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Hellblaudunkeltürkis ist das Tagebuch einer Reise auf die äolischen Inseln im Mai 2002. Eine Reise in die Vergangenheit, in eine noch ungestörte paradiesische Welt abseits der Touristenströme. Ich hatte versprochen, wiederzukommen. Es dauerte fast zehn Jahre, bis ich das Versprechen einhalten konnte. Doch was war aus der idyllischen Inselwelt geworden?
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2020
Autor: Sylvia Spadea
Fotografien: Sylvia Spadea
Herausgeber: Sylvia Spadea
Tagebuch einer Reise auf die Äolischen Inseln: Prolog
Mai 2002
Fluch und Segen des Fortschritts: September 2011
Eigentlich möchte ich überhaupt nicht, dass noch mehr Menschen auf den Liparischen Inseln ihren Urlaub verbringen, einfach um dieses Paradies für die Bewohner zu bewahren. Aber es darf nicht verschwiegen werden, dass es auch bei uns in Europa in nächster Nähe noch diese erträumten Idyllen gibt, nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt.
Ich wünsche den Liparischen Inseln, dass sie ihren Charme und ihre Ruhe behalten und wünsche ihnen nur solche Gäste, die diese Idylle zu würdigen wissen und sie nicht zerstören mit Lärm, Abfall und üblichem Weltverhalten.
im Mai 2002
Halb vier morgens klingelt uns der Wecker aus dem Schlaf. Um fünf mit dem Taxi zum Bahnhof. Donata, unser Stubentiger, liegt vor der Haustür und rekelt sich. Ab morgen kümmern sich die Nachbarn um sie. Die Luft lauwarm, im Vergleich zu den letzten kalten Morgen.
Es dämmert und Venus schiebt sich langsam nach Westen.
Im Zug befinden sich erstaunlich viele Leute zu dieser frühen Stunde. Aber, wenn mir vor Jahren jemand gesagt hätte, dass ich jeden Tag um 5:35 Uhr geweckt werde und zehn Minuten später aufstehe, dann hätte ich ihn auch für verrückt erklärt. Ich bin also nicht die Einzige, die so früh schon auf den Beinen ist.
Wir gehen vom Bahnsteig in das Flughafengebäude zum Shuttle, der uns in die Abflughalle 2 bringt, checken ein, gehen durch die Personenkontrolle zu unserem Gate und steigen ohne Wartezeiten ins Flugzeug nach Catania. So habe ich es gerne!
Der Flug dauert etwas länger als zwei Stunden. Dann sitzen wir leider in kalter Luft vor dem Flughafengebäude, warten fast zwei Stunden auf unseren Bus, der sich auch noch um eine halbe Stunde verspätet und bewundern die Einheimischen. Noch eine Stunde und wir sind in Taormina, unserer Zwischenstation.
Am Busbahnhof in Taormina rufen wir im Hotel La Villa Schuler an und fragen, wie wir dorthin kommen. Wir nehmen ein Taxi. Die Wegbeschreibung in englisch-italienisch Kauderwelsch ist nicht zu verstehen und uns ist es mit unserem Gepäck zu Fuß bis ins Hotel auch zu weit.
Ich hatte das Hotelzimmer online bestellt und bin nun doch etwas verwundert. Das Einzige, was das Hotel mit den Bildern aus dem Internet gemeinsam hat, ist der Preis von 144 Euro. Ich bewundere den Fotografen oder Grafiker, der diese Fotos geschaffen hat, die mir im Gedächtnis geblieben sind und mich bewegt hatten hier zu buchen. Aber das Zimmer ist in Ordnung und die Umgebung grandios. Und es hat eine große Terrasse. Den versprochenen Garten gibt es auch und wenn das stürmische Wetter es zulässt, kann man im Freien unter Palmen frühstücken.
Rechts der Ätna mit Rauchfahne. Links auf dem Hügel Taorminas Amphitheater. Vor uns mediterraner Urwald mit Blick auf die Gartenterrasse und im Hintergrund, weit unten Taorminas Strände und eine sturmgepeitschte See.
Taormina ist voller Urlauber. Busladungen von Urlaubern wälzen sich durch die Straßen. Wir hören von Holländern aus Südholland – die tagelang unser Gesprächsthema sind- mehreren tausend Alpini, die wie die Gämsen alles besteigen müssen, was ihnen in den Weg kommt und auch vor den antiken Ruinen Taorminas keinen Halt machen.
Der Verfall der Kleidersitten angesichts der weit verbreiteten unterhosenartigen Beinkleider, immer zwei Nummern zu groß und immer vergammelt.
Dicke, Pasta gefütterte Kinder.
„Wenn wir jetzt noch ein Klavier hätten, könnten wir Taormina auch noch kulturell etwas bieten“, sagst Du und rekelst Dich im Liegestuhl auf unserer Terrasse.
Du denkst dabei an unseren Urlaub in Umbrien. Wir hatten dort ein Zwölfzimmer Haus gemietet (von denen nicht alle bewohnbar waren; aber es war sehr preiswert) - für zwei! - mit Traumaussicht auf das Tiber Tal - mit Traumgarten - und dieses Haus hatte auch ein Klavier, allerdings fehlten mehrere Tasten, was mich aber nicht davon abhielt in die Tasten zu hauen. Ich spielte immer bei offenem Fenster. Monteleone d’Orvieto ist ein kleiner Ort. Es war den ganzen Tag über sehr ruhig gewesen. Bis auf diesen Nachmittag bzw. Abend. Unser Nachbar aus Napoli – Architekt und Millionär, wie er uns sagte- renovierte sein Haus. Seine Handwerker hatten noch um neun Uhr abends gebohrt und gehämmert und wir konnten uns nur noch schreiend miteinander verständigen. Wir aßen im Garten zu Abend. Einer dieser wunderschönen Sonnenuntergänge über der Ebene. Bilder von Caspar David Friedrich! Und Du hattest Dich sehr aufgeregt, dass die Handwerker nicht aufhörten zu arbeiten. Nach der zweiten Flasche Wein bist Du dann ins Bett gegangen.
Ich hatte mich noch ans Klavier gesetzt und angesichts des lauten Abends auch laut, sehr laut, meine Fantasie des Dire Straits‘ Titels Telegraph Road gespielt. Ich kann kein Klavier spielen, also höchstens Weihnachtslieder. Aber ich bin nicht unmusikalisch - glaube ich. Mir hat’s zumindest gefallen, was ich gespielt habe und Du hast mich auch gelobt und hast geklatscht.
Dann klingelte es an der Tür. Ich lief die Treppe hinunter in die Empfangshalle und öffnete. Der Nachbar stand vor der Tür mit einem großen Korb in den Armen, der sein Gesicht und seinen Oberkörper fast vollständig verdeckte. Er stieß mich fast um, drängte sich an mir vorbei und stellte den Korb auf dem großen Tisch in der Empfangshalle ab.
Er entschuldigte sich herzlich und mehrmals und dass es ihm leid tut, dass er uns so geärgert hat und er wird es nicht mehr tun , nie wieder und jetzt wolle er mir zeigen, wie man Klavier spielt, ich könnte das nicht so richtig, aber ich soll ihm nicht böse sein, ich könne ja noch üben und er ging vor mir die Treppe ins Klavierzimmer hoch- er kannte sich anscheinend im Haus aus- und setzte sich hin und spielte noch schlechter als ich.
Du kamst inzwischen wieder aus dem Bett. Es war schon nach zwölf. Eine weitere Flasche Wein. Dann saßen wir zu zweit am Klavier, Paolo und ich und taten unser Bestes. Tage später hatte ich an einem anderen Standort des Dorfes erst gemerkt, wie gut die Akustik in diesem Tal ist und wie weit die Schallwellen getragen werden. Wenn ich das an dem Abend schon gewusst hätte! Wir haben mit Sicherheit das gesamte Dorf auf dem Berg, das Neubauviertel unterhalb des alten Dorfteiles und die beiden Dörfer im Tal unterhalten.
Irgendwann standen wir dann zu dritt in der Empfangshalle. Paolo packte seinen Korb aus. Er erklärte uns, was er mitgebracht hatte: getrocknetes Pferdefleisch zum Beispiel. Wir mussten es sofort probieren. Käse, Oliven, Olivenöl, Obst, schwarze Trüffel, Brot, Grissini. Der Abend endete in seinem Haus. Er erklärte uns die architektonischen Feinheiten seines Vorhabens und lud uns schließlich für den kommenden Abend zum Essen ein. Als wir in unser Schlafzimmer gingen dämmerte es bereits.
Jetzt liegen wir zur Siesta in Liegestühlen auf unserer Terrasse auf dem Hotelbalkon in Taormina, mit Blick auf den qualmenden Ätna und das Ionische Meer. Die Rauchschwalben fliegen erst hoch, dann, nachdem sie uns entdeckt haben, sehr dicht über unsere Köpfe hinweg. Man könnte sie mit der Hand fangen.
Aber ich esse keine Schwalben mehr, denke ich insgeheim, mich an frühere abschreckende Überraschungen in Italien erinnernd.
Verkehr und Meeresrauschen kann man kaum voneinander unterscheiden. Das spricht doch für eine Wohnung im Landesinneren oder in einer Stadt, oder?
Auf unserem Rundgang durch Taormina entdecken wir, na eigentlich mehr ich, ein rosa Spitzenkleid.
„Sieht aus wie aus den zwanziger Jahren,“ sagst Du.
Es gibt wunderschöne Schuhe in den Auslagen der Läden zu wunderschön hohen Preisen. Ich könnte mir mindestens zehn Paar kaufen. Beim ersten Hinsehen scheiden ein paar aufgrund des überhöhten Preises aus. Aber vier Paar Schuhe könnten es leicht sein. Aber ich brauche keine, versuchst Du mir einzureden. Und was ich jetzt hier kaufe, muss ich auch nach Hause tragen.
Das alte Thema. Für mich sind Schuhe Schmuckstücke, die ein Kleid erst zum Kleid machen. Für dich sind Schuhe zwangsweise Kleidungsstücke, die man nur widerwillig einkauft, wenn man welche braucht.
Der Gesamteindruck einer gut gekleideten Frau ist durch das gewählte Schuhwerk einfach klasse und wirkt dann erst richtig! So, basta!
Ich kaufe mir das rosa Kleid. Und keine Schuhe.
Es ist wunderschön. Es ist sehr nostalgisch. Es beschert mir beim Tragen die Gefühle und Sinneseindrücke, die man manchmal beim Ansehen von Filmen der Jahrhundertwende (20!) hat. Ich möchte es nicht mehr missen.
Nachts träume ich von Schuhen.
–
Samstag früh bestellen wir ein Taxi im Hotel.
Der junge Mann an der Rezeption wählt eine Nummer und ich höre ihn sagen
„ La Villa Schuler aspetta un taxi per due persone da Villa Schuler a Terminal Bus”. Pause.
Er legt den Telefonhörer auf und sagt uns in einwandfreiem Deutsch,
„Das Taxi kommt in vier Minuten. Sie können schon mit ihrem Gepäck rausgehen.“
Wir verabschieden uns und warten vor dem Hotel.
Am Terminal Bus erstehen wir zwei Fahrkarten nach Messina. Es dauert fast zwei Stunden, bis wir in Messina ankommen. Wir fahren an der Küste entlang, in halsbrecherischer Fahrt. Rechts lange, menschenleere Strände. Mit dem Bus durch enge Gassen, in denen uns andere Busse entgegenkommen. Wir können weder vorwärts- noch rückwärtsfahren. Nichts geht mehr. Die Leute halten vor uns auf der Spur, um Zigaretten zu holen, oder Geld aus dem Automaten. Es kümmert keinen, dass andere warten müssen.
Lebensphilosophie?!
„Ein Busfahrer bei uns hätte inzwischen einen Herzinfarkt bekommen “, sagst Du. Mich kümmert es nicht, ich habe Urlaub.
In Messina angekommen bleibst Du beim Gepäck. Ich suche nach dem Bus nach Milazzo. Einmal um den ganzen Platz herum, die Fahrpläne für die Rückfahrt organisieren. Dann der Richtung nach, die der erste Busfahrer andeutet, den ich nach dem Weg zur Bushaltestelle nach Milazzo frage. Sie scheint der Handbewegung nach zu entnehmen gerade mal eine Straße hinter dem in Sichtweite liegenden Grand Hotel zu sein. Dort ist ein Busterminal einer anderen Busgesellschaft, aber nicht der Giunta Bus nach Milazzo. Ein Taxifahrer bietet sich an, uns für 5 Euro zum Terminal des Giunta Busses zu fahren. Wir lehnen ab. Trotzdem ich es nicht gerne sehe, wenn Du das schwere Gepäck so weit alleine tragen musst. Wenn man ein Ferienhaus mietet muß man doch mehr Gepäck mitnehmen, Allein die Handtücher wiegen schon genug. Es geht noch mal hundert Meter geradeaus, dann links und noch mal links an einer Pizzeria vorbei. Puh, wir sind da.
Der Bus braucht knapp 50 Minuten bis Milazzo.
15 Minuten später sitzen wir im Aliscafo leider unter Deck und schwimmen nach Lipari. Ein kurzer Halt im Hafen von Vulcano, wo es sofort nach Schwefel riecht.
Mit dem Taxi von Santa Marina Corta in Lipari zu unserem Haus in Canneto.
Lipari ist die größte Insel des äolischen Archipels und ist ebenso wie die anderen Inseln hier vulkanischen Ursprungs. Man kann noch zwölf Vulkane auf Lipari erkennen. Einer der ältesten Vulkane ist der Timpari. Vor fast 100 000 Jahren entstand der Monte Sant Angelo. Vor 40 000 Jahren wurde jede Menge Pomice, weißer Bims, ausgespuckt. Nach Jahrhunderten der Ruhe entstanden an der Nordostseite der Insel durch den Ausbruch des Monte Pelato die ausgedehnten Obsidianflächen.
Schwarzer Obsidian, weißer Bims, blaues Meer, gelber Ginster. Rote Geranien. Malerträume!
Etliche Fumarolen und heiße Quellen, verstreut auf der gesamten Insel, zeugen von der andauernden Aktivität der Vulkane.
Was macht es eigentlich aus, dass man dieses Land so sehnsüchtig vermisst, so leidenschaftlich liebt?
Es ist alles weniger komfortabel als zuhause. Unser angemietetes Haus sollte für sieben Personen sein. Manches reicht nicht mal für zwei. Wir kommen Samstagnachmittag an. Hier kommt man immer Samstagnachmittag an! Es ist nicht einmal Toilettenpapier da. Die Geschäfte machen glücklicherweise erst um 20 Uhr zu. Es muss alles mühsam zu Fuß in das Haus hochgetragen werden. Nicht mal eine Flasche Wasser ist da: und in unserem Gepäck, das für drei Wochen bemessen ist, haben wir natürlich auch kein Wasser.
Ich beschließe eine kleine Fotoserie zu machen:
die mediterrane Liebe
follie d’amour mediterraine
die Melancholie des Südens oder so ähnlich.
Mit allen Belanglosigkeiten, die uns zu Hause Kopfschmerzen bereiten würden.
die Elektroinstallation
das Mobiliar
Kochmöglichkeiten
Wassermangel
Fassadenabblättereien
-das Nichtschließenkönnen von Fenstern und Türen.
Das wunderbare einfache Leben.
Wir kommen ins Phantasieren:
Oder wir hören von unseren Nachbarn, dass alle Boote beschlagnahmt sind, Flugzeuge können hier nicht landen, die Wasserschiffe bleiben aus und wir können nicht mehr weg von der Insel…Ja!!!!
Ab achtzehn Uhr hört man die „Dauersau “. Du hast dieses Geräusch Dauersau genannt. Immer um achtzehn Uhr fängt es an. Für ein paar Minuten. Ein markerschütternder Schrei, nein ein markerschütterndes Schreien, dass wir uns nicht erklären können. Vom abgedrehten Computerspiel über allein gelassene Hunde bis zu gequälten Menschen und/oder Tieren lassen wir unsere Erfindungsgabe die Geräusche erklären. Bis zu unserer Abfahrt bleiben uns diese achtzehn Uhr- Geräusche unerklärlich. Und auch die anderen Leute in unserer Umgebung oder im Dorf sagen nichts zu diesen ohrenbetäubenden abendlichen Quälgeräuschen und wissen nicht, wo sie herkommen. Egal!
Wir nehmen hier in Kauf, dass wir jedes einzelne Stück, das wir im Haus benötigen, zu Fuß, den Berg hinauf, über Treppen und steile Straßen in unser Haus am oberen Berghang von Canneto schleppen müssen und sind glücklich dabei. Jede Flasche Wasser, jede Flasche Wein, jede Tomate; Geschirrspülmittel, Toilettenpapier.
Wir duschen uns unter mediterraner Dusche mit zwei Strahlen Wasser und jubilieren, dass wir auch so sauber werden. Wir kauern auf jämmerlichen Plastikstühlen - die üblichen weißen, die jeder kennt – allerdings bei Shrimps und Prosecco, den Tisch in Achselhöhe, ohne Tischdecke auf Resopal tafelnd und sind glücklich.
Und wir zahlen dafür auch noch, und nicht zu wenig, ohne die Höhe des Mietpreises angesichts der vorhandenen Mängel ernstlich infrage zu stellen.
Ich will versuchen diesen Hang zur - wie soll man es nennen? - zurück zur Einfachheit? - zur Selbstaufgabe (in Bezug auf die Ansprüche, die man an sich
