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Die Geschichte einer jungen Frau, die sich klimapolitisch engagiert. Sie beteiligt sich an Demonstrationen und tritt dort auch als Rednerin auf. Bald jedoch ist ihr der friedliche Protest nicht mehr genug. Sie möchte die Gesellschaft aufrütteln und beteiligt sich in einer kleinen Gruppe an immer heftigeren Protestaktionen. Am Ende schreckt sie vor fast nichts mehr zurück. In einem polizeilichen Verhör geht Hauptkommissar Reinecke der Fage nach, wie und warum sich diese junge Frau so entwickelt hat. Wie konnte es so weit kommen, dass aus der braven und guten Schülerin Henrike Blom das Gesicht der "Klima R.A.F." werden konnte? Ist das noch Engagement oder schon Terrorismus? Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die die Grenze überschritten hat. In einem polizeilichen Verhör erzählt Henrike Blom, wie alles ganz harmlos angefangen hat und schließlich immer härter wurde.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2023
S. Bogert
Henrike Blom
Mein Leben als Klimaterroristin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Impressum neobooks
Henrike Blom. Mein Leben als Klimaterroristin
Der Raum war karg. Lediglich ein venezianischer Spiegel hing an der grauen Wand. In der Mitte des Raums standen drei Stühle um einen im Boden festgeschraubten Tisch. Auf einem dieser Stühle saß eine junge Frau. Ihre dunkelblonden Haare waren zerzaust, ihre Jeans ausgefranst und löchrig. Schmuck trug sie keinen mehr – den hatte man ihr abgenommen.
Sie kratzte sich an ihren Handgelenken, wo eben noch Handschellen gewesen waren, als die Tür geöffnet wurde. Ein Mann um die 50 Jahre in dunkler Kleidung und eine Frau Mitte 30 in grüner Bluse traten ein.
Sie nahmen auf den beiden leeren Stühlen Platz, schwiegen einen Augenblick, während sie sich alle musterten, dann beugte sich der Mann ein wenig vor, legte seine Hände auf dem Tisch aufeinander und räusperte sich.
„Das folgende Gespräch wird aufgezeichnet in Bild und Ton. Es ist der 6.6.2023. Anwesend sind Hauptkommissar Michael Reinecke, Kommissarin Anna Fröhlich sowie die Beschuldigte, Henrike Blom, am 23.Februar 2001 in Düsseldorf geboren, wohnhaft Zum Renngraben 8 in 50374 Erftstadt. – Guten Morgen Fräulein Blom. Die Angaben zu Ihrer Person sind korrekt?“
„Guten Morgen“, antwortete Henrike Blom mit rauer Stimme. „Ja, das stimmt so.“
„Die Nacht war ja für uns alle recht kurz“, fuhr Hauptkommissar Reinecke fort, „aber ich denke, dass es das Beste ist, wenn wir möglichst schnell ein paar Dinge klären. Zuerst weise ich Sie jedoch darauf hin, dass es Ihnen selbstverständlich freisteht sich zu den Beschuldigungen zu äußern. Darüber hinaus steht es Ihnen frei sich vor oder auch während der Vernehmung mit Ihrem Verteidiger auszutauschen. Im Vorfeld dieser Befragung haben Sie allerdings bereits erklärt haben, dass Sie keinen Verteidiger bestellen möchten. Ist das so korrekt?“
„Ja, das ist richtig.“
„Und Sie bleiben dabei, dass Sie niemanden hinzuziehen möchten und dass Sie sich nicht anwaltschaftlich beraten und vertreten lassen möchten, Fräulein Blom?“
„Ja, das ist richtig. Ich möchte das nicht.“
Ihre Stimme überschlug sich ein wenig. Sie wirkte nun doch etwas angespannt, lächelte kurz und ließ es gleich wieder sein, als wüsste sie nicht, welches Verhalten in dieser Situation angemessen und vorteilhaft wäre.
„Wir unterhalten uns hier heute, um Ihnen Gelegenheit zu geben, etwas zu den Anschuldigungen zu sagen, die gegen Sie erhoben wurden. Bevor wir beginnen, habe ich noch ein paar Fragen zu Ihrer Person: Sie sind nicht liiert und wohnen alleine, ist das richtig?“
„Ja, das ist richtig. Ich bin Single und lebe alleine.“
„Aktuell sind Sie arbeitslos, richtig?“
„Ich bin Studentin, immatrikuliert in Köln, aber war in letzter Zeit nicht mehr so oft an der Uni.“
Kurz zögerte Hauptkommissar Reinecke, ließ seinen Blick einige Sekunden auf Katharina Blom ruhen, als überlege er, was wie er nun weitermachen sollte. Schließlich atmete er laut aus.
„Die Anschuldigungen haben wir Ihnen im Vorfeld ja bereits schriftlich zukommen lassen. Ich fasse mal zusammen: Wiederholter Hausfriedensbruch, dutzendfache Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und schwere Körperverletzung. Vorgeworfen wird Ihnen außerdem die Bildung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zum Mord und schließlich: Mord. – Das ist eine ganz schöne Zahl von sehr schweren Anschuldigungen und ich wiederhole ausdrücklich, dass Sie das Recht haben sich anwaltlich beraten und verteidigen zu lassen. Persönlich empfehle ich Ihnen das sogar.“
„Danke, aber nein.“
Der Hauptkommissar sah sie fragend an.
„Ein Anwalt würde mir vermutlich dazu raten zu allem zu schweigen, was mich belasten könnte, und höchstens das zuzugeben, was sowieso schon bewiesen ist. Danke vielmals. Auf all das verzichte ich. Das alles ergibt in meinen Augen gar keinen Sinn. Ich bin mir meiner Situation bewusst, möchte kooperieren, wie es so schön heißt, und nachher können Sie der Welt dann erzählen wie ich so verkorkst geworden bin.“
Der Hauptkommissar zog die Augenbrauen hoch.
„Halten Sie selbst sich für ‚verkorkst‘, Fräulein Blom?“, fragte er, als wäre er ehrlich erstaunt darüber, dass sie das gesagt hatte. Henrike Blom lachte kurz auf, wobei sie ihr Gesicht einen Moment lang abwandte, als sei sie verlegen. Dann blickte sie dem Hauptkommissar mit einem Mal direkt und konzentriert in die Augen.
„Fräulein? Ernsthaft? Sie können mich Frau Blom nennen oder von mir aus auch Henrike, wenn Ihnen das nicht zu persönlich ist, aber hier geht es ja ums Persönliche, nicht wahr? Keine Sorge, ich werde schon kein Stockholmsyndrom entwickeln, wenn Sie mich duzen, aber bitte hören Sie auf mit diesem ‚Fräulein‘. – Im Übrigen: Nein, das war sarkastisch gemeint. Ich halte mich nicht für ‚verkorkst‘, ganz im Gegenteil, aber weil ich anscheinend die Einzige bin, die das nicht tut, sitzen wir doch nun hier, nicht wahr?“
„Frau Blom“, meldete sich nun erstmals auch die Kommissarin zu Wort, die bislang zurückgelehnt auf ihrem Stuhl gesessen und Henrike Blom aufmerksam beobachtet hatte.
„Es geht hierbei nicht darum, ob wir Sie verurteilen. Das können wir gar nicht. Wir sind hier, weil wir Sie verstehen möchten und weil wir vor allem verstehen möchten, was Sie getan haben und warum Sie das alles getan haben.“
„Ja, natürlich“, schüttelte Henrike Blom lächelnd ihren Kopf und atmete tief ein und langsam wieder aus.
„Also gut, dann schlage ich vor, dass wir es uns nicht so schwer machen. Ich erzähle Ihnen meine Geschichte und ich bin froh, dass Sie mich lediglich verstehen möchten, wie eine liebevolle Mutter ihr verlorenes Kind. Das Urteilen kann dann ja später das hohe, unendlich hohe Gericht übernehmen.“
„Fräulein Blom“, die Stimme des Hauptkommissars klang eher flehend als bestimmt, „lassen Sie uns einfach anfangen.“
„Bitte, gerne.“
„Ihrem Abiturzeugnis zufolge waren Sie ja eine ausgezeichnete Schülerin.“
„Oh, damit fangen wir nun an. Spannend. Ja, ich hatte lauter Einsen, ich war sehr klug. Damals. Jedenfalls befand man dies in den gebildeten Kreisen meiner hohen Lehranstalt so.“
„Und meinen Informationen nach“, fuhr Hauptkommissar Reinecke unbeeindruckt fort, „hatten Sie auch etwas, was man eine gute Kindheit nennen darf.“
Einen Moment lang blickte Henrike Blom irritiert zum Kommissar, dann fasste sie sich wieder.
„Elternhaus voller Liebe und Wärme, genug Spielsachen und viel Zeit für Hobbys. Ich bin auch nie geschlagen worden, dafür gab es viele Umarmungen. Wir waren nicht reich, aber gutbürgerlich, so sagt man wohl. Ja, mir ging es gut als Kind.“
„Mich -oder besser gesagt- uns interessiert, wieso eine junge Frau, die eine glückliche Kindheit hatte und der alle Türen im Leben offen standen -ich formuliere das mal ein wenig platt-, sich in wenigen Jahren so vollständig radikalisiert. Haben Sie eine Antwort darauf?“
Erneut herrschte eine Weile Schweigen. Dann nickte Henrike Blom, schwieg aber weiter.
„Fräulein Blom?“, fragte Hauptkommissar Reinecke schließlich nach.
„Ja, entschuldigen Sie bitte, aber ich muss kurz darüber nachdenken, was ich von dieser Frage halten soll. Auf den ersten Blick ist das vielleicht eine sinnvolle Frage, ja, - aber eigentlich, je länger ich darüber nachdenke, ist diese Frage eine Folge völlig falscher und geradezu idiotischer Schlussfolgerungen. Sie sehen einen Bruch zwischen meiner Kindheit und meinem jetzigen Leben. Und soweit stimmt es, dass beides auf den ersten Blick sehr gegensätzlich wirkt: Auf der einen Seite die heile Welt mit Liebe, etwas Geld und sogar noch guten Noten in der Schule und auf der anderen Seite die Terroristin. Wie konnte es nur dazu kommen? – Aber wenn man darüber nachdenkt, dann merkt man doch, dass das gar keine Gegensätze sind. Alles, was ich getan habe und was man mir hier vorwirft, wäre doch gar nicht vorstellbar gewesen, wenn ich eine schlechte Schülerin gewesen wäre und wenn ich im Unterricht nicht aufgepasst hätte. Das alles wäre auch gar nicht möglich gewesen, wenn ich arm gewesen wäre und das höchste Ziel meines Lebens nun darin bestehen würde etwas zu Essen und ein dickes Auto zu haben. Dann würde ich mich doch gar nicht mit so solchen Dingen beschäftigen wie dem Klimawandel. – Eigentlich... – Bitte entschuldigen Sie, vielleicht sieht man es mir nicht an, aber ich bin nun doch etwas aufgeregt. Könnte ich vielleicht eine Zigarette bekommen? Eigentlich rauche ich ja gar nicht oder zumindest nur ganz selten, müssen Sie wissen, aber ich würde jetzt gerne eine Zigarette haben. Bitte.“
Frau Fröhlich zögerte kurz, aber als sie sah, dass Henrike Blom es tatsächlich ernst meinte, holte eine Packung aus ihrer Tasche und reichte ihr eine Zigarette daraus, die Henrike Blom mit leicht zitternden Händen entgegennahm. Dann hielt Kommissarin Fröhlich ihr ein Feuerzeug hin, ging dann kurz zur Tür hinaus, um wenige Augenblicke später mit einem Aschenbecher zurückzukehren.
Henrike Blom zündete ihre Zigarette an.
„Mein Vater sagte immer, dass es nur eine Situation gibt, in der das Rauchen zu entschuldigen ist: Wenn man als Soldat im Schützengraben liegt. Im Angesicht des Todes, so sagte er, da ist es nicht nur verzeihlich, sondern geradezu angebracht, dass man raucht, aber sonst: Sünde. Sünde am eigenen Körper und am eigenen Leben. – Aber vielleicht ist das ja hier auch ein wenig verzeihlich, schließlich ist das hier auch eine Art von… - aber werden wir nicht zu sentimental.“
„Sie haben eben von sich als ‚Terroristin‘ gesprochen“, schaltete sich Hauptkommissar Reinecke wieder ein. „Würden Sie sich selbst so bezeichnen? Trifft diese Bezeichnung auf Sie zu?“
„Gott, Sie stellen Fragen, ich komme mir ja vor wie beim Psychiater. Ich dachte, dass Sie mich hier nach meinen Verbindungen und meinen Taten befragen und nicht, wie ich mich selbst bezeichnen würde. Ob ich eine Terroristin bin? Da gäbe es vermutlich eine ganze Menge passenderer Begriffe, wenn Sie mich schon fragen. Man könnte sagen, dass ich eine engagierte Bürgerin bin, eine Umweltschützerin – oder, wenn Sie es dramatisch wollen: eine Verzweifelte.“
„Waren Ihre Taten Verzweiflungstaten?“
Man merkte Hauptkommissar Reinecke nicht an, was er empfand, er verzog nicht eine Mine. Währenddessen saß Henrike Blom nun zurückgelehnt auf dem Stuhl, mit übergeschlagenen Beinen, rauchte und ließ sich erneut mit einer Antwort Zeit.
„Natürlich! Was haben wir vorher nicht alles versucht: Briefe an die Politik, Demonstrationen und Petitionen. Haben wir alles gemacht. Überall haben wir viel Wohlwollen und Verständnis erfahren, aber am Ende hat es wenig gebracht, denn geändert hat sich eher wenig. Gerade auch aus Ihrer Generation haben wir immer so viel Lob bekommen. ‚Das ist ja wie bei den 69ern‘, wurde uns gesagt. ‚Endlich geht die Jugend mal wieder auf die Straße!‘ – Dabei waren das ja nicht die Studien meiner Generation, die den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht haben. Ihrer Generation gebührt der Dank für diese Arbeit. Wir haben nur den Krach gemacht, als diese Arbeit nicht ernst genommen wurde. Trotzdem hat man uns immer auf die Schulter geklopft und fand es ganz fein, was wir tun. - Ich habe mich bei all dem Lob immer gefühlt wie ein Kind, dem man eine Blockflöte in die Hand drückt. Anfangs finden die Eltern es ganz toll, dass das Kind nun Musik machen möchte. Nur irgendwann merken die Erwachsenen dann doch, dass man eigentlich lieber wieder seine Ruhe hätte. Man lobt das Kind noch ein wenig, aber man hofft doch, dass es sich bald wieder mit anderen Dingen beschäftigt. Irgendetwas, was ruhig ist und mit dem sich Geld verdienen lässt. Irgendein Schreibtischjob. Statt diesem nervige Getröte. – Oft hatte ich den Eindruck, dass die Leute denken: Ach, die demonstrieren ja tatsächlich immer noch! Jetzt wäre es aber doch mal an der Zeit für etwas anderes!“
„Sehr interessanter Vergleich.“
Hauptkommissar Reinecke hielt kurz Inne und streckte seinen Oberkörper durch.
„Also gut. Dann werden wir nun einmal konkreter und kommen zu Ihren Taten, denn wir sind hier ja nicht beim Psychiater, wie Sie vorhin richtig bemerkt haben.“
Zum ersten Mal in diesem Gespräch lächelte der Hauptkommissar.
„Das erste Mal auffällig geworden sind Sie im Jahr 2019 bei einer Fridays for Future-Demonstration. Sie haben am Rande der Demonstration Steine auf Polizisten geworfen“, stellte Hauptkommissar Reinecke fest.
Henrike Blom saß ruhig und gelöst, nachdem Sie ihre Zigarette aufgeraucht hatte, einen Fuß auf dem Stuhl, das Knie vor der Brust.
„Ach, das verstehen Sie nicht“, winkte sie ab.
„Dass Sie Steine nach Polizisten geworfen haben?“, wiederholte der Hauptkommissar. „Nein, das verstehe ich nicht, aber ich habe ja auch noch nicht gehört, was Sie dazu zu sagen haben. Bis zu diesem Tag gibt es auch keinen einzigen Aktenvermerk zu Ihrer Person und als wir uns umgehört haben, haben Nachbarn und ehemalige Lehrer Sie als besonnen, ehrgeizig und intelligent beschrieben. Manche Lehrer waren überrascht zu hören, dass Sie überhaupt jemals bei einer Demo mitgemacht haben sollen. Also, bitte, erklären Sie es mir.“
„Brav und ehrgeizig, ja, das trifft es gut, glaube ich. So bin ich in meiner Schulzeit gewesen und nie bin ich auf den Gedanken gekommen, selbst auf eine Demonstration zu gehen, obwohl ja auch damals schon jede Woche Fridays for Future-Demos stattfanden. In meiner Schulzeit habe ich mich mit dem Klimawandel auch nur wenig beschäftigt. Einmal kurz in der 7. oder 8.Klasse. Da hatte mich das nicht so interessiert. In der Oberstufe habe ich dieses Thema dann noch einmal bekommen. Ich sollte ein Referat zum ‚Klimawandel‘ machen. Ich habe es gehasst und wollte lieber ein anderes Thema, aber alle anderen Themen waren schon vergeben. Wollen Sie wissen, warum ich das Thema nicht wollte? Es kam mir langweilig vor. Klimawandel ist doch nicht mehr als der Treibhauseffekt und den kennen wir alle doch schon längst. Erderwärmung, Polarkappen schmelzen, blablabla. Das wollte ich nicht noch einmal wiederholen. Aber mein Lehrer hat darauf bestanden. Also setzte ich mich an meinen Laptop, recherchierte und plötzlich geschah etwas, was nicht geschehen war, als ich mit 14 Jahren zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftigt hatte. Je mehr ich über den Klimawandel las und verstand, desto weniger verstand ich die Politiker, die Unternehmen und die Menschen insgesamt. Ich saß vor dem PC und kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Wie gesagt war es gar nicht der Klimawandel selbst, der mich so fassungslos machte, denn der war im Großen und Ganzen ja gar nicht neu und wissenschaftlich betrachtet im Großen und Ganzen auch nicht kompliziert. Aber dass die Politiker und Großkonzerne so wenig dagegen taten, das war mir vorher nicht einmal ansatzweise bewusst gewesen. Alle Beschlüsse, weltweit, auch das Pariser Klimaabkommen, waren miserabel, nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und trotzdem schaffte es niemand auch nur ansatzweise sich daran zu halten. Ich war sprachlos.“
„Und da beschlossen Sie, es diesen unfähigen Politikern und Managern einfach mal zu zeigen, ja?“, hakte Oberkommissar Reinecke nach. Es klang fast verständnisvoll.
„Nein. Ich hielt einfach nur ein Referat. Über die Folgen des Klimawandels. Und -nur so aus Spaß- habe ich für dieses Referat nur Fakten verwendet, die vor 1985 veröffentlicht worden sind. Nur auf der letzten Folie habe ich aufgeschrieben, wie stark diese Daten mit aktuellen Studien übereinstimmen. Ist es nicht erstaunlich, wie lange die Wissenschaft schon zum menschlichen Einfluss auf das Klima forscht und welches Wissen schon vor 30, 40 Jahren existierte, ohne dass es irgendwen gekümmert hat? – Ich bekam übrigens eine eins für mein Referat, und fünf Sekunden Applaus. Toll, nicht wahr? - Oder wie Sie es ausdrückten, war ich eine erstklassige Schülerin und alle Türen standen mir offen. Ich hätte also irgendwas mit BWL oder Management studieren können und in einem dieser TOPTOPTOP-Unternehmen einen guten Job ergattern und eine Menge Kohle scheffeln können. – Das mit der Kohle ist übrigens ein Wortwitz.“
„Nun ja“, meldete sich Kommissarin Fröhlich wieder zu Wort. „Die Fähigkeiten zu studieren und selbst Wissenschaftlerin zu werden und zu forschen, die hatten Sie ja. Oder Sie hätten auch wirklich was mit BWL oder Management studieren, und dann in einem Unternehmen Einfluss auf die Klimapolitik des Unternehmens ausüben können.“
„Natürlich, das hätte ich tun können. Und das Unternehmen würde sicherlich stolz auf mich sein. Genau wie die Politiker, und die Eisbären. Vergessen wir die Eisbären nicht. Megastolz wären die auf mich gewesen. So in 15 bis 20 Jahren, wenn ich mich hochgearbeitet und vielleicht ein wenig an Einfluss gewonnen hätte. Dann hätte mein Unternehmen die Eisbären gerettet. Weil ich ja so toll bin und weil die Eisbären einfach noch eine Weile auf mich warten können und weil ein einzelnes Unternehmen da auch so viel machen kann.“
„Also haben Sie das nicht getan, sind stattdessen auf Demos gefahren und haben Polizisten mit Steinen beschmissen, weil das die Welt ja deutlich schneller zum Besseren verändert.“
Hauptkommissar Reinecke klang gar nicht mehr verständnisvoll und einen Moment lang wollte Henrike Blom etwas erwidern, man konnte es ihr ansehen. Dann aber ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken, ihre Schultern erschlafften, und sie sah den Hauptkommissar traurig an.
„Nein. Um ehrlich zu sein, fand ich das Thema zwar interessant und wichtig, aber gekümmert habe ich mich zu diesem Zeitpunkt trotzdem nicht weiter darum. Es ist wie Kinderarmut oder ein Krieg irgendwo auf der Welt. Das sind alles wichtige Themen, die einen schockieren und um die man sich irgendwie kümmern möchte, aber mehr als eine Petition, die man vielleicht mal unterschreibt oder mal einen Fünfer zu spenden, macht man am Ende doch nicht. So war es auch bei mir. Ich steckte mitten im Abitur und hatte so viel zu tun. Das Ende meiner Schulzeit stand bevor mit meinem ganzen Ehrgeiz wollte ich vor allem eins: Die Prüfungen möglichst gut bestehen. Was danach kam, wusste ich gar nicht so recht. Ich glaub, ich wollte einfach raus von zuhause, neue Menschen kennenlernen, einfach leben. - Als die Abiturprüfungen endlich vorbei waren, war das ganze Klimathema also nicht das erste, woran ich dachte. Vielleicht wäre das auch so geblieben, wenn eine Freundin mich nicht zu einer Demo von Fridays for Future mitgeschleppt hätte. Dabei wollte sie selbst nicht einmal hin. Sie sollte nur ihre kleine Schwester begleiten, die damals in der 8ten Klasse war und sich das mit ihren Freunden auch mal anschauen wollte. Wir waren sozusagen ihre Demo-Babysitter. Also bastelten wir zusammen ein paar Plakate. Dazu malten wir ein paar Fabriken und Abgaswolken. Außerdem schrieben wir in Großbuchstaben: ‚Wenn die Erde eine Bank wäre, hättet ihr sie längst gerettet!‘ Die anderen hatten eigentlich viel heftigere Vorwürfe draufschreiben wollen, zum Beispiel: ‚Wir klagen an wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung: Korrupten Politiker & skrupellose Konzerne!‘ Ich meinte, dass das viel zu lang für ein Plakat wäre, aber eigentlich waren mir die Formulierungen einfach nur zu heftig. Rückblickend kann ich darüber nur den Kopf schütteln, aber es zeigt, wie brav ich damals war. Das war ja auch meine erste Demo überhaupt und ich war so wirklich aufgeregt.
Dass dieser Tag ein Einschnitt und Wendepunkt in meinem Leben sein würde, wusste ich damals noch nicht. Dieser Tag löste so viel in mir aus und das fing schon auf der Hinfahrt an. Wir standen mit unseren Plakaten an der Bushaltestelle, wo die Autofahrer wegen dem stockenden Verkehr sehr langsam fuhren. Die meisten beachteten uns gar nicht, aber einige sahen unser Plakat und lächelten uns an. Manche Leute zeigten uns aber auch den Mittelfinger. Einer rief uns zu, er würde es uns mal richtig besorgen, denn wir hätten es bitternötig mal locker zu werden. Und ein anderer Typ fuhr sogar zu uns auf die Bushaltestelle, hielt direkt neben uns, beschimpfte uns als Ökoschlampen und warf seinen Müll nach uns, während er rief: ‚Macht doch sauber, wenn die Welt euch zu dreckig ist, statt allen anderen nur zu sagen, was sie tun sollen. Ihr scheiß Moralapostel!‘ – Ich war so geschockt und wäre am liebsten wieder nach Hause gelaufen. Für einen Polizisten wie Sie klingt das alles vermutlich ganz harmlos, und wahrscheinlich war das nicht einmal eine Straftat, was dieser Mann da machte, lächerlich. Ich aber war bis zu diesem Tag in meinem ganzen Leben noch nie angepöbelt worden, niemals. Wie Sie vorhin sagten: Ich war eine brave Schülerin. Mehr nicht. Ich zitterte am ganzen Körper, ich hatte Tränen in den Augen und die ganze Wut und Verzweiflung, die ich beim Schreiben meines Referats über den Klimawandel gefühlt hatte, kochte wieder hoch. Mit einem Mal war ich hier nicht mehr nur als Babysitterin. Ich war hier, weil es richtig war hier zu sein. Weil die Welt ein Problem hatte, weil die Fakten klar waren, aber alle Menschen so taten, als würden sie die nicht kennen oder als würde es sie nichts angehen. Also fuhren wir mit dem Bus in die Stadt.“
„Vielleicht können wir jetzt zu dem Ereignis kommen…“
„Nein“, unterbrach Henrike Blom die Kommissarin, „das können wir nicht. Bei allem Respekt. Ich erzähle Ihnen genau, wie ich an den Punkt gelangt bin, an dem ich jetzt stehe. Und sollte am Ende irgendeine Frage offenbleiben, dann beantworte ich diese, gerne sogar, aber das hier ist wichtig, für mich ist es sogar ganz entscheidend.“
Die Anspannung war Henrike Blom anzumerken und auch sie selbst schien sich ihr bewusst zu sein, sodass sie kurz die Augen schloss und zweimal tief Luft holte und langsam wieder ausatmete. Dann öffnete sie ihre Augen, blickte abwechselnd die beiden Kommissare an und fuhr fort.
„Als wir in der Innenstadt schließlich aus dem Bus ausstiegen, waren wir nicht mehr allein. Überall liefen Menschen mit Plakaten, mit bemalten T-Shirts und mit Trillerpfeifen in Richtung Marktplatz, wo die Demo stattfinden sollte. Ich schaute mich um, ob jemand auch hier die Demonstranten anpöbelte, aber niemand tat oder sagte etwas. Das beruhigte mich, auch wenn meine Hände immer noch zitterten. Wir schlossen uns der Menge an, bis wir auch auf dem großen Platz waren, wo ich schließlich auch einige Polizisten erblickte. Nach den Erfahrungen an der Bushaltestelle war ich dankbar dafür, sehr dankbar, dass sie hier waren. In der Masse an Menschen, die für das Gleiche eintraten wie ich, fühlte ich mich richtig. So geht es vermutlich allen Menschen, die sich für etwas engagieren. Ob gegen Rassismus, für den Schutz von Kindern oder für das Wohl von Tieren. Es macht etwas mit einem und befriedigt einen, wenn man für etwas Gutes eintritt, für etwas, an das man glaubt. Und es fühlt sich großartig an, wenn man das nicht allein tut und hier auf dem Platz waren hunderte, ja tausende Menschen mit mir versammelt, die alle nur hier waren, weil sie der Meinung waren, dass es so nicht mehr weitergehen konnte, dass sich etwas ändern musste, und zwar schnell und entscheidend.
Dann ging es los. Um uns wurde es still und eine Rednerin betrat die Bühne. Sie war jünger als ich, gerade einmal so 16, höchstens 17 Jahre alt und allein das machte mich schon völlig fertig. Ich dachte, du meine Güte, du bist so jung und gehst alleine da rauf und willst die Welt verändern. – Was dagegen habe ich in meinem Leben schon vorzuweisen? Wo habe ich mich mal für etwas Gutes eingesetzt? Ich habe mal ein Referat über den Klimawandel gehalten, vor zwanzig Leuten, und das auch nur, weil ich es musste, nicht weil ich wollte. - Klar, ich hatte mich erschrocken über die Dimensionen der Klimakrise. Aber was hat dieser Schreck bewirkt? Ich hatte ja nicht mal mein eigenes Leben umgekrempelt. Klar, versuchte ich Energie zu sparen, aber nur so viel, dass es nicht zu unbequem wurde. Natürlich ging ich achtsam mit Lebensmitteln um, aber nicht so weit, dass es meine eigenen Vorlieben nicht zu sehr einschränkte, und öffentlich engagiert hatte ich mich noch nie, bis zu diesem Tag, wobei ich hier auch mehr als Babysittern war statt aus eigenem Antrieb. So stand ich da und applaudierte diesem Mädchen, weil es doch richtig war, was es tat. Flagge zeigen, für etwas eintreten. – Ich sah dieses Mädchen an und malte mir aus, was sie wohl für ein Leben führte. Wie sie sich nach ihrer Rede vielleicht auch mit ein paar anderen Rednern traf, wie sie sich gegenseitig zu ihren Reden gratulierten, neue wissenschaftliche Erkenntnisse diskutierten oder auch Politiker ansprachen, um sie dazu zu bringen mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen.
Da wurde ich richtig neidisch auf dieses Mädchen. Sie war jünger als ich, aber entschlossener, mutiger, engagierter, und es kam mir vor, als könnte dieses Mädchen da nur wegen dieser Rede, die sie gerade hielt, stolzer auf sich selbst sein als ich auf mein ganzes Abitur. Schließlich hatte ich immer nur für mich selbst gearbeitet, nur für gute Noten.
Nachdem ich so eine Weile so dagestanden und ganz überwältigt war, wurde ich mit der Zeit etwas ruhiger und hörte den nächsten Rednern aufmerksamer zu.
Ein älterer Mann erzählte davon, dass all die Zahlen und all die Prognosen, von denen die Politiker angeblich so alarmiert waren, noch sehr zurückhaltend waren. In Wahrheit rechneten die meisten Wissenschaftler nicht mit lediglich 3,5 Grad Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts, sondern beinahe mit dem Doppelten. In Wahrheit sei auch nicht der aussterbende Eisbär das Problem, auch wenn man mit Eisbärbildern viel Aufmerksamkeit erregen konnte. So hart es klinge, sagte er, aber wenn der Eisbär ausstürbe, dann wäre das vollkommen egal im Angesicht der wahren Dramen. Das große Sterben der Insekten, das Sterben der Wälder, die Versauerung der Ozeane, die Verlangsamung des Golfstroms um beinahe 20%, das Ansteigen der Meeresspiegel und so weiter. Was mich dabei bei diesem Redner so schockierte? Dass ich von mancher dieser Dinge noch nie etwas gehört hatte und dass die Zahlen viel alarmierender waren als die, die ich damals für mein Referat gesammelt hatte. Mir wurde klar, dass ich immer noch nicht so gut informiert war, wie ich geglaubt hatte. Das ganze Thema war viel gewaltiger, als ich es begriffen hatte.
Es ist aber nicht so, dass ich da nur staunend und in Ehrfurcht gebannt dastand und alles großartig fand. Es gab zum Beispiel auch Redner, die ich nicht gut fand. Ein Mann fragte von der Bühne herunter, was man denn tun könne im Angesicht dieser Hiobsbotschaften und Weltuntergangsszenarien? Was ein einzelner schon ausrichten könne? Seine Antwort sei: Alles. ‚Jeder einzelne hier‘, sagte er, ‚kann sein Verhalten ändern und einen Beitrag leisten. Denn jeder hier ist frei zu tun, was er will. Natürlich ist die Freiheit auch eine Bedrohung. Wenn jeder Bürger mit seinem Geld umgeht wie er will und so viel Strom abzapft, wie er bezahlen kann, und so viel Fleisch frisst, wie in ihn hineinpasst, und so viel Müll macht, wie er wegschmeißen kann, dann ist das auch ein Ausdruck von Freiheit, wenn auch ein unverantwortlicher.‘ Er aber, der Redner, behaupte nun, dass man seine Freiheit nicht aufgeben müsse. ‚Viele hier fordern: Schränkt die Freiheit ein! Macht mehr Vorschriften! Verhängt höhere Strafen! Die Lösung ist aber nicht, dass man mehr Regeln braucht! Bildung ist die richtige Antwort. Wer sein Handeln und die Folgen seines Handelns versteht‘, sagte er, ‚der handelt auch vernünftig. Gute Klimapolitik ist in erster Linie gute Bildungspolitik. Für Freiheit und Klima.‘“
Henrike Blom, die nur so gesprudelt hatte, stockte nun kurz und sagte schließlich:
„Das war der erste Redner an in diesem Tag, bei dem ich dachte: Nein, mein Freund, ich fürchte, dass du dich täuschst. Der Mensch weiß doch, was der Klimawandel mit der Welt macht. Der Mensch kennt vielleicht nicht alle Details, aber weiß doch im Großen und Ganzen, was schädlich für die Welt ist. Die Wissenschaftler wissen es, die Politiker wissen es, die Menschen wissen es. Sogar ich hatte es gewusst, aber was hatte ich schon mit diesem Wissen getan? Nichts. Der Mensch handelt nicht rational. Er handelt emotional oder einfach aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit oder Gruppendruck heraus. Ich selbst war der beste Beweis, dass dieser Redner vollkommen falsch lag. Den Treibhauseffekt hatte ich in der Schule gelernt. Sogar ein Referat hatte ich zu dem Thema gehalten, und ich war sogar eine ganz exzellente Schülerin gewesen, trotzdem aß ich noch immer Früchte, die um die halbe Welt transportiert worden waren; ich drehte die Heizung lieber hoch statt mir eine Decke zu holen und hatte ein Smartphone, das alles, aber nicht nachhaltig produziert worden war.“
„Eine gewisse Doppelmoral wurde den Demonstranten ja immer wieder vorgeworfen,“ bemerkte Kommissarin Frau Fröhlich.
„Ja“, lachte Henrike Blom auf, „das wurde damals allen vorgeworfen, die auf diese Demos gehen. ‚Im SUV zur Klima-Demo‘, diesen Spruch hat fast jeder Demonstrant schon mal gehört. Anfangs machten mir diese ständigen Anschuldigungen noch zu schaffen. ‚Du bist doch ständig auf diesen Demos, aber was du da isst, wo du da einkaufst, dass du überhaupt einen Computer hast, dass du Auto und Bus fährst, das zeigt doch, wie scheinheilig du bist.‘ Aber irgendwann begriff ich, warum uns das alles immer wieder vorgehalten wurde. Das war ja keine konstruktive Kritik an den Anliegen der Demonstranten. Nein, die Menschen fühlten sich bedroht. Sie sahen, dass diese Klimakids viel Aufmerksamkeit bekamen und auch die Politiker Verständnis für ihre Anliegen äußerten – oder zumindest heuchelten. Da bekamen viele Leute Angst, dass die Regeln auch für sie tatsächlich strenger werden und alles teurer werden könnte. Autofahren, Heizen, Strom. Das war ja in gewisser Weise auch verständlich – Aber es war doch absurd, dass man in den Augen mancher Menschen nur noch für Klimapolitik demonstrieren durfte, wenn man selbst überhaupt keinen Strom mehr verbrauchte, nur noch vegan lebte und kein Smartphone mehr besaß. – Den Rednern und den Demonstranten ging es doch darum, nicht sich selbst zu beweihräuchern, weil sie so toll auf alles verzichteten, sondern dass die Politik endlich einige Weichen stellte, damit Unternehmen nachhaltiger agieren mussten, das Bahnnetz ausgebaut und Solaranlagen stärker gefördert wurden. Darf man dafür nicht demonstrieren, solange man selbst noch Auto fährt?“
„Sie sind von da an also öfter zu solchen Demos gegangen?“, nahm der Hauptkommissar den Faden des Gesprächs wieder auf.
„Natürlich. All das, was ich bei meinem Referat in der Schule gespürt hatte, war wieder da: Die Wut, die Angst und die Erkenntnis, wie wichtig das alles war. Und diesmal hatte ich keine Prüfungen, die anstanden. Ich hatte zu der Zeit nicht mal einen Job oder sonst etwas, was viel Zeit beanspruchte, weil mein Studium ja noch gar nicht begonnen war. Ich war jetzt voll auf die ganze Klimakatastrophe fokussiert und nach der ersten Demo konnte ich es kaum erwarten auf die nächste zu gehen. Vor allem wollte ich endlich andere Menschen kennenlernen, die auch so fühlten wie ich. Bis dahin las ich einfach viel im Internet, insbesondere Studien über die Ursachen und Folgen der Erderwärmung. Wie bedroht der Elefant durch länger anhaltende Dürreperioden ist oder dass Pandabären bald keinen Bambus mehr finden. Wie katastrophal es für die Pflanzenwelt und auch den Menschen ist, dass bis zu 40% der Insekten durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht sind.“
„Ja, ich verstehe, dass Sie in dieser Thematik sehr belesen sind“, unterbrach Oberhauptkommissar Reinecke sie. „Und ich möchte das inhaltlich auch gar nicht bestreiten, was Sie da sagen, das ist auch nicht mein Job, aber wir sollten uns hier doch mehr darauf konzentrieren, was Sie getan haben. Wann beispielsweise haben Sie Florian Hittke das erste Mal getroffen? Wieso haben Sie angefangen Steine auf Polizisten zu werfen? Wie sind sie in die militante Szene reingerutscht und haben schließlich eine Gruppe gegründet, die Menschen…“
„Stopp“. Henrike Blom hatte mit aller Kraft auf den Tisch geschlagen und war vor in ihrem Sitz aufgesprungen, sodass Hauptkommissar Reinecke und auch Kommissarin Fröhlich kurz zusammengezuckt waren und sie nun verblüfft ansahen.
„Ich verstehe, wenn es Ihnen nicht schnell genug geht.“
Sie nahm wieder Platz, betonte aber jedes Wort eindringlich.
„Ich verstehe das sogar sehr gut, aber Sie rauschen hier so durch mein Leben, springen über Monate hinweg und werfen mir Brocken hin, zu denen ich dann zwei Sätze sagen soll. So geht das nicht. Sie wollen etwas von mir und ich bin auch bereit es Ihnen zu geben. Bitte verstehen Sie: Wenn ich Ihnen erzähle, mit was ich mich in einer bestimmten Zeit meines Lebens beschäftigt habe, dann mag Ihnen das wie eine Bagatelle vorkommen, aber das ist es nicht. Keine Sorge, ich will hier kein Klimareferat halten. Wenn ich aber mal das ein oder andere erwähne, dann nehmen Sie es einfach hin oder besser noch: fragen Sie sich, warum ich Ihnen dies gerade in diesem Moment erzähle.“
Henrike Blom beugte sich vor und sprach mit großer Anspannung in der Stimme.
