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Der Protagonist Dietrich, ein siebzehnjähriger Gymnasiast, träumt jede Nacht und jeden Tag davon, endlich die beständige große Liebe seines Lebens zu finden. Auf den Klassenfeten, Beatbandballs und den Feten seiner Freunde an den Wochenenden, beim Schwofen und Baggern hat er sein Ziel, seine Traumfrau zu finden, noch nicht erreicht. Seine Suche wird begleitet von der Musik der 60ziger Jahre: Beach Boys, Moody Blues, Beatles, Rolling Stones, Who, Doors und dem Feeling der Flower Power Bewegung. Sein Schulalltag ist lästig, das Leben grau in grau, die ältere Generation sowieso und er geht lieber zum Sit-In und Love-In, als in der Schule eine Klassenarbeit zu schreiben. Seine Versetzungen sind permanent gefährdet. Auf der täglichen Schulfahrt im O-Bus entdeckt er eines morgens ein sechzehnjähriges Mädchen mit langen blonden Haaren und tiefblauen Augen. Seine Traumfrau? Aber er traut sich nicht, sie im Bus, geschweige denn unter den Augen seiner Schulkameraden, anzusprechen. Und dann hat er einen genialen Einfall: als Klassen-sprecher der Obersekunda will er schnellstens eine Klassenfete organisieren, die es bisher an seiner Schule noch nicht in dieser Form gab. Er findet große Unterstützung bei seinen Klassenkameraden und alle sind sie total begeistert übermotiviert, endlich eine eigene Schulfete in ihrem Jahrgang zu haben. Sie brauchen dazu nur eine Mädchenklasse, die gewillt ist, mitzumachen. Er erhält dabei tatkräftige Unterstützung von seinem allerbesten Freund Hans-Werner und dessen Sandkastenliebe, um alle schulischen Hindernisse seitens des Lehrkörpers aus dem Weg zu räumen.. Aber trotz aller Bemühungen fehlen immer noch einige Mädels. Also ein guter Vorsatz für Dietrich, seine Traumfrau anzusprechen. Und dann eine Woche vor dem Fetentermin fasst er allen Mut zusammen und spricht Jutta an, als sie aus dem Bus aussteigt und sich auf den Nachhauseweg macht... Sie sagt zu. Dietrich schwebt im siebten Himmel. Am Tag der Schulfete, Donnerstag den 18.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2013
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J.D.Hogefeld
HERBST 1969.
Wie alles begann. Die Gefühlswelt der Siebziger.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Der 18. September 1969
The Day after
Das erste Mal
Herbst
Ein neuer Anfang
Jugenderinnerungen
Ein Telefonanruf
Alles Neu macht der Mai
Sommerspiele
Der erste Jahrestag
Wintermärchen
Danksagung
Epilog
Impressum
Vorwort
Herbst 1969.
Wie alles begann.
Die Gefühlswelt der Siebziger.
Copyright: Johann Dietrich Hogefeld
Umschlagsfoto mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Terjung.
Verlag Max Biegel, Bernhard Terjung, Wuppertal 1974
I may not always love you
But long as there are stars above you
You never need to doubt it
I`ll make you so sure about it
If you should ever leave me
Though life would still go on believe me
The world could show nothing to me
So what good would living do me
If you should ever leave me
Well life would still go on believe me
The world could show nothing to me
So what good would living do me
God only knows what I`d be without you
Der 18. September 1969
Haltestelle „Wupperfeld“. Der Oberleitungsbus war schon weg. Wieder mal voll mit den Pennälern der Schule „Sedanstrasse“ und den Cliquen vom Mädchen-Gymnasium Kothen. Aber sie fährt ja immer im Benziner. Der kommt etwas später und ist meist ganz leer, bis auf… Komme mal wieder zu spät nach Hause, aber egal, dafür sehe ich sie. Da kommt der Bus, ob sie wohl drin ist? Zischend gehen die Doppeltüren auf, hinterer Einstieg, ja auf der großen Plattform am Fenster steht sie und schaut raus. Lange blonde Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die ihr bis in den Rücken reichen. So ca. ½ m schätze ich, und tiefblaue Augen sowie eine ganz passable Figur für ihre Größe. Denn groß ist sie nicht, eher so um die 1,62 – 1,68 m, aber was soll´s, es passt alles zusammen und sie hat gute Proportionen, viel Holz vor der Tür. Hans-Werner, mein bester Schulfreund, meint auch es stimmt alles und es wird sich lohnen. Nun ja, er hat gut reden. Ist schon seit Kindergartenzeit mit Gisela zusammen und haben sonst keine Probleme. Ich benutze die beiden als Flankenschutz, um näher an sie heranzukommen. Sieht heute so traurig aus, nein nicht traurig, eher etwas trübselig oder auch unnahbar. Muss sie heute ansprechen, ob sie und ihre Klassenkameradinnen zu unserer Klassenfete in zwei Wochen kommen können. Los trau dich, sprich sie endlich an, noch zwei Stationen. „Freiligrathstrasse“, sie steigt doch immer „Roseggerstrasse“ aus. Aber kein Blickkontakt, sie schaut immer nur aus dem Fenster. Mist. Wie denn auch. Jetzt kommt „Rosegger“. Sie drückt sich an uns vorbei mit ihrer schweren Tonne, die Doppeltüren gehen zischend auf, los geh ihr hinterher, nein zu spät, die Tür schließt sich. Ich schau ihr nach, blond wehende Haare überqueren die Strasse, verschwinden hinter der Kurve aus meinem Blickfeld. Aus. Chance vertan.
„Hör mal Hans-Werner, kommt ihr auch am Achtzehnten zu unserer Klassenfete? Vertrauenslehrer Blichert macht die Aufsicht bis 23 Uhr, brauchen nur noch einige Mädels, etliche Partylöwen und so.“
„Nein Danke“, schmunzelt er, „z.Zt. kein Bedarf, haben auch schon was vor“, und gibt seiner Gisela einen Kuss. Der Glückliche. Haltestelle „Toelleturm“, dann „Wettiner“, „Marper Schulweg“. Hier muss ich raus, die beiden haben noch zwei Haltestellen bis zur Trennung und nutzen ganz innig die verbleibende Zeit.
„Na dann, okay, bis morgen “, und ich bin raus.
Auf dem Nachhauseweg muss ich die Situation noch mal durchdenken. Keine Ahnung wie sie heißt, wo sie wohnt, ob sie schon einen Freund hat. Auch keine Telefonnummer, es ist aber auch zu blöd. Trau dich doch endlich. Werde nächsten Tag zum „Alten Markt“ laufen und dort einsteigen, das macht zwei Stationen mehr, vielleicht die Gelegenheit dann direkt beim Einsteigen. Fass dir ein Herz und sprich sie gleich an, nicht so lange warten, mehr als Schiefgehen kann es ja nicht und einen Korb einfangen. Und dann die Fete? Du hast dich doch aufgespielt und allen eine „Bomben-Klassenfete“ nach dem Reinfall am Gymnasium „Kothen“ versprochen. Ich und meine Clique, nicht umsonst haben wir zusammen eine Ehrenrunde gedreht. Und Andreas? Der wird´s verstehen, und Harald, ja der macht wieder den Diskjockey, hat ja immer alle neuesten Hits parat. Unser Vertrauenslehrer, Oberstudiendirektor Hr. Blichert, hat schon als Aufsichtsperson zugesagt. Cola, Limo, Chips usw. auch alles kein Problem. Nur die Mädels fehlen. Und dein Pro und Contra Aufsatz für Schulfeten hat dir der Weinlaub um die Ohren gehauen. Wusste ja gleich dass dieser Bismark-Fan kein Verständnis für Klassenfeten hat. Glatte 5 in Deutsch, da ich nur „Pro“ war. Aber was soll´s, jetzt bin ich der Feten-Hero und muss das Ding schaukeln. Ja, wenn ich ihr von der Deutscharbeit erzähle, das ist doch ein Ansatz, „Pro-Fete“ und wir brauchen euch Mädels und dich dazu. Mit euch können wir den Paukern mal das richtige Fetenleben zeigen und wo all die Pro´s herkommen. Das wär`s doch. Nein. Klingt irgendwie so gestelzt. Dann schaut sie einfach weg und sagt kein Wort mehr. Geht nicht. Oder doch. Wir werden ja seh`n. Morgen. Bushaltestelle „Alter Markt“, 13:10 Uhr, bin etwas außer Atem, da ich sie ja nicht verpassen will. Bin zu früh, nein, sie steht schon an der Haltestelle. Ganz allein. Kein Freund. Keine Freundin. Gute Gelegenheit. Bitte steig nicht in den O-Bus ein. Der Benziner kommt gleich danach und ist gemütlicher. Nein, gut, sie bleibt stehen und wartet. Bleib ruhig Mann, dann kommt der Benziner, und sie steigt ein, hintere Plattform. Nun schnell hinterher, der Benziner ruckelt an. Sie reckt ihren Arm in die Höhe, Fahrausweiskontrolle. Über die Köpfe der anderen Fahrgäste damit der Schaffner auf seinem Kontrollplatz alles gut sehen kann. Bin immer froh, wenn ich meine getürkte Karte nicht zeigen muss.
“Wer noch zugestiegen?“
Blödsinn, die Buslinie beginnt doch hier am „Alten Markt“. Alle sind eingestiegen. Missmutig zeige ich meine Monatskarte, geübt liegt mein Zeigefinger auf dem nachgezogenen Strich Wupperfeld - Alter Markt. Kostet doch das Gleiche, aber die Stadtwerke stellen sich um so eine kleine Verlängerung der Fahrtstrecke einfach stur. Das „Carl – Duisberg – Gymnasium“ ist von „Wupperfeld“ aus zu erreichen, die nächstgelegene Haltestelle. Dass wir auch Sport bzw. Schwimmen in der „Flurstrasse“ haben und bis „Werther Brücke“ fahren müssen zählt nicht. Können ja laufen oder nachlösen. Keine Verlängerung der regulären Schulstrecke. Na ja, wozu gibt es Filzer und Locher sowie eine ruhige Hand. Auf der Entfernung sieht der Busschaffner den kleine Verlängerungsstrich eh nicht. Aber Kontrolleure schon, wenn, dann muss ich schnell raus. Aber heute nicht. Heute ist mein Glückstag. Jutta hat ihre Monatskarte lange genug hochgehalten, so dass ich ihren Namen lesen konnte. Und noch was ist mir aufgefallen. Sie hat einen „Persilschein“. Frei fahren in der ganzen Stadt. Ihre Eltern müssen bei der Stadt angestellt sein. Vergünstigungen für Familienangehörige! Jutta. Schöner Name, aber erinnert mich so an eine Zeitschrift. Ach nein, das war Petra. Egal. Trotzdem, pass auf, schon „Wupperfeld“, Hans-Werner und Gisela steigen zu. Ich gestikuliere lebhaft „no contact“ und rücke weiter nach hinten in die Nähe von Jutta. Trägt heute ihr blondes Haar offen, reicht bis in die Taille. Schöne Taille. Ist mir vorher noch gar nicht so aufgefallen, lag wohl an der Art, sie als Pferdeschwanz zu bändigen. Schön lang. Aber was machst du denn? Frag sie endlich. Kritische Kurve, leichter Körperkontakt, sie reagiert nicht, schaut nur aus dem Fenster. Noch zwei Stationen, mach´s heute oder du kannst alles vergessen. Die Zeit drängt. Da, Haltestelle „Rosegger“. Zischend und rasselnd gehen die hinteren Doppeltüren auf. Los raus und hinter Jutta her.
„Tschüss Ha-We, tschüss Gisela, bis morgen.“
Etwas verdutzt heben die zwei ihre Köpfe, aber da bin ich schon bei Jutta.
„Hey Jutta“, geschafft, sie dreht sich um.„Ja?“ sie läuft nicht weiter und ich rot an.
„Äh, ich wollte dich mal fragen, ja nun, wir machen demnächst eine Klassenfete in unserer Schule im `CDG`, weißt du, und da dachte ich, du und deine Klassenkameradinnen könnten doch mal zu uns kommen und mitfeiern.“ Puh, was für eine lange Rede, warst du zu schnell, ist sie jetzt beleidigt und überquert die Strasse und dann… Nein, sie schaut mich an. Zwei tiefblaue Augen.
„Ich muss pünktlich zuhause sein, sonst krieg ich Ärger. Meine Mutter holt mich ab.“
Ach so, strenge Eltern, sieht ja schlecht aus.
„Äh, kann ich ein Stückchen mit dir kommen?“
Du Idiot, das heißt nicht `Stückchen`, sondern ein `Stück des Weges begleiten` oder so, na ja Deutsch fünf, das ist es.
„Na gut“, meint sie, „komm schnell mit über die Strasse.“„Und was denkst du über die Fete?“„Na ja, klingt ganz gut. Muss ich morgen mal in meiner Klasse fragen und mich rumhören, wer da so Lust hat zu kommen.“
Wir sind an der Kurve der „Roseggerstrasse“ angelangt. Sie fragt. Sie sagt nicht nein. Himmel!
„Und wann kannst du mir Bescheid geben? Soll ich dich anrufen oder fährst du morgen wieder im Benziner um die gleiche Zeit?“„Nee, wir haben kein Telefon, geht nicht. Aber morgen nach der Fünften am Alten Markt. Das ginge schon eher. So gegen eins, ja?“
„Klar, abgemacht.“
Hab zwar morgen in der Siebten Reli, aber was soll´s wenn ich schwänze, davon werd ich auch nicht frommer.
„So, ich muss jetzt hier runter. Unten wartet meine Mutter auf mich und bringt mich nach Hause. Müssen den ganzen Berg zur „Konradshöhe“ rauf. Mach´s gut.“
Konradshöhe, Mann, das ist doch am A… der Welt. Fußmarsch von zwei Stunden oder so und dann wieder zurück. Und das jeden Tag. Klar, dass ihre Mutter mit dem Auto hin und her fährt. Doch liebe Eltern. Ich schaue Jutta noch lange hinterher, wie sie so den Berg runtermarschiert. Unten steht ein kleiner blauer Käfer. Dann steigt sie ein und der Wagen entschwindet meinen Blicken. Na gut, Beamte und kein Telefon, sinniere ich auf dem Rückweg zur Haltestelle. Oder will sie Telefonnummer nicht rausrücken? Auch egal. Sie fragt morgen in der Klasse und ich kenn ihren Namen. Telefonbücher gibt’s ja auch und sie hat zugesagt. Nun, sie will in der Klasse mal fragen, wer kommt. Die anderen. Sie hat nicht gesagt, dass sie kommt. Oder doch? Hab ich in meiner Aufregung nicht richtig zugehört? Doch sie kommt. Bestimmt. Und wenn ihre Eltern dagegen sind? Aber was, hat doch was mit Schule zu tun. Sie darf dann bestimmt. In der schönen Mittagssonne setze ich mich auf die Parkbank neben der Haltestelle und drehe mir ein Zigi, muss mein Glück erstmal ausgiebig genießen.
Hurdy gurdy man
Heute schon der 11. September. Sechste Stunde Mathe. Ich werde durch das Pausenklingeln erlöst. Nichts wie weg. Zeit genug also, um pünktlich zum „Alten Markt“ zu kommen. Ab durch den „Werth“ und hinein in die Fußgängerzone. Bin natürlich zu früh an der Haltestelle, wie so? Ob sie kommt? Wie viele werden nächste Woche kommen? Hauptsache sie kommt! Nur noch eine Woche, aber dann alles nur „Pro´s“. Da ist sie. Heute wieder die blonden Haare zum Pferdeschwanz zusammen gebunden. Sieht toll aus.
„Hey, wie geht´s?“
„Hey, na wie war’s?“ , und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.
„Och, ganz gut, waren alle ziemlich gut drauf und wollen kommen. Sind begeistert, jedenfalls unsere Clique. Einige müssen noch ihre Eltern fragen, aber so 12-16 Mädels wollen kommen. Den Rest der Klasse kannst du vergessen, sind alle noch nicht so weit und für Feten nicht zu gebrauchen.“
„Mensch das ist ja toll, Ich meine wird ein tolle Fete“, da kommt der Benziner und Jutta steigt ein.
„Und kommst du auch?“, die Welt verschwindet, wird sie...
„Na klar, gehör doch zur Elite und bin zweite Klassensprecherin. Die machen doch nur das, was ich vorschlage. Klar bin ich dabei. Um wie viel Uhr soll´s eigentlich losgehen?“
„Tja, so um sechs, haben wir mal als Anfang angedacht. Ende offen.“
„Und wo genau liegt das `CDG`? Komme eigentlich vom `Hohenstein` selten zum `Wupperfeld.“
„Ähm ja, wir können ja zusammen hingehen. Ist ein bisschen schwer zu beschreiben. Wenn ich so um halb bei mir losfahre, bin ich um Viertel an der `Rosegger` und wir gehen zusammen von `Wupperfeld` aus dann hoch. Ist das alte Gebäude an der Diesterwegstrasse, oben in der Aula. Kennst du das Mädchengymnasium an der Sternstrasse?“
„Nein, war noch nie in der Ecke. Bin sonst immer am `Alten Markt` oder in Elberfeld.“
„Na gut, mit mir kannst du es dann nicht mehr verfehlen. Was hörst du denn so für Musik?“
„Eigentlich alles was so gerade in ist. Beatles, Stones und so. Und du?“
„Ja sicher, auch. Das `Weiße` ist ja toll, hab ich schon kopiert von meinem Freund Harald. Der hat einen guten Draht zum Plattenshop und ist immer gut sortiert. Wirst ihn ja nächste Woche kennen lernen. Bringt seine Anlage mit und macht für uns den Diskjockey, obwohl er vor zwei Jahren abgegangen ist, aber als Ehemaliger ist er immer gerne willkommen.“
„Hört sich ja schon gut an. Gute Musik bringt Stimmung. Freu mich schon. Hey, hier muss ich aber raus. Oberwall. Muss heute meine Tante besuchen, bis dann.“
„Okay“, bin etwas verblüfft ob diesem plötzlichen Abgang, aber was soll´s. Sie kommt. Und die anderen auch. Wer da wohl noch auftaucht? Alle in ihrer Clique oder in ihrer Kategorie? Dann ist ja wirklich genug Auswahl vorhanden. Muss heute noch mit Harald telefonieren und den richten Musik Mix mit ihm zusammenstellen. Wehe er hat keine Eisbrecher dabei, dann wird´s zähflüssig. Aber nein, er hat doch fast alles so in seiner Plattensammlung und auf seinen Audiokassetten. Und wenn nicht, mal eben im Plattenshop ausleihen und aufnehmen. Wir wissen was gerade on Top der Charts ist. Kaufe ja regelmäßig den „Music Express“ und wir kennen die „Weekly Single Charts“ fast auswendig. Eigentlich sind meine großen Favoriten die Beach Boy´s und Moody Blues. Warum hast du´s ihr nicht gesagt. Na ja, die „Moodys“ sind ein Geheimtipp, nicht jeder kennt sie, außer vielleicht Nights in White Satin, aber sonst? Sind eben anders und keine Chartbreaker. Auf jeden Fall muss Pise, (eigentlich in der Langform Pisepampel), so wird Harald nämlich seit der Sexta mit Spitznamen genannt, die richte Mischung zusammenstellen. Unser damaliger Deutschlehrer Otto Stoche hatte die Angewohnheit, jedem Schüler einen Spitznamen zu verpassen. Meiner wurde ‚Yogi’, weiß nicht wieso, wegen dem Bären oder dem Nachnamen, egal, hat sich seit damals jedenfalls so eingebürgert. Kann damit leben, ist ja auch lustig.
We can work it out
Der Anfang ist wichtig, sonst kommt keine Stimmung auf und es wird öde. Werd´s ihm schon sagen. Wahrscheinlich schneidet er am Samstag wieder den „Beat Club“ mit. Hat sich am Fernsehlautsprecher seines Vaters ein Aufnahmekabel eingelötet. Ja, so ist das, als angehender Fernsehtechniker hat man so seine Optionen. Und unsereins? Weiter büffeln und die Schulbank drücken. Aber von seinen Aufzeichnungen kriege ich ja auch immer den „goldenen Schnitt“. Suche mir eben das Beste raus. Habe es auch schon mal selbst versucht, aber mein Vater war dagegen. Musste dann mein Mikro auf die Membrane drücken und keiner durfte etwas sagen, husten oder sonst was. Denn dann war die Aufnahme hin, konnte die Small Faces oder Kinks vergessen und dann, na ja gefiel meinen Eltern sowie so nicht. Beatclub! Bin mal gespannt was er wieder Neues anschleppt. Am Wochenende beschert uns Petrus Dauerregen. Nichts mit Modellfliegen, obwohl der bisherige Herbst eigentlich gut gelaunt war. Kann bestimmt nächste Woche zur Fete meine schwarze Schlaghose mit Schlitz, schwarzes Satinhemd und meine Basketballschuhe anziehen. Die Lederjacke ist dann nicht nötig, nur störender Ballast. Aber die Schlaghose hat ja keine Taschen, wohin mit den Rauchutensilien? Oder doch die braune Cordjacke? Kann sie ja locker überhängen und als Stauraum gebrauchen. Habe ja auch noch meine spezielle Plattensammlung mitzuschleppen. Mal sehen was der Sonntag bringt. Eben auch nur Trübsal. Harald hat gestern neue Songs mitgeschnitten. Sugar Sugar von einer neuen Gruppe aus den USA, den Archies. Die Monkees sollen da auch mitgemischt haben. Sind von null auf eins. Kenn ich noch gar nicht, hab meine Top Twenties auf „BBC“ in letzter Zeit vernachlässigt. Freu mich schon drauf, hat mir direkt den Song durch Telefon vorgespielt, aber die Qualität! Muss noch ein bisschen poliert werden. Na ja, hatte ja auch andere Sorgen. Noch vier Tage. Hoffentlich nicht die Rückgabe der Mathearbeit am Donnerstag. Aber kann das deine Stimmung trüben? Heute endlich. Ha-We und Gisela wie immer im Bus. Gisela geht zur Sternstrasse, Realschule für Mädchen gleich um die Ecke, wollen doch noch heute kommen die beiden. Gisela hat in ihre Klasse auch mal rumgefragt, dass heute bei uns ne tolle Fete steigt. Einige Mädels haben auch zugesagt. Na dann, um sechs läuft die Sache. Wer sagt’s denn, alles nach Plan. Wie ich schon dachte, Mathe glatt fünf, im Januar steht dann wieder im Zeugnis in der Fußnote „Wir weisen darauf hin, dass die Versetzung Ihres Sohnes in… „ Eigentlich nur ein Text für ahnungslose Eltern. Woher sollen die auch Bescheid wissen. Na ja, muss dann eben Deutsch oder Mathe aus dem Feuer reißen, ich denk mal Deutsch klappt schon. Demnächst auch ein bisschen ausgewogener Contras und Pro´s verteilen und der Weinlaub schmilzt dahin. Aber bis dahin. Heute wird gefeiert. Nach der Sechsten schnell nach Hause, kurzes Pflegeprogramm, Platten zusammenstellen, wollte Harald seine Zehnplattenspieler mitbringen oder ich meinen? Noch mal anrufen, ja er bringt seinen mit, kriegt von seinem Chef den kleinen Kombi, alles kein Problem, genug Stauraum, bringt auch ein Mischpult mit. Na dann Knutschen und Klammerblues mit Ansage. Da bin ich ja beruhigt. Geh früh aus dem Haus um ja den Bus nicht zu verpassen. Man weiß ja nie wie die Stadtwerke gerade drauf sind. Alles klar, der Benziner ist pünktlich, wie immer. Bist du nervös, ach nee. Ob sie an der „Rosegger“ wartet? Mach dich nicht verrückt. Sie hat doch zugesagt. Noch zwei Haltestellen. Jetzt die Kurve, da der Blondschopf. Sie steigt ein.
„Hi Jutta, schön, dass du da bist.“
„Hi, ja haben auch Glück mit dem Wetter.“
Sie hat ihr Haar wieder zum Pferdeschwanz gebunden, und sonst, ja, sieht eigentlich ganz entspannt aus. Im Gegensatz zu mir.
„Wie viel aus deiner Klasse werden denn kommen?“
„Ja, unsere Clique besteht so aus 12 Mädels und die wollten alle um halb am Plattenladen unten warten. Ich glaub der heißt `Karl vom Kothen’ oder so ähnlich. Kennst du den?“
„Klar, genau gegenüber vom Wupperfeld und dem Bleicherbrunnen, auf der anderen Seite der Berliner Strasse. Wir gehen durch den Fußgängertunnel und kommen genau dort gegenüber raus.“
„Na Prima, dann können wir sie ja nicht verpassen.“
Die Fahrt ist eigentlich zu kurz, sonst viel zu lang. Wollte ihr noch meine Platten zeigen, aber wir müssen raus. Wo Gisela und Ha-We wohl stecken? Egal. Werden schon da sein. Wenn sie zugesagt haben, ist auf sie Verlass. Wir gehen durch den Fußgängertunnel und ich muss am dortigen Kiosk noch Zigaretten kaufen. Eine 12er Packung „JUNO“ wird wohl für heute reichen. Kann ja auch noch nen paar drehen. Jutta kauft keine, aber sie wartet geduldig. Dann die Treppen links rauf und oben sehe ich die Mädels unruhig vorm Schaufenster warten. Jutta geht auf sie zu und stellt mich kurz vor:
„Hi, hier ist der Dieter vom `CDG`. Und hier die Unterstützung aus meiner Klasse: das ist Angelika, Carin, Brigitte, Erika, Gudrun, Heike unsere Mathespezialistin und das ist meine beste Freundin Astrid.“
Ich hör nicht mehr hin, meine beste Freundin Astrid. Super kurzer Minirock, mindesten drei Handbreit über dem Knie ein weißer Faltenrock. Was für Beine, lang bis unendlich. Und die Haare. Schwarzbraun mit Mittelscheitel und offen bis fast in die Taille. Und ihre Augen, tiefblau oder grau? Etwas durcheinander sage ich den Mädels, ob ich mal vor gehen solle, aber sonst sollen ja eigentlich die Damen zuerst vor dem Herrn gehen, so wie in der Tanzschule gelernt, aber diesmal müsste ich die Ausnahme von der Regel machen, da wir noch ein Stück den Berg rauf müssen. Unterwegs fällt mir kaum ein Gesprächsstoff ein. Astrid bleibt ganz hinten in der Gruppe, unterhält sich mit Heike oder wie hieß sie noch? Egal, scheint etwas schüchtern zu sein. Derweil fällt mir kein wichtiges Thema ein.
„Mensch Jutta, da hast du ja die `Elite` von der Städtischen Realschule für Mädchen mitgebracht. Dann lasst uns mal losgehen. Aber wisst ihr eigentlich, dass das `CDG` einmal die ‚Oberrealschule für Jungen mit mathematisch naturwissenschaftlichen Lehrziel’ war. Jetzt aber `Naturwissenschaftlich-Mathematisches Carl Duisberg Gymnasium` heißt? Die alte Bezeichnung ist noch gut im verwitterten Sandgestein über dem Haupteingang zu erkennen. Sieht irre aus der Bau.“
Keine Antwort. Ich fahre mit meinem Monolog fort. Wenigstens scheinen Jutta und Angelika zuzuhören. Die anderen tuscheln so rum.
„Wir feiern die Fete in dem alten ehrwürdigen Gebäude dort oben, dem roten Ziegelsteingebäude mit Jugendstil-Anklängen. Unsere Oberstufe ist nämlich ausgegliedert worden ins Nebengebäude, da gibt’s nicht solche Räumlichkeiten. Die Aula ist im 4. Stock. Aber eigentlich nicht in der Aula selbst, sondern auf dem erhöhten Podest, dort findet immer der Musikunterricht statt und heute dürfen wir die Anlage für die Fete benutzen. Unsere Musik-Boxen da rauf zu schleppen war ja auch ganz schön mühsam sowie die Getränkekästen und so.“
Interessierte Zuhörerrinnen hab ich anscheinend heute überhaupt nicht.
„Wir gehen durch den Haupteingang, der allerdings um Acht vom Hausmeister abgeschlossen wird. Ihr müsst dann die Ausgänge zum hinteren Schulhof nehmen oder es kann sein dass der Nebenausgang auch noch offen ist. Muss mal gleich Hr. Blichert fragen, das ist unser Vertrauenslehrer, der offiziell die Aufsicht für heute abend führt.“
Gott sei Dank biegen wir um die Ecke in den Diesterweg und stehen vor dem alten Backsteingebäude. Nichts wie rein. Vorbei an dem Raum für Fahrschüler, ein Privileg für die weiter entfernt Wohnenden, müssen aber bis 7:30 Uhr ankommen, sonst darf der Raum nicht benutzt werden. Wir stehen in der großen Empfangshalle, links das Lehrerzimmer. Für Schüler verboten. Absolutes Tabu. Die Klassensprecher und Klassenbuchträger müssen immer davor warten. Wir biegen rechts ab durch die gläserne Schwingtüre zum Treppenaufgang. Die Stimmung kribbelt. Mittlerweile ist Astrid in der Gruppe etwas aufgerückt. Sie wirft ihr Haar mir einer galanten Bewegung wieder aus der Stirn. Doch sie hat blaue Augen. Liebe blaue Augen. Wir gehen alle schnell die drei Meter breiten Steintreppen an, ziehen uns am Schmiedeeisernen Geländer mit Leichtigkeit hoch und hören schon von oben die ersten Songs.
„Wir haben in unserer Schule nicht so polierte Holzgeländer.“
Sie hat gesprochen. Schöne melodische Stimme.
„Äh, ich glaub, die waren vor 20 Jahren oder so auch nicht so glatt. Die Sextaner und Quintaner rutschen hier immer runter. Hab ich ja auch früher so gemacht. Knallt immer so schön, wenn man unten aufplatscht.“
Aber was ich sonst noch so früher gemacht habe, lieber nicht. Oder später. Ist auch ein guter Gesprächsstoff. Endlich sind wir oben. Die Seitentür zur Aula steht offen. Drinnen lautes Stimmengewirr und die Songs überspielen das Gemurmel. Harald ist im Soundcheck.
„Hey, alles klar, Anlage läuft super, wie man so hört.“
Harald als angehender Fernsehtechniker ist in seinem Element.
„Ach, Herr Blichert ist auch schon da. Und, ist er gut drauf?“
„Weiß nicht. Frag ihn doch, “ und er versinkt wieder in sein Mischpult.
Pictures of matchstickmen
Ich begleite die Mädels zu den anderen. In der hinteren Ecke sind einige Tische und Stühle postiert, daneben die Kästen mit Cola, Limo, Wasser und den Knabbereien. Von der Sternstrasse ist noch niemand zu sehen. Gisela und Ha-We auch nicht. Na ja, werden schon noch kommen. Aus meiner Klasse ist Lothar schon in Aktion, er trägt als einziger von uns einen Vollbart. Hat ja auch einen sehr starken Haarwuchs, aber sonst kommt er gut bei den Mädels an. Hat immer so nach einem Monat was Neues. Dabei helfen ihm sein Führerschein und sein Auto, vor einer Woche gekauft, eine kleine NSU, das erhöht natürlich ungemein die Chancen bei den Mädels gut anzukommen. Weiter hinten entdecke ich Andreas, Rolf, Holger, Uwe, Claus, Detlef, Alexander und Floh, eigentlich Florian, wegen seiner Größe eben „Flöhchen“ oder „Floh“ genannt, aber ein ganz großer im Bodenturnen. Hat sich ein riesiges Kraushaar stehen lassen. Nach dem Vorbild von Berger in „Haare“. Läuft nächste Woche die Deutschlandpremiere in Düsseldorf. Haben schon für unsere komplette Elite Karten besorgt. Wird ein Mordsding. Am Broadway immer noch der Renner und in den US-Charts die besten Auskoppelungen auf Platz 1: Aquarius, Hair, Let the Sunshine in, Good morning Starshine. Von den „Jüngeren“ sind auch schon ein paar eingetroffen, Ralph, Rainer und unser Streusel, eigentlich Andreas, aber er hat sehr starke Probleme mit Akne. Armer Kerl, nimmt’s aber gelassen. Was soll´s. In ein paar Jahren hat sich das rausgewachsen. Was macht Jutta? Die Hohensteinerinnen haben sich um zwei kleinere Tische gescharrt und die Köpfe zusammengesteckt. Na gut, lass sie erst mal. Muss jetzt zu Pise.
„Na, alles im Griff?“
„Klar doch Alter. Läuft alles. Wo hast du deine Platten. Summer in the Cityauch dabei? Die wolltest du mir doch verkaufen.“
