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Die eigentliche Hauptgeschichte ist in eine kurze Rahmenhandlung eingebettet. Darin wird ein Tag eines Holzbildhauerpleinairs beschrieben, bei dem Sebastian Pictura einen Roland aus Eiche sägt. Diese Figur, der Roland als altes Sinnbild für Bürgerwille und Demokratie, gibt dem Bildhauer den Vorwand, eine reale Figur mit hohem moralischen Anspruch zu ersinnen und ihn auf eine erkenntnisreiche Reise zu schicken. Der Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Oberlehn biegt auf seiner Fahrt nach Rostock bei Fehrbellin ab, um seinen alten Freund Per Olaf Höllerich zu einem Parteitag nach Rostock mitzunehmen. Herbert Wetter landet irrtümlich in der Armenkate statt in der Mühle von Per Olaf und erleidet dort einen Drehschwindel, der ihn außer Gefecht setzt. Im Krankenhaus Sommerfeld soll er auskuriert werden und wird beim ersten Besuch seines Freundes Per Olaf und dessen Frau Bernadette, der ehemaligen Jugendfreundin Herbert Wetters, zu einem Genesungsaufenthalt in der Schuftsmühle eingeladen. Herbert erkennt mittlerweile, daß sein Freund letztlich ein Gauner ist, dessen ständiges Suchen nach Gewinn äußerst unbekömmlich ist. Nach dem spektakulären Ableben Per Olafs richtet Herbert sich bei Bernadette ein und beide kommen sich näher. Bernadette bestärkt Herbert in seiner Absicht, das Amt hinzuwerfen, stärkt ihn aber gleichzeitig, eine andere Option zu wählen als einen Rücktritt. Gemeinsam mit anderen Betroffenen der Geschäfte Per Olafs planen sie eine Aufsehen erregende Wanderung von Kleinschuften nach Oberlehn.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Peter Schönhoff
Roman einer Heimsuchung
Ich bin am Ende der Wanderung Herbert Wetters angekommen. Ich hab ihn losgeschickt und jetzt ist er da, wohin er wollte. Er ist jetzt gut aufgehoben. Herbert hatte seinem letzten Gesprächspartner geraten, eine Brunnenwache einzusetzen. Brunnen sind gefährdet, hatte Herbert zuletzt gesagt und dann, dass man für ein vernünftiges Leben kaum mehr einrichten könne, als einen gut gehenden Brunnen.
„Aber sicher“, sage ich laut und komme in die Gegenwart zurück.. Ich meine die Anfälligkeit von Brunnen und Peter denkt, ich will noch `ne Flasche Bier. „Brunnen sind anfällig, die können jederzeit vergiftet werden.“, sage ich in sein verdutztes Gesicht und öffne die Flasche. Das Bier spritzt heraus und bekleckert meine liegende Holzfigur. Seit Wochen bin ich mit ihr beschäftigt. Sie soll ein Deutscher Genius werden, das ist mein Arbeitstitel. Ich hab das noch keinem gesagt. Deutscher Genius klingt doch sehr gestrig, klingt nicht nur alt sondern auch anmaßend. Bis jetzt weiß den Titel noch keiner. Da könnte es verhalten Häme und Spott hageln.
„Bier genau so“, lacht Siegfried und bezieht sich auf die Anfälligkeit von Brunnen, die ich zu bedenken gegeben habe, eben gerade.. „ Bier wird zwar ständig kontrolliert, aber was wissen wir schon. Chemische und bakteriologische Untersuchungen konzentrieren sich auf bekannte Risiken. Aber die noch unbekannten fallen nicht auf. Weil man sie nicht kennt, so einfach ist das. Man kann nichts suchen, wenn einem nichts fehlt. Wie kommst’n drauf?“
„Das ist genau richtig“, sage ich. „Wenn einem nichts fehlt, hat man keinen Grund etwas zu suchen. Aber wer ist schon wunschlos. Irgend etwas fehlt immer. Sonst gäb’s keinen Antrieb. Selbst wenn du keinen Mangel leidest, sondern wenn plötzlich, sagen wir, etwas Außergewöhnliches passiert, also wenn sich was begibt, was gar nicht sein kann, stehst du da und fragst dich, wie es möglich ist, dass so etwas passiert. Obwohl man weiß, dass es das gar nicht geben kann. Daß es allen Gesetzen widerspricht. Das möchte man sich erklären. So gesehen fehlt einem doch etwas.“
„Vielleicht der Durchblick“, sagt Michael.
Siegfried fragt noch mal, wie ich drauf komme, auf den Brunnen eben und die Anfälligkeit.
„Das ist eine lange Geschichte“, antworte ich. Die werde ich jetzt nicht erzählen. Die Geschichte muß ich erst noch einholen. Wir sind hier auf dem sogenannten Kunstacker in Göpfersdorf einmal im Jahr zusammen und arbeiten jeder an einer oder mehreren Holzplastiken. Pleinairs gibt es viele im Land. Das hat seit der Einheit rapide zugenommen. Seit der Einheit gibt es Kettensägen für jedermann und Holz und einen überlebenswichtigen Zwang zur Selbstvermarktung.
„Vielleicht fehlt einem manchmal wirklich der Durchblick.“, sagt Michael wieder. „Das muß ja nicht an mangelnder Intelligenz liegen. Meistens fehlen einem die Fakten. Meistens ist man nicht informiert und klaubt sich dann mühsam durch das Gewirr von scheinbaren Tatsachen.“
„Ich sage da nur: Herr K.. Kafka hat den armen Herrn K. fassungslos vor einem Nebel stehen lassen. Er kommt da nicht durch, ja nicht einmal in die Nähe, aber der Nebel kommt ständig zu ihm.“, sagt Peter und setzt sich zu Sig und Anja an den rohen Rundtisch unterm Kirschbaum und schnitzt der Tischplatte Botschaften ein. Die Platte ist übersät mit geheimen und ungeheimen Zeichen, mit Pfeilen und Federn und Pentagrammen und Gesichtern und Gesichten.
„Letzten Winter, im Februar, es war am Rosenmontag...“, spinne ich meinen Faden und setze mich zu den anderen untern Kirschbaum. Über uns hat der Baum eine kräftige grüne Tarnkappe über gezogen. Mit vielen weißen Blüten darin. Die Kirschen kommen aber nicht recht voran, es ist zu kalt.
„Vielleicht krieg ich das nicht mehr zusammen, es ist ja schon eine Weile her“, sage ich und weiß, dass es nicht die vergangene Zeit ist, die meine Geschichte gemacht hat. Sie muß wohl gerade jetzt entstehen und aussehen, als wäre sie schon sehr alt.
„Am Rosenmontag. Ich wachte wieder mal sehr früh auf. Das Aufwachen ist bei mir ein Ritual. In den ersten wachen Sekunden kann ich bestimmen, ob ich ganz munter werden will oder doch nicht. Das ganz oder nicht, ja oder nein geht bei mir völlig emotionslos. Ich beschloß aufzuwachen.
Ein weißes, kaltes Licht lag vor dem Fenster. Mit einem flüchtigen Blick sah ich, dass es geschneit hatte. Vielleicht die ganze Nacht durch, denn selbst der Kugelahorn am Hofrand war eingeschneit.
Ich weiß noch, dass ich mit Grausen an den langen Winter dachte und an den Ölpreis und dass bei diesem langen Winter meine Öltanks durch einen Strudel geleert würden. Während ich mir die Jeans überzog sah ich auf dem zugeschneiten Hof so etwas wie einen grauen Schatten. Es war aber kein Schatten, sondern ein Abdruck.
Ich sah durch mein Schlafzimmerfenster den Abdruck eines menschlichen Körpers. Mitten auf dem Hof lag eine virtuelle menschliche Figur. Ich starrte auf das Abbild und konnte es nicht fassen. Was mich aber eigentlich erstaunte war nicht der Körperabdruck im Schnee. Es war etwas anderes. Es gab da keine Fußspuren. Stellt euch das vor, keine Fußspuren.
So angestrengt ich auch in den Schnee starrte, ich konnte keine Spuren sehn. Die gesamte Schneefläche rund um den Abdruck war glatt und unbeschädigt.“
Jetzt mach ich eine Pause. Bis hierher ist es schon eine erstaunliche Geschichte geworden. Anja, ich sehe es ihr an, hat die Situation genau vor Augen. Anja denkt in Bildern.
„Und da war noch etwas“, gebe ich eins drauf.
„Über dem Kopf war eine Schrift. Es war aber noch nicht hell genug die Buchstaben zu entziffern. Weil die Kälte, die durchs Fenster zog, sehr streng war, zog ich Hemd und Pullover über. Ich hätte ja auch runter gehen können, aber ich wollte es von oben sehen. Durch das offene Fenster. Ich dachte : so geschehen Zeichen und Wunder. Ich sagte mir, dass es doch wohl Spuren geben müsste, denn irgend jemand ist hierher gelaufen und hat die Schrift in den Schnee gekritzelt und hat sich lang hinfallen lassen, ist aufgestanden und wieder gegangen.
Das müßte man sehen, denn so ist der Ablauf. Daß jemand sich einfach gerade fallen lässt, ist schon möglich, aber genau so gerade wieder aufstehen kann selbst ein Akkrobat nicht.’“
„Vielleicht doch, wenn er vorwärts gefallen ist.“, sagt Michael.
Peter läßt sich neben seine Eichenkugel fallen. Er läßt sich einfach nach vorn fallen und fängt sich mit beiden Armen auf. Gesicht nach unten.
Lange kann er so nicht bleiben. Gesicht nach unten nimmt einem die Luft. Also legt er den Kopf zur Seite, und wir sehen sein Grienen. Die Arme hat er nach vorn ausgebreitet und die Beine leicht gespreizt.
Das Aufstehen geht nur, indem er die Beine anzieht und die Hände kräftig gegen den Boden stemmt. Uns ist jetzt klar, dass diese Art Aufstehen deutliche Spuren hinterlassen muss. Also konnte der Mensch auf meinem Hof, der Mensch?, also konnte dieses Wesen nur rücklings da gelegen haben.
„Vorwärts geht nicht“, lacht Michael „Kannste vergessen. Aber vielleicht rückwärts.“
Alle wissen, das geht auch nicht, aber Peter probiert das. Tatsächlich kann er den Oberkörper aufrichten, ohne die Arme benutzen zu müssen. Aber weiter geht’s nicht. Aus dem Sitz mit ausgestreckten Beinen aufstehen ist unmöglich.
„Das hab ich am Rosenmontag auch alles angestellt“, sage ich. „Es war genau so vergeblich wie dein Versuch. Als es hell geworden war, konnte ich das Wort über dem Kopf der Figur lesen. ‚Felix’ stand da geschrieben.“
„Ach ja?“ fragt Anja.
„Felix! Der Glückliche “, sage ich.
„Wenn einem so etwas gelingt, kann man sich tatsächlich glücklich nennen“, sagt Siegfried. „Aber krieg das erst mal hin. Im Kopf klappt so manches, da geht eigentlich alles.“
„War einmal am Hofe von Eisennak“, singe ich in die Runde und keiner weiß jetzt den Ansatz. Aber sie kennen mich und ich erkläre es in einer Kurzfassung: E.T.A. Hoffmann und Offenbach. Ja, im Kopf klappt so manches, da geht alles, gebe ich Siegfried recht.
Heute ist der Himmel eine undurchsichtige graue Decke, aber irgendwo darüber scheint die Sonne. Man sieht sie nicht und spürt sie nicht. Man ahnt sie aber.
Es ist kalt in diesem Mai. Vom nahen Sportflugplatz kommt kein Geräusch herüber. Sonst, bei schönem Wetter, hört man dauernd einen starten oder landen. Der fliegt über unseren Arbeitsplatz am Rande des Dorfes und wackelt mit den Tragflächen. Wenn Heiner mit dem Drachen kommt, könnte man ihn vom Himmel pflücken, so unwirklich nahe ist das. Der hängt wie eine rote Fliege im Himmel. Könnte man glatt wegklatschen. Aber heute ist es zu kalt. Die Thermik ist ungenügend. Obwohl ja der Motor die Thermik nicht benötigt. Aber bei der Kälte macht Fliegen eben keinen Spaß. Da sitzen die Piloten lieber am Hangar und träumen von schönem Flugwetter.
Das Land hier ist für’s Fliegen ideal. Der Flugplatz liegt auf einer Anhöhe und rings in den Tälern sind die kleinen Dörfer. Die Dörfer mit den seltsamen Namen wie Jückelberg und Flämmingen und Wolperndorf und Schwaben und Franken und Frohnsdorf, sogar Amerika gibt es hier. Vom Flugzeug aus sieht man diese Welt ohne Urteil, ohne Vorurteil. Man sieht einen kleinen Ausschnitt und dann wieder einen und so weiter.
„Hast du ganz deutlich Felix gelesen?“, fragt Anja. Ich sehe, dass sie mir nicht traut.„Immerhin ist es gut erfunden.“, gibt sie zu.
„Gestern hätte Heiner fast den Reibach seines Lebens gemacht“, sagt Michael. „Ich war abends noch auf ein Bier und ne Bratwurst auf dem Flugplatz. Viel war nicht mehr los, es waren vielleicht noch fünf Flieger da und ein Fremder. Die Bratwürste auf dem Rost waren schon eingeschlafen, weil das Feuer ausgegangen war. Der Fremde wollte Heiners Drachen mieten. Stellt euch das vor, der hat das Dreifache geboten. Der wollte nur einen Rundflug machen. Haben Sie überhaupt eine Lizenz?, hat Heiner gefragt. Tatsächlich hatte der Mensch mehrere Lizenzen, amerikanische. Da war uns alles klar. Erst hat das keiner gemerkt. Der Mann sprach fließend Deutsch. Nur sein R klang wie Oberlausitz. Der Fremde war den ganzen Tag hier. Er ist mit einem Jeep durch die Gegend gefahren und hat sich die Dörfer angesehen. Jetzt wollte er sie von oben begucken. Echt deutsche Idylle. Besser als Disney- Land. Weil echt. Die Amerikaner lieben echt deutsche Idylle. Sie geben dafür viel Geld aus. Zum Fliegen war es aber dann zu spät geworden.“
„Hat der auf dem Flugplatz übernachtet?“ frage ich.
„Der wollte nach Leipzig zurück. Aber heute will er seinen fälligen Rundflug machen.“
„Dann sehen wir ihn ja“, meint Siegfried.
„Vielleicht ist die Figur auf deinem Hof auch geflogen, Sebastian“, gibt Siegfried zu bedenken und lacht unsiNach dem Überlesen der ersten Zeilen geschah es: er merkte plötzlich, wie ihm schwindlig wurde. Die Mühle vor ihm senkte sich mit rasender Geschwindigkeit von links oben nach rechts unten. Er konnte sich nicht mehr auf dem Sitz halten und kippte nach vorn in den Boden aus Ziegelmehl.
Was ist das?, dachte er und versuchte aufzustehen, fiel aber immer wieder auf die rechte Seite zurück. Außerdem war ihm plötzlich hundeelend, er erbrach sich in den Ziegelstaub.
Zunächst aber stellte er mit Genugtuung fest, daß er keine Angst hatte. Der Schweiß lief ihm zwar über das Gesicht, aber das war kein Angstschweiß. Sein erster Gedanke war der an einen Schlaganfall. Da spitzte er die Lippen und pfiff, so laut er konnte.
Er pfiff den Ohrwurm aus den Siebzigern- so wie es kommt, so ist es recht- und da sah er auf einmal durch die geöffneten Finger seiner linken Hand, die er instinktiv vor die Augen gehalten hatte, Angela Davis über sich.
„Jetzt werde ich wirklich verrückt,“ sagte er laut, „Angela Davis...“
„Was suchen sie hier?", fragte Angela Davis mit einer Männerstimme.
„Per Olaf, den Junker Galloway", antwortete er brav zurück
und schloß sogleich wieder die Augen mit der linken Hand.
Junker Galloway! Er versuchte sich zu erinnern, woher er den Namen hatte.
„Wir müssen einen Arzt holen", sagte eine Mädchenstimme.
„Soll ich dir mal was sagen", erwiderte Angela Davis „der Kerl liegt hier nackt auf unserem Grundstück und pfeift einen Oldie. Wenn der nicht besoffen ist, fress ich ‚nen Besen."
Jetzt roch er das Mädchen. Es kam ganz nahe an sein Gesicht
und sagte: „Der ist nicht blau, der muß zum Arzt."
Das Mädchen hatte ein ganz kleines bißchen nach Terpentin
gerochen, nach Terpentin und Druckerschwärze.
Die i' s liegen ganz rechts, Bernadette, dachte er, gleich neben den großen M's und wer das nicht im Blut hat, kommt nicht durch.
Er hörte das Mädchen sagen : „Wir rollen ihn auf meinen Mantel, er kann doch so nicht liegen bleiben. Achtung, Herr! Hat der Herr auch einen Namen?“, fragte sie.
„Herbert Wetter", sagte er und bemühte sich, gut zu artikulieren, weil er bemerkt hatte, daß ihm mit der trockenen Zunge im Rachen, das Artikulieren schwer fiel und er nicht den Eindruck eines Schlaganfalls erwecken wollte
*
„Der Journalist ist dran". Bernadette reichte Per Olaf den Apparat.
Per Olaf zögerte einen Augenblick, es hatte ihn gerade wieder ein Schluckauf geplagt, den er wie immer mit einem Schluck Weißwein zu bekämpfen suchte. Das war jetzt nicht die beste Zeit für ein Telefonat.
Vielleicht aber wollte der Pfeifer sich endlich entschuldigen für den gemeinen Artikel im "Fehrbelliner Anzeiger". Daß dann der "Junker Galloway" erschienen war, nahm Per Olaf nicht als Entschuldigung hin. Gemein war der Schriebs vorher. Pfeifer schrieb schließlich für seine Zeitung, Per Olafs, Zeitung. ‚Nestbeschmutzer,’ raunte Per Olaf vor sich hin.
Er setzte sich in den Korbsessel auf der Terrasse und sagte kurz: „Jabitte."
„Pfeifer", kams aus dem Telefon.
„... womit kann ich ihnen weiterhelfen, Herr Pfeifer?"
„Mir nicht", sagte Herr Pfeifer, „sie können Herrn Wetter, Herbert Wetter, weiterhelfen. Der hat sie auf meinem Grundstück vermutet und einen Infarkt gehabt. Jetzt liegt er im Klinikum Sommerfeld . Ich wollte es nur gesagt haben, weil seine Sachen und sein Auto...“ usw..
Jetzt war eine längere Pause, ‚mein Grundstück, haha, Herr Pfeifer, das werden wir noch sehen' schoß es Per Olaf durch den Kopf, bis Per Olaf kurz „Danke , ich laß das Zeug holen" sagte und auflegte.
„Hebbatt", Per Olaf nickte Bernadette bedeutungsvoll zu und fügte an: „Die Fahrt nach Rostock fällt wohl aus."
Dann erzählte er ihr, daß "Hebbatt“ einen Herzinfarkt erlitten habe und das ausgerechnet auf dem besagten Grundstück und daß er schwer danieder läge im Klinikum Sommerfeld und sie jetzt seine Klamotten und sein Auto holen sollten, denn das sei man ihm schuldig.
„Was für Klamotten?", fragte Bernadette, „haben die ihn etwa ausgeraubt?"
Was sollte er darauf antworten, er wußte es nicht.
„Vielleicht haben sie ihn frei gemacht, damit er Luft..." Per Olaf winkte vage mit der Hand und vollendete den Satz nicht.
Schade, dachte er, wir wollten doch von Rostock aus mal kurz in'n Puff nach Hamburg, wird wohl nichts.
Bernadette hatte bis jetzt an einem "Sonnenuntergang über dem See" gearbeitet.
Sonnenuntergänge waren ihre Spezialität, sie malten sich flott von der Hand und wurden gern gekauft.
Ihre Aquarelle trugen neben den Titeln und der Signatur auch noch eine Art Impressum, das sie wie ein Zertifikat verkaufte: gemalt mit echten englischen Aquarellfarben und Kolinski-Marderpinseln. Darauf hatte sie die junge Druckerin in Per Olafs Industriemuseum gebracht.
Inga, die Druckerin, war Absolventin irgendeiner Kunsthochschule in Sachsen und druckte eigene Künstlerbücher, die Per Olaf über verschiedene Galerien und Buchhandlungen zu vertreiben trachtete. In den Büchern führte das Impressum immer die Angabe der gebrauchten Schrift und des verwendeten Papiers. Bernadette hatte Inga manchmal eingeladen, hatte ihr die Aquarelle gezeigt und um Meinung gebeten.
Irgendetwas müßte wohl noch anders gemacht werden, meinte Bernadette und Inga hätte sich beinahe an einem Dinkelkeks verschluckt. Zum Glück fuhr aber Bernadette fort: " Es müßte so ein seriöser Hinweis auf das Material vermerkt werden.", worüber Inga sich beinahe noch einmal verschluckt hätte und dann den Rat gab, doch unbedingt die Farben und die Kolinski-Marderpinsel zu
erwähnen.
Bernadette löste jetzt den Knoten ihres prächtigen Kupferhaares, schüttete das Wasser auf die Freifläche vor der Terrasse, legte säuberlich die chinesischen Pinsel auf das zierliche Trockengestell, schloß den Farbkasten und sagte:
„Wenn du ohnehin nicht nach Rostock fährst, könnte ich ja mitkommen, denn einer muß doch Herberts Wagen fahren."
Herr Pfeifer erwartete sie bereits. Herberts Sachen hatte er auf den Kühler des Autos gelegt.
„Die Klamotten sind noch naß" , sagte er. Die Papiere und die Autoschlüssel sollten sie selber suchen, vielleicht wären sie in der Jacketttasche. „Ich hab mich nicht dran vergriffen."
Es war alles tatsächlich schnell gefunden und in weniger als einer dreiviertel Stunde waren sie in Sommerfeld.
Per Olaf und Bernadette stapften den gebohnerten Flur im Haus sechs C entlang, ein ansehnliches, barockes Paar, stets auf der Hut, nicht auszurutschen. Per Olaf im grauen Trachtenjanker und blauen Tuchhosen, Bernadette im Landhauskleid mit strammem Mieder aus grünem Hirschleder, und zielgenau trafen sie die Tür des Stationsarztes.
Nein, verwandt sei er nicht, aber ein enger Freund, seit vielen Jahren Gutsbesitzer bei Fehrbellin, und gerade heute wollte er mit Herrn Wetter zum Parteitag usw.
Damit meinte Per Olaf sich vorgestellt zu haben.
Es war alles nicht so schlimm. Ein Herzinfarkt war es nicht, es war ein Infarkt des Gleichgewichtsorgans, weshalb Herr Wetter jetzt bei Hals - Nasen - Ohren untergekommen sei und in der Abteilung der Schwindler liege.
„Kommt immer öfter vor", sagte der Stationsarzt, „Früher hatten wir nicht so viele" und erklärte, daß man kaum was machen könnte. Der Patient brauche Ruhe und müsse sich bewegen, um dem Kopf ein Schnippchen zu schlagen, das alles müsse er selber tun .
„Wie bitte...?“,fragte Per Olaf , „was für ein Schnippschen?"
Das erklärte der Doktor so: „Wenn das Gleichgewichtsorgan ausfällt oder einen Defekt hat, schwindelt es einen. Aber das ist kein Grund zu
verzweifeln. Der Mensch hat ja noch mehr Organe, die für das Gleichgewicht verantwortlich sind, verstehen Sie. Und zwei wichtige Organe sind des Menschen Füße. Wenn man gelernt hat ganz bewußt auf beiden Beinen, äh, Füßen, zu stehen, fällt man nicht um.
Sehen Sie, der Kopf denkt dann „aber Hallo, der Kerl steht ja ganz schief, der fällt ja gleich um“, aber der Kerl steht ganz fest auf seinen beiden Beinen, äh Füßen und denkt gar nicht daran zu fallen.
Nun wundert sich der Kopf und wartet auf die erste beste Gelegenheit. Aber die kommt nicht , wenn..."
„... der Kerl fest auf beiden Füßen steht", ergänzte Per Olaf, erstaunt über diese simple physikalische Erklärung.
„Sehr richtig", sagte der Doktor, „und das muß er üben. Übrigens auch gut für Nichtschwindler. "
Ob das wohl auch eine Therapie für seinen Schluckauf sein könnte, wollte Per Olaf wissen.
Der Doktor erklärte ihm, daß für Schluckauf die Medulla oblongata verantwortlich sei und im übrigen alles zu kompliziert wäre um es jetzt klären zu können. „Machen sie einen Kopfstand und trinken sie etwas, das hat der Menschheit noch bei jedem Schluckauf geholfen“, erklärte er.
Die beiden Besucher erhoben sich nach diesen Worten des Arztes.
Herrn Wetter heute zu sehen, werde sicher noch keine reine Freude sein, schob der Doktor nach, gewöhnlich seien Schwindler am Anfallstag erst mal fix und alle, aber morgen sei die Besserung schon hundert pro, der Doktor war sich da ganz sicher und fügte hinzu :
„Und keine Bange, gestorben wird nicht so schnell, die meisten Menschen leben ja noch.“
In den letzten Satz platzte die Oberschwester herein. Sie hatte nicht angeklopft. Oberschwestern klopfen nie an, sie erscheinen und äußern ohne Umschweife ihr Begehr.
„Der Schwindler von heute mittag möchte dieser Nummer Nachricht geben", sagte die Oberschwester und legte dem Stationsarzt einen beschriebenen Zettel auf den Schreibtisch.
Per Olaf und Bernadette warfen sich einen schnellen Blick zu. Als aber vom Doktor keine Reaktion erfolgte, (er hätte, sollte es sich um eine Nummer mit Vorwahl Fehrbellin gehandelt haben, sicher den beiden einen Wink gegeben), verabschiedeten sie sich.
Es war eine drei-siebener Vorwahl und die führte nach Sachsen.
„Große Kreisstadt Oberlehn, Dezernentin Wirtschaftsplanung, was kann ich für sie tun?, " kams vom anderen Ende der Leitung.
„Hm", knurrte der Doktor über dieses – was-kann-ich-für-sie-tun -und nahm sich vor, kurz und bündig zu sein: „Hier ist das Klinikum Sommerfeld, HNO, mir wurde von Herrn Wetter ihre Nummer..."
„Herbert Wetter?", fragte die Stimme.
„Genau, also kennen sie Herrn Wetter?"
„Herr Wetter ist der Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Oberlehn."
„Gut, Herr Wetter wurde heute mittag bei uns eingeliefert mit einem Innenohr-Infarkt. Es wird etwa eine Woche dauern, dann ist er übern Berg."
"Ach du meine Güte, ein Infarkt."
"Sie brauchen keine Angst zu haben, halb so schlimm."
"Wann kann ich ihn besuchen?" Die weibliche Stimme am anderen Ende klang etwas verhaspelt. Aber das war der Doktor gewöhnt, deshalb wurde seine Stimme nun sehr begütigend:
"Sie können jederzeit kommen, soll ich etwas...?"
Aber mit einem"Dankeschön, Herr Doktor", hatte das andere Ende schon aufgelegt.
*
Die beiden Eheleute Höllerich indessen, Per Olaf und Bernadette, fuhren in ihre Mühle.
Sie nannten ihr Haus gern eine Mühle. In alten Unterlagen stand das Anwesen unter der korrekteren Bezeichnung Schuftsmühle, weil zu Kleinschuften gehörig, obwohl schon seit fast zweihundert Jahren hier nichts mehr gemahlen wurde. Aber was im Volksmund lebt, bleibt.
Tatsächlich aber war die sogenannte Schuftsmühle ein stattliches Herrenhaus mit einem Portikus und einer klassizistischen Gliederung,
ganz so, wie man in Brandenburgs Dörfern allenthalben Herrenhäuser finden kann.
F.W.III., der weiland preußische König, hatte nach dem Fürstentag in Erfurt, 1808, aus Freude über die den Preußen erlassenen Teile der Distributionen, seinem Flügeladjutanten Cuno von Fabrice den Flecken vermacht. Und der hatte eben jenes Herrenhaus bauen lassen. Die Fabrice' s hatten wert auf die Bezeichnung "Herrschaft Fabrice " gelegt. Immer "Herrschaft Fabrice", niemals Herrschaft Kleinschuften, was die mutwillige Weitergabe der alten Bezeichnung innerhalb der Eingeborenschaft indessen nicht verhinderte.
Die "Herrschaft Fabrice" oder "Kleinschuften " nahm einen elenden Lebenslauf. Der letzte seines Stammes, Roland von Fabrice, entfernt
beteiligt an Stauffenbergs Unternehmung, wurde zwar nach dem Ende als Antifaschist eingestuft, nichtsdestotrotz aber enteignet.
Das Herrenhaus bewohnten erst die Kommandeure der Sieger, also die Sowjets, dann war es Kindergarten und später die Zentrale eines Volkseigenen Gutes.
Roland von Fabrice erhielt die Armenkate der Herrschaft zugewiesen. Dort baute er die nötigen Feldfrüchte an, hielt sich ein paar Karnickel und wollte auf seiner Scholle sterben und nicht im Westen.
Per Olaf und Bernadette fuhren durch die alte Einfahrt auf den Kiesplatz vor dem Haus, parkten den Dienst-Audi Herberts etwas abseits und gingen jeder seiner Wege. Bernadette legte sich zur verspäteten Mittagsruhe und Per Olaf griff zum Telefon. Sein Lieblingsplatz auf der Terrasse lag schon im Nachmittagsschatten. Es war schon nach fünfzehn Uhr. Wenn er Glück hatte, konnte er Lydia noch erreichen.
*
Es war ein gewöhnlicher Donnerstag. Nichts war passiert an diesem Tag, wie an vielen anderen Tagen auch nicht und die Zukunft aller Donnerstage war ebenso ungewiß wie die der Montage, Dienstage usw..
Lydia Ziemlich, Dezernentin für Wirtschaftsplanung der Großen Kreisstadt Oberlehn, ließ ihre Sekretärin den Amerikaner anrufen: heute bitte nicht, wir müssen einen neuen Termin vereinbaren, ja, ist recht, nächste Woche, ja, Mister Epsilion. Frau Ziemlich ist ganz plötzlich verhindert, das kann ich nicht sagen, am besten Montag, siebzehn Uhr, werd ich gleich einschreiben, Tschuldigung, Sorry.
Während die Sekretärin das Gespräch führte, stand Lydia Ziemlich neben ihr, nickte ihr zu und ging in ihr Büro.
Der Anruf des Arztes aus Sommerfeld hatte sie , wie man so sagt, auf dem falschen Bein erwischt. Per Olaf ist fein raus, dachte Lydia. Was vor zehn Jahren war, ist vergeben und vergessen. Per Olaf hatte seinen Platz als Geschäftsführer der Stadtwerke schnell wieder verlassen und war nach irgendwo in Mecklenburg gezogen.
Der ostdeutsche Binnenländler macht zwischen Brandenburg und Mecklenburg keinen Unterschied. Alles, was über Berlin hinaus geht, ist eben Mecklenburg. So auch für Lydia Ziemlich. Das Land der Sehnsucht war Mecklenburg, das vor Zeiten gleichbedeutend mit Urlaub war. Mecklenburg und seine einsamen Bungalows irgendwo an einem stillen See.
Sie hatte immer gehofft, Per Olaf würde sie wieder einladen. So wie voriges Jahr im Herbst, als er ihr die Druckerei gezeigt hatte und sein mecklenburgisches Gut. Nach dem Coup in den ersten Jahren der Einheit waren sie beide ja sozusagen zusammengeschweißt. Ach, es wäre zu schön gewesen.
War da nicht früher, vor Jahren, sogar eine Andeutung. Per Olaf könnte sich vorstellen- eine Scheidung von Bernadette. In den einsamen Nächten im wilden Osten, wenn Trost aus einheimischen Frauenbrüsten kam, war das für den selbstlosen Aufbauhelfer aus dem Westen durchaus denkbar.
Es war aber alles anders gelaufen. Lydia war geschieden. Sie lebte allein mit der Tochter und der Katze in einem Reihenhaus am Stadtrand. Die Tochter studierte in Chemnitz und die Katze wartete auf Lydia.
Die Sekretärin war am Apparat. Anruf von Per Olaf aus Mecklenburg.
‚Ob sie es schon vernommen, ja gut, da muß was gemacht..., so lange kann Herbert doch nicht wegbleiben, die Amtsgeschäfte dulden keine Vakanzen, gut, dann kommst du also morgen, leider bei mir nicht....
Bernadette und ich, ja, nach Hiddensee, lange schon geplant, wirklich schade, aber bis Mittag, ja, das geht, wir treffen uns in Sommerfeld, Abfahrt Kremmen, bis dann.’
Per Olaf hatte wieder Schluckauf. Lydia hörte es deutlich und sie wollte deshalb auch kein langes Gespräch führen. Sie wußte, was jetzt in Mecklenburg passieren würde. Per Olaf trank in langsamen Schlücken eine halbe Flasche Weißwein, hielt den Atem an, drückte beide Fäuste gegen die Ohren und verschloß die Nase mit einer Wäscheklammer.
Abfahrt Kremmen, das klang noch nach, als Lydia den Ausknopf gedrückt hatte.
Ein Dienstauftrag lag schon ausgefüllt auf ihrem Schreibtisch.
Der Erste Beigeordnete, der Stellvertreter des OB, war selber im Urlaub. Er hätte eigentlich zu Herbert fahren müssen, aber so war es genau richtig.
Wenn sie nun gleich losfuhr? Bis Kremmen waren es ungefähr dreihundert Kilometer. Ein Zimmer sollte zu bekommen sein, wenn auch in einem Nachbarort. Auf der Karte sah sie, daß da keine großen Entfernungen bestanden. Per Olaf hatte ihr einen Tip gegeben, das Hotel verfüge über eine eigene Badestelle direkt hinterm Haus, da könne sie ja sogar noch schwimmen.
Obwohl, der Dienstauftrag galt erst ab morgen. Wer aber wollte ihr eine abendliche Ausfahrt verbieten?
„ Ich werde doch lieber gleich losfahren, früh ist immer viel Betrieb", sagte Lydia zu Ihrer Sekretärin und bat sie, sich um ein Hotelzimmer im Nachbarort von Sommerfeld zu kümmern. Lydia Ziemlich fuhr, nachdem sie ihre Reisetasche geholt und noch schnell geduscht hatte, gegen achtzehn Uhr auf die Autobahn.
Trotz der Eile, die sie hatte, war sie ihrer Lieblingsgewohnheit treu geblieben. Nach dem Duschen stellte sie sich vor den großen Spiegel in ihrem Bad und betrachtete sich. Das tat sie, seit sie zurückdenken konnte. Im Spiegel hatte sie als Mädchen ihre Brüste wachsen sehen, sie sah das erste Schamhaar sprießen, die Hüften rundlicher werden, sie hatte die dreisten Anzeichen eines Fettringes am Bauch erlebt und dann die kleinen Grübchen an den Oberschenkeln.
Gegen die Zellulitis hatte sie sich gewehrt. Alle möglichen Salben und Pasten hatte sie verwendet. Sie hatte medizinische Maschinen an sich arbeiten lassen, sie hatte Unsummen zur Kosmetikerin getragen und dennoch nur geringen Erfolg gehabt.
Ihre Brüste aber fand sie immer noch schön. Die Brustwarzen standen etwas seitlich ab, und auf der Brustunterseite hatte sich noch keine Falte eingenistet. Die Rundung war ebenmäßig.
Heute war aber etwas anderes offensichtlich geworden. Lydia sah, daß die Oberschenkel neben dem Geschlecht kleine Beulen bildeten, die nach ihrer Meinung da nicht hingehörten. Sie nahm sich fest vor, ihre Diät konsequenter zu verfolgen. Nun ja, dachte sie, die Massage einer Männerhand wäre besser als Sauerkrautsaft. Aber mit Herbert war nur noch Freundschaft und Per Olafs Hände waren ja seit zehn Jahren in Mecklenburg.
Dann dachte sie an morgen Vormittag. Sie war in offizieller Mission unterwegs. War Herbert, wie der Doktor gemutmaßt hatte, morgen schon wieder soweit beisammen, daß sie ihm die Situation erklären konnte?
Die Amis mußte man zufrieden stellen. Aber neunundneunzig Jahre sind für eine Stadt eine sehr lange Zeit, dachte sie, das ging nur mit Zustimmung der Fraktionen im Stadtrat. Das ging nicht mehr klammheimlich wie vor zehn Jahren. Da waren wir noch der wilde Osten, da ging das.
Per Olaf hatte den Dreh eingefädelt und nach einer Liebesnacht hatte er sie ins Vertrauen gezogen. Jetzt machen wir erst mal das Geschäft. Das ist in einem halben Jahr abgeschlossen und dann kommen wir für längere Zeit zusammen. So hatte er’s versprochen.
Vor zehn Jahren, seufzte sie, war noch kein Ansatz eines Schwimmrings zu sehen, geschweige denn Zellulitis. Man traut sich mehr, wenn alles gut zusammenpaßt. War sie naiv gewesen damals? Oder nur verliebt mit der großen Hoffnung, diesen schwäbischen Pfundskerl für immer zu kriegen. Nein, kriminell war das nicht, was da gelaufen war. Es war reine Clevernes, wie Per Olaf sagte. Niemand war geschädigt worden. Die Vermietung der Abwasseranlagen hatte soviel eingebracht, daß die regulären Einnahmen gedeckt wurden und das übrige ganz bequem bei Per Olaf parken konnte. Wieviel wußte sie nicht, es mußte aber ganz schön was gewesen sein, wenn Per Olaf sich in Mecklenburg ansiedeln konnte.
Sie hatte ihre Schlüsselposition im Rathaus weiter ausgebaut, und sie wußte, wenn erst mal die neue Kläranlage lief, würden die Haie wieder kommen.
Und was dann? Per Olaf war auf dem laufenden, aber Per Olaf war weit weg.
Daß man mit Dreck tatsächlich Geld machen konnte, war ihr zunächst eine widerliche Überlegung. Dann aber, als das Geschäft gelaufen war eine erstaunliche Erfahrung.
"Verkaufe kannscht alles, wennscht' s kannscht".
Per Olaf hatte sie oft zum Lachen gebracht. Sie versuchte diesen seinen Lieblingssatz mit den vielen Zischern nachzusprechen, mußte aber jedesmal mangels akrobatischer Zungentüchtigkeit aufgeben. Eine sächsische Zunge ist mehr auf Melodie getrimmt als auf Rhythmus. Daß Herbert nichts erfahren hat, wollte Lydia immer noch nicht glauben.
"De Hebbatt lasse mir da raus", hatte Per Olaf ihr eingebleut, "de Hebbatt isch de Vesischerung."
Wie denn das, fragte sie sich. Wenn Herbert von nichts gewußt hat, kann er ja auch nicht damit verbandelt werden.
Lydia hatte alle Abzweige gefunden. Nach Beelitz mußte sie in Richtung Hamburg fahren und dann immer gerade aus. An der Abfahrt Kremmen sah sie auch das Schild "Sommerfeld".
Am Ortseingang waren zwei Vietnamesen mit dem Zusammenpacken eines Gemüsestands beschäftigt, jedenfalls erschien es ihr so. Zu so später Stunde?, wunderte sie sich.
„Du mir sagen, wo Hotel? " fragte Lydia in perfektem Vietnamesisch, worauf der eine der beiden antwortete: „Da lechts."
*
Sie lagen zu dritt, das erahnte Herbert Wetter aus den Gesprächen der anderen. Gegen Abend war er schon etwas munterer geworden, deshalb sagte er mit noch kraftloser Stimme aber konsequent:
„Ich bin der Herbert aus Sachsen, mich hat’s heute vormittag umgehauen."
„Kommt uns bekannt vor, Wolfgang", sagte einer, der kurioserweise ebenfalls Wolfgang hieß, worauf der andere Wolfgang entgegnete:
„Ich bin beim Rückwärtsfahren ohnmächtig geworden. "
„Ich bin der Amadeus", stellte sich plötzlich noch einer vor. Also lagen sie zu viert im Zimmer. Amadeus war kein Schwindler, er hatte den kleinen Mann im Ohr, der immer große Töne spuckte.
„Ich hab gedacht, ich werd verrückt, immer den Fiepton im Ohr, ganz plötzlich, von gleich auf jetzt."
Von solchen Sachen hatte Herbert nie gehört. Morbus Meunier und Tinnitus.
Furchtbar, dachte er. Was wird jetzt aus meiner schön ausgedachten Finte vor dem Parteitag, sie ist Makulatur und das alles wegen Schwindel. Oh, Herbert, Herbert, sagte er zu sich, Schwindel ist sowieso alles und insofern keine schlechte Umschreibung der tatsächlichen Verhältnisse.
Irgendjemand hatte seine Reisetasche und den Anzug abgegeben. Die Schwester hatte `s ihm reingebracht und er erinnerte sich, die selbe Schwester auf die Nummer seines Rathauses gehetzt zu haben.
Ob seine Leute schon Bescheid wüßten? Sicher wohl, denn es waren schon etliche Stunden seit seiner Einlieferung vergangen. Sicher hatte die Station umgehend reagiert, beruhigte er sich.
Herbert Wetter versuchte, sich auf den Bettrand zu setzen. Er wollte das Abendbrot im sitzen zu sich nehmen, wie es sich gehörte. Kaum hatte er sich aber hochgerappelt, fiel er wie ein Mehlsack wieder um.
Da gab er es auf und verzichtete auf das Abendbrot.
Vielleicht hat Angela Davis die Reisetasche hergebracht oder das Mädchen mit dem Duft nach Terpentin und Druckfarbe. Wenn es die beiden waren, dann alle Achtung. Sie hätten ja auf Per Olaf warten können, aber nein, sie hatten es sich nicht nehmen lassen, seine Sachen selber herzubringen. So sind die Ossis, dachte er zufrieden, ohne viel Aufhebens helfen sie.
Die beiden sollten bei "Menschenskind" im Fernsehen gezeigt werden. Helfen ohne weiteres einem nackt im Staube liegenden, flotte Schlager pfeifenden OB aus Sachsen. Die werden sich ganz schön erschrocken haben. Sicher wollten die beiden auch Per Olaf besuchen, aber der war ja nicht da, mußte ja irgendwas abholen.
Eine Delegation wäre doch pure Heuchelei, dachte er. Wenn die morgen mit einer Delegation hier auftauchen, laß ich mich verleugnen. So weit kommts noch, daß halb Oberlehn..., das doch auf gar keinen Fall.
„Wie lange seid ihr denn schon hier?", fragte Herbert, und das fragte er mit immer noch geschlossenen Augen.
Der eine seit vorgestern, der andere seit zehn Tagen und der Tinnitus seit heute.
„Und?" fragte er weiter.
„Is besser geworden, aber nicht gut", sagten die beiden Schwindler und Amadeus machte nur "Ph".
Seit zehn Tagen, wiederholte Herbert für sich. Das kann heiter werden.
Ob er wohl heute noch ein Telefon bekommen könnte?, fragte er in den Raum hinein. Das geht mit Leichtigkeit, meinte der Zehntage- Wolfgang. Ich hol dir eins, macht dreißig.
Aus der Jacketttasche solle er das Geld nehmen, sagte Herbert.
„Und gib mir bitte mein Notizbuch."
