtungen, Kosten und Ärger für ihn bedeuten. Außerdem hat sich seine Frau von ihm scheiden lassen, nachdem der wiederholte Versuch die Reichsbank auszurauben fehlschlug. Alles in allem war Heinrich eine gescheiterte Existenz und das ließen ihn die Leute um ihn herum auch merken. Keiner hatte wirklichen Respekt vor ihm, trotz seiner langjährigen Haftzeit hatte er keine wahren Freunde unter den Mitinsassen. Seine nicht sehr kräftige Figur trug ihren Teil dazu bei nicht ernstgenommen zu werden.
Nun war es soweit: Arbeitszeit. Auf dem Weg zur Werkstatt betrachtete er die massiven, alten, monoton grauen Betonwände. Er hatte das Gefühl, dass sich bei jedem Schritt ein bisschen von dem dunklen Putz löste und auf den Boden rieselte. Gefegt hatte hier schon lange niemand mehr. Immer derselbe Weg, 560 Schritte, vier Türen, vorbei an 78 Zellen. Dann kam er an.
Heinrich arbeitete nicht damit er Geld verdiente oder damit er unter Leute kam. Er tat es einfach, weil es von ihm erwartet wurde und weil er, wenn er es nicht tat, mit Strafen zu rechnen hatte. Besser als nutzlos in der Zelle zu sitzen war es allemal. Sein Aufgabenfeld war eintönig und in der Parallelgesellschaft im Gefängnis wenig geschätzt. Es war eine Arbeit, die einfach von irgendwem erledigt werden musste. Möbelstücke reparieren, Möbelstücke bauen, Möbelstücke kontrollieren. Immer die gleichen Tische, beschmiert mit Zeichnungen nackter Frauen mit riesigen Busen oder mit eingeritzten Strichen, die die bereits abgesessenen Tage protokollierten. Schleifen, Übermalen, nächster Tisch. Woche für Woche machte er diese Arbeit, ohne großen Verdienst und ohne großartigen Kontakt zu den Mithäftlingen. Er hatte keinen Kollegen und war als einziger für die Instandsetzung zuständig. Folglich war er von den Geschehnissen in der Haftanstalt immer relativ isoliert und hatte auch selten einen Gesprächspartner. Heute war etwas anders. Als er gerade geistig abwesend einen neuen Tisch aufbereiten wollte, fiel ihm eine Totenkopfzeichnung auf. Es war ein Schädel und davor zwei aufeinanderliegende Knochen, gemalt mit einem dunklen, fast schwarzen Bleistift.
Diese Zeichnung hatte er heute Morgen beim Frühstück noch gesehen. Sie war ihm mal wieder aufgefallen, als er lustlos in sein trockenes Brot gebissen hatte. Sein Zellenvorgänger musste sie angefertigt haben. Dass er nun diesen Tisch aufbereiten sollte, konnte nur bedeuten, dass seine Zelle bald mit jemandem anderem belegt werden würde.
Heinrich hatte die Tage schon lange nicht mehr gezählt. Draußen erwartete ihn nichts und er hatte sich für die Zeit nach dem Gefängnis auch nichts vorgenommen. Er besaß eine kleine, schäbige Wohnung, die ihm seine Eltern hinterlassen hatten. Bevor er in Haft genommen wurde, hatte er die Türen seines „Quartiers“, wie er es nannte, verriegelt und die Fenster mit Holzbrettern zugenagelt. Auf die Inneneinrichtung hatte er damals nicht viel Wert gelegt, er war ohnehin nicht oft zuhause.
Wenn Heinrich darüber nachdachte, so wusste er nicht einmal mehr, was er alles dort hinterlassen hatte, es konnte wohl nichts von Wert sein. Einen Ort allerdings kannte er noch ganz genau. Links von der alten, löchrigen Schlafcouch, drei Meter neben dem wackeligen Esstisch war eine Diele lose, sorgfältig unter einem blauen, befleckten Teppich versteckt. Darunter befand sich ein kleiner Hohlraum der in das Holz gearbeitet war. Das war es, woran Heinrich dachte, als er zum Gefängnisdirektor gerufen wurde. Der Hohlraum sollte später wieder wichtig für ihn werden.
Seine dürren Handgelenke waren mit Handschellen aneinander gekettet. Seine Knöchel schmerzten, denn das kalte Metall rieb an der trockenen Haut und verursachte Rötungen und Reizungen. Begleitet wurde er von einem dicken Wärter, der ein graues Hemd trug, das an seinem Bauch fast zu zerreißen drohte. Heinrich merkte, wie egal er dem Wärter war. Er hatte eine vergleichsweise gute Menschenkenntnis und darin lag auch seine Stärke. Während er nach außen hin unauffällig, ja, anteilnahmslos und meistens gleichgültig wirkte, machte er sich zu bestimmten Menschen manchmal Gedanken. Nicht immer, nicht permanent, aber wenn ihm langweilig war oder es um eine wichtige Situation ging, dann konnte er seine Fähigkeit oftmals ausspielen und neu gewonnene Eindrücke für sich nutzen. Kein Wort wurde auf dem Weg mit dem Aufseher gewechselt, kein Ton gesprochen. Nur dieser abfällige Blick, dieser Blick, den alle Wärter früher oder später bekamen und den er so hasste. Alleine das beständig tiefe Schnaufen seines Begleiters hörte er, und das Geräusch, welches die Schuhe mit ihren schweren Sohlen auf dem harten Boden verursachten. Das Büro des Direktors lag in der obersten Etage des Verwaltungstrakts. Häftlinge durften es nur in Begleitung von mindestens einer Wache betreten, zudem mussten sie gefesselt sein. In dem Gebäude fanden Anhörungen zu Vergehen innerhalb der Justizvollzugsanstalt statt, Verhandlungen vor dem Untersuchungsrichter und außerdem waren dort die Büros einiger Angestellten untergebracht, die sich mit rechtlichen sowie organisatorischen Fragen zu beschäftigen hatten. Hier empfingen die Gefangenen entweder ihre Strafen für Fehlverhalten oder sie kamen zur Entlassung. Eigentlich könnte irgendein Beamter die notwendigen Papiere ausstellen und die Sache schnell erledigen, aber der Direktor legte großen Wert darauf, jeden Gefangenen persönlich zu verabschieden. Er richtete dann immer einige Worte an sein Gegenüber, gutgemeinte Ratschläge ebenso wie böse Drohungen.
Vermutlich genoss er das Machtgefühl, das er gegenüber den „bösen Jungs“ hatte, deren Leben schließlich so viel weniger erfolgreich verlaufen war als das seinige, und dann konnte er sich überlegen fühlen. Nun war also Heinrich an der Reihe. Im Büro von Herrn Fritzsche angekommen sah man sofort, dass hier eine wichtige Persönlichkeit arbeiten musste. Herr Fritzsche saß in seinem großen und speckigen, dunkelbraun glänzenden Ledersessel, der schon Generationen im Besitz seiner Familie war. Auf dem schweren, mit dunkelgrünem Leder bezogenen Eichenholzschreibtisch standen dutzende Gesetzbücher und einige Akten lagen scheinbar wahllos durcheinander darauf verteilt. In eine vergoldete Metalltafel waren in schwarzen Lettern die Worte „Direktor Dr. jur. Fritzsche“ eingraviert. Heinrich hatte zufällig gesehen, wie die Tafel in der Gefängniswerkstatt angefertigt worden war; inoffiziell natürlich. Dennoch machte sie nun einen imposanten Eindruck und wurde ihrem Ziel gerecht, zu übermitteln, dass hier ein gebildeter und erfolgreicher Mann saß. Der „Boss“, so sein ironisch gemeinter Spitzname, hatte langes, graues Haar, streng nach hinten gekämmt. Eine schwarze Brille umfasste seine braunen Augen und trotz des dicken Rahmens wurden seine buschigen Augenbrauen nur wenig verdeckt.
„Herr H., setzen Sie sich“ brummte der Direktor mit seiner tiefen Stimme. „Wenn ich Sie hier noch ein einziges Mal sehe, dann werde ich dafür sorgen, dass Sie nie wieder Gelegenheit dazu haben werden, straffällig zu sein. Verstanden?“
Was sollte diese kurze Ansprache bedeuten? Heinrich spürte eine Welle der Wut. Was dachte dieser Mann eigentlich, wer er war?
„Für Bankraub hat man noch nie lebenslänglich bekommen“ grunzte Heinrich seine bissige Antwort. Im selben Moment bereute er es. Hätte er doch nur den Mund gehalten, gelächelt, und „jawohl“ gesagt, so, wie man es von ihm erwartete. Dann wäre sein Gegenüber zufrieden gewesen und er hätte der beklemmenden Situation schnell wieder entfliehen können. Nun war er angespannt, doch völlig unerwartet fing Herr Fritzsche an zu lachen. Das schallende Gelächter erfüllte das riesige Büro und wurde von den Wänden als Echo zurückgeworfen. Der Wärter, der hinter Heinrich stand, er hatte ihn schon fast vergessen, fing ebenfalls an zu lachen. Ob aus Pflichtgefühl oder Belustigung heraus war unklar. Das Gelächter war so laut und intensiv, dass Heinrich sich einbildete die Vibrationen zu spüren, die die Schallwellen verursachten.
„Sie waren schon zu lange nicht mehr draußen“ meinte Herr Fritzsche, immer noch lachend, während er sich mit dem Finger eine Träne aus dem Augenwinkel strich.
Was er damit meinte, sollte der Gefangene noch erfahren. Damit klatsche der Direktor die Entlassungspapiere auf den Tisch. „Sie können gehen!“
Ein Sack, gefüllt mit den wenigen Habseligkeiten Heinrichs wurde ihm in die Hand gedrückt. Noch ein letztes Mal lief er durch den Gang des Zellentrakts.
Noch ein letzter Blick auf den schmutzigen, rieselnden Putz der Wand. Niemand hatte das Bedürfnis sich von ihm zu verabschieden. Dann stand er auf einmal vom Sonnenlicht geblendet vor den mächtigen Gittertoren des Gefängnisses. Alleine. Ein wenig überfordert.
Obwohl er gelernt hatte mit dem Freiheitsentzug umzugehen, so spürte er nun doch eine gewisse Befriedigung, wieder frei zu sein. Er war kein romantischer oder emotionaler Typ, er beglückte sich nicht damit die Vögel zwitschern zu hören oder den Wind auf der Haut zu spüren. Nein, Heinrich genoss es mit dem Gedanken zu spielen, wie er wieder an Geld kommen könnte. Reichsbank oder lieber die Postfiliale um die Ecke? Ein normaler Mensch hätte sich wohl schleunigst Arbeit gesucht, irgendetwas Legales, bloß nicht wieder in das Gefängnis zurück. Aber Heinrich war nicht normal. Heinrich war in der Gesellschaft ganz unten angekommen. Er wurde von niemandem geschätzt oder respektiert und ebenso wenig schätze er andere Leute. Wenn er nicht im Gefängnis war, so dachte er, dann würde er ohnehin nur zuhause sitzen; auf seiner alten, unbequemen Couch, die unter normalen Umständen längst entsorgt gehört hätte. Nicht viel besser als die Haft. Zudem dachte Heinrich nicht gerne daran, wie es wohl wäre, wenn der nächste Überfall scheitern sollte. Dächte er an seine Misserfolge, so müsste er sich doch nur eingestehen, ein Verlierer zu sein. Ein Verlierer war nun mal niemand gerne und so schloss er das Versagen lieber kategorisch aus seinen Überlegungen aus.
Auf dem Weg nachhause lief Heinrich an großen und imposanten Altbauten vorbei. Aus den Fenstern hingen rote Banner, ein weißer Kreis in der Mitte, darin zwei verschlungene Haken in schwarz. Er sah einen Zeitungsaushang, in großer, schwarzer Schrift stand über der Glasvitrine: „Die Juden sind unser Unglück!
DER STÜRMER“. Gegen Juden hatte Heinrich eigentlich nichts. Er machte sich nie viele Gedanken über die aktuelle Politik und das Weltgeschehen und solange ihm niemand schadete, war ihm die Person gleichgültig.
Dennoch hatte sich etwas verändert, was Heinrich nicht entgangen war. Blickte man um sich, so entdeckte man immer wieder Leute, die völlig deprimiert und entkräftet zu sein schienen, den Blick nach unten auf den Bürgersteig gerichtet. Andere wiederum unterhielten sich fröhlich, trugen Taschen voller Lebensmittel und blickten sich interessiert um. Ein gewisser Gegensatz war jedenfalls nicht zu übersehen. Heinrich sah Ladenfenster, die zerstört waren. Unter seinen Schuhen knirschte es, wenn er auf Glassplitter trat, die noch nicht weggeräumt worden waren. Mit weißer und schwarzer Farbe stand auf einigen Hausfassaden und beschädigten Schaufenstern: „Kauft nicht bei Juden!“ Aber was ging ihn das schon an. Er war schließlich konfessionslos, in Deutschland geboren und er kannte keine Juden. Auch wenn er welche gekannt hätte, es hätte ihn wohl nicht weiter interessiert. Auf dem Markt nahm er unauffällig einen Apfel in die Hand und ging rasch weiter. Der säuerlich süße Geschmack des Fruchtfleisches erfrischte ihn. Er war voller Elan, in seinen Körper kehrte allmählich Leben zurück. Seine Schritte wurden schneller. Er hatte tatsächlich einen kleinen Gefühlsausbruch. Ohne Ticket stieg er in die Straßenbahn und fuhr einige Straßen weit, bis er in einem etwas außerhalb gelegenen Stadtteil ankam.
Während der Fahrt blickte er aus dem Fenster und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Er griff in seine Jackentasche und bemerkte, dass er völlig mittellos dasaß. Dieses Problem konnte er allerdings schnell lösen, denn neben ihm saß eine Frau, die gerade dabei war sich mit ihrem Handspiegel zu schminken. Heinrich konnte einfach in ihre Tasche greifen und aus dem Geldbeutel einen Schein ziehen. Die Dame bemerkte es nicht und schon gar keiner der anderen Mitreisenden, von denen sich jeder um sich selbst kümmerte. Dann sah er auch bald das beige Hochhaus, in dem sich seine Wohnung befand. Rosenstraße 68. Auch hier fielen ihm sofort die rot-weißen Flaggen auf, die aus fast jedem Fenster wehten. Aus seinen hingen keine, aber aus allen Fenstern daneben und darüber wehten die Banner im Wind. Er spürte die misstrauischen Blicke seiner Nachbarn, die aus ihren Fenstern schielten, sofort wie Nadelstiche auf der Haut. Auch wenn sein Blick immer gleichgültig war, keiner mochte es, gedemütigt zu werden. Dass man ihn so offen anstarrte, das war ohne Frage eine Demütigung. Man konnte aus den Gesichtern wahrlich lesen, was die Leute dachten, als sie Heinrich ansahen. Jeder wusste, dass er aus dem Gefängnis kam und keiner freute sich darüber so jemanden in der Nachbarschaft zu haben. Sollten sich die anderen doch um ihr eigenes Leben kümmern, dachte sich Heinrich im Stillen. Schnell bewegte er sich ins Innere des Hauses und rette sich ins Treppenhaus, wo er fürs Erste von Blicken geschützt war.
Die knarrenden Holzstufen hinaufsteigend betrachtete er halb aufmerksam die Schmierereien an der Wand rechts und links von ihm. Wenn er so recht drüber nachdachte, dann unterschied sich diese Wand in nicht sehr vielen Punkten von der des Gefängnistraktes.
Heinrichs dünne Hand glitt an dem schmierigen, öligen Geländer hinauf. Stufe für Stufe näherte er sich seiner Wohnung und dann stand er vor der Türe mit der Nummer 03. Irgendjemand hatte dieses Symbol auf seine Tür gepinselt, diese zwei verschlungenen schwarzen Hakenkreuze, aber er konnte sich nicht vorstellen wieso, oder was das zu bedeuten hatte.
Heinrich zog seine Schuhe aus, ein unangenehmer Duft schlug ihm sofort entgegen, und unter der abgenutzten, löchrigen Sohle zog er einen angerosteten Schlüssel hervor. Er öffnete das Türschloss und trat ein. Die Luft war abgestanden und roch sehr unangenehm. Durch die Fenster drangen nur vereinzelt kleine Lichtstrahlen, er hatte sie ja mit Holzbrettern zugenagelt. Auch hier drängte sich ihm der unmittelbare Vergleich zum Gefängnis auf. Er dachte nicht viel darüber nach, sondern legte erst einmal seine Sachen zur Seite. Sein Blick wanderte in die Küche. Auf dem Herd stand ein alter Topf, dessen Boden völlig verkalkt war. Im Schrankfach für das Essen gammelten noch zwei Eier vor sich hin und verbreiteten einen Geruch, dass es Heinrich schlecht wurde. Er riss das Holz mit seinen bloßen Händen von den Fenstern und warf die Eier weit hinaus. Zentimeter hoch lag der Staub auf dem Küchentisch, die ehemals hellblauen Polsterstühle waren vor lauter Dreck nur noch als grau zu beschreiben. Es kam unmittelbar zu einem regelrechten Staubsturm, da nun durch das offene Fenster ein Durchzug entstanden war. Es schien, als wolle die Luft, die jahrelang in der Wohnung gefangen war, um jeden Preis heraus.
Heinrich ging weiter durch die Räume und sah, dass im Schlafzimmer die Wände feucht geworden waren und sich ein erster grüner Schimmelpilz breit machte. Gut, dass Heinrich eine Schlafcouch im Wohnzimmer stehen hatte. Er setzte sich nun auf eben diese und unwillkürlich fing sein Blick zu wandern an. Drei Meter neben dem Esstisch, unter dem befleckten blauen Teppich, sah man eine ganz minimale Wölbung. Wenn man sie nicht kannte hätte man sie nicht gesehen, aber Heinrich wusste ganz genau Bescheid. Er stand auf, näherte sich der Ausbeulung und riss mit einem kraftvollen Schwung den Teppich zur Seite. Sofort musste er husten, wurde von Atemnot befallen. Haare, Dreck und Staub wirbelten durch die Luft und machten das Zimmer noch dunkler als es ohnehin schon war.
Endlos schienen die Partikel durch den Raum zu fliegen, bis sie sich schließlich an einem neuen Platz abgesetzt hatten und nun andere Möbel beschmutzten. Aber nun war ihm das alles egal. Er nahm den losen Dielen in die Hand und zog ihn vorsichtig nach oben, gerade so, dass er nicht kaputt ging. Ein darunter liegender Hohlraum wurde nun sichtbar. Kurz zeichnete sich ein funkelndes Leuchten in Heinrichs Augen ab. Sie war noch da. In einen schmutzigen, ehemals weißen Lumpen gewickelt lag sie noch versteckt an ihrem Platz: seine Parabellum-Pistole. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatte er sie in den Wirren der Zerstörung und Verzweiflung entwenden können. Er musste erst einmal lernen, wie man damit richtig umging, aber nach einigen illegalen Übungen im Wald hatte es geklappt und er war inzwischen relativ sicher im Umgang mit der Waffe. Nie hatte er sich erwischen lassen und war immer darauf bedacht gewesen, dass keiner der Nachbarn die Ausbeulung in seiner Jacke bemerkte, wenn er das Haus verließ und bewaffnet war. Meistens benutzte er sie ohnehin nur zur Abschreckung; geschossen hatte er damit „im Einsatz“ noch nie und er würde es wohl auch nie tun. Er wollte es nicht tun. Wenn er seine Pistole in der Hand hielt, fühlte er sich mächtig, zumindest mehr als sonst. Er fühlte sich nicht mehr so stark als Außenseiter, sondern als jemand, der etwas zu sagen hatte und wenn er den Leuten etwas befahl, dann hatten sie Folge zu leisten. Oft hatte er bei Hausdurchsuchungen Angst gehabt man würde die Pistole finden, aber immer war das Glück auf seiner Seite gewesen. Egal wie streng er verhört worden war, nie hatte er zugegeben, wo er sie versteckt hatte. Für ihn war sie das Wichtigste und gleichzeitig das Wertvollste, was er hatte.
Sein Magen knurrte und nun führte es ihn wieder in die Küche. Der Gestank hatte sich etwas verzogen und der Staub gelegt. Der Kühlschrank war leer. Der Schein, den er der Frau in der Straßenbahn geklaut hatte, kam ihm wieder in den Kopf und er betrachtete diesen nun näher.
Auf dem beig-grünen Papier fiel ihm unten links ein Vogel auf. Dieser Vogel, ein Adler, saß auf einem runden Kreis, in der Mitte das Zeichen, das Heinrich schon den ganzen Tag verfolgte. Auch hier die zwei ineinandergeschlungenen Haken. „Geldfälschung wird mit Zuchthaus bestraft“ stand auf der anderen Seite, direkt unter dem großgedruckten Betrag: „50 Reichspfennig.“ Aber Heinrich fälschte das Geld nicht, er klaute es lieber. Jetzt hatte er richtigen Hunger. Er verließ seine Wohnung und machte sich auf den Weg in die Stadt. Wieder fuhr er schwarz, ohne Ticket; doch schon dieses Mal wollte sich seine Unehrlichkeit rächen.
Kaum war die Straßenbahn losgefahren, hörte er eine schrille Stimme hinter sich; „Fahrkartenkontrolle, Ihre Fahrscheine bitte!“ Langsam lief Heinrich in die entgegengesetzte Richtung des Kontrolleurs. Langsam, aber schnell genug, um der Kontrolle immer weiter zu entgehen. Sein Verhalten blieb dennoch nicht ganz unbemerkt. „Sie da, halt!“ rief es laut und nicht zu überhören hinter ihm. Hektisch versuchte Heinrich nun vorwärts zu kommen, er stieß die Leute mit den Ellenbogen zur Seite oder quetsche sich mühsam zwischen den aneinandergepressten Körpern durch, die zu massig waren, um sie einfach beiseite zu schieben.
Dann sah er auf einmal einen beleibten Herrn vor sich, mit Hut und edlem Dreiteiler. Gerade wollte er an ihm vorbei, weiter vor dem Kontrolleur fliehen, da stellte sich der Mann Heinrich in den Weg, dessen Flucht somit ein schnelles Ende gefunden hatte, denn schon spürte er einen festen Griff an seiner Schulter. Die Leute um ihn herum starrten ihn an. Mit keinen Worten hätte man die im Raum stehende Verachtung wohl besser ausdrücken können als mit den Blicken dieser vornehmen Leute. Die Blicke sagten alles; du gehörst nicht zu uns! „Is bestimmt e Jud!“ schrie ein alter Mann mit gekräuseltem, grauem Haar. Es ruckelte und die Straßenbahn hielt an. Mit einem kräftigen Ruck wurde Heinrich aus dem Waggon gezogen, sodass er fast auf die Straße fiel. „Personalien!“ grunzte der Mann, der nun vor ihm stand. Auf dem Kopf eine Mütze mit der Aufschrift „Reichsbahn“, auf dem Anzug eine kleine Brosche mit derselben Aufschrift und dem Hakenkreuz darunter. Es ratterte in Heinrichs Kopf. Was sollte er nun sagen? Seine richtige Adresse?
Nein! Man würde ihn doch sofort wieder zu Herrn Fritzsche, dem Gefängnisdirektor, schicken. Da dachte er nicht weiter drüber nach sondern rannte einfach los.
Wildes Schreien entbrannte hinter ihm, das ihm das Adrenalin durch den Körper schießen ließ. Er rannte und rannte, bis er nicht mehr wusste, wo er war. Kein einziges Mal hatte er nach hinten geblickt, einfach immer weiter nach vorne. Außer Atem lehnte er sich an eine Häuserwand, als ihn endgültig die Kraft verlassen hatte. Jeder Passant, der an ihm vorbeilief, konnte ein Zivilbeamter sein, der ihn fahndungsmäßig suchte.
Dennoch hatte Heinrich wieder seinen gleichgültigen Blick aufgesetzt und ließ sich seine Nervosität nicht ansehen. Das war erfahrungsgemäß die beste Taktik, die er anzuwenden wusste. Dieser Blick hatte ihn schon mehrmals gerettet, denn gleichgültig aussehende Personen sind grundsätzlich weniger verdächtig. Der Mensch neigt dazu, viel aus der Mimik und Gestik, der Körpersprache und aus dem Erscheinungsbild zu schlussfolgern. Das wusste Heinrich. Ein Häftling aus der JVA, in der er eingessen hatte, hatte ihm erzählt, dass er weit über 100 Fahrräder geklaut habe, bis er erwischt wurde, nur, weil er einen Blaumann anzog und er so wie ein Hausmeister aussah, den keiner verdächtigte. Atemlos an der Hauswand lehnend sah Heinrich höchstens aus wie ein Hilfsbedürftiger, nicht aber wie ein Krimineller. „Das kann so nicht weitergehen“ dachte er sich im Stillen. Ohne Geld war das Leben viel zu mühsam und gefährlich. Gegessen hatte er immer noch nichts. Da ihm das Arbeiten auch zu mühsam war, blieb nur eine Möglichkeit: seine Parabellum-Pistole sollte bald wieder zum Einsatz kommen.
Heinrich wartete noch ein bisschen ab, bis es dunkel geworden war, und dann machte er sich auf den Heimweg; zu Fuß. Er hatte immer noch einen leeren Magen, aber seine Gedanken drehten sich jetzt fast ausschließlich um den bevorstehenden Banküberfall: welche Bank, wann und wie? Zuhause angekommen kramte er einen kleinen Notizblock und einen Bleistift aus der Schublade des Wohnzimmerschrankes. Die Blätter waren schon vergilbt, aber man konnte die Schrift darauf gerade noch lesen. Er schrieb einige Adressen auf, von denen er wusste, dass sich dort eine Bank befand. Einige Straßennamen hatte er sich ganz genau eingeprägt, dazu hatte er schließlich genug Zeit gehabt. Dann holte er ein altes Telefonbuch hervor, suchte einige weitere Adressen, was eine mühselige Arbeit war, denn nicht alle Anschriften waren leicht herauszufinden und einige Namen kannte Heinrich noch nicht. Als er schlussendlich eine mehr oder weniger vollständige Liste erstellt hatte, strich er die Banken durch, die zu weit weg waren oder bei denen er es schon einmal erfolgslos versucht hatte. Die Banken, bei denen er Geld erbeutet hatte und erst später gefasst wurde, unterstrich er fett, es waren nur einige wenige.
Die übriggebliebenen Geldhäuser wurden nun mit einem Punktesystem bewertet, das Heinrich extra dafür entworfen hatte die richtige Bank für seine Zwecke zu finden. Es gab Kriterien wie Lage, geschätzte Beute, Sicherheitssystem etc., die allerdings nur bewertet werden konnten, sofern auch Informationen darüber verfügbar waren, worin unterm Strich auch der Schwachpunkt des Punktesystems bestand.
Nichtsdesoweniger ergab sich am Ende ein Ranking von eins bis zehn. Die Bank mit der höchsten Bewertung wurde als Ziel für den Überfall ausgesucht. Nach genauen Abwägungen fiel die Wahl auf die sogenannte „Dresdner Bank“. Sie lag am geschicktesten und nach reiflichen Überlegungen malte sich Heinrich dort die größten Chancen auf Erfolg aus. Nervös ging er um Mitternacht ins Bett und versuchte einzuschlafen. Es gelang ihm nicht sofort, denn er war nervös und mit den Gedanken bereits ganz woanders. Er skizierte innerlich bereits den Ablauf der Tat und konnte es kaum erwarten. Am nächsten Tag wollte er alle notwendigen Vorbereitungen treffen.
Morgens wachte er schon früh auf. Er wankte zum Waschbecken und blickte in einen Spiegel, der ähnlich verschmutzt war wie der im Gefängnis. Die noch zugenagelten Fenster ließen nur einen kleinen Lichtstrahl in das Zimmer scheinen. Erleuchtet wurde es von einer Glühbirne, die an einem Draht von der Decke hing und ein grelles, gelbes Licht abstrahlte, welches wenig angenehm war. Heinrich sah gebeutelt aus. Sein Gesicht war ausgemergelt und seine Augenringe traten noch deutlicher als üblich hervor. Der Hunger und der Stress der Planung hatten ihm zugesetzt. Er ließ das Waschbecken mit kaltem Wasser volllaufen, formte seine Hände zu einer kleinen Schale, füllte sie mit Wasser und rieb sich anschließend das erfrischende Nass ins Gesicht. Es kribbelte und Heinrich erwachte allmählich, als die Tropfen von seinem Gesicht auf den dreckigen Boden fielen. Noch schnell die Haare nach hinten gekämmt und die Zähne kurz geputzt, dann fühlte er sich bereit für den Tag. Er zog sich seine abgenutzten Kleider an und machte sich auf den Weg in die Stadt. Er hatte extra viel Zeit eingeplant und ging schon um sieben Uhr los, denn ein zweites Mal in der Straßenbahn erwischt zu werden, konnte er sich nicht leisten. Es würde eine zu große Gefahr darstellen und nur unnötig sein Vorhaben riskieren. Unterwegs hielt er nach Essbarem Ausschau, aber er wurde vorerst nicht fündig. Sein Weg führte ihn zum Modehaus Kaltenbrunner. Er musste noch eine halbe Stunden warten bis der Laden öffnete und das ärgerte ihn. Dort draußen in der Kälte stand er, mit nichts als seiner dünnen Jacke, einem dünnen Pullover und einer Cordhose bekleidet. Einige alte Leute mit Taschen in den Händen liefen an ihm vorbei und blickten ihn kritisch an. Immerhin fand er in der Jackentasche noch ein Bonbon, auf dem er etwas kauen konnte, bis er endlich hineingelassen wurde. Bis dahin steckte er die Hände in die Taschen und tänzelte nervös von einem Bein auf das andere. Eigentlich war es strategisch unklug bereits morgens in ein Geschäft zu gehen um etwas zu klauen, denn dann befanden sich noch nicht viele Kunden dort und die Aufmerksamkeit des Personals war noch höher.
Andererseits konnte man einen Damenstrumpf leicht entwenden, wenn man ihn nur unsichtbar unter der Kleidung versteckt hielt, und mit einigen anderen Kleidungsstücken wie nebenbei mit in die Umkleidekabine nahm. Darin hatte Heinrich genügend Erfahrung. Mit der Rolltreppe fuhr er, als es soweit war, zuerst in die Abteilung für Herrenbekleidung. Eine Verkäuferin fragte, ob sie ihm helfen könne, aber er verneinte. Er tat, als interessiere er sich für die Hosen, schaute bei einigen nach Größe und Preis, bis er schließlich zwei schwarze Anzughosen in der Hand hielt. Weiter ging es zu den Oberteilen und auch hier das gleiche Spiel: interessiert aussehen und am Ende ein bis zwei Kleidungsstücke mitnehmen. Das tat Heinrich auch und machte sich im Anschluss auf den Weg in die Kabine. An der Damenabteilung ging er unauffällig vorbei und griff, als er sich sicher sein konnte, dass ihn niemand beobachtete, nach einem schwarzen, blickdichten Paar Damenstrümpfe. Schnell verschwand diese unter den zwei Herrenhosen. In der Kabine angelangt, zog er sich nun zum Schein ein Oberteil und eine Hose an. Er erschrak, als von außen eine Männerstimme fragte, ob er Hilfe benötige. Um nicht verdächtig zu wirken öffnete er die Türe und fragte, wie die Hose an ihm aussähe.
„Sie steht Ihnen ausgezeichnet und das Oberteil dazu ist ein wahrer Traum!“ antwortete der junge Verkäufer in dem adretten Anzug, der nun vor ihm stand, als hätte er nie etwas Schöneres zu Gesicht bekommen. Es überraschte Heinrich nicht weiter. Welcher Verkäufer hatte jemals irgendjemandem von irgendetwas abgeraten, was man für teures Geld hätte kaufen können?
„Nun ja, ich frage wohl besser noch meine Frau“, gab Heinrich zur Antwort und verschwand wieder in der Kabine. „Gerne lege ich Ihnen die Sachen zurück“, hörte er noch den Verkäufer rufen, doch dann hatte er schon wieder die Türe der Kabine zugeschlagen. Er zog seine Sachen an und versteckte die Strumpfhose unter der Jacke. Er breitete sie aus und verstaute sie eng an seiner Haut, damit keine Beulen entstanden. Die Verpackung stopfte er unter den Teppich im Umkleideraum. „Leider nichts gefunden“ murmelte er, als er den Kleiderhaufen dem Verkäufer in die Hände drückte. Hatte er nicht gerade gesagt, er müsse noch seine Frau fragen? Keine Zeit für Überlegungen. Als Heinrich möglichst unauffällig ein paar Socken ansah, zog er mit seiner verkrampften Gelassenheit Aufmerksamkeit auf sich. Er merkte das und zog sich schnell in eine dunkle Ecke des Kaufhauses zurück, dann bewegte er sich schleunigst zur Tür und weg war er. Die ersten wenigen Glückshormone wurden ausgesendet, unter seiner Maskerade des gleichgültig aussehenden Gesichts freute er sich.
Im Anschluss an den ersten Diebstahl ging er weiter Richtung Dresdner Bank. Die Niederlassung in Stuttgart war erst einige Jahre alt und in einem prächtigen Altbau untergebracht. Bei diesen Altbauten findet man immer eine Schwachstelle, überlegte Heinrich und war positiv überrascht, als er das Gebäude sah. Er suchte sich einen versteckten Platz, der dennoch eine gute Sicht auf die Bank bot und fing an zu beobachten.
11:00 Uhr: große, schwarze Limousine fährt vor. Mann mit Anzug und silbernem Koffer verlässt Auto und kehrt 15 Minuten später wieder zurück.
11:30 bis 13:00 Uhr: Kunden kommen und gehen.
13:15 Uhr: einige Bankangestellten gehen in die Mittagspause.
13:45 Uhr: die Angestellten kehren zurück.
14:00 Uhr bis 17:00 Uhr: alles ruhig, wenige Kunden.
17:30 Uhr: Geldtransport hält vor der Bank. Zwei Männer gehen in die Bank und kommen mit Geldkassetten wieder heraus.
Heinrich notierte sich das alles auf seinem vergilbten Block. Zwischendurch machte er kurz eine Pause und ging für wenige Minuten in die Innenstadt. Er lief einfach in eine kleine Bäckerei, nahm sich zwei Brezeln von einem Holzständer und rannte fort. Die Kassiererin versuchte ihn schreiend aufzuhalten, aber da war er schon in einer schmalen Seitengasse verschwunden. Es störte ihn nicht, dass jetzt wohl die Polizei alarmiert werden und eine Beschreibung von ihm herausgegeben würde, denn bei seinem Platz in der Nähe der Bank fühlte er sich sicher genug und am nächsten Tag wollte er ohnehin aus der Stadt verschwinden, natürlich mit reichlich Gepäck in Form von Geldscheinen. Jedenfalls hatte er in Erfahrung bringen können, was er wissen wollte: dass das Geld um 17:30 abgeholt wurde. Bereits am nächsten Tag wollte er um 17:10 Uhr den Überfall starten. Dann war das Geld höchstwahrscheinlich schon verpackungsbereit und die Kassierer müde sowie in dem Glauben bald Feierabend zu haben. Es schien ihm der optimale Zeitpunkt zu sein.
Entspannt machte sich Heinrich auf den Heimweg und mental verteilte er schon sein neues Vermögen. Er malte sich aus, was er sich alles kaufen könnte, dachte an ein neues Auto, an ein kleines Haus und an eine neue Uhr.
Eigentlich dachte Heinrich so ziemlich an alles, außer an sein Versagen. Warum sollte er auch? Wenn er wieder einmal verhaftet werden würde, dann würde sich nicht viel ändern. Er hatte im Moment keine Angst vor dem Gefängnis, sondern er empfand in diesem Punkt eine Gleichgültigkeit. Nur Herrn Fritzsche, dem wollte er lieber nicht mehr begegnen.
Wieder war eine Nacht vorrübergegangen. Heinrich war einige Male aufgewacht, sein Magen hatte geknurrt und seine Kehle war ausgedörrt gewesen. Höchste Zeit also, etwas zu ändern. Er öffnete seine Augen und sah an eine Decke, die wohl ehemals gelb gestrichen war, jetzt aber eher grau-vergilbt wirkte. Er richtete sich auf und seine nackten Füße berührten den kalten Boden. Dasselbe morgendliche Fertigmachen am Spiegel und dann setzte sich Heinrich an den Wohnzimmertisch. Die Nacht war wechselhaft gewesen und er war erst um zehn Uhr aus dem Bett gekommen. Nun war es halb elf, als Heinrich auf die Straße schaute. Er erblickte einen jungen Mann, der spazieren lief. Ein Mann in Uniform kam ihm entgegen. Dieser Mann hatte eine Binde mit dem Hakenkreuzsymbol um den rechten Arm und eine olivgrüne Schirmmütze auf dem Kopf. Heinrich erkannte, wie er etwas zu dem jungen Mann sagte, aber er konnte nicht hören, was es war. Der Angesprochene ging einfach weiter, Blick zum Boden gerichtet. Da zog der Uniformierte einen Knüppel und schrie:
„Stehenbleiben! Du bist doch nicht etwa ein Jud?“ Er spukte diese Worte nahezu aus und obwohl Heinrich weit entfernt war, hörte er sie plötzlich unheimlich deutlich. Der junge Mann erschrak und blieb wie versteinert stehen. Nun näherte sich der Uniformierte, der augenscheinlich Soldat oder Beamter war, und sagte etwas zu dem Mann, was Heinrich wieder nicht verstehen konnte. Er beobachtete aber, dass der Angesprochene immer noch wie versteinert da stand und keine Regung zeigte. Der Beamte (oder Soldat) steckte den Knüppel weg und zog auf einmal dem Mann die Hosen runter. Heinrich erschrak sehr und wusste nicht, wie er diese Szene einordnen sollte. Er sah nun den entblößten Mann, wie er genauestens betrachtet wurde. Dann kam der Knüppel zum Einsatz und ein-, zwei-, drei Mal wurde auf den Mann eingeschlagen, immer und immer wieder. Immer und immer stärker.
Passanten gingen an der Szene vorbei, ohne etwas zu unternehmen oder zu sagen. Manche lachten sogar oder schienen nette Worte für den gewalttätigen Mann übrig zu haben. Dieser steckte irgendwann den Schlagstock weg und fuhr mit seinen Schuhen und den Fäusten fort, den Mann zu traktieren. Nach endlos langsam verstreichenden Minuten hörte er erst auf, als sein Opfer ohnmächtig war. Er spuckte auf den leblosen Körper und setzte danach pfeifend seinen Gang fort. Heinrich überlegte, was der Mann angestellt haben könnte und ob er ihm vielleicht sogar zu Hilfe eilen sollte. Dann zog er es aber lieber vor, einen Blick in ein altes Buch zu werfen, das er noch im Wohnzimmer herumliegen hatte.
Eigentlich war diese Beschäftigung mehr ein Alibi nicht zu helfen. Sonst las Heinrich nie. Letztendlich ließ ihn der Gedanke an das junge Opfer aber nicht los und er eilte nach wenigen Minuten auf die Straße. Noch lag er da, blutverschmiert und verkrümmt. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Heinrich vorsichtig und ein wenig unbeholfen. Der Mann gab nur ein Röcheln von sich.
Heinrich kam in einen Gewissenskonflikt. Einerseits musste er daran denken, dass ihm niemals jemand geholfen hatte, andererseits fühlte er sich dem Mann aus irgendeinem komischen, fremden Gefühl heraus verpflichtet. Nun ja, was hatte er zu verlieren? Er nahm den Mann an den Armen und zog ihn in das Haus. Im Eingangsbereich begegnete ihnen eine alte Frau, die ein Stockwerk über Heinrich wohnte. Sie schaute die Männer herablassend und kritisch an, ging dann aber weiter ohne etwas zu sagen. Auch die Treppe schleppte Heinrich den blutverschmierten Mann hoch, bis er ihn schließlich mit letzter Kraft auf die Couch legte. Es wurde etwas Staub aufgewirbelt und der Mann, der wieder zu Bewusstsein kam, musste husten und rang um Luft. Heinrich brachte ihm ein Glas Wasser.
„Danke“, es folgte eine lange Pause, „ich bin Izac“. Mit seiner Mimik, die keine Emotion verriet, schaute Heinrich ihn an.
„Heinrich“, grunzte er.
„Tausend Dank“, wieder der Hilfsbedürftige.
„Was sollte das dort unten? Hast du einen Streit mit dem Mann gehabt?“, fragte Heinrich unwissend.
„Einen Streit?“ erwiderte der junge Mann ungläubig; „du weißt doch was zur Zeit los ist! Und ja, ich bin Jude, dazu stehe ich!“.
„Ja und?“, grunzte Heinrich wieder.
„Was ja und? Du hast doch die Entwicklung mitbekommen müssen?!“, meinte der Verletzte verblüfft.
„Die letzten Jahre war ich...“ fing Heinrich an, stockte, überlegte, und fuhr fort: „im Ausland.“ Nachdem er einen fragenden Blick zugeworfen bekam schien der junge Mann langsam zu begreifen. Dessen Augen wurden rot und glasig, er fing an zu weinen, und schließlich begann er zu erzählen. Er weinte und schluchzte und musste sich zwischendurch immer wieder die Nase putzen. Doch er hörte nicht auf mit seiner Geschichte. Es schien fast, als hätte er darauf gewartet, mit jemandem seine Sorgen teilen zu können.
Jude sei er. Seit der Machtübernahme der Nazis gehe es ihm viel schlechter. Ein gewisser Göring sei für irgendwelche Nürnberger Gesetze verantwortlich, die Izac irgendetwas verbieten würden. Hitler sei der Chefnazi, alle würden ihn Führer nennen. Die SA und die SS, das seien seine Schlägertrupps. Auch die Polizei würde da mitmachen. Mit Anzeigen hätte man keine Chance und würde sich nur selbst in Gefahr bringen.
