Helena - Norbert Kleinschmidt - E-Book

Helena E-Book

Norbert Kleinschmidt

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Beschreibung

"Der Trojanische Krieg hat nie stattgefunden." Diese Auffassung vertritt Lynna Meeves, eine junge Archäologin, gegenüber Historikern in Berlin. Der türkische Professor Yildiz unterstützt sie darin. Er glaubt, dass die Handlung der Ilias von Homer reine Phantasie ist und kein geschichtliches Zeugnis. Eine Schrifttafel, die er in der Nähe von Troja gefunden hat, beweist, dass Helena in Wirklichkeit eine Königin der Hethiter war. Yildiz lädt Lynna und den Journalisten Balkis Bartosch nach Troja ein. Dort sehen sie die Tafel mit eigenen Augen. Balkis verliebt sich in Lynna, die aber noch in der Beziehung zu ihrer Freundin gebunden ist. Inzwischen arbeiten einflussreiche Altphilologen an einem Plan, der die Veröffentlichung der Schrifttafel verhindern soll. Der Glaube an die Sage von Troja soll keine Kratzer bekommen.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Iris

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Prolog

Neues Museum, Berlin

Restaurant Gilgamesch, Berlin

Institut für Klassische Archäologie, Freie Universität Berlin

Athenaeum Club, London

Distrikt Coffee, Berlin

Archäologisches Museum, Canakkale

Athenaeum Club, London

Archäologisches Museum, Canakkale

Athenaeum Club, London

Archäologisches Museum, Canakkale

Antusa Palace Hotel , Istanbul

Britische Ausgrabungsstelle , Troja

Akropolis von Pergamon, Bergama

Antusa Palace Hotel , Istanbul

Archäologisches Museum, Canakkale

Antusa Palace Hotel , Istanbul

Athenaeum Club, London

Archäologisches Museum, Canakkale

Institut für Klassische Archäologie, Freie Universität Berlin

Archäologisches Museum, Canakkale

Athenaeum Club, London

Angora House Hotel, Ankara

Hattussa, Hauptstadt der Hethiter, Zentralanatolien

Felsengebirge in der Nähe von Hattussa

Bogazkale, Dorf bei Hattussa, Zentralanatolien

Epilog

Nachbemerkung

Impressum

Prolog

Vor der Stadtmauer von Hattussa hockten zwei zehnjährige Kinder im Sand. Sie waren am späten Nachmittag aus dem Gewimmel der Stadt durch das Löwentor hinaus geschlichen, um im Schatten der Mauer das Nussspiel zu spielen. Die Eltern und ihre ganze Familie hatten sich auf der Hauptstraße in eine wichtige Prozession eingereiht. So hatten Karia und ihr Cousin Atris bis zum Abend Zeit, ihre Nüsse aus fünf Schritten Entfernung möglichst genau in ein Loch zu kullern.

„Duya!“, rief Karia in hethitischer Sprache und warf die Arme hoch. Ihr Spielgerät – eine fast perfekt kugelförmige Haselnuss – hatte zu zweiten Mal das Loch getroffen. „Mach mir das nach!“, sagte sie und blickte ihren Cousin herausfordernd an. Auch von seinen Nüssen lagen bereits zwei im Ziel.

„Das ist leicht“, antwortete er geringschätzig. Aus der Hocke wiegte er die Nuss in seiner rechten Hand, schwang den Arm leicht hin und her und holte aus. „Teri!“, rief er, als er das Ergebnis sah. Atris hatte die dritte Nuss im Loch versenkt.

Hattussa war die Hauptstadt der Hethiter. Sie lag auf einem Hochplateau des anatolischen Gebirges und ihre riesigen Mauern, die 50 000 Einwohnern Schutz boten, galten als uneinnehmbar. Seit fast zweihundert Jahren war es keinem Feind gelungen, das Reich der Hethiter zu besiegen. Die klare Überlegenheit ihrer Kriegsführung beruhte zum einen auf dem Einsatz von Kampfwagen, auf denen sich neben dem Wagenlenker ein Bogenschütze befand. Diese Technik hatten sie den Assyrern abgeschaut. Hundert Kampfwagen bedeuteten einen schnell beweglichen Pfeilhagel von hundert Bogenschützen. Zum anderen aber hatten die Hethiter gelernt ein neuartiges Metall zu fertigen. Mit vorher nie erreichten Temperaturen konnten sie in ihren Öfen Eisen aus erzhaltigen Steinen schmelzen. Mit diesem unzerbrechlichen Material fertigten sie Pfeilspitzen und Schwerter, deren Härte die Welt bisher nicht gekannt hatte. Seitdem hatten sie allen Feinden widerstehen können. Sogar der mächtige ägyptische Pharao Ramses II. musste nach der verlorenen Schlacht bei Kadesch in einen Friedensvertrag mit König Hattussili einwilligen. Die Hethiter galten als die erste Macht auf der Welt und nichts konnte ihren Bürgern Angst einflößen.

Heute war ein besonderer Tag. Ganz Hattussa war auf den Beinen, um Inaara zu Grabe zu tragen. Alle reihten sich in den Trauerzug ein, um den Leichnam der alten Regentin, die manche für eine Heilige hielten, zum Scheiterhaufen zu tragen. Inaara war während der gesamten Lebenszeit der meisten Bürger Königin gewesen. Bis vor wenigen Monaten hatte ihr Mann Pasiya an ihrer Seite auf dem Thron gesessen. Dann war er in hohem Alter gestorben und Inaara hatten – allein, wie sie plötzlich war – mit jedem Tag mehr und mehr die Kräfte verlassen. Die Königin hatte noch bis vor wenigen Tagen versucht, alle Menschen in ihrem Palast zu empfangen, die sie je gekannt hatte. Möglichst von jedem wollte sie sich einzeln verabschieden und jeder spürte, dass Inaara nach dem Tod ihres geliebten Mannes Pasiya nicht weiterleben wollte. Gestern war der Tag ihres Schicksals gewesen, wie die Leute schnell von Haus zu Haus weitererzählten. Ihre Zeit war von den Göttern abgeschnitten worden. Nun reihte sich die Stadt in den Trauerzug ein, der durch das Löwentor hinaus über die Ebene zu den Felsen führte. Nach der Feuerbestattung würden die Teilnehmer des Zuges dort ein Totenessen abhalten.

„Teri!“, wiederholte Atris triumphierend. „Drei nacheinander schaffst du nicht.“

„Du weißt genau, dass ich zehn Nüsse in das Loch rollen kann.“ Sie setzte ein verschmitztes Lächeln auf und fügte hinzu: „ … wenn ich es will.“ Dann hob sie plötzlich den Kopf und sah zu den vielen Leuten, die aus dem Stadttor hervorkamen. Vorweg gingen die Träger, die auf einem Holzgerüst mit ausgestreckten Armen einen Leichnam empor hielten. Immer mehr Menschen drängten aus dem Tor, alle in weiße Gewänder gekleidet, manche mit Blumen in der Hand.

„Wer ist das?“, fragte Karia und zeigte auf die Träger.

„Die Königin ist gestern gestorben“, antwortete Atris. „Weißt du das nicht?“ Er runzelte die Stirn und blickte sie strafend an. „Meine Eltern haben es mir gesagt. Die ganze Stadt spricht davon. Sie wird zur Feuerstätte gebracht. Das ist der Grund, warum wir den ganzen Abend Zeit zum Spielen haben.“ Er hob ungeduldig seine Hand. „Und jetzt mach endlich deinen dritten Wurf!“

„Nein“, entgegnete Karia. „Das mit der Königin wusste ich nicht.“ Sie sah dem Trauerzug hinterher. „Sieh mal!“, rief sie. „Da ist dein Papa! Mama ist bestimmt auch nicht weit.“ Sie musterte die Menschen, die mit den weißen Gewändern und ihrem langsamen bedeutungsvollen Schritt sich alle so ähnlich sahen. „Meine Eltern müssen auch irgendwo dazwischen sein.“ Sie erkannte ein paar Gesichter von Nachbarn und Bekannten, aber Papa und Mama sah sie nicht. „Hör mal!“, sagte sie spontan. „Wollen wir nicht mitgehen?“

„Das dürfen wir nicht!“, erwiderte er sofort. „Du weißt doch? Kinder dürfen nicht zur Feuerstätte.“ Atris machte ein ernstes Gesicht. „Erst wenn wir eingeweiht sind. Aber so alt sind wir noch nicht.“

Unschlüssig sah Karia der Prozession nach. Ein alter Mann ging mit schleppenden Schritten hinter dem Zug her. Obwohl die Leute langsam gingen, konnte er nicht mithalten. Als sie genauer hinsah, erkannte sie den alten Korbmacher aus ihrer Nachbarschaft. „Da!“, rief sie und ging ihm ein paar Schritte nach. „Das ist Walmu, unser Nachbar. Fragen wir ihn!“

„Lass es, Karia!“, protestierte er. „Wir dürfen nicht!“

Aber sie hatte den Alten schon eingeholt. „Walmu! Darf ich Sie etwas fragen?“, begann sie.

„Natürlich, Kind.“ Er drehte sich zu ihr herum. „Du bist doch die kleine Kyria, die Tochter meines Nachbarn.“

„Karia“, verbesserte sie. „Karia heiße ich. Sagen Sie: Wer ist der Leichnam, dem alle folgen? Mein Cousin Atris behauptet, es wäre die Königin.“

„Da hat er recht, dein Cousin.“ Walmu fasste sich in den Bart. Auch er war wie alle anderen in weißes Leinen gekleidet. Er atmete erschöpft und war beinahe froh, von den Kindern aufgehalten worden zu sein. „Wir tragen heute unsere Königin Inaara zu Grabe. Alle Menschen in Hatussa sind traurig. Inaara war eine Heilige.“ Der Alte senkte seinen Kopf. „Ich bin einer der wenigen hier, die sie noch als junges Mädchen kannten. Damals bekam sie die Weissagung der Göttin, suchte ihren Mann und fand ihn.“

„Dürfen wir mitkommen?“, fragte Karia und sah ihn bittend an.

„Nein!“, entgegnete Walmu deutlich. „Das wisst ihr doch. Kinder dürfen an der Bestattung nicht teilnehmen. Das darfst du eigentlich gar nicht fragen.“

„Was passiert denn jetzt mit der Königin?“ Sie sah ihn mit wissbegierigen Augen an.

„Hmm“, brummte der Alte unwillig. „Der Leichnam wird verbrannt und dann werden die Gebeine zusammen mit den Geschenken der Trauernden in das Haus der Toten gebracht. Dort wird auch ein Abbild, eine Statue der Königin aufgestellt. Sie soll genauso aussehen wie Inaara zu der Zeit, als sie am schönsten war. Ein ebensolches Abbild von ihrem Mann Pasiya steht hinter seinen Gebeinen neben ihrem Grab. So sind die beiden Liebenden für immer vereint.“

„Die beiden Liebenden?“, fragte Karia und sah ratlos aus.

„Das verstehst du noch nicht“, lächelte Walmu. „Aber du wirst es verstehen. Ich kenne Inaara seit sie ein junges Mädchen war. Ich habe nie ein glücklicheres Gesicht gesehen als ihres, als sie Pasiya heimbrachte. Man weiß nicht mehr, wo sie ihn damals gefunden hatte. Aber die beiden waren ihr Leben lang ein Paar. Sie waren füreinander da, bis die Götter ihre Zeit abgeschnitten hatten. Inaara hatte einen guten Tod.“ Er hätte jetzt gern einen Stock gehabt, um sich aufzustützen wie die anderen alten Männer. So stemmte er die knochigen Fäuste in die Hüften und drehte sich, um dem Trauerzug zu folgen.

„Können wir nicht doch mit?“, bettelte Karia.

„Nein!“, sagte Walmu schroff. „Ihr dürft noch nicht! Aber eines kann ich dir prophezeien, als der alte Mann, der ich bin: Dieses Königspaar wird für immer ein Vorbild sein für unser Volk. Sie haben sich in der Jugend geliebt und sind sich ihr ganzes Leben lang treu geblieben. Selbst der Tod konnte sie nur kurze Zeit trennen.“ Er machte die ersten Schritte hinter dem Trauerzug her.

„Dann schauen wir eben von hier aus dem Feuer zu“, sagte sie trotzig.

„Das kann dir niemand verbieten, kleine Karia.“ Der Alte atmete tief ein und aus, während er voran ging. „Schau dir das Feuer nur an! Aber denke dabei, dass noch in tausend Jahren dieses glückliche Paar die Menschen dazu bewegen wird, Sagen und Legenden über sie zu erzählen.“

Karia sah hinter den müden Schritten von Walmu her. Später beobachtete sie mit Atris aus der Ferne ein hoch aufloderndes Feuer. Sie dachte darüber nach, wie lange tausend Jahre sein würden.

Neues Museum, Berlin

„Wozu jetzt noch zwei Stunden lang über Troja quatschen?“ Professor Evren Yildiz lächelte müde seinem Fahrer zu, als er aus dem schwarzen Mercedes stieg. „Wenn Sie mich nachher abholen, wird es eine Rettungsfahrt sein.“ Er schloss leise die Tür des Wagens, streckte seinen ermatteten Körper und ging auf die Brücke zu, die zur Museumsinsel führte. Die wärmende Sonne an diesem Nachmittag im Mai empfand er als angenehm heimatlich. Yildiz hatte den Tag mit höflichen Gesprächen verbracht, deren Ziel er aber von vornherein nicht erreichen konnte. Er war vom Regierenden Bürgermeister empfangen worden und hatte mit dem Kultursenator von Berlin zu Mittag gegessen. Beiden hatte der Professor ein Schreiben seiner Regierung vorgelegt, in dem diese die Rückgabe des Pergamon-Altars forderte. Allen Beteiligten war klar, dass es sich dabei um ein diplomatisches Ritual handelte. Die Türkei musste formell ihren Besitzanspruch auf die seinerzeit abtransportierten Kulturgüter aufrecht erhalten. Aber das war auch alles, was Professor Yildiz bewirken konnte. Niemals würde die deutsche Seite den Altar in die Türkei zurückbringen. Die Gesprächspartner kannten den Charakter dieser Verhandlung. Daher wurden Schreiben ausgetauscht und Standpunkte vorgetragen. Im übrigen war die Atmosphäre freundlich und das Essen mit dem Kultursenator ausgezeichnet. Yildiz war müde. Als Direktor des Arkeoloji Müzesi von Canakkale – des Archäologischen Museums in der Nähe von Troja – war er für diese Verhandlungen von seinem Kultusministerium beauftragt worden. Er war seit Jahrzehnten ein Archäologe von hohem Ansehen. Dass er fließend deutsch sprach, erschien seiner Regierung als begünstigender Faktor. Nun sollte Professor Yildiz den Tag bei einem Symposion zur aktuellen Troja-Forschung ausklingen lassen. Er war als Ehrengast eingeladen. Die Ausgrabungsstätten von Troja lagen nicht weit entfernt von seinem Museum in der Kleinstadt Canakkale. Er hatte sie in den letzten Jahren beinahe wöchentlich besucht. Vielleicht könnte er etwas Launiges beitragen, kam ihm in den Kopf, eine Anekdote von den Grabungsarbeiten. Aber dieser Gedanke steigerte seine Lust auf die Veranstaltung nicht. Auf der Brücke zur Museumsinsel blickte er zum Pergamon-Museum. Er blieb stehen und zuckte mit den Achseln. Hineingehen wollte er auf keinen Fall. Er kannte jeden Stein und jede Säule, die dort ausgestellt war. Aber es erfasste ihn mit Unverständnis, dass dieser Tempel nie wieder im Freien stehen sollte, an der sonnigen Küste der Türkei – dort, wo er weggenommen worden war.

Lynna Meeves und ihre Freundin Merle Bartholy standen am „Wrapublik“ - einem der angesagtesten Döner-Läden in der Stadt. Auf dem Gehweg, hinter dem einmal der Palast der Republik geglänzt hatte, stand der zur Grillbude umgebaute Wohnwagenanhänger neben ein paar Tischen und Bänken. Das hauchdünn geschnittene Fleisch wurde hier nicht im Brötchen, sondern im Wrap serviert.

„Lecker!“, rief Merle nach dem ersten Biss begeistert.

„Manche Gäste sollen extra wegen dieser Dönerbude aus dem Bus aussteigen, nicht wegen der Museen oder dem Stadtschloss“, entgegnete Lynna.

„Gut, dass wir uns hier noch stärken, bevor wir dahinten hin müssen.“ Sie wies mit dem Wrap in ihrer Hand auf die Museumsinsel. „Da gibt’s bestimmt nur Tee und Kekse.“

„Oder nicht mal das“, lachte Lynna. „Diese Altertumsforscher leben doch nur von ihren Legenden, die müssen nichts essen.“ Sie kaute den nächsten Bissen genüsslich.

„Hallo, Baby!“ Merle zog irritiert die Augenbrauen hoch. „Was redest du da? Wir sind doch nichts anderes als sie – auch Altertumsforscher.“

Lynna hielt den Rest ihres Wraps in der rechten Hand und legte die linke ihrer Freundin auf die Schulter. „Du hast recht, Merle! Wir sind auch nichts anderes. Aber trotzdem geht mir die Aussicht auf den Keks, die nächsten zwei Stunden mit spröden, eingebildeten Altphilologen verbringen zu müssen. Und dann auch noch das Thema: Troja! Da esse ich lieber Döner.“ Sie verschlang den Rest des Wraps.

„Seyfried hat uns eingeladen“, erwiderte sie. „Sei froh!“

„Bin ich auch“, brummte Lynna und fügte ironisch hinzu. „Deswegen betrete ich gleich voller Zuversicht die Insel der intellektuellen alten Säcke.“ Sie überquerte die Straße und ging mit ihrer Freundin auf die Museen zu.

Lynna Meeves und Merle Bartholy, wissenschaftliche Assistentinnen der Freien Universität Berlin, waren von ihrer Professorin Ilonka Seyfried zu diesem Symposion bestellt worden. Lynna war mit 25 Jahren die jüngste Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Archäologie, Merle war seit einem Jahr in der Fakultät der Geschichtswissenschaften tätig. Beide gemeinsam hatten vor kurzer Zeit ihre erste Veröffentlichung vorgelegt, einen Aufsatz in einer historischen Fachzeitschrift. Mit dem Titel „Achilleus oder die Amazonen? Für eine feministische Archäologie!“ hatten sie Aufsehen und Widerspruch erregt. Genau das hatten sie beabsichtigt. Sie gingen von der Theorie aus, dass schon in vorgeschichtlicher Zeit Geschlechterrollen nicht biologisch angelegt waren, sondern erlernt und Teil der sozialen Ordnung wurden. Für diesen Ansatz hatten sie in antiken Mythen zahlreiches Material gefunden, zu dem auch Stoffe aus der Ilias von Homer gehörten. Ilonka Seyfried hatte sich mit Vergnügen ihre Idee angehört und sie während ihrer Arbeit betreut. Nachdem ihr Aufsatz erschienen war, hatten Lynna und Merle eine gewisse Bekanntheit in der Szene der Historiker und Archäologen erreicht. Lynna wurde die „Gender-Archäologin“ genannt. Wegen ihrer Bezüge zur Ilias hatte Professorin Seyfried die beiden Youngster zu dem Troja-Symposion eingeladen. Insgeheim setzte sie Erwartungen auf die provokante Art der jungen Kolleginnen.

Anlässlich der Veranstaltung wurde das Neue Museum schon um fünf Uhr geschlossen. Ein paar letzte Besucher verließen um Viertel vor fünf das Haus. Im Schliemann-Saal der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte befanden sich die wenigen Originale der Ausgrabungen von Heinrich Schliemann aus Troja, sowie Kopien aus dem sogenannten „Schatz des Priamos“. Besonders prächtig stach aus einer Vitrine der goldene Kopfschmuck hervor, den seinerzeit Helena getragen haben sollte. Tische und Stühle wurden auf dem Durchgang des Saales hergerichtet, so als wäre ein Abendessen zwischen den antiken Kostbarkeiten vorgesehen. Tatsächlich wurden aber nur Gläser und Kaffeetassen eingedeckt, dazu kamen gruppierte Wasserflaschen und Thermoskannen. Für gut zwanzig Personen war die Bestuhlung vorbereitet. Draußen wartete ein knappes Dutzend Pressevertreter. Ein Fernsehteam war nicht darunter. Zwei Fahrgäste mit Laptop-Tasche stiegen aus einem Taxi, der eine schlank mit langer Mähne, der andere so dick, dass sich die Anzugjacke über dem Bauch straffte. Professor Yildiz schlenderte auf das Museum zu und begrüßte die beiden herzlich. Ein Bentley fuhr vor. Ihm entstieg würdevoll ein graubärtiger Herr in braun kariertem Tweedanzug. Lynna und Merle, die beide einen grauen Hosenanzug trugen, betrachteten aus der Ferne das anwachsende Gedränge vor dem Eingang des Museums. Ein Radfahrer mit Kinderanhänger fuhr an ihnen vorbei. Von weitem sahen sie ihre Professorin in dunkelgrünem Kostüm und gingen auf sie zu. Ein Journalist interviewte mit dem Mikro in der Hand die Gäste vor der Tür. Weitere Wagen fuhren über die Bodestraße vor. Ihre Insassen strebten zum Museum. Der mit grauem Wollpullover und Cordhose bekleidete Radfahrer nahm seinen Helm ab und begrüßte Frau Seyfried mit ausgebreiteten Armen. Lynna sah Merle erstaunt an. Noch ein paar Schritte und sie standen vor ihrer Chefin.

„Und jetzt, mein lieber Klemens, ...“ Die Professorin drehte sich um. „ … freue ich mich sehr, dir meine jungen Kolleginnen vorstellen zu können: Frau Meeves und Frau Bartholy.“ Sie wies mit der Hand auf ihn. „Das ist Professor Kramin. Er leitet die heutige Veranstaltung.“

Mit einer geschmeidigen Bewegung wandte er sich um und reichte ihnen die Hand. „Freut mich, meine Damen! Schön, dass Sie hier sein können!“ Dann reckte er sich. „Ich habe natürlich Ihren Aufsatz zur Kenntnis genommen. Sehr vielversprechend! Provokante Thesen, die Sie da aufstellen. Achilleus und die Amazonen – köstlich!“ Kramin schmunzelte.

„Oder“, warf Merle ein. Nur ein rosa Seidenschal unterschied sie von Lynna, die zum grauen Zweiteiler ein bordeauxfarbenes Tuch trug.

„Bitte?“, fragte der Professor. Frau Seyfried runzelte fragend die Stirn. „Oder? Ich verstehe nicht.“

„Der Titel lautet 'Achilleus oder die Amazonen?'“, setzte Lynna nach. „Und geht gar nicht! Dieser große Held hätte mit den Amazonen nichts anfangen können, jedenfalls nicht nach der Intention unserer Arbeit. Bei uns muss man schon auswählen: Held oder Frau.“

Klemens Kramin war irritiert. Er blickte ratsuchend zu Ilonka Seyfried. Das süffisante Lächeln auf ihrem Gesicht brachte ihm die Sicherheit zurück. Von seiner alten Kollegin wusste er, was er an feministischen Phrasen zu erwarten hatte. Bei diesen gut aussehenden jungen Dingern war er nicht so sicher. „Großartig!“, ummäntelte er sein flaues Gefühl in ein Lob. „Sie kämpfen für Ihre Thesen auch im Smalltalk. Das gefällt mir! Die Wissenschaft braucht mit jeder Forschergeneration neue Impulse, auch wenn sie unbequem sind.“ Er lächelte selbstzufrieden.

„Was finden Sie an der Gleichstellung der Frau unbequem?“, fragte Lynna.

Kramin räusperte sich. „Nichts natürlich.“ Er hielt die Hand vor den Mund. „Es war nur ...“, stockte er. Dann gewann er wieder die Oberhand. „Viel Vergnügen beim Troja-Symposion, Kolleginnen! Unsere Helden Achilleus und Odysseus werden ein Thema sein. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte! Es geht bald los.“ Federnd ging er auf den Eingang zu. Ilonka Seyfried grinste zufrieden.

Im Schliemann-Saal orientierten sich die Teilnehmer nach den Tischkärtchen. Ein paar Minuten brauchten sie, um ihren Platz zu finden. Es war die Zeit, sich durch Scherzen oder verbindliches Zunicken miteinander bekannt zu machen. Lynna tat nichts dergleichen. Sie stand staunend vor der Vitrine mit dem Kopfschmuck der Helena.

„Ich habe das noch nie gesehen“, sagte sie zu Merle, die neben ihr stand. „Wozu auch? Das Zeug ist ja sowieso nicht echt. Aber toll ist es schon! Ich stehe vor Helenas Schmuck.“

„Du weißt, dass der echte Kram in Moskau steht – Beutekunst. Und dir ist klar, dass dieser Krempel, wenn er echt wäre, niemals in die Zeit von Helena passt?“ Merle verzog ihr Gesicht.

„Weiß ich alles, meine Liebe“, entgegnete sie. „Der Schmuck in Moskau ist hundert Jahre älter als der Trojanische Krieg. Aber es ist trotzdem geil, vor den Klunkern der schönsten Frau der Welt zu stehen.“ Lynna grinste verschwörerisch und träumte sich in die Vitrine hinein.

Die Veranstaltung sollte beginnen, das Scharren von Stuhlbeinen und das Klappern von Kaffeetassen war zu hören. Lynna und Merle nahmen ihre Plätze ein.

Professor Klemens Kramin hieß die Gäste willkommen und begrüßte insbesondere den britischen Teilnehmer Sir Gordon Byron, Professor Yildiz aus der Türkei und Dr. Michaelis, den Dicken aus dem Taxi. Kramin begann sein Referat mit einer Präsentation, die antike Vasengemälde zeigte – Szenen aus dem Trojanischen Krieg. Darauf stellte er an einer Karte des antiken Griechenland dar, wie viele Stadtstaaten an dem Konfikt beteiligt waren. „Ganz Griechenland war involviert“, betonte er. Er berücksichtigte die neusten Forschungen zu den seinerzeit in Kleinasien angesiedelten Völkern und vergaß nicht, die weiteren Namen von Troja zu nennen. „Ob wir Ilios, Troja oder Wilusa sagen, ist letztlich nur eine Frage der Mundart“, sagte er. „In diesem Punkt ist es erlaubt, flexibel zu sein.“ Er unterbrach sich mit einem einstudierten Schmunzeln. Merle sah Lynna fragend an. Dann erwähnte Kramin die strategisch bedeutende Lage von Troja für die Durchfahrt durch die Dardanellen. „Der Trojanische Krieg war ein Wirtschaftskrieg“, fügte er hinzu. „Es war, wenn Sie so wollen, der Nullte Weltkrieg. Nach seinem Ende wurde der Fokus der Geschichtsschreibung nach Westen verschoben, nach Europa. Die Eroberung von Troja markiert den Beginn der machtpolitischen Bedeutsamkeit europäischer Völker.“ Kramin schloss die Augen und neigte kurz seinen Kopf. Der Vortrag war beendet. Anerkennend klopften die Zuhörer auf den Tisch und Kramin nickte zum Dank.

Die Aussprache begann und einige Hände schnellten zur Wortmeldung nach oben. Ein Historiker wollte wissen, welchem Volk die Trojaner zugeordnet werden müssten, ein anderer fragte nach der tatsächlichen Größe der griechischen Flotte. Der schlanke Langhaarige aus dem Taxi gab zu Bedenken, dass eine Streitmacht aus tausend Schiffen für eine Belagerung von zehn Jahren sich ja irgendwie hätte ernähren müssen. „Ernähren und neun Winter überstehen“, fügte Dr. Michaelis hinzu. „Die müssten ja neben Troja eine zweite Stadt für 50 000 Menschen gebaut haben.“ Kramin wusste zu berichten, dass neue Ausgrabungen die Existenz eines hölzernen Dorfes in der Nähe von Troja beweisen würden. „Dort könnte ein Teil der Besatzungstruppen jahrelang gelebt haben.“ Er blickte zu Professor Yildiz. Doch der nickte nur lächelnd. Offenbar wollte er sich nicht einmischen.

Schließlich meldete sich Sir Byron zu Wort. Er erhob sich für seinen Beitrag vom Stuhl. „Meine Herren! Halten Sie sich doch nicht mit Kleinigkeiten auf!“, begann er in fließendem Deutsch mit einem leichten britischen Akzent. „Wo die Griechen damals gegessen und geschlafen haben, wird die Archäologie sicherlich in den kommenden Jahren herausfinden. Vorerst nehmen wir doch bitte mit Respekt die Beschreibung zur Kenntnis, die wir bei Homer finden. Dort wird das Lager der Griechen sehr genau beschrieben. Agamemnon, Menelaos und die anderen Helden der Griechen haben in Holzhäusern gewohnt.“ Er nahm ein Exemplar der Ilias aus seiner Tweedjacke. „Wenn Sie einen Moment Geduld haben, kann ich Ihnen die Textstelle vorlesen.“

Lynna hatte keine Geduld mehr. Schon den Vortrag des Professors fand sie unsäglich konservativ. Sie wusste, dass Wilusa das hethitische Wort für Troja war. Das war alles andere als ein Dialekt. Hier irrte Kramin. Aber für die Krönung seines altväterlichen Referats hielt sie die Redefigur vom 'Nullten Weltkrieg'. In ihrer Phantasie fuhren Panzer vor Troja auf und Flugzeuge der Griechen flogen Angriffe auf die unzerstörbaren Mauern. „Alles Quatsch!“, dachte sie. „Die reden nur das übliche altphilologische Zeug.“ Ihr war klar, dass sie die jüngste in der Runde war und dass sie von ihrer Professorin nur eingeladen worden war, um einmal akademische Luft zu schnuppern. Sie ahnte auch, dass ein frecher Auftritt vor dieser universitären Elite Nachteile bringen konnte. Mit ihrer Assistentenstelle bei Seyfried und durch die Veröffentlichung zusammen mit Merle hatte sie den Beginn einer Karriere an der Uni gerade erst angestoßen. Sie drehte sich kopfschüttelnd zu ihrer Freundin hin und runzelte die Stirn. Merle nickte ihr zu und hob für die anderen unmerklich den Daumen hoch. Lynna holte tief Luft und stand von ihrem Platz auf.

„Sind Sie nicht mit mir der Auffassung ...“, ergriff sie das Wort und nahm am Rande wahr, dass alle anderen verstummten, auch Sir Byron mit der Ilias in der Hand. „ …, dass es niemals einen Trojanischen Krieg gegeben hat?“ Sie holte kurz Luft und sah in die Runde. „Ich meine, es handelt sich um eine Sage, keine Historie. Sie wurde aufgeschrieben von einem Dichter vierhundert Jahre nach dem angeblichen Krieg. Und auch über diesen Homer wissen wir nichts, außer dass er blind gewesen ist. Wer er war oder ob es mehrere Sänger seiner Art gab, ist unbekannt.“ Die Gäste murmelten verstört, aber Lynna fuhr fort. „Wie können wir denn die Lyrik eines Blinden, der vielleicht nie gelebt hat, zur Basis unserer historischen Forschung machen? Was wir genau wissen ist jedenfalls, dass die griechischen Stadtstaaten um 1200 v. Chr. niemals eine Flotte von tausend Schiffen hätten aufstellen können.“ Sie senkte ihre Stimme und setzte sich.

Ein erstauntes Reden ging durch den Saal. Fast jeder fühlte sich aufgefordert, den Beitrag der jungen Kollegin zu kommentieren. Mancher schüttelte den Kopf oder machte eine abfällige Bewegung mit der Hand. Merle lächelte Lynna zu und hob wieder den Daumen. „Gut!“, sagte sie kurz. Das Gemurmel unter den Gästen ebbte ab. Einige Blicke richteten sich auf Professor Kramin, so als müsste er wieder Ordnung in das Gespräch bringen. Die Augen von Ilonka Seyfried wirkten belustigt. Fast nicht zu sehen grinste sie für ein paar Sekunden ihre Assistentin an. Lynna nahm den Blick wahr und sah gleichzeitig, dass noch ein anderer ihr freundlich zunickte: Professor Yildiz schien ihr vorwitziges Auftreten gefallen zu haben.

Klemens Kramin war zu Beginn ihres Vortrags überrascht gewesen. Immerhin hatte die junge Frau ihn direkt angesprochen, mit einer provokanten Frage. Danach war sein Gesicht spitz geworden. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er sich mit Daumen und Zeigefinger fahrig am Kinn gerieben hatte. Mittlerweile hatte er die Souveränität zurück gewonnen. Er saß entspannt auf seinem Platz und lächelte bis sich das Raunen gelegt hatte. „Was war es dann?“, fragte er Lynna, nachdem es im Saal ruhig geworden war. Prüfend fixierten seine grauen Augen die junge Frau.

„Was war was?“, entgegnete sie überrascht. Sie hatte den Sinn der Frage nicht verstanden.

„Der Trojanische Krieg“, lächelte Kramin. „Sie haben behauptet, dass er nie stattgefunden hat. Meine Antwort darauf ist: Das kann nicht sein.“ Er hob seinen Arm und bewegte ihn im Halbkreis über die Anwesenden. „Wir alle wissen, dass es eine Sage ist. Aber jede Sage hat einen wahren Kern, ein historisches Geschehen. Wenn Sie glauben, dass es nichts gegeben hat, was war es dann, das Homer in seiner Ilias verarbeitet hat?“ Kramin hatte die Frage einfach herumgedreht und an sie zurückgegeben. Die Zuhörer warteten gespannt, einige mit hochgezogenen Brauen.

„Eine jahrzehntelange Auseinandersetzung des mykenischen Kulturkreises mit den Völkern Kleinasiens, wahrscheinlich mit den Hethitern, vielleicht auch mit den Luwiern, über die wir noch nicht viel wissen. Es war, wie Sie ganz richtig gesagt haben, ein Wirtschaftskrieg. Niemals hat es sich um die zehnjährige Belagerung einer einzigen Stadt gehandelt. Und schon gar nicht um den Raub der schönen Helena.“ Lynna befand sich jetzt auf ihrem Terrain. „Frauenraub passt damals und heute wohl zu mancher Männerphantasie, war aber nicht der Anlass für einen Krieg.“ Sie lächelte herablassend in die Runde und sah in manches überraschte Gesicht. „Der Raub der Helena war nur eine literarische Wendung von Homer, wenn wir annehmen, dass er wirklich gelebt hat. Wilusa – das war der hethitische Name für Troja – ist niemals von Odysseus oder Achilleus oder Agamemnon angegriffen wurde. Das sind alles nur Namen der Literatur und nicht der Geschichte.“

Sir Gordon Byron erhob sich mit ernster Gebärde von seinem Platz. Er nutzte eine Atempause von Lynna, um ihr ins Wort zu fallen. „Gentlemen! Ich glaube, wir haben genug gehört! Diese junge Dame will einen Krawall inszenieren, wie mir scheint. Kein Krieg, kein Achilleus, ja nicht mal ein Troja! Ich möchte diesem wenig akademischen Gerede nicht weiter zuhören. Dafür haben nicht Generationen von Wissenschaftlern geforscht, dass Sie hier schlicht behaupten: Es gab nichts.“ Byron funkelte sie zornig an und fügte hinzu: „Lesen Sie noch ein paar Bücher mehr, zum Beispiel dieses!“ Er hielt seine Ilias hoch und nahm Platz. Einige Zuhörer nickten beifällig.

„Sie haben mich unterbrochen“, gab Lynna kühl zurück. „Offenbar habe ich mit meinem kritischen Ansatz ein von Ihnen geliebtes Bild beschädigt, das Bild der Helden vor Troja ...“

„Heinrich Schliemann ...“, unterbrach Byron erregt und zeigte auf die Vitrinen. „ … hat es doch bewiesen. Nur mit diesem Buch in der Hand hat er Troja ausgegraben. Wir dürfen heute zwischen seinen Schätzen sitzen.“ Er hielt seine Hand auf dem Buch von Homer.

„Schliemann war kein Archäologe, soviel ich weiß“, entgegnete sie. „Er war Kaufmann und ein geschickter Börsenspekulant. Steinreich, wie er war, konnte er sich dieses Hobby leisten. Aber er war auch ein ziemlicher Scharlatan. Diesen Schmuck ...“, wies sie auf die Vitrine „ … hat er dem Osmanischen Reich schlicht und einfach geklaut. Sonst wären die Stücke da, wo sie hingehören – im Museum von Troja.“

„Jetzt ist es aber wirklich genug!“ Sir Byron schlug mit der Hand auf sein Buch. „Scharlatanerie ist das, was Sie in diese Sitzung einbringen. Sie negieren ohne jeden Respekt die Forschung von über hundert Jahren. Es ist fast schon frevelhaft!“ Byron war außer sich vor Zorn.

„Sie wissen, dass das Wort Frevel eine religiöse Dimension hat?“, fragte Lynna herausfordernd. „Ich hatte nicht gedacht, dass der Trojanische Krieg ...“

„An dieser Stelle – entschuldigen Sie, Frau Meeves – sollte ich mich als Diskussionsleiter vielleicht einschalten“, unterbrach Professor Kramin. „Ich wünsche mir nicht, dass wir im Spannungsfeld zwischen Dichtung und Wahrheit entgleisen.“ Er machte eine Pause und blickte die Kontrahenten mit ernster Miene an. „Wir sind ja alle an derselben Sache interessiert: das historische Geschehen aus dem Mythos herauszuschälen. Jeder von uns wünschte sich, damals als Zuschauer dabei gewesen zu sein – wäre es auch nur für ein paar Minuten – und zu sehen, wie die Geschichte wirklich verlaufen ist.“ Während er für einen Moment schwieg, nickten einige der Gäste. Kramin sah zur Uhr und schüttelte den Kopf. „Immer wieder erstaunlich, wie man die Zeit vergessen kann. Ich sehe gerade, dass längst eine kleine Stärkung vorgesehen war.“ Er stand von seinem Platz auf und machte jemandem von der Bedienung ein Handzeichen. „In kurzer Zeit wird dahinten ein kleines Buffet für Sie aufgebaut sein. Ich unterbreche für eine Viertelstunde und wünsche guten Appetit!“

„Aber, hören Sie!“, protestierte Byron. „So geht das nicht! Ich habe der jungen Dame noch einiges zu sagen.“ Er stand auf. Die meisten anderen Zuhörer konzentrierten sich auf das Personal, das die Buffetwagen hereinrollte.

„Ich komme zu Ihnen, Sir Byron“, versicherte Professor Kramin. „Behalten Sie nur Platz!“

Lynna erhob sich unschlüssig von ihrem Stuhl. Merle war sofort bei ihr. „Bravo, Lynna!“ Sie umarmte die Freundin. „Du hast es dem Alten gezeigt.“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Sie löste sich aus der Umarmung. „Ich will nochmal mit ihm sprechen.“

Als sie um den Tischkreis herumging, stand Professorin Seyfried ihr im Weg und reichte ihr die Hand. „Genauso hatte ich mir meine Assistentin vorgestellt, Frau Meeves: kompetent, sprachlich gewandt und unbeirrbar. Gratuliere! Das waren couragierte Beiträge von Ihnen! Sie wissen aber auch, dass Sie jetzt einen Gegner mehr auf der Welt haben?“

„Nein“, Lynna hob die Lider ihrer graublauen Augen. „Weiß ich nicht“ „Ich hätte es Ihnen vielleicht vorher sagen sollen.“ Seyfried hakte sie am Arm unter. „Sir Byron ist einer der einflussreichsten Altertumsforscher der Welt und er ist so vermögend, dass die „Archaeology Unit“ der Universität Cambridge fast ihm allein gehört. Auch für das Institut von Klemens … also Professor Kramin tritt er als Mäzen auf.“ Sie schwieg kurz. „Sie haben sich da mit einem echten Promi der Szene angelegt.“

„Er hat keine Ahnung … ein sturer Altphilologe, der an seiner Ilias klebt“, entgegnete sie.

„Da ist noch etwas.“ Die Professorin zog sie zur Seite. „Sir Gordon Byron ist ein Nachfahr von Lord George Byron, dem britischen Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit der Griechen von den Türken im 19. Jahrhundert. In diesem Krieg hat er sein Leben gelassen.“

Lynna sah sie überrascht an. „Lord Byron, der Dichter? Sind Sie sicher?“

„Ja“, antwortete sie. „Aber fragen Sie mich nicht, ob unser Byron hier in gerader Linie von ihm abstammt. Das weiß ich nicht. Er legt jedenfalls sehr viel Wert auf seinen legendären Vorfahren, hat sogar schon was darüber veröffentlicht.“ Sie blickte ihr in die Augen. „Verstehen Sie, Frau Meeves! Dieser Mensch hat durch seine Herkunft ein völlig idealisiertes Bild vom antiken Griechenland.“

„Das habe ich gemerkt.“ Sie entfernte sich einen Schritt von ihrer Professorin. „Darüber muss ich noch einmal mit ihm sprechen.“ Die junge Frau ging auf Sir Byron zu.

„Oh nein, nein!“, wehrte Kramin ab und hob die rechte Hand, als er Lynna kommen sah. „Das halte ich für keine gute Idee!“ Er stellte sich so vor den Adligen, dass er ihn beinahe verdeckte.

„Entschuldigen Sie bitte Sir, wenn ich Sie verstört habe!“, sprach sie ihn vorbei am Professor an. „Ich wollte eine historisch-kritische Sicht auf den Trojanischen Krieg werfen entgegen dem literarischen Zeugnis der Ilias von Homer. Diese ist ja Fiktion wie jede Literatur.“

Byron starrte sie an. „Fiktion sagen Sie? Das wird ja immer schlimmer!“ Er drängte Kramin zur Seite. „Lassen Sie mich!“, forderte er und ging auf sie zu. „Ich habe in meinem Leben schon viel Unsinn gehört, besonders von sogenannten kritischen Historikern. Diese Sorte Wissenschaftler leugnet alles und zersetzt alles. Aber Sie setzen dem noch die Krone auf.“ Er wurde lauter. „Fiktion soll wohl Einbildung heißen. Troja soll ein Trugbild sein? Sie zerstören alles!“

„Nein“, entgegnete sie. „Schade, dass Sie es so sehen. Aber Sie liegen falsch.“ Lynna wandte sich von dem zornigen Nachfahren des Freiheitskämpfers ab. „Ich habe es im Guten versucht.“

„Was soll das heißen, Mädchen?“ Byron schäumte. „Eine einzige Veröffentlichung von Ihnen in dieser Sache und ich werde Sie jagen! Unterschätzen Sie mich nicht! Ich habe die Macht, Sie unmöglich zu machen in der Welt der Wissenschaft.“

Lynna verließ den Saal. Sie nickte Ilonka Seyfried zu und machte Merle ein Zeichen zum Gehen. Dem zweiten Teil der Veranstaltung beizuwohnen, machte für sie keinen Sinn mehr. Nicht nur für den beleidigten britischen Aristokraten war ihr Denken völlig unverständlich. Auch Klemens Kramin hatte sich ablehnend gegenüber ihrer Theorie geäußert. Die meisten anderen am Tisch mochten wohl ebenso denken – alles verbohrte Altphilologen. Sie strebte zügig dem Ausgang zu.

Vor der Tür des Museums wartete die kleine Schar der Journalisten. Ralph Herforth wurde es langweilig. Nach seiner Einschätzung würde es noch eine Stunde dauern, bis die internationale Runde der Historiker und Archäologen ihre Sitzung beendet hätten. Herforth war seit vielen Jahren Kulturredakteur der Berliner Zeitung. Er schlenderte über die Bodestraße hin zum Lustgarten und streifte mit einem Rundblick das Alte Museum und den Dom. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, die von einem grauen Schnauzbart umrahmt wurden. „Beeindruckendes Ensemble“, dachte er während er den entspannenden ersten Zug inhalierte. „Eine Insel für die Gruften des Wissens“ – So hatte er mal eine Story über die Gebäude auf der Museumsinsel betitelt.

Herforth kannte alle Museen hier mitsamt ihrem Inhalt so gut wie sein Gewürzregal zu Hause in der Küche. Er blies den Rauch in die milde Frühlingsluft. „Angenehm warm“, fiel ihm ein. „So ist die blöde Warterei ganz gut auszuhalten.“ Er hörte Schritte und drehte seinen Kopf nach links – einer der Kollegen, die mit ihm vor dem Museum gewartet hatten. Er kannte ihn nicht.

„Hallo!“, grüßte der Ankömmling und streckte seine Hand aus. „Sie müssen der Herforth sein. Bartosch, mein Name. Balkis Bartosch von WOCHE ONLINE.“

„Der Herforth?“, brummte der Angesprochene. „Das klingt ja wie eine Automarke. Oder Sie halten mich bereits für eine Institution?“ Er lachte. „Na, wenn das so ist, dann ist Ihre Anrede ja fast ein Adelstitel.“ Er schlug in die Hand ein.

„So war es gemeint“, erwiderte Bartosch. „Sie sind eine Institution. Darf ich mich zu Ihrer Zigarettenpause gesellen?“ Er holte ein Päckchen aus der Tasche.

„Bitte!“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Noch ist die Berliner Luft für Raucher frei. Aber, Entschuldigung!“ Er räusperte sich. „Wie war noch Ihr Name? Bartok? Das klingt ungarisch oder tschechisch.“

„Balkis Bartosch“, wiederholte er. „Sie haben ganz recht. Meine Eltern stammen aus der damaligen CSSR, der Tschechoslowakei. Sie sind nach Deutschland gegangen, als ich noch ein Kind war. Eigentlich waren sie Sudetendeutsche. Das haben sie mir erst vor ein paar Jahren gesagt. Nur wegen meines auffälligen Namens muss ich diese Geschichte immer wieder erzählen.“

„Ich wollte nicht in Sie dringen.“ Herforth schmunzelte und zog an seiner Zigarette, während Bartosch sein Feuerzeug suchte. „Hier, Balkis!“, hielt ihm Herforth sein Feuer hin. „Ich bin Ralph. Sagen wir du! Wir sind doch Kollegen.“

„Danke!“ Er atmete den ersten Zug ein und musste husten. „Kannst du mir sagen, was sich dahinten so Wichtiges abspielt?“ Er zeigte auf das Neue Museum. „Ich bin von der Redaktion hier hergeschickt worden, um Neues über die Troja-Forschung herauszukriegen. Scheint wichtig zu sein.“ Er sah ratlos aus.

„Haha!“, lachte Herforth und warf die Zigarette in hohem Bogen weg. „Du bist bei WOCHE ONLINE. Du musst es doch selbst wissen! Was fragst du mich?“

„Ich weiß eine Menge über Troja“, gab Bartosch zurück und blickte ihn fragend an. „Aber ich weiß nicht viel über die Berliner Kulturszene. Wozu gibt es dieses Troja-Symposion und wer nimmt daran teil? Ich habe keine Ahnung, was hier überhaupt läuft.“

„Soso“, grummelte Ralph. „Die große 'WOCHE' mit ihrem Internet-Ableger hat keine Ahnung und der kleine Kulturreporter der BZ soll es ihr erklären.“ Er grinste mit seinen listigen Augen. „Da kann ich ja mal so richtig zufrieden mit meinem Job sein. Ich weiß nämlich wirklich, was sich dahinten im Museum abspielt. Vielleicht bin ich der Einzige:“

„Und?“, fragte Balkis. Er war gespannt auf die Antwort. Mit Ende zwanzig war er vor ein paar Monaten in die Kulturredaktion von WOCHE ONLINE gekommen. Seitdem hatte er vor allem Rezensionen über neue Bücher oder Filme für das Portal verfasst und sich via Facebook und Twitter mit den Lesern darüber ausgetauscht. Den Job heute verdankte er seiner genauen Kenntnis der griechischen Antike. Er stand bei der Redaktion in dem Ruf, ein Kenner des Trojanischen Krieges zu sein. Deshalb hatte man ihn hierher geschickt.

„In diesem Moment ...“ Ralph zeigte mit der einen Hand auf das Museum und fingerte mit der anderen eine weitere Zigarette aus der Schachtel. „In diesem Moment sitzen alle bedeutenden Troja-Forscher aus Europa im Schliemann-Saal. Wir haben Professor Karamanlikos aus Athen, Professor Yildiz aus der Türkei, Dr. Michaelis von der Uni Heidelberg, unsere Ilonka Seyfried aus Berlin, den alten Tourain aus Paris und selbstverständlich Sir Gordon Byron, den altphilologischen Papst der Runde. Klemens Kramin hat die schwierige Aufgabe diese Flöhe zu hüten.“

„Kennst du die alle?“, fragte Balkis Bartosch ungläubig.

„Natürlich nicht. Nur Seyfried und Kramin habe ich mal interviewt. Die anderen kenne ich nur aus Zeitungsartikeln.“ Er stieß den Qualm seiner Zigarette durch die Zähne aus. „Aber die, die da drin sitzen, verstehen wirklich was vom guten alten Troja. Sie sind die besten Kenner.“

„Außer mir“, wandte Balkis ein. „Troja ist eine Art Hobby von mir. Seitdem ich ein Kind war, habe ich alles darüber verschlungen, was ich lesen konnte. Später bin ich selbst dorthin gereist, also zum Hügel von Hisarlik, fünf Autostunden von Istanbul. Eine archäologische Fahrt habe ich auch einmal mitgemacht. Wir Touristen durften selbst etwas ausgraben.“

„Hast du etwas gefunden?“, wollte Ralph Herforth wissen.

„Gefunden und in die Tasche gesteckt“, nickte Balkis lächelnd. „Den Henkel einer kleinen Amphore habe ich geklaut und noch ein paar Scherben“ Er grinste. „Wie Schliemann damals. Aber wenn du mich fragst, sind das alles fromme Legenden. Ehrlich gesagt glaube ich, dass der ganze Trojanische Krieg überschätzt wird. Ich habe da ein Buch, in dem der Autor behauptet, ...“

„Wir müssen zurück“, unterbrach Ralph. „Irgendwas tut sich da am Eingang.“

Lynna und Merle kamen mehrere Journalisten entgegen, als sie durch die Tür nach draußen gingen. „Was gibt’s Neues von Troja?“, fragte jemand und ein anderer stand ihr im Weg. „Frau Meeves, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“, sprach er sie an. Lynna bemerkte, dass neben ihr Professor Yildiz bereits ein Interview gab. Sie fragte sich, wie der alte Herr so schnell an ihr vorbei aus dem Museum gekommen war.

„Gern“, antwortete sie. „Wenn Sie mir verraten, woher Sie meinen

Namen kennen.“

„Von der Homepage Ihrer Uni. Dort findet sich ein Foto von Ihnen. Sie sind die neue Assistentin von Professorin Seyfried. Frau Bartholy ist Historikerin. Sie haben zusammen einen Aufsatz veröffentlicht – feministische Archäologie.“ Der Reporter grinste selbstzufrieden. „Mein Name ist Berlach. Wir recherchieren gründlich, bevor wir uns auf die Reise machen.“

Lynna war überrascht. Sie hatte es noch nie so gesehen, dass sie mit dem Beginn des Jobs bei der Uni eine quasi öffentliche Person geworden war. „Was ist Ihre Frage?“

„Haben Sie mit den alten Herren da drinnen etwas Neues besprochen, oder ist dieses Symposion wieder nur ein Treffen von verknöcherten Altphilologen?“

„Verknöchert haben sie schön gesagt“, lachte sie ärgerlich. „Das sind sie tatsächlich.“ Lynna hob ihren Blick und sah zwei Personen, die angerannt kamen. „Warten Sie!“, unterbrach sie sich.. „Da sind – glaube ich – noch Leute, die zuhören wollen. Sonst muss ich alles zweimal sagen.“

„Oh, nein!“, stöhnte Berlach. „Das ist Herforth, der alte Fuchs. Der nimmt mir wieder das ganze Interview weg.“ Aber es war zu spät. Herforth stand mit Bartosch im Gefolge schon vor ihnen.

„Welche Neuigkeiten können Sie uns über Troja erzählen, Frau Meeves?“, fragte er etwas außer Atem und hielt ihr ein Mikro hin.

Lynna sah sich ihren neuen Gesprächspartner an. Er war alt. Ein grauer Walrossbart umrahmte seinen Mund. Der Kopf war bedeckt von einer Wollmütze, unter der der Haarkranz mit ein paar Strähnen hervorragte. Die braune abgeschabte Lederjacke schien der Mann schon seit seiner Zeit als junger Kulturreporter zu tragen. Aber die hellwachen blauen Augen verrieten Jugendlichkeit. Mit forschendem, listigen Blick sah er sie an. Da er sie ebenfalls mit ihrem Namen angesprochen hatte, vermutete sie, dass er mindestens so gut vorbereitet war wie sein Kollege.

Sein Begleiter erregte ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Art. Dieser junge Mann sah nicht wie ein Journalist aus. Seine dunklen Augen hatten nicht den wissenden Blick nach der Lektüre von tausend Seiten Papier. Sie blickten interessiert und fordernd als wollten sie Fragen an das Leben stellen. Dichte schwarze Haare umgaben das zurückhaltend lächelnde Gesicht des Mannes. Lynna erwiderte sein Lächeln. Sie blickte den Fremden interessiert an, während sie über die Frage des Alten nachdachte. „Neues über Troja?“, fragte sie zurück und ließ ihre Augen weiterhin nicht von dem jungen Mann. „Das gibt es bei denen da drin nicht. Was Neues möchten diese Herren nicht hören.“ Sie holte kurz Luft und überlegte, was sie dem Reporter vom Inhalt der Besprechung berichten wollte.

„Können Sie uns das genauer erklären?“ Herforth hielt sich das Mikro selbst vor den Mund und runzelte fragend die Stirn. „Welche Herren möchten was nicht hören?“

„Diese Altsprachler haben ein lieb gewonnenes Bild von Troja. Wenn jemand daran kratzt, kriegen sie schlechte Laune und grenzen einen arrogant aus.“

„Woran haben Sie denn gekratzt?“, fragte er mit dem sicheren Instinkt eines Journalisten, der etwas Interessantes aus seinem Gesprächspartner herausholen wollte.

Lynna warf ihre langen blonden Haare zurück und hob ruckartig den Kopf. „Den Trojanischen Krieg hat es nie gegeben“, sagte sie laut vernehmlich. „Das habe ich ihnen gesagt.“

Ein Raunen war unter den Reportern zu hören. Sie hatten inzwischen einen Kreis um die junge Archäologin gebildet. Berlach witterte die zweite Chance, eine Frage vor seinem Kollegen Herforth stellen zu können. „Wie meinen Sie das, Frau Meeves? Kein Krieg um Troja?“, fragte er sie.

Balkis Bartosch war mit Ralph Herforth mitgegangen, um die ersten Teilnehmer nicht zu verpassen, die das Museum verließen. Er hatte einen ehrwürdigen weißhaarigen Herrn im Anzug gesehen, der bereits interviewt wurde. Danach waren zügig zwei Frauen aus der Tür gekommen, beide in grauem Hosenanzug, die eine schwarzhaarig mit Pagenschnitt, die andere blond. Ralphs Frage an die Blonde hatte er kaum gehört. Zu sehr hatte er noch auf den Herrn mit dem weißen Haar und dem weißen Schnäuzer geachtet. Aber ihre Augen hatte er gesehen. Sie hatte ihn kurz angelächelt. Ausdrucksstarke graublaue Augen hatten ihm ein Lächeln geschenkt und er hatte zurück gelächelt. Die Lebhaftigkeit dieser Augen war ihm zuerst aufgefallen. Er hatte sich eingebildet, dass sie während des Gesprächs mit Herforth immer wieder seinen Blick suchten. Balkis hatte das Stichwort 'Troja' gehört und beschloss, sich in den Vordergrund zu drängen. „Troja wird überschätzt“, unterbrach er seinen Kollegen und fügte hinzu: „Das sind alles nur alte Legenden.“ Er lächelte.

Lynna war überrascht und dankbar zugleich, von dem Schwarzhaarigen angesprochen zu werden. Nun hatte sie einen Grund, den Mann so deutlich anzusehen, wie sie es schon seit ein paar Minuten gewollt hatte. Sie empfand ihn als gut aussehend und sein Lächeln wirkte auf sie angenehm unaufdringlich, entspannter als sie es von anderen Männern kannte. Ihre Augen strahlten kurz. Es dauerte Sekunden bis sie sich gesammelt hatte. „Nicht Troja wird überschätzt, sondern der angebliche Krieg.“ Ihre Gesichtszüge wurden ernst, aber die Augen strahlten gleichwohl. „Leider muss ich Sie korrigieren: Es ist keine Legende, sondern eine Sage. Aber der wahre Kern dahinter ist meiner Meinung nach etwas anderes als Homer schreibt. Es gab niemals eine zehnjährige Belagerung, keinen Achilleus, keinen Odysseus und schon gar kein Trojanisches Pferd! Das war ein Wirtschaftskrieg über mehrere Jahrzehnte zwischen Ost und West.“ Lynna gefiel es, wie der fremde Journalist ihr einfach zurückhaltend zuhörte. „Es war auch kein Nullter Weltkrieg, wie Kramin es formuliert. Dieser Ausdruck ist viel zu dramatisch. Wahrscheinlich gab es nur kleine Scharmützel über Jahrzehnte hinweg. Aber so etwas wollen die Herren im Museum einfach nicht hören.“ Sie räusperte sich. „Ich möchte gern wissen, mit wem ich spreche. Wie heißen Sie bitte?“

„Balkis“, nannte er überrascht zuerst seinen Vornamen. Fasziniert hatte er ihren Ausführungen zugehört. „Balkis Bartosch von WOCHE ONLINE.“ Noch waren seine Augen in ihr Gesicht vertieft. Dann merkte er, dass andere Journalisten um ihn herum standen und weitere Fragen stellten. „Es hat kein Trojanisches Pferd gegeben, behaupten Sie?“, fragte jemand und schob sich nach vorn. Eine Schulter drückte ihn beiseite. „Odysseus ist eine erfundene Figur?“, fragte ein anderer.

Lynna Meeves gab geduldig Auskunft. „Ich bin Archäologin. Odysseus ist eine Hauptfigur im Epos von Homer. Aber historisch war er sicher nicht. Und das, was Sie Pferd nennen, war vielleicht die Beschreibung für einen hölzernen Belagerungsturm. Mit solchen Ungetümen berannte man damals die Stadtmauern einer belagerten Stadt. Mit viel Phantasie kann man ein Pferd darin sehen.“

„Also wurde Troja doch belagert!“, hielt einer der Reporter dagegen.

„Das bestreite ich ja gar nicht“, erwiderte Lynna. „Wir sollten nur nicht über einen einzigen Krieg sprechen, der zehn Jahre gedauert hat. Ich glaube, die Sage stellt die Summe von jahrzehntelangen Auseinandersetzungen dar – zwischen dem mykenischen und dem hethitischen Kulturkreis – , also zwischen Ost und West, wie ich schon sagte.“

Professor Yildiz – inzwischen allein gelassen von den Reportern – stand abseits und nickte zu dem, was er von der jungen Frau gehört hatte. Wie schon vorhin im Museum empfand er Sympathie für den engagierten Vortrag der Archäologin. Sie schien ganz entschieden an das zu glauben, was sie sagte. Für Yildiz war es in höchstem Maße spannend, hier in Deutschland eine Theorie zu hören, die genau dem entsprach, wonach er seit Jahrzehnten in der Türkei forschte. Er ging ein paar Schritte auf den Pulk um Lynna Meeves zu.

„Ralph“, fragte Balkis, der von den Kollegen abgedrängt worden war. „Du hast diese Frau mit ihrem Namen angesprochen. Wer ist sie?“

Herforth lachte spöttisch. Sein Walrossbart zog sich nach oben. „Warum hast du sie das nicht selbst gefragt?“ Seine Augen blitzten. „Du warst doch als erster an ihr dran. Und glaub mir: Du hast ihr gefallen. So was sehe ich sofort.“ Er unterbrach sich. „Das Wichtigste beim Interview ist, dass die Chemie stimmt. Zwischen euch hat es gestimmt. Warum hast du dich dann abdrängen lassen – keinen Mut mehr gehabt?“ Er grinste spitzbübisch. „Jetzt fragst du den alten Kulturreporter, wie die schöne Frau heißt? Nimm dein Smartphone in die Hand und suche nach der Homepage der FU. Da findest du bei den Archäologen die alte Seyfried, Professorin von dem Laden. Und wenn du etwas weiter runter scrollst, hast du sie: Lynna Meeves, ihre jüngste Wissenschaftliche Assistentin.“ Er tippte mit den Fingern auf sein Handy, drehte es ihm zu und Balkis konnte ein Foto von ihr sehen.

„Danke!“, sagte er beeindruckt. Zugleich kam er sich wie das Opfer eines Besserwissers vor. „Wenn ich richtig zugehört habe, hast du bei ihr doch auch keine Frage beantwortet gekriegt.“

„Keine Sorge, Kollege!“, grinste er. „Ich habe gefragt und ich habe genug Antworten für eine Story gehört: 'Der Trojanische Krieg fand nicht statt' oder 'Odysseus hat es nie gegeben'. Das reicht mir für eine Schlagzeile im Kulturteil.“

„Lynna Meeves“, behielt Balkis im Kopf. Er dachte noch nicht über einen Artikel nach. Den könnte er später im Hotel verfassen. Zunächst musste er noch einmal zu dieser Frau.

Merle Bartholy hatte sich schützend neben ihrer Freundin aufgebaut und in den letzten Minuten die Fragen der Journalisten gemeinsam mit ihr beantwortet. „Jetzt muss es aber auch mal genug sein!“, rief sie dem Pulk der Reporter entgegen. „Wir haben alles erzählt, was wir wissen.“ Sie hob mit einer energischen Bewegung den rechten Arm.

„Aber hallo, junge Frau!“, protestierte jemand. „Sie haben eine völlig neue Sichtweise zu dieser alten griechischen Sage entwickelt. Die Öffentlichkeit will mehr darüber lesen.“

„Es ist … es ist nicht unbedingt eine griechische Sage“, unterbrach Lynna zögernd und blickte auf den weißhaarigen Mann, der langsam auf sie zu kam.

„Was bedeutet das denn jetzt … keine griechische Sage …?“, fragte der Journalist.

„Schluss jetzt!“ Merle hielt die Arme hoch. „Ende des Interviews!“, rief sie energisch. In diesem Moment stand Professor Yildiz vor den beiden Frauen.

„Entschuldigen Sie bitte!“, lächelte er amüsiert. In seinem gebräunten Gesicht waren Lachfalten an den Augen und um die Mundwinkel zu sehen, die sich seit Jahrzehnten eingegraben hatten. „Ich möchte kein Interview“, erwähnte er. „Ich würde Sie ... ich möchte nicht aufdringlich wirken“, unterbrach er sich und senkte kurz den Blick. „Ich würde Sie gern zum Essen einladen.“

„Danke!“, erwiderte Merle kurz. „Sehr freundlich. Aber wir haben vor einer Stunde … Da hinten gibt es ganz ausgezeichnete Döner-Wraps.“ Sie zeigte zur Hauptstraße.

Yildiz nickte. „Wrapublik … kenne ich gut, die Bude – Landsleute von mir.“ Er drehte sich halb zur Straße herum. „Nein, eigentlich sind sie fast schon Deutsche ...“, lächelte er. „ … oder Amerikaner – wer weiß das schon? In Berlin ist ja alles international.“ Mit einem Anflug von Verlegenheit blickte er Merle und danach Lynna an. „Was halten Sie von einem echten arabischen Restaurant?“

„Ich sagte doch“, entgegnete Merle stirnrunzelnd. „Wir haben erst gegessen.“

„Mir geht es um Ihren Vortrag, Frau Meeves.“ Professor Yildiz wandte sich Lynna zu. „Sie haben Auffassungen vertreten, die sich erstaunlicherweise mit meinen Forschungen decken. Außerdem haben Sie einen nationalen Pulsschlag in meinem Herzen bewegt. Ich würde gern mehr über Ihre Theorien hören.“ Er verbeugte sich kurz. „Das Restaurant 'Gilgamesch' hat die beste arabische Küche der Stadt.“

„Das behauptet in Berlin jede Dönerbude von sich.“ Lynna zog die Stirn kraus. „Aber dass jemand meine Sicht der Dinge teilt, das habe ich da drin noch nicht gehört.“ Sie zeigte mit dem Finger auf das Museumsgebäude. Dann blickte sie den Professor mit interessierten Augen an. Sie musste über sich selbst lächeln und drehte sich zu Merle um. „Sag mal, hast du nach dem Fast-Food-Döner nicht auch Appetit auf ein richtiges Essen?“

Ralph Herforth wollte schon gehen, als Balkis ihn noch einmal ansprach. „Gilgamesch habe ich aufgeschnappt. Was ist das?“, fragte er.

„Ein Restaurant, zu teuer für uns. Du kannst es googeln. Tu das!“, sagte er herablassend.

„Für eine Story ist nichts zu teuer“, entgegnete er trotzig.

„Die Frau gefällt dir, Balkis?“, fragte Herforth grinsend und schlenderte davon.

Restaurant Gilgamesch, Berlin

„Ich hätte Ihnen etwas über den Namen des Restaurants erzählen sollen.“ Professor Yildiz lächelte unsicher, als der Wagen in der Greifswalder Straße stoppte. Es war dunkel geworden und die drei großen Fenster der Gaststätte warfen ein warmes gelbliches Licht auf den Gehweg, Unter einer Markise waren alle Tische des Außenbereichs besetzt. Die Gäste genossen die frühsommerliche Abendstimmung unter freiem Himmel, vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Links und rechts neben dem Eingang steckten zwei brennende Fackeln im Rahmen. Vor der Tür befand sich ein mannshohes Standbild einer antik aussehenden Figur – ein Mann mit einem gewaltigen Bart, der einen Löwen in der linken Hand hielt. Der Schriftzug „Gilgamesch“ leuchtete darüber.

„Nein“, entgegnete Merle beim Aussteigen. „Sie hätten nichts über Gilgamesch erklären müssen.“

„Bitte?“, fragte Yildiz irritiert, nachdem er seinem Fahrer eine kurze Anweisung gegeben hatte.

„Was glauben Sie, wen Sie eingeladen haben? Gilgamesch war König der Sumerer im dritten Jahrtausend, vermutlich um 2700 v. Chr. Seine Heldentaten sind in der wohl ältesten schriftlichen Dichtung der Welt verewigt – dem Gilgamesch-Epos. Sogar die Sintflut kommt darin vor, lange bevor sie in die Bibel geschrieben wurde, irgendwie verdächtig.“ Sie zwinkerte mit einem Auge.

„Bravo!“, nickte der Professor beeindruckt. „Sie sind gut vorbereitet.“

Lynna legte ihren Arm um die Schulter der Freundin. „Merle hat Ahnung“, sagte sie und zeigte auf die Figur vor dem Restaurant. „Sie kennt diesen Kerl genau.“

„Lassen Sie uns reingehen!“, lächelte Yildiz. „Ich habe reserviert.“ Er ging auf die Tür zu, die im selben Moment von einem Kellner mit langer weißer Schürze geöffnet wurde. Sie traten ein und waren sofort von einem würzigen Geruch umgeben. Knoblauch und Zwiebeln erkannten sie sofort, dazu das Aroma von scharf angebratenem Kohl. Über allem lag der Duft nach fremden Gewürzen, von denen sie später erfuhren, dass es sich um Kreuzkümmel, Koriander und Fenchel handelte. Der Kellner geleitete sie zu einem Tisch mit gepolsterten Stühlen. Sie nahmen Platz und Lynna und Merle sahen sich um. Hier drinnen waren die Tische im Unterschied zum Außenbereich nur zur Hälfte besetzt. Die Einrichtung wirkte auf eine unaufdringliche Weise elegant. Die Wände bestanden aus gespachteltem Putz, der mit weißer Farbe gekalkt war. Die Wandfläche war mit Strahlern indirekt angeleuchtet. Hier und da sah aus dem Putz eine kleine Reihe von Ziegeln hervor, wie der Bogen eines Fensters. Unter jedem Bogen war ein Bild aus antiker Zeit gemalt: ein Kampfwagen mit seinem Lenker, ein turmartiges Gebäude und dieselbe bärtige Figur wie vor dem Restaurant: Gilgamesch. Lynna betrachtete das Bild mit dem Bauwerk genau. „Der Turm von Babel“, dachte sie. Dann brachte der Kellner die Speisekarten.

„Falafel sind der absolute Geheimtipp“, ermunterte der Professor. „Aber auch Halloumi, den frittierten Käse, kann ich empfehlen. Oder Sie wählen einfach Schawarma als Platte. Dann haben Sie alles, zusammen mit dem würzigen Gemüse.“ Er zeigte auf den sich langsam bewegenden Drehspieß vor dem Grill. Mindestens zwei Dutzend Salat- und Gemüsesorten lagen davor in einer kühlenden Truhe offen aus, dazu mehrere Soßen.

„Was sagst du?“, fragte Lynna ihre Freundin. „Schaffen wir das noch, so ein Schwamma?“

„Schawarma“, verbesserte Yildiz. „Bei mir zu Hause heißt es Döner Kebab. Aber wenn ich ehrlich bin, haben wir den Arabern das Rezept geklaut, vor ein paar hundert Jahren.“ Er grinste breit.

„Darf ich Ihnen eine religiöse Frage stellen?“, brachte er hervor, nachdem sie bestellt hatten.

„Dazu sind wir hier“, antwortete Merle. „Aber ich hatte eher eine Frage zu Troja erwartet.“

„Troja?“ Yildiz runzelte die Stirn. „Ja sicher! Später, mit großem Interesse“, fügte er hinzu. „Mir ist nur gerade in den Kopf gekommen, ob Ihr Priester nicht böse mit Ihnen wäre, wenn Sie behaupten, dass das Gilgamesch-Epos mit seiner Überschwemmungsgeschichte schon lange vor der Sintflut in der Bibel geschrieben worden ist.“

„Mein Priester heißt Pastor“, entgegnete sie. „Und wenn er diese Tatsache nicht leiden könnte, wäre es mir egal. Ich bin mir sicher, dass die Autoren der Bibel von anderen abgeschrieben haben.“ Sie reckte sich auf und streckte ihre Arme. Dann lächelte sie überlegen. „Es ist doch klar, dass die Menschen früher solche Katastrophen, Sturmfluten, Überschwemmungen für ein Zeichen der Götter gehalten haben. Was hätten sie auch sonst denken sollen? Über so eine Flut berichtet das Gilgamesch-Epos und die alten Priester, die den Anfang der Bibel geschrieben haben, haben sich dieses Stoffes bedient. Wenn mein Pastor sauer ist, weil ich das so sehe, kann ich das auch nicht ändern. Aber diese Flut kam nicht von Gott. So was ist wahrscheinlich alle paar Jahre passiert.“ Merle blickte den Professor an und fing an zu grinsen. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass unsere Pastoren heute viel cooler drauf sind als wir denken. Sie würden die Sache mit der Sintflut auch so beurteilen wie ich.“

„Dann bin ich froh“, lächelte der Professor amüsiert. „Sie haben Glück mit Ihren coolen Pastoren. Leider hat in früheren Zeiten die kritische Wissenschaft oftmals Ärger mit der Kirche bekommen, wenn sie heilige Vorstellungen ankratzte.“ Der Kellner brachte drei winzige Teegläser und schenkte aus einem dampfenden Kupferkessel ein. Der dunkel bernsteinfarbene Tee verbreitete am Tisch ein eigentümliches Aroma. Lynna dachte darüber nach, woran sie dieser Duft erinnerte … irgendein Gewürz aus der Weihnachtszeit, aber sie kam nicht auf den Namen.

„Ich scheine heute im Museum auch heilige Vorstellungen angekratzt zu haben“, kam es spontan aus Lynna raus, während sie sich das kleine Glas unter die Nase hielt.

„Großartig, dass Sie das ansprechen!“, freute sich Professor Yildiz und beugte sich in seinem Stuhl nach vorn. „Ihr Vortrag hat mich beeindruckt. Er war der Grund, weswegen ich Sie eingeladen habe. Lassen Sie mich erklären, warum!“ Er trank einen Schluck Tee, schloss seine Augen und legte die Stirn in Falten, so als wollte er sich konzentrieren. „Zunächst müssen Sie wissen, dass ich nicht nur wegen Troja in Berlin bin. Ich sollte eigentlich den Pergamon-Altar mit nach Hause bringen.“ Er musste lachen, während Lynna und Merle sprachlos die Brauen hochzogen. „Ich bin Gesandter des Türkischen Kultusministeriums und habe heute früh mit dem Regierenden Bürgermeister und dem Kultursenator von Berlin über die Herausgabe des Tempels verhandelt.“

„Sie … sie wollen den Pergamon-Altar aus Berlin wegholen?“ Merle stotterte völlig überrascht.

„Sehen Sie!“, lachte Evren Yildiz. „Da sind Sie empört. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck. Alle blicken mich entgeistert an, wenn ich fordere, dass der Tempel aus dieser schäbigen Halle zurück unter den freien Himmel der türkischen Küste gebracht wird. Immerhin ist er von dort mal geklaut worden.“

„Gekauft vom Osmanischen Reich und bezahlt“, warf Lynna ein.