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Große Gefühle zwischen Plätzchenduft, Schneeglitzern und Winterstürmen: Der Weihnachtsband der »Northern Love«-Reihe an Norwegens rauer Küste Der Winter zieht ein in Lillehamn, und die Gäste in Linneas »Strandkafé« werden weniger. Fest entschlossen, ihr geliebtes Café über die Runden zu bringen, schmiedet Linnea immer neue Pläne. Ausgerechnet jetzt startet auch Jarik Mathisen, Inhaber und Barkeeper des »Frontstage«, aggressive Marketingaktionen, und mit seiner arroganten Art lässt er keine Gelegenheit aus, Linnea auf die Nerven zu gehen. Lillehamn ist eindeutig zu klein für sie beide. Doch bald schon hat Linnea das Gefühl, dass die tätowierten Unterarme und das überhebliche Lächeln nur verbergen sollen, wer Jarik wirklich ist … Die Liebesromane der Reihe »Northern Love« rund um große Gefühle und spannende Schicksale in Norwegen sind unabhängig voneinander zu lesen. Die Ereignisse in den einzelnen Bänden folgen in dieser Reihenfolge aufeinander: - Hoch wie der Himmel (Krister und Annik) - Tief wie das Meer (Espen und Svea) - Wild wie der Wind (Alva und Joakim) - Hell wie der Weihnachtsstern (Linnea und Jarik) Lesermeinungen: Ich liebe Julie Birklands Schreibstil, der anders ist als von anderen AutorInnen, und ich liebe es, wie sie mich wirklich jede Emotion fühlen lässt. Lachen, weinen, freuen – da ist einfach alles dabei und wegen dieses Komplettpakets möchte ich euch die Reihe wärmstens ans Herz legen. (Lena Ernsting, Buchkuschler) »Northern Love« ist nicht nur eine Wohlfühlreihe. Es werden wichtige Themen angesprochen. Diese sind jedoch nicht erdrückend, sondern immer der Situation passend gewählt. Diese besondere Stimmung, die Julie mit den Geschichten einfängt, ist großartig. Man fühlt sich direkt wohl und verbringt gerne seine Lesezeit mit den Figuren aus Lillehamn. (Chantal Rauch, Chantals Bookparadise)
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
[Titel]
Unbenannt
Über dieses Buch
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Oma Elsas Gulrotkake (Karottenkuchen)
Danke.
Über die Autorin
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Impressum
Julie Birkland
Hell wie der Weihnachtsstern
Roman
Für Erika
Der Winter zieht ein in Lillehamn, und die Gäste in Linneas Strandkafé werden weniger. Fest entschlossen, ihr geliebtes Café über die Runden zu bringen, schmiedet Linnea immer neue Pläne. Ausgerechnet jetzt startet auch Jarik Mathisen, Inhaber und Barkeeper des Frontstage, aggressive Marketingaktionen, und mit seiner arroganten Art lässt er keine Gelegenheit aus, Linnea auf die Nerven zu gehen. Lillehamn ist eindeutig zu klein für sie beide.
Doch bald schon hat Linnea das Gefühl, dass die tätowierten Unterarme und das überhebliche Lächeln nur verbergen sollen, wer Jarik wirklich ist …
Noch malte die Sonne tausend rotgoldene Punkte aufs Wasser und tauchte die Uferpromenade in warmes Licht. Sobald sie hinter den Bergen auf der anderen Fjordseite versank, würde es kalt werden.
Linnea schob die letzten Stühle zusammen und wischte die Krümel von einem der drei Tische vor dem kleinen Café, das sie schlicht Strandkafé getauft hatte. Den Spatzen, die sich auf die Krümel freuten, war es egal, wo sie sie aufpickten, solange die Möwen ihnen dabei nicht in die Quere kamen.
»Auf deinem Schild ist ein Schreibfehler«, sagte jemand hinter ihr – jemand mit einer Stimme, die angenehm melodisch sein könnte, klänge sie weniger herablassend. Jarik Mathisen. Und seine übliche Arroganz hatte er auch gleich mitgebracht. So viel zum Thema ›in die Quere kommen‹.
Während sie sich zu ihm umwandte, knipste Linnea ein Lächeln an. »Ich hatte mich schon gefragt, wann du mal wieder zum Klugscheißen vorbeikommst.«
»Deutscher Apfelkuchen schreibt man mit einem C vor dem H in Kuchen.«
»Musst du nicht in deine Bar?«
Er sah sie von oben herab an, und sie richtete sich unwillkürlich zu ihrer vollen Größe von leider nur einszweiundsechzig auf. Das Abendlicht schien ihm in die Augen und ließ sie leuchten – ein Gedanke ungefähr so überflüssig wie der verschüttete Kaffee an Tisch zwei heute Nachmittag. Wen interessierte es, ob Jarik Mathisens Augen aussahen wie dunkler Bernstein?
Jetzt kniff er sie geblendet zusammen – oder vielleicht auch grimmig, genau konnte man das bei ihm nie sagen. Auf jeden Fall verschränkte er die Arme vor der Brust. »Manche Leute interessiert es, wie man Worte richtig schreibt.«
»Manche Leute interessiert es auch, wie man freundlich zu seinen Mitmenschen ist.« Der Spatz, der sich gerade über die Krümel am Boden hermachen wollte, flog erschrocken auf, als Linnea eine Decke von der nächstgelegenen Stuhllehne nahm, um sie auszuschütteln. »Siehst du, so unterschiedlich ist das mit den Leuten.«
Konnte der selbstherrliche Vollidiot jetzt bitte einfach mal verschwinden, mitsamt seinen Bernsteinaugen? Bis eben war der Tag … okay gewesen. Keiner der besten, aber mit ein wenig gutem Willen lief er in der Kategorie schöner Tag mit. Gut, der Wind wehte bereits empfindlich kalt, und ein paar mehr Gäste hätte Linnea sich auch gewünscht, aber der Sommer war nun mal vorbei. Nichts von beidem kam also unerwartet.
Sie hatte gewusst, was auf sie zukommen würde, als sie das Café eröffnete, theoretisch zumindest. Überraschend war nur, dass es ihr so zusetzte. Sie hatte ein Café führen wollen, seit sie mit achtzehn im Kafé Chaos gejobbt hatte, und Lillehamn war das Paradies ihrer Kindheit. Ein Café in Lillehamn: Was konnte es Besseres geben? In der Praxis war das Frühjahr aussichtsreich und im Erfolgsrausch des Sommers hatte sie kaum gewusst, was sie zuerst tun sollte. Erst jetzt, als es stiller wurde in Lillehamn, als die Touristen wegblieben und abends der Nebel über den Fjord kroch, hatte sie Zeit für Heimweh – und mit dem Heimweh kam die Trauer.
Manchmal musste sie sich anstrengen, damit die Tage gut und hell blieben. Sich mit Jarik Mathisen auseinanderzusetzen, machte das gewiss nicht leichter.
Linnea faltete die Decke zusammen und legte sie auf dem Tisch ab – eine Geste, die hoffentlich eindeutig aussagte, dass sie ihr Gespräch für beendet hielt.
Doch Jarik war offenbar nicht empfänglich für nonverbale Kommunikation. Abschätzig verzog er die Lippen. Ein Jammer, eigentlich waren sie recht ansehnlich. Ein bisschen voll vielleicht, aber hübsch geschwungen. Überhaupt war der Mann ein Gesamtkunstwerk mit seinen locker fallenden Haaren, der auf den Hüften sitzenden Jeans und der abgewetzten Lederjacke über dem Rolli. Zu schade, dass sein Benehmen so gar nicht dazu passte.
Linnea griff nach der nächsten Decke. »Sag, was du zu sagen hast, und dann lass mich arbeiten. Ich will irgendwann fertig werden.«
»Nicht viel los in letzter Zeit, was?«
»Scharfsinnig wie immer, Jarik.«
»Willst du das Café wirklich über den Winter geöffnet lassen?«
»Ja«, knurrte sie. »Das will ich.« Weil es ihr verdammter Traum war. Weil Papa sich gewünscht hatte, dass sie ihren Traum lebte. Weil es nicht schiefgehen durfte. Und keiner dieser Gründe ging Jarik Mathisen das Geringste an.
»Wir müssen bei Gelegenheit über Weihnachten sprechen.«
»Was?« Sie hielt in der Bewegung inne und starrte ihn irritiert an. Dann fing sie sich. »Wenn ich eins bestimmt nicht vorhabe, ist es, mit dir unterm Weihnachtsbaum zu kuscheln.«
Seine Ohren sah man unter der Mütze nicht, doch wahrscheinlich waren sie knallrot, wenn die Wangen schon rosa anliefen.
Ein kleiner Sieg nur, aber immerhin. Linnea zwang ein engelsgleiches Lächeln auf ihr Gesicht und hielt sich an der Decke fest. »Das braucht dir nicht unangenehm zu sein, Süßer. Ich bin für Weihnachten nur bereits verabredet, weißt du?«
Gemächlich löste Jarik die Arme, stützte sich auf der Lehne eines Stuhls ab und beugte sich nach vorn. Vielleicht war er doch nicht ganz so peinlich berührt. Als er noch ein Stück in ihre Richtung kam, wehte ihr ein Hauch von Minze und Zeder entgegen. Und etwas anderes. Bergamotte? Es roch gut. Sein Blick jedoch war hart. »Man muss nicht viel rechnen, um das zu verstehen, Süße. Lillehamn ist nicht groß genug für zwei Weihnachtsevents.«
Oh.
»Deswegen solltest du deinen kreativen Kopf gar nicht erst mit der Idee belasten, irgendeine Art von Konkurrenzveranstaltung zum traditionellen Gløggtrinken im Frontstage aus dem Boden zu stampfen. Ich dachte, ich informiere dich lieber rechtzeitig.«
In Büchern und Filmen wirkte Schlagfertigkeit immer einfach, aber Linnea klopfte das Herz so laut im Hals, dass sie sich sicher war, er würde es hören. Jarik konnte ihr vielleicht in seiner Bar mit jeder Geste zeigen, dass sie in Lillehamn nicht dazugehörte. Aber niemand würde ihr auf ihrem Territorium drohen. Entschlossen machte sie einen Schritt auf ihn zu und brachte ihr Gesicht nahe an seins, so nah, dass sie seinen Minzatem roch.
Jarik wich zurück. Ha!
»Falls ich mir für Weihnachten etwas ausdenke, Jarik Klugscheißer, ist das bestimmt keine Konkurrenzveranstaltung zum traditionellen Gløggtrinken«, – wer redete überhaupt derart gestelzt? –, »sondern etwas Eigenständiges, das zum Strandkafé passt und das nicht das Geringste mit dir oder dem Frontstage zu tun hat.«
Er öffnete den Mund, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Wenn sie einmal angefangen hatte, musste sie ihre Selbstsicherheit aufrechterhalten. »Entgegen deiner Annahme dreht sich im Leben nämlich nicht alles nur um dich und dein kleines Königreich im Frontstage.«
»Sag bloß. Worum dann? Um dich und deine grenzgenialen Backkünste?«
Die Wut verklumpte zu etwas, das ihr den Brustkorb zusammenschnürte. Hatte sie je jemanden so gehasst wie Jarik Mathisen? Okay, Mick in der Grundschule vielleicht, als er ihr immer »Ching, chang, chong« hinterhergerufen und sie an den Haaren gezogen hatte. Aber Mick war dumm gewesen, Jarik war einfach nur ein Arsch. Und es wurde Zeit, dass sie die Oberhand zurückgewann.
»Du bist neu hier, daher sehe ich dir deine Unwissenheit nach, aber das Weihnachtsgeschäft gehört mir.«
Oberhand. Jetzt. Verschwörerisch sah sie Jarik an und raunte in ihrer besten Sean-Connery-Imitation: »Es kann nur einen geben.«
Sie wusste nicht, mit welcher Reaktion sie gerechnet hatte, aber keinesfalls damit, dass sein Gesicht versteinerte.
»Sag nicht, du hast nie Highlander gesehen.«
Er schnaubte. »Ich weiß, woher der Spruch stammt. Aber du solltest das Schauspielern wohl den Profis überlassen.«
Damit drehte er sich um und ging.
»Verschütte nicht zu viel Bier!«, rief sie ihm hinterher, um irgendwie die Zittrigkeit loszuwerden. »Nicht, dass dich das am Ende ruiniert! Es wäre so schade!«
Ohne zurückzusehen, hob er eine Hand. Der Mittelfinger ragte ein Stück über die anderen hinaus.
Konnte der Typ sie nicht einfach in Ruhe lassen?
Linnea hasste Auseinandersetzungen. Notgedrungen hatte sie früh gelernt, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Wenn man anders aussah als der Rest der Bevölkerung, gab es nur die Wahl zwischen Kontern und Kleinbeigeben, aber das bedeutete nicht, dass sie sich dabei wohlfühlte. Sie klaute Jarik schon keine wertvollen Kunden, außer sich selbst vielleicht. Seit er sie auf dem Kieker hatte, ging sie nur noch ungern ins Frontstage,was das Kennenlernen neuer Leute in Lillehamn nicht unbedingt leichter machte. Auf einmal war sie müde.
Was hatte sie sich dabei gedacht, hierherzukommen und auch noch den Großteil ihres Erbes in dieses Café zu stecken? In Bergen hatte sie Freunde gehabt, ihre Mutter, einen Job, so öde der auch gewesen war. Immerhin hatte er Geld eingebracht, anstatt es zu verschlingen.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, bevor diese sich vervielfältigen konnte, ließ sich auf einen der Stühle sinken und sah den Spatzen zu.
Es blieb noch so viel zu tun. Decken und Tischdeko ins Haus zu räumen, war der kleinste Teil der Arbeit. Danach musste sie putzen, Rechnungen bezahlen, Einkäufe kalkulieren. Wenn sie fertig war, würde es dunkel sein. Jarik brauchte sich keine Sorgen zu machen. Wo sollte sie wohl die Energie hernehmen, sich über irgendeine grandiose Weihnachtsaktion Gedanken zu machen? Weihnachten lag noch gefühlte Jahre in der Zukunft, und jeder einzelne Tag kostete sie mehr Kraft, als sie hatte.
Linnea schloss die Augen, spürte den letzten Sonnenstrahlen nach und dann der Herbstkälte, die feucht vom Meer heraufkam. Gleichmäßig rollten die Wellen auf den Sandstrand, wie sie es seit Tausenden von Jahren taten. Was war ihr kleines Café gegen diese Ewigkeit?
Ein Gedanke schlich sich an. Und was, wenn … Vergeblich schob sie ihn weg. Aber was, wenn sie einfach aufgab?
Nicht ganz natürlich, dafür steckte zu viel von ihr im Strandkafé. Aber sie konnte über die Wintermonate schließen und im Mai wieder eröffnen, Saisongeschäft. Das war schließlich nicht unüblich. Irgendein Job würde sich schon finden lassen, hier oder anderswo. Zur Not konnte sie ihre Cousine Alva fragen, ob sie und ihre Brüder in der Arztpraxis noch jemanden zum Putzen brauchten. Es wäre die einfache Lösung. Jarik würde ihr nicht weiter auf die Nerven gehen, und sie müsste nicht jeden Tag rechnen, ob die Verkäufe die Kosten aufwogen.
Das Problem war: Aufgeben fühlte sich trotz allem falsch an. Erstens würde sie ein Versprechen brechen, und zweitens würde sie Jarik Großkotz garantiert nicht das Feld überlassen. Jetzt erst recht nicht.
Zeternd stoben die Spatzen unter dem Nebentisch auf. Ein roter Tigerkater strich Linnea um die Beine. Sie beugte sich zu ihm hinunter. »Hey, Panter. Wo hast du denn dein Frauchen gelassen?«
Er rieb schnurrend den Kopf an ihrer Hand, während sie sich umsah.
Lotta Eriksson, die alte Dame, die am Ende der Straße mit gefühlt zehn Katzen wohnte, machte ihren Abendspaziergang, begleitet von Panter, Murre und einer dritten Katze. »Na komm schon, Trine, komm schon!«
Die Katze sprang auf die kniehohe Mauer, die die Uferpromenade von dem kleinen Strand trennte.
Linnea straffte den Rücken und stand wieder auf. Zeit zum Seufzen war später. »Hallo, Lotta.«
»Linnealein, hast du noch ein Stück Kuchen für mich?«
»Tut mir leid, es ist alles schon weg. Ich hatte heute ein bisschen knapp kalkuliert.«
»Sei doch so gut und heb mir nächsten Freitag ein Stück vom Kvæfjordkake auf, falls ich es nicht rechtzeitig schaffe, ja?«
»Mach ich.«
Hätte jemand Linnea vor ein paar Monaten erzählt, dass ausgerechnet Lotta einer der Menschen werden würde, die sie in Lillehamn am liebsten mochte, hätte sie laut gelacht. Inzwischen schien jener erste Tag unendlich lange her, an dem Lotta sie so aufdringlich betrachtet hatte, als hätte sie noch nie jemanden mit einer anderen Hautfarbe gesehen, nur um dann kundzutun: »Sie sprechen aber schon gut Norwegisch.«
Und Linnea hatte zu ihrer eigenen Verblüffung nicht gesagt: »Sie ja auch. Wahnsinn«, sondern nur geantwortet, dass sie in Bergen aufgewachsen war und norwegische Eltern hatte. Inzwischen kannte Lotta den ganzen Hintergrund: Ihre Eltern hatten Linnea und ihren Bruder Tobi adoptiert, Linnea aus China, Tobi aus Indien. Obgleich sie in Bergen aufgewachsen waren, hatten sie viele Sommer hier in Lillehamn verbracht, bei ihrer Cousine Alva und ihren Cousins Espen und Krister.
Nur eines wusste Lotta nicht: dass Linnea aus Bergen eher geflohen war als alles andere. Nach dem Tod ihres Vaters und der Trennung von ihrem Exfreund versprach Lillehamn einen Neuanfang: neue Freunde, neue Anreize – einfach ein neues Leben ohne schmerzhafte Erinnerungen an jeder Ecke.
Was war sie naiv gewesen.
Wie sollte man Freunde finden, wenn man jeden Abend zu Hause in der Küche stand und Kuchen für den nächsten Tag backte? Inzwischen konnte sie sämtliche Rezepte ihrer Großmutter auswendig – sehr zur Freude von Lotta und ihrem Strickclub. Aber ein reges Sozialleben sah anders aus. Jarik Vollidiot Mathisen konnte ihr kaum weismachen, Lotta und ihre Freundinnen hätten ihr Geld andernfalls bei ihm am Kneipentresen gelassen.
»Dann bis demnächst. Kommt, Kätzchen! Trine, Murre! Kommt!«
»Bis demnächst, Lotta.«
Linnea sah ihr einen Moment hinterher. Wie alt mochte Lotta sein? Sie musste bei Gelegenheit ihre Cousine danach fragen. Alva kannte jede Familiengeschichte im Ort.
Linnea legte die letzten Decken zusammen, packte sie auf den Stapel und hob ihn auf, um ihn nach drinnen zu tragen, als sie Schritte hinter sich hörte. Wenn das noch einmal Jarik war, würde sie schreien.
»Hallo, Lieblingscousine.«
»Alva!« Erleichtert drehte Linnea sich um. »Woher wusstest du, dass ich vor einer halben Minute an dich gedacht habe?«
Ihre Cousine grinste. »Meine Spezialbegabung, weißt du doch. Brauchst du Hilfe?«
Linnea schüttelte über die Decken hinweg den Kopf. »Ist ja nicht dein Café.«
»Aber meine Cousine, die frustriert und überarbeitet aussieht.« Alva sammelte seelenruhig die Blumenvasen ein, die auf den Tischen standen.
»Ich bin nicht frustriert, ich …« Linnea musste irgendeine harmlose Ausrede finden. Alva würde sonst wieder versuchen, ihre Welt zu retten, und nächtelang über Probleme nachgrübeln, die nicht ihre waren.
»Du bist …?«, fing Alva ihren angefangenen Satz ein.
»Ist egal.«
»Du wirkst nicht, als sei es egal.«
Linnea seufzte. »Es ist einfach alles zusammen. Ich vermisse Papa.« Ganz entsetzlich sogar. Um nicht loszuheulen, schob sie den nächsten Punkt gleich hinterher: »Und ich mache mir Sorgen wegen der Wintermonate. Ich habe unterschätzt, wie sehr hier der Hund begraben ist.«
Sie war sich nicht sicher, ob sie gerade stabil genug war, sich von ihrer Cousine ausquetschen zu lassen. Um der Befragung auszuweichen, ging sie ins Café. Sie war immer noch stolz auf die Einrichtung mit den unterschiedlichen Vintage-Sitzgruppen, den von Espen gebauten Stehlampen und dem Kamin an der Wand gegenüber der Tür. Einzig die Kuchentheke und die Küchengeräte aus Edelstahl brachen subtil das Wohnzimmergefühl.
Alva stellte die Blumenvasen auf die Spülmaschine und fing an, die sauberen Teller und Tassen auszuräumen. »Hilft es dir, wenn wir mal eine Art Familien-Video-Abend machen? Oder Fotos von früher ansehen?«
Linnea hob die Schultern. »Das bringt ihn nicht zurück. Und es löscht nicht die Erinnerung an seine letzten Monate.«
»Ich weiß«, sagte Alva schlicht, und sie war einer der wenigen Menschen, die es wirklich wussten. Alvas Mutter war vor vielen Jahren an derselben Krankheit gestorben wie Linneas Vater im letzten Winter. Huntington war genetisch.
»Vielleicht wäre ein Fotoabend irgendwann schön«, sagte sie halbherzig.
»Ich würde dir gern versichern, immer für dich da zu sein, und dich bitten, Bescheid zu sagen, wenn du so weit bist, aber …«
»Aber du meinst, ich tue es sowieso nicht?«
»Niemand tut das«, sagte Alva. »Das ist das Problem. Ich sage es trotzdem: Ich bin immer für dich da. Das weißt du, oder?«
»Solange du dich nicht mit Jo in der Weltgeschichte herumtreibst.«
»Auch sonst. Nur kann ich dir aus der Ferne bei akuter Papa-Vermissung keine Taschentücher reichen, wie ich es jetzt jederzeit tun würde.«
Linnea stopfte die Decken in den Schrank und zog sie länger glatt als nötig. »Ich würde dich nicht mitten in der Nacht anrufen.«
»Kannst du aber.«
Linnea zupfte noch ein bisschen an den Decken herum. Sie musste jetzt doch lächeln. »Jo wäre begeistert.«
»Da muss er durch.« Endlich stellte Alva die Tasse, die sie hielt, in den Schrank und klappte die Tür zu. »Aber dein zweites Problem können wir konkret angehen, indem wir deine Arbeit besser verteilen und uns was ausdenken, um mehr Leute in dein Café zu bekommen. Das kann doch nicht so schwer sein.«
»Ist es nur leider.« Von dem Papierberg mal ganz abgesehen, der jeden Tag bedrohlicher wurde und den sie bis Jahresende irgendwie abarbeiten musste. Aber damit würde sie Alva nicht auch noch kommen.
»Es liegt auf jeden Fall weder an der freundlichen Bedienung noch am leckeren Kuchen noch an der Lage direkt am Wasser.«
Jariks Stimme hallte in Linneas Gedanken nach. Lillehamn ist nicht groß genug für zwei Weihnachtsevents. Vielleicht lag es eben doch an der Lage. Vielleicht hatte Lillehamn einfach nicht genug Einwohner für einen Imbiss, eine Bar und ein Café. Vielleicht hatte sie sich von Anfang an etwas vorgemacht, weil sie so dringend wollte, dass es klappte. »Was, wenn es einfach nicht mehr Leute gibt? Wir können sie kaum herzaubern.« Und wer abends in die Bar ging, kam kaum nachmittags ins Café. Es gingen ziemlich viele Leute in die Bar.
Es klapperte, als Alva den Stapel mit den Tellern hochhob. »Dann sollen sie aus Fuglesang herkommen, oder meinetwegen von rings um den Fjord. Oder aus New York, wenn’s sein muss.«
»Lass mich das machen.« Ihre Bitte klang nicht sehr überzeugend. So wichtig es ihr war, Sachen allein zu schaffen – eigentlich war sie froh, dass ihre Cousine ihr half.
»Schon erledigt.« Alva sah sich um. »Ich muss es einfach immer wieder sagen, aber dein Strandkafé ist traumhaft schön geworden.«
»Danke. Ich bin auch wirklich stolz darauf.« Ihr Designkonzept mochte nicht preisverdächtig sein, aber funktionierte. Wochenlang hatte sie für diese Möbel Kleinanzeigen studiert oder mit Espen und Svea zusammen Scheunenflohmärkte besucht. Am Ende hatte sie eine wild zusammengewürfelte Menge an verschiedenen Sitzmöbeln und Tischen angesammelt, die nur eins einte: Sie waren alle weiß, creme oder taubenblau in unterschiedlichen Schattierungen und Mustern. Mit dem Geschirr und Besteck war sie ähnlich verfahren. Kaum zwei Teller waren gleich, aber seltsamerweise passten sie genau deswegen gut zusammen. Ein paar dezente, maritime Schmuckstücke ergänzten alles. Ja, doch. Sie war stolz darauf.
»Viel schöner als die Eisdiele, die vorher hier drin war«, sagte Alva.
»Ich frag mich langsam, ob die Besitzer wirklich zurück nach Italien wollten, oder nur zugemacht haben, weil es sich nicht gerechnet hat. Die Pizzeria am Markt gab es ja auch nicht lange.« Der Stapel unerledigter Rechnungen in ihrer Dachwohnung drängte sich in ihre Gedanken. Sie war an einen Ort gezogen, an dem Menschen Urlaub machten, weil sie … nun, auch die Natur genießen wollte. Wandern gehen, segeln, den Basejumpern zusehen, möglicherweise sogar irgendwann selbst springen. Idealistin, die sie gewesen war. Als hätte sie auch nur entfernt genug Zeit oder Geld für eine Fallschirmausbildung, jetzt, da alles, was sie besaß, im Strandkafé steckte. Aber immerhin hatte sie es im Sommer zweimal mit dem Kajak auf den Fjord geschafft, als ihre Freundin Igny aus Bergen sie besucht hatte.
»Die Italiener haben’s halt nie über den Winter probiert«, sagte Alva.
»Dafür muss man wohl auch ziemlich irre sein.«
»Oder sich etwas sehr fest in den Kopf gesetzt haben.«
»Das auch.« Linnea unterdrückte ein Seufzen. Sie wollte das hier schaffen. Sie musste es schaffen. Und sie hatte nun mal keine Dependance in Südtirol, in die sie sich fürs Wintergeschäft zurückziehen konnte. »Aber ich glaube, vor allem braucht man eine gesunde Portion Wahnsinn.«
Alva sah sie mitfühlend an. »Man kann es Vertrauen nennen – darauf, dass sich rumsprechen wird, wie schön es hier ist. Außerdem sind Oktober und November bestimmt die härtesten Monate. Warte ab. Wenn du um Weihnachten herum noch Kekse und Tee verkaufst oder hübsche, individuelle Tassen …«
Weihnachten – wollte sie wirklich auf dieses Stichwort eingehen? Die Idee mit den Keksen und den Tassen war nicht übel, aber warum sollte jemand bei ihr Kekse kaufen, wenn sie im Supermarkt wesentlich günstiger waren?
Trotzdem lösten Alvas Worte etwas aus, einen kleinen, unfertigen Gedanken, viel zu frisch, um schon die Flügel auszubreiten. Sie musste sich ja nicht auf den Verkauf von Kaffee, Saft für die Kinder und selbstgebackenem Kuchen beschränken. Vielleicht konnte sie …
»Weißt du was? Ich geh kurz zum Duschen nach Hause, und dann machen wir beide uns einen schönen Abend«, sagte Alva.
»Das ist ein liebes Angebot, aber ich muss Buchhaltung machen und backen.« Und noch das eine oder andere mehr. »Außerdem willst du doch den Abend bestimmt mit Jo verbringen.«
»Jo ist in Oslo.« Alva lächelte. »Du würdest mich also vor einem Abend in Einsamkeit retten, wenn du meine Hilfe beim Backen annimmst.«
»Ich durchschaue dich, Alva Solberg.«
»Was meinst du?«
»Du glaubst, ich sage eher zu, wenn du mir einredest, ich würde dir was Gutes tun, obwohl in Wirklichkeit du mich vor einem Abend in Einsamkeit rettest.«
»Ach, komm. So offensichtlich war es nicht.«
»War es doch. Aber ich habe leider kein Rettergen, also funktioniert es nicht.«
»Du musst da nicht allein durch, weißt du?«
»Ich weiß. Aber ich mag mich gerade niemandem zumuten.«
»Ach, Linni. Ich helfe dir echt gern.« Alva hob die Hände zum Ansatz einer Umarmung, und Linnea fühlte sich steif und stachelig, dass sie nicht darauf einging, sondern nur sagte: »Ich weiß.«
»Und die Jungs sind sicherlich auch mit im Boot, wenn es darum geht, wie wir dich entlasten können.«
»Die haben ihre eigenen Familien.«
»Zu der du ja wohl auch gehörst.«
Linnea wusste selbst nicht genau, warum sie so darauf bestand, ihre Probleme allein lösen zu müssen. Wahrscheinlich war es irgendein frühkindliches Ding aus ihren ersten beiden Lebensjahren, für das sie jetzt beim besten Willen keine Zeit hatte. »Okay«, sagte sie schließlich. »Ich nehme dein Angebot an.«
Gut gelaufen war was anderes. Dabei hatte in Jariks Kopf alles logisch geklungen. Und einfach. Er teilte Linnea mit, dass sie eine Lösung für Weihnachten finden mussten, sie sagte, sie wolle zu Weihnachten sowieso ihre Eltern besuchen. Oder etwas in der Art. Das taten normale Leute doch, oder nicht? Ihre Eltern besuchen? Das, oder mit Freunden und Familien feiern. Und Linnea hatte doch eine Familie. Wo also hatte er falsch kalkuliert? Wo war das Gespräch ihm entglitten?
Der Herbstwind hatte aufgefrischt, seit die Sonne hinter den Bergen verschwunden war. Jarik zog den Reißverschluss höher. Kleines Königreich im Frontstage, pffft. Irgendwie hatte er sie dennoch für … nun, fairer gehalten. Oder zumindest nicht für jemanden, der so zielsicher unter die Gürtellinie schlug, wie sie es mit ihrem blöden Highlander-Zitat getan hatte. Woher wusste sie davon? Mit wem hatte sie über ihn gelästert?
Majbritt besaß einen Schlüssel, es war also nicht schlimm, wenn Jarik ausnahmsweise wenige Minuten zu spät kam und sich den längeren Weg am Wasser entlang gönnte.
Eben war er auf die Hafenstraße mit ihren verschiedenfarbigen Holzhäusern eingebogen, als sein Telefon klingelte. Hoffentlich meldete sich niemand krank. Als er die Nummer auf dem Display erkannte, wurde er unwillkürlich langsamer. »Hi.« Er musste sich räuspern. »Hier ist Jarik.« Als wüsste sie das nicht.
»Jarik, mein Schatz! Wie geht es dir?«
»Gut.«
»Ich habe nichts von dir gehört, mein Junge.« Genau genommen seit dem Tag, an dem er seinem Vater Hausverbot im Frontstage erteilt und sich danach eine Woche lang nicht im Spiegel angesehen hatte.
Er merkte, dass er die freie Hand zur Faust ballte und löste sie mühsam.
»Wo bist du? Es ist so laut!«
»Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, Mama. Ich kann nicht lange telefonieren.« Und ich will es auch nicht. »Was ist denn?«
War das ein Schniefen am anderen Ende? Jarik drehte sich mit dem Rücken zum Wind. »Sag nicht, der Alte hat dich geschlagen oder so was.«
»Was? Nein, das würde er niemals tun!«
Sicher.
»Harald ist gestürzt und hat sich den Knöchel gebrochen. Er hat fürchterliche Schmerzen.«
Wahrscheinlich wäre an dieser Stelle Mitleid angebracht. Aber Jarik fühlte … nichts. »Ist er gestolpert?«, fragte er.
»Es ist nicht so, wie du immer tust. Komm nach Hause und versöhn dich mit deinem Vater, Jarik.«
»Mama, ich muss jetzt arbeiten.«
»Wann kommst du? Ich könnte am Wochenende Fiskeboller machen oder …«
»Mama, ich …«
»Die hast du doch immer so gern gegessen.«
Jarik wurde übel. »Mama. Ich muss jetzt auflegen.« Er hatte den Finger schon auf dem roten Button, als ihm noch etwas einfiel. »Wie geht’s Alex?«
»Ich sehe deinen Bruder wenig. Er hat seine Freunde, weißt du …«
»Er wohnt bei euch.« Wie auch immer er das aushalten konnte.
»Nicht direkt. Er ist in die Garage gezogen.«
Das schlechte Gewissen war nur schwer auszuhalten. Er sollte sich um Alexander kümmern, ihm irgendwie aus dem Loch raushelfen. Sobald er das Frontstage durch die Herbstkrise gebracht hatte, würde er das tun. »Grüß Alex.«
»Aber ich sehe ihn doch kaum!«
Jarik schloss die Augen. »Auf jeden Fall danke fürs Bescheidsagen.«
Was. Für. Ein. Erbärmlicher. Tag.
Erst diese lästige Sache mit Linnea, jetzt das. Er steckte das Telefon zurück in die Jackentasche und ging auf den Steg hinaus, an dem neben Sveins und Hans’ Kuttern nur die Jacht von Alvas Freund Jo lag.
Der Wind war kalt genug, um dem Druck hinter seiner Stirn etwas entgegenzusetzen. Was war falsch mit ihm? Sollte er nicht irgendwie betroffen sein? Oder den Wunsch haben, alles stehen und liegen zu lassen, um ans Krankenbett seines Vaters zu eilen?
Nun, er hatte diesen Wunsch nicht. In seinem Leben änderte sich nicht das Geringste, nur weil ein verbitterter alter Mann auf seiner Müllhalde das Bein hochllagern musste. Wenn überhaupt, befeuerte es nur Jariks Entschluss, sein eigenes Leben zum Erfolg zu machen – und zwar so, wie er es sich vorstellte.
Einen Moment lang beobachtete er einen verspäteten Schwarm Hornhechte, die unter dem Steg hindurchzogen, dann wandte er sich zum Gehen. Majbritt und Lucas warteten. Eine Windbö wirbelte ihm gelbes und braunes Birkenlaub um die Füße, aus einem der nackten Bäume krächzte ihm eine Krähe hinterher.
Als er den schweren Samtvorhang zurückschlug und das Frontstage betrat, empfing ihn Diamonds and Coal, eines der Stücke, die ganz oben auf Majbritts Lieblingsplaylist standen. Noch war nicht viel los, aber der vertraute Geruch nach Holz, Bier, Menschen und Pizza legte sich um ihn wie ein schützender Mantel. Vielleicht hatte Linnea sogar recht mit dem, was sie sagte. Das hier war sein kleines, bescheidenes Königreich. Sein sicherer Hafen. Der eine Ort auf der Welt, wo zu hundert Prozent nach seinen Regeln gespielt wurde. Und er würde tun, was immer nötig war, um ihn zu erhalten.
Jarik streifte die Lederjacke ab, während er zum Schanktresen ging, und schob die Ärmel des Rollis nach oben.
Majbritt war dabei, Getränke auf ein Tablett zu stellen. Sie trug es an die Ecke der Theke, wo Lucas es schnell erreichen konnte, bevor sie sich Jarik zuwandte. »Hey, Barkeeper.«
Er erwiderte ihr Lächeln. »Hey, Küchenfee des Abends.«
»Was ist los? Du wirkst wie durchgekaut und ausgespuckt.«
»Fällt es jemandem außer dir auf?«
»Vermutlich nicht. Also, was ist?«
»Nichts«, sagte er. »Bisschen Ärger zu Hause.« Leicht verspätet fiel ihm ein, wie lange Majbritt ihn schon kannte. Mit wem sollte er zu Hause wohl Ärger haben außer mit seinem Küchenkaktus oder mit Theodor, der Spinne, die seit ein paar Wochen in seinem Badezimmer lebte?
Dankenswerterweise sah sie ihn nur einen Moment zu lange an und grinste dann. »Ich hab dir was mitgebracht.«
»Was Gutes?«
Lucas eilte heran und nahm das Tablett. »Erdnüsse für Tisch vier, ein Portobello-Burger und ein Spezialsalat für Tisch fünf. Zweimal Schokobier, ein Helles. Hey, Jarik.«
Jarik nickte. Die App, die sie zum Bestellen nutzten, zeigte diese Dinge automatisch in der Küche und am Tresen an. Dennoch hatte es sich bewährt, wenn die Bedienungen sie zwischendurch ansagten.
»Bin schon auf dem Weg in die Küche.« Majbritt salutierte. Bereits im Hinausgehen fiel ihr noch etwas ein. »Ich hab dir die Flyer fürs Pub-Quiz nächsten Dienstag unter den Tresen gelegt. Mit liebstem Gruß von Rina an dich.«
Majbritts Freundin Rina war Werbefachfrau. Die Gestaltung von Speisekarten, Bierdeckeln und Plakaten übernahm Jarik selbst, aber sie beriet ihn mit den Texten, und er konnte über die Agentur günstig drucken. Jarik kümmerte sich um die Getränkebestellungen, dann zog er die Flyer hervor. Es wurde also ernst. Quizabend im Frontstage. Das Plakat dafür hing schon seit einer ganzen Weile neben der Tür, aber wenn alle Gäste den Flyer persönlich auf den Tischen fanden, war die Einladung ein wenig konkreter.
Dieses Quiz war ein Test. Ein Versuch nur, ob die Leute von Lillehamn solche Events annahmen. Seit Linnea bis abends um sechs Kuchen und Quiches servierte, öffnete Jarik seine Bar zwei Stunden später. Man musste die Leute gelegentlich daran erinnern, dass das Frontstage der Ort der Wahl war.
»Achte drauf, dass die Eiermasse wirklich locker wird, damit –«
»Linni«, unterbrach Alva sie. »Ich habe schon mal Gulrotkake gebacken.«
»Aber nicht so gut wie ich.«
Alva lachte. »Du mach deine Bestellungen fertig. Und wehe, du erzählst den Gästen morgen nicht, dass deine weltbeste Cousine diesen Kuchen gebacken hat.«
Der Kaffee ging schon wieder zur Neige, der grüne Tee ebenfalls. Mehl, Zucker und die anderen Grundzutaten bestellte Linnea standardmäßig mit. Eier und Milch bekam sie von Höfen in der Nähe. Kakaopulver und Vanilleextrakt waren noch reichlich vorhanden …
Alva hob vorsichtig die geraspelten Möhren unter.
Eine Erinnerung schob sich vor Linneas Blickfeld.
»So geht das, Lieblingsmaus. Guck, ganz vorsichtig.« Die großen Hände ihres Vaters lagen um ihre kleinen und halfen mit starken, sicheren Bewegungen beim Unterheben der Karotten. Ein Blitzlicht aus einer Zeit, bevor seine Sprache verschliff und seine Bewegungen fahrig wurden. Es zwang sie fast in die Knie.
»Bist du mit der Bestellung schon fertig?«
»Was?« Linnea versuchte, die Erinnerung abzuschütteln. »Nein. Doch. Ich …« Linnea zuckte die Achseln. »Gulrotkake ist Mamas Lieblingskuchen, weißt du das?«
Alva hielt inne. »Nein.«
»Papa hat ihn jedes Mal zu ihrem Geburtstag gebacken. Du hattest einen Moment lang unglaubliche Ähnlichkeit mit ihm, wenn er Karotten geraspelt hat.«
»Ich …« Alva stockte, sichtlich ratlos, wie sie auf die Eröffnung reagieren sollte.
»Ist okay, du brauchst nichts zu sagen.« Linnea klappte das Laptop zu und stand auf. »Rühr weiter, aber mach’s nicht zu homogen, damit der Kuchen was wird.« Sie musste sich schnell in die Sachlichkeit retten, um nicht schon wieder sentimental zu werden. Ihr Vater war vor über einem halben Jahr gestorben, und am Ende hatten sie es alle herbeigesehnt, er selbst wohl am allermeisten. Also. Sollte nicht langsam mal Schluss sein mit dem Geheule?
»Unterstellst du mir, Omas Rezepte nicht zu beherrschen?« Trotz der gespielten Herausforderung war Alvas Blick sanft.
»Nicht so gut wie Papa.« Und jetzt schniefte Linnea doch. »Ach, Scheiße. Er hat so lange durchgehalten. Warum …« Warum hatte er sie allein gelassen? »Und es ist nichts übrig von ihm, weißt du? Ich werde nie ein Kind haben, das so aussieht wie er oder so grinst wie er oder das Zeichnen genauso liebt …«
Alva stellte die Schüssel ab.
Linnea versuchte ein Lachen. »Rühr weiter, hab ich gesagt.«
»Ist zu Ende gerührt.« Einladend öffnete Alva die Arme.
Linnea schüttelte den Kopf. »Das willst du nicht. Wenn ich anfange zu heulen, höre ich nicht mehr auf.«
»Wäre das schlimm? Du hast deinen Vater verloren – zum zweiten Mal. Wenn das nicht zum Weinen ist, weiß ich auch nicht.«
Linnea suchte in der Hosentasche nach ihrem Taschentuch. Ihre Mutter hatte es für sie genäht. »Wir waren alle so erleichtert, als es vorbei war. Aber trotzdem … Er ist nicht mehr da, Alva! Er ist einfach nicht mehr da!«
Jetzt erlaubte sie doch, dass ihre Cousine sie behutsam umarmte, ganz kurz nur. »Ich weiß«, sagte Alva. »Ich weiß.«
Linnea löste sich. Sie konnte jetzt nicht zusammenbrechen. Nicht, wenn noch so viel zu tun war. Sie nahm Alva die Rührschüssel ab und füllte den Teig mit geübten Bewegungen in die Backform.
Es gab ihr Sicherheit, diese Routine. Mit Blick auf den Kuchen im Ofen sagte sie: »Hört das Vermissen irgendwann auf?«
Es dauerte, bis Alva antwortete, und als sie es tat, sprach sie mit Bedacht. »Ich kann ja nur für mich sprechen, aber: Der Schmerz lässt nach. Nicht, weil er weniger wird, sondern weil ihn nach und nach immer mehr Gutes umhüllt, das ihn erträglich macht. Und das Vermissen … Es wird anders. Bei mir ist es mehr so ein stilles Bedauern. Ich werde Mama nie von Jo erzählen können, sie wird nie meine Robben kennenlernen, ich kann mit ihr nicht über Praxisanekdoten lachen. Das macht mich immer noch manchmal ein bisschen traurig. Der Tod zeichnet einen. Aber das Weinen hat aufgehört, und irgendwann wird es das bei dir auch.«
»Ich hoffe es.« Linnea seufzte. »Es ist ja auch schon weniger geworden. So schlimm wie heute war es lange nicht.«
Sie zogen in die Sitzecke um, und Linnea füllte zwei Tassen mit Sanddorntee. Kuchenduft breitete sich in der kleinen Wohnung aus.
Mit angezogenen Beinen saß Alva auf der Armlehne des Zweisitzersofas, an dessen anderem Ende Linnea es sich bequem gemacht hatte. »Du hast vorhin gesagt, du würdest nie ein Kind haben, das aussieht wie dein Pa.« Sie pustete in ihre Tasse. »Aussehen wohl nicht, wie auch? Aber vielleicht wird es die gleiche Liebe zum Leben haben. Oder ähnliche Wertvorstellungen. Die Liebe, die er dir geschenkt hat, ist immer noch da. Und die gibst du weiter.«
»Im Moment höchstens an den Kuchen.« Linnea seufzte. »Das ist auch so eine Sache. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, hier Freunde zu finden, außer euch, meine ich. Selbst, als Amalie erzählt hat, dass sie nach Trondheim zieht … irgendwie hatte ich angenommen, wir würden uns dennoch ab und zu sehen, oder ich würde halt neue Leute finden. Ich fühle mich gerade, als hätte ich auf der ganzen Linie versagt und Papas Erbe mit dem Café in den Sand gesetzt.«
»Dann wird es Zeit, dass wir das ändern. Kommst du nächsten Dienstag mit ins Frontstage zum Quizabend?«
»Was für ein Quizabend?«
»Hast du es nicht mitbekommen? Jarik veranstaltet ein Pub-Quiz im Frontstage. Er hat seit Tagen ein Plakat an der Tür hängen.«
Als führte Linneas üblicher Weg zum Einkaufen – oder wohin auch immer – am Frontstage vorbei. Es gab genügend andere Möglichkeiten, um irgendwo hinzugelangen. Doch erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie aktiv Umwege in Kauf nahm, um die Bar zu meiden.
»Wenn der Quizabend ein Erfolg wird, will Jarik ihn einmal im Monat veranstalten«, sagte Alva. »Ich finde, das klingt nett. Also was ist, kommst du mit?«
»Ich weiß nicht. Dienstags muss ich eigentlich …« Irgendwann würde es sich ohnehin in Lillehamn herumsprechen. Linnea kannte den Ort gut genug, um das zu wissen. Hier blieb nichts lange geheim, also konnte sie es Alva ebenso gut erzählen. »Weißt du noch, als wir im Frühling zusammen im Frontstage waren, kurz bevor ich das Café eröffnet habe?«
»Ja.« Alva dehnte das Wort zu einer Frage.
»Erinnerst du dich daran, wie ich gesagt habe, Jarik könne mich nicht leiden? Du hast das abgestritten.«
»Weil es Quatsch ist.«
»Das hast du damals auch behauptet. Du meintest, er sei mit seinem Kopf bloß woanders.«
»Nicht auszuschließen«, sagte Alva. »Das ist er ständig. Er ist ziemlich schlau, auch wenn er es nicht zeigt.«
»Außer bei fehlenden Buchstaben im Apfelkuchen«, murmelte Linnea.
»Was?«
»Nichts. Jedenfalls hatte ich damals recht. Er mag mich nicht. Bis vorhin dachte ich, ich würde es mir einbilden, aber heute Nachmittag hat er mir offen den Krieg erklärt.«
»Was?« Alva lachte irritiert auf. »Das … Okay, ich will dir nicht absprechen, was du sagst, aber das passt wirklich nicht zu dem Jarik, den ich kenne. Wobei … Nein.«
»Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben?«
»Ich habe Unsinn gedacht. Vergiss es. Also, was ist das für eine Sache zwischen Jarik und dir?«
»Nichts weiter eigentlich. Ich gehe nicht mehr gern ins Frontstage, weil Jarik immer so wirkt, als hätte er auf was Bitteres gebissen, wenn er mich sieht.«
»Mir ist aufgefallen, dass du eine Weile nicht da warst, aber ich dachte, du hättest einfach zu viel zu tun.«
»Auch, ja. Aber ich gebe mir nicht viel Mühe, die Zeit fürs Frontstage zu finden, seit das so läuft. Ganz lange dachte ich, er hätte ein Problem mit meinem chinesischen Aussehen, aber das ist es wohl doch nicht. Wenigstens.«
»Was dann?«
»Heute Nachmittag hat er mir mitgeteilt, dass das Weihnachtsgeschäft einzig und allein ihm gehört. Als sei ich eine unglaubliche Konkurrenz für ihn. Eher verkneifen sich die Leute doch den Kaffee und Kuchen, um abends in die Bar zu gehen, als andersrum. Seit Tagen war fast nur Lotta mit ihren Freundinnen hier.«
»Das wird er doch wohl auch sehen.«
»Ihm ging es anscheinend tatsächlich um die Tage um Weihnachten herum. So weit denke ich überhaupt noch nicht, ich mache ihm bestimmt keinen einzigen Gløggtrinker abspenstig. Aber er klang durchaus so, als wollte er mich gegebenenfalls sehr nachdrücklich daran erinnern.«
»Jarik?« Alva schüttelte den Kopf. »Jarik ist ein Lämmchen. Der schlägt nicht mal Fliegen tot.«
»Ein Lämmchen.«
»Ja, ein ziemliches sogar.«
»Das niedliche Lämmchen hat vorhin aber ganz schön die Reißzähne gefletscht.«
»Sicher, dass es kein Gebiss war?«
Bei der Vorstellung, wie Jarik mit einem im Mund verkanteten Plastikgebiss kämpfte, musste Linnea tatsächlich lachen. »Ziemlich sicher. Aber verstehst du jetzt, warum ich nur ungern zum Quiz mitkomme?«
Alva nickte. »Ich glaube allerdings nicht, dass es eine Lösung ist, Jarik auf ewig aus dem Weg zu gehen. Zumal am Frontstage kein Weg vorbeiführt, wenn du dich mit Leuten in unserem Alter treffen willst.«
»Ich weiß! Es widerstrebt mir auch, mich rausekeln zu lassen, aber …«
»Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn du mit zum Quizabend kommst?«
»Keine Ahnung. Jarik lässt mich verlieren?«
Jetzt lächelte Alva. »Eine Katastrophe.«
»Oder er mischt mir Spülmittel ins Getränk?«
»Denke nicht, dass es so weit kommt. Also, was ist?«
Linnea gab sich einen Ruck. Alva hatte recht. Was sollte schon geschehen? Jarik würde wohl kaum die versammelte Dorfgemeinschaft mit Kuchengabeln auf sie hetzen. Außerdem ließ die Tochter von Mads Løvskog sich nicht einfach so kleinkriegen. »Okay. Ich komme mit.«
Das Gespräch mit Alva klang noch in Linnea nach, als sie am nächsten Morgen die Frischkäsefüllung für den Karottenkuchen zusammenrührte. Sie vermisste nicht nur ihren Vater, sie vermisste auch ihre Mutter und ihren Bruder, die beide auf ihre eigene Art trauerten. Vielleicht sollte sie zu Weihnachten wirklich einfach nach Bergen fahren und Jarik mit seinem dämlichen traditionellen Gløggtrinken glücklich werden lassen. Die Aussicht darauf, mit ihrer Mutter und Tobi auf der Hütte zu feiern, war jedenfalls wesentlich verlockender als in ihrer Mikrowohnung vor sich hin zu schimmeln, während der Rest von Lillehamn Weihnachtslieder sang.
Je lebendiger Linnea sich das Weihnachten in Bergen vorstellte, desto schöner wurde es. Ihr Vater würde fehlen, natürlich. Aber wenigstens würden sie dort zusammen sein, wo er am glücklichsten gewesen war. Sie stellte die Rührschüssel zur Seite und holte das Headset aus der Schreibtischschublade. Während sie die cremige Masse auf dem Kuchen verteilte, rief sie ihre Mutter an.
Die war beinahe sofort am Telefon. »Hallo, Linni-Schatz.«
»Hey, Mama.«
»Schön, dass du anrufst, das muss Gedankenübertragung gewesen sein.«
»Wieso?«
»Als wir uns heute Morgen zum Hundegang getroffen haben, habe ich noch zu Karin gesagt, ich hätte lange nichts von dir gehört. Und schon rufst du an.« Sie lachte, ein bisschen zu munter. »Sonst hätte ich mich heute auch noch gemeldet.«
Linneas Herz wurde weit. »Ich hab dich lieb, Mama.«
»Ich dich auch, Kleines.«
»Wie geht es dir?«
»Ich tu mein Bestes.« Was in klaren Worten vermutlich bedeutete: Ihre Mutter hielt sich mit der bewussten Entscheidung für Fröhlichkeit gerade eben so über Wasser. Über all die Jahre hatte sie die gesamte Familie aufrecht gehalten, indem sie immer wieder das Positive fand, immer wieder das Schöne in einer Situation sah. Zum ersten Mal fragte Linnea sich, ob ihre Mutter überhaupt noch in der Lage war, wütend zu werden, wenigstens auf das Schicksal. »Karin hat im Wald einen Elch gesehen. Ich habe leider in dem Moment woanders hingeschaut. Trotzdem war es … schön.«
»Das ist toll, Mama.«
»Und du, Schätzchen? Wie geht es dir?«
»Gut«, sagte Linnea automatisch. Was für ein dämlicher Reflex! Sie holte tief Luft. »Okay, ehrlich gesagt, nicht so besonders.«
»Magst du erzählen?«
»Wenn du Zeit hast …«
»Für wen sollte ich sonst Zeit haben, wenn nicht für meine Lieblingstochter.«
Also berichtete Linnea zum zweiten Mal in vierundzwanzig Stunden, was in ihrem Leben derzeit alles falsch lief. Ihre Mutter hörte geduldig zu und stellte an genau den richtigen Stellen genau die richtigen Fragen.
»Ich wünschte, du wärst hier.«
»Wenn du willst, komme ich mal ein Wochenende. Vielleicht zum Luciafest?«
»Da werde ich hoffentlich mindestens halb Lillehamn im Café bewirten. Aber ich würde dich unglaublich gern endlich wiedersehen. Wie wäre es an dem Wochenende davor?«
»Ich könnte auch kommen, um dir zu helfen. Du brauchst ja nicht die perfekte Gastgeberin zu spielen.«
Hinter Linneas Augen kribbelte es mit einem Mal. Bis eben hatte sie nicht gewusst, wie sehr sie sich nach ihrer Mutter sehnte. Sie blinzelte eine verirrte Träne weg. »Wenn du dazu Lust hast, sage ich bestimmt nicht Nein.«
»Steht schon«, sie hörte, wie ihre Mutter die Küchenschublade öffnete und nach einem Stift kramte, und sah sie vor sich, wie sie den Termin in den Wandkalender eintrug, »im Kalender. Wenn es dir passt, komme ich Freitag vor dem Luciafest.«
»Ich freu mich riesig.«
»Ich auch, Schätzchen.«
»Wenn ich dich bei deinem Besuch schon zum Arbeiten einspanne … Was hast du eigentlich zu Weihnachten vor? Ich dachte, vielleicht könnten wir drei – du, Tobi und ich – gemeinsam feiern.«
»Oh nein!« Ihre Mutter wirkte so betroffen, dass Linnea sich lebhaft vorstellen konnte, wie sie versuchte, die Fassung zu wahren. »Es tut mir so leid. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du Zeit hast, weißt du? Ich dachte, du seist vollkommen mit deinem Café beschäftigt.«
Linnea schluckte. »Bin ich nicht, wie es im Moment aussieht, aber …«
»Ich habe …« Ihre Mutter zögerte. »Lass mich kurz überlegen, ob ich die Reise vielleicht stornieren kann.«
»Du willst über Weihnachten weg?«
»Ja, ich habe gerade letzte Woche mit Tobi darüber gesprochen. Er möchte nicht für ein paar Tage um die halbe Welt fliegen, und dann habe ich gedacht, ich könnte …«
»Du hast gedacht, du tust das stattdessen und machst Urlaub in Ecuador«, sagte Linnea leise. Tobi war zum Auslandsstudium dort, nach dem Tod ihres Vaters von zu Hause geflohen, wie Linnea nach Lillehamn geflüchtet war.
»Ja.«
»Das ist … doch toll.« Eigentlich.
»Ich konnte den Gedanken an Weihnachten ohne Mads einfach nicht ertragen. Ich hier, in dem stillen Haus, umgeben nur von Erinnerungen … Nein.«
»Versteh ich.«
»Ich hätte es mir dir abstimmen müssen. Es tut mir leid.«
»Hör auf, Mama, das muss es nicht. Tobi und du, ihr werdet eine tolle Zeit haben. Und du stornierst diese Reise auf keinen Fall!«
»Wie rücksichtslos von mir! Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass du die ganze Zeit mit Alva und den Jungs zusammen bist, dass ich nicht nachgedacht habe.«
»Die Jungs sind inzwischen auch erwachsene Männer.«
»Natürlich.«
»Wie gesagt, mach dir keine Gedanken, ich komme schon klar. Und ich freue mich, wenn du mich besuchen kommst.«
Tassen und Kekse, hatte Alva vorgeschlagen. Warum eigentlich nicht? Ihre gemeinsame Großmutter hatte nicht nur hervorragenden Kuchen backen können, sondern auch Kekse, für deren Diebstahl die Enkelkinder ausgeklügelte Pläne geschmiedet hatten. Oma Elsas Weihnachtsplätzchen … das war nicht so schlecht, oder?
Linnea dachte noch darüber nach, als sie die Tür zum Strandkafé aufschloss. Sie schleppte die Tafel nach draußen, auf der heute in absolut korrekter Rechtschreibung die Ankündigung des Tageskuchens stand: Gulrotkake. Dazu bot sie immer noch eine Quiche und einen einfachen Rührkuchen an, heute war es Zitronenkuchen.
Während sie die Decken auf den Stühlen im Außenbereich verteilte, grübelte sie weiter. Ihre Familie war bestimmt nicht die einzige, in der es Rezepte mit Tradition gab. Jede Familie hatte diese, oder nicht?
Langsam begann in ihrem Kopf eine Idee zu wachsen. Einen Augenblick setzte sie sich und sah auf den Fjord hinaus. Dann schrieb sie Igny eine Nachricht.
Hallo, beste Freundin. Wie läuft’s bei dir? Ich brauche Hilfe bei einer Änderung auf der Website. Melde dich, wenn du kannst.
Ja, sie würde Weihnachten hierbleiben. Und Jarik Mathisen sollte sich verdammt warm anziehen.
Jariks Schädel nahm ihm den gestrigen Abend sehr, sehr übel. Möglicherweise hätte er die Quizplanung mit Majbritt doch eher mit, sagen wir, Kaffee als mit Bier und Moltebeerenschnaps machen sollen. Götter von Asgard, so elend war ihm lange nicht gewesen. Wie schafften Leute das, ständig so viel zu trinken? Nicht, dass er sich darüber beschweren würde, er lebte schließlich davon. Blöderweise hatte der Alkohol zwar gereicht, um sein Hirn ärgerlich gegen die Knochen schwappen zu lassen, nicht aber, um Linnea Løvskog daraus zu löschen.
Dabei wusste er nicht einmal genau, was schlimmer war: dass ihr Geschäft sich wie eine Bedrohung anfühlte, dass er aus irgendwelchen Gründen, über die er jetzt nicht nachdenken würde, ständig ihr Gesicht vor Augen hatte, oder dass er sich beim Joggen beobachtet fühlte, obwohl man von ihrem Café die Stelle des Strands nicht mal sehen konnte, an der er entlanglief. Er würde niemals ein Leistungsjogger wie Krister Solberg oder Alvas Freund Jo, der ehemalige Handballstar, sein, er trabte nur ab und zu ein bisschen am Wasser entlang, wenn zu viele Gedanken seinen Kopf blockierten – wie jetzt. Die kühle Luft legte sich auf sein Gesicht, er zog sie mit jedem Schritt tief in die Lunge. Wenige Meter noch, und die Blickachse zum Strandkafé wurde frei. Es kostete Jarik Mühe, nicht hinüberzusehen, um lediglich … Warum eigentlich? Um zu checken, ob Linnea trotz der Kälte den Außenbereich herrichtete? Und wozu wollte er das wissen?
Er blickte nach vorn, jawohl. Und selbst für den Fall, dass sie zufällig gerade jetzt aus dem Fenster schauen sollte, war er bloß ein Typ mit Kapuze, der an der Wasserkante entlanglief. Dummerweise würde er denselben Weg zurücklaufen müssen.
Während der letzten Wochen war eine Familie von Kegelrobben immer wieder ans Ufer gekommen. Die Tiere schienen es zwischen den Findlingen am Ende des Strands behaglicher zu finden als draußen auf den vorgelagerten Felsen. Einmal im Leben ließen die Menschen von Lillehamn so etwas wie Vernunft erkennen – wie abgesprochen machten alle einen Bogen um die Robben. Ab und zu kletterten vereinzelte Touristen mit Ferngläsern und Zoomobjektiven auf die Steine, aber bisher hatten die Tiere sich nicht stören lassen und auch niemanden angegriffen. Einmal hatte Jarik mitbekommen, wie ausgerechnet Lotta, die freundliche Katzenlady aus dem Haus neben seinem, ein paar Instagrammer verscheucht hatte.
Jetzt kniff er die Augen zusammen und versuchte, das letzte bisschen Restalkohol aus seinem Bewusstsein zu schütteln. Was taten die Kinder da auf den Felsen? Er lief schneller. »Hey!«
Es waren drei Jungs, kleine Jungs. Einer davon war Kristers Stiefsohn Theo, die anderen beiden wohnten auch in der Kongchristiansgate. Luis und Jack? Ihre Mutter war jedenfalls Rose. Aber es spielte keine Rolle, wie sie hießen, sie hatten bei der Robbenkolonie nichts verloren.
Statt umzukehren, stieg Jarik auf die glitschigen Felsen. »Keine coole Idee, denen da unten zu nahe zu kommen. Haut ab. Lasst die Robben in Ruhe.«
Drei Augenpaare musterten ihn, zwei braune, ein blaues. Der eine von Roses Söhnen deutete nach unten, wo keine Gruppe, sondern nur eins der Tiere lag, wie Jarik jetzt erkannte. »Der braucht Hilfe.«
Erfolglos versuchte die Robbe, über einen Felsblock ins Meer zu gelangen. Etwas stimmte nicht, die Jungs hatten recht.
»Der hat was am Maul«, sagte Theo.
Jetzt sah Jarik es auch. Um Schnauze und Kopf der Robbe hatte sich ein dünnfädiges Fischernetz gewickelt. Wahrscheinlich konnte das Tier damit nicht besonders gut fressen und war jetzt zu schwach, den kurzen Weg ins Meer zu schaffen. »Fuck«, zischte er.
»Das sagt man –«, begann der Größere von Roses Söhnen, aber der Kleinere puffte ihm in die Seite.
»Ist doch egal!«
Erwartungsvoll blickten die drei Kinder Jarik an, und er begriff in diesem Augenblick, dass es sein Job war, die Verantwortung zu übernehmen – gleichgültig, ob er vorher je mit Robben zu tun gehabt hatte oder nicht. Er war hier der Erwachsene. Das Tier machte nicht den Eindruck, als sei es in der Lage, jemanden anzugreifen, trotzdem sollte er die Kinder besser aus der Gefahrenzone halten. Kegelrobben waren keine niedlichen Kuscheltiere. »Hat einer von euch ein Telefon dabei?«
»Nee!«
»Mama sagt, ich kriege erst eins, wenn ich zehn bin.«
Richtig. Da war was. Er verfluchte sich selbst dafür, sein Smartphone zu Hause gelassen zu haben. »Okay, passt auf.« Ruhig und besonnen jetzt. Er war der Erwachsene. »Wer von euch ist der Schnellste?«
»Jack.«
»Dann läuft Jack jetzt ins Strandkafé hoch und sagt Linnea Bescheid, dass sie in der Robbenstation anrufen und jemanden herschicken soll. Kriegst du das hin, Jack?«
Der Größte der drei nickte. »Klar.«
»Gut, flitz los. Und wir drei …« Es nützte nichts, er brauchte die Jungs, um dem Tier den Weg abzuschneiden. Allein schaffte er das nicht. »Ihr geht hier vorn runter zum Wasser, ganz langsam, dass der Kerl da unten sich nicht erschreckt. Und dann macht ihr euch ganz groß, Arme nach oben und so. Und da vorn bleibt ihr einfach stehen. Nicht näher ran, ja?«
Sie nickten.
»Ich komme von der anderen Seite, und dann warten wir, bis jemand von der Marinestasjon hier ist.« Nichts einfacher als das, klar. Gib mir jederzeit die Verantwortung für zwei Siebenjährige und ein halb verhungertes Meeresraubtier. Jarik grinste die Kinder so aufmunternd an, wie er konnte. »Lasst uns loslegen, wir haben eine Robbe zu retten.«
»Hast du ein Taschenmesser?«, fragte Theo. »Ich hab mal ein Video gesehen, da hat ein Mann sich auf den Rücken von einem Seehund gesetzt und so einen Faden einfach mit dem Messer abgeschnitten.«
»Leider nicht dabei.« Ohnehin wäre es fraglich gewesen, ob er sich getraut hätte, nahe genug an das Tier heranzugehen. »Einer von euch?«
Kopfschütteln antwortete ihm.
Jarik sah zu der geschwächten Robbe hinunter. »Auf geht’s.«
Die Jungs hielten sich an seine Anweisungen. Sie kletterten langsam und ruhig, ebenso wie er auf der anderen Seite der kleinen Felsenbucht. Hoffentlich war Jack inzwischen bei Linnea angekommen, und die Experten kamen bald.
Die Robbe wurde unruhig und versuchte erneut, zum Meer zu gelangen. Jarik war wirklich kein Fachmann, aber es war offensichtlich, dass er das Tier daran hindern musste. Im Meer würde es schwierig bis unmöglich werden, das elende Geisternetz runterzuschneiden. »Ganz ruhig«, murmelte er, wobei er sich nicht sicher war, ob er die Robbe meinte oder sich selbst. »Ganz ruhig, okay?«
Riesige schwarze Augen sahen ihn an, als er dem Tier den Weg versperrte. Nicht zum ersten Mal überfiel ihn frustrierte Wut auf seine Mitmenschen. Warum konnten sie die Welt nicht einfach in Ruhe lassen? Mussten sie ihren scheiß Plastikmüll überall verteilen? Der Gedanke, dass dieses Netz einmal einem seiner Stammkunden gehört haben könnte, ließ ihn mit den Zähnen knirschen. Aber Svein und Hans waren altmodisch, sie passten auf ihre Netze auf. Mehr als einmal hatte er einen der beiden auf seinem Kutter sitzen und Fischernetze flicken sehen. Wahrscheinlicher war, dass dieses Ding hier von einem der großen Trawler stammte, die vor der Küste das Meer leer fingen und das Ökosystem zerstörten.
»Tut mir leid, dass wir so eine strunzdumme Spezies sind, Kollege«, sagte er zu der Robbe, so leise, dass die Kinder ihn nicht hören konnten. Erst jetzt sah er die verwickelten Fäden an der rechten Brustflosse. Das Tier würde so vielleicht nicht mal richtig schwimmen können. Wie war es überhaupt bis hierher gelangt? »Ich hoffe, gleich kommt jemand, um dir zu helfen.«
Er reckte den Kopf, konnte von hier unten aber noch weniger erkennen, ob Jack Erfolg gehabt hatte. Dafür traf ihn unerwartet ein eisiger Wasserschwall von hinten.
Theo und Luis kreischten auf und schafften es, nicht von der Welle erwischt zu werden, die Jariks Hosenbeine durchnässt hatte. Die Flut kam. In zwei Stunden spätestens würde diese Bucht mannshoch überflutet werden. Hoffentlich beeilten die Leute von der Robbenstation sich. Und was, wenn nicht?
Zur Not musste er einen der Jungs losschicken, um ein Messer zu holen, und irgendwie selbst … Eine weitere Welle schwappte ihm gegen die Knöchel. Die Flut kam schneller, als er gedacht hatte. Aber noch war die Robbe im Trocknen, sie lag mindestens einen halben Meter über seinem Standort.
Oben auf den Felsen erklangen Stimmen. Eine Kinderstimme – und eine Frau. Jack hatte Linnea mitgebracht. Super. Und er stand hier vor Kälte zitternd mit am Hintern klebender Hose. Garantiert war seine Nasenspitze knallrot. Er wischte sich mit dem Ärmel darüber, um wenigstens potenzielle Kondenströpfchen loszuwerden. »Habt ihr jemanden erreicht?«, rief er, sobald Linnea auftauchte. »Oder zufällig ein Messer mitgebracht?«
»Kein Messer, nein.« Linnea betrachtete ihn mit einem Blick, den er nicht lesen konnte. »Kein Messer. Aber Nina und Bo von der Robbenstation kommen gleich mit dem Boot.«
»Gut.«
Während Jack erstaunlich behutsam zu den anderen Kindern kletterte, schien Linnea ein wenig ratlos. Einen Moment lang sahen sie sich nur an – er verkatert, durchgefroren und nass, sie mit Wollmütze über den langen schwarzen Haaren, Wollhandschuhen und dicken Stiefeln wie ein Model aus einem winterlichen Werbeprospekt.
»Musst du –«
»Soll ich –«
Sie hatten gleichzeitig angefangen zu sprechen und hörten gleichzeitig wieder auf.
»Du zuerst«, rief Linnea.
Die Robbe schien sich wegen der vielen Menschen immer unwohler zu fühlen. Sie warf den Kopf hin und her und versuchte wieder, auf den Felsen zu kommen. Reflexartig machte Jarik einen Schritt nach vorn und trieb sie zurück in Sicherheit.
»Zu viele Leute. Geh am besten wieder.« Hoffentlich war das laut genug gewesen, dass Linnea ihn hören konnte.
»Sicher, dass ich nicht –«
»Ja, sicher!« Götter, war ihm kalt. Wenn die Robbe jetzt aus Angst ihre letzten Kräfte mobilisierte und auf ihn losging, um zum Wasser zu kommen, waren sie beide erledigt. »Hau einfach ab.«
Und dieses Mal konnte er Linneas Blick deuten. Soll die Sturmflut dich holen bedeutete er. Oder vielleicht auch Fick dich doch ins Knie. »Auf eine Art ist es beruhigend.«
»Was?« Die nächste Welle schwappte ihm gegen die Wade, er machte einen Schritt nach vorn.
Die Robbe knurrte.
»Dass ich meine schlechte Meinung über dich doch nicht ändern muss. Wäre sehr verwirrend gewesen.« Sie wandte sich an die drei Jungen. »Wenn sich einer von euch nachher eine heiße Schokolade abholen will, kommt einfach vorbei.«
Und dann ging sie.
»Vielleicht kannst du in ner halben Stunde oder so noch mal bei der Robbenstation anrufen«, rief er ihr hinterher. Bis dahin konnte man ihn vermutlich als Eisstatue abtransportieren. Er hätte gern ein Telefon gehabt, wenigstens, um die Uhrzeit im Blick zu haben. Wie lange warteten sie hier schon? Zehn Minuten? Eine Viertelstunde?
Theo fragte: »Warum hat Linnea eine schlechte Meinung von dir?«
»Keine Ahnung.« Was nicht hundertprozentig der Wahrheit entsprach.
»Ich habe eine gute Meinung von dir.«
»Das ist nett von dir.«
Der Ozean holte sich Minute für Minute mehr Land zurück, die Jungen wurden zappelig, die Robbe suchte nach Fluchtwegen. Jariks Kleidung klebte ihm eisig am Rücken und an den Beinen.
Nach einer Ewigkeit endlich kam ein Motorboot näher.
Ihr Angebot hatte nur Theo, Luis und Jack gegolten, und Jarik wusste das garantiert ebenso wie sie. Trotzdem ertappte Linnea sich bei der Überlegung, ob er wohl ebenfalls auf eine heiße Schokolade vorbeikommen würde, wenn der Seehund in Sicherheit war.
Das war zum Glück Blödsinn. Warum sollte er? Er war klitschnass gewesen, vermutlich sehnte er sich wesentlich mehr nach einer heißen Dusche als nach einer heißen Schokolade. Keine Gefahr also, dass der lästige Mistkerl hier auftauchte. Sie konnte sich entspannen.
Sie entspannte sich kein bisschen.
Ob die Leute helfen konnten? Aus dem Fenster hatte sie nur zuschauen können, wie das Boot mit Bugwelle vorbeifuhr und dabei einen Sprühschleier hinter sich herzog. Die kleine Bucht jedoch, wo Jarik mit der Robbe und den Kindern wartete, ließ sich von hier aus nicht einsehen.
Noch waren keine Gäste da. Sie könnte also …
Mit fliegenden Fingern zog Linnea einen Zettel aus ihrer Krimskramsschublade, kritzelte mit einem dicken Stift Bin gleich zurück darauf und klebte ihn an die Tür, bevor sie zwei Wärmflaschen, eine Decke und die Thermosflasche mit heißer Schokolade in eine Tasche stopfte, vier – jawohl – Metalltassen in die Hände nahm und hinunter zur Bucht eilte.
Sie kam gerade noch rechtzeitig, um von oben zuzusehen, wie Nina und Bo von der Robbenstation eine Transportkiste verriegelten. Mit Jariks Hilfe und unter Anfeuerungsrufen der drei Kinder schoben sie sie auf das Boot. Die beiden Biologen trugen gefütterte Anglerhosen, Jarik stand in der dünnen Joggingkleidung bis zum Bauch im novemberkalten Wasser.
Er musste erbärmlich frieren, aber er redete beim Arbeiten entspannt mit Nina und lachte jetzt sogar über irgendetwas. Er hatte ein schönes, offenes Lachen. Schade, dass er so unerträglich war, wenn er nicht gerade Robben rettete.
Bo stieg über die Leiter im Heck auf das Boot und reichte Nina die Hand, an der diese sich mit einem Schwung hochzog. Jarik drehte sich um und watete ans Land, während Nina den Anker einholte. Er klatschte die wartenden Jungen der Reihe nach ab und sagte etwas, das der Wind davontrug, bevor es zu ihr gelangen konnte.
Das Boot tuckerte los, trotzdem kletterte Linnea mitsamt der Tasche und den Tassen über die Felsen nach unten. »Ich bin wohl zu spät für das Spektakel. Möchte jemand heiße Schokolade zum Aufwärmen haben?«
»Ja, ich!« Luis hopste heran.
Jarik hatte dem Boot hinterhergesehen, jetzt drehte er sich zu ihr um, die Augenbrauen irritiert zusammengezogen. »Das wird wohl kaum reichen.« Eine neutrale Aussage, wäre da nicht sein wie immer abfälliger Ton gewesen.
Blödmann. Da wollte sie einmal nett zu ihm sein. Sie lächelte. »Ich meinte auch die Kinder.«
Er schaute bedeutungsvoll auf die vierte Tasse in ihrer Hand.
»Und mich«, sagte Linnea.
»Ist eine schöne Idee.« Dieses Mal klang es fast freundlich, auch wenn seine Zähne klapperten. »Danke.«
Ihr Timing war definitiv nicht gelungen. Sie konnte jetzt nicht in aller Seelenruhe anfangen, heiße Schokolade auszuschenken. Aber weder wollte sie die zappeligen Kinder hier allein lassen noch Jarik, so weiß, wie er war. »Jungs, der Mann da muss ins Warme. Schokolade gibt’s bei mir im Café.« Sie sah Jarik an. »Ich geb’s zu, sie war für dich. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr schon fertig seid. Also, falls du auch mit ins Café kommen möchtest …«
»Ich geh lieber duschen.«
Die drei Jungs waren schon auf dem Weg die Felsen hoch. In stiller Übereinkunft folgten Linnea und Jarik ihnen.
»Sonst kam mir das nicht so steil vor«, sagte Jarik. Er stieg vor Linnea nach oben. Bei jedem Schritt fiel ihr die nasse Hose auf, die an seinen Beinen klebte.
»Sonst hattest du vielleicht auch wärmere Muskeln.« Ihre weiteren Mitbringsel kamen ihr inzwischen ein wenig, nun, niedlich vor. Dennoch wollte sie es wenigstens anbieten. »Wenn du willst … Ich habe eine Decke dabei. Und Wärmflaschen.«
Die Hände auf einen der Felsen gestützt, hielt Jarik inne und wandte sich um. Er war kalkweiß und blaulippig, trotzdem sah sein Lächeln noch … schön aus.
Linnea schüttelte den Gedanken ab. Es war vollkommen unwichtig, ob Jarik hübsch lächeln konnte. Jetzt gerade und generell sowieso. Aber vielleicht war es gut, wenn sie ihn von der Kälte ablenkte, während sie die letzten beiden Felsen bezwangen. »Habt ihr den Seehund sicher auf den Weg geschickt?«
»Kegelrobbe.« Das Amüsement in seiner Stimme war deutlich.
»Und ich fing gerade an, dich erträglich zu finden.«
»Sorry.«
»Hat Nina etwas gesagt, wie die Aussichten für die Kegelrobbe sind? Was passiert mit ihr?«
»Sie werden halt den ganzen Plastikscheiß runterschneiden. Vermutlich untersuchen sie sie und päppeln sie auf, dann wird sie wieder freigelassen.«
»Und schwimmt dann hoffentlich nicht gleich ins nächste Netz.«
»Das wäre zu hoffen.«
Sie waren an der Straße angelangt. Vor Linneas Café hüpften ungeduldig die drei Jungen herum.
»Dann also … bis irgendwann«, sagte Jarik.
»Sicher, dass du nach Hause kommst? Du kannst wirklich die Wärmflaschen nehmen.« Sie hörte sich an wie ihre Mutter.
Jarik betrachtete sie einen Moment zu lange. »Lass mal«, sagte er dann. »Das kriege ich gerade noch hin.«
