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Es handelt sich um einen Roman, der in der Nachwendezeit in Leipzig spielt. Hierher hat es die Hauptperson, Helge, beruflich und privat bedingt, verschlagen. Und es ist eine Entwicklungsgeschichte, bei der Helge mit wachen Augen die Zeit und die Umstände wahrnimmt und durchlebt. Auch ist es eine Liebesgeschichte, die aber für Helge und seine Liebe tragisch endet. So in etwa kann man den Roman in aller Kürze zusammenfassen. Vor gut fünfundzwanzig Jahren hat es die Wende gegeben. Und wie sie abgelaufen ist, sollte uns auch heute noch beschäftigen, denn Geschichte ist prägend und wichtig, und soll und kommt natürlich auch in Romanen vor. Vieles ist aktuell, bzw. hat seine Gültigkeit in der Gegenwart, denn Vergangenheit hat immer eine Beständigkeit, die in die Gegenwart und auch noch in die Zukunft hinein reicht.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2017
Wohl eher selten treffen wir einmal einen Menschen, der einem das sichere Gefühl gibt, dass über ihn und sein Schicksal erzählt werden sollte, sodass andere sein Leben kennenlernen mögen.
Dabei muss an besagter Person nichts Charismatisches oder gar Spektakuläres sein.
Nein, oft reicht eine Empfindung, die dieses Gefühl und die daraus resultierende Absicht bewirken kann.
So jedenfalls ist es mir, dem Älteren, Außenstehenden und Anteilnehmenden, mit Helge ergangen.
Regungslos stand Helge an Marias Grab.
Schon seit Stunden stand er dar, von niemandem beachtet, auch sonst nicht gestört, hatte er weder die hereinbrechende Dunkelheit noch die ihn umschließende Stille bemerkt. Hatte auf nichts weiter geachtet, hatte nur diesen einen Wunsch verspürt: Er wünschte zu bleiben, für immer zu bleiben, da, wo er war. Da, an diesem Grab wünschte er Wurzeln zu schlagen, tief in die Erde sich einzugraben, um zu ihr zu gelangen … zu ihr ins Grab.
Denn ohne sie war er verloren, das wusste er.
Und dabei hatte sich alles so wunderbar entwickelt, in den letzten zweieinhalb Jahren. Denn in diesen dreißig Monaten war es stetig mit ihm bergan gegangen. Auch wenn es anfangs nicht unbedingt danach ausgesehen hatte.
„Wenn du wüsstest wie lächerlich du dich wieder gemacht hast. Du bist so ein Kindskopf ... so ein Kindskopf! Es geht nicht mehr. Es geht wirklich nicht mehr…“
Erst wütend, dann hilflos resignierend, es war nahtlos ineinander übergegangen, und es war die Quintessenz all dessen was vorher von ihr, in einem fulminanten Ausbruch, herausgeschrien worden war, hatte die Frau diese letzten Sätze dem Mann, ihrem Ehemann, an den Kopf geworfen. Und es war so endgültig von ihr gesagt worden, dass an einen Neuanfang nicht mehr zu denken gewesen war.
Da saß sie nun zusammengesunken auf ihrem Stuhl, zeigte ihr spitzes Kinn … dies ewig spitze Kinn.
Sie war ratlos, hilflos, stumm, und sah auf einen Menschen, den sie nicht mehr wollte, mit dem sie nicht mehr konnte, sah auf diesen Menschen, der ihr fremd geworden.
Und auch dieser rührte sich nicht, stand da, still vor ihr, mit auffallend kraftlos herunterhängenden Schultern.
Er hatte gleichfalls, anfänglich noch mit lahmen Rechtfertigungsversuchen, dann, zum Ende hin nur noch schweigend, mit seinem bisherigen Leben, seiner Ehefrau abgeschlossen.
Da es also gemeinsam nicht mehr ging, hatte Helge sich gekümmert und hatte kurzfristig und ohne lange Überlegungen einen Arbeitsvertrag bei einer privaten Bildungseinrichtung in Leipzig unterschrieben.
Und somit stand ein Wechsel, ein Wechsel von Lübeck nach Leipzig, also in den Osten Deutschlands, bevor.
Der nun nach Neuem, nach einem Wechsel Strebende ist schnell beschrieben: Der Norddeutsche, stand im einunddreißigsten Lebensjahr, war nicht dumm, durchaus auch sympathisch, aber noch „unfertig“.
Er war somit einer, dessen Potential verborgen war, einer, dessen Möglichkeiten schon mal sichtbar wurden, der sich aber doch mühen musste, und es auch immer wieder, aller Bequemlichkeit zum Trotz, tat … einer, der sich also mühte, um mal, noch nicht jetzt, aber sicher später, an sich und sein Potential heranzukommen, und dann auch „fertig“ zu werden.
Und er war in der glücklichen Lage, dass ihm hier, häufig genug seine Unfertigkeit überspielend, seine bezwingende optimistische Art, dieser erfreuliche Wesenszug seines Charakters, half.
Aber wo es Licht gibt, gibt es Schatten, überall und immer, und einen entscheidenden, den gab es auch bei Helge:
Da gab es, neben, oder besser gesagt, zu seiner Unfertigkeit gehörend, den weniger erfreulichen Wesenszug in seinem Charakter, nämlich den einer Unrast, einer sporadisch aber verlässlich wiederkehrenden innerlichen Unruhe, einer unterschwellig fortwährenden Beunruhigung, die als ein Drängen, als ein Hinauswollen oder einfach nur Wegwollen (wohin auch immer), mithin also als ein Suchen auftrat.
Zwar trat diese Unruhe nicht häufig auf, war auch auszuhalten, für ihn, weniger für andere, war aber dennoch lästig, auch für ihn.
Endlich also war Helge losgekommen, musste sich nicht mehr seiner Frau, und das was zu ihr gehörte, erwehren, war ihr und ihrer Familie, und der dazu gehörigen Verantwortung, entkommen, musste sich nichts mehr vorwerfen lassen, nein, und musste sich nicht mehr, und dies war ihm besonders wichtig, vor allem und allen anderen rechtfertigen.
(So hatte er es abgetan … hatte es doch immer schon gekonnt, denn, wenn es nicht mehr ging, weder er noch andere weiterkamen, und wenn er sich massiv gedrängt fühlte, andere ihn derart bedrängten, dann, ja, dann konnte er einen Schnitt machen, zwar nicht sein altes Leben gänzlich abstreifen, aber sich doch weitgehend aus diesem alten Leben lösen, und somit unbelasteter nach Neuem suchen … auch bei sich, in sich weitersuchen.)
Er fühlte sich erleichtert, fühlte sich befreit, wusste zwar nicht, was da kommen sollte, war aber neugierig auf das, was da kommen würde.
So also kam Helge im Herbst, Herbst 1990, nach Leipzig.
Die Firma hatte ihrem neuen Mitarbeiter ein Zimmer zur Untermiete besorgt, und Helge fühlte sich dort gut untergebracht.
Frau Kießling, seine Vermieterin, war nett, patent, redselig und wohlgerundet, und somit durchaus ansehnlich, auch machte sie wenig Umstände, war also geradezu und ehrlich heraus.
Sie, die Leipzigerin, hatte vor etlichen Jahren in ihrer Heimatstadt studiert und dann in der Datenverarbeitung gearbeitet, war aber nie glücklich damit gewesen, und nun nicht traurig, dass sie auf Kurzarbeit - ,,Null-Prozent-Kurzarbeit“ - gesetzt, und dass ihr Betrieb wohl demnächst, die Verhandlungen liefen, von irgendeinem bayerischen Westunternehmen übernommen werden sollte.
Sie lebte mit ihrem sechsjährigen Sohn Daniel, einem quirligen, dunkelhäutigen Jungen mit schwarzen, gekräuselten Haaren, in einer großen, verwohnten und dunklen Fünf-Raum-Wohnung im Zentrum von Leipzig.
Der Vater von Daniel, ein Schwarzafrikaner, der seinerzeit ebenfalls in Leipzig studiert hatte, war vor Jahren, kurz vor der Geburt seines Sohnes, tödlich mit seinem Motorrad verunglückt, und schon bald darauf, nach der Geburt ihres Sohnes - „Man hatte Herz gezeigt und vielleicht auch Mitleid gehabt.“ -, war Frau Kießling ihre jetzige Wohnung von der zuständigen Leipziger Kommunalen Wohnraumlenkung zugewiesen worden.
Sie und ihr Sohn mussten sich damals die Räumlichkeiten mit einem älteren Ehepaar teilen, das dort, in der großen Wohnung allein, denn ihre drei Kinder waren längst aus dem Haus, schon seit Ewigkeiten gewohnt hatte, dann aber innerhalb des ersten Jahres ihres gemeinsamen Zusammenlebens, kurz hintereinander, verstorben war.
Ohne ihr Zutun, wie Frau Kießling gegenüber Helge, dem Neu-Leipziger, wiederholt, und immer scherzhaft, versicherte.
(Natürlich war es ein Scherz gewesen, es konnte gar nicht anders sein, da doch die Zimmerwirtin dem Typ der Krankenschwester entsprach, also dem Typ der Frau, den sich viele Männer immer noch wünschen, auch wenn sie es vielfach nicht wissen oder wahrhaben wollen, und diese bringen nur in den seltensten Fällen, und nur in Ausnahmesituationen - und davon konnte damals nun wirklich keine Rede sein - jemanden um die Ecke.)
Seitdem lebten sie und ihr Sohn unbehelligt in der großen Wohnung, denn offensichtlich hatte man bei der Kommunalen Wohnraumlenkung die Toten nicht für tot genommen, oder aber, was wahrscheinlicher war, man hatte einfach nur geschlafen, sie folglich nicht ausgetragen, sie also nicht ordnungsgemäß verwaltet und demzufolge dann versäumt, der Mieterin und ihrem Sohn neue Mittmieter zuzuweisen.
Auch hatte sich an der Miethöhe - „Das waren noch Zeiten, die heute kaum mehr wahr sind, von denen heute viele nichts mehr wissen.“ - für diese große und nur noch von zwei Personen bewohnte Wohnung über die Jahre nichts geändert: Monat für Monat lag sie bei 80.-- Mark.
Erst nach der Wende verfünffachte sich die Miete mit einem Schlag, und war dann natürlich zahlbar in Deutsche Mark.
Schon bei ihrem allerersten gemeinsamen Frühstück erfuhr der neue Mieter von seiner redseligen Vermieterin all dies, nämlich all das, was ihr wichtig erschien, das, was sie loswerden, das, was sie erzählen wollte.
Und Helge nahm es auf, verstand jedes ihrer Worte, obgleich er an jenem Morgen noch sehr verwirrt war, immer noch sehr verwirrt war … durcheinander gebracht durch ein Erlebnis, das ihm am späten Abend zuvor, er hatte bereits im Bett gelegen und war fast eingeschlafen gewesen, widerfahren war.
Denn da hatte ihn, der da allein in der Dunkelheit seines angemieteten Zimmers lag, eine Stimme angesprochen.
Und es war für Helge nicht zu unterscheiden gewesen (aber eigentlich hatte er sich nicht wirklich die Mühe gemacht, eine Unterscheidung zu treffen), ob diese Stimme aus dem Nichts des Raumes oder aber aus seinem Inneren kam.
Diese Stimme, die hohl, weder männlich noch weiblich, aber bestimmend, auch suggestiv, wenn auch manchmal abgehackt, gewesen war, hatte sich ihm, dem Einschlafenden ohne jegliche Vorwarnung heranschleichend genähert, hatte sich also, aus dem Nichts kommend, an ihn gewandt … ihn geradezu okkupiert.
Und es war für ihn kein Zweifel möglich gewesen, dass nur er der Angesprochene war, dass nur ihm, da in der Dunkelheit, etwas geschah, was nur für ihn bestimmt und nur für ihn von Bedeutung war, denn allzu deutlich hatte er die Verbindung, besser gesagt, das Eingebunden sein in eine Zusammengehörigkeit, verspürt, hatte auch jedes einzelne Wort dieser unwirklichen, doch auch wirklichen Stimme vernommen, gleichsam eingesogen, und deshalb auch war ihm jedes Wort im Gedächtnis geblieben, sodass er sich noch an jenem Morgen das in der Nacht zuvor Gesagte, und zwar jedes Detail, in Erinnerung rufen konnte.
Er hatte also jedes der Worte aufgenommen und verinnerlicht, wohl auch deshalb, weil die Stimme ihm von Anfang an unmissverständlich deutlich gemacht hatte, dass nur sie zu reden, und deshalb er nur zuzuhören, zu verstehen und aufzunehmen hatte - ohne Wenn und Aber.
Und so war Helge der nächtliche Monolog (es war tatsächlich nur ein Monolog, eben nur Sprechender einerseits und Zuhörender andererseits - es ging gar nicht anders) dieser Stimme im Gedächtnis geblieben:
„Hallo Helge, es freut mich, dass wir nun endlich zusammen gefunden haben. Ja, wirklich zusammen gefunden haben. Endlich! Und da wir nun einmal zusammen sind, will ich … beabsichtige ich dich eine Weile zu begleiten.
Aber nicht nur zu begleiten, sondern, jetzt kommt es, ich will dich auch belehren. Manchmal eben auch belehren. So bin ich nun mal. Ich will dich aber auch unterhalten, glaub mir, und leihe mir dein Ohr. Vorstellen werde ich mich nicht, da du mich schnell kennenlernen wirst, besser gesagt, schnell den Eindruck bekommen wirst, mich schon ewig zu kennen.
Nimm mich also hin, du musst es! Arrangieren wir uns, wir kommen schon miteinander aus, wir müssen! Ich kenne uns. Rede ich verworren oder zu schnell? Macht nichts, gar nichts … hör mir konzentriert zu … hör zu!
Ich will dich also lehren, belehren, aber eben auch unterhalten, so aus dem Bauch heraus, ohne den Kopf zu vergessen.
Ich werde häufig auch von dir sprechen, über dich. Ich will dir etwas geben, besser gesagt, aus dir etwas hervorholen. … Vielleicht gelingt es ja.
Ich spreche natürlich auch über ´Gott und die Welt` ... ach ja, ´Gott und die Welt`.
Helge, überfällt dich nicht auch manchmal beim Sehen der Werbung im Fernsehen, der Wunsch, dass man diesen Kindern in so einer Werbesendung, doch mal eine Kugel zwischen die Augen schießen sollte, und zwar immer wieder, und diesen depperten Vätern oder Ehemännern sowieso, und soll man die Frauen, diese sauberen Frauen etwa davon kommen lassen? Nein! Niemals! Auch die nicht, auch wenn sie manchmal richtig geil sind, so vom Äußeren.
War nur mal so ein Gedanke, Helge, kannst auch wieder vergessen.
Kommen wir zu etwas Wesentlicherem, kommen wir zu den Begriffen … Begriffe, die verstanden werden, und vor allem gelebt werden müssen.
Nehmen wir zum Beispiel den Begriff Spontanität. (Später kommen noch die Begriffe Moralität, Sexualität und Einsamkeit hinzu.)
Lass mich dir etwas über Spontanität erzählen, denn Spontanität ist wichtig, wichtiger denn je, da sie bedroht ist, ja, zusehends verloren zu gehen droht. … By the way, was hältst du von etwas Musik, Helge, so als Break, als willkommende Unterbrechung und Abwechslung.
Allerdings, vorweg, sag mal ehrlich, Helge, was kann uns die heutige Musik noch geben? Ehrlich! Gestern, heute, morgen Michael Jackson, gibt es denn den überhaupt wirklich? Immer wieder austauschbare Namen, Eintagsfliegen, ja, Eintagsfliegen ohne wirkliche Vergangenheit, ohne Zukunft, alles ist zur Beliebigkeit verkommen, alles nur Unterhaltung, die gleiche Gesten, die gleichen Töne, Musik als pure Unterhaltung, Musik als dürftiger Zeitvertreib, Zeitverbrauch, die ewige Wiederkehr des Gleichen, Musik zum abtanzen ... und jeder hört diese Musik, ungerührt. Man ist stumpf, wir sind stumpf, abgestumpft … wir sind am Ende.
Natürlich wird es noch über Jahre, ja, Jahrzehnte diese Musik geben, ein langes Ende mit Schrecken steht uns noch bevor.
Dennoch, auch das muss gesagt werden, es gibt immer wieder Ohrwürmer, es ist verrückt! Ohrwürmer, wenn auch nur Eintagsfliegen, Eintagsfetzen, ich wiederhole, Eintagsfetzen! Absolut angemessen für unsere Zeit, und daher auch berechtigt … ja.
Einen solchen Hit sollst du jetzt hören.
Mir gefällt er gut, muss ich sagen.
Ach, immer wieder diese leidige Inkonsequenz! Kennst du ja auch, Helge, na ja. Schön auch der Name der Band, falls man hier von Band überhaupt noch sprechen kann, P.M. Simpson and Double Key mit ´We love to love` … ab gehts!”
Und tatsächlich spielte da diese Musik für Helge, der da lag in seinem Zimmer, halb schlafend, halb wachend.
Unwirklich-wirklich hörte er die Töne, die eingängige Melodie. Und nach gut drei Minuten verklang sie. Es folgte Stille, kurz nur, dann hob die Stimme wieder an.
„Soweit dieses zur Einstimmung, schön nicht wahr. Nun lass mich aber wieder zurückkommen, zurückkommen zur Spontanität. Ich greife hierbei, also für meine Belehrung, für meine Belehrung über das Spontane, über die Spontanität, auf ein kleines, auch schon recht altes, dennoch feines, Buch zurück. Es ist von Joseph Freiherr von Eichendorff, und es heißt ´Aus dem Leben eines Taugenichts`.
Hör mir zu, Helge, vielleicht kannst du etwas damit anfangen: ´Und es war alles, alles gut!` Genau dies ist es, was die Geschichte am Leben hält, was sie überhaupt erst in Gang setzt, und dann auch voran bringt.
Der Held, der ´Taugenichts`, weiß es, und er verlässt sich blindlings darauf, handelt nur nach seinen Eingebungen, lässt sich voll darauf ein, ist spontan.
Siehst du, Helge, unser Stichwort.
Mit wem haben wir es in dieser Geschichte zu tun?
Mit einem, der so manches erfährt, wenn er sich denn mal hinterm Ofen hervor macht, auch mit einem Vogel, der aus seinem Käfig ausreißt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn er in Freiheit ist.
Er ist ein Taugenichts, ein Taugenichts im besten Sinne. Dumm, naiv und sehr liebenswert, einer der dauernd ´sehr hübsche, gut gesetzte, nützliche Lehren, die er aber sofort wieder vergißt`, bekam, einer, der sich fühlt, als wäre er ´überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet`, und der durchaus vom guten Essen und Trinken ganz melancholisch werden und vom ewigen Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken und auch ´vor Faulheit noch ganz auseinanderfallen` kann, also einer, dem der Fall ins behaglich Biedermeierische immer wieder droht, der aber auch, nicht mit Reflexion, sondern immer nur wieder dem behaglich Biedermeierischen mit Tun … mit der Tat … mit Aktion entkommt.
Natürlich kann es so einen nur ´zum Weibe drängen` (wie sollte er sonst auch zurecht kommen?), und natürlich kann es so einen auch nur nach Italien ziehen (in der Zeit war es einfach so, und lange danach auch noch), dem Land der Sehnsucht aller Romantiker … denn das ist er doch eindeutig, ganz eindeutig auch.
Und wie es denn ja auch bei ihm so kommen musste, ist er natürlich auch enttäuscht von Italien, denn solche wenig in sich ruhende Menschen sind immer von dem enttäuscht, von dem Andere nur zu sehr schwärmen, und außerdem hat er ja ´das Weib` dort noch nicht gefunden.
Italien, ´dem falschen Italien mit seien verrückten Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern`, und natürlich nimmt er sich dann auch sogleich vor, Italien auf ewig den Rücken zukehren, und natürlich wandert er auch ´noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus`.
So geht das immer wieder bei ihm, dem Taugenichts.
Du siehst, Helge, es ist alles nur ein Roman, einer jener Romane, jener ´wohlerzogenen Romane`, die in der Zeit, fast zweihundert Jahre ist es schon her, so beliebt waren, und zumeist so endeten: ´Entdeckung, Reue, Verzeihung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und Übermorgen ist Hochzeit!`. Mithin das Altbekannte: Friede, Freude, Eierkuchen ... also eigentlich alles eine Scheiße, oder? Was sagst du, Helge.
Dennoch: Irgendetwas muss an dieser Geschichte dran sein, und ist es mit Sicherheit auch, und wenn es nur das Spontane ist, was wir hier finden, das wir hier nehmen sollten, und das in uns deshalb Richtlinie, Wegweiser, Pfad ist, und deshalb erhalten bleiben sollte.
Nimm es, Helge, und mach was draus, denn das Wünschen nützt nix, wenn das Wollen nicht hinzu kommt.
Ich hoffe, dass es dir gelingt.
Falls dir aber nur, zu meiner Geschichte, die banale Frage einfällt: ´Putzt der Held sich eigentlich auch mal die Zähne?`, dann, ja dann, kann ich es auch nicht ändern, und muss meine Zeit des Erzählens, als verlorene Zeit, ja, als vergeudete Zeit, nehmen.
Egal, wie auch immer, ´nimm Vogel und friss ... nimm Vogel friss oder stirb`.
Du bist gefordert, Helge. Das Leben ist so, Helge! Das Leben fordert es so, Helge. … Helge, bis bald!“
Das war es gewesen.
Das war es, was Helge so klar und deutlich in Erinnerung geblieben war, und das er nahm (obgleich er durchaus das Gefühl gehabt hatte, irgendwie widersprechen zu müssen, es gleichwohl nicht tat, zumal er nicht wusste, wen genau er ansprechen und widersprechen sollte), weder einordnen noch deuten konnte, und auch nicht wirklich wollte, und eben für sich behielt - vielleicht zwecks späterer Nutzung?
Abrupt also hatte sich die Stimme von Helge, dem „Schlafenden“, verabschiedet, hatte ihn allein zurückgelassen, ihn allein dem Schlaf und den nachfolgenden Gedanken am nächsten Morgen überlassen.
Beide, Helge und seine Zimmerwirtin, saßen somit an jenem Morgen, wie immer dann frühmorgens, in der großen, hellen Küche, die anheimelnd von einem Kohleherd erwärmt wurde.
Und es war auch notwendig gewesen, denn der Oktober und auch der November des Jahres 1990 versprachen zwar schön, mit sehr viel Sonne und kaum mal Regen, aber auch schon recht kalt zu werden, sodass die Herbstsonne, die eben auch an jenem Morgen ohne viel Kraft durch das lichte, hohe Fenster schien, nur Helligkeit und kaum mal Wärme spendete.
Frau Kießling hatte sich mit dem Frühstück viel Mühe gegeben, und den großen Küchentisch nicht einfach nur gedeckt, wie üblicherweise für Untermieter vorgesehen, sondern diesen Tisch geradezu festlich, mit frisch bestückter Blumenvase, auch feinen Servietten und dem gutem Geschirr, hergerichtet.
Sie hatte dann den Kaffee eingegossen und sich auf die schmale Eckbank gezwängt, während Helge auf einem kleinen, wackligen Küchenstuhl ihr gegenüber Platz gefunden hatte.
Und sofort, ehe sie überhaupt den ersten Bissen getan, legte die Vermieterin los, geradeheraus wie sie war, sie machte, wie gesagt, keine Umstände.
Sie ließ ungefragt die letzten Jahre Revue passieren, setzte ihren Untermieter über diese Zeit, über ihr Leben in diesen vergangenen Jahren ins Bild.
In ausholenden Sätzen, kaum mal eine Atempause machend, nur selten sich kurz unterbrechend, diese Unterbrechung dann nutzend, um hastig von ihrem frischen Brötchen abzubeißen oder einen kleinen Schluck Kaffee zu nehmen, erzählte sie.
Dies Erzählen, dies Wenden an einen Anderen, noch Außenstehenden, war ihr ein dringendes Bedürfnis gewesen, und sie hatte ihren neuen Untermieter gleich als geduldigen, aber auch interessierten Zuhörer erkannt, und in ihm eine dienliche, ja, nutzbringende Ergänzung, der ihrer Art, ihrem Wesen angemessen war, gesehen.
Denn Helge konnte zuhören, und Neues interessierte ihn, und außerdem war er in Pionierstimmung, und natürlich, dies nicht zuletzt, wollte er auch nicht allzu häufig an sein altes Leben (obgleich abgetan blieben vereinzelte, rückwärtsgewandte Gedanken nicht aus) zurückdenken, wollte es möglichst verdrängen, am liebsten ganz vergessen machen.
Er suchte also Ablenkung, und er suchte Neuigkeiten und wusste, dass er beides bei seiner neuen Vermieterin in Leipzig finden konnte.
Auch deshalb, und nicht nur wegen des guten Frühstücks, fühlte er sich schnell bei Frau Kießling heimisch, zwar nicht zu Hause, aber eben doch heimisch.
Und dies wusste er sehr wohl zu schätzen, denn ein solches Gefühl war ihm seit langem abhanden gekommen.
Denn, wenn er sich, nicht von Beginn seiner Ehe an, aber doch schon bald, bereits nach gut einem Jahr, immer nur im Kreise zu drehen geglaubt, kaum mal ein Vorwärtskommen bemerkt hatte, wenn er sich dauernd irgendwelchen Forderungen und Ansprüchen ausgesetzt sah, Forderungen und Ansprüchen, die er anfangs nicht erfüllen konnte, weil sie ihm zuwiderliefen, und später dann auch nicht mehr, auch wenn er es vielleicht gekonnt hätte, erfüllen wollte, und wenn er dann auch noch ständig, und das ist entscheidend, suchen musste, und diese Suche nicht als Selbstzweck oder gar aus Selbstverliebtheit, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus als dringlich und zwingend empfunden hatte … dann, ja, dann hatte er sich dort oben im Norden, in Lübeck, bei seiner Frau, nicht mal heimisch oder gar zu Hause fühlen können.
Seine Frau hatte sich mit ihrem Beruf, den Verwandten - „Vor allen mit denen, welche ihre weitläufige Familie war.“ - und Bekannten eingerichtet, war somit fest eingebunden gewesen, und fand es gut und richtig so.
Und hatte Gleiches von ihm erwartet.
Das also war ihr wichtig gewesen, und vor allem auch, dass er nicht ständig unruhig suchte, ja, Ruhe gab, und sich doch, mit ihr und all dem Drumherum einrichtete.
Für sie war es selbstverständlich und letztendlich unabdingbar gewesen.
Er aber hatte - ,,Auch bei noch so viel Bemühen, habe ich die Sache nicht hinbekommen.“ - die Kurve nicht gekriegt, hatte sich nicht gewöhnen können. Und war schon bald, massiv und wiederholt, deutlicher als je zuvor, auf dieses Drängen, seine innerliche Unruhe gestoßen, und war dann von seiner Frau - ,,Das war nur sehr folgerichtig und konsequent.“ - fortgeschickt worden … aber auch, seinem inneren Gefühl und Drang folgend, also aus eigenem Antrieb heraus, freiwillig gegangen.
Und sehr schnell war er sich sicher gewesen, dass es für sie beide das Beste gewesen war.
(So sah er es, so akzeptiertes er es, so konnte er es abtun … und deshalb auch konnte er sich so schnell und neu orientieren.)
Der Mieter und die Vermieterin kamen also bestens miteinander aus, ergänzten und arrangierten sich: Das Frühstück der Zimmerwirtin war prächtig, immer wusste sie Neues zu erzählen, immer stieß sie auf Interesse, konnte auch, nicht allzu häufig zwar, aber doch gelegentlich, ihrem Mieter zuhören, der aber auch eher verhalten von sich und seinem Leben erzählte.
Aber nicht nur die Mutter, auch der kleine, quirlige Sohn Daniel war mit dem neuen Gast einverstanden, denn häufig genug tobten sie, nach Helges Feierabend, durch die große, verwohnte Wohnung.
Auch inder neuen Firma, in besagter Bildungs-einrichtung, wurde Helge erwartungsvoll und freundlich aufgenommen.
Dort, in dem aus dem Westen kommenden aber in Leipzig neu gegründeten Unternehmen, stand ein Arbeitsplatz in der Personalabteilung, die sich im Aufbau befand, eigentlich erst mit seinem Eintritt ihren Namen bekam, für ihn bereit.
Helge, der über Jahre in einer Lübecker Elektronikfirma als Personalsachbearbeiter gearbeitet hatte, sollte das Personalwesen, das Personalwesen im allgemeinen, und wichtiger und vorrangiger noch, also im besonderen, ein Personalabrechnungssystem für die Mitarbeiter in Leipzig und für die zukünftigen Mitarbeiter in den Niederlassungen, die nach und nach in ganz Ostdeutschland entstehen sollten, aufbauen, also einrichten und ausbauen, denn man hatte große Pläne, war doch der Bedarf an Umschulung, Fortbildung, an Anpassung im Osten Deutschlands riesengroß.
Es war somit echte Pionierarbeit zu leisten, und der Pionier fühlte sich dieser Aufgabe durchaus gewachsen, denn wie man einen Laden ingang hält, davon verstand er etwas, hatte er dies doch jahrelang gemacht.
Und an dem Einrichten, also hier neu zu beginnen, alles anders zu machen, auch seine Vorstellungen ganz eigenständig einzubringen, ohne dass ihm jemand zur Seite stand, gar noch dazwischen redete, an diesem Neuanfang war er sehr interessiert … da wollte er mit Schwung und neuen Ideen herangehen.
Auch hatte er für seine Herangehensweise an diese neue Tätigkeit auf freie Hand und auf weitgehenden Entscheidungsspielraum bestanden, und diesen auch vom Geschäftsführer des Unternehmens bekommen, der sich in einem kurzen, aber dennoch das Wesentliche umreißende Gespräch von Helges Vorstellungen und von dessen Begeisterung für diesen Neubeginn hatte überzeugen lassen.
Bedenken und ein flaues Gefühl im Magen bekam der junge Mann wegen einer weiteren Aufgabe, die ihm schon bald vom Geschäftsführer des Unternehmens angetragen wurde.
Denn da sich sein Arbeitgeber im Bildungsbereich betätigte, vornehmlich in der Umschulung und Fortbildung (später auch Erstausbildung), sollte er in absehbarer Zeit auch als Teilzeitdozent, in Ergänzung zu den hauptamtlichen Dozenten, in kaufmännischen Fächern eingesetzt werden.
Helge sollte demnach etwas machen, was er bisher noch nicht gemacht, wozu ihm auch, nach seinem Dafürhalten, die Voraussetzungen fehlten.
Diese neue, andere Tätigkeit stand nun allerdings nicht unmittelbar an, sodass Helge sich hierüber vorerst „keinen Kopf“ machen musste, und es auch nicht tat, und er sich somit erst einmal voll und ganz seiner eigentlichen, auch wichtigeren, Tätigkeit zuwenden konnte.
Bevor Helge sich nun aber mit ganzer Kraft dieser vorrangig wichtigeren beruflichen Tätigkeit zuwenden konnte, durchlebte er eine weitere und sehr ausführliche Erfahrung mit „der Stimme“, die er sich am Tag darauf - „Immer erst am Tag darauf.“ -, ebenso wie bei der ersten Begegnung geschehen, ins Gedächtnis zurückholte, besser gesagt, sein Gedächtnis walten ließ, sodass alles strömend zutage trat, was am späten Abend zuvor abgelaufen war.
Diese zweite Begegnung war ähnlich der ersten verlaufen, wieder hatte er spät abends in seinem Bett gelegen, erschlagen von der umfangreichen Tagesarbeit, auch selbstverständlich von all den anderen Eindrücken, wie dem unvermeidlichen und ausführlicheren Kennenlernen der neuen Kollegen … war nun also zum Schlafen willens und müde genug, war auch schon fast eingeschlummert gewesen, als er wieder angesprochen wurde.
Er war dann auch augenblicklich wach, und wusste sofort, dass er nur wieder zuhören … nur daliegen, zuhören, aufnehmen und behalten musste.
„Helge, hier bin ich wieder!
Du hast mich doch nicht vergessen!
Was ich mir wirklich nicht vorstellen kann.
Du, ich will mich heute gleich richtig einführen, mich dir gleich genehm machen, deshalb also als Einstieg kein Gequatsche, sondern gleich und zuerst drei Songs, drei Songs hintereinander weg, von The Clash, Violent Femmes, Elvis Costello, in dieser Reihenfolge: ´Somebody got murdered`, ´Add it up`, ´Little triggers` ... ab gehts!“
Die Musik war laut, aber diese Lautstärke störte nicht, sie riss ihn, den fast Schlafenden aber doch gleichwohl Wachenden, sogar mit, nahm ihn ein, bis er dann wieder nach gut zehn Minuten aus der ihn zuletzt erfassten Beschwingtheit herausgerissen wurde.
Doch bevor er aufs Neue die wirklich-un-wirkliche Stimme vernehmen konnte, schoss ihm ein Gedanke, eine Frage durch den Kopf, die Frage nämlich: „Bin ich vielleicht gar am Ende krank ... krank im Kopf, geisteskrank sozusagen?“
Natürlich hatte er keine Antwort auf diese Frage, bekam aber stattdessen ungefragt eine:
„Helge, glaube mir, du bist klar im Kopf. Nimm mich einfach so, wie du mich nehmen musst, okay. So ist es, Bursche. Auch weiß ich ja, dass du mir wohlgesonnen bist, und es auch bleiben wirst, ich weiß es. Lass mich also weitermachen. Ich werde viele Dinge ansprechen, manche vertiefen, auch verallgemeinern.
Ich habe es dir ja bereits schon beim letzten Mal gesagt. An das wirst du dich doch sicher noch erinnern können? An das letzte Mal, nicht wahr? Ja doch, ich bin mir da ganz sicher … ja! Okay!
Alles, oder doch das meiste, hängt miteinander zusammen, für uns. ´Plattheiten` wirst du nun sagen, und so ganz unrecht hast du zum jetzigen Zeitpunkt ja auch nicht, aber gedulde dich, lass es sich entwickeln, lass es sich für uns entwickeln. Und glaube mir, Helge, du musst zusehen, denn du wirst doch gefordert werden!
Dabei solltest du aber immer auch mal Fünfe gerade sein lassen, was du ja nun kannst, das weiß ich. … Ich will dich doch fördern, und dir ein klein wenig Hilfestellung leisten, ohne allerdings mit Garantie, die kann ich dir nicht geben, denn alles kann auch scheitern, auch damit muss man rechnen. … Vielleicht, wer weiß?!
Nevertheless, ich bin guten Willens, und kann durchaus selbstlos und hilfreich sein.
Aber, und Vorsicht, ich warne! Verlass dich nicht zu sehr auf mich, ich bin auch unstet, das besonders, manchmal launisch ... ja, chaotisch sowieso, und sehr egoistisch. Nichtsdestotrotz aber habe ich einen guten Kern.
Lass uns jetzt erst einmal über Spielfilme reden. Du siehst viel zu selten Filme. Spielfilme meine ich, Helge.“
Unwillkürlich wollte er, der derart Angemachte, widersprechen, da er doch schon genug Fernsehen sah, und dabei vornehmlich Spielfilme, auch im Kino, was ihn immer wieder schön entlastete, und herausholte aus seinem Alltag … unterließ seinen Widerspruch jedoch, um den Redefluss seines Gastes nicht zu stoppen, was er, realistischer Weise betrachtet, auch sicher nicht gekonnt hätte.
„Musik zu hören ist gut, Filme zu sehen ist mindestens genauso gut, zum Bücherlesen kommen wir später. Geduld. Man muss sich sowohl auf das eine, wie auch auf die anderen Sachen intensiv einlassen. … Ach! … Auf das Leben muss man sich einlassen, du Depp, das ist klar! Und diese Dinge stehen doch nur, quasi stellvertretend, für das Leben, für das Leben der Anfänger, der Grünschnäbel, wie du einer bist ... du … du, alles klar!?
