Helle Sommer - Sophie Astrabie - E-Book
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Sophie Astrabie

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Beschreibung

Wie oft muss man sich verpassen, um die große Liebe zu finden? »Helle Sommer« von Sophie Astrabie ist der schönste Roman für den Sommer: ein coup de coeur aus Frankreich. Billie ist kein Mädchen wie alle anderen: Sie lebt bei ihrem Großvater, fährt gern Skateboard, muss jeden Cent zweimal umdrehen. Eines Sommers trifft sie Maxime, den fremden Jungen aus Paris: Maxime und Billie, Billie und Maxime, ab jetzt sind sie zu zweit – zumindest für diese Ferien. Über zwanzig Jahre lang können sich beide nicht vergessen, sie sehnen sich, suchen sich, finden und verpassen sich. Sie wissen, dass sie einander alles bedeuten – aber nie zur selben Zeit. Wie viele Jahre müssen vergehen, bis man die große Liebe erkennt? Ein warmherziger, melancholisch-kluger Roman über eine besondere junge Frau, die unbedingte Liebe zwischen zwei Menschen und darüber, wie man dem Leben das eigene Schicksal abtrotzt.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophie Astrabie

Helle Sommer

Roman

 

Aus dem Französischen von Isabella Bautz

 

Über dieses Buch

 

 

Wie oft muss man sich verpassen, um die große Liebe zu finden?

 

»Helle Sommer« ist der schönste Roman für den Sommer: ein coup de coeur aus Frankreich.

 

Billie ist kein Mädchen wie alle anderen: Sie lebt bei ihrem Großvater, fährt gern Skateboard, muss jeden Cent zweimal umdrehen. Eines Sommers trifft sie Maxime, den fremden Jungen aus Paris: Maxime und Billie, Billie und Maxime, ab jetzt sind sie zu zweit – zumindest für diese Ferien. Über zwanzig Jahre lang können sich beide nicht vergessen, sie sehnen sich, suchen sich, finden und verpassen sich. Sie wissen, dass sie einander alles bedeuten – aber nie zur selben Zeit. Wie viele Jahre müssen vergehen, bis man die große Liebe erkennt?

 

Ein warmherziger, melancholisch-kluger Roman über eine besondere junge Frau, die unbedingte Liebe zwischen zwei Menschen und darüber, wie man dem Leben das eigene Schicksal abtrotzt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Sophie Astrabie wurde 1988 in Albi geboren und lebt heute in Toulouse. Sie liebt Nachtzüge im Sommer, glatte Oberflächen zum Skaten und Reissalate; außerdem öffnet sie gerne eine Flasche Wein, mag deutsche Lieder, den Ozean im Winter und Sand, der wärmer ist als die Luft. Aber am meisten liebt sie es, Geschichten zu erzählen.

 

Isabella Bautz lebt und arbeitet als Übersetzerin in der Nähe von Paris.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Billie Pretty a disparu« bei Flammarion, Paris.

© Flammarion 2023.

 

Das Zitat in Kapitel 14 stammt aus »Dis, quand reviendras-tu?« von Barbara.

© Éditions Beuscher-Arpège/Editions Musicales François Llenas, 1964.

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2024 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Büro KLASS, Hamburg

Coverabbildung: mauritius images / Michael Jacobs / Alamy

ISBN 978-3-10-491997-3

 

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Inhalt

[Widmung]

Kapitel 1 1998

Kapitel 2 1999

Kapitel 3 2000

Kapitel 4 2002

Kapitel 5 2005

Kapitel 6 2006

Kapitel 7 2007

Kapitel 8 2008

Kapitel 9 2009

Kapitel 10 2011

Kapitel 11 2012

Kapitel 12 2014

Kapitel 13 2015

Kapitel 14 2018

Kapitel 15 2019

Kapitel 16 2020

Kapitel 17 2021

Kapitel 18 2022

Kapitel 19 1995

Kapitel 20 Heute

Nachwort

Für Suzanne, meine wundervolle Erscheinung

Kapitel 11998

Ich bin sieben Jahre alt. Auf dem Randstein balancierend, umrunde ich unseren Hof, die Arme wie Flugzeugflügel waagerecht ausgestreckt. Ich setze einen Fuß vor den anderen und versuche, den Blick nach vorne gerichtet zu halten, denn das hat Marcel mir geraten, immer nach vorne zu sehen, aber nie, nie auf meine Füße. Je mehr Tage vergehen, desto leichter komme ich voran. Am Anfang der Ferien habe ich gerade mal drei Schritte geschafft. Heute umrunde ich mehrmals den kleinen viereckigen Hof des grauen, verwitterten Mietshauses, in dem ich wohne. Ich habe mir vorgenommen, dass ich bis zum Ende des Sommers eine Runde mit geschlossenen Augen schaffe.

Mein Fuß rutscht von der Kante, nur wenige Zentimeter nach meinem vorherigen Rekord. Mit der blauen Kreide aus meiner Hosentasche mache ich einen neuen dicken Strich auf den Stein. Ich werfe mir den Rucksack über die Schulter, drücke mir den Helm auf das lange, braune Haar und fahre mit dem Skateboard vom Hof.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel und scheint warm auf meine Arme. Der August hat gerade begonnen, und die Stadt ist wie leergefegt. Manche Geschäfte haben sogar die schweren Rollgitter heruntergelassen, an denen nun Zettel mit den Urlaubszeiten flattern. Alle scheinen weggefahren zu sein. Alle, außer mir. Natürlich wäre ich lieber am Meer, aber es gefällt mir auch, die Stadt für mich allein zu haben. Im Park kommen die Tiere aus ihren Verstecken hervor, besonders die Eichhörnchen, die nun weniger zu fressen finden. Deshalb stecke ich mir abends beim Essen immer ein Stück Brot in die Tasche. Das muss ich heimlich machen, weil mein Großvater es nicht mag, wenn man Essen vergeudet. Er hat den Krieg miterlebt, und Krieg bringt offenbar Hunger.

Ich komme bei meiner Lieblingsbank an, die im Schatten der großen Eiche. Ich mag ihre mächtigen Äste. Bäume geben mir ein Gefühl der Geborgenheit, bestimmt habe ich Marcel deshalb so lieb. Er hat etwas von einem alten knorrigen Baumstamm.

Wie jeden Tag versuche ich, die Eiche mit meinem Armen zu umschlingen. Ich küsse die raue Rinde, deren Duft mich an den alten Holztisch in unserer Küche erinnert. Wenn ich den Stamm eines Tages ganz umspannen kann, werde ich groß genug sein, um fortzugehen.

---

Doch vorerst bin ich hier, in diesem Park. Ich hole den Kanten Brot aus der Tasche meiner Shorts und werfe ein paar Krumen vor mich auf den Boden. Zwei Tauben kommen vorsichtig näher. Ich beobachte sie, ohne wirklich hinzuschauen. Ich warte.

Plötzlich ist er da. Er trägt ein Käppi und eine grüne Latzhose und schiebt eine Schubkarre voller Blumentöpfe vor sich her.

»Hallo«, sage ich und stelle mich vor ihn.

»Hey, Pretty Billie«, antwortet Ernest mit seiner tiefen Stimme.

Mir läuft jedes Mal ein Freudenschauer über den Rücken. Dass ich Billie heiße, verdanke ich nämlich dieser amerikanischen Sängerin mit der schönsten Stimme der Welt. Billie Pretty. Als ich klein war, hat Marcel mir die Geschichte immer erzählt, wenn ich nicht einschlafen konnte. Und ich habe sie Ernest bei unserer ersten Begegnung erzählt, gleich am Anfang der Ferien.

»Was pflanzt du heute?«, frage ich.

»Schwertlilien«, antwortet er, »Hilfst du mir?«

»Okay.«

Ich mag Blumen gar nicht besonders, aber Ernest mag ich umso mehr. Er bringt Farbe in die Erde und vor allem in mein Herz. Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert, aber sobald er den Mund aufmacht, sprudelt ein Regenbogen heraus: Tiefe Töne, und hohe, und alles dazwischen, viele verschiedene Stimmen, die sich miteinander vermischen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich kunterbunte Schleifen, die sich binden und wieder lösen. Ernest singt allein, aber ich glaube, dass all seine Vorfahren aus ihm sprechen. Und dieser Gedanke macht mir Mut.

Ich begleite Ernest, bis er sich in die Mittagspause verabschiedet. Dann steige ich wieder auf mein Skateboard und singe die Lieder, die ich gerade gehört habe. Zu Hause haben wir kein Radio, keinen Fernseher, und erst recht keinen Computer. Früher hatten wir einen kleinen knisternden Apparat in der Küche stehen, aber der hat letzten Winter den Geist aufgegeben. Er wurde nicht ersetzt.

Zum Glück spielt die Nachbarin von unten jeden Abend eine Stunde lang Klavier. Das verpasse ich um nichts in der Welt. Ich klebe mit dem Ohr am Boden und lausche der Melodie, die zu mir aufsteigt. Schon bei den ersten Noten schwillt mir das Herz in der Brust. Es wird so groß, dass ich es bis im Hals klopfen spüre. Dort drückt es wohl auf irgendetwas, vermutlich einen kleinen See, denn in genau diesem Moment entwischt meinen Augen immer eine Träne und kullert über meine Wange. Musik ist das Einzige, das mich zum Weinen bringen kann.

---

Marcel ist kein großer Redner, aber er hört mir immer zu, wenn ich etwas zu erzählen habe. Er sagt seine Meinung, ohne sich je aufzuregen, es sei denn, jemand lässt einen Wasserhahn laufen. Da fährt er wirklich aus der Haut, wenn irgendwo Wasser läuft. Kommt er an einem Springbrunnen vorbei, brummelt er in seinen Bart:

»Sollen lieber mal Bäume pflanzen.«

Marcel hasst Schwimmbäder, Aquarien und automatische Rasensprenger. Wasser mag er, wenn es im Meer ist, oder in einer Wolke, oder allenfalls noch in einem Teich. Aber alles andere, nein.

Was er hingegen mag, und zwar so richtig, sind Sonderangebote. Wenn in der Stadt ein neues Geschäft aufmacht, schnappt er mich beim Arm, und wir rasen in seinem alten, einst knallroten C15-Kastenwagen zum Parkplatz des Einkaufszentrums. Marcel hat es dann so eilig, dass wir meistens viel zu früh dort sind.

Wenn die automatischen Türen aufgehen, möchte er als Erster seinen Kopf in den Laden stecken. Bei der Konsumolympiade würde er ohne Zweifel die Goldmedaille gewinnen! Also, wenn es so etwas gäbe.

Auf dem Rückweg spricht er über die Dinge, die er gekauft hat, und er nennt immer den Preis dazu. Marcel kauft nicht drei Paar Socken. Nein, nein. Marcel kauft drei Paar Socken für 25 Franc. Wenn er den Preis nennt, wirkt er immer sehr zufrieden. Jedenfalls für den Moment. Denn am Ende des Monats findet er immer, dass auch Sonderangebote viel zu teuer sind.

An diesem Morgen, auf dem Parkplatz des neuen Geschäfts der Discounterkette GiFi, streichelt die Sonne mein Gesicht. Ich schließe die Augen und lausche der Musik aus den Parkplatzlautsprechern, die durch das heruntergekurbelte Fenster zu mir hereindringt. Es ist die schönste Stimme, die ich je gehört habe.

»Wer ist das, Marcel?«

»Ah, das … das ist Billie Pretty!«

Ich richte mich kerzengerade auf. Es ist das erste Mal, dass ich ein Lied von ihr höre. Ich habe viel nach ihr gesucht, aber es hat zu nichts geführt. Keine Billie Pretty im Plattenladen, keine Billie Pretty im Computer der Schulbibliothek, keine Billie Pretty in den CD-Regalen des Supermarkts. Ich habe Marcel tausendmal angefleht, mir zu helfen, irgendetwas zu tun, aber er deutet nur jedes Mal auf mein Herz und sagt:

»Billie Pretty, die ist da drin!«

Nichts regt mich so sehr auf wie diese Antwort. Ich hätte dann Lust, ihn wie einen Apfelbaum zu schütteln, ihn anzubrüllen, ihm zu sagen, dass ich keine fünf mehr bin. Schlimmer noch, ich würde ihn dann gern an einen Stuhl binden, alle Wasserhähne der Welt aufdrehen und ihn zwingen, das fließende Wasser anzusehen. Aber ich sage nie etwas, weil er alt ist, weil ich nur ihn habe und weil ich nicht noch einmal verlassen werden will.

 

Ich lasse nicht locker.

»Marcel, bitte erzähl mir die Geschichte von Billie Pretty.«

Er brummt.

»Schon wieder? Ich habe sie dir doch letzte Woche erst erzählt!«

»Bitte …«

»Na gut, na gut. Billie Pretty war die größte Sängerin, die die Welt je gekannt hat. Sie war klein und rund und hatte große schwarze Augen und einen Mund so rot wie mein C15, als er noch knallrot war. Wenn sie sang, konnte niemand mehr traurig sein. Sie war wie ein Regenbogenpflaster, die ersten Kirschen im Frühling, die Lösung aller Gleichungen. Es heißt sogar, der Präsident der Republik habe sie kommen lassen, um bei Verhandlungen die Wogen zu glätten und Kriege zu vermeiden.«

Ich hänge an seinen Lippen. Ich kenne die Geschichte in- und auswendig, aber Marcel gelingt es immer, noch neue Details hinzuzufügen.

»Einmal schallte unser altes Radio durch die ganze Wohnung. Es folgte ein Lied auf das nächste, Odette machte Kreuzworträtsel, ich schälte Kartoffeln, und deine Mutter lag bäuchlings auf dem Fliesenboden in der Küche und las ein Buch. Da begann ein neues Lied, und plötzlich stand Odette auf, ergriff meine Hand und brachte mich zum Tanzen. Ich drehte und drehte und drehte mich um Odette, die meine Sonne war, du weißt es ja, und deine Mama sah uns an wie zwei Verrückte. Als das Lied zu Ende war, hat sie mich gefragt: ›Ist das ein Beruf, Leute zum Tanzen zu bringen, Papa?‹ Und ich habe gesagt: ›Ja, das ist ein Beruf! Das ist Billie Pretty!‹ In der nächsten Woche musste sie in der Schule einen Aufsatz schreiben. Das Thema war: ›Was wollt ihr später machen?‹ Sie hat geschrieben: ›Wenn ich groß bin, will ich Bilipriti werden.‹«

Ich muss lachen, wie jedes Mal, wenn Marcel mir das erzählt.

»Als deine Mutter erfahren hat, dass Billie-Pretty-in-einem-Wort eigentlich kein Beruf ist, hat sie mir gesagt, wenn sie einmal ein Kind bekommt, nennt sie es Billie.«

Nach diesem Teil der Geschichte reden wir für gewöhnlich nicht weiter. Wir sehen in entgegengesetzte Richtungen und warten, dass irgendetwas passiert. An diesem Tag erlöst uns das Piepsen von Marcels Armbanduhr. Er richtet sich kerzengerade in seinem Sitz auf. 9 Uhr 58. Er stellt den Wecker immer auf zwei Minuten vor Eröffnung des Geschäfts, um bloß nichts zu verpassen.

»Schnell! Es ist so weit!«

Wie ein geölter Blitz steigt er aus dem Auto und läuft auf die Türen zu, als wäre er der Erste, der einen Fuß in diesen Supermarkt setzen wird. Marcel ist wieder einmal der glücklichste Mensch auf Erden.

---

Auf dem Küchentisch thront ein Globus. Als mein Blick daran hängen bleibt, sagt Marcel sofort: »95 Franc statt 194.« Ich reagiere nicht. Mit meiner Schale Nesquik setze ich mich an den Tisch, bringe die Weltkugel auf Höchstgeschwindigkeit und stoppe sie dann mit der Fingerspitze an einer zufälligen Stelle. China, Mosambik, Peru, Finnland.

Ich frühstücke schnell fertig, schnappe mir mein Skateboard und meinen Rucksack und gehe runter in den Hof, um zu versuchen, meinen sommerlichen Weltrekord zu brechen. Dann werde ich in den Park gehen. Dann werde ich an den Bahngleisen ein Sandwich essen und die Züge beobachten. Dann werde ich in der Stadtbücherei ein Buch lesen. Dann werde ich versuchen, mit Steinchen Blechdosen von einem Mäuerchen zu schießen. Dann werde ich der Nachbarin beim Klavierspielen zuhören. Dann werde ich mit Marcel zu Abend essen. Dann werde ich ins Bett gehen. Und dann ist es Zeit, das Ganze wieder von vorn zu beginnen. Und so denke ich: »Ein Leben, das sich ständig wiederholt, muss man nur einmal erzählen.«

 

Ich frage mich, ob es in allen Ländern der Welt Mädchen gibt, die den Namen der größten Sängerin aller Zeiten tragen. Ich habe das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, etwas Einzigartiges, ein richtiges Glückskind. Ich habe das Gefühl, dass mich irgendwo ein großartiges Leben erwartet, und dieser Gedanke allein lässt mich durchhalten.

Kapitel 21999

Mein Zimmer ist gerade mal so groß wie eine Besenkammer. Je größer ich werde, desto mehr schrumpft der Raum, scheint mir. Früher brauchte ich drei Schritte von der Wand zu Tür. Jetzt sind es nur noch zwei. Ich habe große Träume, aber sie stoßen sich oft an den Wänden meines Zimmers. Wenn ich daran denke, bildet sich in meinem Bauch ein Feuerball, der wächst und wächst und alles auf seinem Weg versengt und vermutlich niemals erlöschen wird.

Im Erdgeschoss unseres Hauses wohnt ein Ehepaar, Emmanuelle und Thierry Girard, die ständig vor dem Fernseher sitzen und sich streiten. Im Sommer machen sie die Fenster auf, und dann hallt der Lärm von den Häusern gegenüber wider. Sie schauen oft eine Sendung, in der das Publikum ständig klatscht. Manchmal nehme ich dann meine Haarbürste als Mikrophon und stelle mir vor, es sei mein Applaus.

Im ersten Stock wohnt ein alleinstehender Mann, den man nur selten mal sieht. Wenn er nach Hause kommt, gegen siebzehn Uhr, ist sein Gesicht immer schmutzig, und seine Hände sind voller Ruß.

Im zweiten Stock wohnt eine Frau, die immer hochhackige Lackschuhe und ein marineblaues Kostüm trägt. Lange glaube ich, sie sei Stewardess. Später erfahre ich, dass sie eigentlich als Empfangsdame im Zwei-Sterne-Hotel am anderen Ende der Straße arbeitet.

Im dritten Stock wohnt die Nachbarin, die Klavier spielt, außerdem nimmt sie alle streunenden Katzen des Viertels bei sich auf. Auf mich wirkt sie, als sei sie tausend Jahre alt. In Wirklichkeit ist sie nicht mal vierzig. Marcel sagt, sie sei nicht vertrauenswürdig und ich dürfe nicht alles glauben, was sie sagt.

Im letzten Stock wohnt ein bleicher Student, der sich die Nächte um die Ohren schlägt und manchmal in den Morgenstunden nach Hause torkelt.

Im vierten Stock wohnen Marcel und ich.

In der Schule rede ich manchmal mit Julien und ein bisschen mit Laurie. In der Kantine setze ich mich mit meinem Tablett neben zufällig ausgewählte Klassenkameraden, die kaum den Kopf heben und dann ihre Gespräche fortsetzen. Sie haben versucht, das Geheimnis des Mädchens zu lüften, das allein bei einem alten Herrn lebt. Sie haben versucht, zu verstehen, was hinter den Worten steckt, die ich nicht spreche. Sie haben es versucht, und dann haben sie es aufgegeben.

Das Datum auf dem Abreißkalender an der Küchenwand scheint mich anzublinken: 7. August. Heute ist mein Geburtstag. Ob Marcel daran denken wird? Er wird alt und kann sich Daten immer schlechter merken. Also verlasse ich die Wohnung noch früher als sonst, um ihm nicht zu begegnen und ihm Zeit zu geben, sich daran zu erinnern, dass heute ein besonderer Tag ist.

Wie immer renne ich die Treppe hinunter und zähle dabei die Stufen. Doch bei Stufe neun stolpere ich um ein Haar über einen seltsamen Haufen. Oder nein, kein Haufen, kein Gerümpel: ein Junge.

---

Ich sammele die Brotstücke und die leeren Konservendosen vom Teppich auf, die aus meinem Rucksack gepurzelt sind, als ich dem Jungen auf der Treppe ausweichen wollte. Ich sage:

»In diesem Haus sitzen selten Leute auf den Stufen.«

»Ich wollte etwas Luft schnappen.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

»Draußen gibt es aber mehr Luft.«

»Ich heiße Maxime.«

»Okay.«

Ich will gerade gehen, da spricht er weiter.

»Und du?«

»Billie.«

»Wo gehst du hin?«

Ich zögere. Ich sage nicht gern, wohin ich gehe, denn dann können die Leute mich finden.

»In den Park.«

»Kann ich mitkommen?«

Eigentlich will ich nein sagen, aber so einfach ist das nicht. Ich habe da so ein Ding in mir, so ein Ding, das mich davon abhält zu sagen, was ich wirklich denke, damit ich niemanden kränke. Ich starre ihn einen Moment lang an. Sein in alle Richtungen abstehendes braunes Haar, seine fest auf mich gerichteten Augen, sein gestreiftes T-Shirt und seine ausgelatschten Turnschuhe.

»Ich bin bei meiner Tante in Ferien«, fügt er hinzu.

»Bei der, die Klavier spielt?«

»Ja. Und literweise Suppe kocht.«

»Ich mag Klavier.«

Ich stürme weiter die Treppe hinunter. Nach drei Stufen drehe ich mich um.

»Und, kommst du?«

---

Ich steige auf mein Skateboard, und der Junge läuft neben mir her. Ich habe meine Geschwindigkeit ein wenig gedrosselt, aber nicht zu sehr. Schließlich wollte er ja unbedingt mitkommen. Der Junge redet nicht, und obwohl mir das am Anfang gelegen kam, nervt es mich langsam. Schweigen ist zu zweit schwerer zu ertragen.

»Darf ich mal?«

Maxime holt mich aus meinen Gedanken.

»Was?«

»Skateboard fahren.«

»Ah.«

Ich schiebe es ihm zu. Maxime setzt seinen rechten Fuß auf das Board, es rollt sofort weg. Langsam gehe ich zu dem Baum, gegen den es gefahren ist, und stelle es wieder vor ihn hin, ohne Kommentar. Maxime versucht erneut sein Glück, doch die Szene wiederholt sich. Ich überlege, ob ich ihm sage, dass er erst sein Gleichgewicht finden muss, bevor er versucht, loszufahren, aber ich sage nichts, und Maxime stellt sich zum dritten Mal auf das Brett, das ohne Jungen darauf einfach besser rollt.

»Meine Mutter hasst alles, was Räder hat«, sagt er schließlich. »Als ich klein war, hatte ich ein Fahrrad, aber ich bin runtergefallen, und sie hat es verkauft. Jetzt habe ich eine Gitarre.«

»…«

»Von meiner Gitarre bin ich noch nie runtergefallen«, sagt er und schaut mich herausfordernd an.

Ich finde es witzig, aber ich verziehe keine Miene. Ich brauche Zeit, bevor ich vor Leuten, die ich nicht kenne, lache, oder gar weine.

Er steigt zum vierten Mal auf. Sein Körper bebt, aber das Board bleibt, wo es ist. Er setzt den linken Fuß auf den Boden und drückt sich leicht ab. Er fährt. Ich folge ihm in angemessenem Abstand. Als er bei dem Baum ankommt, zu dem das Board vorher dreimal ohne ihn gefahren ist, stellt er den Fuß auf den Boden und dreht sich zu mir um, mit einem Lächeln so groß, dass es mich erstarren lässt. Mein Herz macht einen Satz. Ich bin froh, weil er froh ist, und doch gibt es kein Wort, das dieses Gefühl beschreiben könnte.

---

Ich habe nicht daran gedacht. Ganz geblendet von meinem Geburtstag habe ich vergessen, dass heute Samstag ist und dass Ernest nicht arbeitet. Jetzt bin ich im Park, mit diesem störenden Jungen, und plötzlich fühle ich mich leer. Kein Gesang. Kein Rhythmus, keine Freude, kein Sinn.

Jetzt muss ich in irgendwelche Läden gehen und so tun, als würde ich mich für Produkte interessieren, die mir völlig egal sind, nur um ein wenig Musik aufschnappen zu können. Das ärgert mich alles, ich bin sauer auf die ganze Welt, besonders auf Marcel, der sein Geld für reduziertes Zeug ausgibt und nicht in der Lage ist, ein einfaches Radio zu kaufen. Ich trete nach einem Stein, der im Weg liegt, ich trete nach einem Blatt, nach einem Bonbonpapier, ins Gras, und ins Leere. Maxime versteht meinen plötzlichen Stimmungsumschwung wohl kaum, aber er sagt nichts. Er folgt dem Mädchen, das er sicher sehr sonderbar findet. Er folgt ihr, mit einem seltsamen, widersprüchlichen Gefühl im Bauch: dem Wunsch, woanders zu sein, und dem, genau hier zu sein.

»Ich hasse Wochenenden in den Ferien. Die sind zu nichts gut. Das ist, wie unterm Sonnenschirm einen Hut zu tragen oder mitten am Tag das Licht anzumachen.«

Da fängt Maxime plötzlich an zu reden wie ein Wasserfall. Ich merke, dass er nicht alles versteht, aber doch immerhin ein bisschen. Er erkennt meine Enttäuschung wieder, da er sie selbst schon Hunderte Male erlebt hat, bei gefühlt jedem Satz seiner Mutter. »Nein, du kannst heute nicht bei Vincent spielen«, »Das mit dem Fahrrad sehen wir nächstes Jahr«, »Du wirst es nicht glauben, aber im Rugby-Team war kein Platz mehr.« Immer konnte er fast etwas unternehmen, aber letztlich machte er nie etwas davon, weil seine Mutter jedes Mal die Panik packte und sie im letzten Moment alles absagte. Maxime hasst letzte Momente.

Diese eine Woche Ferien bei seiner Tante ist ein unverhofftes Geschenk. Eine Woche weit weg, eine Woche Freiheit, eine Woche ohne »fast«. Diese eine Woche verdankt er den vielen »Also hör mal, Chantal …« seines Vaters. Was Chantal schließlich gehört hatte, ist unklar, aber Maxime ist hier, allein, zweihundertsiebzig Kilometer von zu Hause weg, zum ersten Mal in seinem Leben.

»Gehen wir Züge gucken?«

Damit reiße ich Maxime aus seinen Gedanken. Es war eigentlich keine Frage, und so beschleunigt Maxime einfach seine Schritte, um mir zu folgen. Dreihundert Meter vom Park gibt es eine kleine Brücke, die über Eisenbahngleise führt. Das verrostete Geländer ist in den Beton eingelassen, aber es gibt eine Lücke, die groß genug ist, dass wir unsere Beine darunter durchbaumeln lassen können. Ich schaue auf meine alte rot-blaue Flik-Flak-Uhr.

»In einer Minute kommt der Zug nach Paris. Dann musst du die Luft anhalten, bis der letzte Waggon vorbei ist. Sonst bist du tot. Klar?«

»Öh … okay.«

»Er kommt … Bereit?«

Maxime sagt lieber nichts und nickt nur energisch mit dem Kopf. Ich sehe, dass ihm schon die Luft ausgeht, als der Zug gerade erst unter uns ist. Die Waggons rasen vorbei, und als der letzte unter der Brücke durch ist, nehmen wir einen tiefen Atemzug, als kämen wir von einem Tauchgang zurück.

»Der 9-Uhr-47er ist immer ziemlich lang.«

Ich sehe Maxime fest an, ohne zu blinzeln, und füge hinzu:

»Nicht schlecht fürs erste Mal. Wo kommst du her?«

»Aus Nantes.«

»Was machen deine Eltern?«

»Mein Vater ist Ingenieur. Er baut Staudämme. Meine Mutter arbeitet für eine Versicherung. Aber die meiste Zeit macht sie sich Sorgen.«

»Hast du Geschwister?«

»Einen Bruder. Einen kleinen.«

»Warum habe ich dich vorher noch nie hier gesehen?«

Maxime zuckt mit den Achseln, ich ziehe die Stirn kraus.

»Meistens kommt meine Tante zu uns. Meine Mutter mag es nicht, wenn wir alle zusammen im gleichen äh … Fortbewegungsmittel sitzen.«

Meine Stirn glättet sich langsam. Ich denke an Marcels C15, mit den grauen Ledersitzen, die diesen speziellen Geruch haben, eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Staub und Sommerhitze. Ich darf vorne sitzen, aber nur, wenn ich mich anschnalle, denn vorne ist das schon länger Pflicht als hinten.

 

Der Tag vergeht wie im Flug, und als ich das nächste Mal auf die Uhr gucke, ist es schon Zeit, heimzugehen.

»Ich muss nach Hause. Marcel wartet auf mich.«

Ich stehe auf, Maxime folgt mir. Im Treppenhaus, wo unsere Wege sich trennen, betrachte ich ihn einen Moment, eine Extrasekunde lang. Diese Extrasekunde lang wird mein Blick immer auf ihm weilen, auch später, wenn wir älter sind.

»Bis morgen?«

»Bis morgen.«

---

»Marcel?«

In der Wohnung ist es dämmrig und totenstill. Normalerweise ist Marcel immer da, wenn ich komme. Er ist nie zu spät, denn er isst gern früh zu Abend.

»Maaarcel?«

Mit einem flauen Gefühl im Magen versuche ich, mich an das letzte Wort zu erinnern, das er heute Morgen gesagt hat, als ich die Wohnung verlassen habe, und mir fällt ein, dass es keine Worte gegeben hat. Ich bin gegangen, ohne ihn zu treffen.

»Marcel, bist du da?«

Ich gehe zur Küche, stoße die Tür auf, und da, mitten auf dem Tisch, erhellt ein kleines Feuer Marcels Gesicht. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass es von einem Erdbeertörtchen kommt, auf dem dicht gedrängt acht Kerzen brennen.

»Haha! Hast du etwa geglaubt, dass ich es vergesse?«

Marcel drückt mir einen Kuss auf die Stirn und schmettert beschwingt ein Geburtstagsständchen. Als er fertig gesungen hat, schneidet er den winzigen Kuchen in zwei gleiche Teile, die aber doch nicht ganz gleich sind, denn bei uns fällt die Gleichheit immer zu meinem Vorteil aus. Er nimmt ein Päckchen aus dem Regal und reicht es mir. Ich halte den Atem an. Seit Monaten habe ich in der ganzen Wohnung Radioprospekte verstreut. Ich denke, dieses Mal klappt es vielleicht. Mein Herz pocht immer schneller. Aber dann setzt es abrupt aus, als mir klarwird, dass es nicht das erhoffte Geschenk ist. Dass sich in dem Pappkarton kein Radio befindet, sondern eine Babypuppe. Eine Babypuppe für 99 statt 149 Franc.

---

Später im Bett starre ich an die Zimmerdecke, an der drei Leuchtsterne kleben. Jeden Abend klammern sich meine Träume an diese fünfzackigen Plastikschnipsel. Häufig fällt einer herunter und zerschellt am Boden. Ich denke über den Tag nach, über meine Begegnung mit Maxime. Ich wünschte, es gäbe auch irgendwo jemanden, der sich so um mich sorgt. Natürlich ist da Marcel. Aber, ganz ehrlich, ich mache mir mehr Sorgen um ihn als er sich um mich. Ich bin zwar erst acht Jahre alt, aber ich weiß schon, sollte ihm etwas zustoßen, bevor ich volljährig werde, käme ich in ein Heim oder zu einer Pflegefamilie. Das weiß ich, weil ich nicht sicher bin, dass Jonathan, mein Cousin aus Saint-Étienne, von dem Marcel manchmal erzählt, wirklich existiert. Einmal hat er ihn Jérémy genannt.

Jeden Morgen, wenn ich zur Schule gehe, schreibe ich in ein kleines Heft das letzte Wort, das Marcel an mich richtet, bevor ich die Tür hinter mir schließe. Ich möchte mich daran erinnern. Für den Fall der Fälle. Und außerdem glaube ich fest daran, dass das Leben mir meinen Großvater nicht an einem Tag nehmen kann, an dem sein letztes Wort »Klo« oder »Grundsteuer« war.

---

Am nächsten Morgen wartet Maxime unten an der Treppe auf mich. Als er mich sieht, steht er auf und hält mir ein in Alufolie gewickeltes Stückchen Schokokuchen hin.

»Hier.«

»Danke.«

Ich verschlinge den Kuchen in zwei Happen, und ohne ein Wort machen wir uns auf den Weg, den gleichen wie am Vortag, als wäre dieses zweite Mal bereits der Beginn einer Tradition. Maxime folgt mir durch das metallene Törchen in den Park, und er folgt mir auch, als ich versuche, die Eiche zu umarmen. Aber er tut es mir nicht nach. Er muss wohl nicht die Zeit messen, die ihm noch bleibt, bis er endlich wegkann?

Ich setze mich auf meine Bank und warte. Ich spüre Maximes Blick im Nacken, als ich den Kopf wende, um nach Ernest Ausschau zu halten.

»Gestern war mein Geburtstag. Ich habe eine Babypuppe bekommen.«

Maxime will gerade antworten, aber da kommt der Gärtner, und ich springe auf, um ihn zu begrüßen. Ein paar Minuten später beginnt Ernest sein Konzert, und alles andere verschwindet. Ich vergesse alles um mich herum. Und doch merke ich, dass dies der Moment ist, an dem Maximes Erinnerung einsetzen wird.

---

Die folgenden Tage verlaufen ähnlich. Maxime wartet auf der Treppe auf mich, dann absolvieren wir unsere Strecke. Am letzten Abend sagt er, er müsse am Morgen ganz früh los, und reicht mir ein Päckchen, das in eine »Star Club«-Seite gewickelt ist.

»Für dich zum Geburtstag.«

Ein paar Sekunden lang messe ich den Jungen, von dem ich glaube, dass ich ihn nie wiedersehen werde, mit dem Blick, dann nehme ich das Päckchen an. Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass da, zwischen den Fotos von Schauspielerinnen im Badeanzug und den bunten Schlagzeilen des zerrissenen Magazins, das schönste Geschenk liegt, das man mir machen kann: ein Walkman.

»Habe ich zu Weihnachten bekommen. Ich glaube, du wirst ihn öfter benutzen als ich.«

Mir hat es die Sprache verschlagen, also drücke ich auf eine Taste, und der kleine schwarze Kasten springt klackend auf.

»Damit kann man Musik hören. Es ist schon eine Kassette drin. Ich habe meine Lieblingslieder aus dem Radio aufgenommen.«

»Kennst du Billie Pretty?«

»Billie Pretty? Nein …«

»Ah …«

»Aber ich kann meine Mutter fragen, wenn du willst. Und wenn ich eine Kassette finde, schicke ich sie dir.«

»Danke.«

Maxime hat schon fast die Wohnungstür seiner Tante geöffnet, da dreht er sich noch einmal zu mir um und sagt:

»Ich finde, du singst echt gut.«

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Am nächsten Morgen, direkt nach dem Aufstehen, lausche ich mit dem Ohr am Boden auf die Geräusche seiner Abreise. Als die Eingangstür ins Schloss fällt und es still wird, laufe ich ans Fenster und sehe ihm nach. Er überquert die Straße, eine prallgefüllte Sporttasche über der Schulter, neben ihm eine große, blonde Frau, die mit hohen Absätzen über den Asphalt klackert. Beim Sprechen gestikuliert sie wild mit den Händen, und ihre goldenen Armreifen blitzen durch den Morgendunst. Bevor Maxime ins Auto steigt, hält er inne und hebt den Kopf in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich, ich bewege mich nicht. Er sieht mich ein paar Sekunden lang direkt an, und ich winke ihm flüchtig durch die Scheibe zu. Er kommt nicht mehr dazu, zu reagieren, denn seine Mutter scheucht ihn ins Auto, weil er mitten auf der Straße steht.

Das Auto verschwindet hinter der nächsten Ecke. Ich setze mir die Schaumstoffkopfhörer auf und drücke auf die Taste mit dem Dreieck darauf. Die Musik beginnt. Mein Leben auch.

Kapitel 32000

Diese Woche mitten im Sommer sehne ich seit Monaten herbei. Exakt seit dem 1. Januar, als die drei Nullen hinter der Zwei eingerastet sind und sich alle eingestehen mussten, dass es immer noch keine fliegenden Autos gibt und dass die Computer bis 2000 gezählt hatten, ohne zu explodieren. Denn endlich konnte ich sagen: »Dieses Jahr kommt Maxime«, und die Ewigkeit schmeckte plötzlich nach morgen.

 

In der langen Wartezeit schickt Maxime mir Briefe, die er an seine Tante adressiert. Manchmal, wenn ich die Treppe hinuntergehe, hält sie mich an und sagt, dass ich Post habe. Da ich mich nicht traue, Marcel um Geld zu bitten, gebe ich ihr meine Antworten in unfrankierten Umschlägen. Sie akzeptiert das ohne ein Wort.

Einmal stelle ich in einem Brief die Frage, die mir seit Monaten auf den Nägeln brennt: Hat er etwas zu Billie Pretty herausgefunden? Er antwortet: »Ich habe meine Mutter gefragt, sie sagt, sie hat noch nie von ihr gehört.«

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Im April schreibt Maxime mir, wann er im Sommer zu seiner Tante kommt, und im August ist er da, auf der gleichen Treppenstufe. Er reicht mir eine Kassette, und ich traue mich nicht, ihm zu sagen, dass ich, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben, keine neue habe kaufen können.